VW-AKTIONÄRE KLAGEN 2018 AUF SCHADENSERSATZ

Schadensersatz VWDie Summen, um die es geht, sind enorm, die Forderungen gehen in die Milliarden. Anfang 2018 soll der Prozess starten, dann werden vor dem Oberlandesgericht Braunschweig die Klagen von mindestens 1500 VW-Aktionären auf Schadensersatz verhandelt. Sie fühlen sich geschädigt, weil der VW-Vorstand die Öffentlichkeit erst Mitte September 2015 über die inzwischen berüchtigten Manipulationen an Dieselmotoren und die seit Monaten laufenden Ermittlungen in den USA informierte – und nicht schon viel früher. Nach Bekanntwerden der Vorwürfe stürzte der Kurs der Aktie um rund 40 Prozent ab.

Das Gericht hat im März das sogenannte Kapitalanlegermusterverfahren eröffnet und den Musterkläger bestimmt: Deka Investment, die Fondsgesellschaft der Sparkassen (Az.: 3 Kap 1/16).

Auch Privatanleger, die wegen der Dieselaffäre Kurseinbußen erlitten haben, können von dem Musterverfahren profitieren — und sich kostengünstig dranhängen. Bei einem Schaden von 5 000 Euro kostet die Anmeldung weniger als 400 Euro. Dieser Betrag dürfte für die meisten auch ohne Rechtsschutz zu stemmen sein. Zum Vergleich: Eine eigene Klage kostet schon in der ersten Instanz einen vierstelligen Betrag.

Wer seine Ansprüche jetzt anmeldet, erreicht damit eine Verjährungshemmung bis zum Abschluss des Verfahrens. Die Anleger können also zunächst den Ausgang des Musterverfahrens abwarten — und dann weitere juristische Schritte planen.

Wichtig sind aber ein paar Formalien: Das Musterverfahren wurde im Klageregister des „Bundesanzeiger“ am 8. März 2017 bekannt gemacht. Seither läuft eine Sechsmonatsfrist: Alle Ansprüche müssen schriftlich spätestens bis zum 8. September 2017 beim OLG Braunschweig angemeldet werden. Außerdem darf man in der Causa VW selbst noch keine Klage erhoben haben und muss sich bei der Anmeldung zwingend von einem Anwalt vertreten lassen.

Darüber hinaus sollten Interessenten unbedingt prüfen, wann genau sie ihre VW-Papiere erworben haben. Denn gerade die Frage der Verjährung ist im Fall VW komplex und umstritten. Der Hintergrund: Bis zu einer Gesetzesänderung am 10. Juli 2015 galt für Schadensersatzansprüche von Anlegern in Deutschland nur eine kurze Verjährung von einem Jahr ab Kenntnis, spätestens drei Jahre ab Unterlassung einer Pflichtmitteilung. Diese kurze Frist wurde zwar gestrichen, aber ohne eine explizite Regelung für Altfälle.

Fakt ist, dass im Mai 2014 der damalige VW-Chef Martin Winterkorn eine Information über die Ermittlungen der US-Umweltbehörden erhielt. Nach Meinung von Anlegeranwälten hätte VW spätestens damals die Öffentlichkeit informieren müssen. Wer also vor dem 10. Juli 2015 VW-Aktien gekauft hat, dessen Ansprüche könnten schon im Mai 2017 verjähren, warnen Anwälte. Wer die Papiere hingegen später im Sommer 2015 gekauft hat, hat kein Problem und kann die Frist für die Anmeldung zum Musterverfahren bis 8. September ausschöpfen.

WIE DIE DIGITALISIERUNG UNSERE ARBEITSPLÄTZE VERNICHTET

Düster sind die Ahnungen, die derzeit in der Wirtschaft kursieren.  Wenn menschliche Arbeitskraft überflüssig wird, was geschieht dann mit unserer Gesellschaft? Wenn Roboter die Jobs übernehmen und die Digitalisierung die Wertschöpfungskette durchdrungen hat? Die Fraudanwalt-Redaktion prognostiziert für das kommende Jahrzehnt Jobverluste in einem bislang unbekannten Ausmaß.

Ein rapider Strukturwandel, den staatliche Bildungs- und Sozialsysteme abfedern müssten, um ihn erträglich zu machen.

Die Sache ist schwierig und wird schwieriger, soviel steht fest. Die Staatseinnahmen in Europa sprudeln insbesondere aus zwei Quellen: Arbeitseinkommen und Konsum der arbeitenden Bevölkerung. In der Vergangenheit ließen sich auf dieser Basis große öffentliche Sektoren finanzieren. Damit aber wäre es vorbei, wenn die Roboterrevolution wie erwartet über uns hereinbricht. Denn just in dem Moment, in dem der Staat ernsthaft gefordert wäre, ginge ihm das Geld aus.

Ein Lösungsweg fehlt gänzlich

Die zuletzt so unbefriedigende Entwicklung der verfügbaren Einkommen hat bereits eine Debatte über alternative Steuermodelle ausgelöst.

Microsoft-Gründer Bill Gates schlug kürzlich eine Robotersteuer vor. Die deutschen Sozialdemokraten möchten die niedrige Abgeltungsteuer auf Kapitalerträge, einst von SPD-Finanzminister Peer Steinbrück eingeführt, anheben. Auch sein Amtsnachfolger Wolfgang Schäuble (CDU) findet, dass Zinsen und Dividenden höher belastet werden sollten. Schon länger ein Aufregerthema ist, dass internationale Konzerne durch Gewinnverlagerung von Land zu Land ihre Steuerbasis kleinrechnen. Das Ziel ist klar: höhere Steuern auf Kapital, um die (verbleibenden) Beschäftigten zu entlasten.

Es stimmt schon: Wenn die Propheten des digitalen Maschinenzeitalters recht behalten, dann müssen künftig die Besitzer der Maschinen stärker zur Kasse gebeten werden. Weil die Staaten sonst irgendwann auf dem Trockenen säßen. Und weil das ohnehin angeknackste Vertrauen ins Wirtschafts- und Gesellschaftssystem sonst vollends dahin wäre.

Mehr Abgaben auf Gewinne – das klingt simpel, aber das ist es nicht. In einer Welt offener Grenzen gibt es einen Wettbewerb um den mobilen Faktor Kapital. Entsprechend verhalten greifen die Finanzminister gegenwärtig zu. Steuern auf Unternehmensgewinne etwa machen im OECD-Durchschnitt gerade mal 9 Prozent der gesamten Steuereinnahmen aus.

Will man diesen Anteil nennenswert steigern, gibt es prinzipiell zwei Lösungen: internationale und nationale.

Bei offenen Grenzen lässt sich der fiskalische Beitrag des Faktors Kapital nur nennenswert erhöhen, wenn die Besteuerungskompetenz teilweise auf die internationale Ebene verlagert wird. Lediglich so ließen sich die Zuflüsse substanziell mehren. Nicht mehr der Bundestag würde dann über die Körperschaftsteuer oder die Kapitalertragsteuer entscheiden, sondern ein – wie auch immer geartetes – internationales Gremium.

Das geht an den Kern der Demokratie, wie wir sie kennen. Nationale Parlamente verlören ihre Entscheidungskompetenz über wichtige Teile der Staatseinnahmen. Aus diesem Grund gibt es nicht mal innerhalb der EU eine einheitliche Unternehmensbesteuerung. Seit Jahrzehnten wird darüber diskutiert, ohne Aussicht auf einen Durchbruch.

Einfacher sind nationale Lösungen. Sollte es nicht gelingen, zeitgemäße europäische oder internationale Arrangements zu finden, sind neue Grenzziehungen zu befürchten. Die Ära offener Kapitalmärkte wäre vorbei. Nur bei eingeschränkter Kapitalmobilität sind deutlich höhere Steuern überhaupt vorstellbar.

Die heraufziehende technologische Revolution hat deshalb das Zeug, der Globalisierung einen weiteren Tiefschlag zu versetzen. Derzeit wollen protektionistische Populisten wie Donald Trump vor allem den freien Zugang zu den Gütermärkten zurückdrehen. Beschränkungen des Kapitalverkehrs wären die nächste Eskalationsstufe. Dann aber mit dem Argument von mehr Steuergerechtigkeit.

COMMERZBANK VERKAUFTE WEGEN ZU GERINGER PROVISION KEINE ETF’S

Es hat lange gedauert, nun scheint den Indexfonds der Durchbruch auch im klassischen Filialgeschäft zu gelingen: Die Commerzbank wird Strategiedepots aus Indexfonds verkaufen, dieses Jahr startet damit die Tochter Comdirect. Anschließend wollen wir das auch in der Commerzbank anbieten, zunächst voraussichtlich ETF-Portfolios für Selbstentscheider und ohne Beratung“, sagt ein Mitarbeiter in einer schriftlichen Anfrage der Redaktion. Führungskräfte des Konzerns erwarten, dass in einem späteren Schritt auch die Berater in den Filialen solche ETF-Depots verkaufen werden.

Bislang haben die meisten Bankberater Indexfonds und ETFS (Exchange-Traded Funds) boykottiert, weil sich die Provisionen bei Gebühren von teils weniger als 0,1 Prozent pro Jahr für die Vertriebsabteilungen nicht lohnten.

