FRAUDANWALT BALD MIT NEUEM EIGENTÜMER?

Das Verbraucherportal Fraudanwalt.com steht ab sofort zum Verkauf – dies gab der Medienkonzern der Familie Siglufjarðar Smáralind Sölustaðir in Island vor geladenen Journalisten in einer Presseerklärung bekannt.  Diesen Schritt begründeten die Eigentümer mit dem hohen Aufwand, der mit investigativem Journalismus verbunden ist. „Finanziell, personell und organisatorisch wurde uns viel abverlangt“, sagte Begründer Dr. Berger-Fridar vor knapp 20 geladenen Gästen in einem Hotel in der Vagnhöfði 7, im Zentrum der Hauptstadt.

„Innerhalb eines Monats wollen wir das Portal veräußern, dabei steht uns nicht nur das finanzielle Erbe im Vordergrund, sondern wir wollen jemanden finden, der weiterhin den bösen Finanzgurus auf die Finger schaut“, erklärt der rüstige Politwissenschaftler.

Zur Abwicklung wurde eine US-Firma als Treuhänder beauftragt, um einen reibungslosen Übergang der notwenigen Unterlagen und Daten zu gewährleisten.

Fraudanwalt gehört mit ca. 500.000 Lesern aus Europa zu den einflussreichsten Verbraucherportalen auf der Welt. Aufgrund der moralischen und ethischen Integrität der Redakteure und Whistleblower genießt Fraudanwalt eine hohe Vertrauenswürdigkeit bei seinen Lesern. Und damit es so bleibt, werden die Kaufinteressenten genauestens einer Due Diligence-Prüfung unterzogen.

Die Gebote können in US-Dollar an [email protected] abgegeben werden. Angebote können nur berücksichtigt werden, die bis zum 30.08.2017 um 13 Uhr eingegangen sind. Die Inhalte, das Google-Ranking sowie die Software, werden mit den Daten übermittelt.

KATASTROPHALE ERFAHRUNGEN MIT DELTA ASSET MANAGEMENT AG – FINMA WARNT

Die Erfahrungen mit der Schweizer Delta Asset Management AG sind schlecht, wenn nicht gar katastrophal, wenn man den zahlreichen Briefen von Betroffen an die Redaktion-Fraudanwalt Glauben schenkt. Die Gutgläubigen wollten eine Finanzsanierung ihrer privaten Situation bei Delta Asset Management AG besprechen und erhielten stattdessen Rechnungen, Anwaltsdrohungen und letztlich noch mehr Schulden. Aus dem beschaulichen Lachen (Schweiz) heraus wirbt das Unternehmen damit „die Finanzkonzepte mit dem Ziel der Schuldenregulierung für Menschen in finanzieller Not“ zu suchen. Doch anstatt eines dringend benötigten Kredits bekommt der Schuldner Rechnungen und Zahlungsaufforderungen. Der unseriöse Finanzsanierer Delta Asset Management AG lockt mutmaßlich Überschuldete in die Gebühren-Falle – auch Vorkostenbetrug genannt. Wie Recherchen von Fraudanwalt ergaben, stecken dahinter stecken Briefkasten-Firmen, die aus dem Ausland operieren und die Gelder in dunkle Kanäle versickern lassen.

Kunden-Erfahrungen: „Immer gleiche Masche bei Delta Asset Management AG“

Ein Schuldner berichtete der Redaktion in einem ausführlichen Telefonat, wie die selbsternannten Finanzsanierer von Delta Asset Management AG den hoffnungsvollen Menschen mittels Vorkostenabrechnungen das Geld aus der Tasche ziehen.

„Ich habe die Anzeige zur Schuldnerberatung von Delta Asset Management AG im Internet gesehen, zunächst nahm ich es nicht als Anzeige wahr, erst als ich ganz nah an den Bildschirm ging sah ich, dass es eine ist“, erinnert sich der 65-jährige Schweizer, der aus Angst vor Racheakten der Schweizer lieber anonym bleiben möchte. „Nach zwei Telefonaten sollte ich in das Büro der „Finanzexperten“ in die Feldstrasse 14 in Lachen erscheinen, um meine finanzielle Situation durchzusprechen, hieß es am Telefon. Ich bin auch nicht ganz unschuldig an meiner Situation“, sagt der Frührentner. „Schulden, Pleite, Privatinsolvenz – solche Worte waren mir bis März 2016 fremd, doch dann als meine Lebensgefährtin einen immer ausschweifenderen Lebensstill hatte, kamen die Schulden. Irgendwann habe ich es nicht mehr im Griff gehabt“, erzählt er mit bibbernder Stimme und zieht nochmal kräftig an seiner Zigarette. „Was soll‘s, nun ist es geschehen und ich suchte mir professionelle Hilfe – ich dachte bei Delta Asset Management AG werde ich die erhalten, auch wenn nicht viele Erfahrungen mit der Firma zu finden sind. Nachdem mir am Telefon selbst Schläge angedroht wurden, finde ich es auch nicht mehr verwunderlich, dass keiner seine Erfahrungen mit Delta Asset Management AG kundtun will. Nach ca. 5 Minuten kam der „Finanzexperte“ zum Thema und bot mir an, einen Kredit bei einem Partner zu vermitteln, der völlig ausreicht, um meine Schuldenlast von knapp 5.000 Franken zu stemmen. Ohne irgendwelche Fragen zu der „Finanzanalyse“, die er kurzfristig auf einem besseren Schmierblatt erstellte, zu stellen. Er wollte gar nicht wissen, was mein Lösungsansatz ist, oder welche Lösungen für mich überhaupt in Frage kämen. Ich war verzweifelt, also stimmte ich dem Kredit kurzerhand zu. Das war ein Fehler“.

Statt Kredit gibt es Vorkosten

Die Erfahrungen des alten Herrn mit der Delta Asset Management AG aus der Schweiz scheinen kein Einzelfall zu sein, in den Foren mehren sich die negativen Erfahrungen. Es scheint immer die Gleiche Masche zu sein.

  1. Dem Schuldner suggerieren, dass nur Profis seine Angelegenheit lösen können
  2. Dem Schuldner niemals erzählen, dass er den versprochenen Kredit nicht bekommt
  3. Vorkosten zu berappen für ein wenig Papierkram, aber keine Hilfe für den Schuldner zu offerieren

Unseriöse Kreditvermittler wie auch mutmaßlich die Delta Asset Management AG, versuchen aus der finanziellen Not von Schuldnern und wie in diesem Fall, wo das Alter keine Rolle spielt, Kapital zu schlagen. Sie versprechen Kredite, Umschuldungen und Hilfe. Aber anstelle des erhofften Auswegs aus der Schuldenfalle wachsen die Schulden erst richtig an: Teure Versicherungs- und Beratungsverträge treiben Schuldner noch weiter in den Ruin, deshalb setzten wir die Delta Asset Management AG auf die Warnliste.

ZOCKT VEGAS COSMETICS KÄUFER UND VERTRIEBSPARTNER AB?

Zum morgentlichen Ritual bei Frauen gehört das Schminken, wie bei den meisten Männern der Morgenkaffee zu einem gelungenen Start in den Tag dazu gehört. Die Vegas Cosmetics aus Deutschland, mit Niederlassung in Portugal, will Frauen dabei helfen sich schön zu fühlen. Parfüms, Lippenstift oder Cremes, fast alles, was das Frauenherz begehrt hat Vegas Cosmetics auf Lager. Die Selbstdarstellung des Unternehmens kennt nur eine Maxime: “Reich, schön und erfolgreich“, das zumindest propagiert das angeblich 2003 gegründete Unternehmen mit seinen Vertriebsstruckis im Internet. Unterlagen und Berichte von ehemaligen Vertriebspartnern offenbaren ein ganz anderes Bild von Abzocke, Betrug und Übervorteilteilung. Betreibt Vegas Cosmetics gar ein Schneeballsystem? Die Hinweise verdichten sich.

