FINUM PRIVATE FINANCE MEHRFACH RECHTSKRÄFTIG VERURTEILT

Die FINUM Private Finance AG mit Sitz in Berlin wird von Ralph Conrad geleitet und ist die Tochtergesellschaft der JDC Group. Die Berliner Vermögensberater für wohlhabendes Klientel konnten erst im vergangenen Jahr ihr Geschäft kräftig ausbauen. „Die Vermögensverwaltungstochter des Finanzdienstleisters JDC Group verwaltet mehr Kundengeld als im Vorjahr. Zudem haben sich weitere Private Banker und Wealth Manager der Gesellschaft angeschlossen“, heißtes in einer Mitteilung im Finanzportal Fondsprofessionell. Neues Personal, allen voran neue Vertriebler oder Finanzberater hat das Unternehmen dringend nötig. Im Umfeld von Finum Private Finance ist zwar immer wieder die Rede von sicheren Kapitalanlagen oder auch nachhaltigen Geldanlagen, in der Realität stehen allerdings mehrere rechtskräftige Urteile wegen Falschberatung und dem Verkauf von wertlosen Vermögensanlagen zu buche.

Finum Private Finance zu Schadenersatz verurteilt

Schroeder Logistik Investmentfond sind der Inbegriff für Kapitalvernichtung in der Containerbranche. Für Anleger war das Investment bei Schroeder Logistik gekennzeichnet von Übervorteilung, Druck und hohen Verlusten. Der Schroeder Logistik Investment Fonds 2 stellte Anleger damals vor die Wahl – entweder sofort verkaufen mit hohen Verlusten – oder warten und später mit noch höheren Verlusten verkaufen. Die Fondsgeschäftsleitung übte kontinuierlich Druck aus, am Ende haben Anleger bis zu 75% ihres Kapitals verloren.

Doch das ist nur eine Seite der Medaille, denn es muss auch jemanden geben, der die wertlosen Kapitalanlagen verkauft und das war in diesem Fall die Finum Private Finance AG aus Berlin. Ein rüstiger Anleger, etwa um die 60 Jahre alt, erhielt im Jahr 2007 einen Besuch eines der Berater von Finum Private Finance, um sich über Investitionen beraten zu lassen. Zu seiner wirtschaftlichen Situation wollte er dem fremden Berater nichts erzählen, lediglich, dass er 10.000 Euro sicher investieren wollte. Für den Finum-AG-Berater kein Problem. Er bot ihm die verhängnisvolle Geldanlage von Schroeders an, die sollte ein maximales Verlustrisiko von 15 Prozent haben. Letztlich verlor der Mann 65 Prozent seines Kapitals und klagte gegen Finum Private Finance AG. Mit Erfolg, denn das Landgericht München I hat mit dem Urteil vom 14.12.2015 die Falschberatung durch Finum bestätigt und die Finum Private Finance AG zur Schadenersatzzahlung rechtskräftig verurteilt. Das Gericht begründete seine Entscheidung: „Die Finum AG, vertreten durch ihren Berater, habe ihre Pflichten aus dem Anlageberatungsvertrag verletzt. Die Beratung erfolgte nicht anlegergerecht, da die vermittelte Anlage nicht zu den vom Kläger vorgegebenen Zielen passte“.

Jeder Finanzvertrieb begeht einmal einen Beraterfehler, aber bei Finum Private Finance passiert dies häufiger. Life Trust Two GmbH & Co. KG und andere Life Trust haben Anlegern hohe Verluste beschert: „Ausweislich der veröffentlichten Geschäftsberichte haben diese Fondsgesellschaften im Jahr 2010 wesentliche Teile ihrer als Finanzanlagen ausgewiesenen Versicherungspolicen abschreiben müssen. Hatten die genannten Fonds in den Geschäftsberichten zum 31.12.2009 noch € 119.000.000,00 Finanzanlagen ausgewiesen, so waren es zum 31.12.2010 nur noch € 19.000.000,00. Diese Wertberichtigung von € 100 Millionen ging vollständig zu Lasten des Kommanditkapitals der Anleger“, schreibt ein Anlegerschutzanwalt.

Die Finum Private Finance AG hat Anleger nicht nur in einer Risikoklasse zu „ihren Gunsten“ eingestuft, nein sie hat ihre Anleger auch belogen. Ein weiterer Rechtsanwalt schreibt: “Nach Auffassung des Gerichts hat die Finum Private Finance AG gegen Pflichten aus einem zwischen ihr und der Klägerin zustande gekommenen Beratungsvertrag verstoßen. Konkret hatte es die Finum nach den Feststellungen des Landgerichts unterlassen, auf einen Widerspruch zwischen den von ihr verwendeten Unterlagen und den tatsächlichen Eigenschaften des Produkts hinzuweisen. Während in diversen von der FiNUM verwendeten Unterlagen die Rede von einer „Mindest-Garantierendite“ ist, existiert eine solche im Fonds tatsächlich nicht“. Das heißt die Vermögensberater haben sich die „Mindest-Garantierendite“ einfach ausgedacht, um ahnungslose Anleger in die teuren Fonds zu locken.

