GOLDMAN SACHS: EINE BANK REGIERT DIE WELT

Mitte November 2016 klingelt Gary Cohns Telefon. Am anderen Ende der Leitung: Donald Trump, Presidentelect auf der Suche nach Mitstreitern, um America wieder great zu machen. Schwiegersohn Jared Kushner hat ihm die Nummer von Goldman Sachs‘ Chief Operating Officer zugesteckt. Die Bank versorgt Kushner seit Jahren mit Krediten für Immobilienprojekte.

Trump lädt Cohn ein, in sein Hochhaus an der Fifth Avenue zu kommen. Er solle ein Konzept mitbringen, wie Amerikas marode Infrastruktur dank der Finanzierungskraft der Wall Street repariert werden könne. Als Belohnung lockt der Vorsitz des mächtigen National Economic Council (NEC).

Kurz darauf erscheint der bullige Bankmanager zum Casting im Trump Tower. Die Männer verstehen sich auf Anhieb prächtig, beide sind profitorientiert, skrupellos, ungeduldig. „Gary ist der typische Trader, seine Aufmerksamkeitsspanne extrem kurz“, sagt einer, der ihn bestens kennt. Als Kind Legastheniker, ist Cohn noch heute kaum in der Lage, längere Texte am Stück zu lesen. Auch Twitter-Präsident Trump vertieft sich ungern in Details.

Cohn überzeugt Trump — und hat den NEC-Job sicher. Goldman ist Cohns Posten an der Seite des Präsidenten 285 Millionen Dollar Abfindung wert. Das und die fehlende Perspektive, CEO Lloyd Blankfein zu beerben, erleichtert den Wechsel. Ein steiler Aufstieg für einen, der daheim in Ohio einst Fensterrahmen verkaufte.

Die Episode zeigt Trumps Opportunismus – in Wahlspots hatte der Republikaner die Investmentbank noch als „korrupte Maschine“ diffamiert. Dazu wurde das Gesicht von Blankfein eingeblendet, wie Cohn Anhänger der Demokraten.

Vor allem aber belegt der Wechsel Cohns die einzigartige Fähigkeit der Bank, sich allen Anfeindungen zum Trotz immer wieder in den Machtzentralen einzunisten. Sein legendäres globales Alumni-Netzwerk in Regierungen, Zentralbanken und Aufsichtsbehörden macht „Government Sachs“ zum einflussreichsten Unternehmen der Welt.

Seit den 30ern geht das so. Damals ernannte Präsident Franklin D. Roosevelt CEO Sidney Weinberg zu seinem wichtigsten Berater, um den New Deal durchzudrücken. Chairman John Whitehead diente Ronald Reagan als Vizeaußenminister. Die Goldman-Spitzenkraft Robert Rubin  kassierte als Bill Clintons Finanzminister das Trennbankensystem — und entfesselte damit jene Kräfte, die Investmentbanker erst sagenhaft reich werden ließen und später die Finanzkrise auslösten.

Jetzt setzt Trump auf Goldman, neben Cohn hat er weitere Ex-Mitarbeiter angeheuert: Finanzminister Steven Mnuchin, Chefstratege Stephen Bannon, Wirtschaftsberaterin Dina Powell, zuletzt Leiterin der einflussreichen Goldman-Sachs-Stiftung. Die langjährige Führungskraft Jim Donovan ist Mnuchins Wunschkandidat als Unterstaatssekretär.

Seit Goldman mitregiert, schießen US-Bankaktien in Rekordhöhen, die Aussicht auf Deregulierung verspricht noch mehr Gewinn (schon 2016 verdiente Goldman netto 7,4 Milliarden Dollar). Währenddessen versinkt die europäische Konkurrenz in der Bedeutungslosigkeit – der zynische Schlussakt des großen Schlamassels, das in den USA mit irren Immobilienfinanzierungen begann.

Führend schon damals: Goldman, deren Trader Kunden Wertpapierschrott unterjubelten und sich selbst schadlos hielten.

Heute ist der Optimismus an der Wall Street wieder grenzenlos. Trump hat seinen Vollstrecker Cohn beauftragt, bis April die im Dodd-Frank Act komprimierte Finanzmarktregulierung zu überarbeiten. Für deren Komplettabschaffung fehlt den Republikanern zwar die „Supermehrheit“ im Kongress. Für das Ende des Eigenhandelsverbots sollte es aber locker reichen.