Die Commerzbank kalkuliert nun anders: Sie dürfte für die ETF-Strategiedepots eine Gebühr verlangen, die voraussichtlich bei 1,25 Prozent pro Jahr liegt: Für den Filialbetrieb eine kleine Preisrevolution. Und trotzdem verdient das Frankfurter Geldhaus daran höhere Margen als beim Verkauf fremder Fonds. Auf die bei herkömmlichen Fonds üblichen Ausgabeaufschläge von rund 5 Prozent verzichtet die Commerzbank allerdings. Die seien „nicht mehr zeitgemäß“, sagt der Angestellte, anders als die ETF-Depots.

Die Bank reagiert mit ihrem Vorstoß auch auf Angriffe von Start-ups und konkurrierenden ETF-Anbietern. Marktführer Blackrock verkündete unlängst eine Allianz mit dem Frankfurter Fintech Youvestor. Für 1,25 Prozent Gesamtkosten bekommen Anleger dort ein Depot mit Blackrock-Fonds. Die Frankfurter Neugründung Vaamo wiederum offeriert seit März fünf ETF-Depots, die von den 37 000 hierzulande zugelassenen Honorarberatern an die Kunden verkauft werden sollen.

Wenn andere Filialbanken dem Schritt der Commerzbank folgen, könnte das den Indexfonds einen weiteren Schub verleihen. Denn Start-ups und digitale Robo-Advisors wie Vaamo, Liqid und Scalable haben den Nachteil, dass sie ohne menschliche Vertriebskräfte nur wenige Kunden erreichen. Nach wie vor kaufen selbst von denen, die sich digital über Finanzprodukte informieren, mehr als 60 Prozent ihre Fonds beim Berater, ergab eine gemeinsame Studie von Google, Postbank und dem Konsumforscher GfK.

Auch die Qualität der ETF-Anlagen würde steigen. Derzeit sind es vor allem die Spekulanten unter den Privatanlegern, die in Indexfonds investieren. Das kurzfristige Wetten auf einzelne exotische Märkte und Branchen und das ständige Kaufen und Verkaufen der vergleichsweise riskanten ETFs macht dann auch deren Kostenvorteil bisher zumeist schnell zunichte.

LEITBERG AG: EINE NEUE ERFINDUNG DER IMMOBILIENJONGLEURE PINK & SCHRIVER

Die Domstadt am Rhein, bekannt für den alt ehrwürdigen Kölner Dom, ein römisch-katholisches Kirchengebäude, welches mit 157 Metern Höhe das 2. höchste Kirchengebäude neben dem Ulmer Münster in Deutschland ist, erfreut sich bis dato einer hohen Beliebtheit, nicht zuletzt wegen seiner altbekannten Kaufmannsehre und einem friedlichen Geschäftsalltag. Doch das könnte sich nun sehr schnell ändern, seit die beiden windigen Geschäftemacher – die berühmte Kaufmannsehre mal ganz außer Acht gelassen – Wolfgang Pink und Günther Schriver sich zum neuen Eigentümer der bis dato untadeligen Leitberg AG ausgerufen haben.

Mit diesem cleveren Schachzug versuchen nun die beiden „Gentleman-Gauner“ aus Berlin mit neuem Namen im alten Fahrwasser einen neu gestrickten Finanz-Kahn durch die oft rauen Gewässer des Geldanlage-Geschäftes zu manövrieren. Frei nach dem Motto: Ist der Ruf erst ruiniert, kann man es ja an anderer Stelle unter neuer Flagge erneut versuchen. Es geht hier nicht um den lobenswerten Versuch, ein neues, seriöses Geschäftsmodell ans Laufen zu bringen – Nein, hier geht’s wieder einmal darum, möglichst viel Geld bei den ahnungslosen Anlegern einzusammeln.

Dieses Mal für eine Investition in Immobilien, die dann als Wohnungen eines Pflegeheims vermarktet und mit gut datierten Nutzungsverträgen ausgestattet werden sollen. Aber mit Immobiliengeschäften kennen sich die beiden Herren ja bestens aus: oder besser gesagt, mit der Vermarktung von Immobilien, die viel höher bewertet werden als sie sind und der Reibach daraus dann in die tiefen Taschen der Ideen-Geber fließt. So, wie bereits erfolgreich mit der Firma Anderson Erste Deutsche Grundwert GmbH & Co und der Baxter GmbH & Co KG praktiziert. Man kann annehmen dass es dann etwas unruhig werden dürfte in der beschaulichen Kölner Kaufmanns-Landschaft, denn hier droht Ungemach. Schließlich wollen die beiden Knaben aus dem Immobilien-Business bestimmt nicht schlechter leben als vor der letzten Insolvenz. Aber dafür muss der Kunde erst einmal kräftig gemolken werden. Um die Sache nun auch richtig schmackhaft zu machen, haben die beiden ein neues Finanzkonzept ausgebrütet. Bei diesem möchte man sich die Überalterung unserer Gesellschaft zunutze machen und in Pflegeimmobilien investieren. Mit dem Geld der Anleger, versteht sich. Der Anleger wird Eigentümer einer Wohnung eines Pflegeheimes. Oder genauer: Es werden Wohnungen in einem Wohnkomplex angekauft, die dann zu altersgerechten Wohnungen umgebaut werden. Dazu kommt eine Verwaltung und Platz für Pflegepersonal.

Das Heim wird durch eine Betreibergesellschaft geführt. In die Wohnung kann man selber einziehen oder eben eine fremde pflegebedürftige Person. Der Eigentümer schließt mit dem Pflegeheimbetreiber „in der Regel“ einen Pachtvertrag. Erklärt wird, dass der Eigentümer die Mieterträge selbst dann auch bekäme, wenn die Wohnung nicht vermietet sei. Und dies ist schon mal ein sehr mutiges Statement. Die genutzten Anpreisungen der Anbieter von Pflegeimmobilien als Kapitalanlagen klingen auch hier sehr vielversprechend: „langfristiger Wertzuwachs“, „inflationsgeschützt“, „konjunkturunabhängig“, „schöne Zusatzrente“ oder „ohne Risiko“. Ob das Konstrukt letztendlich funktioniert, bleibt abzuwarten, da die beiden Geschäftemacher Pink und Schriver erst einmal nur eine dicke Insolvenz in ihrer Vita nachweisen können. Die im Übrigen noch nicht abgeschlossen ist. Trotzdem haben sich die beiden Tausendsassa bereits auf ihr nächstes Abenteuer eingelassen. Wenn das mal gut geht…

DER TIEFE FALL VON SOLARWORLD-KÖNIG FRANK ASBECK

Frank Asbeck umgibt sich im Büro gerne mit Tieren: mit toten wie lebendigen. An der Wand hinter seinem Schreibtisch hat der Gründer und langjährige Chef des Bonner Konzerns Solarworld AG eine Installation aus 96 ausgestopften Füchsen angebracht. Sobald man sie einschaltet, leuchtet es aus 192 Fuchsaugen rot, grün, blau und gelb.

Ein paar Meter weiter hängt ein Bild der Elysia asbecki: einer australischen Meeresnacktschnecke, die von Sonnenenergie lebt. Getauft nach dem Sponsor, der ihre Entdecker unterstützt hat. In der Mitte des Raumes räkelt sich Duke, der Labrador-Retriever, der Asbeck auf der Jagd die abgeschossenen Enten apportiert. Und neben dem Bronzelöwen auf dem Besprechungstisch liegt ein Bildband mit Tierstillleben. Titel: „Von Schönheit und Tod“. Er passt  präzise zu der Situation bei Solarworld AG: Am 11. Mai hat Deutschlands letzter großer Solarhersteller Insolvenz angemeldet.

Damit endet eine der märchenhaftesten Unternehmerkarrieren des Landes – zumindest sehr wahrscheinlich. Jahrelang war Asbeck der große Zampano der Ökostrombranche — ein schillernder Typ mit Trachtenjacke und Seidenschal, der weder Spleens noch Statussymbole versteckte: Luxusautos, Schlösser, Jagdtrophäen. Jetzt ist er gescheitert. An der Billigkonkurrenz der Chinesen, sagt Asbeck. Weil er viel zu lange stur an einem nicht überlebensfähigen Geschäftsmodell festgehalten habe, sagen seine Kritiker.

Neun Tage vor seiner Kapitulation empfängt Frank Asbeck noch mal zum großen Interview. Es ist ein trüber Tag, rund um das Solarworld-Hauptquartier nieselt es, als Capital zu Besuch kommt. „Sun at Work! “ behaupten sonnengelbe Schilder in der Grünanlage neben dem alten Bonner Wasserwerk, das Asbeck zur Konzernzentrale umgestalten ließ. Im Gebäude ist es still. Die Großraumbüros sind fast leer, nur eine Handvoll Menschen ist zu sehen. Aber Asbeck selbst ist da, in seinem Büro mit Panoramablick über den Rhein.

