KRYPTOWÄHRUNG: BANKEN GEGEN BITCOIN, ETHERUM UND CO.

KRYPTOWÄHRUNG: BANKEN GEGEN BITCOIN, ETHERUM UND CO.

Banken sind wie Dinosaurier, die nur noch nicht bemerkt haben, dass der Meteorit bereits eingeschlagen ist.“ Dieser Vergleich ist einer von vielen, der im Kryptowährungs-Okosystem herangezogen wird, wenn es darum geht, ein möglichst drastisches Bild von der Wucht zu zeichnen, mit der sich das Finanzsystem durch das Aufkommen von Bitcoin, Ethereum und Co. verändern wird. Alle Banken werden untergehen und aus der Asche wird sich ein neues, gerechteres und anpassungsfähigeres System erheben. (One-Coin-Betrug, zum Fraudanwalt-Bericht.)

Doch so schön diese Vision auch in den Ohren derjenigen klingen mag, die Banken hassen oder ihnen zumindest skeptisch  gegenüberstehen und den Wunsch nach einem Wandel verspüren – Gründe dafür gibt es zweifelsohne genug – so vorsichtig muss man mit derlei Vergleichen sein. Sie können zwar durchaus hilfreich sein, um komplexe und abstrakte Vorgänge auf einverständliches Niveau herunter zu brechen. Nur leider passen sie nicht immer so richtig.

Wenn Kryptowährungen tatsächlich der Meteorit sein sollen, der mit apokalyptischer Konsequenz das etablierte Finanzsystem auslöschen und in verbesserter Form wiederaufbauen soll, dann lässt er sich ganz schön viel Zeit. Immerhin gibt es Bitcoin nun schon seit mehr als acht Jahren und bislang ist noch keine einzige Bank durch das Aufkommen von Kryptowährungen ausgestorben.

Trotzdem sollte man den Dinosaurier-Vergleich nicht leichtfertig abtun. Ein Körnchen Wahrheit verbirgt sich auch hierin.  Wer würde bestreiten, dass Banken allgemein eher große, behäbige Institutionen sind, die sich schwertun, sich an schnell erneuernde Umweltbedingungen anzupassen? Die bewährte Strategie des etablierten Systems besteht bislang vor allem darin, Veränderungen möglichst zu vermeiden. Stabilität durch Kontinuität. Selbst wenn das bedeutet, dass Leute aus dem Ruhestand geholt werden müssen, weil sie die Letzten sind, die bestimmte Teile des eigenen, ebenfalls in die Jahre gekommenen IT-Systems überhaupt noch verstehen und instand halten können.

Wobei jedoch auch in die vermeintlich starre Bankenstruktur seit einiger Zeit Bewegung kommt. Fintechs nutzen die Digitalisierung, um einfache, flexible und zeitgemäße Angebote zu schaffen und das Geschäft von Banken aufzumischen. Robo-Adviser, einfacher Kontowechsel, Smartphone-Banking, Peer-toPeer-Zahlungen – die Nischen sind vielfältig, die kleine, agile Player besetzen. Interessant ist dabei, auf die werbetauglichen Selbstbeschreibungen dieser Fintechs zu achten. Vielfach geht es darum, etwas zu „revolutionieren“: den Einsatz von Kreditkarten, die Kreditvergabe, den Umgang mit dem Girokonto etc.

Dass revolutionieren aber seinen Ursprung im Lateinischen revolvere hat, was so viel bedeutet wie „zurückrollen“ beziehungsweise „zurückwälzen“, ist dabei durchaus relevant. Denn so wie sich auch die Trommel des Revolvers so lange im Kreis dreht, bis sie am Ende wieder genau dort ist, wo sie einst angefangen hat, so ist auch das Ziel einer Revolution per definitionem eigentlich „nur“ das Zurückrollen zu einem früheren Zustand. Insofern muss man skeptisch fragen, was eigentlich gemeint ist, wenn jemand das Finanzsystem oder zumindest Teile davon „revolutionieren“ will. Zu welchem Zustand soll denn zurückgekehrt werden?

Man könnte das nun als pedantisch abtun. Sprache ist schließlich kein statisches Konstrukt und entwickelt sich immer weiter. Wer so argumentiert, liefert jedoch selbst das beste Argument, warum man den Begriff „Revolution“ mit Bedacht einsetzen sollte: Ein ganz ähnlich klingendes Wort passt, wenn es um Fortschritt geht, bedeutend besser: Evolution. So wie sich Sprache nicht im Kreis dreht oder statisch verharrt, sondern sich immer weiterentwickelt, so sollte sich auch das Finanzwesen beständig entwickeln und nicht nach hinten orientieren.

