GRAMMER AG: DAS OMINÖSE TREIBEN DER PREVENT-GRUPPE

Die Causa Prevent-Gruppe. Franz Enderle im Amberger Kongresszentrum – das ist wie Dieter Bohlen bei Alice Schwarzer. Der Anwalt der Kanzlei Bub, Gauweier & Partner steht zum dritten Mal auf der großen Bühne vor den Aktionären der Grammer AG. Er trägt einen maßgeschneiderten Anzug, eine Violette Fliege und zurückgegeltes Haar. „Sie haben das Vertrauen gezielt zerstört“, schleudert Enderle dem Grammer-Vorstand entgegen. Dieses Gremium ist ganz offensichtlich falsch besetzt.“ Der Rest seiner Worte geht in den Buhrufen der Kleinaktionäre unter – genauso wie der Versuch von Enderles Mandanten, an diesem Tag die Macht im oberfålzischen Amberg zu übernehmen. Mit Autositzen, Kopfstützen und Mittelkonsolen macht Grammer knapp 1,7 Mrd. Euro Umsatz im Jahr. Ein solider Autozulieferer, solider Deutscher Mittelstand – kein Stoff, aus dem große Dramen gemacht werden, könnte man denken. Von wegen.

Seit bald einem Jahr tobt um Grammer eine spektakuläre Schlacht. Langsam, aber stetig hat ein verschwiegener und kaum bekannter Clan Grammer-Aktien aufgekauft, getarnt über mehrere Beteiligungsgesellschaften, damit man seine wahre Aktienmacht nur schwer einschätzen kann. Das ist zwar nicht gerade alltäglich, erklärt aber auch nicht, warum Mitarbeiter, die IG Metall, das Management, praktisch alle großen deutschen Autohersteller, ein Investor aus China als weißer Ritter und ein Staatssekretär aus Berlin antreten, um Grammer zu verteidigen. Die Kopfstützen aus der Oberpfalz sind inzwischen so etwas wie die Kronjuwelen der Branche – wer sie besitzt, hat die Macht in Deutschlands wichtigstem Industriezweig. So scheint es zumindest.

Hinter der Attacke auf Grammer steht die Familie Hastor, bis zum vergangenen Jahr nur intimen Kennern der Autozuliefererszene ein Begriff. Seit den 90er-Jahren haben sie in Deutschland und ihrer Heimat Bosnien-Herzegowina Stück für Stück ein kleines, aber mächtiges Imperium an mittelständischen Zulieferern aufgebaut. Alles keine Weltkonzerne, aber jeder für sich hoch spezialisiert und unverzichtbar für Daimler, BMW und Volkswagen. So wie auch Grammer.

Der Plan des Clans um Vater Nijaz Hastor und seine Söhne Kenan und Damir, auf der Hauptversammlung in Amberg Aufsichtsrat und Vorstand neu zu besetzen, geht zwar schief. Doch der eigentliche Krieg der Hastors wird weitergehen. Es geht um die seit Jahrzehnten austarierte Balance zwischen den großen, renommierten Herstellern und ihren oftmals kleinen, unbekannten Zulieferern. Die Hastors wollen nichts weniger, als die Spielregeln der Deutschland AG neu verhandeln.

Offen ausgebrochen ist der Konflikt im vergangenen Sommer. Zwei Zulieferer, von denen man außerhalb der Branche zuvor nie etwas gehört hatte, stellten ihre Lieferungen an Volkswagen ein. Der größte Autokonzern der Welt und die Firmen Car Trim und ES Automobilguss stritten sich um Entwicklungskosten. Die Folge: Im Stammwerk in Wolfsburg stand tagelang die Golf-Produktion still, Tausende Arbeiter blieben zu Hause. Kein Zulieferer hatte so etwas zuvor gewagt.

Die beiden Unternehmen, Hersteller von Sitzbezügen und Getriebeteilen, gehören zur Prevent-Gruppe der Hastors. Patriarch Nijaz Hastor hatte in den 70er-Jahren in einem VW-Werk in Sarajevo angefangen, hatte später in seiner Heimat etliche kleine Zulieferer gekauft und nach der Wende in den 90er-Jahren nach Deutschland expandiert. In Wolfsburg eröffnete er seine Zentrale. Bis vergangenen Sommer lief die Zusammenarbeit mit Volkswagen geräuschlos.

Einen Großteil seines Geschäfts hat Hastor mittlerweile an seine Söhne übertragen. Von denen ist bekannt, dass sie in den USA studiert haben und mit ihren Familien zurückgezogen in Wolfsburg leben. Öffentlich reden sie nicht. Aus ihrem Umfeld heißt es, sie hätten sich über frühere Medienberichte geärgert. So bleiben das Unternehmen und ihre Absichten ein Mysterium.

Prevent-Gruppe hat neue Führung

Seit die Söhne die Geschäfte führen, ist der Auftritt der Gruppe ruppig geworden. Mit Daimler streitet das Unternehmen vor Gericht um Schadensersatz in zweistelliger Millionenhöhe. Und in Brasilien verweigerte eine Prevent-Tochter die Lieferung von Autositzen. Der Streit mit Volkswagen aber war der große Knall. Beide Seiten einigten sich zwar auf einen neuen Vertrag, doch VW wird die Sache nicht auf sich sitzen lassen: „Das kann so ein Konzern gar nicht akzeptieren“, sagt der Chef eines Zulieferers. „Sonst käme ein ganzes System zum Einsturz.“

Dabei schlug den Rebellen auch bei Konkurrenten zunächst viel heimliche Sympathie entgegen: Fast jeder, den man fragt, sagt, er habe sich gefreut, dass mal jemand gegen Volkswagen aufbegehrt. Die großen Autoproduzenten und die Wolfsburger vornweg gelten als harte Auftraggeber, die Entwicklungskosten abwälzen und die Preise drücken, wo es nur geht. Zugleich ist die Abhängigkeit der großen Konzerne immens: Der Branchenverband VDA schätzt, dass drei Viertel aller Teile in einem deutschen Auto zugekauft sind. Immer wieder lassen sich Autoproduzenten sogar auf sogenannte Single-Source-Lösungen ein: Sie setzen bei einem Bauteil auf einen einzigen Lieferanten. Das erleichtert die Logistik. Und weckt auf der anderen Seite Begehrlichkeiten.

