SAP-HOPP VERLIERT MILLIARDE BEI DIEVINI-INVESTMENT

SAP-HOPP VERLIERT MILLIARDE BEI DIEVINI-INVESTMENT

Das Restaurant im Golfklub St. Leon-Rot servierte italienische Spezialitäten, intellektuelles Futter lieferte ein Vortrag über das Management medizinischer Daten. Am Anreisetag verlief die Herbsttagung der Hopp Bio-Tech Holding GmbH & Co. KG vor zwei Jahren noch völlig unaufgeregt. Beim Abendessen plauderten die Vorstands- und Finanzchefs der zwölf Biotech-Unternehmen, in die Dietmar Hopp investiert hat, über wissenschaftliche Fortschritte, klinische Tests und frisches Kapital.

Als der SAP-Mitgründer am nächsten Morgen ans Rednerpult im Konferenzraum seines Klubhauses trat, war es vorbei mit der kuscheligen Stimmung. Mit einem einzigen Satz zerstörte Hopp das wohlige Gefühl finanzieller Sicherheit, in dem sich seine Angestellten wiegten. So tief saß der Schock, dass etliche der Anwesenden noch heute ihren Geldgeber übereinstimmend zitieren können: „Wenn ich gewusst hätte, dass es mich mehr als eine Milliarde Euro kosten würde, heute hier zu stehen, hätte ich es nicht gemacht.“ Auch wenn Hopp seine Ansage mit einem Lächeln abmilderte – die Botschaft war klar: Der größte Investor der deutschen Biotech-Szene hat sich verrechnet. In neue Start-ups hat er deshalb schon seit geraumer Zeit nicht mehr investiert.

Rund 25 000 Hightecharbeitsplätze zählt der Sektor hierzulande, immer wieder werden vielversprechende Firmen gegründet. All das ist auch der Geduld des Mäzens zu verdanken. Hopp inspirierte viele Forscher, ihre unternehmerischen Ideen in Deutschland umzusetzen und nicht in den USA.

Rein geschäftlich aber spricht das Resultat dem Unternehmensnamen Dievini Hohn — der baltischen Mythologie zufolge bedeutet er „Wächter des Eigentums“. In ihren bald 13 Jahren als Dievini-Co-Geschäftsführer ist es Friedrich von Bohlen, Christof Hettich  und Mathias Hothum nicht gelungen, aus den investierten 1,2 Milliarden Euro eine Rendite zu erwirtschaften. Von den 21 Firmen in seinem Portfolio ist bisher kein Euro an Hopp zurückgeflossen. Stattdessen muss der Milliardär immer wieder Geld nachschießen.

Während Biotech global boomt, geht Hopp leer aus. Sein System, das sich längst selbst tragen sollte, ist so subventionsbedürftig wie die heimische Landwirtschaft.

„Ja“, sagt Hopp, „ich hatte unterschätzt, wie aufwendig Biotech ist und wie langfristig.“ Es ist ein heißer Nachmittag Ende Juni, wir sitzen im angenehm heruntergekühlten Konferenzraum seines Golfklubs, mit am Tisch seine drei Geschäftsführer: Hettich, Hopps langjähriger Anwalt und Berater des Vertrauens, Hothum, Betriebswirt und der Finanzmann des Trios, und natürlich von Bohlen, promovierter Neurobiologe, erst gehypter, dann gescheiterter Gründer des Heidelberger Bioinformatik-Start-ups Lion Bioscience.

Friedrich von Bohlen, Neffe des großen Alfried Krupp, ist ein schlanker, noch jung wirkender Mann mit säuberlich hochgekrempelten Ärmeln, der das Wort zu führen versteht. „Wir haben keine Me-too-Strategie“, sagt der intellektuelle Kopfder Holding, „wir wollen Firstin Class sein.“ Bohlen will diese Zahl nicht kommentieren, hält „unsere Bilanz“ aber insgesamt für „sehr gut“.

Hohe Werte nur auf dem Papier Neun der zwölf Dievini-Unternehmen seien „erfolgreich, vielversprechend – oder beides“. Den Immunonkologie-Experten Immatics, die Alzheimer-Forscher von AC Immune und die durch den Einstieg der Bill & Melinda Gates Stiftung bekannte CureVac etwa hält von Bohlen für äußerst wertvoll. In typischer Start-up-Manier werden Zuflüsse gegen Anteile hochgerechnet – und so blasen sich die 46 Millionen Euro, die Gates für 4 Prozent an CureVac einschoss, schnell zu über einer Milliarde Euro Firmenwert auf.

Tatsächlich hätte Dievini seinem Investor schon erste finanzielle Erfolge präsentieren können.

Da ist etwa die 4,93-Prozent-Beteiligung an Cosmo Pharmaceuticals, das Hilfsmittel für Darmspiegelungen liefert. Cosmo hat seit seinem Börsengang In der Schweiz den Wert versiebenfacht – auf jetzt umgerechnet 2,3 Milliarden Euro. Doch von Bohlen sagt, er wolle den Anteil behalten, weil er „von dem Unternehmen und seiner weiteren Wertentwicklung überzeugt“ ist.

Auch den Nikotin- und Schmerzpflaster-Hersteller LTS Lohmann Therapie Systeme, mit 330 Millionen Euro Umsatz Weltmarktführer, hätte die Holding zu Geld machen können. 2013 war der Verkauf schon fast perfekt, aber von Bohlen pokerte weiter. Als schließlich die LTS-Miteigentümer Novartis und BWK, die Investmenttochter der LBBW, aussteigen wollten, finanzierte Hopp die Übernahme von deren insgesamt 67 Prozent. Statt Kasse zu machen, hält er nun 100 Prozent an LTS.

