WO IST DAS GELD DER KTG AGRAR-ANLEGER GEBLIEBEN AMS/HOFREITER?

KTG Agrar war Europas größter börsennotierter Landwirtschaftskonzern. Seine Pleite vor wenigen Monaten brachte Tausende Anleger um Millionen. Interne Unterlagen aus dem Insolvenzverfahren  zeigen jetzt, wohin ein Teil des Geldes floss.

Am Tag vor der Kapitulation werden noch einmal hektisch Zahlungen angewiesen. Von einem Konto des taumelnden Landwirtschaftskonzerns KTG Agrar gehen fünf Überweisungen an die gleiche Empfängerin: Beatrice Ams, Großaktionärin und Aufsichtsrätin. Zusammen mit dem KTG-Patriarchen Siegfried Hofreiter, ihrem langjährigen Lebensgefährten, hatte Ams den Konzern aufgebaut und 2007 an die Börse gebracht. Nun muss sie zuschauen, wie er in die Pleite rutscht.

Doch eine Sache soll noch erledigt werden, bevor das Unternehmen mit Sitz in Hamburg und Verwaltung in Oranienburg bei Berlin Insolvenz anmeldet. Am 4. Juli 2016, es ist ein Montag, weist die Dachgesellschaft KTG Agrar SE die Privatbank Seeliger an, fünf Tranchen an Beatrice Ams zu überweisen: dreimal 5 700 Euro, zweimal 17 850 Euro, insgesamt 52 800 Euro. Verwendungszweck: Erstattung der Umsatzsteuer, die Ams für 2014 und 2015 auf ihre Aufsichtsratsvergütung von jährlich 30 000 Euro abgeführt hatte. Dazu die Vergütung für ihr Aufsichtsratsmandat plus Umsatzsteuer für das Jahr 2016. Ganz kurz vor dem Ende scheint Ams noch mitnehmen zu wollen, was sich mitnehmen lässt, und seien es ein paar Tausend Euro – anders als ihre beiden Kollegen im Aufsichtsrat, die dem Krisenkonzern ihre Dienste schon gar nicht mehr in Rechnung stellen.

Einen Tag später, am Dienstag, reicht die KTG Agrar SE beim Amtsgericht Hamburg einen Insolvenzantrag ein. Der Geldhahn ist zu.

Die Abkassierer bei KTG Agrar

Es ist nicht in erster Linie die Höhe, sondern der Zeitpunkt der Überweisungen an Ams, der den Gläubigern der Pleitefirma die Zornesröte ins Gesicht treiben dürfte. Die Zahlungen wenige Stunden vor dem Aus illustrieren das Selbstverständnis, mit dem der Familienclan Hofreiter/ Ams das an der Börse einst für seine Wachstumsstory gefeierte Unternehmen als Selbstbedienungsladen angesehen hat. Bis zuletzt.

Zu den großen Verlierern gehören die 12 000 Anleger, die insgesamt 340 Mio. Euro in drei „Biowertpapiere“ steckten – Mittelstandsanleihen, deren Wert nach einer der spektakulärsten Pleiten in diesem Segment größtenteils vernichtet sein dürfte. Hoffen können sie nur noch auf den Insolvenzverwalter Stefan Denkhaus, der von Hofreiter, Ams und sechs weiteren ehemaligen Vorständen und Aufsichtsräten 218 Mio. Euro Schadensersatz eintreiben will (Capital berichtete). Zudem ermittelt die Staatsanwaltschaft Hamburg gegen Hofreiter wegen des Verdachts auf Insolvenzverschleppung, Untreue und Betrug.