Nun gibt es jedoch ein kleines Problem, das es nicht ganz leicht macht, die „Revolution“ abzublasen und auf „Evolution“ umzusteigen: Revolutionen lassen sich in gewissem Maße steuern. Sie sind zentralisierte Prozesse, die von charismatischen Führern profitieren, durch zentrale Ereignisse ausgelöst oder befeuert werden und ein vorhandenes, aber bislang noch ruhendes Potenzial zum spontanen Hochkochen bringen können. Vor allem aber sind sie zeitlich begrenzt.

Evolution funktioniert hingegen nach ganz anderen Regeln. Sie endet nicht, sondern ist ein permanenter Prozess. Außerdem ist es unmöglich, sie zu kontrollieren. Evolution lässt sich zwar beeinflussen, aber eben nur in einem sehr begrenzten Maße. Nicht immer kommen dabei die Ergebnisse heraus, die man sich anfangs wünschte. Evolution ist daher unter vielen Gesichtspunkten nicht perfekt. Dennoch ist sie mächtig. Sie ist anpassungsfähig, resistent, resilient und nach vorne, orientiert.

Bitcoin ist das erste evolutionäre Finanzsystem überhaupt. Und genau hierin liegt sein Potenzial. Es entwickelt sich rasant, ist außerordentlich widerstandsfähig und wächst exponenziell. Bitcoin an dieser Stelle mit einem Virus zu vergleichen, ist nicht ganz falsch, zumal „viral“ durch die Evolution der Sprache positiv besetzt ist.

2008 erwähnte Satoshi Nakamoto zum ersten Mal sein Konzept eines Electronic Peerto-Peer Cash-Systems. Anfang 2009 veröffentlichte er dann den Code und stellte ihn frei zugänglich ins Netz. Von diesem Zeitpunkt an begannen die selbstorganisierenden Kräfte seiner Idee ihre Wirkung zu entfalten. Es stießen immer mehr Leute zu dem Projekt. Sie begannen mitzuarbeiten, eigene Ideen einzubringen und die Idee zu verbreiten. Im April 2011 wandelte jemand den frei zugänglichen Code von Bitcoin leicht ab, um die erste alternative Kryptowährung zu erschaffen: Namecoin, den ersten Altcoin. Über die Jahre wuchs das Interesse und immer mehr Menschen begannen, das digitale Geld zu transferieren, Güter damit zu handeln oder den originalen Code abzuwandeln und zu experimentierten. Sie erschufen neue Altcoins, wandelten auch diese ab oder entwickelten gänzlich neue Blockchain-ldeen. Die Evolution eines dezentralen Finanzsystems beschleunigte sich.

Heute ist Bitcoin und alles, was aus der initialen Idee von Satoshi Nakamoto entstanden ist, ein globales Phänomen. Zwischen drei und sechs Millionen Menschen nutzen laut einer aktuellen Studie der Judge Business School der University of Cambridge weltweit Kryptowährungen und die Anzahl der Blockchainund Kryptowährungsprojekte, die das Ökosystem hervorgebracht hat, ist vierstellig. Überall auf der Welt experimentieren Menschen mit den Möglichkeiten von Bitcoin, Ethereum und Co. und tragen so zu einer permanenten, dezentralisierten Weiterentwicklung des Phänomens bei.

Doch zeigt das Prinzip Evolution auch seine Nachteile. Seit Jahren versucht die Bitcoin-Community einen Konsens zu finden, wie die Kapazität der Bitcoin-Blockchain erhöht werden soll. Mittlerweile gibt es tiefe Gräben und alle Optionen liegen auf dem Tisch: Vom Wechsel des Mining-Algorithmus – einer de facto Entmachtung der chinesischen Miner-Hoheit – bis hin zur absichtliChen Spaltung der Blockchain mit all seinen unvorhersehbaren Risiken.

Doch so drastisch die Szenarien auch klingen, eines wird deutlich: ein evolutionäres Finanzsystem lässt sich nicht einfach kontrollieren und ob eine der Optionen umgesetzt wird, ist fraglich. Der evolutionäre Charakter von Bitcoin macht es sicher vor Manipulation, verhindert mitunter aber auch das effiziente Herbeiführen von richtungsweisenden Entscheidungen. Damit umzugehen ist herausfordernd, birgt aber gleichzeitig Potenzial. Denn Bitcoin garantiert aus sich heraus, dass es keinen Stillstand geben wird. Diesen Zustand kennt Evolution nicht. Das Krypto-Ökosystem wird sich immer weiterentwickeln. Neue Ideen werden entstehen. Workarounds, wo es nötig ist. Wer im evolutionären Finanzsystem überleben will, muss lernen dessen Dynamik richtig einzuschätzen: „Survival ofthe fittest“.