DIE CAUSA SAL. OPPENHEIM

Mehr als 200 Jahre Tradition, 5000 Kunden aus den feinsten Kreisen der Republik, 137 Milliarden Euro verwaltetes Vermögen: Europas größte Privatbank. Und die gab es für läppische 1,3 Milliarden Euro. Der frühere Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann (68) glaubte an eine günstige Okkasion, als er 2010 das Kölner Bankhaus Sal. Oppenheim übernahm — und so vor dem Untergang bewahrte.

Knapp sieben Jahre später hat sich das Schnäppchen als Milliardengrab entpuppt. Von den Synergien, den tollen neuen Kunden und den Gewinnen, von denen Ackermanns Mannen damals fabulierten, ist nichts geblieben.

Die Verantwortlichen von Sal. Oppenheim rund um Ex-Boss Matthias Graf von Krockow (67) haben den Deutschbankern statt einer stolzen Privatbank einen Haufen weitgehend wertlosen Papiers vermacht. Mitverantwortlich dafür war von Krockows Kumpan Josef Esch (60). Der Maurerpolier aus dem rheinischen Troisdorf hatte gemeinsam mit dem feinen Geldhaus Dutzende geschlossener Immobilienfonds der Marke Oppenheim-Esch aufgelegt – die zum Teil verheerend performten.

Dieses konzertierte kommerzielle Versagen schädigt bis heute nicht nur die Aktionäre der Deutschen Bank. Es brachte auch die einst 40 Oppenheim-Eigner um große Teile ihres Vermögens und riss zwei ihrer langjährigen Geschäftsfreunde ins Unglück: die Quelle-Erbin Madeleine Schickedanz (73) und den Ex-Chef von Bertelsmann und Arcandor, Thomas Middelhoff (63). Unternehmerclans mit so klangvollen Namen wie Schwarz-Schütte, Deichmann oder Benteler bescherten die Machenschaften ebenfalls empfindliche Verluste.

Nicht in jedem Fall ist Mitleid mit der entreicherten Klientel angebracht. In ihrer Gier nach Rendite und Steuerersparnis ließen viele der Geschädigten kaufmännische Sorgfalt und Vorsicht völlig außer Acht.

Spätere Klagen konnten das Geld nur zum Teil zurückbringen. Schickedanz‘ Versuch, fast zwei Milliarden Euro zu erstreiten, mündete unlängst in einem außergerichtlichen Vergleich: Sie wird künftig immerhin über ein dreistelliges Millionenvermögen verfügen. Vom Einkaufen beim Discounter, wie sie 2009 in einem Zeitungsinterview barmte, bleibt sie also verschont.

Geschädigte überall – nur die Hauptverantwortlichen, von Krockow, Esch sowie Ex-Geschäftsführer Christopher Freiherr von Oppenheim (51) und der ehemalige Aufsichtsratschef Georg Baron von Ullmann (63), kamen bisher ziemlich ungeschoren davon. Was hat die Politik damit zutun?

Sie pflegen ihre Hobbys, verwalten ihr nach wie vor beträchtliches Restvermögen und jetsetten um die Welt — es gibt unangenehmere Formen des Zeitvertreibs für Beinahepleitiers. Das süße Leben der Versager — fast ein Skandal im Skandal. Doch noch sind in der Oppenheim-Saga die letzten Prozesse nicht ausgestanden.

Gehilfe MATTHIAS GRAF VON KROCKOW

Oktober 2016, Landgericht Köln: Als die Richterin die Personalien des Zeugen abfragt, ist der nur halb bei der Sache. Er nestelt an seinem Sakko herum und zieht sein Handy heraus. Die Vorsitzende stutzt. Er wolle das Gerät noch abschalten, sagt Matthias Graf von Krockow, fummelt ratlos am Mobiltelefon herum und gibt es dann seinem Anwalt. Der lässt es in seiner Aktentasche verschwinden. Eine halbe Stunde später, die Vernehmung des Zeugen ist in vollem Gange — es geht um 60 Millionen Euro —, klingelt es laut aus der Mappe des Advokaten.

