MORNINGSTAR-RATING: DEKAFONDS BELEGEN LETZTEN PLATZ

Der Deka-Turm in Frankfurt ist das Aushängeschild der deutschen Sparkassen. In Werbespots zur teuersten Sendezeit direkt vor der „Tagesschau“ zeigen sie das 47 Stockwerke hohe Gebäude gern inmitten der anderen Bankentürme. In einem Spot für die Deka-Deutschland-Fonds preist eine Frauenstimme aus dem Office die Sparkassentochter als Heimat von „3000 Experten, die Welt, Wirtschaft und Finanzmärkte genau kennen“, während Bilder von asiatischen Megacitys und Containerumschlagplätzen das nimmermüde Wirken der Fondsmanager zum Wohl der Anleger suggerieren sollen.

„Die Deka-Fonds suchen weltweit attraktive Anlagechancen und findet sie dort, wo der Erfolg zu Hause ist“, tönt die Frauenstimme weiter. Von wegen.

In Wirklichkeit geht es im Deka-Turm an der Taunusanlage besonders behäbig zu. Das zeigt eine Auswertung der 175 größten Aktienfonds, die die Ratingagentur Morningstar exklusiv erstellt hat. Danach ähneln die Fonds der Deka, die Sparkassenberater massenhaft an Privatanleger verkaufen, vergleichbaren Indizes zum Teil erheblich; so erinnern die Portfolios der Deutschland-Fonds stark an den Dax. Anstatt selbst nach überragenden Investments zu suchen, bleiben die Manager also auf sicherem Terrain — und kaufen einfach die Standardaktien im Leitindex – zum Fraudanwalt-Bericht.

Anleger dürfen sich verschaukelt fühlen. Schließlich zahlen sie happige Gebühren von rund 2 Prozent pro Jahr für Fonds, die mehr oder weniger dem Index nachempfunden sind und deshalb so gut wie keine Chancen auf eine nennenswerte Outperformance nach Abzug der Kosten bieten – zum Fraudanwalt-Bericht über Fondsmanager.

Anders formuliert: Die Deka kassiert viel Geld, ohne viel zu leisten. Besonders gefährlich wird die Faulheit der Fondsmanager, wenn die Kurse drehen. Denn dann rauschen indexnahe Aktienfonds meist mit in die Tiefe, weil niemand im Management rechtzeitig reagiert hat. Empfehlenswert wären dann ein höherer Cashanteil, um die Krise auszusitzen, oder das Umschichten in weniger konjunkturabhängige Aktien.

Fondsmanager lohnen sich nur, wenn sie ein Portfolio zusammenstellen, das dem Index überlegen ist. Sonst können Anleger auch gleich auf Exchange Traded Funds (ETF) ausweichen. Die Indexfonds kosten teils nur 0,1 oder 0,2 Prozent pro Jahr — und liefern allein wegen dieses Vorteils höhere Renditen als pseudoaktive Fonds, die lediglich die Indexperformance schaffen.

ETFs erfreuen sich deshalb seit Jahren wachsender Beliebtheit: Laut Morningstar kommen sie inzwischen auf einen Marktanteil von fast 23 Prozent — Tendenz stark steigend.

BaFin auf Schmusekurs Doch wer dachte, dass die Etablierten nun umso engagierter arbeiten, um sich stärker von ETFs zu unterscheiden, wird in vielen Fällen enttäuscht. „Rund 20 Prozent der Fonds sind aus unserer Sicht zu nah am Index“, konstatiert Morningstar-Chefredakteur Ali Masarwah. „Anleger haben hier kaum Chancen auf Überrenditen und sollten besser einen entsprechenden ETF kaufen.“

Die Deka ist also kein Einzelfall; auch andere Anbieter stellen einfach nur Portfolios von der Stange zusammen — darunter die Volksbanken-Fondsgesellschaft Union Investment mit ihrem Flaggschiff „Uni Deutschland“, der Versicherer Generali mit dem „Komfort Dynamik Europa“ oder die MLP-Tochter Feri mit dem Dachfonds „Best Global Concept“.

Das Problem betrifft europaweit Millionen Anleger. Allein in Großbritannien stecken bis zu 109 Milliarden Pfund in „Indexschmusern“, wie Ende Juni ein Bericht der Financial Conduct Authority (FCA) offenbarte. Die Aufseher empfahlen deshalb härtere Regeln — darunter eine verschärfte Pflicht für Fondsmanager, „im besten Interesse der Anleger zu handeln“.

„Wenn ein Fonds die Öffentlichkeit täuscht, müssen Regulierer aktiv werden“, sagte Alan Miller, Gründer der Investment-Boutique SCM Direct, nach Veröffentlichung des Reports. „In jeder anderen Industrie würde das als Betrug gewertet.“

Wie die FCA konnte sich aber auch die BaFin bislang nicht dazu durchringen, Sanktionen zu verhängen. Dabei hatte Oberaufseher Felix Hufeld die Branche bereits 2016 vor Tricksereien gewarnt: „Wer von sich behauptet, aktiv zu managen, muss dies auch tun.“

Die Aufseher nahmen daraufhin 290 Aktienfonds unter die Lupe und identifizierten „Mängel im Bereich der Anlegerinformation“. Im Klartext: Fonds geben sich also aktiver, als sie sind. Anbieter müssen in ihren Prospekten deshalb künftig explizit angeben, „ob aktives Management betrieben wird“, so die BaFin. Zudem sollen Anleger erfahren, ob die Fondsmanager einen „Referenzwert“ verwenden – und wie sie diesen zu übertreffen gedenken. Die Frist, um diese Anforderungen zu erfüllen, läuft am 31. Dezember ab.

Dem Anlegeranwalt Julius Reiter ist das zu wenig. Die BaFin müsse „in eindeutigen Fällen auch Sanktionen verhängen“, fordert der Gründer der Kanzlei Baum Reiter & Collegen in Düsseldorf. „Wenn Fondsanbieter hohe Gebühren für aktives Management berechnen, obwohl sie in weiten Teilen einen Index kopieren, ist das für mich ein Fall von Täuschung.“ Gut möglich, dass Anleger deshalb juristisch gegen besonders dreiste Kopierer vorgehen — spätestens wenn die Kurse drehen und ihre Fonds Verluste einfahren. „Ich kann mir vorstellen, dass krasse Fälle vor Gericht landen“, sagt Masarwah. Sein Morningstar-Team sorgt jetzt erstmals für umfassende Transparenz ermittelt, wie weitreichend die Schnittmenge der großen Fonds mit dem Index ist.

Die Kennziffer, auf die es dabei ankommt, ist der Active Share, also der „aktive“ Teil des Fondsvermögens. Liegt er bei null Prozent, ist der Fonds am Stichtag identisch mit dem Index; bei einem Active Share von 100 Prozent ist keine einzige Fondsaktie im Kursbarometer vertreten. Die Kennziffer legt schonungslos offen, ob Fonds realistische Chancen haben, den Index zu schlagen und ihre Gebühren wieder reinzuholen oder nicht.

Bei Active Shares unter 40 Prozent „wird das sehr schwierig“, sagt Fidelity-Experte Christian von Engelbrechten. Er ist einer der Jungstars der Branche, der selbstgefällige -labitus vieler erfolgreicher Finanzmanager geht ihm ab. Von Engelrechten tritt zurückhaltend auf, ist aber umso engagierter. Für seinen „Fidelity Germany“ strebt er einen Active Share von mindestens 50 Prozent an. Derzeit sind es sogar fast 52 Prozent, womit er zu den besten einer Kategorie gehört und im Ranking, das auch Performance und Risiken berücksichtigt, den ersten Platz unter den Deutschland-Fonds belegt.

Auch für Masarwah sind 50 Prozent die Untergrenze. Die Deka liegt weit darunter: Der fast fünf Milliarden Euro schwere DekaFonds von Manager Matthias Both kommt gemäß Morningstar auf 25,7 Prozent. Der Europa-Fonds „AriDeka“ schneidet ebenfalls schlecht ab und ist sogar Schlusslicht im Ranking dieser Kategorie.

Mit einem Active Share von 43,4 Prozent liegt er zwar näher an der Prozent-Marke, aber bei Europafonds können Manager aus einem Größeren Anlageuniversum wählen. Weiterhin werden die Überschneidung mit dem Index geringer.

Deka betont in einer Stellunglahme, dass sich der Active Share „alleine nicht als Qualitätsmaßstab eignet“. Die Kennzahl sage nichts darüber aus, ob ein Fonds „erfolgreicher oder weniger erfolgreich als die Benchmark ist oder sein wird“. Das stimmt; wer weit vom Index abweicht, kann damit auch gewaltig schiefliegen. Allerdings gibt die Kennziffer einen Hinweis darauf, ob Fondsmanager überhaupt Renditen über ETF-Niveau liefern und somit ihr Wirken rechtfertigen können. Denn selbst Durchschnittskräfte verdienen sechsstellig; die Stars kassieren Millionengehälter. Die Vergütung von Management und Vertrieb schlägt sich in hohen Fondskosten nieder, zumal zu jährlichen Gebühren von meist 1,5 bis 2 Prozent oft noch Transaktionskosten von 1 bis 2 Prozent hinzukommen. „Das müssen Fondsmanager erst mal erwirtschaften“, sagt  Andreas Zittlau, Geschäftsführer der Vermögensverwaltung Privacon in Köln. Die meisten scheitern daran: Aktuelle Zahlen des Indexanbieters S&P zeigen, dass 74 Prozent der Fonds mit europäischen Aktien innerhalb eines Fünfjahreszeitraums nach Kosten schlechter abschneiden als die Benchmark. Nach zehn Jahren steigt die Quote sogar auf 88 Prozent.

