DIE AZUBIS VON DER NEPTUN-WERFT

DIE AZUBIS VON DER NEPTUN-WERFT

Es hat etwas von Vater und Sohn, wie Tammo Kastius und Carsten Schreiber über das Werftgelände in Rostock-Warnemünde schlendern. Kastius, der Stift, lauscht den Erläuterungen seines Ausbildungsleiters und schaut dabei zu Schreiber auf, der ihn um fast einen Kopf überragt. In den gigantischen Hallen prasseln Funken von Schweißgeräten, poltern dumpfe Schläge gegen Metall. Kastius lächelt. Der 19-Jährige fühlt sich wohl hier. Als er die Unterschrift unter den Ausbildungsvertrag setzte, wurde er „Teil der Familie“, von der Neptun-Geschäftsführer Raimon Strunck, ein schlanker Herr mit feiner hanseatischer Attitüde, gerne spricht. Als „Jung von der Küste“, wie Kastius sich nennt, musste er nicht lange überlegen, wo er sich bewirbt. Die dicken Pötte auf dem Meer begeisterten ihn schon immer. Mit 16 wollte er die Schule abschließen, endlich arbeiten, auch wenn die Lehrer ihm einbläuten: „Ohne Abi bist du nichts! “ Davon ließ er sich nicht abhalten. Er wollte Konstruktionsmechaniker werden – bei Neptun. Die Werft, die seit 1997 zur Papenburger Meyer Gruppe gehört, hat 500 Mitarbeiter, noch einmal so viele sind für Partnerfirmen auf dem Werftgelände tätig. Ein Stück Hansegeschichte, Tradition seit 1850, mit vollen Auftragsbüchern trotz Schiffsbaukrise. Spezialisiert ist Neptun auf Flusskreuzfahrtschiffe, von denen hier bis zu zwölf im Jahr gebaut werden können. Dazu kommen moderne Gastanker und Doppelendfähren sowie neuerdings Kraftwerke für die Kreuzfahrtriesen von Aida, Costa und Carnival, die Meyer in Papenburg und im finnischen Turku baut. Kastius, der Azubi, ist begeistert von der Vielfalt der Arbeit. Obwohl auf die rund 50 Azubistellen bei Neptun je zehn  Bewerber kommen, vergingen bei ihm von der Bewerbung bis zum ersten Gespräch keine zwei Wochen. Auf die Begegnung mit Schreiber hatte sich Kastius gut vorbereitet – und war überrascht, als der Ausbildungsleiter sein Vorwissen gar nicht abfragte. „Ob der Junge eine Drei oder Vier in Mathe hat, ist mir egal“, sagt Schreiber. „Beim Gespräch steht allein der Jugendliche im Mittelpunkt. Ich will etwas über seinen Hintergrund er fahren, seine Motivation, wohin die Reise mit ihm geht. Schließlich wollen wir jeden unserer Auszubildenden übernehmen.“ In den vergangenen Jahren lag die Übernahmequote bei 100 Prozent.

Geschäftsführer Strunck ergänzt: „Wir entwickeln unser eigenes Führungspotenzial, deshalb ist der menschliche Faktor bei der Einstellung sehr wichtig.“ Kastius überzeugte nicht nur beim Praxistest, er konnte auch damit punkten, dass er einmal einen Ertrinkenden vor dem Tod gerettet hatte. Typen, die schnell entscheiden und zupacken, können sie bei Neptun gut brauchen. Die Werft hilft bei der Wohnungssuche, bei der Organisation des neuen Lebensabschnitts, Schreiber ist Ansprechpartner bei Problemen. Regelmäßig sucht er das Gespräch, ein Jahr vor Ende der Ausbildung werden Perspektiven ausgelotet. Die Azubis können sich aussuchen, in welchem Bereich sie arbeiten wollen. Die Werft zahlt Weiterqualifizierungen wie die Meisterschule oder schließt Förderverträge mit denen, die über die Meyer Werft in Papenburg ein duales Studium starten wollen. Ein Pilotprojekt mit der Uni Rostock zur länderübergreifenden Ausbildung in Schweden, Dänemark, Litauen und Polen unterstützt die Werft, es soll im Januar beginnen. Die IHK Rostock hat Neptun zum zehnten Mal in Folge zum Top-Ausbilder gekürt. Hauptsächlich werden Konstruktions-, Anlage- und Industriemechaniker ausgebildet, jeweils mit Schwerpunkt Schiffsbau. Zuletzt kamen Mechatroniker und Vermessungstechniker hinzu. Jeder Azubi durchlaufe aber alle Bereiche, sagt Schreiber. „Jeder muss alles können. Wir bilden keine Fachidioten aus.“ An die Produktionshalle angedockt haben die Azubis ihr eigenes Reich, eine ganze Halle nur für sie. Hier können sie zum Beispiel das Schweißen üben, in allen erdenkliehen Varianten. In der Halle stehen merkwürdige Metallkäfige, die wie Folterinstrumente anmuten. Schreiber lacht.

„Die sind für das Schweißen in Zwangsposition.“ Die Azubis trainieren zwischen den Gitterstäben das Arbeiten auf engstem Raum, wie sie es später auch im Schiff beherrschen müssen.

Kastius liegt das Arbeiten mit dem Feuer, er hat sich sogar für den Landeswettbewerb „Jugend schweißt“ qualifiziert. Bleiben würde er nach der Ausbildung gern in der Schiffsbauschlosserei, das Perspektivgespräch mit Schreiber hat er schon geführt. Die Ausbildung wird Kastius von dreieinhalb auf drei Jahre verkürzen können, im Jahr 2020 will er dann die Meisterschule besuchen. Seine „Familie“ wird es ihm ermöglichen.