Vor Gericht wirkt von Krockow wie aus der Zeit gefallen. Mal fahrig, dann wieder schnoddrig oder achselzuckend reagiert er auf Fragen. Ob hier im Zivilverfahren oder als Angeklagter im 2015 beendeten Strafprozess: Wer dem massigen Mann zuhört, versteht, warum Europas größte Privatbank unter ihm fast pleiteging.

Unfähigkeit ist nicht strafbar, vorsätzliche Schädigung schon. Im Strafprozess am Landgericht Köln, in dem sich von Krockow, von Oppenheim, Esch und zwei weitere Ex-Bankmanager wegen schwerer Untreue und Beihilfe verantworten mussten, wurde der Graf im Sommer 2015 nach 128 Verhandlungstagen zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt — einen Tag mehr und er hätte einsitzen müssen.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Ebenso wie drei der vier anderen wegen Untreue Verurteilten hat von Krockow Revision eingelegt. Sein Anwalt ließ einen Fragenkatalog bis Redaktionsschluss unbeantwortet.

Ehe der Grafin der Revision möglicherweise erneut in einen Gerichtssaal muss lässt er es sich gut gehen, wenngleich etwas weniger feudal als früher. Heute fliegt er Linie, wo er früher gern mit den Privatjets der eigenen Luftlinie Challenge Air abhob.

So wird von Krockow immer mal wieder auf Ibiza gesichtet, wo er eine Villa besitzt und sich gern unter die Strandschönheiten mischt. Seine Nachbarn dort? Schwager von Ullmann und Ex-Partner Esch. Oder er weilt auf seinem Anwesen in den Hamptons, dem Refugium des New Yorker Geldadels. Der Graf ist Mitglied im lokalen Golfklub Maidstone, einem der feinsten Amerikas.

Daheim in Köln, wo er ganz bürgerlich zur Miete wohnt – sein Vermieter heißt übrigens Josef Esch , erzählte er herum, wie er mitten im US-Wahlkampf mit Donald Trump (70) gespeist habe.

Sein Leben ist sicher nicht mehr so ausschweifend wie früher. Die Kölner Partys der Oppenheim-Clique waren einst ebenso legendär wie deren sommerliche Poloturniere auf Sylt. Das Vermögen, das von Krockow geblieben ist, soll sich im zweistelligen Millionenbereich bewegen. Es reicht mithin für die dringendsten Bedürfnisse. Vorausgesetzt, er darf die Restmillionen behalten.

Denn er steht bei seinem Ex-Arbeitgeber in der Kreide. 64 Millionen Euro, die er sich bei Sal. Oppenheim geliehen hat, fordert die Deutsche Bank zurück. Die ehemalige Führung und ihre Familien hatten das eigene Institut dreist angepumpt — zum Minizins und ohne hinreichende Sicherheiten. Bei der Übernahme durch die Frankfurter waren sie intern mit mehr als 800 Millionen Euro verschuldet. In erster Instanz hat die Bank gegen von Krockow obsiegt, nun liegt der Fall beim Oberlandesgericht.

Doppelt so teuer könnte den Grafen eine Regressforderung der Deutschen Bank kommen. Nach dem Schuldspruch im Strafverfahren verlangt sie 120 Millionen Euro, um den Schaden auszugleichen, den von Krockow laut erstinstanzlichem Urteil als Bankchef bei einigen Geschäften angerichtet hat.

Wenn er schon zahlen soll, dann aber nicht allein, mag sich von Krockow denken: Also hat er seinen Ex-Kollegen den Streit verkündet, wie Juristen sagen. So könnte er sie bei einer Niederlage zur Kasse bitten; auch Christopher Freiherr von Oppenheim müsste wohl zahlen.

Nestbeschmutzer CHRISTOPHER FREIHERR VON OPPENHEIM?