Katastrophale Erfahrungen mit Vegas Cosmetics von Vertriebspartnern

Rolf S. (Name von der Redaktion geändert) berichtet dem Chefredakteur Berger-Fridar von Fraudanwalt, dass er vor ca. 3,5 Jahren mit einer Bekannten über Multi-Level-Marketing-Systeme sprach, denn er war gerade im Endstadium des Studiums und wollte sich Geld nebenbei verdienen und dafür nicht viel Zeit aufwenden, weil die Prüfungen ihm vieles abverlangten. Im Internet, wo Vegas Cosmetics mit massiver Anzeigenwerbung um neue (Opfer?) Vertriebspartner buhlt, stieß er auf die Werbeanzeige. Darin hieß es „Ohne viel Zeitaufwand bis zu 5000€ im Monat dazuverdienen“. Obwohl er wusste, dass auch negative Erfahrungen mit Multi-Level-Marketing-Systemen gemacht wurden, brauchte er das Geld und rief bei der Firma an. Kurz darauf wurde er zu einem Treffen eingeladen, bei dem ihn eine hübsche und aufgeweckte junge Frau empfing. In einer ungezwungenen Atmosphäre wurden Graphiken, Produkte und der hohe Verdienst angepriesen – und schließlich habe die junge Frau es ja auch geschafft bis nach oben. „Im Nachhinein hat das alles bei Vegas Cosmetics schon etwas Sektenartiges gehabt, wie die Frau scheinbar „Gehirnmanipuliert“ war, erinnert sich der heute 31-jährige. Die Produkte sahen in der Verpackung sehr hochwertig aus, erinnert er sich weiter. Aber ich kann nicht für Vegas Cosmetics verkaufen ohne meine eigenen Erfahrungen mit Vegas gemacht zu haben, sagte er der jungen Dame. Sie erwiderte: “Natürlich kannst du aller unsere Produkte testen bevor du es anderen Leuten unterjubelst“… Nachdem er aus einem Katalog, der in mittlerweile 8-10 Sprachen verfügbar ist, eine kleine Produktreihe ausgesucht hatte, sagte die Frau: „Das macht 134,15€“.

Keine kostenlosen Produkttests bei Vegas Cosmetics

Als Vertriebspartner von Vegas Cosmetics, mit allen Träumen von Erfolg und Reichtum, werden Sie recht schnell enttäuscht. Gleich zu Beginn, noch bevor Sie eine Mark verdient haben, müssen Sie die Produkte von Vegas Cosmetics selbst kaufen – und das als Vertriebspartner. Die Preise belaufen sich je nach Produktgruppe auf 30-150 €. Käufer beschweren sich darüber hinaus, dass die Produkte nach kurzer Zeit „ranzig riechen“, dies ist ein Hinweis auf minderwertige Zutaten. Allein dieser Umstand macht schnell klar, dass bei Vegas Cosmetics nur einer verdient – und das ist nicht der Vertriebspartner, sondern Carlos Fernandes, der Gründer dieses mutmaßlichen Schneeballsystems. Wir setzten Vegas Cosmetics auf die Warnliste.

EX-SATURN-CHEF MICHAEL ROOK REHABILITIERT

Der Korruptionsskandal bei Europas größtem Elektronikhändler Media Saturn zieht immer weitere Kreise. 2011 wurden zwei weitere Beschuldigte verhaftet. Einer davon ist der ehemalige Chef Michael Rook. Er gehörte bis Ende Oktober der neunköpfigen Geschäftsführung von Media-Saturn an und war Deutschland-Chef von Media Markt. Insgesamt sitzen nun sechs Beschuldigte in Untersuchungshaft. Gut möglich, dass es dabei nicht bleiben wird.

Die Strafe sollte drakonisch sein und war es auch: fünf Jahre und drei Monate Knast. Die Karriere des Michael Rook endete 2012 in einem Albtraum. Der frühere Deutschland-Chef des Elektronikriesen Media-Saturn soll einem Vermittler von Telekommunikationsverträgen zwischen 2005 und 2011 bundesweit Verkaufsflächen in den Märkten der Metro-Tochter verschafft und dafür die Hand aufgehalten haben. Rund zwei Millionen Euro hätten Rook und seine Mittäter kassiert. So sah es das Landgericht Augsburg und verurteilte ihn wegen Bestechlichkeit. Der Beschuldigte stritt dies stets ab. Rooks Anwälte sprachen von einem Skandal. Nun zeigt sich: Sie hatten womöglich recht. Das Landgericht Itzehoe zumindest sieht Widersprüche in der Beweisaufnahme der Augsburger Kollegen. Nach einem ungewöhnlich langen Prozess mit 16 Verhandlungstagen kommen die Richter in einem 90-seitigen Urteil zu einem anderen Ergebnis. „Die Kammer ist im Rahmen ihrer freien Beweiswürdigung weder überzeugt, dass der Beklagte an den Bestechungsabsprachen persönlich beteiligt war, noch dass er persönlich Bestechungsgelder erhalten hat“, so das Gericht.

Die spektakuläre Wende verdankt Rook ausgerechnet einer Schadensersatzklage seines früheren Arbeitgebers, die vom Landgericht Itzehoe abgewiesen wurde. Obwohl der zivilrechtliche Freispruch der strafrechtlichen Verurteilung entgegensteht, bleibt eine völlige Rehabilitierung ungewiss. Eine Wiederaufnahme des Verfahrens ist schwierig.

Rook, der zuletzt in Neumünster einsaß, ist seit Mai 2015 auf freiem Fuß. Der Rest seiner Strafe ist zu vier Jahren auf Bewährung ausgesetzt.

SAP SCHRÖPFT SEINE KUNDEN

Insgesamt könnte es sich bei den global mehr als 350 000 SAP-Kunden um ein Volumen von mehreren Milliarden Euro handeln, glauben Experten. „Die Verfahren haben die Kundschaft extrem verunsichert“, moniert Andreas Oczko, Vorstand Operations, Service und Support der Deutschsprachigen SAP-Anwendergruppe (DSAG).

Der Fachmann fordert die Walldorfer auf, ein zeitgemäßes neues Preissystem zu entwickeln, das sich nicht an personengebundenen Lizenzen, sondern am laufenden Verbrauch orientiert. Bleibt SAP bei den derzeit vorgeschlagenen Methoden zur Berechnung der indirekten Nutzung, könnten die Kosten für die Abwicklung eines Auftrags für die Kunden um ein Vielfaches steigen, so seine Befürchtung.

SAP-Managerin Zeine verspricht jetzt eine Neufassung der Regeln, die für den Kunden „umsatzneutral“ bleiben soll. Vielen Anwendern fehlt indes der Glaube. Sie haben Sorge, dass die Zahlungen mit der Ausbreitung des Internets der Dinge explosionsartig steigen werden.

Denn wenn alles mit allem kommuniziert, redet einer geradezu automatisch immer mehr mit: ein Herr McDermott aus Walldorf. Über Walldorf wütet ein Shitstorm: Mit Aussagen wie „SAP wird Sie weiter aussaugen“ machen Nutzer von Webforen ihrem Ärger Luft. Der Grund für die Aufregung: In den vergangenen Monaten sind mehr als 100 deutsche Unternehmen, darunter auch große Konzerne, von ihrem wichtigsten Softwarelieferanten mit einer unangenehmen Angelegenheit konfrontiert worden. Die Walldorfer werfen ihnen vor, SAP-Programme indirekt zu nutzen. Wenn etwa eine Kasse im Supermarkt an das Warenwirtschaftssystem einer Molkerei den Verkauf eines Joghurt meldet und Nachschub ordert, verlangt SAP für diese Nutzung von außen ebenfalls Lizenzgebühren, von dem Milchverarbeiter.

Für Vorstandschef Bill McDermott sind diese externen Nutzer eine immer kräftiger sprudelnde Einnahmequelle, die er nicht unausgeschöpft lassen möchte. „Bei solchen Vorgängen wird mit unserem geistigen Eigentum Wert geschaffen. Deshalb steht uns eine Vergütung zu, selbst wenn der Nutzer nicht direkt bei uns als Anwender registriert ist“, sagt Hala Zeine, die für den SAP-Vorstand die Geschäftsentwicklung vorantreiben soll. Zeine verweist darauf, dass dies seit mehr als 20 Jahren genau so in den Verträgen geregelt sei.