Nach noch unbestätigten Insiderinformationen hat die Finum Private Finance AG für die vertriebenen Finanzprodukte satte Provisionen von bis zu 20 Prozent des Anlagekapitals erhalten. Sollte dieser Hinweis stimmen, dann kann man verstehen, weshalb Finum AG-Berater die Schrottprodukte verkauften.

Verkaufte Finum Private Finance spekulative Produkte als Altersvorsorge?

Dieser Vermutung sind wir nachgegangen und sind auf das DCM GmbH & Co. Vorsorgeportfolio 1 KG gestoßen, das ebenfalls von Finum Private-Beratern angepriesen wurde. Es kam wie es kommen musste und Anleger verloren auch bei dieser Investition ihr Kapital. „Das Landgericht Heilbronn hat in einem Urteil vom 21.12.2016 entschieden, dass es sich bei diesem Dachfonds aufgrund seines Blind-Pool-Charakters in Verbindung mit den beabsichtigten Investitionen, die unter Umständen gar nicht in Sachwerte fließen, um eine hochspekulative Geldanlage handelt“, kommentiert ein Anlegerschutzanwalt. Die Finum Private Finance AG verkaufte die Produkte als Altersvorsorge.

„Über 100 Berater sollen sich mittlerweile der Finum Private Finance AG aus Berlin angeschlossen haben, heißt es aus Unternehmenskreisen“. Und weiter: „Mit freier Produktauswahl, moderner Beratungstechnologie und zukunftsweisenden Tools für das Kundenreporting bietet die Finum Private Finance ein stabiles und langfristiges zu Hause für private Banker und Wealth Manager, die ihre Kunden ohne Vorgaben nachhaltig beraten wollen“.

Freie Produktauswahl und ohne Vorgaben beraten? Klingt toll, aber angesichts der vermittelten Schrottprodukte bleibt ein seltsamer Nachgeschmack bei diesem Statement haften.

Dubiose Unternhmen finden Sie auf unserer Warnliste.

Haben Sie Erfahrungen mit Finum Private Finance AG aus Berlin gemacht? Schreiben Sie es uns.

GESCHLOSSENE FONDS ERBEN? BESSER NICHT!

Auf die Trauer folgte der Schock. Als der Vater gestorben war, ein Unternehmer aus Hamburg, hinterließ er seinen drei Kindern eine kleine Villa in der Nähe der Elbchaussee und ein Mietshaus. Wert: gut 2 Mio. Euro. Dazu 500 000 Euro in bar. Den Großteil seines Vermögens hatte der Mann aber in geschlossene Fonds gefragt. Dass viele der Fonds bereits marode waren, vor allem die Schiffsbeteiligungen, erwähnten die Gesellschaften gegenüber dem Amt nicht. Dabei sollte es nicht mehr lange dauern, bis eine nach der anderen in die Insolvenz rutschen würde.

Für die Erben bedeutete das: Sie hatten Erbschaftsteuer auf Werte gezahlt, die gar nicht mehr existierten. Und nun forderten die Gesellschaften auch noch die Kommanditisten auf, bereits ausgezahlte Beträge aus den vergangenen Jahren zurückzuzahlen. Da die Kinder nicht nur die Rechte, sondern auch die Verbindlichkeiten geerbt hatten, mussten sie zahlen. Die Forderungen aus den Fonds fraßen das Erbe auf. Und selbst das reichte nicht. Am Ende hatten die Erben Glück im Unglück. Eine Nachlassinsolvenz verhinderte, dass auf ihr Eigenvermögen durchgegriffen wurde. Ein solches Verfahren ist aber keine Selbstverständlichkeit, es unterliegt strengen Anforderungen. Aber das Erbe war weg.

Nur eine Frage der Zeit

Geschlossene Fonds können eine tickende Zeitbombe sein. In vielen Portfolios schlummern sie. Die Bundesbank hat 3 500 geschlossene inländische Investmentfonds mit einem Vermögen von rund 83 Mrd. Euro statistisch erfasst. Stiftung Warentest spricht sogar von 200 Mrd. Euro, die deutsche Anleger in geschlossenen Fonds investiert haben. Jahrelang galten die Fonds als sicher und renditestark, waren steuerlich begünstigt. Sie durften in keiner Altersvorsorge fehlen, suggerierten Banken und Vermittler. Ein Investment in Bürotürme, Containerschiffe, Spielfilme oder Windräder – was soll da schon schiefgehen?

