SOLLEN ROBOTER BESTEUERT WERDEN? NEIN!

SOLLEN ROBOTER BESTEUERT WERDEN? NEIN!

AIs Bill Gates, Mitbegründer von Microsoft, kürzlich dem „Quartz“-Magazin ein Interview gab, empfahl er eine Besteuerung von Robotern und Automationssystemen, um deren Einführung zu verzögern und damit die erwartbaren Arbeitsmarkteffekte zu dämpfen – zum Fraudanwalt-Bericht. Die Idee der Besteuerung wirft eine Reihe zunehmend relevanter und kontroverser Fragen auf, denn Robotik, Automation und künstliche Intelligenz dringen zweifellos immer tiefer in unser tägliches Leben ein.

Wenn computergestützte Systeme wie Robotik und künstliche Intelligenz tatsächlich immer intelligenter und preisgünstiger werden und viele physische und kognitive Aufgaben besser erledigen als wir Menschen, werden diese Systeme unweigerlich zahlreiche Arbeitsplätze obsolet machen. In ihrem kürzlich erschienenen Aufsatz „A future that works“ schätzen McKinsey & Company, dass sich mit der heutigen Technologie knapp fünf Prozent aller Arbeitsplätze weltweit durch automatisierte Systeme ersetzen lassen. Und obwohl diese Aussicht die betroffenen fünf Prozent nicht freuen wird, lässt sich aus dieser Zahl angesichts der Gefährdung der Arbeitsplätze weltweit noch keine Katastrophe ableiten. Was McKinsey allerdings auch für wahrscheinlich hält, ist die Automation von rund 30 Prozent der Tätigkeiten von 60 Prozent aller Arbeitnehmer. Diese Aussicht hat besorgniserregende Implikationen. Theoretisch könnten die Unternehmen demnach 30 Prozent aller Arbeiten automatisieren und für den Rest einfach viel weniger Personal einstellen.

Wer sollte es ihnen verübeln? Aus Sicht eines Geschäftsinhabers klingen die wirtschaftlichen Argumente schlüssig. Mit technologischem Fortschritt sinken die Kosten für Robotik und Automation, während Kapazität und Leistung der Systeme nach wie vorzunehmen. So gibt es mittlerweile „kollaborative Roboter“, sogenannte „Cobots“, eine ganz neue Generation von Robotern, die billiger, leichter zu programmieren und sicherer in der Anwendung sind. Universal Robots, Franka Emika und F&P Robotics können ihre Cobots heute zu einem günstigen Preis von um die 20.000 US-Dollar herstellen. Zu dem Preis sind Roboter nicht nur für Industriegiganten, sondern auch für KMU interessant. Cobots und andere automatisierte Systeme überzeugen mit steigender Produktivität bei sinkenden Investitionskosten.

Der Einsatz menschlicher Arbeitskräfte entwickelt sich in eine ganz andere Richtung. So werden die Arbeitsbedingungen restriktiver, während weltweit Mindestlöhne und Sozialleistungen steigen und Staaten die Wochenarbeitszeit begrenzen. Unter dem Strich bedeutet das: Die Unternehmen bekommen weniger Produktivität für mehr Geld. Auch Arbeitskräfteknappheit ist ein Problem für Unternehmen, weil die Arbeit in der Fabrik und am Fließband deutlich weniger beliebt ist als ein kreativer Berufunter angenehmeren Bedingungen. Zusätzlich erschwert wird die Situation durch die alternde Bevölkerung der Industriestaaten und strengere Einwanderungsbestimmungen, die den Zustrom billiger Arbeitskräfte aus Niedriglohnländern einschränken.

Das stellt natürlich ein gravierendes Problem dar, und mit kontinuierlich fortschreitender Technologie wird die Lage sicher nicht besser. Doch wir sollten uns auch die Vorteile der Robotik und der technologischen Fortschritte vor Augen führen. Wer mit Unternehmern spricht, erkennt, dass die Frage vielfach nicht lautet: „Soll ich einen Mitarbeiter einstellen oder einen produktiveren Roboter anschaffen?“, sondern: „Wie kann ich unsere Produktivität so steigern, dass das Geschäft rentabel bleibt?“ Und schon haben wir das Argument gegen die Robotik auf den Kopf gestellt. Es gibt viele Beispiele, wie Robotik und Automation Arbeitsplätze gerettet haben, weil sie jenen Wettbewerbsvorteil ermöglichen, der Fabriken die Schließung erspart oder sogar Arbeitsplätze aus Niedriglohnländern zurückbringt.