Neu ist nur die Rigorosität, mit der SAP seine Ansprüche bei der Klientel durchsetzt. Viele Jahre habe der Konzern seine Lizenznehmer bei der indirekten Nutzung „nicht gerade gestresst“, sagt Jan Hachenberger von der Beratungsfirma Consalt. Mit der Laisser-faire-Strategie ist es vorbei. Selbst vor gerichtlichen Auseinandersetzungen schreckt SAP nicht mehr zurück.

In diesem Jahr hat der Walldorfer Konzern schon mindestens zwei seiner Lizenznehmer auf hohe Zahlungen im Zusammenhang mit der indirekten Nutzung verklagt. Der britische Getränkehersteller Diageo soll laut Gerichtsbeschluss Gebühren von rund 164 Millionen Euro entrichten. Die Kollegen von AB InBev haben sogar 564 Millionen Euro an Rückstellungen gebildet, um das Risiko einer ähnlichen Klage abzusichern.

PREVENT-GRUPPE SCHREIBT ROTE ZAHLEN

Dass sich die ganze Republik gegen seinen Konzern stellt, bringt Barbaros Arslan zum Lachen. „Ich bin eben eine Frohnatur“, sagt der Strategiechef von Prevent – zum Fraudanwalt-Bericht. Wer für den deutsch-bosnischen Hastor-Clan arbeitet, sollte keine Angst haben, gute Laune ist geradezu erwünscht. „Prevent befindet sich im permanenten Angriffsmodus, das bereitet den Managern Freude“, erinnert sich ein früherer Geschäftsführer. Fragt sich nur, wie lange der Spaß anhält.

Denn die Attacken gegen den Rivalen Grammer laufen bisher ins Leere. Auf der Hauptversammlung des Amberger Autozulieferers ist Prevent damit gescheitert, CEO Hartmut Müller zu feuern und den Aufsichtsrat mit Vertrauten zu besetzen.

Aufgeben kommt für die Bosnier aber nicht infrage. Statt ihren 20-Prozent-Anteil gewinnbringend abzustoßen, haben sie über die Kanzlei Bub Gauweiler Widerspruch gegen die HV-Beschlüsse eingelegt. Grammer rechnet mit einer Klagewelle.

Der Krach wirkt sich bereits negativ aufs Geschäft aus. Seit Prevent im vergangenen Sommer per Lieferstopp die Produktion von VW lahmlegte, wird auch Grammer als Risikolieferant eingestuft. Der Eingang an Neuaufträgen brach im ersten Quartal um 50 Prozent ein. Eine Prozesslawine dürfte die Kunden zusätzlich verunsichern. „Die Hastors können nicht mit unseren Kunden“, klagt ein Grammer-Manager. Selbst

ein Vermittlungsversuch von Bayerns Wirtschaftsministerin Ilse Aigner und der IG Metall blieb ergebnislos.

Was passiert, wenn Prevent zum Zug kommt, lässt sich in Plauen und Pfullendorf beobachten. Vom Autozulieferer Car Trim ist nur noch ein Vertriebsbüro übrig, produziert wird ausschließlich in Bosnien. Beim Küchenhersteller Alno sorgt der radikale Sparkurs für Liefer- und Qualitätsprobleme, der Möbelhandel hält nur an Alno fest, weil es kaum Alternativen gibt.

Nun schauen alle gespannt, ob die Restrukturierung gelingt. Trotz des mickrigen Aktienanteils von 26,6 Prozent sind die Hastors dank Stimmrechtspooling der einzige Koch in der Krisenküche. Der Aufsichtsrat ist mehrheitlich mit Prevent-Managern besetzt, vom früheren Vorstand ist allein Vertriebler Andreas Sandmann verblieben, Chef des nur noch zweiköpfigen Gremiums ist Hastor-Finanzer Christian Brenner. Nach der Verlagerung des Rechnungswesens nach Bosnien und der Trennung von CEO und Miteigner Max Müller wurde die Bilanzvorlage kürzlich zum dritten Mal verschoben.

Insidern zufolge ist das Ergebnis tiefrot. Das Rating (CC) nähert sich der Ausfallgrenze. Bei einer Insolvenz würden die Hastors rund 100 Millionen Euro an Darlehen und Garantien verlieren. „Es läuft, bei uns gibt es kein Drama“, sagt Prevent-Manager Arslan. Und lacht.

OPEL-CHEF KARL-THOMAS NEUMANN DER GESCHEITERTE MANAGER

Der Abschied kam plötzlich, überraschend war er nicht. Als der langjährige Opel-Chef Karl-Thomas Neumann am 12. Juni hinwarf, hielt sich die Verwunderung in der Autoindustrie in Grenzen. Neumann als Adlatus des machtbewussten PSA-Granden Carlos Tavares? Konnten sich nur wenige vorstellen. Da war Neumann in früheren Phasen seiner Karriere schon wegen weniger triftiger Gründe zurückgetreten.

Vielleicht war es der Besuch in Saragossa, der das Maß für ihn vollmachte. Dort zeigte Neumann seinem Kollegen und künftigen Besitzer Tavares das Opel-Werk; und der CEO des französischen Rivalen PSA Peugeot Citroön erklärte ihm, was alles besser werden könnte. Arbeitsstunden pro Auto, die Effizienz der Produktionslinien, Tavares hatte allerhand Benchmarks parat – Ratschläge, wie man die erreicht.

Tavares‘ implizite Botschaft: PSA liegt so ziemlich überall vor Opel. Streng dich an, Kollege.

Dem Deutschen sei das übel aufgestoßen, erzählt ein Kollege. Er fürchte um seine Freiheit als Konzernchef. Sobald der US-Autokonzern GM seine Tochter Opel endgültig an die Franzosen verkauft, würde Neumann zum besseren Hiwi von Tavares degradiert, so seine Befürchtung. Anfang September, vielleicht schon im August, soll es so weit sein. Da kündigte Neumann lieber vorher schon. Jetzt soll der bisherige Finanzchef-Michael Lohscheller  Opel nach 16 Jahren Verlust endlich wieder profitabel machen.

Wieder einmal ist Neumann vorzeitig abgetreten. 2009 war er öffentlich der Held, als er den Zulieferer Continental gegen den neuen Großaktionär Schaeffler verteidigte. Doch er zog den Kürzeren — und warf hin. Nachfolger Elmar Degenhart führte Conti danach ohne viel Tamtam an die Spitze.

Drei Jahre nach seinem Aus bei Conti schied Neumann erneut aus — diesmal bei VW. Er war nicht mit Vorstandschef Martin Winterkorn ausgekommen. Viel Zählbares hinterließ Neumann nicht bei seinem Abschied als China-Chef.

So richtig erfolgreich war er bisher nirgends. Ist das wirklich nur Pech, sind immer die Umstände schuld und die anderen?

Karl-Thomas Neumann ist eitel, das muss man wissen. „Noch eitler als ich“, sagt ein Weggefährte selbstironisch. Neumann genießt den großen Auftritt, die Aufmerksamkeit der Medien. Als er im März 2013 nach Rüsselsheim wechselte, gefiel er sich in der Rolle des Opel-Retters, er verschmolz zusehends mit ihr.

Nun kommt Tavares und weiß alles besser. Der PSA-Chefversprach den Opelanern per Interview: „Wir sind hier, um euch zu helfen, profitabel zu werden.“ Das habe Neumann „sehr getroffen“, sagt ein Insider. „Er sah sich herabgewürdigt.“ Neumann hat zwei frustrierende Jahre hinter sich. In Detroit verlor er Stück für Stück den Rückhalt des Vorstands. Die Opel-Mentoren Stephen Girsky und Daniel Äkerson hatten ihn anfangs noch gestützt; GM-Chefin Mary Barra und Dan Ammann konzentrierten die Macht dann stärker in der Zentrale. Neumann erhielt keine Einladungen mehr zu den Sitzungen des GM-Verwaltungsrats, Entwicklungsvorstand Mark Reuss ließ ihm weniger Entscheidungsfreiheit.