Dass er nicht zum Bankier geboren war, erkannte Christopher von Oppenheim zu spät. Weil er dem 2005 verstorbenen Vater Alfred („Alfie“) nicht widersprechen mochte, trat er brav das unternehmerische Erbe an. Als Privatgelehrter wie Vorfahr Max von Oppenheim (1860 bis 1946), der weiland in Mesopotamien den aramäischen Fürstenpalast Tell Halaf ausgrub (einige seiner Funde schmücken heute das Pergamonmuseum in Berlin), wäre der Bücherliebhaber wohl glücklicher geworden.

Im Strafprozess war der Namensträger der großen Bankiersfamilie der Einzige, dessen Reue überzeugte. Doch der Freiherr zeichnete ein erschreckendes Bild vom eigenen Wirken: mangelndes Risikobewusstsein, keine klare Trennung von Privat- und Bankinteressen, null Widerstand gegen das rustikale Duo Esch/von Krockow — und all das gepaart mit Pomadigkeit.

Einen Blackberry (das iPhone war 2005 noch nicht erfunden) sparte sich der persönlich haftende Gesellschafter, weshalb ihn viele Nachrichten erst mit Tagen Verzögerung erreichten. Und als ihn Richterin Sabine Grobecker (54) fragte, warum es denn im Herbst 2008, in der bis dato größten Krise des Geldhauses, kaum persönliche Treffen der Partner gegeben habe, wand er sich in Ausflüchten. Risikochef Friedrich Carl Janssen (72) sei meist am neuen Firmensitz in Luxemburg gewesen, von Krockow bei der Tochter BHF in Frankfurt und er selbst in Köln: „Da ist das mit einem gemeinsamen Mittagessen nicht so leicht.“

Gesellschaftlich scheint von Oppenheim den Abstieg vom Bankier zum Privatier verkraftet zu haben. In Köln ist er nach wie vor präsentabel, wird immer mal wieder in teuren Restaurants gesichtet. In der Vollversammlung der Industrie- und Handelskammer zu Köln sitzt er zwar nicht mehr. Aber er ist Mitglied im Großen Senat, einem Honoratiorenverein erster Güte, der Kölns wichtigstes Netzwerkevent unterstützt: den Karneval.

Angedockt hat er beim Landert Family Office, das lange mit dem Bankhaus verbunden war. Bis 2014 blieb von Oppenheim der Firma als Verwaltungsrat treu, eine Beteiligung hält er bis heute. Das Kölner Büro des Vermögensverwalters, das zwei Ex-Sal.-Oppenheim-Manager leiten, befindet sich im selben Haus wie von Oppenheims Privatkontor.

Bedarf an Portfoliomanagement dürfte es genug geben. Gattin Gabriele, eine Autonärrin und Hobbyrennfahrerin, ist eine geborene Mittelsten Scheid: Ihrem Clan gehört Vorwerk, der Hersteller des Staubsaugers Kobold und der Küchenmaschine Thermomix. Der setzte zuletzt satte 3,5 Milliarden Euro um und boomt.

Feigling GEORG BARON VON ULLMANN?

Am glimpflichsten kam Georg von Ullmann davon. Nerviges Bankdrücken in Gerichtssälen blieb ihm erspart — bisher. Dabei war der Baron, der mit einem Anteil von 30 Prozent den mächtigsten Eignerstamm anführte, seit 2005 Chef des Aufsichtsrats. Er hätte also das riskante Wirken seiner geschäftsführenden Verwandten einhegen müssen.

Aber auch von Ullmann steckte tief in Eschs Unterholz. Ein krasser Fall von Interessenkollision zulasten der Bank holt ihn nun doch noch ein. 2007 hatte ein Privatfonds, an dem neben von Krockow, von Oppenheim und Esch auch von Ullmann beteiligt war, eine Büroimmobilie in Frankfurt für 51 Millionen Euro gekauft. Als der Plan, das hauseigene Investmentbanking zum Mieter zu machen, wegen der Finanzkrise nicht mehr aufging, reichten die Eigner den Bau 2008 einfach ans eigene Bankhaus weiter, für 123 Millionen Euro – eine besonders kommode Form, ein privates Risiko zu entsorgen.