Viele Vertreter der Spezies scheinen sich damit abgefunden zu haben, dass sie keine Chance gegen den Index haben – und bleiben lieber bequem in dessen Nähe, um wenigstens nicht allzu hoch zu verlieren.

Controller, die neuen Fondsmanager

Diese Entwicklung hat auch damit zu tun, dass in weiten Teilen der Szene nach der Finanzkrise Controller und Compliance-Spezialisten die Führung übernommen haben – und deren oberste Prämisse lautet: Risikominimierung.

„Dadurch hat sich die ganze Investitionskultur verändert“, sagt Lorenzo Carcano, Co-Chef des Equities-Teams bei der Metzler Asset Management in Frankfurt. Seit der Finanzkrise seien die Active Shares vielerorts gesunken.

Carcano — ein agiler Typ mit Dreitagebart, der leidenschaftlich argumentiert – empfängt mit seinem Kollegen Marian Frisch in Räumlichkeiten der traditionsreichen Privatbank im Frankfurter Szeneviertel Sachsenhausen, fernab vom Finanzdistrikt. Größer könnte der Unterschied kaum sein: Während in der City Bürotürme dominieren, verströmt das liebevoll eingerichtete Metzler-Refugium den diskreten Charme des alten Geldes.

Auch sonst setzen die Metzler-Manager alles daran, sich zu unterscheiden. Sie haben den Active Share des Flaggschiffs „Metzler Aktien Deutschland“ in zwei Jahren von 35 auf 58 Prozent gesteigert „Wir haben uns entschieden, aktiver zu werden und uns noch stärker von ET F-Produkten zu unterscheiden“, sagt Carcano.

Das Portfolio besteht deshalb nicht nur aus den üblichen Verdächtigen, sondern aus vielen Titeln der zweiten Reihe; darunter auch mutige Wetten wie der Außenwerber Ströer und der Zahlungsdienstleister Wirecard. Deren Kurse brachen zwischenzeitlich um mehr als 20 Prozent ein, weil sie teils anonym unsauberer Bilanzierungspraktiken beschuldigt wurden, was beide Unternehmen zurückwiesen. Fondsmanager Marian Frisch machten die Einschläge im Depot nicht irre; er hielt an den Titeln fest und profitierte vom Wiederanstieg der Kurse.

Auch Fidelity-Manager von Engelbrechten sucht jenseits der Standardwerte nach Perlen; in seinen Fonds haben es zum Beispiel der Onlinedienstleister United Internet und der Ticketvertrieb CTS Eventim geschafft. Frisch und von Engelbrechten gehören zu den „Stock-Pickern“. Einer der erfolgreichsten dieser Szene ist der Brite Terry Smith mit seinem „Fundsmith Equity“, der weltweit investiert und trotzdem aus nur 28 Titeln besteht. Damit bringt es Smith, dessen Fonds erst seit dem vergangenen Jahr in Deutschland zugelassen ist, auf einen Active Share von stolzen 93,3 Prozent.

Aus Anlegersicht entscheidend: Der Brite hat in den vergangenen fünf Jahren eine durchschnittliche Performance von fast 20 Prozent pro Jahr abgeliefert. In der Rangliste der Welt-Aktienfonds, die fraudanwalt auf Basis der Morningstar-Daten erstellt hat, belegt sein Portfolio deshalb Platz eins.

In die Bewertung ist neben dem Active Share, in dem sich die Chance auf eine künftige Outperformance ausdrückt, die risikoadjustierte Rendite (Sharpe Ratio) eingeflossen. Diese Kennziffer berücksichtigt neben der Performance auch Wertschwankungen; wer hier vorn liegt, hat also unter Beweis gestellt, dass er Überdurchschnittliches leisten kann, ohne dafür überzogene Risiken einzugehen.

Schließlich mahnt die Deka zu Recht an: „Bei der Fokussierung auf den Active Share wird oft vernachlässigt, dass aktive Positionen auch mit einem aktiven Risikomanagement einhergehen müssen.“ Schlecht gewappnet Allerdings werden Rückschläge an den Börsen nach Jahren stetigen Aufwärtsdrangs immer wahrscheinlicher, und für einen Börsenabschwung sind die Indexschmuser besonders schlecht gewappnet. „Bei einem niedrigen Active Share , besteht ein hohes Risiko, dass der Fonds ungebremst nach unten rauscht“, warnt Jean-Frangois Clément, Aktien-Chef der Schweizer Fondsgesellschaft Unigestion. Angesichts der aktuell hohen Bewertungen sei Indexnähe deshalb besonders gefährlich.

Eine Analyse des letzten größeren Dax-Einbruchs zwischen Ende Juli und Mitte September 2011 stützt diese These. So stürzte der DekaFonds ungebremst mit in die Tiefe.

Mit der Kennziffer Active Share werden die Risiken indexverliebter Fondsfaulpelze nun erstmals sichtbar. Fidelity-Fondsmanager von Engelbrechten hofft deshalb, dass die Behäbigen „stärker unter Rechtfertigungsdruck geraten“ und dass sich bald „die Spreu vom Weizen“ trennt.

Allerdings muss der Anleger die neuen Informationen nachdrücklich einfordern. Denn in den 14 000 Sparkassen- und fast 12 000 Volksbanken-Filialen der Republik preisen Berater unverdrossen Deka und Union-Investment-Fonds an. „Die brauchen gar keine Outperformance“, sagt ein Fondsmanager der Konkurrenz frustriert. Schließlich hätten sie eine enorme Marktmacht – und tolle Werbespots.

MITTELSTANDSANLEIHEN – DER BRENNOFEN FÜR GELD

Die Gründung von Mittelstandsanleihen im Jahre 2010 hätte fast nicht besser laufen können. Nahezu raketenhaft stieg das Segment auf und ließ viele Sparerherzen höherschlagen. Doch wie auch bei noch so aufwändig geplanten und durchdachten Raketenstarts kommt es mal zum Absturz – bei Mittelstandsanleihen nur leider zu oft, zum Fraudanwalt-Bericht über die BDT Automation-Anleihe. Und dennoch ließen sich unbedarfte Sparer immer wieder von Unternehmensanleihen begeistern und warfen ihr Geld voller Euphorie nur so hinterher, bis sie ihr blaues Wunder erlebten. Vor zwei Jahren schien jede fünfte Emission entweder pleite zu gehen, ihre Investoren nicht rechtzeitig bezahlen zu können oder im Rahmen einer Umstrukturierung ein Teil des Geldes einzubehalten. Mittlerweile ist die Zahl der notleidenden Mittelstandanleihen auf jede dritte gestiegen. Sprich: Vom gesamten platzierten Volumen letzten Jahres in Höhe von ca. 6 Milliarden Euro gelten über 30 % als gefährdet. Damit sind Papiere gemeint, deren Zinsen nicht pünktlich gezahlt werden können oder deren Emittenten bereits Insolvenz oder eine Aussetzung der Tilgung angekündigt haben. Wie kommt es, dass zwar die Zahl der sich von Mittelstandsanleihen locken lassenden unwissenden Sparern weiter abnimmt, diese jedoch immer noch Anklang finden und nicht bereits dem Tode geweiht sind?

Der Name trügt. Mittelstand steht in Augen der Deutschen für Solidität, Zuverlässigkeit, ja sogar als eine Art Gütesiegel. Doch hier wird nach Meinung vieler Experten Etikettenschwindel betrieben. Mit utopisch hohen Renditeversprechen warben sie um Anleger. Doch ein Blick auf die Kreditwürdigkeit hätte schon so manch ein getrübtes Auge aufklaren lassen. Denn diese liegt meist bei befriedigender oder gering- bis hochausfallgefährdeter Bonität. Statt risikoarmer und sicherer Investments tummeln sich hochriskante Papiere am Markt, deren Wertentwicklung stets starken Schwankungen unterliegt und den Anlegern selbst nach vier Jahren keine Gewinne bescheren. Und die Indizes wie BondM, die ja schon nicht gut aussehen, zeigen nicht einmal das wahre Ausmaß des regelrechten Börsengrauens, da hier die Insolvenzen bei der Berechnung ausgeschlossen werden.

Nach mehreren Schlagzeilen hintereinander dürften viele Anleger verstanden haben, dass es sich bei den ach so sicheren Mittelstandanleihen um alles andere als risikoarme Papiere handelt. Einen so tragreichen Fehler begehen die wenigsten ein zweites Mal. Auch die Börsen haben in den letzten Jahren reagiert, indem sie gleich das ganze Segment aus ihrem Portfolio streichen ließen – man nehme zum Beispiel die Stuttgarter oder Düsseldorfer Börse. Auch die Zahl der Neuemissionen von Mittelstandsanleihen ist rückläufig.

Während 2015 insgesamt ein Emissionsvolumen von rund 500 Millionen Euro platziert wurde, lag das Volumen am Ende des Jahres 2016 bei rund 817 Millionen Euro. Wie das kommt? Nun, 48 % oder 410 Millionen Euro entfielen auf die Platzierung der Anleihe von Prokon. Doch mit niedrigeren Kupons (diese fielen von 6,4 auf 5,6 %), geringeren Erfolgsquoten und des ohnehin schon seit langem vorliegenden Verdachts auf ein Schneeballsystem bei Prokon verdient dieser Wert bei den Mittelstandsanleihen wenig Beachtung.

