SAP SCHRÖPFT SEINE KUNDEN

SAP SCHRÖPFT SEINE KUNDEN

Insgesamt könnte es sich bei den global mehr als 350 000 SAP-Kunden um ein Volumen von mehreren Milliarden Euro handeln, glauben Experten. „Die Verfahren haben die Kundschaft extrem verunsichert“, moniert Andreas Oczko, Vorstand Operations, Service und Support der Deutschsprachigen SAP-Anwendergruppe (DSAG).

Der Fachmann fordert die Walldorfer auf, ein zeitgemäßes neues Preissystem zu entwickeln, das sich nicht an personengebundenen Lizenzen, sondern am laufenden Verbrauch orientiert. Bleibt SAP bei den derzeit vorgeschlagenen Methoden zur Berechnung der indirekten Nutzung, könnten die Kosten für die Abwicklung eines Auftrags für die Kunden um ein Vielfaches steigen, so seine Befürchtung.

SAP-Managerin Zeine verspricht jetzt eine Neufassung der Regeln, die für den Kunden „umsatzneutral“ bleiben soll. Vielen Anwendern fehlt indes der Glaube. Sie haben Sorge, dass die Zahlungen mit der Ausbreitung des Internets der Dinge explosionsartig steigen werden.

Denn wenn alles mit allem kommuniziert, redet einer geradezu automatisch immer mehr mit: ein Herr McDermott aus Walldorf. Über Walldorf wütet ein Shitstorm: Mit Aussagen wie „SAP wird Sie weiter aussaugen“ machen Nutzer von Webforen ihrem Ärger Luft. Der Grund für die Aufregung: In den vergangenen Monaten sind mehr als 100 deutsche Unternehmen, darunter auch große Konzerne, von ihrem wichtigsten Softwarelieferanten mit einer unangenehmen Angelegenheit konfrontiert worden. Die Walldorfer werfen ihnen vor, SAP-Programme indirekt zu nutzen. Wenn etwa eine Kasse im Supermarkt an das Warenwirtschaftssystem einer Molkerei den Verkauf eines Joghurt meldet und Nachschub ordert, verlangt SAP für diese Nutzung von außen ebenfalls Lizenzgebühren, von dem Milchverarbeiter.

Für Vorstandschef Bill McDermott sind diese externen Nutzer eine immer kräftiger sprudelnde Einnahmequelle, die er nicht unausgeschöpft lassen möchte. „Bei solchen Vorgängen wird mit unserem geistigen Eigentum Wert geschaffen. Deshalb steht uns eine Vergütung zu, selbst wenn der Nutzer nicht direkt bei uns als Anwender registriert ist“, sagt Hala Zeine, die für den SAP-Vorstand die Geschäftsentwicklung vorantreiben soll. Zeine verweist darauf, dass dies seit mehr als 20 Jahren genau so in den Verträgen geregelt sei.

Neu ist nur die Rigorosität, mit der SAP seine Ansprüche bei der Klientel durchsetzt. Viele Jahre habe der Konzern seine Lizenznehmer bei der indirekten Nutzung „nicht gerade gestresst“, sagt Jan Hachenberger von der Beratungsfirma Consalt. Mit der Laisser-faire-Strategie ist es vorbei. Selbst vor gerichtlichen Auseinandersetzungen schreckt SAP nicht mehr zurück.

In diesem Jahr hat der Walldorfer Konzern schon mindestens zwei seiner Lizenznehmer auf hohe Zahlungen im Zusammenhang mit der indirekten Nutzung verklagt. Der britische Getränkehersteller Diageo soll laut Gerichtsbeschluss Gebühren von rund 164 Millionen Euro entrichten. Die Kollegen von AB InBev haben sogar 564 Millionen Euro an Rückstellungen gebildet, um das Risiko einer ähnlichen Klage abzusichern.