In den Augen der Staatsanwaltschaft hätte der Oberaufseher von Ullmann den Deal mit seinem Fonds stoppen müssen. Da er das nicht tat, habe er sich der Untreue durch Unterlassen schuldig gemacht. Der Baron weist die Vorwürfe zurück. Nun muss er sich in einem Strafprozess verantworten. Von Ullmanns Anwalt mochte sich auf Anfrage nicht äußern.

Seine Aussichten auf einen Freispruch stehen nicht zum Besten. Für dasselbe Geschäft sind bereits von Krockow und von Oppenheim schuldig gesprochen worden — von derselben Richterin, die auch von Ullmanns Prozess führen wird.

Bis der beginnt, widmet sich der Adlige seinen Hobbys. Die Zigarrenmanufaktur in der Dominikanischen Republik, die für seine eigene Marke Baron Ullmann Cigars (Claim: „Das Beste vom Besten“) fertigt, besitzt er mit einem Partner noch immer. Und auch das Gestüt Schlenderhan in Quadrathlchendorf nahe Köln ist dem Pferdefan geblieben.

Der Hintermann JOSEF ESCH

Gleich nach der Sal.-Oppenheim-Übernahme hatten die Deutschbanker versucht, die Beziehungen zu Josef Esch zu kappen. Viele sehen in ihm den Spiritus Rector jener fatalen Deals, die das Geldhaus ins Verderben rissen: immer größere Immobilienfonds, zu 100 Prozent auf Pump finanziert – und der Plan, Karstadt-Quelle (später Arcandor) an sich zu reißen und zu filetieren.

Die Trennung von Esch erwies sich für die Deutsche Bank als kompliziert. Sal. Oppenheim war über zahlreiche Deals und Untergesellschaften heillos in Eschs Universum verheddert. Ohne sein Herrschaftswissen wären die neuen Eigner in vielen Rechtsstreitigkeiten aufgeschmissen gewesen. So pflegte man nolens volens weiterhin Umgang mit ihm.

Seine Ex-Partner hingegen haben gar nicht erst versucht, mit Esch zu brechen. So sind von Krockow und von Ullmann nach wie vor neben Esch Besitzer der Privatfluglinie Challenge Air. Deren Flotte ist zwar von vier Jets auf einen geschrumpft. Die verbliebene Challenger CL 604 bietet aber laut Firmenwebsite immerhin auch noch „jeden erdenklichen Komfort“.

Ullmann Krockow Esch sind zudem offenbar Eigentümer weitläufiger Liegenschaften auf Ibiza. Von den 372 000 Quadratmetern eines Villenviertels besitzen laut einer Eigentümerliste aus dem Jahr 2015 die Ullmann Krockow Esch GbR sowie Eschs Gattin Irma (75), von Krockow und von Ullmann fast 20 Prozent. Bei einem Quadratmeterpreis von 500 Euro wären die Parzellen 35 Millionen Euro wert. Die Villen der drei stehen samt Gästehaus kuschelig nebeneinander, verbunden von einer Ringstraße, die lästigen Durchgangsverkehr fernhält.

Bisher musste Esch um sein Idyll nie bangen. Aus dem Strafprozess spazierte er gegen eine Geldauflage von sechs Millionen Euro und eine Strafe von 495 000 Euro hinaus, während die anderen vier Angeklagten zu Haftstrafen verurteilt wurden, drei davon auf Bewährung.

Ob Esch weiterhin ungeschoren bleibt, dürfte sich dieses Jahr erweisen. Verärgerte Fondszeichner wie die Schuhsippe Deichmann oder der Industrielle Hubertus Benteler (70) haben sich nach diversen Zivilprozessen mit der Deutschen Bank verglichen. Nicht aber mit Esch.

Intern ließ der bereits Ende 2015 prüfen, was ihn all das kosten könnte. Seine Anwälte bezifferten den Rückstellungsbedarf auf einen hohen zweistelligen Millionenbetrag. Gut 40 Millionen davon betrafen indes den Fall Schickedanz, der nun abgeschlossen ist. Ein Sprecher Eschs streitet auf Anfrage eine solche Kalkulation ab.

