GEHT BEI THYSSENKRUPP BALD DER OFEN AUS?

GEHT BEI THYSSENKRUPP BALD DER OFEN AUS?

Wenn ThyssenKrupp-Chef Heinrich Hiesinger dieser Tage vor Führungskräfte tritt, fühlen die sich an schlimmste Krisenjahre erinnert. Die Gesichter sind ernst, und Hiesinger sagt Sätze wie: „Wir verdienen zu wenig Geld, um unsere Investitionen zu finanzieren.“ Mitte Juni wurden Konzernmanager aus dem Nahen Osten und Europa in Essen von ihrem Boss auf mehr Performance eingeschworen, mit eindringlichen Appellen.Hinter den Mahnungen verbirgt sich außer der altbekannten Schwäche beim Stahl ein weiteres Problem: der Anlagenbau mit seinen 5,7 Milliarden Euro Umsatz. Die Halbjahreszahlen der Division Industrial Solutions sind so schwach, als wäre eine Walze drübergefahren. Das Ergebnis (Ebit) sackte um 74 Prozent aufdürre 64 Millionen Euro ab. Wenn’s gut läuft, wird es bis zum Geschäftsjahresende mit Ach und Krach dreistellig. Geplant war ein Gewinn von 320 Millionen Euro. Die Misere wird wohl noch mindestens zwei weitere Jahre andauern, glauben Konzernstrategen. Was umso misslicher ist, als die Sparte eine gewichtige Rolle bei der Finanzierung von ThyssenKrupp spielt. Die üppigen Anzahlungen aus den Großaufträgen der Anlagenbauer helfen Hiesinger und seinem Finanz-Chef Guido Kerkhoff, die Investitionen in anderen Konzernteilen zu stemmen. Statt wie gewohnt Cash zu generieren, verbrannte die Division im ersten Halbjahr aber stolze 607 Millionen Euro.

Hiesinger will nun hart gegensteuern. Schon bald soll ein Sparprogramm im Umfang von rund 250 Millionen Euro beschlossen werden. Vorgesehen sind Verknappungen von Angebot und Kapazitäten, Teile der Produktion sollen von Deutschland in Billiglohnländer verlagert werden. Zugleich soll die Auftragsabwicklung effizienter gestaltet werden. Der Konzern will sich dazu nicht äußern.

Das Gros der Probleme ist hausgemacht. ThyssenKrupp bekommt die Quittung dafür, in den vergangenen Jahren zu wenig Neuaufträge für Kriegsschiffe oder Chemieanlagen an Land gezogen zu haben. Zudem wurde bei vielen Verträgen geschludert. Und die Nachbesserungen gehen in der Regel zulasten des Konzerns.

Verantwortlich dafür sind nicht zuletzt die diversen Umbauten und Managementwechsel. 40 Toppositionen hat Hiesinger in den vergangenen anderthalb Jahren in dem Segment umbesetzt, darunter neun Bereichsleiter, sieben Finanz- und vier Personalverantwortliche. An der Divisionsspitze stand bis vor Kurzem noch ein Interimschef, nachdem Vorgänger Jens Michael Wegmann Ende 2016 gehen musste, weil er für seine Frau ein goldenes Armband von einem Geschäftsvermittler angenommen hatte.

Derzeit sorgt Spartenkassenwart Stefan Gesing für Gesprächsstoff. Der Mann, ein paar Monate lang Aushilfschef, verliebte sich in eine direkt an ihn berichtende Managerin. Das Paar soll sein Verhältnis den Herren Hiesinger und Kerkhoff zwar rasch anvertraut haben, auch berichtet die Frau inzwischen an den neuen Divisionsleiter Peter Feldhaus, demnächst soll sie innerhalb des Konzerns wechseln. Dennoch erhob ein anonymer Schreiber auf einer Intranetplattform schwere Vorwürfe. Der Vorgänger der „Vorstandsfreundin“, hieß es da, sei „brutal von seiner Stelle entfernt“ worden.

Tatsächlich wurde er sogar befördert, weshalb die ThyssenKrupp-Oberen nun um Präzisierung baten. Der Schreiber möge sich doch beim Compliance-Ombudsmann melden, gern auch anonym, ließ Hiesinger ausrichten. Und bitte mitteilen, auf welche Sparte er sich denn beziehe.

Wirklich leicht tun sie sich beim Aufbruch in Essen nicht.