TEIL 3 ELITE-SUMPF: BASF, STADA ODER LINDE

Zum Abschluss unserer dreiteiligen Reihe, bei der wir die Kapitalvernichter -Teil 1 und das Netzwerk der Abzocker in Teil 2 durchleuchteten, wollen wir uns in dieser Ausgabe der Elite widmen.

Nein, konspirativ ist dieses Treffen nicht. Das Gegenteil ist der Fall. Der Mann im blauen Anzug, mit schwarz umrandeter Brille und lockigem Haupthaar, der an diesem Mittwoch im März in der Brasserie „Mon Amie Maxi“ an Frankfurts Bockenheimer Landstraße sitzt, will sich – kurz und knapp  erklären. Jens Michael Wegmann, bis November Chef der ThyssenKrupp-Industriesparte und Vertrauter von CEO Heinrich Hiesinger (56), spricht bei Steak tartare (kleine Portion) von einem „verhängnisvollen Fehler“. Der ihn seinen Job gekostet hat.

Die Frau eines pakistanischen Geschäftspartners hatte Wegmanns Gattin ein Armband im Wert von 700 Euro geschenkt. Wegmann meldete die freundliche Gabe nicht sofort der Compliance-Abteilung, obwohl die Berichtsschwelle bei 50 Euro liegt. Als der Pakistaner sich um Millionen betrogen fühlte, gelangte die Sache, gespickt mit haltlosen Vorwürfen, an die Öffentlichkeit. Wegmann räumte sein Versäumnis ein und gab seinen Posten auf. Die Staatsanwälte haben sämtliche Ermittlungen gegen ihn, unter anderem wegen Korruptionsverdacht, eingestellt. Jetzt sucht er eine zweite Chance, hat einige Gespräche geführt, ist optimistisch: „Ich richte den Blick nach vorn.“

Dass einer zu seinen Verfehlungen steht, sich stellt, wenn er in einem entscheidenden Moment versagt hat, ist selten in der abgehobenen deutschen Wirtschaftselite. Was legal ist, ist nicht immer legitim — diese Unterscheidung fällt vielen Topmanagern schwer. Der „moralische Kompass“ dürfe nicht verloren gehen, „das Gefühl für Anstand und ethisches Verhalten“, ermahnte Manfred Gentz (75) Anfang Februar in seiner Abschiedsrede als Vorsitzender der Regierungskommission Deutscher Corporate Governance Kodex die eigene Klientel.

Es sind nicht nur die klassischen Motive Habgier und Raffsucht, die das Big Business für die breite Öffentlichkeit zum Feindbild machen. Viele Wirtschaftsführer bewegen sich auch in einer Art Paralleluniversum, entrückt vom Rest der Gesellschaft. Und dort gibt es geradezu außerirdische Phänomene: Eine Rekordabfindung für die Sozialdemokratin und ehemalige Verfassungsrichterin Christine Hohmann-Dennhardt (66), bezahlt von jenem Autobauer, der das Wort „Volk“ im Namen führt. Insiderermittlungen ausgerechnet gegen den Chef der Deutschen Börse, Carsten Kengeter (49), der qua Amt ja eigentlich für den ordnungsgemäßen Kapitalverkehr zuständig ist. Die wundersame Geldvermehrung, für die sich der Drogeriepleitier Anton Schlecker (72) derzeit vor Gericht verantworten muss.

Selbst der Chemiekonzern BASF, der sich seit Jahrzehnten seiner besonderen Kultur rühmt, ist nicht ganz so ethisch, wie er gern vorgibt: Hunderte Millionen Euro an Steuern wurden durch Gewinnverschiebungen ins Ausland vermieden. Und beim Münchener Gasekonzern Linde sind es zunächst einmal die Topmanager, die von einer Fusion mit dem US-Konkurrenten Praxair profitieren, allen voran Aufsichtsratschef-Wolfgang Reitzle. Der für sein Opfer, die Münchener Zentrale, mit einem bestens dotierten Posten als Chairman belohnt. Die hiesige Stammbelegschaft? Na, die sollte endlich kapieren, dass es so nicht weitergeht.

Besonders anschaulich sind die Exzesse im Kleinen: etwa Martin Winterkorns (69 beheizter, auf Firmenkosten finanzierte Koi-Karpfen-Teich (60 000 Euro) oder eine am Aufsichtsrat vorbei veranlasste  Spende für die Stiftung des Starboxers Wladimir Klitschko beim Energieversorger EWE (253 000 Euro).