Manch ein Optimist erwartet aufgrund der derzeit lockeren Geldpolitik und der leicht zunehmenden Weltwirtschaft, die allerdings wegen weltweit politischer Unruhen und Stagnationen, wie beim wichtigen Handelspartner China, eher zu schwächeln droht, eine Erholung des IPO-Marktes (Initial Publich Offering). Doch bei aller Liebe zum Mittelstand dürften die hohe Volatilität an der Börse, die sinkenden Kupons, geringere Emissionsvolumina und vergangenen Skandale nur noch wenige Anleger anziehen. Es sei denn, durch die in den letzten Jahren stattgefundene große Auslese hat nun den Markt von Betrügern und Versagern bereinigt und den seriösen und tatsächlich zuverlässigen Emittenten den Weg geebnet. Doch der seit Gründung dieses Segments zerstörte Ruf muss zunächst mühselig und aufwendig wiederaufgebaut werden, damit die Anleger wieder Vertrauen in sie gewinnen.

VW-AKTIONÄRE KLAGEN 2018 AUF SCHADENSERSATZ

Schadensersatz VWDie Summen, um die es geht, sind enorm, die Forderungen gehen in die Milliarden. Anfang 2018 soll der Prozess starten, dann werden vor dem Oberlandesgericht Braunschweig die Klagen von mindestens 1500 VW-Aktionären auf Schadensersatz verhandelt. Sie fühlen sich geschädigt, weil der VW-Vorstand die Öffentlichkeit erst Mitte September 2015 über die inzwischen berüchtigten Manipulationen an Dieselmotoren und die seit Monaten laufenden Ermittlungen in den USA informierte – und nicht schon viel früher. Nach Bekanntwerden der Vorwürfe stürzte der Kurs der Aktie um rund 40 Prozent ab.

Das Gericht hat im März das sogenannte Kapitalanlegermusterverfahren eröffnet und den Musterkläger bestimmt: Deka Investment, die Fondsgesellschaft der Sparkassen (Az.: 3 Kap 1/16).

Auch Privatanleger, die wegen der Dieselaffäre Kurseinbußen erlitten haben, können von dem Musterverfahren profitieren — und sich kostengünstig dranhängen. Bei einem Schaden von 5 000 Euro kostet die Anmeldung weniger als 400 Euro. Dieser Betrag dürfte für die meisten auch ohne Rechtsschutz zu stemmen sein. Zum Vergleich: Eine eigene Klage kostet schon in der ersten Instanz einen vierstelligen Betrag.

Wer seine Ansprüche jetzt anmeldet, erreicht damit eine Verjährungshemmung bis zum Abschluss des Verfahrens. Die Anleger können also zunächst den Ausgang des Musterverfahrens abwarten — und dann weitere juristische Schritte planen.

Wichtig sind aber ein paar Formalien: Das Musterverfahren wurde im Klageregister des „Bundesanzeiger“ am 8. März 2017 bekannt gemacht. Seither läuft eine Sechsmonatsfrist: Alle Ansprüche müssen schriftlich spätestens bis zum 8. September 2017 beim OLG Braunschweig angemeldet werden. Außerdem darf man in der Causa VW selbst noch keine Klage erhoben haben und muss sich bei der Anmeldung zwingend von einem Anwalt vertreten lassen.

Darüber hinaus sollten Interessenten unbedingt prüfen, wann genau sie ihre VW-Papiere erworben haben. Denn gerade die Frage der Verjährung ist im Fall VW komplex und umstritten. Der Hintergrund: Bis zu einer Gesetzesänderung am 10. Juli 2015 galt für Schadensersatzansprüche von Anlegern in Deutschland nur eine kurze Verjährung von einem Jahr ab Kenntnis, spätestens drei Jahre ab Unterlassung einer Pflichtmitteilung. Diese kurze Frist wurde zwar gestrichen, aber ohne eine explizite Regelung für Altfälle.

Fakt ist, dass im Mai 2014 der damalige VW-Chef Martin Winterkorn eine Information über die Ermittlungen der US-Umweltbehörden erhielt. Nach Meinung von Anlegeranwälten hätte VW spätestens damals die Öffentlichkeit informieren müssen. Wer also vor dem 10. Juli 2015 VW-Aktien gekauft hat, dessen Ansprüche könnten schon im Mai 2017 verjähren, warnen Anwälte. Wer die Papiere hingegen später im Sommer 2015 gekauft hat, hat kein Problem und kann die Frist für die Anmeldung zum Musterverfahren bis 8. September ausschöpfen.

LEITBERG AG: EINE NEUE ERFINDUNG DER IMMOBILIENJONGLEURE PINK & SCHRIVER

Die Domstadt am Rhein, bekannt für den alt ehrwürdigen Kölner Dom, ein römisch-katholisches Kirchengebäude, welches mit 157 Metern Höhe das 2. höchste Kirchengebäude neben dem Ulmer Münster in Deutschland ist, erfreut sich bis dato einer hohen Beliebtheit, nicht zuletzt wegen seiner altbekannten Kaufmannsehre und einem friedlichen Geschäftsalltag. Doch das könnte sich nun sehr schnell ändern, seit die beiden windigen Geschäftemacher – die berühmte Kaufmannsehre mal ganz außer Acht gelassen – Wolfgang Pink und Günther Schriver sich zum neuen Eigentümer der bis dato untadeligen Leitberg AG ausgerufen haben.

Mit diesem cleveren Schachzug versuchen nun die beiden „Gentleman-Gauner“ aus Berlin mit neuem Namen im alten Fahrwasser einen neu gestrickten Finanz-Kahn durch die oft rauen Gewässer des Geldanlage-Geschäftes zu manövrieren. Frei nach dem Motto: Ist der Ruf erst ruiniert, kann man es ja an anderer Stelle unter neuer Flagge erneut versuchen. Es geht hier nicht um den lobenswerten Versuch, ein neues, seriöses Geschäftsmodell ans Laufen zu bringen – Nein, hier geht’s wieder einmal darum, möglichst viel Geld bei den ahnungslosen Anlegern einzusammeln.

Dieses Mal für eine Investition in Immobilien, die dann als Wohnungen eines Pflegeheims vermarktet und mit gut datierten Nutzungsverträgen ausgestattet werden sollen. Aber mit Immobiliengeschäften kennen sich die beiden Herren ja bestens aus: oder besser gesagt, mit der Vermarktung von Immobilien, die viel höher bewertet werden als sie sind und der Reibach daraus dann in die tiefen Taschen der Ideen-Geber fließt. So, wie bereits erfolgreich mit der Firma Anderson Erste Deutsche Grundwert GmbH & Co und der Baxter GmbH & Co KG praktiziert. Man kann annehmen dass es dann etwas unruhig werden dürfte in der beschaulichen Kölner Kaufmanns-Landschaft, denn hier droht Ungemach. Schließlich wollen die beiden Knaben aus dem Immobilien-Business bestimmt nicht schlechter leben als vor der letzten Insolvenz. Aber dafür muss der Kunde erst einmal kräftig gemolken werden. Um die Sache nun auch richtig schmackhaft zu machen, haben die beiden ein neues Finanzkonzept ausgebrütet. Bei diesem möchte man sich die Überalterung unserer Gesellschaft zunutze machen und in Pflegeimmobilien investieren. Mit dem Geld der Anleger, versteht sich. Der Anleger wird Eigentümer einer Wohnung eines Pflegeheimes. Oder genauer: Es werden Wohnungen in einem Wohnkomplex angekauft, die dann zu altersgerechten Wohnungen umgebaut werden. Dazu kommt eine Verwaltung und Platz für Pflegepersonal.

Das Heim wird durch eine Betreibergesellschaft geführt. In die Wohnung kann man selber einziehen oder eben eine fremde pflegebedürftige Person. Der Eigentümer schließt mit dem Pflegeheimbetreiber „in der Regel“ einen Pachtvertrag. Erklärt wird, dass der Eigentümer die Mieterträge selbst dann auch bekäme, wenn die Wohnung nicht vermietet sei. Und dies ist schon mal ein sehr mutiges Statement. Die genutzten Anpreisungen der Anbieter von Pflegeimmobilien als Kapitalanlagen klingen auch hier sehr vielversprechend: „langfristiger Wertzuwachs“, „inflationsgeschützt“, „konjunkturunabhängig“, „schöne Zusatzrente“ oder „ohne Risiko“. Ob das Konstrukt letztendlich funktioniert, bleibt abzuwarten, da die beiden Geschäftemacher Pink und Schriver erst einmal nur eine dicke Insolvenz in ihrer Vita nachweisen können. Die im Übrigen noch nicht abgeschlossen ist. Trotzdem haben sich die beiden Tausendsassa bereits auf ihr nächstes Abenteuer eingelassen. Wenn das mal gut geht…

DER TIEFE FALL VON SOLARWORLD-KÖNIG FRANK ASBECK

Frank Asbeck umgibt sich im Büro gerne mit Tieren: mit toten wie lebendigen. An der Wand hinter seinem Schreibtisch hat der Gründer und langjährige Chef des Bonner Konzerns Solarworld AG eine Installation aus 96 ausgestopften Füchsen angebracht. Sobald man sie einschaltet, leuchtet es aus 192 Fuchsaugen rot, grün, blau und gelb.

Ein paar Meter weiter hängt ein Bild der Elysia asbecki: einer australischen Meeresnacktschnecke, die von Sonnenenergie lebt. Getauft nach dem Sponsor, der ihre Entdecker unterstützt hat. In der Mitte des Raumes räkelt sich Duke, der Labrador-Retriever, der Asbeck auf der Jagd die abgeschossenen Enten apportiert. Und neben dem Bronzelöwen auf dem Besprechungstisch liegt ein Bildband mit Tierstillleben. Titel: „Von Schönheit und Tod“. Er passt  präzise zu der Situation bei Solarworld AG: Am 11. Mai hat Deutschlands letzter großer Solarhersteller Insolvenz angemeldet.