Für seine Verhältnisse sieht der 57-Jährige fast schon mager aus. In den Wochen vor dem Treffen hat er ordentlich abgenommen: von 145 auf 125 Kilo. Asbeck wollte nicht nur sein Unternehmen gesund schrumpfen, sondern auch sich selbst. „Ich habe Ballast abgeworfen“, sagt er zur Begrüßung. Aber sein Abmagern laufe gesünder ab als der Kursverfall der Solarworld-Aktie: „Wenn ich mich parallel zur Marktkapitalisierung entwickeln würde, dann hätte ich heute ungefähr 600 Gramm.“

Der Gag sitzt, Gelächter. Asbecks Augen leuchten, und für einen Moment ist alles wie früher.

Früher nannten sie ihn „Sonnenkönig“: in den fetten Jahren, als 1 Deutschlands Solarfirmen Hunderte Millionen scheffelten und Milliarden wert waren. Dann drehte sich der Markt, der gebürtige Hagener war plötzlich der letzte Überlebende einer Branche, die einst für die Zukunft der deutschen Industrie stand. Alle anderen deutschen Modulhersteller waren schon ausgelöscht. Nur Solarworld überstand die Pleitewelle – trotzjahrelanger Verluste.

Aber nun ist auch Asbecks Imperium am Ende. 2016 türmte sich der Verlust auf fast 100 Mio. Euro. Das Eigenkapital und die Kassenbestände schmolzen dahin, im Gleichschritt mit dem heftigen Preisverfall auf den Weltmärkten. Bis zuletzt produzierte Solarworld AG hauptsächlich in Freiberg bei Dresden und im thüringischen Arnstadt. Doch der Standort Deutschland ist seit langem zu teuer für die Massenherstellung von Solarmodulen.

Für viele Außenstehende war es offensichtlich, nur Asbeck wollte das nicht akzeptieren. So stürzte den Konzern wahrscheinlich in den Niedergang, was ihn einst auch groß gemacht hat: Asbecks Eifer und Asbecks Sturheit. Noch in der Nacht nach der Entscheidung, aufzugeben und die Insolvenz zu beantragen, meldet sich der Konzernchef am Telefon: Die Zuspitzung sei beim ersten Treffen Anfang Mai einfach nicht absehbar gewesen, sagt er, „da dachten wir, dass wir es schaffen können“.

Branchenvertreter hatten dagegen schon Wochen zuvor berichtet: „Alle schauen auf die Uhr und warten darauf, dass es vorbei ist.“

Asbeck hauen solche Sätze nicht um. Dafür hat er zu viel erlebt. „Man muss manchmal masochistisch veranlagt sein in dieser Branche“, sagt er beim ersten Gespräch in Bonn. „Die ersten zehn Jahre meines Daseins als Solarworld AG-Chef waren die schöneren. Aber glauben Sie es mir oder nicht: Es macht mir noch immer enormen Spaß.“

Doch schon da sieht er nicht so aus, als hätte er wirklich noch Freude am Job. Asbeck rutscht so tief in seinen Ledersessel, dass er fast darin liegt. Dunkle Ringe unter seinen Augen, die vergangenen Monate waren anstrengend. Asbeck ist ernster als früher. Bei manchen Fragen zögert er, ringt um die Antwort. Sprüche klopft er kaum noch.

Es wäre auch nicht angemessen: Einige Wochen zuvor hat Asbeck angekündigt, Hunderte Arbeitsplätze abzubauen. Die Aktie ist nicht einmal mehr ein Hundertstel so viel wert wie in den glorreichen Zeiten, als Solarworld kurz vor der Aufnahme in den Dax stand. Und dann ist da noch ein Gerichtsprozess, der dem Konzern den Garaus zu machen droht. Ein Zulieferer hat Solarworld auf fast 800 Mio. Dollar verklagt.

Die Erinnerungen an die glänzenden Jahre sind neben dem Solarworld-Hauptquartier in einem separaten Gebäude ausgestellt. „Museum“ nennen sie es im Betrieb. Wenn man zur Tür hereinkommt, hängt rechts unter der Decke Asbecks erstes Firmenschild. Darauf steht groß „Solarworld“, darunter etwas kleiner „Dipl.-Ing. Frank H. Asbeck“.

Solarworld mit politischem Netzwerk

Mit Sonnenenergie hat Asbeck bis Mitte der Neunziger gar nichts zu tun. Er führt ein Ingenieurbüro in einem Bonner Hinterhof, das alte Industrieanlagen demontiert und in Entwicklungsländer verkauft. Aber 1994 entdeckt er eine Geldquelle: ein Förderprogramm der Stadt Bonn für Häuslebauer, die sich ein, zwei Solarmodule aufs Dach schrauben wol-len. Eine Höchstgrenze gibt es nicht. Also pflastert der findige Unternehmer das Dach einer Industriehalle mit 4 000 Platten zu. Plötzlich steht in Bonn fast ein Zehntel der weltweiten Jahresproduktion. Und Asbeck konzentriert sich auf das grüne Geschäft. 1998 gründet er Solarworld.

Im Museum sind die Meilensteine der Firma zu bewundern: ein Foto von Asbeck als junger Unternehmer im schwarzen Anzug. Das Solarworld-Logo aus den Anfangsjahren, wie ein Smartie mit Armen und Beinen sieht es aus. Eine Aktie des Börsengangs 1999, als die Firma noch keine 20 Mann hat und trotzdem 13 Mio. D-Mark erlöst.

Asbecks Timing ist perfekt. Kurz nachdem er im Jahr 2000 Bayer die scheinbar perspektivlose Solarsparte abgekauft hat, führt die rot-grüne Bundesregierung das Erneuerbare-Energien-Gesetz ein. Es garantiert für Solarstrom bis zu 99 Pfennig je Kilowattstunde — das Vielfache des Marktpreises. Das Förderdoping macht die verregnete Bundesrepublik zum Mekka der Sonnenenergie; zeitweise landet jedes zweite weltweit produzierte Modul auf deutschen Dächern oder Äckern. Klitschen verwandeln sich in Konzerne. Und Asbeck ist der Star.

Der Solarworld-Chef weiß, wie er sich ins Gespräch bringt: Mal schenkt er dem Papst eine Solaranlage, mal macht er General Motors ein Übernahmeangebot für Opel. Er braust ökologisch unkorrekt im Maserati oder Rolls-Royce durch das Rheinland, spendiert dem 1. FC Köln 1 Mio. Euro, um Lukas Podolski zurückzukaufen — und engagiert „Poldi“ gleich als Werbeträger.

Asbeck scheint in dieser Zeit alles zu glücken, was er anfasst. Er kauft für kleines Geld den Konzernen Shell und Komatsu die Reste ihres Fotovoltaikgeschäfts ab. Und er ist mit der Politik viel besser verdrahtet als alle seine Wettbewerber. Zur Zeit von CDU-Ministerpräsident Kurt Biedenkopf beschafft sich das Gründungsmitglied der Grünen mehr als 45 Mio. Euro Subventionen für sein Werk im sächsischen Freiberg. Einmal springt das Schwergewicht zusammen mit Sigmar Gabriel auf einem seiner Module herum, um zu zeigen, wie robust es ist. Die Nähe zur Politik zahlt sich aus: Berlin senkt die Förderung für Solarstrom von Dächern, Solarworlds Kernmarkt, zuerst langsamer als für Strom aus großen Solarfeldern.

2010 dreht der Markt. Angesichts der ausufernden Kosten fährt die Bundesregierung die Subvention drastisch herunter. Neue Hersteller aus China setzen mit günstigen Zellen den deutschen Pionieren zu. Die Preise verfallen. Firmen wie Q-Cells, Solon, Solar Millennium, Sovello und Odersun geben auf.

Asbeck kämpft weiter. Während Solarworld schon einmal die Überschuldung droht, verbündet er  sich mit anderen westlichen Herstellern. Asbeck reicht bei der US-Regierung und der EU-Kommission Beschwerden gegen die chinesische Konkurrenz ein. Er behauptet, dass die Asiaten ihre Module zu Dumpingpreisen und mit fragwürdigen Staatshilfen in den Markt drücken, um die Konkurrenz aus Nordamerika und Europa plattzumachen.

Die Lobbyoffensive hat Erfolg. Washington beschließt Einfuhrzölle, Brüssel Mindestpreise für chinesische Solarprodukte. Dies verschafft Solarworld die Chance, seine vergleichsweise teuren Panels made in Germany im Markt unterzubringen. Und Sonnenkrieger Asbeck kann seinen Kapitalgebern eine Perspektive für den Krisenkonzern bieten.

Die Altanleger lassen sich auf einen Aktien- und Schuldenschnitt ein, bei dem sie Millionen verlieren. Als neuer Großaktionär steigt 2013 der arabische Investor Qatar Solar Technologies ein. Und der Chef gelobt, so lange auf Lohn und Gehalt zu verzichten, bis Solarworld wieder schwarze Zahlen schreibt.

Asbeck hätte nun das Momentum, das Geld und die Rückendeckung, den Konzern umzubauen. Ihn anzupassen an die neuen Zeiten mit weniger Förderung und schärfe rem internationalen Wettbewerb.