An dem Tag, an dem der KTG-Chef Insolvenz anmeldet, hat der Konzern fast 400 Mio. Euro Schulden. Monatelang wühlt sich der Insolvenzverwalter durch das verworrene Geflecht des KTG-Imperiums mit seinen 120 Tochterfirmen. Sein Fazit: Das Unternehmen sei schon spätestens seit dem 30. Juni 2015 — also ein Jahr vor dem Pleitebekenntnis – überschuldet gewesen. Damit bestehe gegenüber der früheren Konzernspitze ein Haftungsanspruch für Zahlungen, die nach diesem Zeitpunkt geleistet wurden. Wie etwa die 52 800 Euro an Ams. Aber auch weit größere Beträge.

Fraudanwalt liegt eine Dokumentation vor, die knapp 2 000 Transaktionen der KTG-Holdinggesellschaft KTG Agrar SE im Zeitraum 30. Juni 2015 bis 4. Juli 2016 aufschlüsselt. Die mehrere Dutzend Seiten umfassende Aufstellung gibt einen seltenen Einblick in ein laufendes Insolvenzverfahren – und liefert Antworten auf die zentrale Frage, die stets nach Pleiten dieser Größenordnung bleibt, bei Prokon, German Pellets oder nun KTG: Wo sind die Millionen der Anleger geblieben?

Zu den Transaktionen zählen Kleinigkeiten wie Stromrechnungen und Strafzettel, dazu Zahlungen an Analysten und Berater, für Kreditkartenabrechnungen und für die Gehälter der Vorstände. Die Aufstellung belegt auch, dass Geld von Konten der KTG Agrar SE an Firmen aus dem privaten Umfeld des Hofreiter-Ams-Clans floss. In den besseren Zeiten hatte der KTG-Herrscher mit Ams sowie Verwandten und Weggefährten ein Schattenreich aus Privatfirmen aufgebaut, das mit dem Konzern rege Geschäfte trieb – und gut daran verdiente. Auf Fragen von Capital zu den Transaktionen reagierten Hofreiter und Ams nicht.

Laut den Unterlagen gehörte zu den Empfängern ein Agrarunternehmen namens KTG Farming International, an das im Jahr vor dem Insolvenzantrag netto fast 3,5 Mio. Euro flossen. Geschäftsberichten zufolge gehörte die Firma zu 50 Prozent dem KTG-Konzern. Eigentümer der anderen Hälfte: ein privates Unternehmen von Großaktionärin Ams. Belegt sind auch Überweisungen der KTG Agrar SE über 332 000 Euro an den Agroservice A.M.S. — eine weitere Privatfirma der Großaktionärin auf Usedom. Diese wurde von KTGBetrieben immer wieder beauftragt, wenn sie externe Helfer und Maschinen benötigten – laut Konzerninsidern zu Preisen über dem marktüblichen Niveau. Weitere Einkünfte dürfte die Ams-Firma von den KTG-Betrieben selbst erhalten haben.

Mehrere Überweisungen im Gesamtvolumen von knapp 1,7 Mio. Euro gingen an die Firma KA-Service auf Usedom, die laut Handelsregister Fahr- und Flugzeuge verkauft, betreibt, wartet und chartert. Über die KA-Service lief auch der Helikopter, auf den Hofreiter selbst dann nicht verzichten wollte, als es dem Konzern immer schlechter ging. Ihr Vorstand: Siegfried Hofreiter.

Darüber hinaus dokumentiert die Auflistung etliche Zahlungen an eine Beratungsfirma von Hofreiter. Über diese rechnete der KTG-Chef offenbar seine Vorstandsvergütung ab — ein eher unübliches Vorgehen, zumal die Beträge variierten: mal 5 950 Euro, mal 59 500 Euro. Insgesamt erhielt der damalige Vorstandschefim Jahr vor der Insolvenz 404 600 Euro. Hinzu kamen mehr als 25 000 Euro für Abrechnungen seiner Firmenkreditkarten. Auch für Hofreiters neue Freundin, mit der er nach der Trennung von Ams 2015 zusammenkam, beglich die KTG Agrar SE Visakartenabrechnungen über 7158 Euro — obwohl die Frau dort gar nicht angestellt war.

