HAMBURGER HANDELSKAMMER: DIE ODYSSEE NACH DEN WAHLVERSPRECHEN

HAMBURGER HANDELSKAMMER: DIE ODYSSEE NACH DEN WAHLVERSPRECHEN

Die Decke ist nicht einfach hoch, sie scheint zehn Meter weit weg. An der Wand Ölgemälde, wilde See und Schiffe, darunter schwarze Ledersessel, eine Couch, Stehlampen und am Fenster ein Schreibtisch. Ein Raum aus einer Zeit, als Männer im Frack ihre Geschäfte noch bei Whiskey und Zigarre besiegelten.

Tobias Bergmann schreitet durch die Pracht seines Arbeitszimmers in der Handelskammer Hamburg, deutet auf eine kleine Sitzgruppe und einen schwarzen Sessel. „Mein Platz ist hier“, sagt Bergmann: der Präsidentensessel. Links daneben sitze der Gast, der in der Hierarchie am nächsthöchsten rangiert, dann gehe es absteigend weiter, „den Kaffee serviert eine Sekretärin nach Rangordnung“.

So war das mehr als 350 Jahre lang – bis Tobias Bergmann im April den Raum bezogen hat. Bergmann ist der 234. Präses der Handelskammer, gewählt in diesem Frühjahr in einem Akt bürgerlicher Rebellion: Von den 58 Sitzen im Kammerparlament eroberte Bergmanns Initiative aus dem Stand 55 Mandate. Seither ist nichts mehr, wie es war in Hamburg, all die schönen Jahrhunderte. Kaffee gibt es heute Morgen keinen, die Sekretärin ist noch nicht da, und Bergmann hatte auch keine Zeit. Über dem Stuhl am Schreibtisch hängt seine Notkrawatte, er geht aber lieber ohne. Der Computer ist neu, demnächst kommt noch ein Flipboard. Aus der Kammer will er eine „coole Company“ machen.

Bergmann ist ein quirliger, kumpeliger, nicht allzu großer Mann mit Haaren, die sich schon ein wenig lichten, vorn frech nach oben stehen, und mit einer dicken schwarzen Hornbrille, die seine Augen ungewöhnlich groß aussehen lassen. 45 Jahre alt ist er, aus Niederbayern, Unternehmensberater. Ein Schnellsprecher, Lautlacher. Modell Business-Punk statt Pfeffersack.

Dass er hier sitzt, ist eine ziemlich verrückte Geschichte. Eine, die er selbst nicht für möglich gehalten hätte. Und die einige des alten Regimes für eine unglaubliche Frechheit halten, sagt Bergmann, „ein Bengel wie ich hier in diesen heiligen Hallen“. Denn die Hamburger Kammer ist ja kein kleines Kämmerlein, sie ist die älteste Industrie- und Handelskammer Deutschlands. Entstanden als Schutz gegen Piraten und Politiker, ein Bollwerk der Wirtschaft, ein imposanter Bau gleich neben dem Rathaus. Fast 400 Menschen arbeiten hier, den ehrbaren Kaufmann führen sie dabei ständig im Munde.

Und so ist sein Aufstieg auch mehr als eine kleine Rebellion — es ist die Geschichte einer Auflehnung gegen ein verkrustetes Stück Deutschland. Ein System, das auf Zwangsmitgliedschaft und Zwangsbeiträge setzt und sich für unfehlbar hält. Das in Hamburg an seiner Arroganz zugrunde gegangen sei, sagt Bergmann.

Im Wahlkampf versprachen er und seine Mitstreiter von der Initiative „Die Kammer sind WIR“, das alte System der IHKs auszumisten. Die Pflichtbeiträge wollten sie abschaffen, Geschäftsführergehälter und Altersbezüge kürzen, den Apparat verschlanken und die Klüngel- und Klientelwirtschaft beenden. Eine Art gläserne Kammer, für die ihre Mitglieder im Idealfall sogar freiwillig zahlen würden. So der Plan.

Die alten Geschichten

Ein milder Juniabend. Bergmann hat auf die Dachterrasse der Handelskammer geladen, rund drei Dutzend Männer und Frauen stehen an Biertischen. Ein IT-Unternehmer in Jeans und T-Shirt; die Kauffrau, die ein Online-Business mit handgemachten Wellnessprodukten aufzieht. Ein Mittvierziger im Anzug, sonnengebräunt, der mit dem Verkauf eines Onlineportals viel Geld verdient hat und nun Holzhochhäuser baut; und Torsten Teichert, Redenschreiber des einstigen Bürgermeisters Klaus von Dohnanyi und Literaturwissenschaftler, was ihn, wie er sagt, für jeden Job qualifiziere – heute macht er in Private Equity, ist Bergmanns rechte Hand und bei jeder Revolution in der Stadt dabei.