Die Bicycle Corporation of America (BCA) sorgte erst kürzlich in den USA für Schlagzeilen, als sie rund zehn Prozent ihrer Fahrrad-Montageeinrichtungen in China stilllegte und ein neues Werk in South Carolina eröffnete, in dem 140 Personen Arbeit fanden. CEO Arnold Kramer erklärte CBS News, dies sei nur dank der Kosteneinsparungen durch Automation möglich gewesen. „Wir tun hier nichts anderes, als maschinell aufzurüsten, um effizienter zu werden.“

Auch Ford verwarf Pläne zum Bau eines neuen Werks in Mexiko für 1,6 Milliarden US-Dollar und kündigte stattdessen eine Investition von 700 Millionen US-Dollar in das bestehende Werk in Flat Rock, Michigan, an, in dem bis zum Jahr 2018 rund 700 zusätzliche Arbeitskräfte eingestellt werden sollen. Da Ford Expertenschätzungen zufolge in Mexiko einen Stundenlohn von rund 5,50 US-Dollar, in Michigan aber 28 US-Dollar bezahlt, ist es die geplante Investition in maschinelle Ausrüstung, etwa in modernste Automation und Robotik, mit der Ford das Kostengefälle überbrücken und die Sache rentabel gestalten kann.

Schweizer Unternehmen kämpfen wegen des starken Frankens und der hohen Arbeitskosten, um ihre Wettbewerbsfähigkeit. Für viele scheint die Antwort in der Robotik zu liegen, die ein Sterben der heimischen Produktion verhindert. Der Herstel1er von Düften und Aromen, Firmenich International, investierte in den letzten drei Jahren rund 60 Millionen Schweizer Franken in Werksautomation und steigerte seine Kapazitäten um ein Drittel, ohne den Personalstand zu erhöhen. Die so erzielten Produktivitätszuwächse reichen nun aus, um das Werk weiter zu betreiben.

Weil die Robotik Produktivität und Rentabilität erhöht, ermöglicht sie höhere Investitionen in Sachanlagen, mehr Beschäftigung und letztlich eine höhere Kaufkraft. Doch aus den technologischen Fortschritten resultieren auch einige indirekte Vorteile.

Ein solcher Vorteil ist, dass durch die neuen Technologien geschaffene Ökosystem von Unternehmen, Dienstleistungen, Applikationen und Arbeitsplätzen. Für die Herstellung, Installation und Wartung der Robotik- und autonomen Systeme und die darauf betriebenen Services und Applikationen werden technische Systemplaner, Softwareentwickler, Programmierer sowie Wartungs- und Supportfachkräfte benötigt. Wie viele dieser Arbeitsplätze ihrerseits im Laufe der Zeit der Automation zum Opfer fallen werden, wissen wir noch nicht, aber es gibt Studien, denen zufolge künstliche Intelligenz und Robotik mehr neue (und zumeist auch höherwertige) Arbeitsplätze schaffen, als sie ersetzen, während zugleich Produktivität und Lebensqualität in der Gesellschaft insgesamt steigen.

