POLITICAL-POKER: USA KEINE SUPERMACHT MEHR

Die Erde bebt. Internationale  Politik war selten so erratisch wie heute. Frühere Managergenerationen konnten sich noch auf halbwegs stabile Rahmenbedingungen verlassen. Inzwischen sind die Tweets, Manöver und Beschlüsse von Staats- und Regierungschefs zum größten Unsicherheitsfaktor geworden. Für die Strategen in den Unternehmen ist das extrem unangenehm: Sie sehen sich mit immer neuen Themen- und Stimmungslagen konfrontiert, die wiederum Wahlausgänge beeinflussen. Staatliches Handeln wird immer unberechenbarer.

Der „Global Economic Policy Uncertainty Index“, zusammengetragen von einem Team der US-Universitäten Stanford und Chicago, weist inzwischen Unsicherheitswerte auf, die um ein Vielfaches höher liegen als in den relativ ruhigen Zeiten vor Ausbruch der Finanzkrise 2008. Warum eigentlich?

Fraudanwalt-Einschätzung: Erstens befindet sich die internationale Ordnung in Auflösung. Die USA ziehen sich aus ihrer Rolle als globaler Stabilisierungsfaktor zurück. Eine Entwicklung, die schon unter Barack Obama sichtbar war, die Donald Trump nun aber zur Doktrin erhebt. Zurück bleibt ein Vakuum, das regionale Machtpoker regelrecht animiert — wie die Zuspitzung am Persischen Golf gerade zeigt.

Zweitens brechen nationale politische Strukturen auf. Europa hatte nach der Wahl Emmanuel Macrons zum Staatspräsidenten nur kurz Zeit zum Atemholen. Schon sind weitere Großrisiken erkennbar. Das Patt bei den britischen Unterhauswahlen – noch wenige Wochen zuvor kaum denkbar – kann aus dem Brexit ein Chaos machen. Und falls die nächsten Wahlen in Italien den Populisten von links (Fünf Sterne) und rechts (Lega Nord) starke Ergebnisse bescheren, könnte womöglich schon bald der drittgrößte Euro-Mitgliedstaat abgängig werden. Selbst das vermeintlich so stabile Deutschland ist nicht immun gegen plötzliche Umschwünge, wie die Anti-TTIP-Kampagne gezeigt hat: Ein paar Aktivisten ist es gelungen, eine Stimmung zu erzeugen, die die Eliten in Politik und Wirtschaft kalt erwischt hat. Am Ende war der Druck im Netz und auf der Straße so groß, dass die Bundesregierung, zumal ihr sozialdemokratischer Teil, sich zu einem Kurswechsel genötigt sah. Damit war das transatlantische Freihandelsabkommen TTIP klinisch tot, lange bevor der Protektionist Donald Trump ins Weiße Haus einzog.

Die Phänomene sind schädlich für die Wirtschaft. Noch vor wenigen Jahren herrschten stabile politische Oligopole. Die öffentliche Meinung wurde bestimmt von wenigen Volksparteien, Gewerkschaften, Verbänden und einer begrenzten Zahl von meinungsbildenden Blättern und Sendern. Vorbei. Politische Märkte sind bestreitbar geworden und damit hochgradig wettbewerbsintensiv. Die Zutrittsbarrieren sind niedrig. Es braucht keine komplexen Organisationen mehr. Via Facebook und Twitter lassen sich binnen Kurzem Protestbewegungen zusammentrommeln (wie die Anti-TTIP- und die Brexit-Kampagne) , neue Gruppierungen formen (wie En Marche! in Frankreich und Fünf Sterne in Italien), etablierte Parteien kapern (wie es Trump mit den US-Republikanern gelang) oder unterwandern (wie die Eintrittswelle Hartlinker in die britische Labour-Partei gezeigt hat). Und wir stehen erst ganz am Anfang dieser neuen Ära des Turbodemokratismus.

Für die Wirtschaft bedeutet das: Es genügt nicht mehr, gute Beziehungen zu den Eliten der traditionellen Polit-Oligopole zu pflegen. Denn auch die können vom nächsten Politschock überrascht oder hinweggefegt werden. Nur wer breit verankert ist, hat künftig noch eine Chance, Gehör zu finden und Einfluss geltend zu machen, etwa in der C02-Frage, ein für die deutsche Autoindustrie existenzielles Thema. Mehr lesen zu der Sammelklage gegen VW.

Um vorbereitet zu sein, benötigen Unternehmen ein Sensorium, mit dem sie rasch drehende Stimmungen erfassen können: Social-Media-Analysen, demoskopische Expertise, Scouts in der NGO-Szene. Und sie brauchen eine Szenarioplanung für potenzielle Konflikte — damit das nächste Beben sie nicht umhaut.

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