Schlimmer als ein Vermögensverlust wäre für Esch eine Verurteilung im nächsten Strafprozess. Der dürfte im Frühjahr beginnen. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Untreue und Beihilfe dazu sowie Bestechung vor. Esch weist die Vorwürfe zurück.

Es geht um seine Verquickung mit der Sparkasse KölnBonn (SKB) beim Bau von Filmstudios in KölnOssendorf und Messehallen im Stadtteil Deutz. Ein Kernvorwurf: Der Immobilienmann soll dem Geldinstitut 9,9 Millionen Euro zugeleitet haben, damit Ex-Sparkassenchef Gustav Adolf Schröder (73) dafür sorgte, dass Esch an den Messeauftrag kam. Gelenkt worden sein sollen die Geldflüsse mittels Briefkastenfirmen und Scheingeschäften.

Ohne die Hilfe der SKB hätten viele von Eschs Plänen kaum funktioniert. Die Sparkasse besorgte Grundstücke, beschaffte Mieter oder mietete selbst und reichte Kredite an Fondszeichner aus – gut zwei Milliarden Euro.

Die Ermittler beziffern den strafrechtlich relevanten Schaden für die SKB aus den Esch-Deals für die Jahre 1997 bis 2010 auf mehr als 80 Millionen Euro. Auch Schröder und ein weiterer Ex-SKB-Manager sind angeklagt. Sie weisen die Vorwürfe zurück.

Dass ihm eine Haftstrafe drohen könnte, dürfte Esch bewusst sein. Sein ehemaliger Geschäftsfreund Middelhoff wurde wegen Untreue im Umfangvon nur 500 000 Euro zu drei Jahren Gefängnis verurteilt.

Thomas Middelhoff in der Rolle des Einfaltspinsels

Der ehemalige Arcandor-Chef ist am tiefsten gefallen. Noch im Gerichtssaal verhaftet, die Gesundheit im Gefängnis ruiniert, Privatinsolvenz, in Scheidung lebend — aus dem Topmanager mit Motorjacht und Villa in Saint-Tropez ist ein gebrochener Mann geworden.

Als Freigänger verbüßt er seine Strafe in der Justizvollzugsanstalt Bielefeld-Senne, ein paar Kilometer von daheim entfernt. Tagsüber arbeitet er als Hilfskraft in einer Behindertenwerkstatt der von Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel, für knapp 1800 Euro brutto im Monat.

Middelhoff, der früher weit mehr als das Hundertfache verdiente, darf vom Nettolohn keinen Cent behalten: 200 Euro führt er monatlich als Unterkunftszuschuss an die Justiz ab, der Rest geht an den Insolvenzverwalter.

Einziger Lichtblick: Wenn Middelhoff sich weiterhin gut führt, kann er ab Juni 2017 mit dem Erlass seiner verbleibenden Haftstrafe rechnen – mit der Aussicht auf einen Lebensabend in Freiheit, aber auch in Bescheidenheit.

Als er vor mehr als einer Dekade in die Fänge von Sal. Oppenheim und Esch geriet, war er mit einer zweistelligen Millionenabfindung aus seiner Zeit als Bertelsmann-Chef und satten Einkünften aus seiner Londoner Tätigkeit beim Private-Equity-Fonds Investcorp ein gemachter Mann. Fast all sein Geld, das seiner Ehefrau Cornelie (64) und obendrein geliehenes floss in Immobilienfonds, an denen Esch und Co. prächtig verdienten – die sich aber später meist als weit weniger werthaltig erwiesen.

Zudem lockte die Korona den gefallsüchtigen Middelhoff zu KarstadtQuelle. Für eine dreistellige Millionenprämie sollte er der Oppenheim-Esch-Clique und ihrer Kundin Madeleine Schickedanz helfen, den Handelskonzern gewinnbringend zu zerlegen.

Der wurde erst in Arcandor umfirmiert und ging zwei Jahre später pleite. Middelhoff musste vor Gericht, weil er mit Firmengeldern großzügiger umgegangen war als erlaubt. Einmal ist er schon verurteilt worden, ein zweites Verfahren wegen angeblich ungerechtfertigt erhaltener Bonuszahlungen beginnt bald.