Der damalige Firmenwert lag nach Angaben von Dievini bei etwas über einer Milliarde Euro, das zusätzliche Paket dürfte um die 700 Millionen Euro gekostet haben. Dievini müsste also deutlich mehr als eine Milliarde Euro erlösen, wenn sich die Investition wirklich lohnen sollte. Derzeit sei weder eine Bank mandatiert, noch gebe es einen Verkaufsprozess, sagt von Bohlen. Seinen Preis hat noch keiner geboten.

Der Mann pokert regelmäßig. Schon so mancher mögliche Deal sei daran gescheitert, heißt es in der Branche. An dem Bioinformatikhaus Molecular Health war Nestlé schon vor rund zehn Jahren interessiert, doch nach Gesprächen mit dem Nestlé-Granden Peter Brabeck-Letmathe wurde der Deal abgeblasen. Inzwischen hat Molecular Health — in dem die Idee von Lion Bioscience weiterlebt — ein Drittel seiner Mitarbeiter abgebaut und einige US-Aktivitäten eingestellt.

Professionell geht anders. Nicht nur beim Exit, auch bei der Auswahl der Beteiligungen und deren Management gibt es Schwächen.

Große Wagniskapitalgeber haben gelernt, dass erste Anwendungen innovativer Pharmaka bei eher exotischen Indikationen das erfolgversprechendste Rezept sind. Der Grund: Die klinischen Tests sind weniger umfangreich und liefern schneller Ergebnisse. Hat das funktioniert, wird das Medikament auf große Indikationen ausgeweitet.

Die Fünf-Mann-Organisation Dievini kann Hopp nicht ausreichend dienen. Stattdessen ärgern sich unter Dievini-Aufsicht stehende Führungskräfte immer wieder über erratisches Mikromanagement der Holding. Da würden wichtige Personalentscheidungen wegen ein paar Tausend Euro oder akribisch vorbereitete Verträge wegen einer missliebigen Klausel von Friedrich von Bohlen oder vom Juristen Hettich vom Tisch gewischt.

Nun sind Klagen von Führungskräften über Geldgeber und Vorgesetzte nicht untypisch. Doch selbst wenn man gekränkte Eitelkeiten herausfiltert, bleiben offensichtliche Schwächen. Die Dievini-Verantwortlichen neigen zu übermäßigem Optimismus bei der Auswahl ihrer Beteiligungen, tun sich schwer beim Management und machen Fehler beim Exit.

Entscheidend für ein abschließendes Urteil über von Bohlens Wirken wird wohl die Tübinger CureVac sein. Das Unternehmen, an dem Dievini rund 90 Prozent hält, ist die größte Hoffnung im Portfolio, birgt indes auch enormes Potenzial abzustürzen. Zuletzt hat CureVac mehrfach Schlagzeilen produziert. Positive, als die angesehene Bill & Melinda Gates Stiftung einstieg. Als Vorstandschef Ingmar Hoerr beim wichtigsten Treffen der Branche, der J.P.-Morgan-Konferenz im Januar, eingestehen musste, dass sein am weitesten entwickelter Therapieansatz gegen Prostatakrebs in Phase II der klinischen Tests leider keine Wirksamkeit gezeigt hat.

Damit hat Hoerrs Vorhaben, auf Basis des Botenmoleküls mRNA neue Krebstherapien marktreif zu machen, einen Rückschlag erlitten. Auch die seit Jahren diskutierten Pläne, das Unternehmen an die Börse zu bringen, sind erst einmal perdu.

Von Bohlen überlegt jetzt, CureVac zu teilen: in die Onkologie — und die Immunologie. Denn die stark in Afrika engagierte Gates-Stiftung interessiert sich vor allem für die Entwicklung neuer Impfstoffe, etwa gegen Ebola und Aids. Dafür fließen zusätzliche Projektgelder an CureVac.

Mancher in der Branche vermutet ohnehin, dass die gut 300 Mitarbeiter von der Vielzahl ihrer Therapieansätze überfordert sind. Gates jedenfalls hat auch in den Konkurrenten Moderna Therapeutics investiert: bis zu 100 Millionen Dollar, doppelt so viel wie in CureVac.

Hoerr genießt trotz alledem weiter das Vertrauen von Hopp und Dievini. „CureVac hat ein hervorragendes Team“, sagt der Milliardär, „da finden Sie kein Besseres.“ Hopp lässt niemanden fallen. Er hält an Menschen fest. Und an lieb gewordenen Projekten. Das gilt für den Fußball (den Bundesligisten TSG Hoffenheim 1899), für seine Stiftung, die mit einem Grundstock von 4,5 Milliarden Euro Gutes tut, und auch für sein Biotech-Engagement.

„Es wird in meinem Vermächtnis stehen, dass wir weiter investieren, wenn auch mit geringeren Einsätzen als bisher“, sagt Hopp. Sein ältester Sohn Oliver werde dann die Führung übernehmen. Bisher kümmert sich der Junior vor allem um seinen Golfklub bei Cannes, nahm aber zuletzt häufiger an Dievini-Sitzungen teil.

Die deutsche Biotech-Party geht also erst mal weiter. Und von Bohlen hat schon wieder neue, hochfliegende Pläne. „Wir wollen mit Dievini nach vorn schauen“, sagt er, die Stammzelltherapie oder das Gen-Editing seien jetzt vielversprechende Ansätze. Er wundere sich geradezu, sagt er, wie er vor zehn, zwölfJahren Dievini genau auf die richtigen Trends ausgerichtet habe.

Fragt sich nur, wann sich diese Weitsicht bezahlt macht.