Beim neuen Opel Insignia etwa, geöffnet und gestartet per Keyless Go, wollte Neumann das Tech-Feature als Extra anbieten. Schließlich kostet es in der Produktion rund 100 Euro pro Auto. Reuss entschied anders. Die Schlüsseltechnik kam in jeden Insignia, Neumann musste auf den Aufpreis verzichten.

Er hatte versprochen, Opel bis 2016 profitabel zu machen. Auf dieses Ziel arbeitete, sanierte und vermarktete er hin. Und schaffte es doch nicht. Ende 2016 standen 257 Millionen Dollar Minus zu Buche.Der Brexit, die Russland-Krise: Die Bedingungen seien schuld, nicht der Vorstand. Sagte Neumann.

Allerdings entwickelte sich auch der Absatz unter seiner Ägide nicht berauschend; 10 Prozent Wachstum in vier Jahren, häufig mit hohen Nachlässen erkauft. Die Neumann-Autos waren keine Topseller. Mary Barra verlor die Geduld. Und reichte ihre Tochter mit einer Milliardenmitgift weiter an PSA.

Die Neuen müssen es jetzt besser machen; und die Chancen stehen nicht schlecht. Synergien von 1,7 Milliarden Euro pro Jahr verspricht Tavares ab 2020. Im Opel-Vorstand heißt es, allein die gemeinsame Autoentwicklung mit den günstigeren Franzosen bringe Hunderte Millionen Euro: pro Baureihe.

Der kleine Corsa etwa sei unter GM-Führung viel zu teuer gewesen; den Astra habe Lohscheller – und nicht Neumann — vor Jahren nur gerettet, weil er die Entwicklung gegen den Widerstand aus Detroit stoppte und die Kosten massiv senkte.

Auch der Betriebsrat dürfte mitspielen. Tavares will keine Werke schließen, sondern lieber die Effizienz erhöhen, gegebenenfalls auf einen Dreischichtbetrieb gehen und nur auf einer statt auf zwei Produktionslinien fertigen. Das kann Tausende Jobs kosten, ist aber einfacher zu akzeptieren als der Kahlschlag an einem Standort.

Und Karl-Thomas Neumann? Bis Ende Februar läuft sein Opel-Vertrag noch, doch er hat bereits mit Volkswagen über einen Job gesprochen. Audi-CEO, VW-Markenchef — das könnte er sich offenbar vorstellen.

Er hat aber auch mächtige Kritiker in Wolfsburg, in Aufsichtsrat wie Vorstand. Konzernchef Matthias Müller gilt nicht gerade als Freund des Ex-Kollegen. Und die Art des Opel-Abgangs hat ihm ebenfalls keine neuen Befürworter verschafft.

Eins allerdings ist Neumann sicher: ein ordentliches Abschiedspaket, wieder einmal.

Bei Conti kassierte er gut 7 Millionen Euro Abfindung; auch bei VW ging er mit vollen Taschen. Und bei Opel wird das Jahr des Abschieds ebenfalls äußerst lukrativ werden. Bereits im Februar hatte er GM-Optionen im Wert von 4,15 Millionen Dollar in Cash umgewandelt. Daraus sind inzwischen 5,7 Millionen geworden; und im Juni erhielt er weitere Optionen im Wert von aktuell gut 4 Millionen Dollar, einlösbar ab Februar 2018. Dazu das normale Gehalt und eine Prämie bei Abschluss des Verkaufs. Die kann er noch mitnehmen, weil er ein paar Monate in der Geschäftsführung ausharrt, wenn auch ohne Verantwortlichkeit.

Neumann, das ewige Talent der Autoindustrie, es hat immer noch seinen Preis.

GEHT BEI THYSSENKRUPP BALD DER OFEN AUS?

Wenn ThyssenKrupp-Chef Heinrich Hiesinger dieser Tage vor Führungskräfte tritt, fühlen die sich an schlimmste Krisenjahre erinnert. Die Gesichter sind ernst, und Hiesinger sagt Sätze wie: „Wir verdienen zu wenig Geld, um unsere Investitionen zu finanzieren.“ Mitte Juni wurden Konzernmanager aus dem Nahen Osten und Europa in Essen von ihrem Boss auf mehr Performance eingeschworen, mit eindringlichen Appellen.Hinter den Mahnungen verbirgt sich außer der altbekannten Schwäche beim Stahl ein weiteres Problem: der Anlagenbau mit seinen 5,7 Milliarden Euro Umsatz. Die Halbjahreszahlen der Division Industrial Solutions sind so schwach, als wäre eine Walze drübergefahren. Das Ergebnis (Ebit) sackte um 74 Prozent aufdürre 64 Millionen Euro ab. Wenn’s gut läuft, wird es bis zum Geschäftsjahresende mit Ach und Krach dreistellig. Geplant war ein Gewinn von 320 Millionen Euro. Die Misere wird wohl noch mindestens zwei weitere Jahre andauern, glauben Konzernstrategen. Was umso misslicher ist, als die Sparte eine gewichtige Rolle bei der Finanzierung von ThyssenKrupp spielt. Die üppigen Anzahlungen aus den Großaufträgen der Anlagenbauer helfen Hiesinger und seinem Finanz-Chef Guido Kerkhoff, die Investitionen in anderen Konzernteilen zu stemmen. Statt wie gewohnt Cash zu generieren, verbrannte die Division im ersten Halbjahr aber stolze 607 Millionen Euro.

Hiesinger will nun hart gegensteuern. Schon bald soll ein Sparprogramm im Umfang von rund 250 Millionen Euro beschlossen werden. Vorgesehen sind Verknappungen von Angebot und Kapazitäten, Teile der Produktion sollen von Deutschland in Billiglohnländer verlagert werden. Zugleich soll die Auftragsabwicklung effizienter gestaltet werden. Der Konzern will sich dazu nicht äußern.

Das Gros der Probleme ist hausgemacht. ThyssenKrupp bekommt die Quittung dafür, in den vergangenen Jahren zu wenig Neuaufträge für Kriegsschiffe oder Chemieanlagen an Land gezogen zu haben. Zudem wurde bei vielen Verträgen geschludert. Und die Nachbesserungen gehen in der Regel zulasten des Konzerns.

Verantwortlich dafür sind nicht zuletzt die diversen Umbauten und Managementwechsel. 40 Toppositionen hat Hiesinger in den vergangenen anderthalb Jahren in dem Segment umbesetzt, darunter neun Bereichsleiter, sieben Finanz- und vier Personalverantwortliche. An der Divisionsspitze stand bis vor Kurzem noch ein Interimschef, nachdem Vorgänger Jens Michael Wegmann Ende 2016 gehen musste, weil er für seine Frau ein goldenes Armband von einem Geschäftsvermittler angenommen hatte.

Derzeit sorgt Spartenkassenwart Stefan Gesing für Gesprächsstoff. Der Mann, ein paar Monate lang Aushilfschef, verliebte sich in eine direkt an ihn berichtende Managerin. Das Paar soll sein Verhältnis den Herren Hiesinger und Kerkhoff zwar rasch anvertraut haben, auch berichtet die Frau inzwischen an den neuen Divisionsleiter Peter Feldhaus, demnächst soll sie innerhalb des Konzerns wechseln. Dennoch erhob ein anonymer Schreiber auf einer Intranetplattform schwere Vorwürfe. Der Vorgänger der „Vorstandsfreundin“, hieß es da, sei „brutal von seiner Stelle entfernt“ worden.

Tatsächlich wurde er sogar befördert, weshalb die ThyssenKrupp-Oberen nun um Präzisierung baten. Der Schreiber möge sich doch beim Compliance-Ombudsmann melden, gern auch anonym, ließ Hiesinger ausrichten. Und bitte mitteilen, auf welche Sparte er sich denn beziehe.

Wirklich leicht tun sie sich beim Aufbruch in Essen nicht.