Dann könnten die Wall-Street-Banken, allen voran Goldman, die Grenzen zum Kundengeschäft wieder freihändig definieren und den Vorsprung zu stärker regulierten Rivalen wie Credit Suisse, Barclays und Deutsche Bank ausbauen. Der Kasinokapitalismus wäre zurück. Und wird das Trennbankensystem reanimiert, steigt Goldman als purste Investmentbank endgültig wieder zur allerersten Adresse auf.

Goldmans Werk und Teufels Beitrag: Wie schafft es das Geldhaus, immer wieder an die Schalthebel der Macht vorzudringen? Was kann es besser als die Konkurrenz? Und welche Zauberformeln sind von den Rainmakern als Nächstes zu erwarten?

White-House-lnsider John Rogers ist der wichtigste Mitarbeiter der Bank

Wer sich der Goldman-Zentrale an der Südwestspitze Manhattans nähert, sucht vergeblich nach Hinweisen darauf, dass hier der Welt mächtigste Investmentbank residiert. Kein Firmenschild, kein Logo ziert das 2010 fertiggestellte Hochhaus an der West Street, gegenüber dem brandneuen Freedom Tower, der die Lücke füllt, die 9/11 in New Yorks Herz gerissen hat. Auch das Fünfsternehotel „Conrad“, das sich an die Rückseite des Firmensitzes schmiegt, lässt keinen Rückschluss auf seinen Besitzer zu: Goldman Sachs.

Das schmucklose Äußere ist ein Relikt aus der Zeit vor dem Börsengang 1999, als Goldman eine reine Partnerschaft war und Diskretion alles.

Ein Produkt dieser Zeit ist John Rogers. Sein Titel „Chief of Staff and Secretary to the Board of Directors“ verschleiert, welche Bedeutung der unauffällige Mann mit der gemütlichen Figur hat. „John kontrolliert den Board“, sagt ein Insider. Und er ist seit 23 Jahren Goldmans Standleitung nach Washington.

Bereits in den 70ern arbeitete Rogers in der Presseabteilung des Weißen Hauses. Als Mitarbeiter von Ronald Reagan verteilte er Büros, Parkplätze, Titel und sogar Zeit-Slots für den Tennisplatz – im statusbesessenen Washington die beste Möglichkeit, sich zu vernetzen und Abhängigkeiten zu schaffen. Unter drei republikanischen Präsidenten organisierte Rogers die Macht.

1994 holte ihn CEO Jon Corzine zu Goldman und erfand den Posten des Chief of Staff. Ein cleverer Schachzug, der den Einfluss der Bank in Washington zementiert hat. 2006 half Rogers mit, dass Corzines Nachfolger Hank Paulson Finanzminister wurde. Zwei Jahre später ließ Paulson den Goldman-Rivalen Lehman untergehen, ehe er den Rest der Wall Street vor dem Kollaps rettete. Ein Lieblingsmotiv für Verschwörungsfanatiker.

Auf Trumps Wunsch hat Rogers in der Übergangsphase das Außenministerium umgekrempelt. Sein Kontakt zu Cohn ist eng, obwohl der nicht mit Ex-Kollegen über Bankthemen sprechen darf.

Rogers Verhältnis zu Blankfein gilt dagegen als irreparabel. Zu verschieden sind der feinsinnige Schattenmann und der Ex-Trader, man spricht nur das Nötigste.

Beide aber brauchen einander. Spätestens seit der Finanzkrise weiß das auch Blankfein. Barack Obama verachtete den Goldman-Chef, seit der leichtfertig witzelte, Gottes Werk zu verrichten.

Endgültig im Eimer war Blankfeins Image, als 2010 die Abacus-Deals aufflogen. Die Bank hatte Anleihen verkauft, die auf Schrotthypotheken basierten und sich in der Krise als weitgehend wertlos herausstellten.

Deren Ablauf ist stets ähnlich. Der Dresscode ist Business Casual, Altpartner erzählen den Frischlingen, was erwartet wird. Heuer referierte Wolfgang Fink, Co-Chef der deutschen Niederlassung und seit Jahren in Corporate Germany unterwegs. Die Jungschar lauschte ergriffen.