Damit endet eine der märchenhaftesten Unternehmerkarrieren des Landes – zumindest sehr wahrscheinlich. Jahrelang war Asbeck der große Zampano der Ökostrombranche — ein schillernder Typ mit Trachtenjacke und Seidenschal, der weder Spleens noch Statussymbole versteckte: Luxusautos, Schlösser, Jagdtrophäen. Jetzt ist er gescheitert. An der Billigkonkurrenz der Chinesen, sagt Asbeck. Weil er viel zu lange stur an einem nicht überlebensfähigen Geschäftsmodell festgehalten habe, sagen seine Kritiker.

Neun Tage vor seiner Kapitulation empfängt Frank Asbeck noch mal zum großen Interview. Es ist ein trüber Tag, rund um das Solarworld-Hauptquartier nieselt es, als Capital zu Besuch kommt. „Sun at Work! “ behaupten sonnengelbe Schilder in der Grünanlage neben dem alten Bonner Wasserwerk, das Asbeck zur Konzernzentrale umgestalten ließ. Im Gebäude ist es still. Die Großraumbüros sind fast leer, nur eine Handvoll Menschen ist zu sehen. Aber Asbeck selbst ist da, in seinem Büro mit Panoramablick über den Rhein.

Für seine Verhältnisse sieht der 57-Jährige fast schon mager aus. In den Wochen vor dem Treffen hat er ordentlich abgenommen: von 145 auf 125 Kilo. Asbeck wollte nicht nur sein Unternehmen gesund schrumpfen, sondern auch sich selbst. „Ich habe Ballast abgeworfen“, sagt er zur Begrüßung. Aber sein Abmagern laufe gesünder ab als der Kursverfall der Solarworld-Aktie: „Wenn ich mich parallel zur Marktkapitalisierung entwickeln würde, dann hätte ich heute ungefähr 600 Gramm.“

Der Gag sitzt, Gelächter. Asbecks Augen leuchten, und für einen Moment ist alles wie früher.

Früher nannten sie ihn „Sonnenkönig“: in den fetten Jahren, als 1 Deutschlands Solarfirmen Hunderte Millionen scheffelten und Milliarden wert waren. Dann drehte sich der Markt, der gebürtige Hagener war plötzlich der letzte Überlebende einer Branche, die einst für die Zukunft der deutschen Industrie stand. Alle anderen deutschen Modulhersteller waren schon ausgelöscht. Nur Solarworld überstand die Pleitewelle – trotzjahrelanger Verluste.

Aber nun ist auch Asbecks Imperium am Ende. 2016 türmte sich der Verlust auf fast 100 Mio. Euro. Das Eigenkapital und die Kassenbestände schmolzen dahin, im Gleichschritt mit dem heftigen Preisverfall auf den Weltmärkten. Bis zuletzt produzierte Solarworld AG hauptsächlich in Freiberg bei Dresden und im thüringischen Arnstadt. Doch der Standort Deutschland ist seit langem zu teuer für die Massenherstellung von Solarmodulen.

Für viele Außenstehende war es offensichtlich, nur Asbeck wollte das nicht akzeptieren. So stürzte den Konzern wahrscheinlich in den Niedergang, was ihn einst auch groß gemacht hat: Asbecks Eifer und Asbecks Sturheit. Noch in der Nacht nach der Entscheidung, aufzugeben und die Insolvenz zu beantragen, meldet sich der Konzernchef am Telefon: Die Zuspitzung sei beim ersten Treffen Anfang Mai einfach nicht absehbar gewesen, sagt er, „da dachten wir, dass wir es schaffen können“.

Branchenvertreter hatten dagegen schon Wochen zuvor berichtet: „Alle schauen auf die Uhr und warten darauf, dass es vorbei ist.“

Asbeck hauen solche Sätze nicht um. Dafür hat er zu viel erlebt. „Man muss manchmal masochistisch veranlagt sein in dieser Branche“, sagt er beim ersten Gespräch in Bonn. „Die ersten zehn Jahre meines Daseins als Solarworld AG-Chef waren die schöneren. Aber glauben Sie es mir oder nicht: Es macht mir noch immer enormen Spaß.“

Doch schon da sieht er nicht so aus, als hätte er wirklich noch Freude am Job. Asbeck rutscht so tief in seinen Ledersessel, dass er fast darin liegt. Dunkle Ringe unter seinen Augen, die vergangenen Monate waren anstrengend. Asbeck ist ernster als früher. Bei manchen Fragen zögert er, ringt um die Antwort. Sprüche klopft er kaum noch.

Es wäre auch nicht angemessen: Einige Wochen zuvor hat Asbeck angekündigt, Hunderte Arbeitsplätze abzubauen. Die Aktie ist nicht einmal mehr ein Hundertstel so viel wert wie in den glorreichen Zeiten, als Solarworld kurz vor der Aufnahme in den Dax stand. Und dann ist da noch ein Gerichtsprozess, der dem Konzern den Garaus zu machen droht. Ein Zulieferer hat Solarworld auf fast 800 Mio. Dollar verklagt.

Die Erinnerungen an die glänzenden Jahre sind neben dem Solarworld-Hauptquartier in einem separaten Gebäude ausgestellt. „Museum“ nennen sie es im Betrieb. Wenn man zur Tür hereinkommt, hängt rechts unter der Decke Asbecks erstes Firmenschild. Darauf steht groß „Solarworld“, darunter etwas kleiner „Dipl.-Ing. Frank H. Asbeck“.

Solarworld mit politischem Netzwerk

Mit Sonnenenergie hat Asbeck bis Mitte der Neunziger gar nichts zu tun. Er führt ein Ingenieurbüro in einem Bonner Hinterhof, das alte Industrieanlagen demontiert und in Entwicklungsländer verkauft. Aber 1994 entdeckt er eine Geldquelle: ein Förderprogramm der Stadt Bonn für Häuslebauer, die sich ein, zwei Solarmodule aufs Dach schrauben wol-len. Eine Höchstgrenze gibt es nicht. Also pflastert der findige Unternehmer das Dach einer Industriehalle mit 4 000 Platten zu. Plötzlich steht in Bonn fast ein Zehntel der weltweiten Jahresproduktion. Und Asbeck konzentriert sich auf das grüne Geschäft. 1998 gründet er Solarworld.

Im Museum sind die Meilensteine der Firma zu bewundern: ein Foto von Asbeck als junger Unternehmer im schwarzen Anzug. Das Solarworld-Logo aus den Anfangsjahren, wie ein Smartie mit Armen und Beinen sieht es aus. Eine Aktie des Börsengangs 1999, als die Firma noch keine 20 Mann hat und trotzdem 13 Mio. D-Mark erlöst.

Asbecks Timing ist perfekt. Kurz nachdem er im Jahr 2000 Bayer die scheinbar perspektivlose Solarsparte abgekauft hat, führt die rot-grüne Bundesregierung das Erneuerbare-Energien-Gesetz ein. Es garantiert für Solarstrom bis zu 99 Pfennig je Kilowattstunde — das Vielfache des Marktpreises. Das Förderdoping macht die verregnete Bundesrepublik zum Mekka der Sonnenenergie; zeitweise landet jedes zweite weltweit produzierte Modul auf deutschen Dächern oder Äckern. Klitschen verwandeln sich in Konzerne. Und Asbeck ist der Star.

Der Solarworld-Chef weiß, wie er sich ins Gespräch bringt: Mal schenkt er dem Papst eine Solaranlage, mal macht er General Motors ein Übernahmeangebot für Opel. Er braust ökologisch unkorrekt im Maserati oder Rolls-Royce durch das Rheinland, spendiert dem 1. FC Köln 1 Mio. Euro, um Lukas Podolski zurückzukaufen — und engagiert „Poldi“ gleich als Werbeträger.

Asbeck scheint in dieser Zeit alles zu glücken, was er anfasst. Er kauft für kleines Geld den Konzernen Shell und Komatsu die Reste ihres Fotovoltaikgeschäfts ab. Und er ist mit der Politik viel besser verdrahtet als alle seine Wettbewerber. Zur Zeit von CDU-Ministerpräsident Kurt Biedenkopf beschafft sich das Gründungsmitglied der Grünen mehr als 45 Mio. Euro Subventionen für sein Werk im sächsischen Freiberg. Einmal springt das Schwergewicht zusammen mit Sigmar Gabriel auf einem seiner Module herum, um zu zeigen, wie robust es ist. Die Nähe zur Politik zahlt sich aus: Berlin senkt die Förderung für Solarstrom von Dächern, Solarworlds Kernmarkt, zuerst langsamer als für Strom aus großen Solarfeldern.

2010 dreht der Markt. Angesichts der ausufernden Kosten fährt die Bundesregierung die Subvention drastisch herunter. Neue Hersteller aus China setzen mit günstigen Zellen den deutschen Pionieren zu. Die Preise verfallen. Firmen wie Q-Cells, Solon, Solar Millennium, Sovello und Odersun geben auf.

Asbeck kämpft weiter. Während Solarworld schon einmal die Überschuldung droht, verbündet er  sich mit anderen westlichen Herstellern. Asbeck reicht bei der US-Regierung und der EU-Kommission Beschwerden gegen die chinesische Konkurrenz ein. Er behauptet, dass die Asiaten ihre Module zu Dumpingpreisen und mit fragwürdigen Staatshilfen in den Markt drücken, um die Konkurrenz aus Nordamerika und Europa plattzumachen.

Die Lobbyoffensive hat Erfolg. Washington beschließt Einfuhrzölle, Brüssel Mindestpreise für chinesische Solarprodukte. Dies verschafft Solarworld die Chance, seine vergleichsweise teuren Panels made in Germany im Markt unterzubringen. Und Sonnenkrieger Asbeck kann seinen Kapitalgebern eine Perspektive für den Krisenkonzern bieten.

Die Altanleger lassen sich auf einen Aktien- und Schuldenschnitt ein, bei dem sie Millionen verlieren. Als neuer Großaktionär steigt 2013 der arabische Investor Qatar Solar Technologies ein. Und der Chef gelobt, so lange auf Lohn und Gehalt zu verzichten, bis Solarworld wieder schwarze Zahlen schreibt.