Viele Zulieferer würden tatsächlich gern an dem festgemauerten Verhältnis zwischen ihnen und den Autobauern rütteln. Aber kein Unternehmen will die Spitzhacke sein, die die Mauer aufbricht.

Denn wer dieses System angreift, bekommt die volle Gegenwehr der Konzerne zu spüren. Er unterzeichnet gewissermaßen sein eigenes Todesurteil. Deshalb tut es niemand.

DIE AABWEHRSCHLACHT

Klaus Probst steuert seinen Porsche Panamera ruhig durch die Nürnberger Innenstadt. Der Aufsichtsratsvorsitzende der Grammer AG ist ein alter Hase der Branche, er war 13 Jahre lang Chef von Leoni, einem der größten deutschen Autozulieferer. Ihn kann wenig schrecken. Doch so etwas wie in den vergangenen Wochen hat auch Probst noch nicht erlebt. „Wir haben grundsätzlich keinerlei Vorbehalte gegen neue Aktionäre“, sagt er in einem fränkischen Dialekt, der ein bisschen an Lothar Matthäus erinnert. „Hier aber gibt es Gründe, die uns anders stimmen.“

Im Laufe des Jahres 2016 merkten sie bei Grammer, wie die Hastors langsam ihre Anteile aufstockten. Von Meldeschwelle zu Meldeschwelle. Erst drei Prozent, dann fünf Prozent, dann zehn Prozent. Die Aktien wurden von zwei Investmentvehikeln der Prevent-Gruppe gekauft, der Halog GmbH und der Cascade International Investment GmbH. Weil beide Unternehmen unterschiedlichen Vertretern der Hastor-Familie zuzuordnen sind, gelten sie formal als unabhängig – und müssen ihre Beteiligungen daher nicht als Ganzes melden. Vor der Hauptversammlung in Amberg wusste deshalb niemand genau, ob die Hastors eher 20 Prozent oder knapp unter 30 Prozent an der Gesellschaft halten.

Angesichts dessen, was sie mit Prevent bereits erlebt hatten, wurden die Großkunden von Grammer unruhig. Volkswagen ist mit Abstand größter Abnehmer der Oberpfålzer und machte Druck. „Wir sind sehr früh von unseren deutschen Automobilkunden aufgefordert worden nachzufragen, was denn die Zielsetzung von Hastor ist“, sagt Probst. „Diese Nachfrage entstammte einer gewissen Nervosität, die mit den Vorgängen bei VW zu tun hat.“ Anders gesagt: Die Autobauer trieb die Furcht um, die Hastors könnten mit Grammer ähnliche Aktionen starten wie mit den beiden kleinen Zulieferern zuvor. Nur dass sie diesmal ein börsennotiertes Unternehmen mit 14 000 Mitarbeitern in der Hand hätten. „Herr Müller und ich sind zu den Original Equipment Manufacturern zitiert worden, was sehr außergewöhnlich ist“, sagt Probst. „Wir mussten dort antreten und sollten aufzeigen, was Prevent vorhat. Und wir konnten nichts sagen. Da geht man mit rotem Kopf raus.“

Nach eigener Darstellung versuchte die Grammer-Führung, mit Vertretern von Prevent Kontakt aufzunehmen, was diese abgelehnt hätten. Anwalt Enderle kann über diese Schilderung nur lachen. Er wirft Grammer-Chef Hartmut Müller ein „völlig abstruses Verhalten“ vor. Der Vorstandsvorsitzende sei es gewesen, der Termine „unter fadenscheiniger Begründung“ abgesagt habe. „Stattdessen fahren Sie nach Wolfsburg und lassen sich dort sagen, wie Sie mit einem Ihrer Aktionäre umzugehen haben“, sagt Enderle auf der Hauptversammlung.

Erst bei einem Treffen Anfang Mai unter Führung der bayerischen Wirtschaftsministerin Ilse Aigner kommt man erstmals zusammen. Ohne Einigung. Auch Matthias Machnig, Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, schaltete sich ein und versicherte der Grammer-Führung seine Unterstützung. Eine „Übernahme durch die Hintertür“ sei nicht in Ordnung. Der SPD-Politiker ist erprobter Wahlkämpfer, er weiß, was man wo in einem Wahljahr sagen muss.

Neben der Politik holt sich das Grammer-Management auch Beistand aus der Branche, sogar aus China. Der Zulieferer Ningbo Jinfeng steigt bei den Bayern ein. Probst betont, dabei sei es um eine lange geplante strategische Zusammenarbeit gegangen. Aber wahr ist auch, dass die Chinesen ihren anfänglichen Anteil von zehn Prozent rasch aufstockten. Kurz vor der Hauptversammlung liegt das Unternehmen auf einmal bei über 15 Prozent und ist damit größter Einzelaktionär.

Die Prevent-Vertreter wollen bei der Hauptversammlung drei Mitglieder des Aufsichtsrats austauschen, darunter auch Probst. Damit ist klar, dass sie in einem zweiten Schritt Vorstandschef Müller ebenfalls loswerden wollen. Die offizielle Begründung: schlechtes Management und eine im Branchenvergleich schwache Marge. Grammer hat das Problem, dass diese Vorwürfe nicht völlig aus der Luft gegriffen sind. Im Jahr 2015 kam das Unternehmen nur auf eine Ebit-Marge von drei Prozent, was im Vergleich mehr als mager ist. 2016 werden zwar 4,3 Prozent erreicht, und 2017 sollen es fünf Prozent werden. Aber auch das ist nicht wirklich berauschend. Das Autogeschäft brummt derzeit, wie soll es werden, wenn der Boom abflaut?