Die meisten von ihnen waren noch nie hier oben, es sind „Neu-Plenarier“, zum ersten Mal gewählt in das Parlament der Hamburger Handelskammer. Jetzt regieren sie, kleine und mittelständische Unternehmer. Bis auf die Hamburger Sparkasse sitzt kein großes Unternehmen mehr im Parlament der Kammer. Airbus, Siemens, Vattenfall, M.M.Warburg — alle raus.

Es gibt Würstchen, Koteletts, Kartoffelsalat, Bier, Wein. Bloß kein Prassen auf Kosten der Mitglieder mehr. Dass jeder Euro zählt, hat Bergmann in der Plenarversammlung klargemacht. Die Stimmkarten dürften künftig nicht mehr bemalt oder mitgenommen werden. „Die verwenden wir wieder.“ Er will auch den Getränkelieferanten wechseln, den Papierverbrauch eindämmen.

Was nach Pillepalle klingt, hat einen ernsten Hintergrund: Über Jahre hat die Kammer das Geld der Mitglieder nur so rausgehauen, trotz fast 50 Mio. Euro Budget (davon 40 Mio. Euro Zwangsbeiträge) standen am Ende des Jahres rote Zahlen. Viel zu hohe Sach- und Personalkosten, galoppierende Pensionslasten, nun ist die Kasse leer. Wie leer, das prüfen sie gerade. Auch, ob es dabei Selbstbedienung und Versäumnisse der Aufsicht gab. So waren bei vielen Mitarbeitern die Pensionen so großzügig, dass ihr Netto bei Renteneintritt um 20 Prozent stieg.

Ab sofort gilt eine neue Regel: Wer mehr Geld ausgeben will, muss an anderer Stelle sparen. Auch an die Gehälter will er ran. Der künftige Hauptgeschäftsführer wird sich mit 150 000 Euro, ohne Altersvorsorge, begnügen müssen, der Vorgänger hatte mehr als das Dreifache.

Bergmann geht von Tisch zu Tisch, schüttelt Hände, klopft Schultern. Das ist seine Mannschaft hier, mit einigen ist er befreundet. Die Stimmung ist aufgekratzt, die Sieger-Euphorie immer noch greifbar. Viele erzählen, wie sie Flyer entworfen, Youtube-Spots gedreht und Briefe an 84 000 Unternehmen verschickt haben, wie sie gebloggt, getwittert, gekämpft haben. Von den Rebellengeschichten müssen sie noch lange zehren, aber sie beflügeln auch für das, was jetzt kommt.

Bergmann sitzt inzwischen bei Teichert, seinem Vize und Schöngeist. Sie diskutieren, wie sie die drei Vertreter des alten Regimes besser einbinden können, sie wollen keine Dauerfehde. Die Verlierer hatten nach der Wahl angekündigt, in außerparlamentarische Opposition zu gehen. Bergmann amüsiert die Vorstellung, seine Eltern waren APO, er selbst früh in der SPD aktiv, seine Mitgliedschaft ruht gerade.

Vorhin im Plenum hatten die drei Herren beklagt, unter den Mitarbeitern gebe es eine „große Verunsicherung“. Sie warnten vor einem Aderlass und forderten „kurzfristig stabilisierende Maßnahmen“ für die Beschäftigten. Es klang wie ein Gewerkschaftspamphlet aus dem Munde eines Arbeitgebers. Bergmann schlug vor, den Antrag zu vertagen. Doch die Herren blieben stur, verloren die Abstimmung und waren düpiert. „Ich hätte mit ihnen sprechen müssen“, räsoniert er nun.

Die bittere Realität

Es ist eine neue Rolle für ihn. Statt Sturm zu laufen, muss er nun taktieren. Und seine großen Versprechen von Transparenz und geringeren Kosten umsetzen. Alltag nach der Revolution.

Drei Jahre haben Bergmann und seine Rebellen Zeit, ihre Wahlversprechen umzusetzen. Um ihr wichtigstes Vorhaben, die Abschaffung der Zwangsbeiträge, sieht es schon nicht gut aus: Wegen der drückenden Pensionslasten – in den Rückstellungen klafft eine Lücke von 62,4 Mio. Euro – könnten die Beiträge bald sogar steigen. Bergmanns wichtigstes Wahlversprechen wäre perdu. Was also tun?

Unternehmen können Insolvenz anmelden, eine Kammer nicht. Eine Bad Bank für die Altlasten wäre eine Option. Bergmann könnte auch die Politik um Hilfe bitten, die aber schon oft versagt hat.