Asbeck hätte nun das Momentum, das Geld und die Rückendeckung, den Konzern umzubauen. Ihn anzupassen an die neuen Zeiten mit weniger Förderung und schärfe rem internationalen Wettbewerb.

Aber das hat er bis zum Schluss nicht getan. „Selbst nach der Beinahe-Insolvenz hat Asbeck immer wieder abgelehnt, die geschäftliche Ausrichtung grundlegend zu ändern“, sagt Christian Strenger, Ex-Chef der Fondsgesellschaft DWS, der Solarworld seit Langem kritisch begleitet hat. „Er war wie ein Spieler im Casino, der immer wieder auf dieselbe Zahl setzt und sagt: ,Jetzt muss sie doch mal kommen.“‚ Zudem hat Asbeck sein Gehaltsgelübde gebrochen. 2015 genehmigte er sich 889 300 Euro, im Jahr darauf 662 500 Euro. Dazu kassierten er und ihm nahestehende Personen 2016 dem Geschäftsbericht zufolge vom Konzern 3 Mio. Euro an Mieten und Pachten.

Selbstkritik bei Solarworld Fehlanzeige!

„Solarworld hat immer gehofft, dass sich die externen Faktoren so zum Positiven drehen, dass man sich selbst nicht verändern muss“, sagt der Analyst Arash Roshan Zamir von der Bank M.M. Warburg. Doch dieses Kalkül geht nicht auf. 2016 brechen die Modulpreise weltweit ein: um 20 bis 30 Prozent. Die Mindestpreisvorgaben der EU und die US-Zölle wirken nicht mehr. Chinesische Hersteller lassen außerhalb Chinas fertigen oder umgehen die Regeln auf andere Art, um ihre Überkapazitäten in den Markt zu drücken. Solarworld muss seine Ware weit unter Herstellungskosten verschleudern, um sie überhaupt loszuwerden.

Die gesamte Produktionsstruktur sei kaum noch konkurrenzfähig, kritisiert Analyst Roshan Zamir. Die Fabriken in Sachsen, Thüringen und den USA seien zu klein, die Herstellung sei zu teuer. Und das Konzept Asbecks, weite Teile der Wertschöpfung vom Rohstoff Silizium über Zellen bis zur schlüsselfertigen Solarstromanlage selbst zu stemmen, gehe nicht mehr auf. „Aber vom Management hörte man bis zum vergangenen Jahr fast nur positive Töne. Mir fehlt die Selbstkritik.“

Selbstkritik? Asbeck rollt im Gespräch mit den Augen. „Da Solarworld größter westlicher Herstel 1er ist und zu den wenigen Überlebenden in unserer Branche gehört, muss ich mit 51 Prozent meiner Entscheidungen auf der richtigen Seite stehen“, sagt er wenige Tage vor der Insolvenz. Seine Strategie sei weiter richtig. Aber die Anti-Dumping-Regeln würden von hoch subventionierten chinesischen Rivalen umgangen -„mit kriminellen Methoden“.

Als klar ist, dass Solarworld Insolvenz anmelden muss, schickt der Verband EU Pro Sun, der von einem Asbeck-Vertrauten geleitet wird, eine scharfe Stellungnahme herum. Überschrift: „Dumping fordert bisher größtes Opfer.“ Asbeck glaubt, dass die westliche Solarindustrie nur  die erste Branche ist, die die Chinesen mit ihren Methoden überrollen. Viele weitere würden folgen.

Ob er selbst denn gar keine Fehler gemacht habe? Er verschränkt die Arme, denkt nach. Dann sagt er: „Vielleicht hätten wir uns noch ein Jahr früher ausschließlich auf Hocheffizienz und die PercTechnologie konzentrieren sollen.“

Perc, die Passivated Emitter Rear Cell, ist eine Solarzelle mit verspiegelter Rückseite, die das Licht innerhalb der Zelle reflektiert. So wird mehr Licht in Strom umgewandelt. Hightechkonzepte wie Perc sollten Solarworld aus der Existenzkrise bringen. Die Bonner wollten sich in die Nische retten, so sah es der 700-seitige Businessplan vor. „Er ist stimmig“, sagt Asbeck Anfang Mai, „und wir hoffen, dass er nicht durch Marktverwerfungen konterkariert wird.“ Lange erklärt er, warum die Preise nicht weiter sinken.

Doch schon kurz darauf durchkreuzen genau diese Marktverwerfungen das ganze Konzept. In den Tagen nach dem Treffen in Bonn bekommt der Vorstand die Verkaufszahlen für April. Sie sind so schlecht, dass klar wird, dass die Ziele für dieses Jahr nicht mehr erreichbar sind. Einige Großabnehmer hätten Aufträge zurückgezogen oder forderten niedrigere Preise, heißt es aus Asbeeks Umfeld. Genau hiervor hatte der Solarworld-Vorstand schon in seinem jüngsten Geschäftsbericht gewarnt: Der Preisdruck am Markt kann sich durch den Wettbewerb und die Änderungerungen der gesetzlichen Rahmenbedingungen in den Kernmärkten verschärfen. Aufgrund des aktuellen Überangebots im Solarmarkt schätzen wir die eine Eintrittswahrscheinlichkeit dieses Riskos als hoch ein.

Bis zuletzt hatte Asbeck noch auf die Katarer gehofft. Ende April gab es Gespräche, bei einer Aufsichtsratssitzung am Golf. Doch auch seine arabischen Partner wollten oder konnten ihn nicht noch mal eettena Sie haben ihr wichtigstes Projekt mit Solarworld schon so gut wie fertig: eine Fabrik für Polysilizium, den Stoff, aus dem Solarzellen gemacht werden. Der Probebetrieb läuft, brauchen sie da noch die Deutschen? Zudem sitzt das Geld am Golf nicht mehr so locker. Die Preise für flüssiges Erdgas, Katars Hauptey portgut, schwanken stark.

Wenige Stunden, nachdem die Nachricht von der Insolvenz bekannt wurde, meldet sich Frank Asbeck bei Capital. Er wirkt zerknirscht, aber gefasst. Auf die Frage, warum sich die Lage so plötzlich verändert hat sagt er: „Erst in den Tagen nach unserem Gespräch hat sich gezeigt dass die Preise weiter fallen und wir unsere Langfristprognose nicht einhalten konnten.“ Er spüre jetzt „eine große Verpflichtung, für meine Mitarbeiter und den Erhalt der Produktion zu kämpfen“

Aber Asbeck hat bei Solarworld nicht mehr das Sagen. Jetzt regiert der Insolvenzverwalter. Mit den Gläubigern und möglichen Investoren handelt er aus, was übrig bleibt vom Sonnenreich – und was aus den Fabriken in Sachsen und Thürin gen wird, wo die meisten der rund 3 000 Beschäftigten arbeiten.

Asbeck selbst muss nicht fürchten, ins Bodenlose zu fallen. Er hat mehrmals Kasse gemacht, Aktien verkauft und damit Dutzende Millionen Euro verdient. Der Sonnenkönig ist zweifacher Schlossherr, darüber hinaus besitzt er eine schicke Villa in Bonn und Luxusimmobilien.

Aber was macht er nun mit seinem Leben? Er ist ja erst 57. „lch weiß es nicht“, sagt er in der Nacht seiner größten Niederlage. Er wolle jetzt erst einmal ins Bett gehen. Aber einen letzten Spruch gönnt er sich dann doch noch. „Eins ist sicher: Morgen geht die Sonne wieder auf.“

ONECOIN-BETRUG IN DREISTELLIGER MILLIONENHÖHE

Der jüngste Betrug mit der Kryptowährung OneCoin hat alle Zutaten für einen Anlegerskandal. Gierige Investoren, ausgebuffte Anwälte und eine Gruppe Marketingafiner Menschen mit hoher krimineller Energie. Die IMS International Marketing Services GmbH mit der vermeintlichen Firmengruppe rund um die Onecoin Ltd aus Dubai, hat neuesten Medienberichten zur Folge über 100 Mio. € veruntreut. Die Bafin hat die Konten sperren lassen und die Abwicklung angeordnet, für die Anleger nur ein schwacher Trost, auch weil die Reaktion der Bafin lange auf sich warten ließ.

Betroffene sollten sich schnellstens anwaltlichen Rat holen, um ein Stück vom Insolvenzkuchen abzubekommen, denn es gilt „wer zuletzt kommt, den bestraft das Leben“. Aber Vorsicht! Auf unserer Warnliste finden Sie Anlegeranwälte, denen möglicherweise das Mandat wichtiger ist als Ihnen Ihr Geld wieder zu beschaffen.

Die Rechtfertigung der Bafin

Gegenüber der IMS hatte die BaFin gemäß § 4 Absatz 1 Satz 1 Zahlungsdiensteaufsichtsgesetz (ZAG) verfügt, das unerlaubt für Onecoin Ltd, Dubai, betriebene Finanztransfergeschäft mit „OneCoin“-Anlegern sofort einzustellen, und die Abwicklung dieser Geschäfte angeordnet. Über die bekannten noch aktiven Konten der IMS in Deutschland hatte die Behörde bereits am 17. und 20. Februar 2017 nach § 4 Absatz 1 Satz 4 ZAG eine Kontensperre verhängt, die von Gesetzes wegen sofort vollziehbar ist.