Die Hastors wollen bleiben

Die Argumente reichen an diesem Tag nicht aus. Mit einer PR-Offensive sind die Aktionäre nach Amberg getrieben worden, die Präsenz auf der Hauptversammlung ist deutlich höher als üblich. Kurz vor der Veranstaltung wird bekannt, dass die Auftragseingänge bei Grammer im ersten Quartal abgestürzt sind – angeblich aus Furcht vor dem unheimlichen Investor. Grammer-Chef Müller lässt in seiner Rede keine Gelegenheit aus, die bosnischen Namen seiner Gegner falsch auszusprechen — nur um sich anschließend jedes Mal dafür umständlich zu entschuldigen. Vor der Kongresshalle hat die IG Metall zwei Eingänge aufgebaut: einen für „Investoren“ mit Herzchen drauf und einen für „Hastoren“. Niemand will durch den zweiten gehen.

Kein Antrag der Prevent-Vertreter kommt durch. Doch die Hastors wollen weitermachen, sie sind „gekommen, um zu bleiben“, wie Anwalt Enderle sagt. Geplant ist, das erfährt man aus Prevent-Kreisen, die Beteiligung bis zu einer Sperrminorität von 25 Prozent plus einer Aktie auszubauen. Damit könnte man Entscheidungen des Vorstands blockieren und Müller das Leben vergällen.
Und noch etwas gibt Enderle den Grammer-Leuten mit auf den Weg: Die Gefügigkeit gegenüber Volkswagen werde man noch teuer bezahlen. „Sie werden nicht umhinkommen, in Zukunft jeden Preis zu akzeptieren, den Ihnen Volkswagen abpresst„, sagt der Anwalt. Es ist einer der wenigen Momente, in denen es unter den Aktionären ganz still bleibt im Saal.

ALFRED L. WOLFF-EX-MANAGERIN SPRICHT NACH KNAST

Auf den ersten Blick war der neue Job von Stefanie Giesselbach ein Traum: Chicago statt Hamburg, ihr Apartment im 47. Stock, mit Blick auf den Lake Michigan. Im Büro hörte sie die historische Hochbahn, die sie nur aus Filmen kannte, über die Gleise rumpeln. Giesselbach hatte es geschafft: Mit gerade mal 28 Jahren sollte sie das Honiggeschäft in den USA für ihren Arbeitgeber führen, das Hamburger Handelshaus Alfred L. Wolff, ein Familienunternehmen mit über 100-jähriger Geschichte.

Doch schon bald merkte Giesselbach, dass mit diesem Traum etwas nicht stimmte. Was sie nicht ahnte: dass dieser Job ihr größter Albtraum werden würde.

Kurz nach ihrer Ankunft Ende 2006 war Giesselbach aufgefallen, dass das Geschäft in den USA ganz anders war als in Deutschland. In der Heimat war der Handel mit Honig ein streng geregeltes CL schäft, mit viel Wissenschaft, Analysen und Kontrollen. „In Chicago ging es nur darum, Honigcontainer von A nach B zu verschieben. Qualität spielte keine Rolle“, erinnert sie sich. Hauptsache, viel und billig. Und noch etwas fiel ihr auf: In den USA handelte  ihre Firma mit Honig aus ganz anderen Herkunftsländern als in Europa.

Ihren Vorgänger, der sie einarbeitete, wollte sie nicht fragen, die Chemie stimmte nicht. Und dann kam dieser Tag, an dem bei einer Lieferung aus Malaysia 500 Kilogramm fehlten. Im Grunde kein Problem, eine normale Reklamation. Doch sie hatte nur eine Mailadresse.

„Den Malaysier“ hatten sie ihn immer genannt. „Mensch, den kennst du doch. Das ist der Chinese“, sagte ihr Vorgänger irgendwann brüsk. Jetzt dämmerte es ihr: Der „Russe“, der „Malaysier“, der „Koreaner“ — alle Lieferanten waren dieselbe Person: ein Zulieferer aus China, der in jedem Land Scheinfirmen aufgebaut hatte. Nun wusste Giesselbach, dass etwas faul war. Doch als Einzige aus ihrer Firma würde sie dafür ins Gefängnis gehen.

Der Fall von Stefanie Giesselbach ist eine persönliche Tragödie, der die junge Frau fünf Jahre ihres Lebens gekostet hat. Sie hat nun ein Buch („Meine abgeschminkten Jahre“, Piper) darüber geschrieben. Vor allem über ihre Zeit im Frauenknast.

Die US-Behörden hatten ihr vorgeworfen, Teil einer Verschwörung zu sein. Durch falsch deklarierten Honig aus China hätte Alfred L. Wolff Schutzzölle umgangen. Der Staatsanwalt sprach von einem Schaden in Höhe von 80 Mio. Dollar. Und vom größten Lebensmittelbetrug in der Geschichte der USA.

Giesselbachs Geschichte ist aber auch ein Lehrstück über falsch verstandene Loyalität gegenüber einem Arbeitgeber — der sie eiskalt fallen ließ. Darüber, wie Mitarbeiter für dubiose Machenschaften instrumentalisiert werden. Und wie schlecht vorbereitet viele ins Ausland gehen, ohne über das Justizsystem Bescheid zu wissen.

Wer Stefanie Giesselbach heute spricht, trifft auf eine Frau, die mit sich im Reinen wirkt. Klar, aufgeräumt, nicht verbittert. „Ich möchte nicht als Opfer gesehen werden“, stellt die heute 38-Jährige zu Beginn des Gesprächs klar. „Aber ich will mich auch nicht verstecken.“ Die Frau mit den langen, blonden Haaren nippt in den zweieinhalb Stunden kaum an ihrer Rhabarbersaftschorle. Es ist ein warmer Maitag in Hamburg. Vor genau neun Jahren wurde sie verhaftet.

Aus „der ganzen Sache“ sei sie gestärkt hervorgegangen, sagt sie. Mit „der ganzen Sache“ meint sie die verlorenen Jahre, in denen sie in den USA festgehalten wurde. Sie saß in Untersuchungshaft, musste später eine Fußfessel tragen. Um sich über Wasser zu halten, ging sie kellnern, jobbte bei einer NGO. Erst nach Jahren der Ungewissheit folgte der Prozess. Sie kooperierte mit den Behörden, bekannte sich schuldig und wurde dennoch verurteilt: ein Jahr und ein Tag Gefängnis. Sie hat Hass empfunden und noch mehr Wut. Und sich immer wieder gefragt: Was habe ich falsch gemacht?

