KARTELLAMT: GOOGLE, FACEBOOK UND CO.

KARTELLAMT: GOOGLE, FACEBOOK UND CO.

Wurst und Bier. Darum ging es bei den höchsten Strafen, die das Bundeskartellamt bisher verhängt hat. Auch Zucker, Kaffee und Tondachziegel rangieren unter den Bußgeld-Top-Ten. Dieses Jahr nun dürfte ein deutlich abstrakteres Thema die Rangliste stürmen: Daten. Die Bonner Behörde hat sich das soziale Netzwerk Facebook vorgeknöpft. Ein so ungewöhnlicher Fall, dass er international Beachtung findet.

Für Kartellamtspräsident Andreas Mundt geht es darum, „dass die Märkte offen bleiben“ – trotz der gewaltigen Machtfülle der Internetgiganten. Wer die meisten Nutzer hat, bietet den besten Service und bekommt noch mehr Nutzer — in immer mehr Geschäftsfeldern. Die Tech-Konzerne von der US-Westküste geben dem Wort Monopol eine ganz neue Dimension.

Mithilfe von Daten und künstlicher Intelligenz sind Apple, Alphabet (Google), Amazon, Facebook und Microsoft zu den fünfwertvollsten Börsenunternehmen der Welt aufgestiegen. Zusammengenommen sind sie gut 2800 Milliarden Dollar wert – mehr als doppelt so viel wie der gesamte Dax-30. Alphabet und Apple sind allein jeweils mehr als 600 Milliarden Dollar schwer, weshalb an der Wall Street inzwischen Wetten laufen, wann die erste „Trillion Dollar Company“ aus dem Valley oder aus Seattle auf dem Kurszettel steht.

Der Auslöser des Hypes ist die erdrückende Dominanz der „Tech Five“. Sie beherrschen die wichtigsten Zukunftsmärkte – mit Marktanteilen von teils mehr als 80 Prozent, so wie Google (als größter Brocken von Alphabet) bei der Internetsuche und bei den Betriebssystemen für Smartphones. Sobald sich ein neues Wachstumsfeld auftut, wird es sogleich unter den Fantastischen Fünf aufgeteilt. Den Messenger-Dienst WhatsApp schluckte Facebook, das Geschäft mit der Cloud teilen Amazon (44 Prozent Marktanteil), Microsoft (11 Prozent) und Google (6 Prozent) untereinander auf.

Trotz ihrer enormen Größe wachsen die IT-Konzerne nach wie vor rasant: 2017 sollen die Umsätze um 18 Prozent (Alphabet), 23 Prozent (Amazon) und 36 Prozent (Facebook) anschwellen.

Jeder hat die Tech Five im Depot Verglichen mit den Tech-Konzernen ist Mundts Behörde so winzig wie die Rheinfähre vor seinem Bürofenster neben einem US-Flugzeugträger. Doch den Kartellamtschef schreckt das nicht. Während Facebook-Gründer Mark Zuckerberg Tausende Kilometer entfernt in Menlo Park eigene Filmproduktionen fürs Fernsehen der Zukunft in Auftrag gibt und Pläne für ein Bezahlsystem vorantreibt, erklärt Mundt geduldig, dass er das soziale Netzwerk und die anderen großen Plattformen zu einem faireren Umgang mit ihren Nutzern und deren Daten erziehen will. Sein Amt müsse „die Verbraucher davor schützen, dass die Internetgiganten ihre Marktmacht missbräuchlich ausnutzen“, sagt er.

Dass Europas Behörden auch zubeißen können, hat unlängst Google festgestellt. Die EU-Kommission brummte dem Suchmaschinenkonzern die Rekordstrafe von 2,4 Milliarden Euro auf. Begründung: Google habe seinem Preisvergleichsdienst unrechtmäßige Vorteile verschafft und so die Konkurrenz pulverisiert. Auch bei zwei noch laufenden Verfahren zum Betriebssystem Android und dem Werbedienst AdSense ist Brüssel „zu dem vorläufigen Schluss gelangt, dass Google seine beherrschende Stellung missbraucht hat“.

Dumm nur: An die einstigen Marktführer bei Preisvergleichen, die Google mit seiner Masche zerstörte, kann sich kaum noch jemand erinnern. Die Strafe mag zu Recht verhängt worden sein, aber sie kommt zu spät.

