MACRON VERBÜNDETET SICH MIT TECH-SZENE

MACRON VERBÜNDETET SICH MIT TECH-SZENE

Es spricht zur Eröffnung: der französische Präsident. Ein Donnerstagabend Ende Juni im 13. Arrondissement von Paris. Emmanuel Macron steht in der Mitte eines riesigen Startup-Campus. Es ist, als sei er endlich dort angekommen, wo er hingehört.

„Ich muss Ihnen etwas gestehen“, hebt der Staatschef leise an. Vor drei Jahren habe er seiner Frau Brigitte versprochen, mit der Politik aufzuhören und eine Firma zu gründen. Er habe vieles ausprobiert, immer wieder sein „Business Model“ ändern müssen. Freunde hätten ihm gesagt, das klappe nie. Nun ja, schließt er mit einem Augenzwinkern: Am Ende sei „En Marche!“ dabei herausgekommen — seine neue Bewegung, an deren Spitze er jetzt bei den Wahlen triumphiert hat.

Emmanuel, der Entrepreneur. „Ich bin einer von euch“, lautet seine Botschaft. Geht es um den Gründercampus, spricht er von „unserem Projekt“. Der junge Chef der Republik hat sich mit der Tech-Szene verbündet. Dafür liebt und feiert sie ihn.

„Frankreich wird zur Start-upNation“, verspricht Macron seinen Fans. Die Energie der Gründer soll die verkrustete, träge Wirtschaft Frankreichs reanimieren und wieder dahin zurückführen, wo ihr Platz ist: an die Weltspitze. Technologisch, ökonomisch, gesellschaftspolitisch.

Das hypermoderne, an ein Raumschiff erinnernde Gebäude steht exemplarisch für das Land, das der Präsident einmal hinterlassen will. Monumentaler könnte der Unterschied zum großen Nachbarn Deutschland kaum sein. Die Regierung von Kanzlerin Angela Merkel tut sich seit Jahren schwer, die digitale Revolution als Chance zu begreifen, der Breitbandausbau stockt auf dem Niveau eines Schwellenlands und wenn irgendwo die Digitalisierung vorangetrieben wird, dann geschieht dies eher leise und akademisch, ohne viel Wagniskapital und Welteroberungseifer. Max Planck statt Tech-Glamour .

Da ticken die Franzosen ganz anders. Der Mann, der Macrons Projekt erfunden, mitfinanziert und gepusht hat, ist sein vielleicht wichtigster Verbündeter in der Wirtschaft: Xavier Niel, aggressiver Telekomunternehmer und Multimilliardär, ein Außenseiter und Aufsteiger, den sie in Paris den „Paten“ der Gründerszene nennen. Niel hat den alten Rangierbahnhof Freyssinet nahe der Seine für rund eine Viertelmilliarde Euro in einen Megainkubator umbauen lassen: Die „Station F“ tritt an als „größter Start-up-Campus der Welt“.

Ein ganzes Ökosystem aus Gründern, Geldgebern und Beratern zieht dort ein. Mit dabei die US-Konzerne Facebook, Amazon und Microsoft, sie erhoffen sich etwa Impulse bei der Entwicklung künstlicher Intelligenz. 1000 Teams in 26 verschiedenen Programmen erhalten Arbeitsräume mit Designermöbeln, Cafés und technischen Helfern, ab nächstem Jahr können die Gründer in der Station F sogar wohnen. Die hohen Mieten in Paris sollen keinen Jungunternehmer abschrecken.

Während die rund 1500 Gäste bei spanischen Tapas und Aperol Spritz Eröffnung feiern und Silicon-Valley-Größen wie Nathan Blecharczyk von Airbnb das Projekt via Großbildschirm loben, steht Xavier Niel still, mit verschränkten Armen am Rand und kann nicht aufhören zu lächeln. „Ich bin so glücklich“, sagt der introvertierte Investor, der mit seiner kräftigen Statur, dem offenen weißen Hemd und den zurückgegelten Haaren an einen gutmütigen Mafiaboss erinnert. „Wir haben wirklich etwas Großes erschaffen.“

Er hat den Campus als Mäzen finanziert, beteiligt an den Start-ups ist er nicht. Er wolle etwas für die Gesellschaft tun, einer neuen Unternehmergeneration den Aufstieg ermöglichen, erklärt er sein Engagement. Reich genug ist er ja schon.