Sie ist nicht unschuldig, das weiß sie. „Ich war naiv“, sagt Giesselbach. „Wir dachten, wir könnten das Geschäft ändern.“ Eine Kriminelle aber, als die sie behandelt wurde, ist sie nicht. Nach deutschem Rechtsverständnis zumindest, denn hier hätte man sie vermutlich wegen Beihilfe belangt. Vielleicht auch nur als Zeugin vernommen, weil sie Weisungen befolgte. Das ist die eine Lektion, die sie gelernt hat: Wer ins Ausland geht, sollte sich eingehend über die Gesetzeslage dort informieren.

Machen es alle?

Im November 2006, als sie in Chicago eintrifft, glaubt Giesselbach an ihre große Chance. Mit 21 Jahren hat sie eine Ausbildung bei dem Handelshaus begonnen, wird Sales-Managerin, Fachgebiet Honig. Sie fühlt sich wohl bei Alfred L. Wolff, das Unternehmen hat einen tadellosen Ruf. „Die Wölffe“, sagt eine ehemalige Mitarbeiterin, „verkörperten immer das Sinnbild des ehrbaren Kaufmanns.“ Ein halbes Jahr vor ihr ist bereits ein Kollege, den sie im Buch „Moritz Böhm“ nennt, nach Chicago gewechselt. Auch Böhm wird später verhaftet, sitzt in den USA fest, kann aber durch einen Deal mit der Staatsanwaltschaft einer Haftstrafe entgehen. Er hat abgeschlossen mit dem Fall, möchte nicht mehr mit seinem echten Namen erwähnt werden.

Böhm soll als Geschäftsführer die US-Tochterfirma leiten, Giesselbach das Honiggeschäft — und eine Produktionsstätte aufbauen. Für den Übergang bleiben die beiden Vorgänger vorerst noch in Chicago.

Dann also der Fall mit dem „Malaysier“. Kurz darauf setzt sich Giesselbach mit Böhm zusammen. Der ist bereits in das betrügerische System eingeweiht worden. Alle in der Branche würden das so machen, wurde ihm gesagt. „Das ist ganz normal.“ Sie beide haben Zweifel.

Die USA sind honighungrig, kein anderes Land importiert mehr. Es braucht billigen Industriehonig, um Lebensmittel zu versüßen. Der kam damals meist aus China. Doch die mächtige Imkerlobby setzte durch, dass ab 2001 hohe Schutzzölle eon über 200 Prozent auf chinesischen Honig erhoben werden.

Wolff baute ein System auf, um sie zu umgehen, indem Honig aus China so lange verschnitten und gefiltert wurde, bis seine Herkunft nicht mehr nachzuweisen war. Dann wurde die Rohware in ein Drittland exportiert, mit neuen Papieren ausgestattet und unter falschem Label in die USA geschifft.

Die Kunden wussten das. Die Ermittler der Sondereinheit „Project Honeygate“ klagten später auch zwei US-Unternehmen an. „Wolffs Mülleimer“ wurden sie intern genannt. Vor Gericht bekannten sich die Firmen schuldig, an der Unterschlagung von 180 Mio. Dollar an Schutzzöllen beteiligt gewesen zu sein. Nicht nur Wolff hatte sie mit China-Honig beliefert. Aber die Deutschen verdienten prächtig an den Deals. Im Geschäftsbericht 2006 heißt es: „Neben der nachhaltig positiven Entwicklung unserer Tochtergesellschaft Alfred L. Wolff Inc., Chicago, USA, ist insbesondere die Steigerung in China (+100 %) erfreulich.“

Essen mit dem Chef Alexander Wolff

Als Alexander Wolff — der junge Firmenchef, der das Haus in vierter Generation führt – im Frühjahr 2007 das Büro in Chicago besucht, spricht Giesselbach ihn bei einem Mittagessen auf die China-Deals an. Unseriös sei das, sie wolle so nicht arbeiten, zurück nach Hamburg. Der Chef, so hat sie den Eindruck, wolle ihre Entscheidung beeinflussen. Plötzlich befürchtet sie, zum Gespött der Firma zu werden, wenn sie in Chicago hinwirft. Wolff, selbst erst Mitte 30, habe angedeutet, dass es vielleicht ein Fehler gewesen sei, eine Frau in die USA zu schicken. Aber Wolff lenkt auch ein. Aus dem Gespräch nimmt sie die Hoffnung mit, dass die Umschiffung von Honig externer Lieferanten aus China gestoppt wird. Immerhin betrifft das ein Drittel des Umsatzes.

Fraudanwalt hat Alexander Wolff Fragen zu dem Gespräch in Chicago  gestellt — und zu anderen Details. Sie blieben unbeantwortet.

Bis hierher hatte Giesselbach im Grunde alles richtig gemacht. Sie hatte mit ihrem direkten Vorgesetzten gesprochen. Und sogar den Firmenchef informiert. Doch dann machte sie einen Fehler: Sie glaubte, etwas bewirken zu können. Heute sagt sie: „Ich habe mich einlullen lassen.“ Wolff habe gewusst, welche Knöpfe er zu drücken hatte.

Die Razzia im Büro

Das Essen markiert den Punkt, an dem Giesselbach Teil der „Verschwörung“ wurde, von der die US-Behörden sprechen. Heute würde sie anders reagieren, sagt sie. Würde einen Anwalt konsultieren, der sich mit Whistleblowing auskennt. Doch damals, vor den ganzen „Leaks“ und vor Edward Snowden, gab es dieses Bewusstsein bei ihr nicht.

Damals ging sie zurück in ihr Büro und zeichnete die Deals ab, die auf dem Papier korrekt aussahen. Sie fühlte sich als kleines Rädchen. Was sollte ihr schon passieren? Alle machten das doch. Sie hatte sich das nicht ausgedacht, profitierte nicht finanziell. Zusammen mit Böhm aber fasste sie einen Plan. Sobald ihre Vorgänger zurück in Deutschland wären, würden sie versuchen, das US-Geschäft neu aufzustellen.