Das Unbehagen wächst — nicht nur bei den Kartellwächtern, auch am Finanzmarkt. „Große US-Tech-Werte sind so hoch bewertet wie zuletzt 2007, vor der Finanzkrise“, warnt Russ Koesterich, Investmentstratege beim Vermögensverwalter Blackrock. „Der Ansturm auf einige wenige Aktien hat dazu geführt, dass der Markt fragiler ist, als einige Indikatoren es vermuten lassen.“

Selbst wer ein Tech-ETF auf einen Index wie den MSCI All Country World Information Technology kauft, wagt de facto eine erstaunlich hoch konzentrierte Wette: Denn der Index besteht zu knapp einem  Drittel aus Alphabet, Apple, Facebook und Microsoft.

Anfang Juni schlugen die Strategen von Goldman Sachs erstmals vorsichtig Alarm: Die fünf größten Tech-Firmen seien für 40 Prozent des Kursanstiegs beim US-Leitindex S&P 500 verantwortlich. Seit Jahresbeginn ist ihr Börsenwert um 600 Milliarden Dollar angeschwollen – also um mehr, als die Dickschiffe SAP, Siemens, Bayer, Allianz und BASF gemeinsam auf die Waage bringen.

Ob Hedgefonds, traditionelle Fondsmanager, Trendfolger oder risikoscheue Anleger — inzwischen ist fast jeder stark bei den Tech Five investiert. Trotz der Kursrallye, warnt Goldman, sei der Free Cashflow der Techies zuletzt nicht mehr gestiegen, er stagniere bestenfalls. „Die Parallelen zu 1999 /2000 werden größer“, mahnt die Investmentbank.

Die Botschaft zeigte Wirkung: In den vier Wochen nach Erscheinen der Studie fielen die Tech-Indizes um mehr als 5 Prozent.

Folgt auf die Euphorie nun der Crash? Oder sind die Fantastischen Fünf nicht mehr zu stoppen und haben tatsächlich das Zeug, die Marke von einer Billion Dollar Börsenwert zu knacken?

Fest steht: Das Schicksal von Apple, Amazon und Co. entscheidet nicht nur über Auf und Ab im TechSektor, sondern über die Aktienrallye insgesamt. Das Kursbeben vom 4. Juli, als Amazons Börsenwert um 396 Milliarden Dollar und der von Apple um 104 Milliarden Dollar schrumpfte, entpuppte sich zwar als ein IT-Fehler von Bloomberg und anderen Datenanbietern. Tatsache ist: Schon ein gewöhnlicher Kursrücksetzer von 10 Prozent bei den Tech Five würde mehr als 250 Milliarden Dollar Börsenwert vernichten und den gesamten Aktienmarkt stark unter Druck setzen.

Von ihren Wettbewerbern werden sie ohnehin längst gefürchtet. Selbst anscheinend unangreifbare Marktführer aus anderen Branchen fühlen sich bedroht. Der Sportartik1er Nike knickte im Juni nach langem Kampf gegen Amazon ein und verkauft seine Sneaker nun auch über den Onlinehändler. Daimler schaue  nicht mehr auf BMW, wenn es um die Zukunft des Fahrens geht, sondern darauf, „was Google mit Waymo macht“, so Strategiechef Wilko Stark. Wenn Autos irgendwann wie Flugzeuge zu reinen Verkehrsmitteln verkommen und der entscheidende Unterschied der Dienstleister ist, der den selbststeuernden Transport anbietet, wird das Spiel ein völlig anderes sein. Eines, bei dem Uber, Lyft oder Google die besseren Karten haben.

Allesfressende Datenkraken  „Die Auto-CEOs zittern zu Recht“, sagt Stefan Rehder, Gründer der Münchener Fondsgesellschaft Value Intelligence Advisors. Die Tech-Riesen würden inzwischen viele BranChen im Kern bedrohen. Denn die Datenkraken sind Allesfresser. Wenn sie morgen damit anfangen würden, Versicherungen zu verkaufen, könnten sie den Etablierten „signifikante Marktanteile“ abjagen, sagt Rehder. Die Techies wüssten mehr über deren Kunden als die Versicherer selbst.