Eine ganze Menge. Vor zwei Jahren errechnete Stiftung Warentest, dass knapp 70 Prozent der geschlossenen Fonds den Anlegern Verluste gebracht hätten. Lediglich 25 Prozent hätten am Ende ihrer Lautieit zwar einen Gewinn erwirtschaftet, aber einen erheblich kleineren, als den zuvor in Prospekten und Hochrechnungen avisierten.

Nur sechs Prozent hätten die Rendite einfahren können, mit der geworben wurde. Besonders für Medien- und Schiffsfonds fiel die Bilanz mager aus: 81 Prozent der Schiffsund 96 Prozent der Medienfonds hätten „einen vollständigen oder zumindest teilweisen Verlust des eingesetzten Kapitals“ eingefahren.

Geschlossene Fonds: Vertrag prüfen

Doch selbst ein erfolgreicher Fonds kann im Erbfall Probleme bereiten. Ein Hamburger Rechtsanwalt von rät nach einer Erbschaft schnellstmöglich den Gesellschaftsvertrag zu prüfen. Insbesondere, wenn der Fonds an eine Erbengemeinschaft geht. Denn: In den meisten Verträgen sei geregelt, dass nur ein Erbe als Gesellschafter in die Gesellschaft nachrücken kann. „Wer das ist, müssen die Erben unter sich klären“, sagt der Experte für geschlossene Fonds.

Und das birgt oft Zündstoff. Der Grund, warum nur ein Erbe als Gesellschafter nachrücken kann, liegt schlicht am Verwaltungsaufwand. Um zu verhindern, dass durch Erbfolge zu viele neue Gesellschafter nachrücken, lassen die Fondsgesellschaften eine Aufteilung nur zu, wenn jeweils eine bestimmte Mindestbeteiligungshöhe erreicht wird. Können sich die Erben hingegen nicht einigen, wer als Gesellschafter nachrückt, frieren Fonds in der Regel die Auszahlungen ein.

Manche Gesellschaftsverträge weisen noch andere Besonderheiten auf. Nicht in Deutschland steuerpflichtige Erben können etwa davon ausgeschlossen sein, als Gesellschafter nachzurücken. Das gleiche kann für Privatpersonen gelten, die sich in der Insolvenz befinden. In diesen Fällen wird meist eine Abfindung angeboten, die allerdings oft unter dem tatsächlichen Verkehrswert liegt.

Doch was ist ein Fonds eigentlich wert? Oft glauben Erben, der gezeichnete Nominalwert sei dafür ausschlaggebend. Aber das stimmt nicht. Auch ein Blick auf die Kurstafeln hilft nicht, denn geschlossene Fonds werden ja nicht einfach frei gehandelt. Das Problem, sagt der Anwalt, hätten auch die Finanzbehörden bei der Berechnung der Erbschaftsteuer. Einerseits könne man sich an die Fondsgesellschaften wenden. Doch die würden den Wert eher zu hoch ansetzen. Andererseits könne man bei Handelsplattformen wie der Deutschen Zweitmarkt AG den Wert des Fonds berechnen lassen.

Der Zweitmarkt ist ohnehin der einzige Ausweg, um den Fonds vor Ende der Laufzeit zu Geld zu machen. Gerade für Erbengemeinschaften eine Möglichkeit, das Erbe doch noch sauber aufzuteilen. Vorausgesetzt natürlich, es findet sich ein Käufer. Gerade bei Schiffsfonds ist das derzeit aber schwierig.

Eile ist geboten

Wer geschlossene Fonds erbt, sollte sich umgehend mit der Prüfung der Anlagen beschäftigen, um später keine bösen Überraschungen zu erleben. Innerhalb von sechs Wochen kann ein Erbe ausgeschlagen werden. Den Stichtag markiert dabei der Tag, an dem man von dem Erbe erfahren hat. Bei unübersichtlichen Vermögensverhältnissen kann eine Nachlassverwaltung sinnvoll sein. Dabei wird das eigene Vermögen vom Nachlass getrennt – und die Haftung auf das Erbe beschränkt.

Um die Probleme für Erben gering zu halten, empfiehlt der Hamburger Abwalt, bereits bei Zeichnung eines geschlossenen Fonds auf die Details im Todesfall zu achten. Seit Langem gebe es Produkte, die besonders auf den Erbfall zugeschnitten seien. Anstelle einer großen Beteiligung sollte zudem in mehrere kleine investiert werden — und die Zuteilung der Fonds im Testament geregelt werden. So lasse sich viel Streit vermeiden.

WAS TAUGEN ROBO ADVISOR WIRKLICH?

Es stehen Links: Erik Podzuweit, 36 Jahre, groß und blond gelockt. Rechts: Florian  Prucker, 34 Jahre, klein und braun gescheitelt. In ihren T-Shirts könnte man sie sich auch gut als Beachvolleyball-Duo vorstellen. Podzuweit wäre der, der vorn am Netz die spektakulären Blöcke setzt. Und Prucker der, der hinten im Feld die unmöglichen Bälle ausgräbt.