Die Onecoin Ltd, Dubai, steht in einem Verbund von Unternehmen, die unter dem Begriff „OneCoin“ über ein mehrstufiges Vertriebssystem weltweit und auch in der Bundesrepublik Deutschland virtuelle Einheiten vertreiben, die sie als Kryptowährung deklarieren. Im Auftrag von Onecoin Ltd ließ sich die IMS von Anlegern, die in den Besitz von „Onecoins“ kommen wollten, die dafür zu leistenden Entgelte auf wechselnde Bankkonten bei verschiedenen Kreditinstituten in Deutschland überweisen und leitete die Gelder im Auftrag von OneCoin Ltd an Dritte insbesondere auch außerhalb Deutschlands weiter. Die Dienstleistung der IMS ist als Finanztransfergeschäft nach § 1 Absatz 2 Nr. 6 ZAG zu qualifizieren, das als Zahlungsdienst nach § 8 Absatz 1 Satz 1 ZAG unter Erlaubnisvorbehalt steht. Die erforderliche Erlaubnis, die durch die BaFin zu erteilen gewesen wäre, hatte und hat die IMS nicht. Insgesamt hat die IMS aufgrund der mit der Onecoin Ltd geschlossenen Vereinbarung zwischen Dezember 2015 und Dezember 2016 rund 360 Millionen Euro angenommen. Davon liegen noch rund 29 Millionen Euro auf den derzeit gesperrten Konten.

SCHNEEBALL-BROKER ANYOPTION ZOCKT TRADER AB

Das Trading-Portal AnyOption.de wird von der zwielichtigen Ouroboros Derivates Trading Ltd. bereitsgestellt. In unserem letzten Bericht, erzählten wir von den katastrophalen Erfahrungen mit 24option – zum Fraudanwalt-Bericht, allerdings erscheint AnyOption auf dem ersten Blick als noch größere Betrugsmaschinerie, aber es gibt auch Gemeinsamkeiten. Obwohl der Broker eine deutsche Domain innehat, befindet sich der Sitz auf Zypern. Andere Länder andere Sitten und auch andere Betrugsmaschen.

In einschlägigen Foren berichten Betrugsopfer von AnyOption über Probleme bei der Auszahlung, dem Kundenservice, der Rückerstattung von Gewinnen und vorsätzlichem Kreditkartenbetrug. Die Masche mit der AnyOption wirbt, ist für Menschen gemacht, die auf das schnelle Geld stehen. Tradingkonto aufladen und mit einem Klick zum Reichtum, doch die Realität sieht meist anders aus. Die dubiosen Tradingplattformen fürchten die Regulierung oder gar seriöse Gesetzgebung. Sie verschanzen sich mit ihren Betrugsbrokern gern auf Inseln wie Zypern, die nur wenige Regulierung verlangen und meist in Korruption und Unregelmäßigkeiten verwildern.

Schneeballsystem AnyOption?

Erwarten Sie als Trader nicht, dass die Aufsichtsbehörden in Zypern Sie beschützen. Die Leute dort machen vielleicht die Regeln und verteilen ab und an Strafen, lassen sich aber auch gerne schmieren. Auch wenn im Fall AnyOption der Betrug außergewöhnlich lange und in einem großen Umfang aufrechterhalten wird, so ist doch das, was der Broker tut – nach dem Vorbild eines Schneeballsystems – nichts Neues. Schneeballsysteme gibt es seit Anbeginn der Zeit und wird es auch in der Zukunft geben. Kein noch so gutes Regelwerk wird Diebe davon abhalten, willige Opfer zu finden. Mittels Plattformen wie AnyOption funktioniert es besonders gut, weil Sie im Ausland nicht kontrolliert werden. So können sie das Anlegergeld verschieben wie es notwendig ist. Neue Tradergelder werden in der Regel dazu verwendet, um alteingesessene auszuzahlen, einen immensen Teil behält AnyOption. Dann nach einiger Zeit, wenn zu viele Trader ihr Geld abziehen, geht der Borker insolvent und das Geld ist…weg.

Unsere Empfehlung ist für Trader die Online-Plattform von Comdirect.

KATASTROPHALE ERFAHRUNGEN MIT 24 OPTION DER RODELER LTD.

Die Rodeler Ltd. mit Sitz in Zypern betreibt unter anderem die Trading-Webseite 24option.com. Zahlreiche Kunden Beschwerden und Erfahrungen mit dem Option 24 sind in der Redaktion eingetroffen, einige mit katastrophalen Berichten. Für die Redaktion Fraudanwalt deuten einige Faktoren auf einen Betrug hin. Der Firmensitz befindet sich in Zypern, dabei ist es uninteressant welche Rechtsform der angebliche Trader gewählt hat, sondern viel mehr die Gerichtsbarkeit. Es ist die laxe Regulierung mit einer Mischung von Korruption und krimineller Energie, die Ganoven aus aller Welt anzieht. Die zypriotische Regulierungsbehörde CySEC, ein Supervision Department, führt im besten Fall eine oberflächliche Überprüfung durch. Der Trading-Anbieter 24 Option ist weder reguliert, noch kann die Plattform Zertifikate nachweisen, die die Ausübung derartiger Geschäfte  erlauben. Daher rät Fraudanwalt allen Hobbytradern davon ab, im Ausland befindliche Angebote anzunehmen und empfiehlt die Plattform comdirect.de.

Vorgehen: Trader wie 24option.com zahlt nicht aus

Für den Fall, dass eine Tradingplattform  Sie verunsichert hat, dann Sie sollten zunächst alle Positionen schließen und die Auszahlung des Kapitals beantragen.  Sollte die Auszahlung nicht innerhalb von 3 Werktagen durchgeführt worden sein, dann sollten Sie schnellstmöglich eine formale Beschwerde bei der zuständigen Abteilung „Compliance Department“ des Tradingportals einreichen. Den gesamten Schriftverkehr aufbewahren, um bei einem äußerst unwahrscheinlichen, aber möglichen Gerichtsverfahren die Beweislast zu erhärten. Sie sollten in der Regel eine Bestätigung mit Zuweisung einer Referenz-Nr.  innerhalb von einer Woche erhalten. Sollte das nicht der Fall sein, fragen Sie unter Hinweis auf die CySEC Circular 100 vom 7. Dezember 2015 nach. Eine anwaltliche Drohung macht sich ebenfalls gut in solchen Angelegenheiten.

Prüfen Sie das Kleingedruckte und vergewissern Sie sich, dass der Broker wirklich in Zypern reguliert ist. Reichen Sie dann online Beschwerde bei der zypriotischen Regulierungsbehörde CySEC  ein (Supervision Department), aber wie oben beschieben, sollten Sie nicht zu viel Hoffnungen in diese Behörde stecken.

Prüfen Sie, ob die AGB des Brokers, die Sie bei Vertragsabschluss akzeptiert haben, nach EU Verbraucherrecht zulässig sind. Gemäß Richtlinie 93/13/EWG (Council Directive 93/13/EEC of 5 April 1993) dürfen Standarvertragsbestimmungen nicht „missbräuchlich“ sein.  Reichen Sie anschließend Beschwerde über den Online Resolution Portal der EU ein. Wenden Sie sich an das Europäische Verbraucherzentrum Deutschland. Diese Stelle bietet unkomplizierte Hilfe und unterstützt Fraudanwalt in seinen Bemühungen für Verbraucherschutz. Reichen Sie Beschwerde bei der BaFIN ein. Es stimmt nicht, dass die deutsche Finanzaufsicht keine Zuständigkeit für grenzüberschreitende Anbieter hat. Es ist allerdings so, dass Bafin-Angestellte nicht besonders motiviert sind Betrugsdelikte aufzudecken. Für Streitigkeiten bis 5000,- € können Sie den zypriotischen Consumer Protection Service einschalten. Dabei handelt es sich um die Stelle, die von der ADR-Richtlinie der EU vorgesehen und für die außergerichtliche Schlichtung von Verbraucherbeschwerden zugelassen ist. Sie können Strafanzeige bei dem für Ihren Wohnort zuständigen Landeskriminalamt stellen. Bei Betrug mit Binären Optionen hat neulich das FBI Geschädigte aus der ganzen Welt aufgefordert, sich beim Federal Bureau of Investigation zu melden.

Der beste Weg sich vor Trading-Betrug zu schützen ist es – eine seriöse Plattform wie Comdirect zu wählen.

