WARUM REGIOGELD VON BANKEN GEFÜRCHTET WIRD

WARUM REGIOGELD VON BANKEN GEFÜRCHTET WIRD

Sparer haben es momentan in der Eurozone nicht einfach. In Folge der schweren Finanzkrise zwischen 2007-2009 wurde nicht nur von der amerikanischen Notenbank Fed (Federal Reserve), sondern auch von der Europäischen Zentralbank (EZB) der Leitzins im Laufe der folgenden Jahre stetig herabgesenkt, um einer Deflationsspirale zu entgehen, die Wirtschaft anzukurbeln und ein Massenaussterben von Unternehmen zu verhindern. Als dann vor einem Jahr der Leitzins die historische 0%-Marke erreichte, waren die Aussichten auf ertragreiche Kapitalanlagen düsterer denn je. Wie es scheint, wird sich auch so schnell noch nichts an der momentanen Situation ändern, obwohl die Deutschen langsam ihre Geduld verlieren und die Kritik an dem Währungshüter Mario Draghi immer lauter wird. Dieser jedoch muss nicht nur die immer noch recht hohe Verschuldung anderer Mitgliedsstaaten wie Italien und Spanien oder Griechenland berücksichtigen, sondern auch die nach wie vor bestehende Gefahr, in eine Deflation zu rutschen, bewachen und die stagnierende Wettbewerbsfähigkeit Frankreichs und Spaniens dämmen. Die Bundesrepublik kann die Beweggründe nicht nachvollziehen und hat sogar schon mit dem Bundesbank-Chef Jens Weidmann einen Nachfolger für Draghi aus dem Ärmel geschüttelt, muss sich jedoch mit dem Entschluss des jetzigen EZB-Chefs wohl oder übel zufriedengeben. Zumindest hat der Europäische Gerichtshof den zügellosen Kauf von Staatsanleihen mit Auflagen verhängt, wodurch die EZB diese im Laufe der nächsten Jahre drosseln werden muss. Doch damit allein ist es nicht getan, denn die Zinserhebung wird bei gleichbleibender Geldpolitik frühestens ein halbes Jahr nach Auslaufen der Anleihekäufe denkbar. Dementsprechend ist eine Erhebung der Zinsen vor dem Frühling 2019 nicht möglich. Zudem sieht die generelle Ausgangslage der USA, in denen die Fed bereits mit der allmählichen Anhebung des Leitzinses begonnen hat, deutlich besser aus. Das heißt im Grunde genommen für den deutschen Sparer, das weiterhin alles teurer wird und man immer weniger für sein beiseite geschaffenes Geld bekommt.

Dementsprechend ist es also nicht verwunderlich, dass immer mehr kleinere Regionen auf die Idee kommen, eine Parallelwährung zu gründen – das „Regiogeld“. Ganz zum Vorbild des unorthodoxen Geldtheoretikers Silvio Gsell (1862-1930) sollte das Geld wie auch die sich mit diesem erkauften Waren und Lebensmittel an Wert verlieren und nicht mit der Aufbewahrung durch Zinsen und Zinseszinsen auch noch an Wert gewinnen, denn darin liege seiner Meinung nach das Grundübel aller Finanzen. Folglich baute er darauf eine ganze Theorie auf, um das Geld der Vergänglichkeit alles Irdischen nicht länger zu entziehen und „rosten zu lassen“. Doch war es bis dahin nur eine Theorie. Dies sollte sich allerdings nach dem von ihm vorhergesagten Börsencrash in New York im Jahre 1929 ändern. Ein ehemaliger Lokomotivführer namens Michael Unterguggenberg, der mit viel Engagement und etwas Glück Bürgermeister des österreichischen Dorfes Wörgl wurde und dessen Namen durch das „Wunder von Wörgl“ berühmt machte, indem er Gsells Theorien in die Tat umsetzte.