Aber das hat er bis zum Schluss nicht getan. „Selbst nach der Beinahe-Insolvenz hat Asbeck immer wieder abgelehnt, die geschäftliche Ausrichtung grundlegend zu ändern“, sagt Christian Strenger, Ex-Chef der Fondsgesellschaft DWS, der Solarworld seit Langem kritisch begleitet hat. „Er war wie ein Spieler im Casino, der immer wieder auf dieselbe Zahl setzt und sagt: ,Jetzt muss sie doch mal kommen.“‚ Zudem hat Asbeck sein Gehaltsgelübde gebrochen. 2015 genehmigte er sich 889 300 Euro, im Jahr darauf 662 500 Euro. Dazu kassierten er und ihm nahestehende Personen 2016 dem Geschäftsbericht zufolge vom Konzern 3 Mio. Euro an Mieten und Pachten.

Selbstkritik bei Solarworld Fehlanzeige!

„Solarworld hat immer gehofft, dass sich die externen Faktoren so zum Positiven drehen, dass man sich selbst nicht verändern muss“, sagt der Analyst Arash Roshan Zamir von der Bank M.M. Warburg. Doch dieses Kalkül geht nicht auf. 2016 brechen die Modulpreise weltweit ein: um 20 bis 30 Prozent. Die Mindestpreisvorgaben der EU und die US-Zölle wirken nicht mehr. Chinesische Hersteller lassen außerhalb Chinas fertigen oder umgehen die Regeln auf andere Art, um ihre Überkapazitäten in den Markt zu drücken. Solarworld muss seine Ware weit unter Herstellungskosten verschleudern, um sie überhaupt loszuwerden.

Die gesamte Produktionsstruktur sei kaum noch konkurrenzfähig, kritisiert Analyst Roshan Zamir. Die Fabriken in Sachsen, Thüringen und den USA seien zu klein, die Herstellung sei zu teuer. Und das Konzept Asbecks, weite Teile der Wertschöpfung vom Rohstoff Silizium über Zellen bis zur schlüsselfertigen Solarstromanlage selbst zu stemmen, gehe nicht mehr auf. „Aber vom Management hörte man bis zum vergangenen Jahr fast nur positive Töne. Mir fehlt die Selbstkritik.“

Selbstkritik? Asbeck rollt im Gespräch mit den Augen. „Da Solarworld größter westlicher Herstel 1er ist und zu den wenigen Überlebenden in unserer Branche gehört, muss ich mit 51 Prozent meiner Entscheidungen auf der richtigen Seite stehen“, sagt er wenige Tage vor der Insolvenz. Seine Strategie sei weiter richtig. Aber die Anti-Dumping-Regeln würden von hoch subventionierten chinesischen Rivalen umgangen -„mit kriminellen Methoden“.

Als klar ist, dass Solarworld Insolvenz anmelden muss, schickt der Verband EU Pro Sun, der von einem Asbeck-Vertrauten geleitet wird, eine scharfe Stellungnahme herum. Überschrift: „Dumping fordert bisher größtes Opfer.“ Asbeck glaubt, dass die westliche Solarindustrie nur  die erste Branche ist, die die Chinesen mit ihren Methoden überrollen. Viele weitere würden folgen.

Ob er selbst denn gar keine Fehler gemacht habe? Er verschränkt die Arme, denkt nach. Dann sagt er: „Vielleicht hätten wir uns noch ein Jahr früher ausschließlich auf Hocheffizienz und die PercTechnologie konzentrieren sollen.“

Perc, die Passivated Emitter Rear Cell, ist eine Solarzelle mit verspiegelter Rückseite, die das Licht innerhalb der Zelle reflektiert. So wird mehr Licht in Strom umgewandelt. Hightechkonzepte wie Perc sollten Solarworld aus der Existenzkrise bringen. Die Bonner wollten sich in die Nische retten, so sah es der 700-seitige Businessplan vor. „Er ist stimmig“, sagt Asbeck Anfang Mai, „und wir hoffen, dass er nicht durch Marktverwerfungen konterkariert wird.“ Lange erklärt er, warum die Preise nicht weiter sinken.

Doch schon kurz darauf durchkreuzen genau diese Marktverwerfungen das ganze Konzept. In den Tagen nach dem Treffen in Bonn bekommt der Vorstand die Verkaufszahlen für April. Sie sind so schlecht, dass klar wird, dass die Ziele für dieses Jahr nicht mehr erreichbar sind. Einige Großabnehmer hätten Aufträge zurückgezogen oder forderten niedrigere Preise, heißt es aus Asbeeks Umfeld. Genau hiervor hatte der Solarworld-Vorstand schon in seinem jüngsten Geschäftsbericht gewarnt: Der Preisdruck am Markt kann sich durch den Wettbewerb und die Änderungerungen der gesetzlichen Rahmenbedingungen in den Kernmärkten verschärfen. Aufgrund des aktuellen Überangebots im Solarmarkt schätzen wir die eine Eintrittswahrscheinlichkeit dieses Riskos als hoch ein.

Bis zuletzt hatte Asbeck noch auf die Katarer gehofft. Ende April gab es Gespräche, bei einer Aufsichtsratssitzung am Golf. Doch auch seine arabischen Partner wollten oder konnten ihn nicht noch mal eettena Sie haben ihr wichtigstes Projekt mit Solarworld schon so gut wie fertig: eine Fabrik für Polysilizium, den Stoff, aus dem Solarzellen gemacht werden. Der Probebetrieb läuft, brauchen sie da noch die Deutschen? Zudem sitzt das Geld am Golf nicht mehr so locker. Die Preise für flüssiges Erdgas, Katars Hauptey portgut, schwanken stark.

Wenige Stunden, nachdem die Nachricht von der Insolvenz bekannt wurde, meldet sich Frank Asbeck bei Capital. Er wirkt zerknirscht, aber gefasst. Auf die Frage, warum sich die Lage so plötzlich verändert hat sagt er: „Erst in den Tagen nach unserem Gespräch hat sich gezeigt dass die Preise weiter fallen und wir unsere Langfristprognose nicht einhalten konnten.“ Er spüre jetzt „eine große Verpflichtung, für meine Mitarbeiter und den Erhalt der Produktion zu kämpfen“

Aber Asbeck hat bei Solarworld nicht mehr das Sagen. Jetzt regiert der Insolvenzverwalter. Mit den Gläubigern und möglichen Investoren handelt er aus, was übrig bleibt vom Sonnenreich – und was aus den Fabriken in Sachsen und Thürin gen wird, wo die meisten der rund 3 000 Beschäftigten arbeiten.

Asbeck selbst muss nicht fürchten, ins Bodenlose zu fallen. Er hat mehrmals Kasse gemacht, Aktien verkauft und damit Dutzende Millionen Euro verdient. Der Sonnenkönig ist zweifacher Schlossherr, darüber hinaus besitzt er eine schicke Villa in Bonn und Luxusimmobilien.

Aber was macht er nun mit seinem Leben? Er ist ja erst 57. „lch weiß es nicht“, sagt er in der Nacht seiner größten Niederlage. Er wolle jetzt erst einmal ins Bett gehen. Aber einen letzten Spruch gönnt er sich dann doch noch. „Eins ist sicher: Morgen geht die Sonne wieder auf.“

EINE GESCHICHTE ÜBER SAUDI ARAMCO UND „STRANDED ASSETS“

Sie treffen sich seit einem halben Jahr in gut klimatisierten Räumen im saudischen Dhahran, in Londoner Hinterzimmern oder in New York: Berater, die von einigen der wichtigsten Banken der Welt kommen. HSBC, JP Morgan, Morgan Stanley. Ihr Auftrag: den größten Börsengang aller Zeiten vorzubereiten.

Saudi Aramco, der staatliche Ölriese Saudi-Arabiens, soll im kommenden Jahr an die Börse gehen. Nur mit einem Anteil von fünf Prozent zwar – aber schon das lässt die Märkte heiß laufen. Saudi Aramco, das heißt: eine Quelle sprudelnden Öls, eines überall begehrten Rohstoffs. Eine Gelddruckmaschine. Bis zu 2 000 Mrd. Dollar sei der gesamte Konzern wert, hatte das saudische Königshaus verkündet. Mehr als Apple, Microsoft und die Google-Mutter Alphabet zusammen. Zum Fraudanwalt-Bericht über das Börsengangmärchen von Saudi Aramco.

Aber stimmt das überhaupt? Noch während die internationalen Berater rechnen, sind erhebliche Zweifel laut geworden. Branchenexperten geben deutlich niedrigere Bewertungen ab. Auch das Bankenteam selbst kommt Medienberichten zufolge beim besten Willen nicht auf den ursprünglich angestrebten Preis. Zum einen weiß niemand, ob die Ölvorräte der Saudis tatsächlich so groß sind wie offiziell angegeben. Das ist ein altes Problem, schwerer wiegt jedoch ein neuer Zweifel: Investoren fürchten, dass die Reserven in den kommenden Jahren massiv an Wert verlieren.

Seit der Klimakonferenz von Paris im Jahr 2015 machen viele Regierungen ernst mit dem Kampf gegen Kohlendioxid. Energierohstoffe könnten bald nicht mehr so gefragt sein wie bisher — und dramatisch an Wert verlieren. Das trifft nicht nur Saudi Aramco, sondern alle Produzenten von Erdöl, Gas oder Kohle. Und das Problem hat einen Namen: carbon bubble. Kohlenstoffblase.