Ein Tag Ende Juni, wahrscheinlich der erste ruhige Moment für Prucker und Podzuweit seit Langem. Zwei Tage zuvor haben sie eine Mitteilung rausgegeben, die in der Brar che einschlug wie, nun ja, ein Smash beim Beachvolleyball: Blackrock, der weltgrößte Vermögensverwalter, 5 400 Mrd. Dollar schwer, steigt bei Pruckers und Podzuweits Firma ein, dem erst 2015 gegründeten RoboAdvisor Scalable Capital.

Robo-Advisor werden neue digitale Vermögensverwalter genannt, bei denen kurz gesagt kein Mensch, sondern eine Maschine das Portfolio zusammensetzt. Verglichen mit der etablierten Finanzindustrie sind ihre Marktanteile noch winzig. So kommen die deutschen Robos bislang zusammen noch nicht mal auf ein verwaltetes Vermögen von 1 Mrd. Euro. Trotzdem spricht vieles dafür, dass Firmen wie Scalable die Zukunft gehört. Schließlich haben Fondsmanager und Vermögensverwalter oft genug bewiesen, dass sie meist schlechter abschneiden als der Markt. Warum sollte eine Maschine ihren Job also nicht mindestens ebenso gut erledigen? Und das  zu deutlich niedrigeren Gebühren. Mehr über schlechte Fondsmanager lesen?

Das Engagement des Giganten Blackrock bei den beiden Münchner Beach-Boys ist jedenfalls ein mächtiges Signal: Seht her, nicht nur ein paar Greenhorns setzen jetzt auf digitales Geldmanagement, sondern auch die traditionelle Finanzindustrie.

Auch die Deutsche Bank wird im August einen eigenen Robo-Advisor starten. Dasselbe hat jüngst bereits die Commerzbank-Tochter Comdirect getan (Cominvest), ebenso wie Ende Juni der Sparkassen-Fondsanbieter Deka (Bevestor). Höchste Zeit also, sich die Kaste der digitalen Vermögensverwalter einmal genau anzuschauen: Wer sind sie? Was können sie? Und welche Anbieter haben Substanz – welche hingegen reiten bloß die Welle?

Welcher Robo-Advisor taugt auch was?

Um dies herauszufinden, hat ein Wirtschaftsmagazin gemeinsam mit den renommierten Münchner Investment-Spezialisten Tetralog den gesamten deutschen Robo-Markt unter die Lupe genommen. Ziel war es, möglichst alle Anbieter zu erfassen, die für den FRAUDANWALT-Leser interessant sein könnten. Sämtliche Firmen, deren Produkte erstens die wesentlichen Kriterien einer digitalen Vermögensverwaltung erfüllen und die zweitens spätestens im Mai 2017 am Start waren, gingen in den Test ein.

Insgesamt erfüllten 13 Anbieter diese Bedingungen. Darunter reinrassige Start-ups wie Scalable, Vaamo oder Whitebox. Aber auch bankeneigene Player wie Cominvest oder Visualvest (Union Investment). Drei Kriterien waren für die Analyse besonders wichtig:

  • Eine transparente Beschreibung des Investmentprozesses
  • Eine Portfoliomischung, die zum Profil von zwei fiktiven Testpersonen passen sollte
  • Ein kundenorientierter Service

Insgesamt flossen mehr als 70 Elemente in die Bewertung ein. Das eigentlich wichtige Kriterium „Performance“ wurde dabei bewusst ausgelassen.

Die Methodik zum Test

Die Investment-Spezialisten von Tetralog haben für Fraudanwalt alle 13 RoboAdvisor untersucht, die Anfang Mai in Deutschland am Markt waren.

Im Mittelpunkt des Tests standen die transparente und verständliche Beschreibung des Investmentprozesses, die stimmige Profilierung (Passt das Angebot zum Kunden?) und das Serviceangebot. Dazu wurden je zwei Testanfragen bei den Robos platziert.

Beim ersten Testkunden handelte es sich um einen 44-jährigen, verheirateten, kinderlosen Angestellten mit einem liquiden Vermögen von 30 000 Euro und einem Anlagehorizont von 16 Jahren (Anlageziel: Altersvorsorge). Die zweite Testperson war ein 24-jähriger Angestellter und Single mit einem liquiden Vermögen von 8 000 Euro und einem Anlagehorizont von sechs Jahren (Ziel: Autokauf). Auf Basis dieser Informationen ließ sich Tetralog Anlagevorschläge unterbreiten und prüfte, inwiefern diese zum Profil der beiden Kunden passten. Danach wurde über eine spezielle Software die initiale Portfoliomischung simuliert (Rebalancing, taktische Portfolioveränderungen und Gebühren blieben außen vor). Schließlich wurde zu jedem Portfolio eine Prognose der maximalen, minimalen und durchschnittlichen Rendite über einen Zeitraum von sieben Jahren errechnet. Diese Werte wurden gegen die Benchmark der Testkunden gemessen – im ersten Fall gegen ein 50/50-Portfolio aus Aktien und Anleihen, im zweiten gegen ein 25/75-Portfolio.