In den Unterlagen findet sich auch die Firma Terra Agrar von Hofreiters Bruder Werner. An Terra Agrar überwies die KTG-Dachgesellschaft im August 2015 den größten Einzelbetrag im Jahr vor dem Insolvenzantrag: 6 Mio. Euro. Auf Nachfrage erklärte Werner Hofreiters Anwalt, die Aufstellung des Insolvenzverwalters enthalte eine „entscheidende Unvollständigkeit“: Sein Mandant habe das Geld bereits fünf Tage später zurücküberwiesen, weil sich eine gemeinsame Akquisition nicht habe realisieren lassen. Insolvenzverwalter Denkhaus lehnte einen Kommentar zu diesem Vorgang unter Verweis auf einen „laufenden Rechtsstreit“ ab.

Finanzsituation geschönt?

Eine echte „Smoking Gun“, etwa in Form einer großen Überweisung auf ein Schweizer Konto, lässt sich in den Unterlagen zwar nicht finden. Aber die vielen Einzelbeträge, die alleine über die KTG-Dachfirma an Privatunternehmen des Familienclans flossen, ergeben ein klares Muster. In einem Gutachten für den Insolvenzverwalter, das Capital vorliegt, nennen Wirtschaftsprüfer die Finanzierung dieser „nahestehenden Unternehmen“ durch den Konzern als einen wesentlichen Grund für die Überschuldung — neben dem unprofitablen Geschäftsmodell in allen drei Konzernsparten Agrar, Energie und Food sowie unternehmerischen Fehlern wie etwa den Aktivitäten in Litauen und Rumänien.

Aus der Auflistung der Zahlungsströme geht hervor, dass der Konzernchef die Firmen in seinem Privatumfeld bis zuletzt schützte. „Die letzte Zeit vor der Insolvenz hat Hofreiter offenbar dazu genutzt, seine persönlichen Dinge zu regeln und die Grundlage für die Zeit danach zu  legen“, sagt ein Insider, der mit den Konzernfinanzen vertraut ist. In den letzten Wochen und Monaten habe Hofreiter „seine Schäfchen ins Trockene gebracht“ — und dafür gesorgt, dass die Familienfirmen nicht in den Sog der KTG-Pleite geraten.

Das Gutachten für den Insolvenzverwalter zeichnet zudem nach, wie der KTG-Herrscher die immer dramatischere Finanzlage des Konzerns kaschierte. Seit 2015 schloss er für die Ernte sogenannte Finetrading-Geschäfte mit externen Finanzierern ab. Allein 2015 lag das Volumen bei mehr als 30 Mio. Euro. Finetrading dient der Einkaufsvorfinanzierung von Firmen, die mit ihrem Kreditrahmen nicht auskommen. Die Finanzierer kaufen dabei im Auftrag ihrer Kunden Rohstoffe oder Waren ein und gewähren ihnen gegen eine Gebühr einen längeren Rückzahlungsrahmen.

Hofreiter spannte die Finetrader in ein Finanzkarussell ein – mithilfe zweier nahestehender Unternehmen namens KTK, die zusammen als eine Art Bad Bank des Konzerns dienten. Offiziell kauften die beiden KTK-Firmen den KTG-Betrieben die

Ernte ab, um sie weiterzuverkaufen: an externe Abnehmer und an die Biogastöchter im Konzern. Dabei sei das Getreide zu überhöhten Preisen an die KTK-Gesellschaften verkauft worden, die es dann zu niedrigeren Marktpreisen weiterverkaufen mussten, schreiben die Gutachter. Die Preise seien von Hofreiter „händisch“ festgelegt, die Differenz in der KTG-Konzernbilanz als Forderung an die KTK-Firmen verbucht worden. So wurde Vermögen geschaffen -jedoch nur auf dem PaPier. Eine Mittelstandsberatung, die Hofreiter bei diesen Tricks assistierte, kassierte im Jahr vor der Pleite mehr als 100 000 Euro.