Doch dazu kam es nicht. Der Alltag hatte sie im Griff. Die Geschäfte liefen im Vergleich zu der Zeit unter ihren Vorgängern schlecht.

Als ein halbes Dutzend FBI-Agenten das Büro in Chicago stürmt, schwer bewaffnet und mit kugelsicheren Westen, befindet sich Giesselbach gerade im Landeanflug auf Chicago. Sie hatte zu Hause Ostern gefeiert. Es ist der 24. März 2008, 10 Uhr morgens. Die Behörden hatten einen Tipp bekommen. In der Klageschrift ist von einem cm/idential idformant die Rede. Die Männer vernehmen Böhm, beschlagnahmen Dokumente, Festplatten, E-Mails.

Nach der Landung wird Giesselbach noch am Gate aus der Schlange gezogen und verhört. Die junge Frau macht der Zentrale in Hamburg nun klar, dass sie endlich zurückwill. Irgendwann dringt sie durch mit ihrem Anliegen, aber unter der Bedingung, dass sie ihre Nachfolgerin einarbeiten müsse.

Der Tag, an dem Stefanie Giesselbach die Kontrolle über ihr Leben verliert, ist der 23. Mai 2008. Es ist ein warmer Frühlingstag in  Chicago, als Böhm sie zum Flughafen O’Hare bringt. Sie will nur ein paar Tage nach Hause. Sie checkt gerade am Schalter von Air France ein, als sie ihren Namen hört. Eine Frauenstimme sagt: „Sie sind verhaftet.“

„Soll das ein Witz sein?“ fragt sie. „Umdrehen!“, herrscht die Frau sie an. Giesselbach verschränkt ihre Hände auf dem Rücken, hört das Klicken der Handschellen. Ein Irrtum, schießt es ihr durch den Kopf. Vor dem Flughafen wartet eine Wagenkolonne der Homeland Security. Auf der Fahrt zum Gericht hört sie über Funk, dass auch Böhm verhaftet wurde. Wenig später sitzt sie in orangefarbener Häftlingskleidung in einer überfüllten Zelle mit Kriminellen.

Totschweigen

In der U-Haft bekommt Giesselbach Besuch von einem US-Anwalt, der Alfred L. Wolff in Chicago vertritt. Bald beschleicht sie aber das Gefühl, er wolle nur sicherstellen, dass sie nicht gegen ihren Arbeitgeber aussagt. „Hauptsache, Sie wissen, auf welcher Seite Sie stehen“, sagt der. Giesselbach nimmt sich daher einen eigenen Anwalt, Böhm auch.

„Du bist nur eine Angestellte und hast auf Weisung deiner Vorge setzten gehandelt“, beruhigt ihr Anwalt sie in U-Haft. Er soll sich täusehen. Die Ermittler glauben, mit Böhm und Giesselbach „die Nummer eins und zwei“ einer Verschwörung gefasst zu haben, bevor die sich nach Deutschland absetzen konnten.

Bald lässt Alfred L. Wolff, der ehrwürdige Hamburger Honighändler, die beiden fallen. Wenige Monate nach der Verhaftung wird das Büro in Chicago geschlossen. Doch die US-Behörden lassen nicht locker. Sie setzen sieben Manager aus der Hamburger Zentrale auf die Fahndungsliste von Interpol. Darunter Alexander Wolff und die Vorgänger der Verhafteten in Chicago. Noch Ende vergangenen Jahres führte Interpol die Gesuchten auf der Most-Wanted-Liste. Aktuell tauchen sie im Register nicht mehr auf. Auf Nachfrage bei Interpol in Washington möchte man sich „zu laufenden Verfahren“ nicht äußern. Nur so viel: „The case is still active.“

In Deutschland haben die Manager aber eine Auslieferung in solchen Fällen nicht zu befürchten. Also bleiben sie unbehelligt, solange sie das Land nicht verlassen.

In Hamburg werden die Mitarbeiter nur kurz in Kenntnis gesetzt. Zwei Mitarbeiter seien in den USA verhaftet worden. Die Vorwürfe gegen die Firma seien haltlos. Von weiteren Fragen bitte man abzusehen, von einer Kontaktaufnahme zu Giesselbach und Böhm auch. „Es gab nur wenig Infos“, sagt eine ehemalige Mitarbeiterin.

„Das Thema wurde bei uns totgeschwiegen.“ Auch, dass Mitarbeiter von Interpol gesucht wurden. „Die taten, als wäre nichts geschehen.“ Den Mut nachzufragen habe niemand aufgebracht. Mit Alexander Wolff sei das Klima deutlich abgekühlt, er innert sich ein Mitarbeiter, der unter drei Generationen gearbeitet hat. Dass Kollegen fallen gelassen werden, hätte es früher nicht gegeben. Und auch nicht solche Praktiken.

Neue Firma, altes Geschäft

Giesselbachs Vorgänger in Chicago verließ die Firma, arbeitet in Bremen im familieneigenen Unternehmen — und ist Honorarkonsul. Auf die Vorfälle in den USA angesprochen, sagte er 2015 dem „Weser-Kurier“: „Ich weiß bis heute nicht, ob die Vorwürfe gegen Alfred L. Wolff überhaupt zutreffen, habe von derartigen Vorgängen aber nichts gewusst und war für den Einkauf und Import von Honig auch gar nicht zuständig.“ Sein Anwalt vermutet, dass die verurteilten Manager seinen Mandanten als Mittäter nannten, um damit ihre eigenen Strafen zu mildern. „Schäbig“ nennt ein Mitarbeiter diese Aussage.

