BUSINESS: FAKE-NEWS WERDEN ZUR GEFAHR

Schon wähnen wir uns auf dem Höhepunkt der Fake-News-Welle. An Silvester verbreitete das rechte US-Portal Breitbart News die Nachricht, in Dortmund hätte „ein Tausend Mann-Mob die älteste Kirche Deutschlands in Brand gesetzt“. Immerhin konnten es die, die es interessierte, hierzulande rasch als Falschmeldung enttarnen. In den USA ging es zum Teil nicht so glimpflich ab: Im Dezember schoss ein Amerikaner mit einem Sturmgewehr in einer Washingtoner Pizzeria. Er hatte gelesen, Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton betreibe dort einen Kinderpornoring. Die Nachricht war frei erfunden, wurde über Twitter aber enorm verbreitet.

Und nach dem Mord an einer Studentin in Freiburg kursierte — ebenfalls im Dezember — ein erfundenes Zitat der Grünen-Politikerin Renate Künast auf Facebook, laut dem sie sich in der „Süddeutschen Zeitung“ wohlwollend über den Tatverdächtigen geäußert habe. Wem das alles unheimlich vorkommt, dem sei gesagt: Das Zeitalter gefälschter Nachrichten könnte gerade erst begonnen haben. Neueste Durchbrüche in künstlich intelligenter Software dürften unseren Umgang mit brandstiftenden Propagandisten auf eine extreme Probe stellen.

Die erste Innovation ist eine Bearbeitungssoftware für Audiodateien. Seit Langem ist es möglich, aus Tonspuren Elemente herauszuschneiden und sie neu zusammenzubasteln. Demnächst könnte voco, eine Art Photoshop für Audio, auf den Markt kommen. Forscher des Techunternehmens Adobe und der Universität Princeton haben einen Algorithmus entwickelt, der aus nur 20 Minuten Aufnahmematerial eine Stimme samt Tonlage, Tempo und Sprachmelodie erlernen kann. Das ermöglicht es, geschriebene Texte per Software mit der erlernten Stimme wiederzugeben. Wie Nutzer mit Adobes Photoshop-Software Fotos verschönern und auch verfälschen können, wird es künftig also möglich sein, Stimmen zu fälschen.

Die zweite absehbare Revolution betrifft die Gesichtsanimation. Seit Jahren nutzen Hollywood-Designer Software, um der Mimik ihrer virtuellen Zeichentrick-Charaktere möglichst realistische, menschliche Züge zu verleihen. Die Figuren sind meist frei erfunden, ihre Bewegungen anhand menschlicher Vorbilder modelliert. Nun haben es Forscher der Universität Erlangen-Nürnberg, des Max-Planck-Instituts für Informatik und der Stanford University geschafft, in Videos die Mimik einer Person in Echtzeit auf das Gesicht einer anderen zu übertragen.

Die Software namens Face2Face erfordert zwei reale Personen: ein zuvor per Video aufgenommenes „Ziel“, das auf einem Bildschirm zu sehen ist, während die „Quelle“ vor laufender Kamera ihre Gesichtsmuskeln spielen lässt. Ein Algorithmus transferiert die Mimik auf den Bildschirm, um das Video in Echtzeit fehlerfrei zu animieren. Wenige Bruchteile einer Sekunde später bewegt sich das Gesicht der Zielperson auf dem Monitor, ohne dass diese sich wehren kann, genau wie es die Quellperson will.

In die Zukunft gedacht, sind die Konsequenzen beider Technologien alarmierend: Stellen wir uns ein gefälschtes Interview mit Angela Merkel vor, mit bewegten Bildern und einer Tonspur, die so manipuliert sind, dass sie die Bürger auffordert, sich gegen einen erfundenen Mob zu wehren. Und die Betonung liegt auf fake, gefälschten, nicht wrong, Falschmeldungen. Denn schon die zuletzt verbreiteten Informationen sind nicht aufgrund schlampiger Arbeit durch Journalisten entstanden. Sowohl das erfundene Künast-Zitat als auch die Clinton-Pizzeria-Story wurden mit Absicht fabriziert, um die politische Meinungsbildung zu manipulieren oder um von hohen Werbeeinnahmen der reißerischen Schlagzeilen zu profitieren. Wie wollen wir angesichts der neuesten technologischen Entwicklungen mit dem Phänomen umgehen?

Entwickler weisen darauf hin, dass es möglich sein wird, gefälschte Dateien zu kennzeichnen. Doch wenn Experten genuines Material von manipuliertem unterscheiden können, bedeutet das noch lange nicht, dass auch Nachrichtenagenturen oder die Web-TV-Zuschauer mit der Technologie Schritt halten. Medienhäuser werden ihre Journalisten viel stärker zu IT-Experten ausbilden oder ihnen solche zur Seite stellen müssen.

Den wirkungsvollsten Hebel aber haben Facebook, Twitter und Co. Sie müssen sich ihrer Medienmacht als Vertriebsplattform von Nachrichten — auch der gefälschten — angemessen verhalten und Verantwortung übernehmen für die Inhalte, die sie verbreiten. Facebooks jüngste Ankündigung, Fake-News in Deutschland gemeinsam mit dem Recherche-Netz Correctiv kennzeichnen zu wollen, ist da ein erster Schritt. Dazu gehört, zu korrigieren, nach welchen Prioritäten ihre Algorithmen uns Meldungen vorsetzen. Und auch, dass sie dabei mit den technologischen Entwicklungen Schritt halten, statt erst zu handeln, nachdem der Webwind die gezielten Falschmeldungen schon verbreitet und die Öffentlichkeit gespalten hat. Nur die Wahrheit darf Vorfahrt erhalten.

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