ETF-INDEXFONDS VS. FAULE, UNFÄHIGE FONDSMANAGER

„Die US-Börsen befanden sich im freien Fall, die Stimmung an der Wall Street war katastrophal“, erinnerte sich der Fondsgründer 2016 in einem Interview. „Ich hatte also gerade viel Zeit.“ Und so blätterte Bogle eines Tages durch das Fachmagazin „Journal of Portfolio Management“ damals wie heute keine leichte Kost. Dort stieß er auf einen Artikel, in dem der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Samuelson eine diffus klingende Forderung stellte: „Wir brauchen ein Portfolio, das schlicht dem S&P-500-Index folgt.“ Es sei schließlich ein „Mythos, dass bestimmte Fondsmanager den Index wiederholt und nachhaltig schlagen könnten“.

Bei der Lektüre durchzuckte Bogle die Idee zu einer Revolution. Denn hatte er nicht schon in seiner Abschlussarbeit 1951 geschrieben, dass aktive Fonds den breiten Markt dauerhaft nicht schlagen können? Ja, hatte er — dann aber der These lange keine Beachtung geschenkt. Zu verrückt schien die Idee, einfach die Indexrendite erzielen zu wollen. Nun aber zeigte sich Jahr für Jahr, dass 85 Prozent der US-Aktienfonds nicht einmal mit dem S&P-500-Standardwerteindex mithalten konnten.

Dazu hatte der John Bogle des Jahres 1974 die Nase voll von der Fondsindustrie, die nach seiner Meinung an Interessenkonflikten litt: je höher die Kosten eines Fonds, desto höher der eigene Ertrag — desto geringer aber die Rendite der Anleger.

Also gründete Bogle die Fondsgesellschaft Vanguard und schuf 1976 den ersten passiven Indexfonds für Privatanleger. Er setzte schlicht auf den S&P 500. Ausgabeaufschläge für den Vertrieb entfielen, die Handels und Verwaltungsgebühren waren lächerlich niedrig. Es war eine Demokratisierung der Geldanlage.

Heute, gut 40 Jahre später, können Privatanleger allein an der Börse Frankfurt aus rund 1 200 börsengehandelten Fonds

(ETFs) auswählen, die zusammen 450 Mrd. Euro verwalten. Die jährlichen Gesamtkosten für einen passiven Fonds etwa auf den deutschen Aktienindex Dax sind im scharfen Wettbewerb der ETF-Anbieter auf unter 0,2 Prozentpunkte pro Jahr gesunken – das ist etwa ein Zehntel der Gesamtkosten eines typischen aktiv verwalteten Fonds für deutsche Aktien. Viele Aktionen von Direktbanken und geringe Orderkosten machen die langfristige Geldanlage über ETFs bereits für monatliche Sparraten von 25 Euro oder Einmalanlagen von 1000 Euro lukrativ.

Doch noch immer ist die Geldanlage über passive Indexfonds und ETFs für viele Privatanleger ein Buch mit sieben Siegeln. Zu verwirrend ist die Produktvielfalt – allein an der Börse Frankfurt werden sieben verschiedene ETFs auf den Dax angeboten. Zu intransparent sind für viele Aufbau und Ertragsverwendung: Manche ETFs bilden einen Index ab, indem sie die darin enthaltenen Werte kaufen, andere tun dies über Derivate; manche schütten Dividenden aus, andere sammeln sie an. Und zu kryptisch sind für viele Anleger die omnipräsenten Abkürzungen: Was etwa heißt UCITS, Sicav, TR, MSCI?

PROGNOSEN SIND ZUFALL

Fraudanwalt geht darum den typischen Anlegerfragen rund um ET FS in einer dreiteiligen Serie nach und blickt hinter die Kulissen der rasch wachsenden Billionenindustrie. In diesem ersten Teil der Serie zeichnet Fraudanwalt den Aufstieg der ET FS nach: von einem Nischenprodukt in den 70erJahren bis heute — da weltweit bereits jeder dritte neu angelegte Euro in passive Instrumente fließt und die ETF-Industrie ihre verwalteten Mittel alle vier Jahre verdoppelt.

Im zweiten Teil (im kommenden Monat) wirft Fraudanwalt einen Blick hinter die Kulissen eines der größten ETF-Anbieter weltweit und verfolgt den Weg einer Order vom Onlinekonto eines Privatanlegers bis zur Börse, wo die Gelder in einen Korb von Aktien verteilt werden. Im dritten und abschließenden Teil gibt Fraudanwalt konkrete Hinweise zur Auswahl der richtigen ETFs für den persönlichen Anlagebedarf und untersucht die Risiken, die mit dem globalen Boom an ETFs verbunden sind.

Schon bevor John Bogle 1974 seine revolutionäre Idee hatte, rätselte die Forschung schon seit Jahrzehnten, wieso der Großteil der Fondsmanager gemessen an einfaChen Indizes unterdurchschnittliche Renditen erwirtschaftete. Der US-Wirtschaftswissenschaftler Alfred Cowles etwa fragte sich schon 1933, wie gut eigentlich die Prognosefähigkeit von Kapitalmarktprofis ist. Vorangegangen waren vier katastrophale Börsenjahre, von 1929 bis 1932 büßte der Dow-Jones-Index über 80 Prozent ein. Cowles also wertete Tausende Ausblicke und Empfehlungen von Versicherungen, Banken und Brokern aus — und kam zu einem eindeutigen Schluss: Die Prognosegüte von Experten fußt auf nichts als blankem Zufall. Die typische Trefferquote lag stets in der Nähe von 50 Prozent.Allein: Prognosefreies Investieren, das Anstreben eines durchschnittlichen Ergebnisses — das war damals intellektuell undenkbar. Zumal die ganze Finanzindustrie (aber auch Medien) gut davon lebte, Anlegern die Vorteile einer aktiven Auswahl von Ländern, Anlageklassen und Wertpapieren näherzubringen. Hinzu kam: Die Vermessung von Aktienmärkten über Indizes steckte noch in den Kinderschuhen. Zwar hatte der US-Journalist Charles Dow schon 1896 den Dow-Jones-Index erfunden, archaisch berechnet, indem er lediglich die Kurse der zwölf größten Aktien addierte und durch zwölf teilte. Zwar gab es auch seit 1957 den S&P-500-Index und ab 1961 in Deutschland den FAZ-Index. Aber die heute fast verschwundenen Börsentendenzen „fester“, „freundlich“, „haussierend“ oder „schwächer“ genügten Investoren für eine Grobeinschätzung.

Sind aktivgemangte Fonds der größte Schrott?

„Das änderte sich zunächst auch nicht, als der US-Ökonom Burton Malkiel in seinem 1973 erschienenen Buch „A Random Walk Down Wall Street“ — frei übersetzt: „Ein zufälliger Spaziergang über die Wall Street“ – die Kurspropheten und Fondsanbieter in einem zuvor unerhörten Ton angriff. Der damals 41-jährige Forscher der Princeton University nannte die Chart- und Fundamentalanalyse einen für Anleger teuren und irreführenden Hokuspokus, und er nahm den Anbietern die Illusion, über aktive Titelauswahl jemals besser abschneiden zu können als der Gesamtmarkt. Der sei nun mal effizient, weil Informationen rasch in die Kurse einfließen würden. Malkiels statistisch gut belegte 450-Seiten-Tirade gipfelte in dem Satz, dass selbst „ein Affe, der mit verbundenen Augen Dartpfeile auf eine Zeitungsseite mit Aktienkursen werfe, damit nicht schlechter abschneide als ein von Profis ausgewähltes Portfolio“.

Die Investmentszene war außer sich. „Das Buch ist der größte vorstellbare Schrott“, urteilte ein Rezensent im Fachmagazin „Businessweek“. Doch der Weg war bereitet für die Idee, dass es langfristig besser sein könnte, sich mit dem Durchschnitt eines Index zufriedenzugeben, anstatt ihn gegen happige Gebühren schlagen zu wollen. „An einem ehernen Gesetz der Geldanlage wird sich nie etwas ändern, egal was Profis erzählen: Je niedriger die Gebühren, desto mehr bleibt nun mal für Anleger übrig“, lautet Malkiels Mantra noch heute.