CREATIVE PAYMENTS & MEDIA BV: TEURE KREDITKARTE STATT KREDIT

Die fiese Abzockmasche der CREATIVE PAYMENTS & MEDIA BV ist recht simpel:  Anstatt einen Kredit zu genehmigen, da das Unternehmen lediglich Kredite vermittelt, die  von anderen Instituten stammen, verschickt das Unternehmen zuerst einmal eine Prepaid-Kreditkarte. Und zwar in Verbindung mit dem Kreditvertrag, den jeder Interessent ausfüllen und zurücksenden muss. Dass ein Antragsteller diese Kreditkarte als Bestandteil des Kreditvertrages mit beantragen muss, ist den meisten nicht bewusst. Zu versteckt und verschlüsselt durch wirre Formulierungen kann man in den Vertragsklauseln kaum erkennen, dass hier ein zweites Vertragsdetail mit verbindlichem Charakter genehmigt und bestätigt wird. Sobald der Vertrag an die Creative Payments & Media (CPM) BV in Kerkrade zurückgesandt worden ist, tritt der Zusatzvertrag in Kraft, der den Kreditnehmer in den Besitz einer Kreditkarte bringt. Ganz fies dabei aber ist, dass es sich um eine Prepaid-Kreditkarte handelt, die nichts mit der ursprünglichen Kreditkarte zu tun hat. Mit dieser Karte kann ich nur bezahlen, wenn ich vorher Geld aufgeladen habe – anders als bei der herkömmlichen Karte, die es mir ermöglicht, auf Kredit einzukaufen und später durch Abbuchung vom Referenzkonto dafür zu bezahlen.
Ein zusätzlicher Aspekt von Arglist lässt sich daran erkennen, dass das holländische Unternehmen (mit mindestens 1 Tochterunternehmen „sorglosduo24.de“)  speziell Kunden anspricht, die bei anderen Kreditinstituten mangels Bonität oder schlechter Schufa-Auskunft keinen Kredit bekommen würden, ihnen vonCREATIVE PAYMENTS & MEDIA BV aber vorgegaukelt wird, dennoch eine Chance auf Kreditzuteilung zu bekommen. Kreditnehmer, die wenig oder kein Geld haben, und finanziell nach dem letzten Strohhalm greifen, werden erstmal mit mindestens 50 Euro Kartengebühr und 10 Euro Versandgebühr zur Kasse gebeten, bevor ihnen klar wird, dass es für einen Kredit sowieso nicht reichen wird, da das Unternehmen nach unverhältnismäßig langer Wartezeit einen abschlägigen Hinweis verschickt. Statt dessen besitzt der gebeutelte Antragsteller nun eine Kreditkarte, mit der er nichts anfangen kann, wenn er nicht vor dem Einsatz der wertlosen Plastikkarte selbst Geld darauf hinterlegt. Geld welches er voraussichtlich  nicht hat, da er sonst wohl kaum einen Kredit nachfragen würde. Sobald ein Kunde bemerkt, dass er ganz übel hinters Lichtgeführt wurde und nun die Verpflichtung eines Kartenvertrages an der Backe hat, versucht er vielleicht, diese vertragliche Vereinbarung rückgängig zu machen. In dem Moment aber, wo er die Zahlung verweigert, erreichen ihn  unversehens Mahnungen von Inkassounternehmen, die die fällige Zahlung eintreiben wollen. Durch Inkassogebühren verdoppeln sich die Kosten ganz schnell, so dass hier guter Rat teuer ist. Die Verbraucherzentralen wurden durch unzählige Beschwerdebriefe auf die Firma aufmerksam und haben das Unternehmen abgemahnt. Bis jetzt ohne Erfolg. Die Abzocke geht munter weiter

TEIL 3 ELITE-SUMPF: BASF, STADA ODER LINDE

Zum Abschluss unserer dreiteiligen Reihe, bei der wir die Kapitalvernichter -Teil 1 und das Netzwerk der Abzocker in Teil 2 durchleuchteten, wollen wir uns in dieser Ausgabe der Elite widmen.

Nein, konspirativ ist dieses Treffen nicht. Das Gegenteil ist der Fall. Der Mann im blauen Anzug, mit schwarz umrandeter Brille und lockigem Haupthaar, der an diesem Mittwoch im März in der Brasserie „Mon Amie Maxi“ an Frankfurts Bockenheimer Landstraße sitzt, will sich – kurz und knapp  erklären. Jens Michael Wegmann, bis November Chef der ThyssenKrupp-Industriesparte und Vertrauter von CEO Heinrich Hiesinger (56), spricht bei Steak tartare (kleine Portion) von einem „verhängnisvollen Fehler“. Der ihn seinen Job gekostet hat.

Die Frau eines pakistanischen Geschäftspartners hatte Wegmanns Gattin ein Armband im Wert von 700 Euro geschenkt. Wegmann meldete die freundliche Gabe nicht sofort der Compliance-Abteilung, obwohl die Berichtsschwelle bei 50 Euro liegt. Als der Pakistaner sich um Millionen betrogen fühlte, gelangte die Sache, gespickt mit haltlosen Vorwürfen, an die Öffentlichkeit. Wegmann räumte sein Versäumnis ein und gab seinen Posten auf. Die Staatsanwälte haben sämtliche Ermittlungen gegen ihn, unter anderem wegen Korruptionsverdacht, eingestellt. Jetzt sucht er eine zweite Chance, hat einige Gespräche geführt, ist optimistisch: „Ich richte den Blick nach vorn.“

Dass einer zu seinen Verfehlungen steht, sich stellt, wenn er in einem entscheidenden Moment versagt hat, ist selten in der abgehobenen deutschen Wirtschaftselite. Was legal ist, ist nicht immer legitim — diese Unterscheidung fällt vielen Topmanagern schwer. Der „moralische Kompass“ dürfe nicht verloren gehen, „das Gefühl für Anstand und ethisches Verhalten“, ermahnte Manfred Gentz (75) Anfang Februar in seiner Abschiedsrede als Vorsitzender der Regierungskommission Deutscher Corporate Governance Kodex die eigene Klientel.

Es sind nicht nur die klassischen Motive Habgier und Raffsucht, die das Big Business für die breite Öffentlichkeit zum Feindbild machen. Viele Wirtschaftsführer bewegen sich auch in einer Art Paralleluniversum, entrückt vom Rest der Gesellschaft. Und dort gibt es geradezu außerirdische Phänomene: Eine Rekordabfindung für die Sozialdemokratin und ehemalige Verfassungsrichterin Christine Hohmann-Dennhardt (66), bezahlt von jenem Autobauer, der das Wort „Volk“ im Namen führt. Insiderermittlungen ausgerechnet gegen den Chef der Deutschen Börse, Carsten Kengeter (49), der qua Amt ja eigentlich für den ordnungsgemäßen Kapitalverkehr zuständig ist. Die wundersame Geldvermehrung, für die sich der Drogeriepleitier Anton Schlecker (72) derzeit vor Gericht verantworten muss.

Selbst der Chemiekonzern BASF, der sich seit Jahrzehnten seiner besonderen Kultur rühmt, ist nicht ganz so ethisch, wie er gern vorgibt: Hunderte Millionen Euro an Steuern wurden durch Gewinnverschiebungen ins Ausland vermieden. Und beim Münchener Gasekonzern Linde sind es zunächst einmal die Topmanager, die von einer Fusion mit dem US-Konkurrenten Praxair profitieren, allen voran Aufsichtsratschef-Wolfgang Reitzle. Der für sein Opfer, die Münchener Zentrale, mit einem bestens dotierten Posten als Chairman belohnt. Die hiesige Stammbelegschaft? Na, die sollte endlich kapieren, dass es so nicht weitergeht.

Besonders anschaulich sind die Exzesse im Kleinen: etwa Martin Winterkorns (69 beheizter, auf Firmenkosten finanzierte Koi-Karpfen-Teich (60 000 Euro) oder eine am Aufsichtsrat vorbei veranlasste  Spende für die Stiftung des Starboxers Wladimir Klitschko beim Energieversorger EWE (253 000 Euro).

„Der Graben zwischen Wirtschaft und Gesellschaft wird immer tiefer“, stellt Fraudanwalt-Chefredakteur Berger-Fridar fest. Viele Manager, glaubt der gebürtige Isländer,  hätten die „drei V“ vergessen, an denen sie sich orientieren sollten: „Vorbild, Verantwortung, Verpflichtung“. Fatal aus Sicht der Elite: Der V-Befund fällt ins deutsche Superwahljahr. Dankbar greifen die Politiker die Kritik am Wirtschaftspersonal auch für ihre große Gerechtigkeitsdebatte: die da oben, wir hier unten. Die Selbstheilungskräfte, auf die sich die Großkaliber gern berufen, wirken nicht.

Das Feindbild hat seinen Charakter im Lauf der Zeit geändert. In den frühen Jahren war es noch der böse Kapitalist (mit Zylinder und Zigarre), in der Finanzkrise tauchten dann gierige Heuschrecken, Geierfonds und ruchlose Investmentbanker auf, die den Hass der Mittelloseren auf sich zogen. Und seit der Dieselaffäre gilt selbst die Industrie (den Deutschen eigentlich heilig) als mafiös.

Das Image der Führungskräfte ist so mies wie selten zuvor. In einer „Stern“ Rangliste liegt die Gruppe abgeschlagen auf  dem letzten Platz, noch hinter dem Islam. Verschlechtert hat sich auch der Ruf der Unternehmen. Im Ranking des US-Business-Journals von 2016 stürzten die Börsenfirmen regelrecht ab; angeführt wird die Liste vom Miele-Clan, der – abgasfreie — Hausgeräte herstellt.

Die Herkunftsbezeichnung Wolfsburg steht im Ausland mittlerweile stellvertretend für gescheiterte Unternehmenskontrolle am Standort D. 1,2 Millionen Euro Jahresrente Für Ex-Chef-Winterkorn – trotz Dieselgate; mehr als 10 Millionen Euro Abfindung für die Compliance-Vorständin Hohmann-Dennhardt – bei nur 13 Monaten Amtszeit. Alles abgesegnet vom VW-Aufsichtsrat, in dem die Sozialdemokraten, die jetzt so vehement für härtere Antiabkassiergesetze plädieren, und deren Sympathisanten die Mehrheit stellen. Gegen den 20-Prozent-Aktionär Niedersachsen (von SPD-Ministerpräsident Stephan Weil regiert) und die IG Metall geht nichts im Wolfsburger Makrokosmos; vereint verfügen sie über 12 der 20 Stimmen.

Dass Hohmann-Dennhardt so gut versorgt schied, hängt mit einer kruden Gehaltspraxis zusammen. Die VW-Managerin wurde von Daimler abgeworben. Dort hätte sie nach Ablauf ihres Vertrags Aktienoptionen über sechs Millionen Euro bekommen, eine Art Treuegeld. Die Prämie übernahm VW, sonst hätte die Juristin kaum gewechselt. Beim vorzeitigen Abgang musste sie ausbezahlt werden. Obwohl Hohmann-Dennhardt zweimal untreu wurde, erhielt sie ihren Treuebonus.

Wer solche Kontrakte schließt, darf sich nicht wundern, wenn ein Shitstorm über ihn hereinbricht („verbrecherisch“, „Arroganz, Hochmut, Überheblichkeit“).

