CONERGY: TOTGESAGTE LEBEN LÄNGER

Die Leichenfledderei beim Pleiteunternehmen Conergy geht weiter. Im Sommer 2016 verlassen die ersten Manager das Hamburger Solarunternehmen Conergy, dann verlieren zahlreiche Mitarbeiter ihre Jobs, schließlich gehen Untergesellschaften an andere Eigentümer über. In diesem Jahr werden die Reste des Sonnenparkbauers, die ein US-Private-Equity-Haus übernommen hatte, vermutlich ganz abgewickelt — dreieinhalb Jahre nach der Insolvenz.

Conergy war einmal der größte Solarkonzern Europas. Eine deutsche Hightechperle mit mehr als 2700 Angestellten, an der Börse 2,2 Milliarden Euro wert. Doch der Erfolg hielt nicht lange. Chinesische Wettbewerber machten der Firma ebenso zu schaffen wie Fehlentscheidungen des Führungspersonals.

Das Geschäftsgebaren der früheren Conergy-Manager beschäftigt bis heute die Gerichte. Der dubiose Kaufmann muss sich unter anderem wegen Manipulation verantworten. So wurde Ex-Chef Hans-Martin Rüter wegen leichtfertiger Marktmanipulation zu einer Geldbuße von 650 000 Euro verurteilt. Er legte Revision ein.

Firmengründer Rüter, der beim Conergy-Börsengang und durch den Verkauf eines Aktienpakets ein Vermögen von schätzungsweise 50 Millionen Euro aufbaute, muss sich mittlerweile finanziell bescheiden. Der Grund: Hohe Anwaltskosten und die nicht immer erfolgreichen Beteiligungen seiner neuen Firma Rütinvest. Rüter will hierzu keine Stellung nehmen. RütInvest investiert eigenen Aussagen zur Folge in Projekte sowie in mittelständische Unternehmen und begleitet diese in der Weiterentwicklung und Professionalisierung ihrer Geschäftstätigkeit. Der Conergy-Pleitier will mittelständischen Unternehmen zeigen, wie man erfolgreich wird. Ein schlechter Scherz? Nein.

Als Conergy 2013 in die Pleite schlitterte, kaufte der Finanzinvestor Kawa Capital Management mehrere Vertriebs- und Servicegesellschaften und brachte sie in die Kawa Solar Holdings mit Sitz auf den Cayman Islands ein. Module stellen die Amerikaner nicht her; sie konzentrieren sich auf die Planung, den Bau und Betrieb sowie die Finanzierung von Photovoltaikanlagen.

Für die Expansion holte sich Kawa vom US-Finanzspezialisten Tennenbaum Capital Partners eine verbindliche Kreditzusage in Höhe von 75 Millionen Dollar. Eine Kapitalerhöhung, die zu Teilen eine Tochter des Energiekonzerns RWE zeichnete, brachte zusätzlich 45 Millionen Dollar.

Doch die im Solarsektor unerfahrene Kawa-Crew zeigte sich völlig überfordert. Der Bau von Sonnenparks dauerte oftmals länger als vorgesehen und geriet zu teuer. Für manches Projekt fand sich kein Käufer.

Die Kosten stiegen und stiegen. Allein für die Tennenbaum-Gelder zahlte Conergy mehr als 10 Prozent Zinsen. Und auch die Kawa-Muttergesellschaft verdiente an der Tochter – Kawa-Leitende berechneten üppige Beraterhonorare.

Zugleich reduzierten mehrere europäische Staaten die Solarsubventionen oder strichen sie ganz. Kawa-Repräsentant Andrew de Pass, der noch im März 2015 fürs laufende Jahr ein Umsatzplus von 50 Prozent prophezeit hatte (auf 700 Millionen Dollar), musste sich mit einem kleinen Erlöszuwachs auf 472 Millionen Dollar begnügen, die Nettoverluste stiegen von 9,3 auf 31,1 Millionen Dollar. Die rasante Talfahrt alarmierte die Tennenbaum-Manager. Zur Absicherung ihrer Kredite verlangten sie Anteile an Kawa Solar Holdings. Da im Sommer 2016 RWE seine Kawa-Papiere abgab, ist der Finanzspezialist nun mit mehr als 80 Prozent Hauptgesellschafter von Kawa.

Hilfe bei Schließung und Verkauf von Conergy-Firmen leistet FTI Consulting. Unlängst ging Conergy Services an Greentech. In der Hamburger Zentrale arbeiten nur noch ein Dutzend Angestellte.

Das wertvollste verbliebene Asset ist die Tochter in Singapur; sie verdient ordentlich Geld. Die Chint Group aus Shanghai hat Interesse angemeldet. Greift sie zu, steht Conergy ein drittes Leben bevor — diesmal mit Sitz in Fernost, statt in Europa.

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