Bloß hielten die alten Traditionen sich hartnäckig, und für die Fondsgesellschaften ging es um viel Geld. „Insgesamt summierten sich die Gesamtkosten für einen Investmentfonds aus Managementgebühr, Vertriebsprovisionen, Handel leicht auf drei Prozent pro Jahr – und das für die Quasi-Garantie, schlechter abzuschneiden als der Markt“, schreibt Bogle in einem Aufsatz. Dem wollte er seinen S&P-500-Indexfonds entgegenhalten: mit Gebühren von nur 0,3 Prozent pro Jahr, mit guten Argumenten und den größten USBrokerhäusern an Bord, die den Vertrieb anstoßen würden. Ein „Slam Dunk“ sollte die Platzierung werden, 150 Mio. Dollar peilte Bogle an.

Das Ziel verpasste man um 93 Prozent. Schlappe 11 Mio. Dollar kamen während der damals üblichen Platzierungsphase zusammen. Das Geld reichte nicht einmal, um kosteneffizient alle Indextitel zu kaufen. „Bogles Dummenfonds“ spotteten Branchenvertreter. Vanguard aber hielt durch, auch dank der geringen internen Kosten — und überschritt fünf Jahre später mit seinen passiven Anlagevehikeln die Marke von 1 Mrd. Dollar. Das lockte erste Wettbewerber in den Markt.

Der große Wachstumsschub folgte ab 1993, als in den USA börsengehandelte Fonds (ETFs) eingeführt wurden. Beim Handel von Fondsanteilen an der Börse nämlich fielen Banken und Berater als entscheidende (und teure) Instanz für den Fondsvertrieb weg. Der Siegeszug von Onlinebrokern tat sein Übriges.

Für Anleger allerdings ist an dieser Stelle eines wichtig: „Indexfonds und ETFs haben eine Schnittmenge, aber sie sind nicht identisch“, sagt ein Angestellter der Commerzbank. So gibt es zwar passive Indexfonds auf den Dax — aber eben auch ETFs auf den Dax.

Zur Erklärung: Passive Indexfonds folgen generell einem Index, also etwa dem Dax oder dem S&P 500. Sie sind weniger für Privatanleger als für institutionelle Großanleger wie Pensionsfonds oder Versicherungen interessant, denn – ein wichtiger Unterschied — sie werden nicht an der Börse gehandelt. Wer Anteile erwerben möchte, muss sich direkt an die Fondsgesellschaft wenden, und das ist für Privatanleger meist zu aufwendig. Die Anbieter berechnen überdies den Nettoinventarwert aller enthaltenen Wertpapiere, zu dem Anleger kaufen und verkaufen können, nur einmal am Tag.

Die in Deutschland bekannten Indexprodukte auf den Dax oder MSCI World sind dagegen in der Regel ETFs, auch wenn sie umgangssprachlich oft „Indexfonds“ genannt werden. Auch die ETFs folgen meist passiv einem Aktienindex wie dem Dax. Ihnen können aber auch der Preis einer Feinunze Gold, die 30 dividendenstärksten Anleihen der Welt oder Immobilien zugrunde liegen. Zentraler Unterschied zu wirklichen Indexfonds ist die Preisfeststellung: Ein ETF wird – wie der Name „Exchange-Traded Fund“ schon sagt — an der Börse gehandelt. Das heißt, sein Preis wird im Handel laufend festgestellt.

Auch dieser Preis orientiert sich stets am Nettoinventarwert des Vermögens, das der ET F abbildet. Der Kurs folgt dabei dem zugrunde liegenden Index meist sehr eng — allerdings nicht perfekt. Schließlich ist für die Preisbildung der Handel mit dem ETF entscheidend, nicht die Indexentwicklung. Das bedeutet: Der Preis eines ETFs kann sich kurzzeitig von der Entwicklung seines Index entkoppeln — in einer Panikphase etwa kann der Preis eines Dax-ETFs schneller stürzen als der Dax selbst.

Just eine Panikphase allerdings gab den ETFs nach der Jahrtausendwende den letzten, entscheidenden Schub: die Finanzkrise. Während weltweit die verwalteten Vermögen zwischen 2007 und 2008 um knapp ein Fünftel kollabierten, hielt die ETF-Branche ihre Mittel fast stabil. Schon Anfang 2009 wuchs sie wieder über die alten Rekordstände hinaus — ein Schritt, für den die globale Fondsbranche vier Jahre brauchte. Denn die US-Subprime-Krise hatte bei den Großanlegern ein neues Bewusstsein dafür geschaffen, wie wichtig die Handelbarkeit von Wertpapieren ist: Die Liquidität trocknete in vielen Märkten ausgerechnet dann aus, als Investoren und Händler sie in der Krise am dringendsten benötigten, der Handel fror oft regelrecht ein. ETFs aber ließen sich auch in den unsichersten Zeiten leicht kaufen und verkaufen. Der gleichzeitige ETF-Boom bei Privatanlegern dürfte ebenfalls mit der Finanzkrise zusammenhängen. Die Skepsis gegenüber Banken, Beratern und Experten ist seitdem deutlich gewachsen und hat die Finanzprodukte ohne aktives Management für viele Kunden attraktiv gemacht.John Bogle dürfte das Misstrauen gut verstehen. Vanguard ist mit einem verwalteten Vermögen von nunmehr 3 900 Mrd. Dollar der zweitgrößte Fondsverwalter welt weit. „Bogle selbst ist durch seine Er findung zwar reich geworden, aber kaum Interesse, da deren Anlagesummen kaum ins Gewicht fallen, sie aber gleichzeitig denselben Aufwand für die Betreuung jedes Kunden haben“, sagt ein Brancheninsider. Das sollte Privatanleger indes nicht schrecken. Denn in der Praxis ist es egal, ob es um die Anlage von 1000 oder 1 Mrd. Euro geht — im Reich der ETFs nutzen Privatanleger die gleichen Vehikel zu den gleichen Kosten wie etwa ein Verwalter von Pensionsvermögen. Es gibt keine Mindestanlagesummen beim Börsenhandel, auch die bei aktiven Fonds übliche Staffelung der Verwaltungsgebühren je nach Höhe der Anlagesumme entfällt.

Dieser für Privatanleger willkommene Effekt hat indes auch Nachteile: Niemand weiß genau, wie hoch der Anteil von Privatanlegern im ETF-Markt wirklich ist, schließlich investieren sie in dieselben Produkte wie die Profis. Selbst über den tatsächlichen Marktanteil von ETFs insgesamt kursieren völlig unterschiedliche Zahlen: Zieht man dafür etwa das gesamte verwaltete Vermögen heran, entfällt auf passive Anlagen ein Marktanteil von nur rund drei Prozent in Europa und von rund elf Prozent in den USA. Fasst man ETFs und Indexfonds zusammen und ermittelt ihren Anteil am Markt für Investmentfonds, so ergeben sich Marktanteile von rund 15 (Europa) und 24 Prozent (USA). Auf Basis dieser Definition „werden in passiven Anlagelösungen spätestens 2024 in den USA mehr Gelder liegen als in aktiven“, glaubt  die Ratingagentur Moody’s.

Vergleich mit den Gründern anderer großer Vermögensverwalter aber ist er ein Fliegengewicht. Einen „niedrigen zweistelligen Millionenbetrag besitze er, sagte er vor einigen Jahren der „New York Times“ — eine Summe, die die Gründer von großen Fondshäusern wie Pimco in wenigen Monaten verdienen. Bogle aber ficht das nicht an. Er, nach einer schwierigen Herzoperation ohnehin seit 2007 Privatier, kann nach 60 Jahren in der Fondsbranche eines für sich reklamieren: „Mir hat noch nie einer geschrieben, dass ich ein Schuft sei.“

Die Meinung – und das Geld – von Privatanlegern spielt in den Rechnungen der ETF-Anbieter allerdings keine große Rolle. Die Privatanleger fahren im Windschatten großer Investoren: Letztere sind es, die auf den Markt Druck ausüben, indem sie große Summen in passive Investmentlösungen umschichten — und so auch den Wettbewerb unter den ETF-Anbietern forcieren. Die Kosten für Aktien-ETFs auf bekannte Indizes sind so mittlerweile aufo,l bis 0,2 Prozent pro Jahr gesunken.