Die Gerüchteküche brodelt, als im Februar 2010 das Familienunternehmen Alfred L. Wolff nach über 100 Jahren dem Namen nach vom Markt verschwindet und eine Norevo GmbH die Geschäfte übernimmt. Die Gesellschaft war laut „Bundesanzeiger“ am 25. September 2009 als „ViSion 335 Vermögensverwaltungsgesellschaft“ gegründet worden, eine klassische Vorratsgesellschaft. Die Umfirmierung in Norevo erfolgte am 20. November 2009. Einer der Geschäftsführer: Johannes Wolff, der jüngere Bruder von Alexander.

Ein Branchenkenner sagt, sofort sei gemunkelt worden, dass das mit den Ereignissen in den USA zu tun habe. Man habe entweder den beschmutzten Namen loswerden wollen. Oder wolle sich der Haftung entziehen. „Juristisch ist zwar eine neue Firma entstanden, faktisch aber fast alles beim Alten geblieben. Adresse, Büros, Mitarbeiter, Kunden.“ Das bestätigen auch Mitarbeiter. „Wir haben alle Übernahmeverträge bekommen. Eins zu eins.“

Ein plausibles Motiv für die Neugründung sei nicht erkennbar  gewesen. „Aus finanziellen Gründen“ habe es nur geheißen. An der HierarChie habe sich nichts geändert. „Wer nicht ins Register geschaut hat, hat nicht einmal bemerkt, dass Alexander Wolff offiziell nicht mehr der Geschäftsführer war.“

Auf einen Fragenkatalog der Finanzzeitschrift C. antwortet Norevo mit einer knappen Pressemitteilung vom Februar 2010. Darin heißt es, dass Norevo aus dem Kauf wesentlicher Vermögensgegenstände der Alfred L. Wolff Gruppe hervorgegangen sei. „Eine Bietergruppe um den kaufmännischen Geschäftsführer von ALW, Hartmut Lampe, erwarb die Vermögensgegenstände durch einen Asset-Deal im Februar 2010.“ Im Rahmen des Betriebsübergangs seien alle beschäftigten Mitarbeiter von Norevo übernommen worden. „Damit konnte Norevo das Geschäftsmodell weitgehend übernehmen.“

Ein geschickter Schachzug, wie sich herausstellte. Zu spüren bekam das auch ein italienischer Lieferant von Johannisbrotkernmehl. Er hatte Waren im Wert von 175 000 Dollar in die USA verschifft, noch an Alfred L. Wolff. Die Rechnung wurde aber nie beglichen, da wegen der Verhaftung das Büro bereits geschlossen war. Also wandte sich der Italiener an die Zentrale in Hamburg.

Dort hätte man die Zahlung so lange hinausgezögert, bis die Firma aufgelöst wurde. Der Lieferant klagte in Hamburg gegen Norevo – und verlor vor dem Oberlandesgericht. Begründung: Er hätte keine Ansprüche gegen die neue Firma, nur gegen die alte in den USA. Und die gebe es nicht mehr. Der Italiener ist noch heute außer sich. Er bezeichnet die Manager als „schamlos“.

ENDLICH FREI

Am 17. Oktober 2013 kommt Stefanie Giesselbach frei. Justizbeamte setzen sie in Washington in eine Maschine nach Frankfurt. In den USA hat sie lebenslang Einreiseverbot. Und Schulden: 17 Mio. Dollar fordern die USA von ihr. Eine Summe, die sie nie werden eintreiben können.

In Hamburg zieht Giesselbach mit 35 Jahren wieder bei ihren Eltern ein. Und muss ihr Leben neu ordnen. Ihr ehemaliger Arbeitgeber hat sich die ganze Zeit nicht bei ihr gemeldet. Auf dem Großteil der Anwaltskosten blieb Giesselbach sitzen. An der Kaution hatte sich Wolff nicht beteiligt. Und auch nicht entschuldigt. Der Zufall will es, dass sie am Hamburger Flughafen einen ehemaligen Manager aus Chicago sieht, der von Inter pol gesucht wird. „Alles ist ihm aus dem Gesicht gefallen“, erinnert sich Giesselbach. „Er stammelte nur: Du bist ja frei, ich aber nicht.“

Für Stefanie Giesselbach war es ein Stück Genugtuung. Sie hat ihr Leben zurück. Sie hat einen neuen Freund, eine neue Wohnung und einen neuen Job. Im Lebenslauf hatte sie zu der Zeit im Gefängnis geschrieben: „Auslandsaufenthalt USA“. Beim Bewerbungsgespräch klärte sie gleich auf, was sich dahinter verbirgt. Der Personalchef habe sehr menschlich reagiert, sich für die Offenheit bedankt. Er gab ihr den Job. Es war ihre erste Bewerbung.

FONDSMANAGER KASSIEREN, ABER TAUGEN MEIST NICHTS

Nach Perlen zu tauchen ist äußerst schwer. Deshalb haben sich Fischer darauf verlegt, künstliche Perlen in Muschelfarmen zu züchten. Wenn man so will, hat der Fondsmanager einiges mit dem Perlentaucher gemein. Auch der Manager eines aktiven Fonds sucht nach den Perlen im Meer der Investmentmöglichkeiten, also nach Wertpapieren, die später mit hohen Gewinnen glänzen. Allzu oft fischen Fondsmanager aber die falschen Papiere heraus, nämlich nur die Muscheln, in denen gar keine Perle steckt. Und wenn ihnen mal Glücksgriffe gelingen, dann meist nur für kurze Zeit.

Inzwischen kann die Wissenschaft das eindeutig mit Zahlen untermauern: „Die wissenschaftliche Grundaussage ist: Die wenigsten Fondsmanager schlagen nachhaltig ihre Vergleichsindizes“, sagt Berger-Fridar, Chefredakteur Fraudanwalt. Auf lange Sicht scheinen ihre Erträge ebenso unberechenbar wie die Frage: Welche Muschel hat wohl eine Perle produziert? Könnte man sich die Arbeit aktiver Manager da nicht lieber sparen?