Gewichtung

Das Profiling wurde in der Gesamtbewertung mit 25 Prozent gewichtet, der Investmentprozess und die Portfoliomischung mit 40 Prozent und der Service mit 35 Prozent. Beim Service achteten die Analysten besonders auf die Kontaktmöglichkeiten (Telefon, Mail, Chat) und die Kundenorientierung. strategien sämtlicher Robo-Advisor auf eine langfristige Anlage ausgelegt sind, viele Anbieter aber erst seit einigen Monaten oder maximal ein bis zwei Jahren am Markt sind. Die bisherige Performance hat deshalb noch keine wirkliche Aussagekraft.

Auch das Kriterium „Gebühren“ blieb weitgehend außen vor, weil der Aufwand der Anlagen bei den verschiedenen Robo-Advisorn stark auseinanderklafft. Im Ranking wurde daher lediglich die Frage berücksichtigt, ob die Kosten transparent sind. Da aber Kosten ein wichtiges Kriterium sind fragen Sie uns für einen Überblick über sämtliche Gebühren, die bei den jeweiligen Anbietern anfallen.

Was sind aber nun die Ergebnisse? Allgemein lässt sich festhalten, dass die meisten Robo-Advisor ordentlich arbeiten. Die Investmentprozesse sind meist plausibel, der Service oft sogar bemerkenswert gut, und in Sachen Transparenz können sich manch klassische Finanzdienstleister ein Beispiel an den Newcomern nehmen. Besonders geeignet Fintego (57,66), Solidvest (55,63) und Investify (54,09). Dagegen fiel Easyfolio mit 41,39 Punkten deutlich ab. Doch ist jeder Anbieter, der im Test einen der vorderen Plätze belegte, auch für jeden Anleger geeignet? Das Angebot von Scalable überzeugte die Tetralog-Experten in vielerlei Hinsicht. So wurden die Kenntnisse der beiden fiktiven Tes ter umfassend abgefragt und der Investmentprozess transparent dargestellt. Zudem ist der Service top, und  die „sehr gute App“ machte den Testern sogar geradezu „Spaß“. Das alles deckt sich mit Einschätzungen aus der Szene. So bezeichnen selbst die meisten Konkurrenten Scalable als „ausgesprochen professionell“, wie es Vaamo-Gründer Oliver Vins  ausdrückt. An eine Eigenheit wird sich mancher Kunde jedoch erst gewöhnen müssen – die Anlagestrategie. Denn die weicht von praktisch allen Wettbewerbern fundamental ab.

Um das zu verstehen, muss man Olaf Zeitnitz besuchen, den Chef von Visualvest, dem Drittplatzierten im Ranking. Zeitnitz ist keiner dieser selbstgewissen jungen Start-up-Gründer. Sondern ein zurückhaltender Mann mit Brille und Halbglatze. Dennoch steht Visualvest stellvertretend für die meisten deutschen Robo-Advisor. „Für uns geht es auch darum, mit Visualvest Erfahrungen zu sammeln, von denen andere Geschäftsbereiche profitieren“, sagt Zeitnitz. Wenn er „uns“ sagt, dann meint er nicht nur Visualvest, sondern auch die Mutter Union Investment, den Fondsdienstleister der deutschen Volks- und Raiffeisenbanken. Er hat den digitalen Vermögensverwalter im vergangenen Jahr aufgesetzt. Experimente ist man dabei kaum eingegangen. Stattdessen ist Visualvest im Grunde eine Kopie der übrigen Robo-Landschaft – allerdings eine exzellent gemachte. „Guter Profilierungsprozess“, loben die Tetralog-Tester. Oder: „Transparente Asset Allocation“. Oder: „Top-SerVice bei Telefon und E-Mail. Schnell, sehr freundlich, sehr kompetent.“ Allem Anschein nach hat der Volksbank-Roboter mit dem Lernen rasante Fortschritte gemacht. Er ist solide in nahezu allen Bereichen. Auch bei der Anlagestrategie. Wie die meisten Wettbewerber verfolgt Visualvest in seinem Kernprodukt einen passiven Investmentansatz. Das heißt: Der Robo arbeitet nicht gegen den Markt, sondern mit ihm. Steigt die Börse, dann gewinnt auch das Portfolio an Wert. Fällt sie, dann kann auch die Maschine kaum mehr tun, als die Verluste durch Diversifikation zu Wie die meisten Wettbewerber verfolgt Visualvest in seinem Kernprodukt einen passiven Investmentansatz. Das heißt: Der Robo arbeitet nicht gegen den Markt, sondern mit ihm. Steigt die Börse, dann gewinnt auch das Portfolio an Wert. Fällt sie, dann kann auch die Maschine kaum mehr tun, als die Verluste durch Diversifikation zu.