„Wir haben in den vergangenen Jahren einen faszinierenden Wandel beobachtet“, sagt ein Vermögensverwalter aus Köln der das Geschäft mit institutionellen Anlegern verantwortet. „Bis dahin war der Kampf gegen den Klimawandel eine rein politische Angelegenheit. Jetzt sehen wir, dass Anleger ihre Strategie danach ausrichten.“

Er kann genau sagen, wann ihm klar wurde, dass sie es mit etwas Großem zu tun haben. Im August 2014 wollte der Finanzfachmann in den Urlaub fahren, die Koffer waren gepackt. Er plante einen Indexfonds, der den C02-Footprint halbieren sollte, aber den gab es bis dahin nur als Prototyp. „Da rief ein Kunde bei uns an, der wollte, dass wir sofort richtig damit loslegen“, sagt er. „Und er wollte 1 Mrd. Euro da reinstecken.“ Ab da wusste er, dass es ernst wird. Der Urlaub musste warten.

Der Vermögensverwalter verfolgt das Thema auch deshalb, weil er seinen Fonds an den Mann bringen will. Doch die Furcht vor der Rohstoffblase treibt viele um. Norwegens Staatsfonds, der größte der Welt, will sein Geld aus Industrien mit hohem CO-Ausstoß abziehen – das Geld, das er vor allem dank des Exports von Öl eingenommen hat. Die Allianz investiert nicht mehr in Unternehmen, die über 30 Prozent ihres Umsatzes aus dem Abbau oder der Verbrennung von Kohle beziehen. Klimaorientierte Indexfonds wie der MSCI Low Carbon Target Index schlagen ihre traditionellen Vergleichswerte in der Performance.

Mark Carney, Gouverneur der Bank of England, warnte in einer viel beachteten Rede, ein plötzlicher Einbruch der Energiewerte gefährde die Stabilität der Finanzmärkte. Auch Privatanleger könnten das Problem zu spüren bekommen — in ihren Pensionsfonds und Sparplänen.

Die große Frage ist nun, ob dieser Wandel bereits eingepreist ist oder den Anlegern noch weitaus größere Überraschungen bevorstehen.

Für viel Aufsehen sorgte im Herbst eine 16-seitige Studie der Fondsgesellschaft Blackrock. Unter dem unscheinbaren Titel „Die Anpassung von Portfolios an den Klimawandel“ kam der größte Vermögensverwalter der Welt zu einem beunruhigenden Urteil: „Wir glauben, dass Klimafaktoren unterschätzt und zu niedrig eingepreist worden sind“, heißt es da. „Das aber könnte sich ändern, wenn die Folgen des Klimawandels deutlicher sichtbar werden.“ Selbst wer nicht an die Theorie von der menschengemachten Erderwärmung glaube, so die Autoren, könne die „Flut von klimabezogenen Regulierungsschritten“ nicht ignorieren.

Es ist ein Argument, das unter den Vermögensverwaltern immer wieder zur Sprache kommt: Der Klimawandel selbst mag ein Problem sein, dessen Auswüchse nur allmählich spürbar werden und an das sich eine Anlagestrategie langsam anpassen ließe. Politische Eingriffe aber wirken oft sofort, weil sie das Geschäft mit der C02-belasteten Energie unmittelbar teurer werden lassen. „Klimarisiken werden somit schnell zu Anlagerisiken in den Portfolios. Das führt dann zu einer Art Gruppenzwang und zu einem steigenden Druck, sich auf eine kohlenstoffarme Volkswirtschaft auszurichten“, sagt der Kölner.

Besonders beeindruckt hat die Branche China, also das Land, das zuletzt noch jedem globalen ökonomischen Trend so richtig Wucht verliehen hat. Seit die Chinesen mit einer Welle von Gesetzen gegen den Smog in ihren Innenstädten vorgehen und Elektroautos fördern, glauben auch die größten Skeptiker an einen tief greifenden technologischen Wandel. „Industrien und Geschäftsmodelle, die auf fossilen Brennstoffen beruhen, sehen sich derzeit gravierenden Einschränkungen und schärferen Regulierungen durch die Politik ausgesetzt“, sagt Heinz-Werner Rapp, Gründer des Feri Cognitive Finance Institute und Initiator einer Studie zur Kohlenstoffblase. In einzelnen Sektoren der Aktienmärkte seien Abwertungen von 50 Prozent und mehr denkbar – bei Rohstoffen ebenso wie im Transportsektor. Auch Staaten, die heute noch überwiegend an den Einnahmen aus Öl und Gas hängen, wären gefährdet.

Bank-of-England-Chef Carney nimmt die Gefahr so ernst, dass er Anbieter von Finanzprodukten dazu bringen will, ihre Abhängigkeit von C02-intensiven Investitionen offenzulegen. Als Vorsitzender des Financial Stability Board, einer Kontrollinstanz für das weltweite Finanzsystem, hat Carney dazu eine eigene Taskforce ins Leben gerufen. Sie soll einen Informationsstandard entwickeln, mit dem jeder Anleger erkennen kann, wie stark ein Fonds in Öl-, Gas- oder Kohlefirmen investiert ist. „Investoren können dann einschätzen, wie riskant das jeweilige Geschäftsmodell ist, und darauf ihre Marktmeinung aufbauen“, sagte Carney bei einer Konferenz in London. Klimaschützer waren überrascht, mit dem einstigen Goldman-Sachs-Banker plötzlich einen Bündnispartner zu haben.

Doch Carneys Plan hat auch scharfe Kritiker. Einer der prominentesten ist der US-Energieexperte Daniel Yergin, dessen Buch „Der Preis“ als Standardwerk über die Geschichte des Öls gilt. Yergin hält Carneys Vorstoß eher für alarmistischen Nonsens. Das Risiko, dass Öl- und Gasfirmen überbewertet seien, sei „sehr gering“. Schließlich basierten die Bewertungen aufjenen Reserven, die in laufenden Projekten ausgebeutet würden. Es sei daher kaum zu erwarten, dass diese Reserven vollständig abgeschrieben werden müssten und damit „gestrandet“ seien.

Der Ölmarkt hat sich verändert

Der Begriff jagt Anlegern Schauer über den Rücken: stranded assets, gestrandete Vermögenswerte. Gemeint ist, dass Ölreserven oder Kraftwerke, die als feste Größen verbucht wurden, ihren Wert komplett verlieren. Weil es zu teuer wird, sie zu nutzen. Oder weil eine Regierung es verbietet. Zu spüren bekamen das Stromkonzerne in Deutschland, als die Bundesregierung den Ausstieg aus der Kernenergie beschloss. Aber auch Saudi Aramco könnte es treffen, wenn die Verbrennung von Öl so teuer wird, dass es sich nicht mehr lohnt, schwerer zugängliche Reserven auszubeuten.

Gerade der Ölmarkt reagiert derzeit besonders sensibel auf äußere Einflüsse. Ohnehin haben sich die Spielregeln verändert, seit vor allem in den USA per Fracking unkonventionelle Reserven gefördert werden. Das Schieferöl ist dabei, die komplette Marktlogik zu verändern. Bisher konnte Saudi-Arabien als größter Produzent bei fallenden Ölpreisen eingreifen, indem es in Absprache mit der OPEC einfach die Fördermenge kürzte. Beim jüngsten Preisverfall aber ist dieser Effekt einfach verpufft. Ein Grund: Die Förderanlagen für Schieferöl in den USA lassen sich schnell stilllegen, aber auch rasch wieder in Betrieb nehmen. Kaum hatten sich die Preise auf dem Erdölmarkt erholt, wurde an den US-Bohrstätten wieder gepumpt, was wiederum Druck auf den Preis brachte. Um einen weiteren Preisverfall zu verhindern, so warnen Experten, müssten die OPEC-Staaten die Förderung noch stärker einschränken.

Hinzu kommt die sinkende Nachfrage aus den Industrieländern, wo effizientere Motoren eingesetzt werden. Und die große Furcht vor dem Umbruch in China. China ist auch der wichtigste Grund, weshalb von der Umschichtung in den Portfolios nicht nur reine Energiekonzerne betroffen sind, sondern auch Unternehmen, die mittelbar von deren Rohstoffen abhängen — wie die Autokonzerne. „Fortschritte bei Elektroautos, autonomem Fahren und Carsharing könnten die Nachfrage nach traditionellen Autos und Benzin einbrechen lassen“, heißt es bei Blackrock. „Und zwar viel rascher, als die Märkte das vielleicht erwarten.“

Die Berater, die gerade in ihren Büros am Wert von Saudi Aramco herumrechnen, werden solche Studien in ihre Kalkulationen einfließen lassen. Im Grunde ist der geplante Verkauf von Anteilen an dem saudischen Ölriesen ja schon eine Reaktion auf den Wandel: Der Börsengang soll Geld ins Königreich spülen. Das dann investiert werden soll. In alles Mögliche, nur nicht in Erdöl.