Middelhoff und seine Frau verklagten Sal. Oppenheim auf Schadensersatz. Während das von Cornelie Middelhoff angestrengte Verfahren noch läuft, einigte sich ihr Ehemann vor einigen Monaten mit der Deutschen Bank. Wie nun auch Madeleine Schickedanz.

Quelle-Erbin Madeleine Schickedanz blöd oder naiv?

Für die Kölner Bankiers und ihren Helfer Esch erwies sich Madeleine Schickedanz als eine ideale Zielperson: Die Erbin des Fürther Versandhauses Quelle war geschäftlich unerfahren bis zur Naivität, völlig arglos gegenüber vorgeblichen Freunden — zugleich aber nicht uninteressiert daran, noch reicher zu werden. Und so vertraute sie der Kölner Mischpoke ihr Milliardenvermögen an.

Mit der Arcandor-Pleite 2009 war Schickedanz plötzlich – an Milliardärsmaßstäben gemessen – verarmt, sah sich überdies Forderungen in dreistelliger Millionenhöhe gegenüber. Auf ihren umfangreichen Immobilienbestand hatten sich die Bankiers noch im Niedergang von Arcandor Zugriff verschafft. Die Angst der verwöhnten Kaufmannstochter war, Privatinsolvenz anmelden zu müssen und vollends vom dritten Gatten Leo Herl (73) abhängig zu sein.

Mehr als sieben Jahre lebte sie mit dieser Bedrohung. Erst kurz vor Weihnachten 2016 gelang es mithilfe des Mediators Clemens Vedder (69), einen Vergleich zu erzielen, der ihr einen standesgemäßen Lebensabend garantiert.

Ihr wird zunächst ein Vermögen von etwa 70 Millionen Euro belassen. Ihre Beteiligungen an zwei Kölner Immobilienfonds kauft Sal. Oppenheim zurück. Zudem behält Schickedanz zwei Immobilien vor den Toren Nürnbergs — ihr Elternhaus in Hersbruck und eine Villa im nahen Zirndorf, in der ihr Ehemann Nummer zwei, der ehemalige Quelle-Chef-Wolfgang Bühler (84), lebenslanges Wohnrecht hat.

Auch die übrigen Immobilien sind nicht verloren, Vedder als Verwertungsbeauftragter soll sie binnen zwei Jahren verkaufen. Die etwa 100 Objekte liegen teilweise in Gesellschaften, an denen Schickedanz Anteile besitzt. Der Verkehrswert wird bei der Deutschen Bank aufmehr als eine halbe Milliarde Euro geschätzt. Schickedanz bekommt vom Erlös rund ein Fünftel, das Geldhaus den Rest.

Bis zum Vergleich war es ein weiter Weg. Zunächst stellte sich die Bank stur. Weil Verjährung drohte, verfertigten Schickedanz‘ Anwälte, ihre langj ährige Nürnberger Sozietät Beisse & Rath und die Kölner Kanzlei Ringstmeier & Kollegen, Ende 2011 eine Klageschrift, die sie erst einmal der Bank übersandten. Auf gut 130 Seiten zeichneten sie das Bild einer Frau, die benutzt, drangsaliert, getäuscht und betrogen worden war.

Der Schriftsatz las sich wie ein Thriller, warf aber die Frage auf, ob sich Schickedanz tatsächlich alle Dispositionen über ihr Vermögen hatte abnehmen lassen — als wehr- und willenloses Opfer.

Im Mai 2012, die Bank zeigte sich immer noch unbeeindruckt, wurde beim Landgericht Köln Klage eingereicht — gegen Sal. Oppenheim und 13 andere Beteiligte aus dem Dunstkreis des Instituts. Schickedanz forderte 1,2 Milliarden Euro Schadensersatz plus die Negativfeststellung, dass sie 700 Millionen Euro an Krediten nicht zurückerhält.

 

 

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.