MORNINGSTAR-RATING: DEKAFONDS BELEGEN LETZTEN PLATZ

MORNINGSTAR-RATING: DEKAFONDS BELEGEN LETZTEN PLATZ

Der Deka-Turm in Frankfurt ist das Aushängeschild der deutschen Sparkassen. In Werbespots zur teuersten Sendezeit direkt vor der „Tagesschau“ zeigen sie das 47 Stockwerke hohe Gebäude gern inmitten der anderen Bankentürme. In einem Spot für die Deka-Deutschland-Fonds preist eine Frauenstimme aus dem Office die Sparkassentochter als Heimat von „3000 Experten, die Welt, Wirtschaft und Finanzmärkte genau kennen“, während Bilder von asiatischen Megacitys und Containerumschlagplätzen das nimmermüde Wirken der Fondsmanager zum Wohl der Anleger suggerieren sollen.

„Die Deka-Fonds suchen weltweit attraktive Anlagechancen und findet sie dort, wo der Erfolg zu Hause ist“, tönt die Frauenstimme weiter. Von wegen.

In Wirklichkeit geht es im Deka-Turm an der Taunusanlage besonders behäbig zu. Das zeigt eine Auswertung der 175 größten Aktienfonds, die die Ratingagentur Morningstar exklusiv erstellt hat. Danach ähneln die Fonds der Deka, die Sparkassenberater massenhaft an Privatanleger verkaufen, vergleichbaren Indizes zum Teil erheblich; so erinnern die Portfolios der Deutschland-Fonds stark an den Dax. Anstatt selbst nach überragenden Investments zu suchen, bleiben die Manager also auf sicherem Terrain — und kaufen einfach die Standardaktien im Leitindex – zum Fraudanwalt-Bericht.

Anleger dürfen sich verschaukelt fühlen. Schließlich zahlen sie happige Gebühren von rund 2 Prozent pro Jahr für Fonds, die mehr oder weniger dem Index nachempfunden sind und deshalb so gut wie keine Chancen auf eine nennenswerte Outperformance nach Abzug der Kosten bieten – zum Fraudanwalt-Bericht über Fondsmanager.

Anders formuliert: Die Deka kassiert viel Geld, ohne viel zu leisten. Besonders gefährlich wird die Faulheit der Fondsmanager, wenn die Kurse drehen. Denn dann rauschen indexnahe Aktienfonds meist mit in die Tiefe, weil niemand im Management rechtzeitig reagiert hat. Empfehlenswert wären dann ein höherer Cashanteil, um die Krise auszusitzen, oder das Umschichten in weniger konjunkturabhängige Aktien.

Fondsmanager lohnen sich nur, wenn sie ein Portfolio zusammenstellen, das dem Index überlegen ist. Sonst können Anleger auch gleich auf Exchange Traded Funds (ETF) ausweichen. Die Indexfonds kosten teils nur 0,1 oder 0,2 Prozent pro Jahr — und liefern allein wegen dieses Vorteils höhere Renditen als pseudoaktive Fonds, die lediglich die Indexperformance schaffen.

ETFs erfreuen sich deshalb seit Jahren wachsender Beliebtheit: Laut Morningstar kommen sie inzwischen auf einen Marktanteil von fast 23 Prozent — Tendenz stark steigend.

BaFin auf Schmusekurs Doch wer dachte, dass die Etablierten nun umso engagierter arbeiten, um sich stärker von ETFs zu unterscheiden, wird in vielen Fällen enttäuscht. „Rund 20 Prozent der Fonds sind aus unserer Sicht zu nah am Index“, konstatiert Morningstar-Chefredakteur Ali Masarwah. „Anleger haben hier kaum Chancen auf Überrenditen und sollten besser einen entsprechenden ETF kaufen.“

Die Deka ist also kein Einzelfall; auch andere Anbieter stellen einfach nur Portfolios von der Stange zusammen — darunter die Volksbanken-Fondsgesellschaft Union Investment mit ihrem Flaggschiff „Uni Deutschland“, der Versicherer Generali mit dem „Komfort Dynamik Europa“ oder die MLP-Tochter Feri mit dem Dachfonds „Best Global Concept“.