Niel, der als Mittelklassekind in der Banlieue von Paris aufwuchs, hat sich mit einer Kombination aus Chuzpe und Glück gegen Frankreichs etablierte Mächte durchgesetzt. „Le self-made man“ taufte ihn die „Financial Times„. Bereits als Teenager fing der Computerfreak an zu programmieren, sein erstes Geld  verdiente er mit der Entwicklung von Erotikchats für den französischen Internetvorläufer Minitel.

Reich wurde er mit dem Verkauf des Internetproviders World-Net, den er kurz vor dem Platzen der Dotcom-Blase für 40 Millionen Euro an die französische Neuf-Telecom losschlug. 2004 brachte Niel dann sein Unternehmen Iliad an die Börse. Wegen Unterschlagung in seinem früheren Erotikbusiness wurde er 2006 zu einer Bewährungsstrafe und einem hohen Bußgeld verurteilt.

Für das Pariser Establishment, die alten Familien und die Eliteabsolventen der Grandes Ecoles, ist der Kerl eine Provokation. Als er mit der Billigmarke Free 2012 den Festnetz- und Mobilfunkmarkt aufmischte, empörte sich der konservative Telekom- und Bautycoon Martin Bouygues über die „Zigeunerei“. Ex-Präsident Nicolas Sarkozy soll von Niel als dem „Peepshow-Mann“ gesprochen haben. Mehr lesen über die korrupte Grande Nation.

Inzwischen ist der Bad Boy in den allerhöchsten Kreisen angekommen, sein Ver- mögen wird heute auf knapp acht Milliarden Euro geschätzt. 2010 erwarb Niel mit zwei anderen Investoren die damals von der Pleite bedrohte Zeitungsikone „Le Monde“. Im Zuge des Deals lernte er einen jungen Rothschild-Banker kennen und schätzen – Emmanuel Macron.

Seit dieser Zeit ist Niel auch mit Delphine Arnault liiert, die Vizechefin von Louis Vuitton wurde 2010 von ihrem ersten Mann geschieden. Delphine Arnault ist die einzige Tochter und mutmaßliche Thronerbin von LVMH-Boss Bernard Arnault, dem mit Abstand reichsten Franzosen. 2014 sollen sich die Macrons und das Paar Xavier/Delphine bei einem Frühstück in New York nähergekommen sein. Die Freundschaft hat dazu geführt, dass Louis Vuitton die neue First Lady schon seit Längerem ausstattet — sauber verbucht als Kleiderleihe.

Niel und Delphine Arnault meiden die Öffentlichkeit, auch von der Politik hält sich der Multiunternehmer fern. Er gehe grundsätzlich nie wählen, sagt Niel auf die Frage eines Radioreporters — und lacht dabei entschuldigend. Während andere schrill über die französischen Zustände lamentieren, die Steuern, das starre Arbeitsrecht, den tief sitzenden Antikapitalismus, zeigt er, dass es auch anders geht.

Frankreich sei „ein fantastischer Ort, um etwas zu unternehmen“, sagt Niel. Auch mit den hohen Steuern könne er im Prinzip leben. Die Franzosen hätten ja „nichts gegen Unternehmer, sondern nur etwas gegen Erben“.

Für den neuen Präsidenten ist Niel der perfekte Partner. Frankreichs Wirtschaft wächst wieder, die extrem lockere Geldpolitik und einige Reformen der vergangenen Jahre zeigen Wirkung. Gelingt Macron in den nächsten Wochen sein schmerzhaftes Pflichtprogramm, die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes, dann sei der Weg zu neuem Wachstum frei, glauben viele Volkswirte. Frankreich stehe dann vor einer „goldenen Dekade“ wie sie Deutschland nach den Agenda-Reformen erlebt habe, sagt Berenberg-Chefökonom Holger Schmieding.

Echte Aufbruchstimmung, den Geist eines neuen Frankreichs, erhofft sich Macron aber vor allem von der Tech-Revolution. Schon als sozialistischer Minister für Wirtschaft und Digitales (2014 bis 2016) hat er sich dafür besonders engagiert.