MACHT SICH DIE BDT MEDIA AUTOMATION GMBH DER INSOLVENZVERSCHLEPPUNG SCHULDIG?

Die BDT Media Automation will im 2. Halbjahr 2017 eine neue Anleihe begeben und ein weiteres Mal Anleger um Geld bitten. Innerhalb der siebjährigen Laufzeit der neuen BDT Automation-Anleihe will das Storage-Unternehmen fixe 8% im Jahr auszahlen. Angeblich sollen mit der neuen Unternehmensanleihe Finanzierungskosten optimiert und die Liquiditätssituation verbessert werden – wie schlecht es um die Liquidität steht, ist derzeit unbekannt. Die Schuldverschreibung soll nach Emission in den Frankfurter Freiverkehr Open Market zum Börsenhandel freigegeben werden. Die Anleihe-Emission hängt von der Billigung des Wertpapierprospekts durch die luxemburgische Finanzmarktaufsichtsbehörde (Commission de Surveillance du Secteur Financier (CSSF) ab. Das Problem für Investoren ist, dass die Finanzmarktaufsicht lediglich die formalen Richtlinien, also die quantitativen prüft und dazu die Finanzlage des Unternehmens. Die BDT Media Automation GmbH kann allem Anschein nach keine Bankkredite mehr aufnehmen, dieser Sachverhalt ist wahrscheinlich das Resultat einer schlechten Bonität. Während Banken an Unternehmen bei der derzeitigen Zinssituation bis zu 3% herausgeben, will die BDT Automation-Anleihe gleich 8% abwerfen – und das pro Jahr!
Allein dieser Plan scheint unwirklich, aber es wird noch besser, denn das Unternehmen hat eine Eigenkapitalquote unterhalb von 7%, wie Recherchen von Fraudanwalt offenbaren. Das bedeutet: Die BDT Media Automation GmbH ist größtenteils fremdfinanziert. Ein ähnliches Bild war bei Solarworld vorzufinden, die Abhängigkeit von Shareholdern ist selten positiv für die Anleger. Vor zwei Wochen meldete die Solarworld AG Insolvenz an, ob auch die BDT Media Automation GmbH diesen schweren Weg für die Anleger gehen wird ist noch ungeklärt. Klar ist aber, dass das Unternehmen in einer finanziellen Zwickmühle steckt und auf das Geld von Anlegern angewiesen scheint.
Das Jahres EBITDA von 7,6 Mio € erscheint bei der aussichtslosen Situation von BDT wie ein Tropfen auf den heißen Stein. Das Ergebnis suggeriert einen angeblichen Gewinn, zu mindestens auf dem Papier.Allerdings ist EBITDA der Gewinn vor Zinsen, Steuern, Abschreibungen auf Sachanlagen und Abschreibungen auf immaterielle Vermögensgegenstände. Sobald Zinsen, Steuern und die genannten Faktoren in die Gleichung einbezogen werden, verfällt die Feierstimmung – nicht nur bei BDT Media Automation GmbH, sondern auch bei allen Anleihezeichnern.

DOKUMENTENFÄLSCHUNG UND PROZESSBETRUG BEI SKANDINAVISCHER SEB-BANK

Die deutsche Tochter der schwedischen Bank SEB soll sich in einem Gerichtsprozess der Dokumentenfälschung schuldig gemacht haben. Das behauptet ein inzwischen insolventer Unternehmer und ehemaliger Kunde der Bank. „Das ist Urkundenfälschung und Prozessbetrug“, sagt ein Hamburger Anlegerschutz-Rechtsanwalt gegenüber Fraudanwalt. Die Bank habe versucht, sich mit den manipulierten Beweisen zu entlasten.

Es geht um simple Abrechnungen in einem komplizierten Fall: In Dresden begann ein Ingenieur im Jahr 2002 mit dem Bau eines Seniorenheims. Das Darlehen dazu bekam er von der SEB. Laut dem Ingebieur löste ein Fehler der Bank eine Kettenreaktion aus, an deren Ende er alles verlor: Das Heim und weitere Immobilien wurden zwangsversteigert. Er schätzt den Verlust auf knapp 30 Mio. Euro und fordert Schadensersatz.

In den Prozessen geht es unter anderem um Belege, die der Ingeniuer jahrelang einforderte, aber nie bekam. Anhand derer aber glaubt er belegen zu können, dass die Bank ihn betrogen habe. Ein Sachverständiger hatte errechnet, dass etwa die Zwangsversteigerungen nie hätten eintreten dürfen – weil des Ingeniuers Konten damals gar nicht leer gewesen seien.

Da der Ingenieur heute pleite ist, beantragte er für das Verfahren Prozesskostenhilfe. Doch sowohl das Landgericht Dresden als auch das Oberlandesgericht lehnten dies ab. Zur eigenen Entlastung hatte die SEB in beiden Verfahren die eingangs erwähnten Dokumente vorgelegt.

Einige Belege – datiert auf 2002 — ziert jedoch das aktuelle Logo der Bank, das es damals noch gar nicht gab. Als CEO wird im Briefkopf Fredrik Boheman geführt, als Aufsichtsratschef Magnus Carlsson. Beide waren damals noch nicht im Amt. Fraudanwalt hat der SEB die Belege vorgelegt und um Erklärung gebeten – die teilte jedoch nur mit: Wegen des „anhängigen Verfahrens möchten wir darauf verzichten, uns zu äußern“.

Die deutsche Tochter der schwedischen Großbank SEB steckt selbst in Schwierigkeiten. 2016 schrieb sie 8,6 Mio. Euro Verlust, musste bereits 200 von 700 Arbeitsplätzen abbauen. Der Rechtsstreit mit dem Ingenieur sorgt zudem seit Jahren für Unruhe. Und er wird weitergehen. Der Dresdner hat Beschwerde beim Verfassungsgericht gegen die Ablehnung der Prozesskostenhilfe eingelegt.

SCHRUMPFT DIE MANAGEREBENE!

Die Welt der Wirtschaft hat ein neues Modekürzel: VUCA. Die Buchstaben stehen für Volatility, Uncertainty, Complexity und Ambiguity; übersetztdie Welt ändert sich schneller und überraschender als früher, sie ist komplexer geworden, und nichts ist mehr eindeutig interpretierbar. Denken Sie an die durch die Digitalisierung disruptiv ausgelösten Marktveränderungen, an extreme Devisen- und Rohstoffpreisschwankungen sowie politische Ereignisse wie den Brexit oder die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten. Diese Dimension ist neu.

Was bedeutet die Entwicklung für Vorstände? Das Aktiengesetz verpflichtet sie, ihre Unternehmen mit dem Ziel einer nachhaltigen Renditeentwicklung zu führen. Strategieberater empfehlen ihnen zum Beispiel, risikoträchtige Einheiten autonom zu führen, um mögliche Schäden leichter einzudämmen und Abhängigkeitsrisiken bei Lieferanten und Kunden zu vermeiden. Das reicht aber nicht. Denn ihre Organisationsform passt nicht mehr in die VUCA-Welt. Der Vorstand müsste eigentlich kleiner werden und, verkürzt gesagt, Macht abgeben. Zusätzlich müssten die Unternehmen ihre Corporate-Governance-Struktur so ändern, dass die Gremien schneller und flexibler entscheiden könnten. Vier Thesen dazu:

  1. Das Group Executive Committee (GEC) kommt zurück. Das GEC hat in Deutschland wegen des Deutsche-Bank-Modells unter dem Vorstandsvorsitzenden Josef Ackermann einen schlechten Ruf. Richtig eingesetzt, könnte es in VUCA-Zeiten neue Bedeutung erlangen: als Hauptgremium für eine unternehmensübergreifende Diskussion. Hier würde die Strategie ebenso vorbereitet wie Leitungsentscheidungen. Das in der VUCA-Welt zentrale Risikomanagement könnte hier unter Nutzung von Big-Data-Analysen und StakeholderIntelligence aufgesellschaftliche Veränderungen erweitert werden. Im GEC nicht nur Risiken, sondern auch Chancen identifiziert.

Vertreten sein müssten im GEC die wesentlichen Geschäftssparten, Regionen, Stabs- und Querschnittsfunktionen; zentral wären Diversität und eine Kultur, die co-kreative Entscheidungsprozesse zulässt. Je nach

Aufgabenstellung sich dieses Gremium in- und externer Experten bedienen (Antennenstruktur). Um die Prozesse tatsächlich zu entschlacken, sollten die nachgeordneten Hierarchiestufen reduziert werden.