Die einzelnen Aktien-, Anleihe- und Rohstoff-ETFs werden je nach Risikoneigung des Kunden gewichtet. So liegt zum Beispiel die Aktienquote im „chancenorientierten“ Portfolio bei 75 Prozent, im „defensiven“ Portfolio hingegen nur bei  fünf Prozent. Auf Basis historischer Daten wird dieser Mix zwar hin und wieder leicht verändert. Zudem betreibt Visualvest wie praktisch jeder Robo das sogenannte Rebalancing, das heißt, das Portfolio wird bei Wertveränderungen einzelner Papiere regelmäßig auf seine ursprüngliche Gewichtung zurückgeführt. Davon abgesehen ist der Roboter aber — zugespitzt gesagt – fast arbeitslos.

Mehr oder weniger vertrauen fast alle Robos diesem Ansatz. Von Visualvest bis Vaamo. Von Cominvest bis Liqid. Es geht um preiswerte Produkte, breite Streuung und adäquates Risiko – aber nicht um revolutionäre Strategien. Ketzerisch ließe sich sagen, dass es für diesen Ansatz, abgesehen von homöopathischen Feinheiten wie dem Rebalancing, gar keinen Computer bräuchte. Ein ETF-basiertes 70-25-5-Portfolio aus Aktien, Anleihen und Rohstoffen kann sich jeder halbwegs informierte Anleger auch selbst zusammenstellen. Die Fra ge allerdings ist: Tut er das? Oder schichtet er bei erstbester Gelegenheit doch wieder um?

So gesehen liegt die eigentliche Stärke der meisten Roboter am Ende gar nicht in ihrer Rechenpower. Sondern darin, dass sie genau das tun, was der Mensch aufgrund seiner Emotionalität irgendwie nicht hinkriegen will: nämlich auf Basis rationaler Kriterien ein Portfolio zusammenstellen und dann die Zeit für sich arbeiten lassen. Der Anleger zahlt den Robo-Advisor also in erster Linie für dessen Disziplin, nicht für dessen Intelligenz.

Der uniforme Ansatz von Anbietern hat zur Folge, dass sich die Unterschiede eher in den Details zeigen. So rebalanciert Vaamo die Portfolios seiner Kunden nicht nur alle paar Monate, sondern wenn nötig auf Tagesbasis. Ein weiteres Differenzierungsmerkmal ist die ETF-Auswahl. Hier lässt sich für den normalen Kunden allerdings kaum einschätzen, was gut ist und was schlecht.

Sehr viel eindeutiger ist das beim Preis – wo zum Beispiel Cominvest mit einer jährlichen Verwaltungsgebühr von 1,5 Prozent besonders zuschlägt. Wichtig sind daneben Transparenz und Service. Unter „ärgerlich“ lässt sich noch verbuchen, wenn der Chat nicht richtig funktioniert, was gleich bei mehreren Anbietern im Test der Fall war. Unverständlich ist hingegen, dass zum Beispiel bei Easyfolio überhaupt nicht ersichtlich war, zu welchen Servicezeiten überhaupt ein Mitarbeiter zu erreichen ist.

Wenn man von solchen Ausreißern absieht, schnitten viele Anbieter selbst in den Details ähnlich ab. Ist also ein Robo wie der andere?

Harter Konkurrenzkampf

Fast — wäre da nicht der Sieger Scalable. Die beiden vermeintlichen Beach-Boys heben sich tatsächlich von der Konkurrenz ab. Sieben Jahre arbeiteten beide für Goldman Sachs, unter anderem an der Entwicklung einer elektronischen Handelsplattform. Aus dieser Zeit haben sie verinnerlicht, dass ein „Me-too-Ansatz in innovativen Geschäftsfeldern gefährlich ist“, sagt Erik Podzuweit. „Wenn man vorne dabei sein will, muss man anders denken als der Rest.“ Und das tun sie.

Der Ansatz von Scalable ist nicht passiv. Sondern ausgesprochen aktiv – wenn auch nicht im Sinne des Stock-Pickings klassischer Fondsmanager. Stattdessen funktioniert die Strategie von Prucker und Podzuweit so, dass ihre Roboter die Aktienquoten mitunter wild heraufund auch wieder herunterfahren. So können selbst Kunden mit mittlerer Risikoneigung plötzlich auf 90 Prozent Aktien in ihrem Portfolio kommen. Dabei stützt sich Scalable auf ein Risikomaß, das sich Value at Risk (VaR) nennt – und das wiederum eng mit der Volatilität zusammenhängt. In ruhigen Marktphasen wird das RiSiko aggressiv erhöht. Und in turbulenten Zeiten radikal reduziert. Die Folge: Bei Scalable sind die Roboter alles andere als arbeitslos.

