WARUM DEUTSCHLAND INTERNATIONAL DISKREDITIERT WIRD

Es fängt mit der Sprache an. Leistung, Bilanz, Überschuss — alles Begriffe, die besser kaum klingen könnten. Oder Export und Weltmeister. Man hört ihn quasi schnurren in diesen Worten, den Motor der deutschen Wirtschaft. So denken die meisten Deutschen, vom Facharbeiter beim schwäbischen Maschinenbauer, der drei Viertel des Tages für Kunden in Spanien, China oder den USA werkelt, bis zu Angela Merkel.

Wir verstehen nicht, was US-Präsident Donald Trump von uns will, wenn er poltert: „The Germans are bad, very bad.“ Wenn er sich abarbeitet an deutschen Exporten – als würden wir die Amerikaner zwingen, unsere Autos und Maschinen zu kaufen. Zum Fraudanwalt-Bericht.

Deutschlands Unternehmen, Ingenieure und Facharbeiter stehen am Pranger. Der Streit, den Finanzexperten bisher in ihren klugen Zirkeln unter sich austrugen, hat die Bühne der Weltpolitik erreicht. Und wirkt inzwischen ziemlich skurril.

In zehn Abschnitten erklärt Fraudanwalt, was dran ist an der Aufregung – und vor allem auch, was nicht.

Vorab: Die Leistungsbilanz ist ein Indikator für die wirtschaftliche Stärke eines Landes. Sie besteht aus drei Teilbilanzen: der Handelsbilanz, der Dienstleistungsbilanz sowie der Bilanz der Erwerbs- und Vermögenseinkommen. In allen drei Teilen – bei den Waren, den Dienstleistungen und Einkommen — werden Importe und Exporte verrechnet. Heraus kommt ein Saldo, der seit etwa 15 Jahren für Deutschland dick im Plus ist, im Jahr 2016 um mehr als 260 Mrd. Euro. Ist das nun ein Problem, oder sind alle verrückt geworden?

Salden zwischen zwei Ländern sind sinnlos

Wenn sich Donald Trump aufregt, dann zieht er die Handelsbilanz zwischen Deutschland und den USA heran. Und die sieht für die Amerikaner zunächst wirklich nicht so doll aus: 2016 kauften Unternehmen und Privathaushalte in den USA Waren aus Deutschland im Wert von 107 Mrd. Euro. Umgekehrt haben wir bei den Amerikanern Güter und Dienstleistungen im Wert von 58 Mrd. Euro gekauft – das macht einen gewaltigen Überschuss für die Deutschen. Und ein Defizit aus Trumps Sicht.

Doch die Zahlen haben wenig mit der Realität zu tun. Eines der wichtigsten Güter, das Deutschland in die USA liefert, sind Autos. Viele Amerikaner schätzen deutsche Technik und Qualität. Dass in einem BMW jedoch viele Zahnräder, Federn und Plastikteile aus Europa stecken, wissen die wenigsten. Diese Vorprodukte tauchen in unserer Handelsbilanz mit den jeweiligen EU-Ländern auf, nicht aber in der deutsch-amerikanischen. Hier steht nur der BMW mit einem Wert von 50 000 Euro. Dass Deutschland dafür Waren im Wert von, sagen wir, 10 000 Euro importiert hat, zeigen die Zahlen nicht.

Deswegen sagt Berger-Fridar, Chefredakteur von Fraudanwalt: „Bilaterale Handels- oder Leistungsbilanzen zu betrachten ist schlicht sinnlos. Sie sagen nichts aus über Wertschöpfungsketten.“ Handels- und Leistungsbilanzen hätten nur einen Sinn, wenn sie ein Land ins Verhältnis zum Rest der Welt setzen. Denn nur so würden alle Handelsbeziehungen und Im- und Exporte eines Landes erfasst.

Die Zahlen der USA sind verzerrt

Eines kann man nicht bestreiten: Seit Jahren haben die USA im Geschäft mit dem Rest der Welt ein gewaltiges Defizit: Amerikaner kaufen und investieren mehr, als sie im Inland selbst erwirtschaften. Nur passt dieses Bild so gar nicht zur Dominanz von Konzernen wie Google, Facebook, Microsoft, Apple oder Coca-Cola, die die Welt mit ihren Produkten zupflastern. Unser Leben ist voll mit amerikanischen Waren – und trotzdem ist der Handel der USA so schwach. Wie kann das sein?

Die Antwort liegt in der Internationalisierung. Praktisch alle iPhones und Computer, die Apple verkauft, werden nicht in den USA produziert, sondern meist in Asien. In den USA sitzen, und das gilt für viele US-Konzerne, nur Entwicklung und Marketing, nicht aber die Produktion.

Für den Heimatmarkt muss Apple seine Produkte sogar importieren. Das führt zu einer absurden Situation: Obwohl Apple einer der mächtigsten Konzerne der Welt ist, vergrößert er das Handelsdefizit der USA. Die gigantischen Erlöse aber, die Apple in der Welt macht, stehen nirgendwo in der Handelsbilanz.