ETF-Kritiker Vermögensverwaltung Flossbach von Storch

Es gibt jedoch ETF-Kritiker, die genau darin ein Problem sehen. Selbst bei großen Indizes wie dem S&P 500, argumentieren sie, hinge der Kurs mittlerweile vor allem an den Zuund Abflüssen der ET FS und Indexfonds. Das bedeutet aber auch: „Je größer das Volumen passiver Anlagen relativ zum gesamten verwalteten Vermögen wird, desto mehr hängt die Marktentwicklung von den Entscheidungen einiger weniger aktiver Manager ab“, warnt beispielsweise Thomas Mayer, Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institute.

Auch gegen den Einsatz von ETFs durch Privatanleger haben Kritiker durchaus etwas einzuwenden, vor allem vier Argumente werden immer wieder vorgebracht. Erstens: Schon die Bezeichnung „passiv“ sei irreführend, weil auch hier aktive Entscheidungen erforderlich seien — schon, für welchen Index man seinen ETF nun kauft. Zweitens: Nicht das Vehikel, sondern die Disziplin sei  entscheidend für die Langfristrendite. Da ist durchaus etwas dran. Die leichte Handelbarkeit der ETFs kann etwa zu Kurzschlussverkäufen verführen, obwohl die Strategie „Kaufen und halten“ richtig wäre. Drittens: ETFs auf kaum gehandelte Vermögenswerte – etwa Gold oder Immobilien — gaukelten Anlegern eine Liquidität vor, die die zugrunde liegenden Basiswerte nie hatten. Der ETF-Handel habe sich, so die Kritiker, von den Werten abgekoppelt und arte in zockerei aus. Das vierte Argument aber ist: die Performance aktiver Fonds.

Zwar hat die US-Ratingagentur Standard & Poor’s in einer seit 2003 laufenden Analyse festgestellt, dass in den USA je nach Kategorie zwischen 79 und 99 Prozent aller aktiven Aktienfonds über die vergangenen zehn Jahre schlechter abschnitten als ein einfacher Vergleichs-Aktienindex (Europa: 76 bis 100 Prozent). Das heißt vereinfacht: In mindestens vier von fünf Fällen wäre der Index das bessere Investment gewesen. Aber, argumentieren die ETF-Kritiker: Ein Fünftel der aktiven Manager schafft es eben doch, langfristig den Index zu schlagen. Manche über Jahre, andere wie Starinvestor Warren Buffett sogar über mehrere Jahrzehnte. Warum dann nicht einen aktiven Fonds wählen, der langfristig überzeugt?

Warren Buffett selbst jedoch scheint daran nicht zu glauben. In seinem Testament habe er verfügt, schrieb er 2014 in seinem Geschäftsbericht, dass seine Frau zehn Prozent des Vermögens in kurzlaufende Staatsanleihen investieren solle und 90 Prozent in einen Indexfonds auf den S&P 500 – nicht aber in Aktien seiner Beteiligungsgesellschaft BerkShire Hathaway. Die Indexfonds erwirtschafteten „langfristig wohl eine höhere Rendite als Investmentprodukte, die aktiv von teuren Fondsmanagern gelenkt werden“.

WAS BEDEUTET DIE FONDS-REFORM FÜR ANLEGER UND EMITTENTEN?

Eigentlich hat Sven Tintemann alles richtig gemacht: Kurz vor Weihnachten 2008 steckte der Anwalt aus der Wetterau bei Frankfurt exakt 250 000 Euro in ein buntes Potpourri an Aktien-, Anleihen- und Mischfonds: Die Kurse waren, kurz nach der Lehman-Pleite, tief. Zudem mahnte der Start der Abgeltungsteuer Anfang 2009 zur Eile. Die sollte mit ihren pauschalen 25 Prozent auf Kapitalerträge nicht nur alles einfacher machen. Wer vor Jahresende einstieg, erhielt zudem Bestandsschutz vor der neuen Steuer.

Auf rund 420 000 Euro ist Tintemanns Portfolio seither angewachsen, weitere 35 000 Euro hat er über Ausschüttungen verdient.

Nur eines ist gründlich schiefgegangen: Einfacher wurde nichts. „Das reinste Chaos“ sei seine Steuererklärung, klagt Tintemann. Bei manchen Fonds zieht die Bank die Abgeltungsteuer automatisch ein. Bei manchen muss er die Erträge selbst in der Steuererklärung angeben. Bei wieder anderen Fonds liefern die Fondsgesellschaften nicht die nötigen Daten — und dann gibt es den Horrorfall schlechthin: Investmentfonds mit Zulassung aus dem Ausland, deren Erträge gesammelt werden. Die werden doppelt besteuert — einmal mit der jährlichen Steuererklärung und beim späteren Verkauf.

All dies soll zum 1. Januar 2018 vorbei sein: Dann greift die im vergangenen Jahr verabschiedete Investmentsteuerreform. Sie betrifft rund sieben Millionen Fondsbesitzer in Deutschland, die insgesamt knapp eine Billion Euro in Publikumsfonds investiert haben. Die Reform soll — nun aber wirklich – die Besteuerung vereinfachen, denn „das Investmentsteuerrecht ist von einer hohen Komplexität geprägt, die selbst für viele Steuerberater und Finanzbeamte nicht mehr zu überblicken ist“, wie sogar das Finanzministerium in einem Gesetzeskommentar einräumt.

Statt 33 genügen künftig vier Rechengrößen für die Bestimmung der Steuer; statt selbst herumrechnen zu müssen, führen Fondsgesellschaften und Depotbanken dann tatsächlich alle Steuern automatisch ab.

Vor allem Durchschnittsanleger profitieren von der Reform, sie zahlen künftig nicht mehr, müssen sich aber weniger um Steuerfragen kümmern. Vermögende Fondsbesitzer hingegen müssen aufpassen: Ändern sie nichts, wird es teuer — dafür wachsen ihre Spielräume. „Die Gestaltungsmöglichkeiten gerade für sehr vermögende Anleger nehmen zu. Besitzer von thesaurierenden Anleihe- und Dividendenfonds zahlen künftig mitunter sogar weniger“, sagt ein Anlegeranwalt aus Hamburg.

Große Fonds im Visier

Konkret entfällt ab Januar der komplizierte Prozess, Steuerdaten von Fonds in der Steuererklärung angeben oder zu viel gezahlter Quellensteuer im Ausland nachlaufen zu müssen. Stattdessen zahlt ein Anleger künftig automatisch schlicht die Abgeltungsteuer auf Ausschüttungen und Gewinne – und das unabhängig vom Kaufzeitpunkt. Behält ein Fonds Zinsen, Dividenden und Veräußerungsgewinne und legt sie wieder an — sogenannte thesaurierende Fonds , verlangt der Fiskus eine Vorabpauschale auf die beim Verkauf fällige Abgeltungsteuer, die sich an den in einem Jahr aufgelaufenen Wertzuwächsen bemisst. Im Gegenzug gewährt er allerdings Teilfreistellungen, um das Versprechen zu halten, die Steuern nicht zu erhöhen. „Für Privatanleger steigt die Steuerbelastung unter dem Strich nicht“, urteilt der Fondsverband BVI.

Das dürfte auch der Grund sein, weshalb die Reform relativ leise über die Bühne ging – weniger Arbeit bei gleicher Steuerlast klingt attraktiv. Für einige wenige wird es aber deutlich teurer: etwa Anleger wie Jürgen Vollmann. Denn vom einst gewährten Bestandsschutz für vor 2009 erworbene Fondsanteile ist jetzt keine Rede mehr. Für alle Gewinne, die ab dem 1. Januar 2018 anfallen, will der Fiskus unabhängig vom Kaufzeitpunkt seine Abgeltungsteuer zuzüglich Solidarzuschlag sehen — plus eventuell Kirchensteuer.

Immerhin: Für künftige Gewinne aus den vor 2009 gekauften Fondsanteilen gewährt Berlin einen Freibetrag von 100 000 Euro pro Person. Und: „Der Wegfall des Bestandsschutzes ist kein Grund, vor 2018 zu verkaufen“, mahnt der BVI. Denn für die Berechnung der Steuer gelten erst die ab 1. Januar auflaufenden Gewinne auf Altbestände von vor 2009.