Andere Unternehmen sind schon heute weitgehend von der Westküste abhängig. Beim zehntgrößten TecDax-Mitglied Dialog Semiconductor etwa brach der Börsenwert Mitte April binnen Stunden um zeitweise 36 Prozent ein. Als Auslöser reichte eine Studie der Lampe Bank, in der ein Analyst spekulierte, dass die Chips von Dialog ab 2019 im iPhone möglicherweise nicht mehr verbaut würden. Neun Tage zuvor hatte Apple die Zusammenarbeit mit dem britischen Chiphersteller Imagination Technologies beendet, woraufhin dessen Kurs um 72 Prozent kollabierte.

Auch in den Branchen, die von den Big Five derzeit aufgemischt werden, herrscht Angst vor dem Untergang. Nachdem Amazon im Juni bekannt gab, für knapp 14 Milliarden Dollar die amerikanische Biomarktkette Whole Foods zu kaufen, stürzten die Aktienkurse der großen Lebensmittelhändler ab. Den

Werbe- und Medienkonsum haben Google, Facebook und Co. längst neu definiert — zu ihren Gunsten, versteht sich.

Die Hoffnung vieler Manager etablierter Konzerne, dieser Spuk werde vorübergehen, wenn die Tech-Blase im Valley erst einmal geplatzt sei, stirbt zuletzt. Anders als Ende der 90er Jahre wird das Potenzial der Tech-Giganten diesmal nicht über-, sondern unterschätzt; und von Außenstehenden allenfalls in Ansätzen verstanden.

Kaum ein unabhängiger Beobachter hat sich intensiver mit den Konzernen befasst als Susan Athey. Die 46-jährige Ökonomin, Mathematikerin und Informatikerin forscht an der Stanford Graduate School of Business, im Herzen des Silicon Valley.

WIDERSTAND IST ZWECKLOS

Athey geht davon aus, dass durch die Kombination aus Daten und maschinellem Lernen monströs mächtige Unternehmen entstehen, die von ihren Konkurrenten kaum mehr einzuholen sind. Denn erst die exklusiven Nutzerdaten von Google oder Facebook machten viele Al-

gorithmen so großartig. Dank der ständigen Tests neuer Ideen an kleinen Kundengruppen im laufenden Geschäft könne bei Facebook sogar ein Praktikant zu Innovationen beitragen.

Dank eines solchen Trial-andError-Verfahrens entschied sich auch Amazon, ins Cloud-Computing einzusteigen, das Geschäft mit ausgelagerter Datenspeicherung und Rechenkraft. Konzernboss Jeff Bezos hatte vor mehr als zehn Jahren die Idee, externe Softwareentwickler für die E-Commerce-Plattform zu entlasten. Zuvor hatten sie zwei Drittel ihrer Zeit und ihres Kapitals für ihre Computerinfrastruktur aufwenden müssen; heute können sie Speicher- und Rechenkraft zu einem Bruchteil dieser Kosten von Amazon mieten.

Das Cloudbusiness ist mittlerweile derart erfolgreich, dass es in einigen Jahren ebenso viel zum Unternehmenswert beitragen könnte wie der Onlinehandel. Zumal die Kunden zusätzlich von Amazons Analysekraft profitieren, die auf künstlicher Intelligenz (KI) basiert.

Die Gefahr dabei: Die Konzernmaschinen tendieren zur Monopolbildung. Wer beim maschinellen Lernen vorn ist, werde seinen Vorsprung eher noch ausbauen, glaubt Stanford-Expertin Athey. Wenn sich bald die gesamte Wirtschaft auf künstliche Intelligenz stÜtze, „müssen wir damit rechnen, dass sich Behemoths entwickeln“, warnt sie. Wie das biblische Ungeheuer, das Gott zur Züchtigung der Menschheit auf die Erde schickte, erscheinen die Tech-Riesen schon jetzt manchem Rivalen. Dabei steht uns die KI-Revolution erst noch bevor.

Behält Athey recht, werden sich die Tech Five auch untereinander heftig bekämpfen. Die Machtverhältnisse könnten sich noch stark verschieben. Für Google steht einiges auf dem Spiel, wenn die Nutzer ihre Stichworte nicht mehr in einen Suchbalken eingeben, sondern in das ständig eingeschaltete Mikrofon in ihrem Wohnzimmer oder Auto sprechen. Der Empfänger des Suchbefehls ist dann vielleicht nicht mehr Google, sondern Amazons Sprachassistent Alexa, Apples Siri oder Microsofts Cortana.