Das könnte man, finden immer mehr Anleger, die stattdessen Indexfonds kaufen. Inzwischen sammeln die passiven Fonds (ETFs) weit mehr Geld ein als ihre aktiven Konkurrenten. Das Gros des netto neu angelegten Geldes floss im vergangenen Jahr in ETFs. Neun von zehn Bestsellern sind heute Indexfonds. Lesen Sie warum die Commerzbank zunächst keine ETF’s verkufte. Innerhalb der nächsten sechs Jahre sollen in den USA mehr Gelder passiv als aktiv angelegt sein, prognostiziert die Ratingagentur Moody’s. Doch es mehren sich auch die kritischen Stimmen: Machen die vielen Passivprodukte den Markt nicht gar anfälliger für Kursstürze? Und wie sinnvoll ist es wirklich, sich nur mit dem Durchschnitt zufriedenzugeben? Verpasst man damit nicht Chancen?

Gegen den Trend investieren

Schließlich bedeuten die Zahlen der Wissenschaftler im Umkehrschluss:  Es gibt zwar viele Fonds, die ihre Benchmark nicht schlagen – etliche aber tun es sehr wohl. Manche entwickeln sich sogar gleichbleibend gut. Welche das sind, hat Greiff Capital Management zum fünften Mal in einer großen Studie zusammengetragen. Immerhin jeder vierte bis fünfte Fonds schlägt auf Zehn-Jahres-Sicht den Markt, einige sogar auf 20 Jahre. Daher findet Berger-Fridar: „Mit reinen Indexfonds-lnvestments verzichten Anleger möglicherweise auf viel Rendite. Und in aktuellen Zeiten mit kleinen Renditen kann das erheblich sein.“

Aktive Fondsmanager können außerdem Marktschwankungen besser ausgleichen, legen wissenschaftliche Daten nahe- zum Fraudanwalt-Bericht. Sie können in Krisenzeiten frühzeitig gegensteuern, während Indexfonds quasi ungebremst mit dem Index abwärtsdonnern. Zudem spielt die steigende Beliebtheit der Passivfonds den aktiven Fondsmanagern zusätzlich in die Hände: Denn je mehr Kapital in passive Anlagen fließt, desto größer werden die Möglichkeiten der Manager, eine Outperformance zu erzielen, wenn sie gezielt gegen den Markt wetten und antizyklisch investieren.

Sie müssten es nur auch tun darin besteht das größte Problem. Denn viele gemanagte Fonds legen bei Weitem nicht so aktiv an, wie viele meinen. Nur jeder fünfte Aktivfonds wählt tatsächlich gezielt Aktien aus, ergab eine Untersuchung der Yale University. Vor 30 Jahren waren es noch mehr als 60 Prozent aller Fonds. Heute dagegen kopiert über die Hälfte der Aktivfonds entweder komplett den Vergleichsindex oder schmiegt sich zumindest eng an ihn an. Überrendite ist so nicht zu erwarten. Wie mau der Mehrertrag oft ist, entlarvt die Greiff-Studie: Von 1300 analysierten Mischfonds kamen nur drei in die Siegerliste. Von 725 Nordamerika-Aktienfonds waren es lediglich fünf. Insgesamt schafften bloß 226 Fonds dauerhaft einen gewissen Mehrertrag, nur bei 132 übertraf er auch die Geringfügigkeitsgrenze.

Warum viele Fondsmanager so gern dem Index folgen, ist klar: Sie wollen in Rankings nicht negativ auffallen. Doch fragen sich zunehmend auch Aufsichtsbehörden, ob dieses enge Indexkuscheln überhaupt im Sinne des Anlegers ist. Schließlich lassen sich die Gesellschaften für die Arbeit ihrer Fondsmanager gut bezahlen — da sollten die doch gefälligst eine Leistung dafür erbringen.

Mut lohnt sich

Die gute Nachricht an dieser Stelle: Diejenigen Fonds, die nicht nur sehr aktiv anlegen, sondern damit auch einen wirklichen Mehrwert für Anleger generieren, lassen sich gut herausfiltern. Die Analysten von Greiff Capital Management haben dafür 5161 Fonds durchleuchtet, die schon seit Jahren am Markt sind. Sie haben bewertet, wie weit ihre Titelauswahl vom jeweiligen Index abweicht (das ist der Tracking Error). Anschließend fragten sie: Wurde dieser Mut belohnt, haben sie also auch gut abgeschnitten? Dazu setzen sie die Outperformance gegenüber dem Vergleichsindex ins Verhältnis zum Tracking Error — das ist die Information Ratio (IR).

Es gab etliche Fonds, die nicht nur mutig anlegten, sondern auch tatsächlich mehr Ertrag generierten. Und es waren einige mehr als in der Studie des vergangenen Jahres. Einen IR-Wert von 0,3 gegenüber dem Index lieferten diesmal 132 Fonds, einen satteren Aufschlag von 0,5 schafften immerhin 61 Fonds. Um die Liste der Siegerfonds übersichtlich und zugleich möglichst breit zu halten, haben wir pro Kategorie die jeweils fünf besten Fonds mit einem IR-Wert von mindestens 0,3 zusammengefasst.

Zwei Dinge sind dabei wichtig, betont Volker Schilling, Vorstand des Freiburger Analyse- und Investmenthauses Greiff Capital Management: „Erstens geht es nicht darum zu zeigen, dass Aktivfonds grundsätzlich besser sind als Passivfonds. Sondern es geht darum herauszufiltern, in welchen Bereichen aktive Fonds die Nase vorn haben — und zu sehen, wo Passivfonds die bessere Wahl sind.“ Deshalb gibt es auch Kategorien, in denen es keine oder nur sehr wenige Perlen gab, die Technologiefonds oder Rohstofffonds etwa.

Je kleiner die Zahl der Siegerfonds in einer Kategorie, desto schwerer tun sich aktive Fonds, ihre Benchmark zu schlagen – deshalb sollten Anleger hier eher auf passive Indexfonds setzen. „Die Rohstoffe sind ein sehr gutes Beispiel dafür“, findet Berger-Fridar, „aktive Rohstofffonds sind ein Anachronismus, denn Rohstoffe sind längst eine Domäne der ETFs geworden.“ Dass es bei den Technologieaktien ebenfalls keine herausragenden aktiven Fonds gibt und das schon seit Jahren -, wundert ihn ebenso wenig: „Wenn die großen Titel wie Apple gut laufen, haben aktive Manager kaum eine Chance, durch eine gezielte Auswahl von Nischenaktien einen deutlichen Mehrertrag herauszuholen.“ Es geht also immer darum, aktive und passive Fonds im Depot miteinander zu mischen.