Das Ministerium erklärt seinen Wortbruch damit, man habe ein Steuerschlupfloch schließen wollen: „Die Rücknahme des unbegrenzten Bestandsschutzes für vor dem 1. Januar 2009 erworbene Investmentanteile ist erforderlich, da er für Steuergestaltungen ausgenutzt wurde.“ Vermögende Anleger hätten Wertpapierdepots in „Millionärsfonds“ angelegt, um die Abgeltungsteuer dauerhaft zu umgehen. So boten Banken in Luxemburg bis Ende 2008 Spezialfonds an, mit denen weder Kurs- noch Verkaufsgewinne versteuert werden mussten. Aber sicher nicht nur deshalb haben sich die Einnahmen aus der Steuer von knapp 13 Mrd. Euro im Jahr 2009 auf zuletzt weniger als 6 Mrd. Euro mehr als halbiert – die Null-Zinsen dürften ebenfalls ihren Anteil daran haben.

Emittenten vs. Staat

Das soll sich ändern. Kein Wunder, dass bei vielen Vermögenden und deren Beratern Hektik ausgebrochen ist. Denn nun beginnt wieder das altbekannte Hase-und-lgel-Spiel: Im Stillen loten Banken und Steuerexperten Gestaltungsoptionen aus – denen der Fiskus mit Anwendungsrundschreiben und Nachbesserungen einen Riegel vorschiebt.

Freibetrag: Die Lasten durch den Wegfall des Bestandsschutzes für vor 2009 erworbene Fondsanteile werden durch den Freibetrag von 100 000 Euro zwar gemildert. Doch auch diese Summe wird etwa von Selbstständigen, bei denen Investmentfonds den Sockel der privaten Altersvorsorge bilden, rasch erreicht. Schreibt man etwa die Durchschnittsrendite des Dax der letzten 50 Jahre für die Zukunft fort, rutschen Privatanleger mit einem vor 2009 erworbenen Fondsdepot von aktuell 50 000 Euro in knapp 15 Jahren in die Steuerpflicht. Weil aber der Freibetrag pro Person und nicht etwa pro Haushalt gilt, sollten Anleger das Vorziehen von Erbschaften durch Schenkungen innerhalb der Familie, etwa auf Ehepartner und Kinder, prüfen. Für derlei Schenkungen gelten mittlere sechsstellige Freibeträge. Viele Anleger kennen dieses Vorgehen aus der Hochzinsphase, als Sparerfreibeträge in der Familie verteilt wurden – damals wie heute ein schmaler Grat zwischen Steueroptimierung und Gestaltungsmissbrauch.

Aktienanteil: Weil der Fiskus künftig auf Fondsebene eine Körperschaftsteuer von 15 Prozent auf bestimmte Erträge deutscher Fonds einführt, erhalten Anleger im Gegenzug eine sogenannte Teilfreistellung auflaufender Gewinne. Das erledigen die Depotbanken automatisch. Die Höhe dieser Teilfreistellung hängt aber wesentlich von der Aktienquote eines Fonds ab: Ein reiner Aktienfonds erhält eine Teilfreistellung von 30 Prozent der Gewinne, ein Mischfonds eine von 15 Prozent, sofern er wenigstens 25 Prozent seines Vermögens in Aktien hält. Die Folge: „Das Fondsuniversum wird erheblich wachsen“, sagt ein Brancheninsider. Die Fondsanbieter wollen schließlich „steueroptimierte“ Lösungen anbieten, das verkauft sich immer gut. Erreichen lässt sich das, indem man die Aktienquoten für eine möglichst hohe Teilfreistellung anpasst. Daher sollten Anleger die Investitionen ihres Fonds in den kommenden Monaten kritisch prüfen, ihr Fonds könnte sich nämlich vom ursprünglichen Risikoprofil verabschieden. „Im Hinblick auf die Investmentsteuerreform haben wir intern bereits Mindestaktienquoten für verschiedene Investmentfonds festgelegt“, heißt es etwa beim Kölner Vermögensverwalter Flossbach von Storch. So wird einer der größten Fonds des Hauses, der FvS Multiple Opportunities mit rund 12 Mrd. Euro Volumen, künftig laut Prospekt in jeder Marktlage eine Aktienquote von mindestens 25 Prozent halten. Bislang konnte sie auch null Prozent betragen, wenn die Verwalter extrem pessimistisch waren.

Immobilienfonds: Für viele Anleger sind Immobilien eine stabilisierende Säule im Portfolio – für deren Kauf es bislang auch steuerliche Argumente gab: Die Fonds konnten Gewinne aus der Veräußerung deutscher Immobilien nach zehn Jahren steuerfrei ausschütten. Insgesamt ist rund ein Drittel der knapp 90 Mrd. Euro aus offenen Immobilienfonds in deutsche Liegenschaften investiert. Dieses Steuerprivileg fällt ab 2018 weg. Die Teilfreistellung von Gewinnen schafft zwar hier einen Ausgleich. Dennoch sind Direktanlagen in Immobilien und Fonds nicht länger gleichgestellt, weshalb Anleger ihre Nachsteuerrenditen kritisch prüfen sollten.

Schrottfonds: Viele Investoren haben sich im „Schlussverkauf“ des Jahres 2008 aus steuerlichen Gründen sogenannte vermögensverwaltende Fonds oder flexible Mischfonds andrehen lassen. Das typische Verkaufsargument damals lautete: Wer 2008 noch kauft, genießt dauerhaft Bestandsschutz vor der Abgeltungsteuer. Also möge der Anleger doch sein Geld in eine „Universallösung“ packen. Diese Entscheidung erwies sich meist als fatal: Nicht nur, dass europaweit allein 2008 bis 2013 rund 680 flexible Mischfonds mangels Leistung wieder verschwanden. Langfristig eine überzeugende Wertentwicklung gegenüber einer einfachen Mischung aus Aktien- und Anleihe-Indexfonds testiert die Ratingagentur Morningstar nicht mal zehn Prozent aller Mischfonds. Die Steuerfreiheit war da ein wichtiges Argument, an Fonds mit stark unterdurchschnittlicher Wertentwicklung festzuhalten. Dieses Argument fällt nun weg: Anleger können schlecht laufende Fonds ohne Reue aus den Depots werfen, da sie zum 1. Januar steuerlich als neu angeschafft gelten, egal ob sie gut oder schlecht liefen.

Steuerstundung: Vordergründig werden zwar verschiedene Fondsgattungen künftig gleich behandelt, unabhängig davon, ob sie Zinsen, Dividenden und Veräußerungsgewinne ausschütten oder ansammeln. Das ist laut Experten wegen der komplizierten Berechnung bei thesaurierenden Fonds aber nur die halbe Wahrheit. Bei ihnen erhebt der Fiskus, sofern eine Wertsteigerung erzielt wurde, jährlich eine Vorabpauschale, die — was erst jeweils am Jahresende feststeht — höher oder niedriger als die tatsächlich erzielte Rendite ausfallen kann und sich an der Höhe des Basiszinses (aktuell 1,1 Prozent) bemisst. „Fällt die tatsächliche Rendite höher aus als die Vorabpauschale, kommt es bei thesaurierenden Fonds zu einem Steuerstundungseffekt bis zur Veräußerung der Anteile. Der Anleger muss jedoch seiner Bank die Mittel für den Kapitalertragsteuer einbehalt auf die jährliche Vorabpauschale zur Verfügung stellen“, sagt der Hamburger Anlegeranwalt.

Das ist ein guter Grund für Optimisten, bei ansonsten identischen Fondsmerkmalen zur thesaurierenden Variante zu greifen, zumal die Fondsanbieter in der Regel beide Varianten – ausschüttend und thesaurierend – zu ansonsten identischen Konditionen und Verwaltungsprinzipien anbieten. Ob der Stundungseffekt aber Bestand hat, ist ungewiss.

Denn von der Linken bis zu Minister Wolfgang Schäuble würden die meisten am liebsten die Abgeltungsteuer nach der Bundestagswahl reformieren. Dann würde auf Kapitalerträge wie früher der persönliche Einkommensteuersatz fällig.