Höhepunkt des Initiationsritus ist stets der Auftritt eines Stargasts, interviewt von einem Bankvorstand. Das ist meist für beide nutzenstiftend. So holte Blankfein vor einigen Jahren Ben Horowitz auf die Bühne. Der Co-Gründer des Start-up-Investors Andreessen Horowitz verblüffte die Runde mit der Bemerkung, ihm sei völlig unverständlich, warum Goldman Sachs seine Wertpapierhandelsdaten für lau ins Bloomberg-System einspeise. In ihrer Ehre getroffen, beschloss die Bank nach kurzer Debatte, die Messagingplattform Symphony zu entwickeln. Die wird heute von Hunderttausenden Kunden genutzt und gilt als potenzieller Bloomberg-Killer.

Dieses Jahr war Patrick Collison zu Gast. Der schmächtige Ire mit den feuerroten Haaren ist eine der heißesten SiliconValley-Wetten: Ihm und Bruder John, den das Magazin „Forbes“ als weltjüngsten Selfmademilliardär listet, gehört der Paymentanbieter Stripe.

Das 650-Mann-Unternehmen ist satte neun Milliarden Dollar wert und Topkandidat für einen Börsengang, um den sich New Yorks Investmentbanker prügeln werden — Gebühren in dreistelliger Millionenhöhe locken. Die Chancen stehen nach dem Kennenlernen in den Spring Studios bestens.

Typisch Goldman. Seismografisch erspüren die Amerikaner Trends, knüpfen Kontakte, monetarisieren beides. Fehler werden rasch behoben, neue Geschäftsfelder ohne quälend lange Debatten erschlossen. Teure Zukäufe gibt es praktisch nie, Kollateralschäden wie Firmenwertabschreibungen, IT-Desaster, Postengerangel auch nicht. Beratung, Handel, Eigeninvestments – that’s it.

Klingt simpel, beherrscht aber niemand so perfekt wie die 1869 gegründete Bank, die die Namen der deutschen Auswanderer Marcus Goldman und Samuel Sachs trägt. Seit Jahrzehnten ist Goldman ein Effizienzmonster, skrupellos im Umgang mit Gegnern und nicht selten mit Kunden, bis heute.

Die Ur-Goldmänner, die schon vor dem IPO 1999 an Bord waren, wussten noch, dass sie ihre Verluste nicht bei den Aktionären auffallen.

Die Goldmänner wussten genau, was sie taten — und kassierten doppelt. Denn die Schrotthypotheken hatte ihr Klient, der Hedgefondsmanager John Paulson, ausgesucht und dann gegen sie gewettet. Paulson setzte erfolgreich auf den Immobiliencrash und kassierte Milliarden.

Die Börsenaufsicht SEC verhängte eine Rekordstrafe von 550 Millionen Dollar; das Magazin „Rolling Stone“ nannte Goldman einen Vampirkraken, der die Welt im Griffhabe. Gegen Blankfeins Willen feuerte Rogers den mächtigen Chefkommunikator Lucas van Praag und holte Jake Siewert an Bord, einen krisengestählten Politprofi. Als Clintons Sprecher hatte er einst die Lewinsky-Affäre durchgestanden.

„Wir hatten den Draht zur Öffentlichkeit verloren“, sagt Rogers heute. Inzwischen ist Goldman wieder satisfaktionsfähig – vor allem dank Strippenziehern wie Rogers und Siewert; auch Stiftungschefin Powell polierte fleißig mit.

Seinen Beitrag am Imagewandel spielt Rogers herunter. Die Bank sei erfolgreich, weil sie stets an ihrer Strategie festgehalten habe. „Goldman ist enorm widerstandsfähig“, ähnlich Muhammad Ali im „Rumble in the Jungle“, so Rogers. Im berühmtesten Boxkampf aller Zeiten steckte Ali stoisch Schläge ein, bis Gegner George Foreman ausgepowert war. Dann schlug er zu und gewann den epischen Fight.

Goldman Sachs in der Politik vernetzt

Für diese Strategie braucht Goldman Sachs die besten Banker. Und der Konzern weiß, wie man sie züchtet.