Das Problem betrifft europaweit Millionen Anleger. Allein in Großbritannien stecken bis zu 109 Milliarden Pfund in „Indexschmusern“, wie Ende Juni ein Bericht der Financial Conduct Authority (FCA) offenbarte. Die Aufseher empfahlen deshalb härtere Regeln — darunter eine verschärfte Pflicht für Fondsmanager, „im besten Interesse der Anleger zu handeln“.

„Wenn ein Fonds die Öffentlichkeit täuscht, müssen Regulierer aktiv werden“, sagte Alan Miller, Gründer der Investment-Boutique SCM Direct, nach Veröffentlichung des Reports. „In jeder anderen Industrie würde das als Betrug gewertet.“

Wie die FCA konnte sich aber auch die BaFin bislang nicht dazu durchringen, Sanktionen zu verhängen. Dabei hatte Oberaufseher Felix Hufeld die Branche bereits 2016 vor Tricksereien gewarnt: „Wer von sich behauptet, aktiv zu managen, muss dies auch tun.“

Die Aufseher nahmen daraufhin 290 Aktienfonds unter die Lupe und identifizierten „Mängel im Bereich der Anlegerinformation“. Im Klartext: Fonds geben sich also aktiver, als sie sind. Anbieter müssen in ihren Prospekten deshalb künftig explizit angeben, „ob aktives Management betrieben wird“, so die BaFin. Zudem sollen Anleger erfahren, ob die Fondsmanager einen „Referenzwert“ verwenden – und wie sie diesen zu übertreffen gedenken. Die Frist, um diese Anforderungen zu erfüllen, läuft am 31. Dezember ab.

Dem Anlegeranwalt Julius Reiter ist das zu wenig. Die BaFin müsse „in eindeutigen Fällen auch Sanktionen verhängen“, fordert der Gründer der Kanzlei Baum Reiter & Collegen in Düsseldorf. „Wenn Fondsanbieter hohe Gebühren für aktives Management berechnen, obwohl sie in weiten Teilen einen Index kopieren, ist das für mich ein Fall von Täuschung.“ Gut möglich, dass Anleger deshalb juristisch gegen besonders dreiste Kopierer vorgehen — spätestens wenn die Kurse drehen und ihre Fonds Verluste einfahren. „Ich kann mir vorstellen, dass krasse Fälle vor Gericht landen“, sagt Masarwah. Sein Morningstar-Team sorgt jetzt erstmals für umfassende Transparenz ermittelt, wie weitreichend die Schnittmenge der großen Fonds mit dem Index ist.

Die Kennziffer, auf die es dabei ankommt, ist der Active Share, also der „aktive“ Teil des Fondsvermögens. Liegt er bei null Prozent, ist der Fonds am Stichtag identisch mit dem Index; bei einem Active Share von 100 Prozent ist keine einzige Fondsaktie im Kursbarometer vertreten. Die Kennziffer legt schonungslos offen, ob Fonds realistische Chancen haben, den Index zu schlagen und ihre Gebühren wieder reinzuholen oder nicht.

Bei Active Shares unter 40 Prozent „wird das sehr schwierig“, sagt Fidelity-Experte Christian von Engelbrechten. Er ist einer der Jungstars der Branche, der selbstgefällige -labitus vieler erfolgreicher Finanzmanager geht ihm ab. Von Engelrechten tritt zurückhaltend auf, ist aber umso engagierter. Für seinen „Fidelity Germany“ strebt er einen Active Share von mindestens 50 Prozent an. Derzeit sind es sogar fast 52 Prozent, womit er zu den besten einer Kategorie gehört und im Ranking, das auch Performance und Risiken berücksichtigt, den ersten Platz unter den Deutschland-Fonds belegt.