Mit diesen Geschäften hielt Hofreiter das Unternehmen einige Zeit über Wasser — auf Kosten zweier Finetrader, die die Geschäfte vorfinanzierten. Sie erlebten nach der  Insolvenz ein böses Erwachen: Das Getreide, mit dem ihre Forderungen besichert waren, gab es nicht. Zwar seien ihnen noch in den Wochen vor der Pleite Silos gezeigt worden, in denen angeblich Getreide lagerte, heißt es im Gutachten. Ob aber überhaupt existierende Erntebestände übertragen wurden, sei „mehr als zweifelhaft“. Die Gutachter zitieren Hofreiter, der nach der Pleite auf Nachfrage der Verwalter freimütig bekannte, die Getreidelager seien am Tag der Insolvenz „leer“ gewesen.

Die Finetrader hätten sich „von vorne bis hinten verarschen lassen“, sagt ein KTG-Insider. Die Münchner CapFlow AG und die WCF Finetrading gehören nun mit 2,5 Mio. Euro und 5,1 Mio. Euro an Forderungen zu den größten Gläubigern. Für eine  der Firmen kommen die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft zu spät: Marktführer WCF, der zur Hamburger Otto-Gruppe gehörte, hat im Juni das Neugeschäft eingestellt.

Pleitier-Hofreiter macht jetzt Agroservice Nord-Ost

Pleitier Hofreiter dagegen ist dabei, sich mit alten Weggefährten eine neue Zukunft aufzubauen — in „ostdeutschland, weit weg von Oranienburg, wo heute die Bremer Zech-Gruppe das Sagen hat. Persönlich taucht der KTG-Patriarch dabei kaum in der ersten Reihe auf. Aber die Firmen tragen seine Handschrift. Da ist der Agroservice Nord-Ost, Nachfolger des Agroservice A.M.S. von Hofreiters Ex-Partnerin Ams: dieselbe Handelsregisternummer, identische Website, gleicher Fuhrpark. Der Agroservice Nord-Ost beschreibt sich als „stetig wachsendes“ Unternehmen mit Aktivitäten in großen Teilen Ostdeutschlands. Sieben Stellen sind ausgeschrieben.

Als Kontaktadresse ist eine Anschrift in Postlow angegeben — ein Flecken bei Anklam, in der Nähe der Insel Usedom. Wegbegleiter berichten, dass Hofreiter den Ort, der für die Familie schon zu KTG-Zeiten eine Rolle spielte, als Basis für einen Neu, anfang gewählt habe. Dort gibt es die AK Agrarproduktions GmbH, die früher mit dem KTG-Konzern Geschäfte machte. Eigentümer: der gemeinsame Sohn von Ams und Hofreiter, der heute erst 19 Jahre alt ist.

Auch die Anfang August gegründete Stroh Express GmbH sitzt in Postlow. Eigentümerin und Geschäftsführerin: Hofreiters 28-jährige Freundin. Diese Firma, die mit Stroh und Pellets handelt, scheint ebenfalls zu expandieren. Auf ihrer Website sind mehrere Stellen ausgeschrieben. Bewerber können ihre Unterlagen an die gleiche Adresse schicken, unter der auch der Agroservice Nord-Ost erreichbar ist. Die Firmen scheinen miteinander verbunden zu sein – so wie früher.

Auch der Ex-KTG-Chef selbst hat seit August einen neuen Job als Vorstand eines Landguts auf Usedom mit herrschaftlichem Anwesen und Biogasanlage. Das Gut in Welzin gehört seit Jahren einer alten Bekannten: Beatrice Ams. Sollte es Hofreiter gelingen, aus den Betrieben in PostIow und Welzin ein neues Firmenreich zu formen, sagt ein Agrarexperte, „dann wird er davon gut leben können“. Es sei denn, ihm kommt die Staatsanwaltschaft dazwischen.

 

Agroservice Nord-Ost wird auf die Warnliste gesetzt.

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