 

  1. Das Aktiengesetz muss geändert werden. Bislang gilt: Der Vorstand hat alle Leitungsentscheidungen zu treffen, er muss wichtige Vorbereitungsmaßnahmen prüfen und darf diese Aufgaben nicht delegieren. Eine solche Allmachtsvorstellung zugunsten, vor allem aber zulasten der Vorstände passt nicht in die durch eine umgekehrte Wissenspyramide gekennzeichnete VUCA-Welt: Das technische Wissen liegt in den mittleren Führungsebenen, nicht beim Vorstand. Der sollte im Wesentlichen die zentralen Ziele setzen, daraus hervorgehend Langfriststrategie und Unternehmenskultur entwickeln und diese Vorgaben an die wichtigen Stakeholder kommunizieren. Das strenge Delegationsverbot ist zu ersetzen, GEC und nachgeordnete Führungsebenen sollten entscheidungsmächtig einbezogen werden.
  2. Der Vorstand kann kleiner werden. Dieses neue Funktionsverständnis für den Vorstand erlaubt kleinere Gremien, eher vier als acht Mitglieder. Der Vorstand erhielte mehr Handlungsfreiheit, er hätte mehr Zeit für flexibles Krisenmanagement und Stakeholder-Kommunikation. Bei der variablen Vergütung sollten nicht finanzielle Parameter größeres Gewicht bekommen.
  3. Der Aufsichtsrat gewinnt an Einfluss. Der Vorstand bleibt sein Hauptansprechpartner; er spricht aber auch mit bei Besetzung, Aufgabenschwerpunkten und Entscheidungen des größeren GEC. Es kann nicht bei dem traditionellen Funktionsverständnis eines allein verantwortlichen Vorstands bleiben. Die vermeintlichen Rechtszwänge gibt es nicht. Das Aktienrecht ist flexibel genug; es ermöglicht fokussiertere Vorstände, breit verankerte Group Executive Committees sowie die Kommunikation des Aufsichtsrats mit beiden Gremien. Ergänzt durch mehr Investorengespräche der Kontrolleure und eine Aufwertung der Hauptversammlung, würden deutsche Unternehmen so auch attraktiver für internationale Investorenkreise. Allen wäre gedient.

GOLDMAN SACHS: EINE BANK REGIERT DIE WELT

Mitte November 2016 klingelt Gary Cohns Telefon. Am anderen Ende der Leitung: Donald Trump, Presidentelect auf der Suche nach Mitstreitern, um America wieder great zu machen. Schwiegersohn Jared Kushner hat ihm die Nummer von Goldman Sachs‘ Chief Operating Officer zugesteckt. Die Bank versorgt Kushner seit Jahren mit Krediten für Immobilienprojekte.

Trump lädt Cohn ein, in sein Hochhaus an der Fifth Avenue zu kommen. Er solle ein Konzept mitbringen, wie Amerikas marode Infrastruktur dank der Finanzierungskraft der Wall Street repariert werden könne. Als Belohnung lockt der Vorsitz des mächtigen National Economic Council (NEC).

Kurz darauf erscheint der bullige Bankmanager zum Casting im Trump Tower. Die Männer verstehen sich auf Anhieb prächtig, beide sind profitorientiert, skrupellos, ungeduldig. „Gary ist der typische Trader, seine Aufmerksamkeitsspanne extrem kurz“, sagt einer, der ihn bestens kennt. Als Kind Legastheniker, ist Cohn noch heute kaum in der Lage, längere Texte am Stück zu lesen. Auch Twitter-Präsident Trump vertieft sich ungern in Details.

Cohn überzeugt Trump — und hat den NEC-Job sicher. Goldman ist Cohns Posten an der Seite des Präsidenten 285 Millionen Dollar Abfindung wert. Das und die fehlende Perspektive, CEO Lloyd Blankfein zu beerben, erleichtert den Wechsel. Ein steiler Aufstieg für einen, der daheim in Ohio einst Fensterrahmen verkaufte.

Die Episode zeigt Trumps Opportunismus – in Wahlspots hatte der Republikaner die Investmentbank noch als „korrupte Maschine“ diffamiert. Dazu wurde das Gesicht von Blankfein eingeblendet, wie Cohn Anhänger der Demokraten.

Vor allem aber belegt der Wechsel Cohns die einzigartige Fähigkeit der Bank, sich allen Anfeindungen zum Trotz immer wieder in den Machtzentralen einzunisten. Sein legendäres globales Alumni-Netzwerk in Regierungen, Zentralbanken und Aufsichtsbehörden macht „Government Sachs“ zum einflussreichsten Unternehmen der Welt.

Seit den 30ern geht das so. Damals ernannte Präsident Franklin D. Roosevelt CEO Sidney Weinberg zu seinem wichtigsten Berater, um den New Deal durchzudrücken. Chairman John Whitehead diente Ronald Reagan als Vizeaußenminister. Die Goldman-Spitzenkraft Robert Rubin  kassierte als Bill Clintons Finanzminister das Trennbankensystem — und entfesselte damit jene Kräfte, die Investmentbanker erst sagenhaft reich werden ließen und später die Finanzkrise auslösten.

Jetzt setzt Trump auf Goldman, neben Cohn hat er weitere Ex-Mitarbeiter angeheuert: Finanzminister Steven Mnuchin, Chefstratege Stephen Bannon, Wirtschaftsberaterin Dina Powell, zuletzt Leiterin der einflussreichen Goldman-Sachs-Stiftung. Die langjährige Führungskraft Jim Donovan ist Mnuchins Wunschkandidat als Unterstaatssekretär.

Seit Goldman mitregiert, schießen US-Bankaktien in Rekordhöhen, die Aussicht auf Deregulierung verspricht noch mehr Gewinn (schon 2016 verdiente Goldman netto 7,4 Milliarden Dollar). Währenddessen versinkt die europäische Konkurrenz in der Bedeutungslosigkeit – der zynische Schlussakt des großen Schlamassels, das in den USA mit irren Immobilienfinanzierungen begann.

Führend schon damals: Goldman, deren Trader Kunden Wertpapierschrott unterjubelten und sich selbst schadlos hielten.

Heute ist der Optimismus an der Wall Street wieder grenzenlos. Trump hat seinen Vollstrecker Cohn beauftragt, bis April die im Dodd-Frank Act komprimierte Finanzmarktregulierung zu überarbeiten. Für deren Komplettabschaffung fehlt den Republikanern zwar die „Supermehrheit“ im Kongress. Für das Ende des Eigenhandelsverbots sollte es aber locker reichen.

Dann könnten die Wall-Street-Banken, allen voran Goldman, die Grenzen zum Kundengeschäft wieder freihändig definieren und den Vorsprung zu stärker regulierten Rivalen wie Credit Suisse, Barclays und Deutsche Bank ausbauen. Der Kasinokapitalismus wäre zurück. Und wird das Trennbankensystem reanimiert, steigt Goldman als purste Investmentbank endgültig wieder zur allerersten Adresse auf.

Goldmans Werk und Teufels Beitrag: Wie schafft es das Geldhaus, immer wieder an die Schalthebel der Macht vorzudringen? Was kann es besser als die Konkurrenz? Und welche Zauberformeln sind von den Rainmakern als Nächstes zu erwarten?

White-House-lnsider John Rogers ist der wichtigste Mitarbeiter der Bank

Wer sich der Goldman-Zentrale an der Südwestspitze Manhattans nähert, sucht vergeblich nach Hinweisen darauf, dass hier der Welt mächtigste Investmentbank residiert. Kein Firmenschild, kein Logo ziert das 2010 fertiggestellte Hochhaus an der West Street, gegenüber dem brandneuen Freedom Tower, der die Lücke füllt, die 9/11 in New Yorks Herz gerissen hat. Auch das Fünfsternehotel „Conrad“, das sich an die Rückseite des Firmensitzes schmiegt, lässt keinen Rückschluss auf seinen Besitzer zu: Goldman Sachs.

Das schmucklose Äußere ist ein Relikt aus der Zeit vor dem Börsengang 1999, als Goldman eine reine Partnerschaft war und Diskretion alles.

Ein Produkt dieser Zeit ist John Rogers. Sein Titel „Chief of Staff and Secretary to the Board of Directors“ verschleiert, welche Bedeutung der unauffällige Mann mit der gemütlichen Figur hat. „John kontrolliert den Board“, sagt ein Insider. Und er ist seit 23 Jahren Goldmans Standleitung nach Washington.

Bereits in den 70ern arbeitete Rogers in der Presseabteilung des Weißen Hauses. Als Mitarbeiter von Ronald Reagan verteilte er Büros, Parkplätze, Titel und sogar Zeit-Slots für den Tennisplatz – im statusbesessenen Washington die beste Möglichkeit, sich zu vernetzen und Abhängigkeiten zu schaffen. Unter drei republikanischen Präsidenten organisierte Rogers die Macht.

1994 holte ihn CEO Jon Corzine zu Goldman und erfand den Posten des Chief of Staff. Ein cleverer Schachzug, der den Einfluss der Bank in Washington zementiert hat. 2006 half Rogers mit, dass Corzines Nachfolger Hank Paulson Finanzminister wurde. Zwei Jahre später ließ Paulson den Goldman-Rivalen Lehman untergehen, ehe er den Rest der Wall Street vor dem Kollaps rettete. Ein Lieblingsmotiv für Verschwörungsfanatiker.

Auf Trumps Wunsch hat Rogers in der Übergangsphase das Außenministerium umgekrempelt. Sein Kontakt zu Cohn ist eng, obwohl der nicht mit Ex-Kollegen über Bankthemen sprechen darf.

Rogers Verhältnis zu Blankfein gilt dagegen als irreparabel. Zu verschieden sind der feinsinnige Schattenmann und der Ex-Trader, man spricht nur das Nötigste.