Auch für Masarwah sind 50 Prozent die Untergrenze. Die Deka liegt weit darunter: Der fast fünf Milliarden Euro schwere DekaFonds von Manager Matthias Both kommt gemäß Morningstar auf 25,7 Prozent. Der Europa-Fonds „AriDeka“ schneidet ebenfalls schlecht ab und ist sogar Schlusslicht im Ranking dieser Kategorie.

Mit einem Active Share von 43,4 Prozent liegt er zwar näher an der Prozent-Marke, aber bei Europafonds können Manager aus einem Größeren Anlageuniversum wählen. Weiterhin werden die Überschneidung mit dem Index geringer.

Deka betont in einer Stellunglahme, dass sich der Active Share „alleine nicht als Qualitätsmaßstab eignet“. Die Kennzahl sage nichts darüber aus, ob ein Fonds „erfolgreicher oder weniger erfolgreich als die Benchmark ist oder sein wird“. Das stimmt; wer weit vom Index abweicht, kann damit auch gewaltig schiefliegen. Allerdings gibt die Kennziffer einen Hinweis darauf, ob Fondsmanager überhaupt Renditen über ETF-Niveau liefern und somit ihr Wirken rechtfertigen können. Denn selbst Durchschnittskräfte verdienen sechsstellig; die Stars kassieren Millionengehälter. Die Vergütung von Management und Vertrieb schlägt sich in hohen Fondskosten nieder, zumal zu jährlichen Gebühren von meist 1,5 bis 2 Prozent oft noch Transaktionskosten von 1 bis 2 Prozent hinzukommen. „Das müssen Fondsmanager erst mal erwirtschaften“, sagt  Andreas Zittlau, Geschäftsführer der Vermögensverwaltung Privacon in Köln. Die meisten scheitern daran: Aktuelle Zahlen des Indexanbieters S&P zeigen, dass 74 Prozent der Fonds mit europäischen Aktien innerhalb eines Fünfjahreszeitraums nach Kosten schlechter abschneiden als die Benchmark. Nach zehn Jahren steigt die Quote sogar auf 88 Prozent.

Viele Vertreter der Spezies scheinen sich damit abgefunden zu haben, dass sie keine Chance gegen den Index haben – und bleiben lieber bequem in dessen Nähe, um wenigstens nicht allzu hoch zu verlieren.

Controller, die neuen Fondsmanager

Diese Entwicklung hat auch damit zu tun, dass in weiten Teilen der Szene nach der Finanzkrise Controller und Compliance-Spezialisten die Führung übernommen haben – und deren oberste Prämisse lautet: Risikominimierung.

„Dadurch hat sich die ganze Investitionskultur verändert“, sagt Lorenzo Carcano, Co-Chef des Equities-Teams bei der Metzler Asset Management in Frankfurt. Seit der Finanzkrise seien die Active Shares vielerorts gesunken.

Carcano — ein agiler Typ mit Dreitagebart, der leidenschaftlich argumentiert – empfängt mit seinem Kollegen Marian Frisch in Räumlichkeiten der traditionsreichen Privatbank im Frankfurter Szeneviertel Sachsenhausen, fernab vom Finanzdistrikt. Größer könnte der Unterschied kaum sein: Während in der City Bürotürme dominieren, verströmt das liebevoll eingerichtete Metzler-Refugium den diskreten Charme des alten Geldes.

Auch sonst setzen die Metzler-Manager alles daran, sich zu unterscheiden. Sie haben den Active Share des Flaggschiffs „Metzler Aktien Deutschland“ in zwei Jahren von 35 auf 58 Prozent gesteigert „Wir haben uns entschieden, aktiver zu werden und uns noch stärker von ET F-Produkten zu unterscheiden“, sagt Carcano.