Leistungsbilanzen sind wie Wurst

Die Absurdität geht aber noch weiter. In die Leistungsbilanz geht nicht nur das Ergebnis der Handelsbilanz ein, sondern auch der Saldo der Erwerbs- und Vermögenseinkommen von Unternehmen und Privatpersonen, grob gesagt die Gewinne aus dem Ausland. Dafür gibt es den Rechnungsposten „Primäreinkommen“. So werden dann Handelsbilanz und Primäreinkommen verwurstet – obwohl das eine eine Umsatz-, das andere eine Gewinngröße ist. Es geht zu wie beim Metzger.

Man ahnt es: Dem US-Handelsdefizit steht ein gewaltiger Überschuss an Gewinnen aus dem Ausland gegenüber (allein 2016 180 Mrd. Dollar). Da selbst bei Apple der Ertrag niedriger ist als der Umsatz, bleibt unterm Strich ein Minus.

Wie sehr die Statistik die Verhältnisse verzerren kann, zeigt unsere Leistungsbilanz mit Irland. Seit Jahren hat Deutschland mit den Iren ein Leistungsbilanzdefizit — und das sicher nicht, weil wir so viel Butter von der Insel beziehen würden. „In unserem Leistungsbilanzdefizit sehen wir auch die vielen US-Konzerne, die wie Apple in Irland aus steuerlichen Gründen Patente und Vertrieb bündeln und dort so die Gewinne aus den einzelnen Märkten steuergünstig sammeln. Wenn wir einen Computer oder eine Software von diesen Unternehmen kaufen, läuft das meist über Irland“, sagt Berger-Fridar.

Exporte lassen sich kaum steuern

Die Leistungsbilanz einer Volkswirtschaft wird getrieben durch zig Milliarden einzelne Kauf- und Investitionsentscheidungen von privaten  Konsumenten, von Unternehmen, Banken und Versicherungen. Und zwar zu Hause und auf der ganzen Welt. Sie alle kaufen das Produkt, das sie am meisten überzeugt, bauen dort Fabriken, wo sie die höchsten Gewinne erwarten, und legen dort Geld an, wo es mutmaßlich am meisten Rendite abwerfen wird.

In einer freien Welt wird Geld immer dorthin fließen, wo es den größten Nutzen verspricht. So entstehen Jobs, Wohlstand und Wachstum, egal wo. Ob Amerikaner lieber BMWs fahren oder Deutsche lieber Peugeot, ist ihre freie Entscheidung.

Öl und Gas blähen den deutschen Überschuss auf

Einen ordentlichen Teil der deutschen Importe machen Öl und Gas aus. Da der Preis für beide Rohstoffe seit 2015 dramatisch gefallen ist, sinkt auch ihr Anteil in der deutschen Leistungsbilanz. Je geringer aber die Importe, desto höher ist am Ende der Überschuss der Ausfuhren – auch wenn die Exporte gleich bleiben. Es kommt auf die Kapitalströme an Produziert ein Land einen Überschuss in seiner Leistungsbilanz, dann muss dem ein Kapitalexport in ungefähr gleicher Höhe gegenüberstehen. Warum das so ist? Ein Beispiel macht klar, worum es geht.

Im baden-württembergischen Ditzingen sitzt der Maschinenbauer Trumpf, dessen Lasertechnik als das Feinste im Maschinenbau weltweit gilt. Seit einigen Jahren baut Trumpf aber nicht mehr nur Maschinen, sondern betreibt auch eine Bank. Mitarbeiter des Unternehmens können dort für etwas höhere Zinsen als sonst üblich ihr Geld anlegen (das sie bei Trumpf verdient haben), und die Bank nutzt diese Einlagen (und andere Finanzinstrumente), um damit Trumpf-Kunden in aller Welt Kredite zu gewähren – damit diese neue Trumpf-Maschinen kaufen können. Im volkswirtschaftlichen Maßstab passiert etwas ganz Ähnliches: Deutsche Unternehmen und ihre Mitarbeiter produzieren so viele Waren und verkaufen diese so erfolgreich in der ganzen Welt, dass sie die Einnahmen daraus gar nicht komplett wieder zu Hause ausgeben können (oder wollen). Diese Gewinne und Ersparnisse fließen, weil sie eben nicht im Inland eingesetzt werden, ins Ausland – wo sie dann, wie im Beispiel Trumpf, zum Kauf neuer Trumpf-Maschinen eingesetzt werden. Ein Überschuss in der Leistungsbilanz bedeutet also immer, dass wir Kapital exportieren.

Diesem Muster folgen praktisch alle Investitionen: Lebensversicherer, die die Prämien ihrer Kunden anlegen; Unternehmen, die ihre Gewinne reinvestieren und im Ausland expandieren; Anleger, deren Fonds ausländische Aktien oder Bonds kaufen. All dies folgt einer schlichten Logik: Das Geld geht dahin, wo es mutmaßlich am meisten Gewinn abwerfen wird.