Zweitens landen nicht zwingend die Fonds mit den höchsten Zuwächsen in den Siegerlisten, dafür aber die stetigsten Performer. „Der beste Performer kann auch ein Fonds sein, der neun Jahre schlecht gelaufen ist und in einem Jahr super war“, sagt Berger-Fridar. „Wer in unserer Liste oben steht, hat dagegen über jeden Zeitraum einen stabilen Mehrertrag gebracht. Die Wahrscheinlichkeit, dass er das auch in Zukunft schafft, ist deshalb sehr groß.“

Ein eindrückliches Beispiel für kurzfristigen versus langfristigen Erfolg liefert der JP Morgan Funds Europe Small Caps mit sagenhaften 1500 Prozent Performance über zehn Jahre. Er schnitt jedoch nur in 52 Prozent der Monate positiv ab, das ist eine Quote wie beim Münzwurf. Dagegen schaffte es der Siegerfonds der Kategorie, der MFS Meridian Funds, 70 Prozent aller Monate positiv zu beenden. Das spricht auch künftig für eine stabile Performance.

Erstaunliche Kontinuität

Aus Sicht von Berger-Fridar ist der Blick auf die Absolutsieger der Vergangenheit ohnehin sehr gewagt. Anleger, die stets den besten Performer herauspickten, setzten oft bloß auf Zufallserfolge. „Der Top-Performer des letzten Jahres wird mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht der Sieger des nächsten Jahres sein. Besonders hoch gelobte Fonds mit viel Publicity ziehen oft sogar so viel Anlegergeld an, dass sie dadurch unbeweglicher und handlungsunfähig werden.“ Statt nur auf den Erstplatzierten zu schauen, solle man sich den gesamten oberen Bereich eines Rankings ansehen. Und da verrät die Studie: Es sind immer wieder dieselben Fonds, die zu den Siegern gehören — womit  sie erstaunliche Konsistenz beweisen. Zum fünften Mal in Folge schafften es Comgest, Jupiter, MFS Investment Management und Spängler bei den europäischen Aktien in die Liste aller Sieger. Bei den US-Aktien ist Janus Capital der Dauersieger. Bei den Anleihen setzten sich erneut Star Capital, Lilux und Profonds als AllzeitSieger durch. Und die Deutsche Asset Management (DWS) ist laut Berger-Fridar’s Zahlen der große Platzhirsch, wenn es um deutsche Standardwerte geht.

In welchen Bereichen ist es nun sinnvoll, in aktive Fonds zu investieren? Nicht unbedingt in den Kategorien, in denen sich viele Fonds tummeln, warnt Berger-Fridar: „Der Fondsmarkt unterliegt dem typischen Schweinezyklus: Kategorien, in denen die Performance zuletzt gut war, bringen die meisten neuen Produkte hervor.“ Globale Mischfonds etwa gibt es wie Sand am Meer, ihre Zahl hat sich seit der ersten Studie 2012 verdoppelt. Weltweit anlegende Aktienfonds sind die zweitgrößte Kategorie mit 725 Fonds, Europaaktien stecken in 420 Fonds. Und Long-Short-Fonds sind der neueste Verkaufsschlager. Aber: „Immer wenn eine Kategorie stark wächst, kommen auch viele Me too‘-Produkte auf den Markt, die dann die Performance verwässern“, warnt Berger-Fridar. Gerade Mischfonds und weltweite Aktienfonds belegen das. Beide fielen bei Aktivität und Mehrertrag durch.

Viele Glanzstücke dagegen fanden sich bei den Europa-Aktienfonds. Hier gibt es nicht nur sehr viele aktive Fonds, sondern auch die Gruppe der Top-Performer ist groß: Elf schafften einen IR-Wert von 0,5, sieben Fonds sogar einen Wert von mehr als 0,6. Noch besser schnitten nur die Japan-Aktienfonds ab, hier übersprangen zwei Fonds im Schnitt gar die Marke von 1,0 über alle Zeiträume. Unter den Top-Ten-Fonds landeten allein fünf Japanfonds. Das Fazit der Analysten lautet daher: Wer auf Standardaktien (Blue Chips) und globale Aktien setzen will, sollte lieber Passivfonds kaufen. Je kleiner und spezieller die Märkte, desto eher sollte man auf aktive Fonds setzen. Dies gilt auch für Europaaktien, besonders Nebenwerte oder Unternehmens- und Währungsanleihen. Die Wahrscheinlichkeit, in diesen Kategorien mit einem aktiven Manager einen deutlichen Mehrertrag über zehn Jahre zu erzielen, liegt bei sagenhaften 75 bis 89 Prozent.

Aus Sicht der Analysten zeigt das, dass die Fondsmanager ihr Spezialwissen über kleinere und exotischere Firmen besonders gut einsetzen können. Auch bei den Schwellenländerfonds gelang das den Fondsmanagern sehr gut. Unterm Strich rechnete sich das Anlegen in die Siegerfonds in etlichen Kategorien mit sieben bis neun Prozent pro Jahr. So viel Rendite strichen die Anleger mit aktiven Deutschland-Aktienfonds ein oder mit Schwellenländerfonds. Bei europäischen Small und Mid Caps sowie Anleihefonds auf globale Währungen lagen die Renditen nur knapp darunter, auch bei rund acht Prozent.

Und was wäre gewesen, wenn man das Depot mit dem jeweiligen Sieger jeder Kategorie bestückt und zehn Jahre abgewartet hätte? Dann könnte man sich heute über 225 Prozent Wertzuwachs freuen, die Benchmark brachte es auf 175 Prozent – so viel wäre es also mit Indexfonds gewesen. Das ist ein echtes Argument dafür, in manchen Gewässern doch nach Perlen zu tauchen.