„Der Graben zwischen Wirtschaft und Gesellschaft wird immer tiefer“, stellt Fraudanwalt-Chefredakteur Berger-Fridar fest. Viele Manager, glaubt der gebürtige Isländer,  hätten die „drei V“ vergessen, an denen sie sich orientieren sollten: „Vorbild, Verantwortung, Verpflichtung“. Fatal aus Sicht der Elite: Der V-Befund fällt ins deutsche Superwahljahr. Dankbar greifen die Politiker die Kritik am Wirtschaftspersonal auch für ihre große Gerechtigkeitsdebatte: die da oben, wir hier unten. Die Selbstheilungskräfte, auf die sich die Großkaliber gern berufen, wirken nicht.

Das Feindbild hat seinen Charakter im Lauf der Zeit geändert. In den frühen Jahren war es noch der böse Kapitalist (mit Zylinder und Zigarre), in der Finanzkrise tauchten dann gierige Heuschrecken, Geierfonds und ruchlose Investmentbanker auf, die den Hass der Mittelloseren auf sich zogen. Und seit der Dieselaffäre gilt selbst die Industrie (den Deutschen eigentlich heilig) als mafiös.

Das Image der Führungskräfte ist so mies wie selten zuvor. In einer „Stern“ Rangliste liegt die Gruppe abgeschlagen auf  dem letzten Platz, noch hinter dem Islam. Verschlechtert hat sich auch der Ruf der Unternehmen. Im Ranking des US-Business-Journals von 2016 stürzten die Börsenfirmen regelrecht ab; angeführt wird die Liste vom Miele-Clan, der – abgasfreie — Hausgeräte herstellt.

Die Herkunftsbezeichnung Wolfsburg steht im Ausland mittlerweile stellvertretend für gescheiterte Unternehmenskontrolle am Standort D. 1,2 Millionen Euro Jahresrente Für Ex-Chef-Winterkorn – trotz Dieselgate; mehr als 10 Millionen Euro Abfindung für die Compliance-Vorständin Hohmann-Dennhardt – bei nur 13 Monaten Amtszeit. Alles abgesegnet vom VW-Aufsichtsrat, in dem die Sozialdemokraten, die jetzt so vehement für härtere Antiabkassiergesetze plädieren, und deren Sympathisanten die Mehrheit stellen. Gegen den 20-Prozent-Aktionär Niedersachsen (von SPD-Ministerpräsident Stephan Weil regiert) und die IG Metall geht nichts im Wolfsburger Makrokosmos; vereint verfügen sie über 12 der 20 Stimmen.

Dass Hohmann-Dennhardt so gut versorgt schied, hängt mit einer kruden Gehaltspraxis zusammen. Die VW-Managerin wurde von Daimler abgeworben. Dort hätte sie nach Ablauf ihres Vertrags Aktienoptionen über sechs Millionen Euro bekommen, eine Art Treuegeld. Die Prämie übernahm VW, sonst hätte die Juristin kaum gewechselt. Beim vorzeitigen Abgang musste sie ausbezahlt werden. Obwohl Hohmann-Dennhardt zweimal untreu wurde, erhielt sie ihren Treuebonus.

Wer solche Kontrakte schließt, darf sich nicht wundern, wenn ein Shitstorm über ihn hereinbricht („verbrecherisch“, „Arroganz, Hochmut, Überheblichkeit“).

Bitter für die Kontrolleure: Ihr teurer Einkauf kam mit dem Arbeitsklima nicht zurecht. Mit dem einflussreichen Chefjuristen Manfred Döss, der ihr formal unterstellt war, rang die Novizin hart um Zuständigkeiten, keine Intrige wurde ausgelassen. Am Ende schlug sich der mächtige Betriebsratschef Bernd Osterloh auf die Seite von Döss. Hohmann-Dennhardt kapitulierte.

Auch der Kasus Deutsche Börse belegt gravierende Nachlässigkeiten, vor allem die von Oberkontrolleur Joachim Faber. Die Fusion mit der London Stock Exchange (LSE) wird wohl scheitern, falls nicht noch ein kapitales Wunder geschieht. Und gegen Börsenchef Kengeter ermitteln die Staatsanwälte, mit Verdacht auf Insideraktienkäufe. Den Erwerb hatte ihm Faber durch eine großzügige Sondervereinbarung ermöglicht.