Denn er war es, der in der Kriegszeit den Dienst an sein Vaterland für einen kurzen Moment unterbrach, um eine kriegszensierte Zeitschrift mit kleiner Auflage und skurrilem Namen „Physiokrat“ zu lesen und dadurch auf Gsells Gedanken zu stoßen. Er selbst hatte nie viel Geld, jedoch viel Zeit, um sich mit diesem, zumindest theoretisch, zu beschäftigen. Als er dann 1931 per Los zum Bürgermeister von Wörgl wurde und zumindest seine Heimat vor der Krise, die dort schon längst angekommen war, schützen wollte, beschloss er, sich nicht länger auf die Regierung zu verlassen und somit seine Gemeinde in Arbeitslosigkeit und Armut versinken zu lassen, sondern selbst die Probleme zu lösen – die Regierung Wörgls war schließlich er. Zunächst ließ er über die Gemeinde Brücken bauen und Straßen reparieren. Im Anschluss entwarf er viele bunte Scheine mit unterschiedlichem Wert: Neues, anderes Geld namens „Arbeitswertbestätigung“. Dieses Geld jedoch war nur für eine bestimmte Zeit gültig. Für die Verlängerung der Gültigkeit eines 10-Schilling-Scheines z.B. musste man eine Marke im Wert von einem Groschen kaufen und diese auf den Schein kleben. Somit verlor der Schein, je länger man ihn in der Tasche ließ, immer mehr an Wert. So waren die Bürger natürlich daran interessiert, diesen schnellstmöglich gegen Waren oder Dienstleistungen einzutauschen. Nach anfänglicher Skepsis den neuen bunten Scheinen gegenüber verbreitete es sich dann allerdings sehr schnell und die Menschen gaben das Geld aus – wie von Gsell vorhergesagt und von Unterguggenberg erhofft. Während in Österreich und dem Rest Europas die Arbeitslosigkeit weiter steigt, sinkt diese in Wörgl und gleichzeitig wachsen die Einkünfte und Steuereinnahmen – als hätte jemand Säcke voll mit Geld geschickt. Dabei waren gerade einmal rund 5500 Schilling der neuen Parallelwährung im Umlauf. Nur ihre Zirkulation hatte sich erhöht. Der Steinmetz ging zum Bauern, der Bauer zum Metzger, welcher zum Wirt ging, der wiederum zum Steinmetz ging.

Und alle waren glücklich und lebten in Eintracht miteinander. Die Nachbargemeinden sahen den Erfolg und ahmten Wörgl nach. So verbreiteten sich die zur Abwechslung guten Neuigkeiten, die Journalisten anlockten. Auf der Suche nach dem Erfolgsgeheimnis stießen sie auf die bunten Scheine und fragten sich, ob das alles gewesen sein soll. Wie ein Lauffeuer wurden Wörgl und sein Bürgermeister Unterguggenberg nicht nur national, sondern international berühmt. Bald war nicht nur von „dem Wunder von Wörgl“, sondern von „dem Wunder von Österreich“ die Rede. Doch dieser genialen Idee machte die Nationalbank einen Strich durch die Rechnung. Nur sie sei befugt, Geld herauszugeben. Nach eineinhalb Jahren und einem harten Kampf wurde das Schwundgeld verboten. Es verstieße gegen das Gesetz, so der Verwaltungsgerichtshof. Und somit kehrte die Krise wieder zurück. Engelbert Dollfuß‘ Regierung wurde die Sozialdemokratische Arbeiterpartei, welcher Unterguggenberg angehörte, aufgelöst, was ihm zum Rücktritt zwang.

Selbst der bedeutendste Wirtschaftswissenschaftler des 20. Jahrhunderts, John Maynard Keynes, war begeistert von der Theorie des zu Unrecht übergangenen Silvio Gsell und glaubte, die Zukunft würde noch viel von Gsell lernen können. Doch der zweite Weltkrieg ließ die Erinnerungen an das Wunder von Wörgl verblassen und die Freigeldlehre ist nunmehr nicht einmal Fachleuten bekannt – jedoch ist sie noch nicht ausgestorben. In der Bundesrepublik sind noch 40 Regionalwährungen im Umlauf, wie in Schleswig-Holstein der KANN WAS oder der Urstromtaler aus Sachsen-Anhalt. Während die meisten eher unbekannt als Spielerei abgetan werden, zeigt der im Jahre 2003 gegründete Chiemgauer aus den Landkreisen Rosenheim und Traunstein seine volle Wirkung. Diese aus einem Schulprojekt heraus entstandene Währung sorgt für Wohlstand und Lebensqualität in Zeiten der Finanz-und Wirtschaftskrise. Die Idee basiert ebenfalls auf Gsells Gedanken. In moderner Form übertragen sind jedoch nur Unternehmen imstande, die Chiemgauer in Euros umzutauschen und das auch nur gegen eine Gebühr. So soll das in den Gemeinden erwirtschaftete Geld auch in den Gemeinden bleiben und dort ausgegeben werden. Als erfolgreichste aller Parallelwährungen des 21. Jahrhundert beweist sie, dass in der undurchsichtigen Welt des Kapitalismus es immer nur auf eines ankommt: dass viele Menschen oft Geld ausgeben.

Aus diesen Regionalgeldern eine nationale Parallelwährung zu machen oder den Euro in „Rost-Euro“ umzuwandeln, kommt den Deutschen jedoch niemals in den Sinn. Dafür lieben sie das Sparen und vermehren zu sehr, wie man unschwer an dem momentanen Unmut gegenüber Mario Draghis Geldpolitik erkennen kann. Außerdem: Wer will schon freiwillig sein Geld „verfaulen lassen“? Allerdings denken andere Nationen bereits über die Idee nach, neben dem Euro eine Parallelwährung einzuführen. Vielleicht hilft ihnen diese aus der Krise.