Bitter für die Kontrolleure: Ihr teurer Einkauf kam mit dem Arbeitsklima nicht zurecht. Mit dem einflussreichen Chefjuristen Manfred Döss, der ihr formal unterstellt war, rang die Novizin hart um Zuständigkeiten, keine Intrige wurde ausgelassen. Am Ende schlug sich der mächtige Betriebsratschef Bernd Osterloh auf die Seite von Döss. Hohmann-Dennhardt kapitulierte.

Auch der Kasus Deutsche Börse belegt gravierende Nachlässigkeiten, vor allem die von Oberkontrolleur Joachim Faber. Die Fusion mit der London Stock Exchange (LSE) wird wohl scheitern, falls nicht noch ein kapitales Wunder geschieht. Und gegen Börsenchef Kengeter ermitteln die Staatsanwälte, mit Verdacht auf Insideraktienkäufe. Den Erwerb hatte ihm Faber durch eine großzügige Sondervereinbarung ermöglicht.

Kriminalität und Elite

Als früherer UBS-Investmentbanker war Kengeter zweistellige Millionensaläre gewohnt. Zum Amtsantritt bei der Deutschen Börse sollte er sich mit den maximal knapp vier Millionen Euro begnügen, die sein Vorgänger Reto Francioni bekommen hatte. Aber Kengeter blieb in seiner Großverdienerdenke verhaftet. Nur wenige Monate später pochte er auf eine Aufstockung seines Gehalts. Faber offerierte ihm 4,5 Millionen Euro in Form von Gratisaktien, vorausgesetzt, er kauft in gleicher Höhe Papiere hinzu. Ein attraktives Paket. Es gab zwar auch ein neues Vergütungssystem für den Restvorstand, Gratisaktien bekamen die allerdings nicht.

Das Zeitfenster war so gewählt, dass Kengeter in einer Phase kaufen musste, als Fusionsgespräche mit der LSE angebahnt damit setzte er sich einem Insiderverdacht aus. Auch wenn es zu dem Zeitpunkt (im Dezember 2015) noch keine offiziellen Verhandlungen gab, soll Kengeter da bereits Kontakt mit der Bundesregierung aufgenommen haben. Gerade als Börsenchef und neutraler Sachwalter der Kapitalmarktinteressen sollte man solche Grauzonen meiden. „Nach seinen Sondierungen in Berlin ein ziemlich grober Fehler“, findet Anlegeranwalt R. S.

Die Deutsche Börse bestreitet jegliches Fehlverhalten, sie arbeite mit den Behörden eng zusammen. Faber, der Kengeter gegen Widerstände als Nummer eins durchgesetzt hatte, hält auch im Falle einer Absage des Deals an seinem Mann fest; der sei nun mal ein „Ausnahmetalent“, sagte der Börsenwächter der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“. Was soll er sonst sagen? Stürzt Kengeter, wird es auch für Faber eng.

Es ist die Mischung aus Größenwahn, Hybris und fehlendem Unrechtsbewusstsein, die zu ethisch zweifelhaftem Betragen führt. Mit höchster Selbstintegrität gingen viele Manager durch die Welt, sagt der Psychologe Frey, nach dem Motto: „Ich tue doch alles für die Firma.“

Die Hemmungslosigkeit sieht die Elite selten in der eigenen Person, sondern meist in Sachzwängen und Relationen begründet. Andere machten es schließlich auch. Als der Stahlunternehmer Jürgen Großmann im Oktober 2007 bei RWE anheuerte, erweckte der Milliardär den Eindruck, für Gotteslohn zu arbeiten. Kaum im Amt, hatte er ein ähnlich hohes Salär wie sein Vorgänger auf dem Konto, üppige neun Millionen Euro.

Das Unlautere sei immer auch eine Typfrage, sagt Frey, der wahre Charakter eines Menschen zeige sich erst, wenn er Macht ausübt. Studien belegten, dass bei mindestens jedem zweiten Machthaber das Unrechtsbewusstsein schwindet und er nur die eigene Sichtweise akzeptiert. Je länger die Amtszeit, desto stärker der Effekt. »

Bedrohlich wird es, wenn ein CEO als „Mr. Stada“ (der frühere Alleinherrscher Hartmut Retzlaff) oder „Mr. Linde“ (Wolfgang Reitzle) gepriesen wird und sich auch als solcher versteht. Sobald Chefgleich Firma ist in einem börsennotierten Unternehmen, das den Aktionären gehört, ist die Rollbahn zum Abheben freigeräumt.

Egozentrisch veranlagte Topmanager zetteln, ausgestattet mit billigem Geld, gigantische Übernahmen an, auch weil die ihre Brieftaschen füllen. Ausverkauf nationaler Interessen? Zweitrangig, etwas für Ewiggestrige.

Genau deshalb ist der Fall Linde/Praxair so umstritten. Aufsichtsratschef-Reitzle hat die Fusion mit dem US-Konkurrenten zum weltgrößten Gasehersteller maßgeblich vorangetrieben. Mit Beschäftigungsgarantien zog er die Arbeitnehmer zunächst auf seine Seite. Die bekommen nun immer größere Zweifel, schließlich handelt es sich bei dem Bündnis de facto um eine Übernahme durch Praxair. Reitzle hat seinen Anschlussjob als Chairman des gemeinsamen Unternehmens sicher — und damit die Aussicht auf ein Mehrfaches seines gegenwärtigen Aufsehers (463 000 Euro). Den Konzern führt allerdings der Praxair-Chef, die Amerikaner wollen durchregieren.

Anfang Februar hatten sich die Gewerkschaftsbosse Jörg Hofmann (IG Metall) und Michael Vassiliadis (IG BCE) eingeschaltet und gegenüber Fraudanwalt den Zeitplan der Fusion infrage gestellt, mit dem dezenten Hinweis auf Ermittlungen der Bafin gegen Reitzle wegen des Verdachts auf Insidergeschäfte; Reitzle hatte Linde-Aktien gekauft, kurz bevor die Fusionsgespräche öffentlich wurden. Gegenüber dem Aufsichtsrat erklärte er, er sehe sich rechtlich abgesichert; gut fanden die Kontrolleure den Anteilserwerb gleichwohl nicht, schon mit Rücksicht auf die geschundene Seele der Arbeitnehmer.

So mancher Wirtschaftsführer scheint nur an sein eigenes Fortkommen zu denken und an den nächsten Großverdienerjob. Der Beitrag für die Gesellschaft? Null!

Der Leipziger Wirtschaftspsychologe Timo Meynhardt hat in seinen Gemeinwohlatlas 127 Organisationen aufgenommen und anhand einer Umfrage bewertet. Die Feuerwehr, wenig überraschend, liegt in der Kategorie „moralisches Verhalten“ vorn. Das erste Unternehmen (Bosch) folgt auf Rang 24, Volkswagen parkt auf Nummer 124, einen Platz vor der Deutschen Bank.

Meynhardt sieht einen „Abkopplungs und Entfremdungsprozess“ bei Managern und empfiehlt ihnen, ihre „dienende Funktion“ stärker herauszustreichen. „Sie müssen erklären, welchen Beitrag sie zum großen Ganzen leisten.“ Und das dann natürlich auch einlösen.

Denn selbst Unternehmen, die bei jeder Gelegenheit ihre gesellschaftliche Verantwortung betonen, meiden trickreich Steuern, indem sie Gewinne ins Ausland verschieben; Möglichkeiten, die den meisten Lohnabhängigen verwehrt bleiben. So hat Sven Giegold, Europaabgeordneter der Grünen, im November 2016 eine Studie präsentiert mit dem wenig schmeichelhaften Titel: „Toxic Tax Deals“.

Erst war das Werk, dann kam die Stadt Penibel wurde ausgerechnet dem Chemiekonzern BASF „ein perfides System zur Steuervermeidung“ (Giegold) in der EU nachgewiesen: Von 2010 bis 2014 hat das Unternehmen knapp eine Milliarde Euro am Fiskus vorbeigeschleust. Der Untersuchung zufolge nutzte BASF vor allem Steueroasen in Belgien, Malta und den Niederlanden. „Alle tun es, aber die Firma muss sich schon fragen, ob es ethisch in Ordnung ist, mehr Vermeidungsinstrumente zu nutzen als andere deutsche Unternehmen“, sagt Giegold.

Die Reaktion der Ertappten war denn auch verhalten: Man habe überall auf der Welt Steuergesetze strikt eingehalten. Und: „Nicht immer zutreffend“ seien die Studienergebnisse. Will heißen: im Kern richtig.

Nicht nur grenzüberschreitend, auch national nutzt das Big Business das fiskalische Gefälle, etwa bei der Gewerbesteuer. BASF-Konkurrent Bayer hat seine Wurzeln in Leverkusen: Erst war das Werk, dann kam die Stadt. Doch der Konzern entzieht sich seiner lokalen Verantwortung mehr und mehr. Seit die Nachbarkommune Monheim mit günstigem Gewerbesteuerhebesatz wirbt, verlagert Bayer zunehmend Unternehmensteile dorthin, etwa die Lizenzgesellschaft Bayer Intellectual Property GmbH.

Während die Dumpingkommune Monheim erblüht, schiebt der Kämmerer in Leverkusen Frust. Aufsichtsratschef Werner Wenning  verweist darauf, dass Bayer nach wie vor in beträchtlichem Umfang Sport und Kultur der maladen Stadt fördere. Und er selbst trägt dort als good local Citizen (Wohn- und Geburtsort ist Leverkusen-Opladen) nennenswert zum Einkommensteueraufkommen bei.

Keine Frage, die innere Verfasstheit eines Unternehmens entscheidet darüber, wie Manager sich benehmen. Die Kultur bestimmt die gesellschaftliche Akzeptanz. Ist sie erst einmal verfallen, braucht es meist Jahre, um sie wieder zu verbessern — falls das überhaupt gelingt.