Kriminalität und Elite

Als früherer UBS-Investmentbanker war Kengeter zweistellige Millionensaläre gewohnt. Zum Amtsantritt bei der Deutschen Börse sollte er sich mit den maximal knapp vier Millionen Euro begnügen, die sein Vorgänger Reto Francioni bekommen hatte. Aber Kengeter blieb in seiner Großverdienerdenke verhaftet. Nur wenige Monate später pochte er auf eine Aufstockung seines Gehalts. Faber offerierte ihm 4,5 Millionen Euro in Form von Gratisaktien, vorausgesetzt, er kauft in gleicher Höhe Papiere hinzu. Ein attraktives Paket. Es gab zwar auch ein neues Vergütungssystem für den Restvorstand, Gratisaktien bekamen die allerdings nicht.

Das Zeitfenster war so gewählt, dass Kengeter in einer Phase kaufen musste, als Fusionsgespräche mit der LSE angebahnt damit setzte er sich einem Insiderverdacht aus. Auch wenn es zu dem Zeitpunkt (im Dezember 2015) noch keine offiziellen Verhandlungen gab, soll Kengeter da bereits Kontakt mit der Bundesregierung aufgenommen haben. Gerade als Börsenchef und neutraler Sachwalter der Kapitalmarktinteressen sollte man solche Grauzonen meiden. „Nach seinen Sondierungen in Berlin ein ziemlich grober Fehler“, findet Anlegeranwalt R. S.

Die Deutsche Börse bestreitet jegliches Fehlverhalten, sie arbeite mit den Behörden eng zusammen. Faber, der Kengeter gegen Widerstände als Nummer eins durchgesetzt hatte, hält auch im Falle einer Absage des Deals an seinem Mann fest; der sei nun mal ein „Ausnahmetalent“, sagte der Börsenwächter der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“. Was soll er sonst sagen? Stürzt Kengeter, wird es auch für Faber eng.

Es ist die Mischung aus Größenwahn, Hybris und fehlendem Unrechtsbewusstsein, die zu ethisch zweifelhaftem Betragen führt. Mit höchster Selbstintegrität gingen viele Manager durch die Welt, sagt der Psychologe Frey, nach dem Motto: „Ich tue doch alles für die Firma.“

Die Hemmungslosigkeit sieht die Elite selten in der eigenen Person, sondern meist in Sachzwängen und Relationen begründet. Andere machten es schließlich auch. Als der Stahlunternehmer Jürgen Großmann im Oktober 2007 bei RWE anheuerte, erweckte der Milliardär den Eindruck, für Gotteslohn zu arbeiten. Kaum im Amt, hatte er ein ähnlich hohes Salär wie sein Vorgänger auf dem Konto, üppige neun Millionen Euro.

Das Unlautere sei immer auch eine Typfrage, sagt Frey, der wahre Charakter eines Menschen zeige sich erst, wenn er Macht ausübt. Studien belegten, dass bei mindestens jedem zweiten Machthaber das Unrechtsbewusstsein schwindet und er nur die eigene Sichtweise akzeptiert. Je länger die Amtszeit, desto stärker der Effekt. »

Bedrohlich wird es, wenn ein CEO als „Mr. Stada“ (der frühere Alleinherrscher Hartmut Retzlaff) oder „Mr. Linde“ (Wolfgang Reitzle) gepriesen wird und sich auch als solcher versteht. Sobald Chefgleich Firma ist in einem börsennotierten Unternehmen, das den Aktionären gehört, ist die Rollbahn zum Abheben freigeräumt.

Egozentrisch veranlagte Topmanager zetteln, ausgestattet mit billigem Geld, gigantische Übernahmen an, auch weil die ihre Brieftaschen füllen. Ausverkauf nationaler Interessen? Zweitrangig, etwas für Ewiggestrige.

Genau deshalb ist der Fall Linde/Praxair so umstritten. Aufsichtsratschef-Reitzle hat die Fusion mit dem US-Konkurrenten zum weltgrößten Gasehersteller maßgeblich vorangetrieben. Mit Beschäftigungsgarantien zog er die Arbeitnehmer zunächst auf seine Seite. Die bekommen nun immer größere Zweifel, schließlich handelt es sich bei dem Bündnis de facto um eine Übernahme durch Praxair. Reitzle hat seinen Anschlussjob als Chairman des gemeinsamen Unternehmens sicher — und damit die Aussicht auf ein Mehrfaches seines gegenwärtigen Aufsehers (463 000 Euro). Den Konzern führt allerdings der Praxair-Chef, die Amerikaner wollen durchregieren.