Leistungsbilanzsaldensind nur ein Symptom

Ja, es stimmt: Seit 16 Jahren ist Deutschlands Geschäftsbilanz mit dem Rest der Welt dick im Plus. Warum aber strömt so viel Kapital wieder ins Ausland, anstatt hierzubleiben? Klar, dass es auf diese Frage nicht nur eine Antwort gibt – sie haben aber alle mit schwachen Gewinnaussichten hierzulande zu tun.

Zum Beispiel drückt die Politik der EZB nicht nur den Wert des Euro und macht ausgerechnet deutsche Waren im Ausland noch attraktiver. Der Niedrigzins senkt zugleich auch die Renditen in der Geldanlage, weshalb gerade große Investoren wie Lebensversicherungen und Fondsgesellschaften ihr Geld in ausländische Anlagen umschichten. Anders aber als Trumps Wirtschaftsberater unterstellen, hat Deutschland diese Faktoren kaum in der Hand, Regierung und Bundesbank gelten gar als schärfste Kritiker der EZB.

Wir wissen wenig über die Risiken

Aus der Finanzkrise stammt der Spruch vom stupid german money. Investmentbanker in New York meinten damit deutsche Provinzbanker, die in der Welt verzweifelt nach Rendite suchten. So kam es, dass in der US-Immobilienkrise deutsche Banken wie IKB, HRE und WestLB vorn mitspielten. Seither hält sich die Behauptung, die Deutschen seien schlechte Anleger, finanzierten Schuldenkrisen und versenkten ihr Geld in ausländischen Staatsanleihen, rostigen Containerschiffen oder windigen Immobilienfonds.

Tatsächlich ist an dem Befund etwas dran: Von 2000 bis Ende 2016 summierten sich die Leistungsbilanzüberschüsse Deutschlands auf…

Kapitalexporte schaffen im Ausland Wohlstand

Mehr als 700 000 US-Amerikaner arbeiten in den USA bei einem deutschen Unternehmen. Der größte Exporteur von Autos aus den USA ist nicht GM oder Ford, sondern BMW. In dessen Werk in Spartanburg werden jedes Jahr mehr als 400 000 SUVs gebaut, viele für den Export. Fast 8 Mrd. Euro hat BMW seit 1994 in das Werk gesteckt.

Das Beispiel zeigt, was unsere Kapitalexporte im Ausland anrichten können: Sie lösen Investitionen, Nachfrage und Wachstum aus. Insgesamt 1 700 Mrd. Euro beträgt inzwischen das Netto-Auslandsvermögen der Deutschen, also der Wert, um den die deutschen Ersparnisse im Ausland die Ersparnisse des etwa 2 250 Mrd. Euro. So viel Geld floss in den vergangenen 16 Jahren netto aus Deutschland ins Ausland. Das Problem: Unser Netto-Auslandsvermögen beläuft sich eben „nur“ auf 700 Mrd. Euro. Unterm Strich, so rechnen es Ökonomen vor, haben die Deutschen im Ausland also mehr als 500 Mrd. Euro verloren.

Ob die Schlussfolgerung aber so eins zu eins stimmt, ist schwer zu sagen. Denn, man ahnt es, auch hier werden viele Dinge miteinander verwurstet.

Fazit

Viele Vorschläge funktionieren nicht

Wenn Deutschland etwas gegen seinen Überschuss tut, dann aus eigenem Interesse: weil die Infrastruktur mehr Geld gebrauchen kann, weil Investitionen von Unternehmen in Deutschland und der private Konsum weiter schwach sind. Aber natürlich gibt es Gründe, warum dies nicht klappt: etwa weil die wichtigen Märkte der meisten Unternehmen im Ausland sind. Weil die Bevölkerung älter wird und schrumpft. Weil Deutsche viel sparen, um fürs Alter vorzusorgen. Weil die erwarteten Renditen hierzulande relativ niedrig sind.

Diese Kalküle zu ändern ist nicht leicht. Mehr Investitionen sind schnell gefordert, doch die Baubranche boomt schon, Planer und Projekte gibt es nicht. Deutschland könnte auch Steuern senken und dadurch private Investitionen und den Konsum ankurbeln (siehe Kasten). Doch alle diese Vorschläge haben einen Haken: Kurzfristig senken sie den Bilanzüberschuss, langfristig aber machen sie hiesige Unternehmen noch wettbewerbsfähiger. Und erhöhen damit wieder den Überschuss.

Rests der Welt in Deutschland übersteigen. Und dies ist beinahe unmerklich passiert: Der Kapitalstock steckt in Aktien, Bonds, Krediten, in Ferienhäusern, Unternehmensbeteiligungen, Finanzinstrumenten und Devisen. All das muss nicht schlecht sein, tatsächlich verbuchte Deutschland 2016, wie die USA, mit mehr als 50 Mrd. Euro einen gewaltigen Gewinnüberschuss aus dem Ausland. Wir sollten es nur im Hinterkopf haben, wenn wir wieder bei der Sparkasse einen Depotauszug holen.

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