Die New Yorker Spring Studios bieten alles, was Investmentbanker für ein gelungenes Offsite-Meeting brauchen: Platz, Flair, exzellentes Catering. Gelegen in Manhattans ultracoolem Tribeca-Viertel (Nachbarn: Beyoncé & Jay-Z), besticht die Kreativagentur durch Vintage-Schick — außen Backstein, innen kalkweiße Wände, Stahl. Das Essen kommt vom Ableger der Pariser Restaurantlegende „Caviar Kaspia“. Ende April schlägt hier wie jedes Jahr Robert De Niros Tribeca Film Festival auf.

Im Februar hat sich Goldman für zwei Tage eingemietet. Es galt, 89 neue Partner auf ihr Leben im Elitezirkel der Bank einzustimmen. Der ist von gnadenlosem Erfolgsgeist geprägt sowie von exorbitanten Millionenboni. Und einem verschwörerischen Korpgeist.

Das Ziel, jedem Cent hinterherzuwetten, brachten erst Trader wie Cohn und Blankfein (dessen Bewerbung Goldman einst ablehnte) in die Bank.

Viele Pre-IPO-Partner sind indes längst weg, in der Politik oder sie pflegen ihre Hobbys. Wie Robert Mnuchin: Der Vater des Finanzministers, selbst lange Partner, betreibt eine kleine, feine Galerie an der eleganten Upper East Side.

Hemdsärmelige Typen wie Cohn oder der kürzlich ausgeschiedene Co-Europa-Chef Michael „Woody“ Sherwood, der gern im Privatflugzeug reist und einen Hang zu Trainingsanzügen aus Ballonseide hat, prägen jetzt das Image der Bank.

Die Business Principles von Ex-Chairman Whitehead („Unser Kundeninteresse steht immer an erster Stelle“) wurden seit dem Börsengang oft verletzt. Besonders der Abacus-Fall hat der Bank einen Schock versetzt. „Wir nehmen das sehr ernst, wir ändern uns. Die Hierarchien werden durchlässiger“, versichert ein Topmann. Man rekrutiert nicht mehr nur an Ivy-League-Unis, sondern auch an normalen Hochschulen, will bunter und diverser werden.

Das mache Goldman Sachs nicht besser, sagen dagegen die vielen Kritiker. Allenfalls gewöhnlicher und weniger attraktiv für High Potentials, die es ins Silicon Valley zieht und nicht mehr wie ehedem automatisch ins Investmentbanking.

Lässt sich so wenigstens ein neues Abacus vermeiden? Fälle wie der des Goldman-Kunden Tesla wecken Zweifel. Im Mai 2016 stufte Goldman die Aktie des E-Auto-Pioniers herauf und trieb den Kurs nach oben, um nach Börsenschluss Teslas Kapitalerhöhung durchzuziehen. Da ihre Gebühren vom Emissionserlös abhängen, verdiente die Bank mehr als ohne das Upgrade der Aktie.

Inzwischen hat sie das Papier mehrfach herabgestuft. So rosig seien Teslas Aussichten ja doch nicht.

Typisch Goldman, sagen Kritiker. Und ein Menetekel für die Zukunft,  wenn Trumps Einflüsterer Cohn das Rad der Geschichte zurückdreht.

Schnelle Dollars mit 9/11 verdient

Als am Morgen des 11. September 2001 die Hölle über Downtown Manhattan hereinbricht, ist Gary Cohn in seinem Element. Die brennenden Türme des World Trade Centers stehen kaum 1000 Meter von Goldmans damaligem Firmensitz an der Broad Street entfernt. Doch die Katastrophe, die 3000 Menschen das Leben kosten wird, spornt den Chef des Rohstoffhandels an. Cohn ahnt, dass die Attacken den Ölpreis hochtreiben werden – eine gute Chance, schnell ein paar Dollar zu verdienen.

Statt seine Mitarbeiter nach Hause zu schicken, treibt er sie an. „Gary sagte, was immer da draußen passiere, es habe mit Flugzeugen und damit auch mit Öl zu tun. Genau daran könne Goldman verdienen“, erinnert sich Nomi Prins, früher bei Goldman und nun Autorin mehrerer Bücher zur Finanzkrise.

Heute befehligt Cohn keine Händlerarmee mehr. Aber sein Einfluss auf die Kapitalmärkte könnte als Trumps Mann für die Wirtschaft größer kaum sein.

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