 

mobilen Internet, Finanzchefin Ruth Porat sorgt für Ausgabendisziplin, und Geschäftsfelder wie YouTube werfen langsam messbaren Gewinn ab“, listet der TechExperte die Proargumente auf.

Selbst nach Kalkulationen von traditionell eher knauserigen Value-Investoren wie Oakmarks Bill Nygren ist Alphabet zum Kurs von 900 Dollar immer noch attraktiv. Gewiss, Google Search trägt nach wie vor mehr als 90 Prozent zum Umsatz bei, doch allein mit den Bargeldreserven des Konzerns und der Videoplattform YouTube — bewertete man sie nach den Kriterien eines Kabelfernsehanbieters — käme man auf mehrere Hundert Dollar pro Aktie. Viel Potenzial billigt Nygren auch dem autonomen Fahren und der Cloud zu: „Die Geschäfte abseits der Internetsuche maChen bereits die Hälfte des Unternehmenswerts aus.“

Die hohen Markteintrittsbarrieren ziehen mittlerweile auch andere Value-Investoren an. „Die außergewöhnliche Qualität dieser Unternehmen wird immer deutlicher: Sie stechen an der Börse hervor wie Giraffen in einem Kornfeld“, sagt der Münchener Fondsmanager Rehder. Vorübergehende Kursverluste machen ihn da nicht nervös, als einzige große Herausforderung sieht er die Regulierer.

Vor dem Crash zur Jahrtausendwende hatten Value-Fonds die Tech-Aktien wegen der hohen Bewertungen noch aus ihren Portfolios verbannt. Dafür wurden sie von den Anlegern verhöhnt. Am Ende behielten die Profis recht.

Inzwischen sind sie zu wahren TechFans mutiert — weil die hohen Aktienbewertungen auf hohen Wachstumsraten basieren und weil die Markteintrittsbarrieren groß sind. Warren Buffett nennt das den „breiten Burggraben“, er schÜtzt die Tech Five vor Rivalen und Preiskämpfen.

Leichte Zweifel an der Unüberwindbarkeit dieses Burggrabens herrschen lediglich bei Apple, ausgerechnet jenem TechInvestment, das in Buffetts Holding BerkShire Hathaway am schwersten wiegt. Clearbridge-Manager Bourbeau würde bei Apple nicht auf die eine Billion Dollar Börsenwert mitwetten, auch wenn der Konzern aus Cupertino dieser magischen Grenze am nächsten ist. „In fünfJahren wird ein iPhone für 1000 Dollar nicht das Gerät sein, auf das wir uns verlassen.“

Buffetts Team hält die Marktposition des iPhone-Herstellers indes für dauerhaft gesichert. Apple sei es gelungen, mit Fotos und Apps ein Ökosystem zu erzeugen, in dem die Kunden stärker verhaftet sind, als sie es etwa beim strauchelnden Rivalen Blackberryje waren, begründet Ted Wesch1er, einer der beiden designierten BuffettNachfolger, die Investitionsentscheidung. „Das Geschäftsmodell hat etwas von einem Abonnement. Das ist der Burggraben.“ Berkshire stieg zu Kursen von rund 100 Dollar ein, inzwischen kostet die Aktie mehr als 140 Dollar.

Während die Analysten des Research-Hauses Morningstar Apples Burggraben flir durchaus bezwingbar halten, wegen der hohen Abhängigkeit vom iPhone und dessen kurzem Produktlebenszyklus im hart umkämpften Smartphonemarkt, müssen die Gräben der anderen vier Tech-Giganten streng reguliert werden. Andernfalls sind sie für potenzielle Rivalen irgendwann gar nicht mehr zu überwinden. Dann greift das Motto: The winner takes it all.

Dass Facebook und Co. über eigene Feh1er stolpern, so wie Uber, wo Gründer Travis Kalanick wegen zu viel Großspurigkeit und zu wenig Führungskompetenz gerade aus dem Amt gejagt wurde, ist unwahrscheinlich. Im Gegenteil: Jeff Bezos etwa trauen Investoren noch viel mehr zu als die vier Milliarden Dollar Gewinn aus dem vergangenen Jahr. Hedgefondsmanager Ed Schneider, dessen Quan Technology Fund zu den erfolgreichsten der Branche zählt, sagt: „Das ist gar nichts. Die fangen gerade erst an, Geld zu verdienen.“