Das Portfolio besteht deshalb nicht nur aus den üblichen Verdächtigen, sondern aus vielen Titeln der zweiten Reihe; darunter auch mutige Wetten wie der Außenwerber Ströer und der Zahlungsdienstleister Wirecard. Deren Kurse brachen zwischenzeitlich um mehr als 20 Prozent ein, weil sie teils anonym unsauberer Bilanzierungspraktiken beschuldigt wurden, was beide Unternehmen zurückwiesen. Fondsmanager Marian Frisch machten die Einschläge im Depot nicht irre; er hielt an den Titeln fest und profitierte vom Wiederanstieg der Kurse.

Auch Fidelity-Manager von Engelbrechten sucht jenseits der Standardwerte nach Perlen; in seinen Fonds haben es zum Beispiel der Onlinedienstleister United Internet und der Ticketvertrieb CTS Eventim geschafft. Frisch und von Engelbrechten gehören zu den „Stock-Pickern“. Einer der erfolgreichsten dieser Szene ist der Brite Terry Smith mit seinem „Fundsmith Equity“, der weltweit investiert und trotzdem aus nur 28 Titeln besteht. Damit bringt es Smith, dessen Fonds erst seit dem vergangenen Jahr in Deutschland zugelassen ist, auf einen Active Share von stolzen 93,3 Prozent.

Aus Anlegersicht entscheidend: Der Brite hat in den vergangenen fünf Jahren eine durchschnittliche Performance von fast 20 Prozent pro Jahr abgeliefert. In der Rangliste der Welt-Aktienfonds, die fraudanwalt auf Basis der Morningstar-Daten erstellt hat, belegt sein Portfolio deshalb Platz eins.

In die Bewertung ist neben dem Active Share, in dem sich die Chance auf eine künftige Outperformance ausdrückt, die risikoadjustierte Rendite (Sharpe Ratio) eingeflossen. Diese Kennziffer berücksichtigt neben der Performance auch Wertschwankungen; wer hier vorn liegt, hat also unter Beweis gestellt, dass er Überdurchschnittliches leisten kann, ohne dafür überzogene Risiken einzugehen.

Schließlich mahnt die Deka zu Recht an: „Bei der Fokussierung auf den Active Share wird oft vernachlässigt, dass aktive Positionen auch mit einem aktiven Risikomanagement einhergehen müssen.“ Schlecht gewappnet Allerdings werden Rückschläge an den Börsen nach Jahren stetigen Aufwärtsdrangs immer wahrscheinlicher, und für einen Börsenabschwung sind die Indexschmuser besonders schlecht gewappnet. „Bei einem niedrigen Active Share , besteht ein hohes Risiko, dass der Fonds ungebremst nach unten rauscht“, warnt Jean-Frangois Clément, Aktien-Chef der Schweizer Fondsgesellschaft Unigestion. Angesichts der aktuell hohen Bewertungen sei Indexnähe deshalb besonders gefährlich.

Eine Analyse des letzten größeren Dax-Einbruchs zwischen Ende Juli und Mitte September 2011 stützt diese These. So stürzte der DekaFonds ungebremst mit in die Tiefe.

Mit der Kennziffer Active Share werden die Risiken indexverliebter Fondsfaulpelze nun erstmals sichtbar. Fidelity-Fondsmanager von Engelbrechten hofft deshalb, dass die Behäbigen „stärker unter Rechtfertigungsdruck geraten“ und dass sich bald „die Spreu vom Weizen“ trennt.

Allerdings muss der Anleger die neuen Informationen nachdrücklich einfordern. Denn in den 14 000 Sparkassen- und fast 12 000 Volksbanken-Filialen der Republik preisen Berater unverdrossen Deka und Union-Investment-Fonds an. „Die brauchen gar keine Outperformance“, sagt ein Fondsmanager der Konkurrenz frustriert. Schließlich hätten sie eine enorme Marktmacht – und tolle Werbespots.