Beide aber brauchen einander. Spätestens seit der Finanzkrise weiß das auch Blankfein. Barack Obama verachtete den Goldman-Chef, seit der leichtfertig witzelte, Gottes Werk zu verrichten.

Endgültig im Eimer war Blankfeins Image, als 2010 die Abacus-Deals aufflogen. Die Bank hatte Anleihen verkauft, die auf Schrotthypotheken basierten und sich in der Krise als weitgehend wertlos herausstellten.

Deren Ablauf ist stets ähnlich. Der Dresscode ist Business Casual, Altpartner erzählen den Frischlingen, was erwartet wird. Heuer referierte Wolfgang Fink, Co-Chef der deutschen Niederlassung und seit Jahren in Corporate Germany unterwegs. Die Jungschar lauschte ergriffen.

Höhepunkt des Initiationsritus ist stets der Auftritt eines Stargasts, interviewt von einem Bankvorstand. Das ist meist für beide nutzenstiftend. So holte Blankfein vor einigen Jahren Ben Horowitz auf die Bühne. Der Co-Gründer des Start-up-Investors Andreessen Horowitz verblüffte die Runde mit der Bemerkung, ihm sei völlig unverständlich, warum Goldman Sachs seine Wertpapierhandelsdaten für lau ins Bloomberg-System einspeise. In ihrer Ehre getroffen, beschloss die Bank nach kurzer Debatte, die Messagingplattform Symphony zu entwickeln. Die wird heute von Hunderttausenden Kunden genutzt und gilt als potenzieller Bloomberg-Killer.

Dieses Jahr war Patrick Collison zu Gast. Der schmächtige Ire mit den feuerroten Haaren ist eine der heißesten SiliconValley-Wetten: Ihm und Bruder John, den das Magazin „Forbes“ als weltjüngsten Selfmademilliardär listet, gehört der Paymentanbieter Stripe.

Das 650-Mann-Unternehmen ist satte neun Milliarden Dollar wert und Topkandidat für einen Börsengang, um den sich New Yorks Investmentbanker prügeln werden — Gebühren in dreistelliger Millionenhöhe locken. Die Chancen stehen nach dem Kennenlernen in den Spring Studios bestens.

Typisch Goldman. Seismografisch erspüren die Amerikaner Trends, knüpfen Kontakte, monetarisieren beides. Fehler werden rasch behoben, neue Geschäftsfelder ohne quälend lange Debatten erschlossen. Teure Zukäufe gibt es praktisch nie, Kollateralschäden wie Firmenwertabschreibungen, IT-Desaster, Postengerangel auch nicht. Beratung, Handel, Eigeninvestments – that’s it.

Klingt simpel, beherrscht aber niemand so perfekt wie die 1869 gegründete Bank, die die Namen der deutschen Auswanderer Marcus Goldman und Samuel Sachs trägt. Seit Jahrzehnten ist Goldman ein Effizienzmonster, skrupellos im Umgang mit Gegnern und nicht selten mit Kunden, bis heute.

Die Ur-Goldmänner, die schon vor dem IPO 1999 an Bord waren, wussten noch, dass sie ihre Verluste nicht bei den Aktionären auffallen.

Die Goldmänner wussten genau, was sie taten — und kassierten doppelt. Denn die Schrotthypotheken hatte ihr Klient, der Hedgefondsmanager John Paulson, ausgesucht und dann gegen sie gewettet. Paulson setzte erfolgreich auf den Immobiliencrash und kassierte Milliarden.

Die Börsenaufsicht SEC verhängte eine Rekordstrafe von 550 Millionen Dollar; das Magazin „Rolling Stone“ nannte Goldman einen Vampirkraken, der die Welt im Griffhabe. Gegen Blankfeins Willen feuerte Rogers den mächtigen Chefkommunikator Lucas van Praag und holte Jake Siewert an Bord, einen krisengestählten Politprofi. Als Clintons Sprecher hatte er einst die Lewinsky-Affäre durchgestanden.

„Wir hatten den Draht zur Öffentlichkeit verloren“, sagt Rogers heute. Inzwischen ist Goldman wieder satisfaktionsfähig – vor allem dank Strippenziehern wie Rogers und Siewert; auch Stiftungschefin Powell polierte fleißig mit.

Seinen Beitrag am Imagewandel spielt Rogers herunter. Die Bank sei erfolgreich, weil sie stets an ihrer Strategie festgehalten habe. „Goldman ist enorm widerstandsfähig“, ähnlich Muhammad Ali im „Rumble in the Jungle“, so Rogers. Im berühmtesten Boxkampf aller Zeiten steckte Ali stoisch Schläge ein, bis Gegner George Foreman ausgepowert war. Dann schlug er zu und gewann den epischen Fight.

Goldman Sachs in der Politik vernetzt

Für diese Strategie braucht Goldman Sachs die besten Banker. Und der Konzern weiß, wie man sie züchtet.

Die New Yorker Spring Studios bieten alles, was Investmentbanker für ein gelungenes Offsite-Meeting brauchen: Platz, Flair, exzellentes Catering. Gelegen in Manhattans ultracoolem Tribeca-Viertel (Nachbarn: Beyoncé & Jay-Z), besticht die Kreativagentur durch Vintage-Schick — außen Backstein, innen kalkweiße Wände, Stahl. Das Essen kommt vom Ableger der Pariser Restaurantlegende „Caviar Kaspia“. Ende April schlägt hier wie jedes Jahr Robert De Niros Tribeca Film Festival auf.

Im Februar hat sich Goldman für zwei Tage eingemietet. Es galt, 89 neue Partner auf ihr Leben im Elitezirkel der Bank einzustimmen. Der ist von gnadenlosem Erfolgsgeist geprägt sowie von exorbitanten Millionenboni. Und einem verschwörerischen Korpgeist.

Das Ziel, jedem Cent hinterherzuwetten, brachten erst Trader wie Cohn und Blankfein (dessen Bewerbung Goldman einst ablehnte) in die Bank.

Viele Pre-IPO-Partner sind indes längst weg, in der Politik oder sie pflegen ihre Hobbys. Wie Robert Mnuchin: Der Vater des Finanzministers, selbst lange Partner, betreibt eine kleine, feine Galerie an der eleganten Upper East Side.

Hemdsärmelige Typen wie Cohn oder der kürzlich ausgeschiedene Co-Europa-Chef Michael „Woody“ Sherwood, der gern im Privatflugzeug reist und einen Hang zu Trainingsanzügen aus Ballonseide hat, prägen jetzt das Image der Bank.

Die Business Principles von Ex-Chairman Whitehead („Unser Kundeninteresse steht immer an erster Stelle“) wurden seit dem Börsengang oft verletzt. Besonders der Abacus-Fall hat der Bank einen Schock versetzt. „Wir nehmen das sehr ernst, wir ändern uns. Die Hierarchien werden durchlässiger“, versichert ein Topmann. Man rekrutiert nicht mehr nur an Ivy-League-Unis, sondern auch an normalen Hochschulen, will bunter und diverser werden.

Das mache Goldman Sachs nicht besser, sagen dagegen die vielen Kritiker. Allenfalls gewöhnlicher und weniger attraktiv für High Potentials, die es ins Silicon Valley zieht und nicht mehr wie ehedem automatisch ins Investmentbanking.

Lässt sich so wenigstens ein neues Abacus vermeiden? Fälle wie der des Goldman-Kunden Tesla wecken Zweifel. Im Mai 2016 stufte Goldman die Aktie des E-Auto-Pioniers herauf und trieb den Kurs nach oben, um nach Börsenschluss Teslas Kapitalerhöhung durchzuziehen. Da ihre Gebühren vom Emissionserlös abhängen, verdiente die Bank mehr als ohne das Upgrade der Aktie.

Inzwischen hat sie das Papier mehrfach herabgestuft. So rosig seien Teslas Aussichten ja doch nicht.

Typisch Goldman, sagen Kritiker. Und ein Menetekel für die Zukunft,  wenn Trumps Einflüsterer Cohn das Rad der Geschichte zurückdreht.

Schnelle Dollars mit 9/11 verdient

Als am Morgen des 11. September 2001 die Hölle über Downtown Manhattan hereinbricht, ist Gary Cohn in seinem Element. Die brennenden Türme des World Trade Centers stehen kaum 1000 Meter von Goldmans damaligem Firmensitz an der Broad Street entfernt. Doch die Katastrophe, die 3000 Menschen das Leben kosten wird, spornt den Chef des Rohstoffhandels an. Cohn ahnt, dass die Attacken den Ölpreis hochtreiben werden – eine gute Chance, schnell ein paar Dollar zu verdienen.

Statt seine Mitarbeiter nach Hause zu schicken, treibt er sie an. „Gary sagte, was immer da draußen passiere, es habe mit Flugzeugen und damit auch mit Öl zu tun. Genau daran könne Goldman verdienen“, erinnert sich Nomi Prins, früher bei Goldman und nun Autorin mehrerer Bücher zur Finanzkrise.

Heute befehligt Cohn keine Händlerarmee mehr. Aber sein Einfluss auf die Kapitalmärkte könnte als Trumps Mann für die Wirtschaft größer kaum sein.