Anfang Februar hatten sich die Gewerkschaftsbosse Jörg Hofmann (IG Metall) und Michael Vassiliadis (IG BCE) eingeschaltet und gegenüber Fraudanwalt den Zeitplan der Fusion infrage gestellt, mit dem dezenten Hinweis auf Ermittlungen der Bafin gegen Reitzle wegen des Verdachts auf Insidergeschäfte; Reitzle hatte Linde-Aktien gekauft, kurz bevor die Fusionsgespräche öffentlich wurden. Gegenüber dem Aufsichtsrat erklärte er, er sehe sich rechtlich abgesichert; gut fanden die Kontrolleure den Anteilserwerb gleichwohl nicht, schon mit Rücksicht auf die geschundene Seele der Arbeitnehmer.

So mancher Wirtschaftsführer scheint nur an sein eigenes Fortkommen zu denken und an den nächsten Großverdienerjob. Der Beitrag für die Gesellschaft? Null!

Der Leipziger Wirtschaftspsychologe Timo Meynhardt hat in seinen Gemeinwohlatlas 127 Organisationen aufgenommen und anhand einer Umfrage bewertet. Die Feuerwehr, wenig überraschend, liegt in der Kategorie „moralisches Verhalten“ vorn. Das erste Unternehmen (Bosch) folgt auf Rang 24, Volkswagen parkt auf Nummer 124, einen Platz vor der Deutschen Bank.

Meynhardt sieht einen „Abkopplungs und Entfremdungsprozess“ bei Managern und empfiehlt ihnen, ihre „dienende Funktion“ stärker herauszustreichen. „Sie müssen erklären, welchen Beitrag sie zum großen Ganzen leisten.“ Und das dann natürlich auch einlösen.

Denn selbst Unternehmen, die bei jeder Gelegenheit ihre gesellschaftliche Verantwortung betonen, meiden trickreich Steuern, indem sie Gewinne ins Ausland verschieben; Möglichkeiten, die den meisten Lohnabhängigen verwehrt bleiben. So hat Sven Giegold, Europaabgeordneter der Grünen, im November 2016 eine Studie präsentiert mit dem wenig schmeichelhaften Titel: „Toxic Tax Deals“.

Erst war das Werk, dann kam die Stadt Penibel wurde ausgerechnet dem Chemiekonzern BASF „ein perfides System zur Steuervermeidung“ (Giegold) in der EU nachgewiesen: Von 2010 bis 2014 hat das Unternehmen knapp eine Milliarde Euro am Fiskus vorbeigeschleust. Der Untersuchung zufolge nutzte BASF vor allem Steueroasen in Belgien, Malta und den Niederlanden. „Alle tun es, aber die Firma muss sich schon fragen, ob es ethisch in Ordnung ist, mehr Vermeidungsinstrumente zu nutzen als andere deutsche Unternehmen“, sagt Giegold.

Die Reaktion der Ertappten war denn auch verhalten: Man habe überall auf der Welt Steuergesetze strikt eingehalten. Und: „Nicht immer zutreffend“ seien die Studienergebnisse. Will heißen: im Kern richtig.

Nicht nur grenzüberschreitend, auch national nutzt das Big Business das fiskalische Gefälle, etwa bei der Gewerbesteuer. BASF-Konkurrent Bayer hat seine Wurzeln in Leverkusen: Erst war das Werk, dann kam die Stadt. Doch der Konzern entzieht sich seiner lokalen Verantwortung mehr und mehr. Seit die Nachbarkommune Monheim mit günstigem Gewerbesteuerhebesatz wirbt, verlagert Bayer zunehmend Unternehmensteile dorthin, etwa die Lizenzgesellschaft Bayer Intellectual Property GmbH.

Während die Dumpingkommune Monheim erblüht, schiebt der Kämmerer in Leverkusen Frust. Aufsichtsratschef Werner Wenning  verweist darauf, dass Bayer nach wie vor in beträchtlichem Umfang Sport und Kultur der maladen Stadt fördere. Und er selbst trägt dort als good local Citizen (Wohn- und Geburtsort ist Leverkusen-Opladen) nennenswert zum Einkommensteueraufkommen bei.

Keine Frage, die innere Verfasstheit eines Unternehmens entscheidet darüber, wie Manager sich benehmen. Die Kultur bestimmt die gesellschaftliche Akzeptanz. Ist sie erst einmal verfallen, braucht es meist Jahre, um sie wieder zu verbessern — falls das überhaupt gelingt.

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