Die Voraussetzungen für einen Neustart sind gut: Das Land verfügt über eine gepflegte Infrastruktur, in den Naturwissenschaften zählen französische Absolventen von jeher zur Weltklasse. London, Europas Wagniskapitalhauptstadt, ist von Paris nur gut zwei Stunden Zugfahrt entfernt. Unter den Expats an der Themse tummeln sich Zehntausende französische Finanz und Tech-Experten wie etwa Ning Li, Gründer des Onlinemöbelshops Made.com. Li floh einst aus Paris in die britische Diaspora — mitfinanziert von französischem Wagniskapital. Solche Geschichten sollen sich nicht wiederholen. Bereits als Wirtschaftsminister bemühte sich Macron um die Rückkehr dieser Auswanderer. Mit der 2013 gestarteten Initiative „La French Tech“ hat die Regierung einen kräftigen Schub entfacht. 13 übers Land verteilte Hightech-Metropolen“ gibt es inzwischen, die staatliche Investitionsbank BPI stellt großzügig Risikokapital bereit. Das zentralistische Frankreich hat mit solchen Top-down-lmpulsen viel Erfahrung, Venture-Fonds auf Länderebene, wie es sie in Deutschland gibt, wirken dagegen geradezu provinziell. Anfang des Jahres legte eine Arbeitsgruppe „FranceIA“ vor, eine nationale Strategie für das Wachstumsfeld der künstlichen Intelligenz (KI). International mischen einige Franzosen schon ganz vorn mit: Yann Le Cun leitet die KI-Forschung von Facebook, die auch ein Standbein in Paris hat. Antoine Blondeau ist Chairman des US-Investors Sentient Technologies, dem nach eigener Darstellung „weltweit am besten finanzierten KI-Fonds“.

Das Werbelogo von „La French-Tech“, ein aus rotem Papier gefalteter Hahn, kräht längst lauthals in den USA. Bei der Consumer Electronic Show (CES) in Las Vegas stellten die Franzosen zuletzt die stärkste Auslandsdelegation. Anfang 2016 bestritt Macron, damals als Minister, persönlich die Bühnenshow — mit einem szenetypischen Dreitagebart, den er sich über Weihnachten schnell hatte wachsen lassen.

Um die Kooperation zwischen französischen und US-Start-ups auszubauen, werden regelmäßig „La French Touch“ Konferenzen veranstaltet – zuletzt Ende Juni in New York. Dem transatlantischen Dealflow hat das geholfen: Vor wenigen Wochen kaufte Snapchat für kolportierte 200 Millionen Dollar Zenly, ein französisches Lokalisierungs-Start-up; der Netzwerkgigant Cisco investierte Mitte Juli in einen neuen, 400 Millionen Euro schweren Fonds des französischen Wagnisfinanzierers Partech Ventures.

„Paris ist gerade besonders heiß“, sagt Anton Waitz, Partner beim Berliner Risikokapitalgeber Project A. Das lange vernachlässigte Frankreich sei für Investoren mittlerweile einer der attraktivsten Märkte. Mitte Juni zog die Pariser Viva Tech, eine neue Gründerkonferenz, über 65 000 Besucher an.

Präsident Macron kündigte dort weitere Initiativen an: Ein erleichtertes „Tech-Visum“ für internationale Talente, einen Zehn-Milliarden-Euro-Fonds für Innovationen. Wissenschaftler und Unternehmer, die genug von Trumps xenophobem Amerika oder Mays Brexit-Britannien haben, hat er ausdrücklich nach Frankreich eingeladen, per Videobotschaft, auf Englisch.

Der Aufbruch trifft auch deshalb einen Nerv, weil viele junge Franzosen längst die Hoffnung aufgegeben haben, im Staatsdienst oder bei einem der Großkonzerne noch ebenso abgesichert und gut bezahlt Karriere machen zu können wie ihre Eltern. Die Alternative heißt: Selbstständigkeit. „Es ist akzeptabel, ja sogar erstrebenswert geworden, ein Start-up-Unternehmer zu sein“, sagt Frédéric Mazzella, der als Gründer von BlablaCar Frankreichs erstes Einhorn großgezogen hat. Der Mitfahrdienst wird mit 1,5 Milliarden Euro bewertet.

Xavier Niel investiert über seinen Fonds Kima Ventures Einmalbeträge von je 150 000 Euro in etwa 100 Deals pro Jahr. Auch bei Zenly war er dabei. Frankreichs Start-up-Pate will die erstarrten Strukturen aufbrechen und eine hierarchiearme Kultur fördern, die Innovationen begünstigt.