Der Ansatz ist nicht unumstritten. Die Konkurrenz läuft sich schon warm, den Marktführer – Scalable verwaltet bereits mehr als 250 Mio. Euro – zu attackieren. Kritiker monieren, das permanente Umschichten passe nicht zu einem langfristigen Anlageziel. Doch um das zu beurteilen, ist es zu früh. Blackrock jedenfalls hat der Ansatz überzeugt: „Für uns ist das ein Ritterschlag sagt Podzuweit, „Blackrock hat das Netzwerk, wir die Technologie. Jetzt bringen wir beides zusammen.“

Letzte Station: Berlin, Kurfürstendamm. Hier, unter hohen Decken, mehr Bourgeoisie als Start-up, residiert Christian Schneider-Sickert, der Chef des Zweitplatzierten Liqid. Auch bei seinem Angebot waren die Tester voll des Lobes. Sie heben „den Abgleich zwischen Selbsteinschätzung und ermitteltem Profil“ hervor, die „sehr transparente Beschreibung des Ansatzes und des Risikomanagements“ und die „sehr guten Erwartungswerte, die die Benchmark deutlich schlagen“.

Bloß: Der typische Kleinanleger hat davon wenig. Denn während man bei anderen Anbietern per Sparplan schon mit 25 Euro im Monat einsteigen kann, beträgt die Mindestanlage bei Liqid stolze 100 000 Euro. Zielgruppe ist also der Gutverdiener Ende 40, der sein Häuschen schon abbezahlt hat — und nun irgendwo hinmuss mit seinem Geld.

Hinter Liqid steht neben den Gründern und Risikokapitalgebern das milliardenschwere Family-Office der Quandt-Familie, genannt HQ Trust. Die dortigen Portfoliomanager haben auch den Liqid-Roboter entwickelt – doch eigentlich sind die Pläne, die HQ Trust mit Liqid verfolgt, viel größere. So erzählt Schneider-Sickert, dass man inzwischen an digitalen Portfoliolösungen arbeite, die „Zugang zu alternativen Anlageklassen wie Private Equity bieten“. Der passiv investierende Roboter ist mithin nur noch ein Produkt unter mehreren. Und Schneider-Sickert sagt: „Im Grunde mögen wir den Begriff Robo-Advisor auch gar nicht. Wir sehen uns als breit aufgestellter digita1er Vermögensverwalter und moderne Alternative zur Privatbank.“

Vielleicht ist dies ja sogar der beste Beleg, dass Robo-Advisor an der Schwelle zum Massenmarkt stehen: Der erste Anbieter distanziert sich bereits von dem Begriff.

MORNINGSTAR-RATING: DEKAFONDS BELEGEN LETZTEN PLATZ

Der Deka-Turm in Frankfurt ist das Aushängeschild der deutschen Sparkassen. In Werbespots zur teuersten Sendezeit direkt vor der „Tagesschau“ zeigen sie das 47 Stockwerke hohe Gebäude gern inmitten der anderen Bankentürme. In einem Spot für die Deka-Deutschland-Fonds preist eine Frauenstimme aus dem Office die Sparkassentochter als Heimat von „3000 Experten, die Welt, Wirtschaft und Finanzmärkte genau kennen“, während Bilder von asiatischen Megacitys und Containerumschlagplätzen das nimmermüde Wirken der Fondsmanager zum Wohl der Anleger suggerieren sollen.

„Die Deka-Fonds suchen weltweit attraktive Anlagechancen und findet sie dort, wo der Erfolg zu Hause ist“, tönt die Frauenstimme weiter. Von wegen.

In Wirklichkeit geht es im Deka-Turm an der Taunusanlage besonders behäbig zu. Das zeigt eine Auswertung der 175 größten Aktienfonds, die die Ratingagentur Morningstar exklusiv erstellt hat. Danach ähneln die Fonds der Deka, die Sparkassenberater massenhaft an Privatanleger verkaufen, vergleichbaren Indizes zum Teil erheblich; so erinnern die Portfolios der Deutschland-Fonds stark an den Dax. Anstatt selbst nach überragenden Investments zu suchen, bleiben die Manager also auf sicherem Terrain — und kaufen einfach die Standardaktien im Leitindex – zum Fraudanwalt-Bericht.

Anleger dürfen sich verschaukelt fühlen. Schließlich zahlen sie happige Gebühren von rund 2 Prozent pro Jahr für Fonds, die mehr oder weniger dem Index nachempfunden sind und deshalb so gut wie keine Chancen auf eine nennenswerte Outperformance nach Abzug der Kosten bieten – zum Fraudanwalt-Bericht über Fondsmanager.