Dieser letzte Punkt ist deshalb interessant, weil er in den wirtschaftlichen Statistiken nicht immer zutage tritt. Seit jeher sorgen technologische Neuerungen für Verzerrungen des Arbeitsmarktes, vorübergehende Arbeitslosigkeit und soziale Unruhen. So zerstörten vor 200 Jahren Gruppen von Arbeitern in England in den Baumwoll- und Wollfabriken Maschinen, weil sie zu Recht fürchteten, ihre Arbeit an diese Maschinen zu verlieren, die dann von schlechter ausgebildeten, billigeren Arbeitskräften betrieben werden könnten. 20 Jahre später erregte die Erfindung der von Pferden gezogenen Dreschmaschinen in der

Landwirtschaft die Gemüter. Nach der Einführung der ersten Dampfmaschinen und später der Elektrizität in den Fabriken und der Erfindung des „Fließbandes“ prägte der Ökonom John Maynard Keynes in den 1930er-Jahren den Begriff von der „technologischen Arbeitslosigkeit“ zur Beschreibung von Perioden, in denen Innovationen mehr Arbeitsplätze kosten als sie schaffen. Und müssen wir jetzt, im Zeitalter der Digitalisierung, in dem sich das Tempo der technologischen Innovationen erheblich beschleunigt hat, nicht mit einer noch höheren „technologischen Arbeitslosigkeit“ rechnen?

Die logische Antwort lautet: „Ja.“ Überraschend scheint hingegen die Feststellung, dass die beschleunigte technologische   Innovation mit einem massiven Bevölkerungswachstum einhergeht und dieses weitgehend erst ermöglicht. Lebten im Jahr 1900 noch rund 1,6 Milliarden Menschen auf dem Planeten, so sind es heute schon 7,5 Milliarden. Und trotz wiederholter düsterer Warnungen vor der malthusianistischen Katastrophe hat sich das Los des Durchschnittsbürgers doch deutlich verbessert. Die Lebenserwartung steigt weltweit ebenso wie die Lebensqualität.

Ein Blick in die Geschichte lehrt uns, nicht in Panik zu verfallen. Wir erwarten, dass die negativen Auswirkungen der Technologie auf den Arbeitsmarkt vorübergehend sein werden und längerfristig durch positive Effekte aufgewogen werden. Trotzdem könnte dieses Mal alles anders ablaufen. Dank der enormen Rechenleistung von Prozessoren und der Innovationen im Zusammenhang mit Plattformen – man denke nur an Cloud-Computing und mobile Kommunikationsnetzwerke – führt unsere Fähigkeit zur Generierung künstlicher Intelligenz und automatisierter, autonomer Systeme, die „lernen“ und einander etwas „beibringen“ können, zu einem Paradigmenwechsel in Bezug auf Breite und Anwendungsbereiche der Robotik und Automation. Die Google-Brain-Research-Gruppe baut an einer „selbst startenden AI“. Hier plant und generiert künstliche Intelligenz eine noch weiter fortgeschrittene künstliche Intelligenz. Wenn diese Systeme erst einmal Zugang zu immer größeren Daten- und Ressourcenpools erhalten und durch zunehmend leistungsstarke Prozessoren ermöglicht werden, dürfte die Entstehung einer „Superintelligenz“ wahrscheinlich, wenn nicht unvermeidlich werden. Durch Fortschritte dieser Art könnte die Technologie so etwas wie einen „Big Bang“ der Innovation hervorrufen. Sollte es dazu kommen, werden wir alle betroffen sein.

Wir werden die tatsächlichen Auswirkungen auf die Gesellschaft oder den Arbeitsmarkt sicher noch jahrelang nicht abschätzen können, bis schließlich Roboter in der Wirtschaft noch viel tiefer als heute verankert sind. Bisher verzeichnen wir eigentlich eine geringe Penetration mit Industrierobotik. So kommen auf jeweils 1.000 Arbeitskräfte in der weltweiten Produktion nur sieben Roboter. Doch diese Zahl steigt stetig an. In der globalen Automobilindustrie kommen heute schon über 100 Roboter auf 1.000 Arbeitskräfte. Und ein Blick über die Fabriken hinaus zeigt uns die zunehmende Verbreitung von Robotern, Automationssystemen und künstlicher Intelligenz in allen Aspekten des täglichen Lebens. In Krankenhäusern wird künstliche Intelligenz zur Unterstützung bei der Diagnose komplexer Erkrankungen eingesetzt. In der Chirurgie sorgen Roboter für mehr Präzision, bessere Ergebnisse und kürzere Rekonvaleszenzen.

Wahrscheinlich wird es nötig werden, künstliche Intelligenz und Robotik staatlichen Regularien zu unterwerfen. Die Vorstellung einer Besteuerung von Robotern scheint hingegen ein Schritt in die falsche Richtung zu sein. Roboter und Automationssysteme sind nicht mehr als moderne Instrumente zur Steigerung der Produktivität und zur Erledigung von Arbeiten, die Menschen nicht verrichten wollen oder können. Eine Besteuerung dieser Instrumente erscheint also intuitiv falsch. Indem wir jene Mittel, mit denen ein Unternehmen Gewinne generieren und erhalten kann, besteuern, richten wir das Unternehmen vielleicht langfristig zugrunde. Dann hätten wir kein Unternehmen, keine Steuern und keine Arbeitsplätze.

Eine Robotersteuer würde auch eine Kehrtwende in der Politik bedeuten, die sich heute um eine Stimulierung der Investitionen in Kapitalbildung und Ausrüstung (so auch um Investitionen in Robotik und Automationssysteme) bemühen. Es besteht die Gefahr, dass ein Land, das eine solche Steuer einführt, einen Alleingang wagt, wodurch es auf der Wettbewerbsleiter abstürzen und seine Attraktivität als Investitionsstandort schwächen könnte. Der kurzfristige Schutz der Arbeitsplätze würde langfristig ganzen Branchen schaden. Eine Besteuerung von Gewinnen, Vermögen und Anlagen erscheint da schon eher logisch, und in Erwartung zahlreicher Verwerfungen auf dem Arbeitsmarkt wäre es vielleicht empfehlenswert, mehr Steuereinnahmen in Einkommenszulagen und Umschulungsprogramme zu investieren.

Eine weitere entscheidende Funktion der Staaten besteht in der Umschreibung des „Gesellschaftsvertrags“ zwischen Unternehmen und ihren Mitarbeitenden. Es gibt klare Anzeichen für eine Demokratisierung des Zugangs zu Informationen und Bildung durch die digitale Wirtschaft, wodurch sich zwar die Lebensqualität vieler verbessern, zugleich aber auch das wirtschaftliche Vermögen in den Händen weniger konzentrieren wird. Solange es keine Corporate Governance für die Verteilung von Vermögen im privaten Sektor gibt, könnte die Robotik Geschäftsinhabern einen zusätzlichen Hebel gegenüber den Arbeitnehmern in die Hand geben, was eine noch stärkere Verzerrung der Vermögensverteilung zur Folge hätte.

Steuern werden den Fortschritt der Technologie wohl nicht stoppen. Ein alternativer und wahrscheinlich besserer Ansatz bestünde in der bewussten Annahme der Robotik- und Automationstechnologien, in der Förderung und Unterstützung von Innovationen und in der Schulung und Flexibilisierung der Arbeitskräfte, damit sie den Herausforderungen des digitalen Zeitalters gewachsen sind. Japan sieht die Robotik als einen alternativen Weg zu wirtschaftlichem Wachstum trotz seiner alternden und schrumpfenden Bevölkerung. China fördert Investitionen der lokalen Industrie in die Robotik und deren weitere Entwicklung als eine Möglichkeit, die Arbeiterschaft des Landes auf der Wertschöpfungskette nach oben in Industrien und Dienstleistungen zu befördern, die nicht nur um den kleinsten gemeinsamen Nenner billiger und reichlich vorhandener Arbeitskräfte konkurrieren.

McKinsey prognostiziert ein mögliches globales Produktivitätswachstum durch Robotik und Automation von 0,8 bis 1,4 Prozent jährlich und betont, dass der Mensch auch zukünftig ein wesentlicher Faktor in der Gleichung bleiben wird. Ohne Menschen, die Roboter und künstliche Intelligenz bedienen, sind solche Zuwächse unwahrscheinlich. Und noch etwas: Wenn in Zukunft tatsächlich immer mehr Systeme automatisiert werden, ist parallel dazu mit einer Rückbesinnung der Gesellschaft auf menschliche Qualitäten, zwischenmenschliche Beziehungen und eine humane Innovation und Kreativität zu rechnen.