Anders formuliert: Die Deka kassiert viel Geld, ohne viel zu leisten. Besonders gefährlich wird die Faulheit der Fondsmanager, wenn die Kurse drehen. Denn dann rauschen indexnahe Aktienfonds meist mit in die Tiefe, weil niemand im Management rechtzeitig reagiert hat. Empfehlenswert wären dann ein höherer Cashanteil, um die Krise auszusitzen, oder das Umschichten in weniger konjunkturabhängige Aktien.

Fondsmanager lohnen sich nur, wenn sie ein Portfolio zusammenstellen, das dem Index überlegen ist. Sonst können Anleger auch gleich auf Exchange Traded Funds (ETF) ausweichen. Die Indexfonds kosten teils nur 0,1 oder 0,2 Prozent pro Jahr — und liefern allein wegen dieses Vorteils höhere Renditen als pseudoaktive Fonds, die lediglich die Indexperformance schaffen.

ETFs erfreuen sich deshalb seit Jahren wachsender Beliebtheit: Laut Morningstar kommen sie inzwischen auf einen Marktanteil von fast 23 Prozent — Tendenz stark steigend.

BaFin auf Schmusekurs Doch wer dachte, dass die Etablierten nun umso engagierter arbeiten, um sich stärker von ETFs zu unterscheiden, wird in vielen Fällen enttäuscht. „Rund 20 Prozent der Fonds sind aus unserer Sicht zu nah am Index“, konstatiert Morningstar-Chefredakteur Ali Masarwah. „Anleger haben hier kaum Chancen auf Überrenditen und sollten besser einen entsprechenden ETF kaufen.“

Die Deka ist also kein Einzelfall; auch andere Anbieter stellen einfach nur Portfolios von der Stange zusammen — darunter die Volksbanken-Fondsgesellschaft Union Investment mit ihrem Flaggschiff „Uni Deutschland“, der Versicherer Generali mit dem „Komfort Dynamik Europa“ oder die MLP-Tochter Feri mit dem Dachfonds „Best Global Concept“.

Das Problem betrifft europaweit Millionen Anleger. Allein in Großbritannien stecken bis zu 109 Milliarden Pfund in „Indexschmusern“, wie Ende Juni ein Bericht der Financial Conduct Authority (FCA) offenbarte. Die Aufseher empfahlen deshalb härtere Regeln — darunter eine verschärfte Pflicht für Fondsmanager, „im besten Interesse der Anleger zu handeln“.

„Wenn ein Fonds die Öffentlichkeit täuscht, müssen Regulierer aktiv werden“, sagte Alan Miller, Gründer der Investment-Boutique SCM Direct, nach Veröffentlichung des Reports. „In jeder anderen Industrie würde das als Betrug gewertet.“

Wie die FCA konnte sich aber auch die BaFin bislang nicht dazu durchringen, Sanktionen zu verhängen. Dabei hatte Oberaufseher Felix Hufeld die Branche bereits 2016 vor Tricksereien gewarnt: „Wer von sich behauptet, aktiv zu managen, muss dies auch tun.“

Die Aufseher nahmen daraufhin 290 Aktienfonds unter die Lupe und identifizierten „Mängel im Bereich der Anlegerinformation“. Im Klartext: Fonds geben sich also aktiver, als sie sind. Anbieter müssen in ihren Prospekten deshalb künftig explizit angeben, „ob aktives Management betrieben wird“, so die BaFin. Zudem sollen Anleger erfahren, ob die Fondsmanager einen „Referenzwert“ verwenden – und wie sie diesen zu übertreffen gedenken. Die Frist, um diese Anforderungen zu erfüllen, läuft am 31. Dezember ab.

Dem Anlegeranwalt Julius Reiter ist das zu wenig. Die BaFin müsse „in eindeutigen Fällen auch Sanktionen verhängen“, fordert der Gründer der Kanzlei Baum Reiter & Collegen in Düsseldorf. „Wenn Fondsanbieter hohe Gebühren für aktives Management berechnen, obwohl sie in weiten Teilen einen Index kopieren, ist das für mich ein Fall von Täuschung.“ Gut möglich, dass Anleger deshalb juristisch gegen besonders dreiste Kopierer vorgehen — spätestens wenn die Kurse drehen und ihre Fonds Verluste einfahren. „Ich kann mir vorstellen, dass krasse Fälle vor Gericht landen“, sagt Masarwah. Sein Morningstar-Team sorgt jetzt erstmals für umfassende Transparenz ermittelt, wie weitreichend die Schnittmenge der großen Fonds mit dem Index ist.

Die Kennziffer, auf die es dabei ankommt, ist der Active Share, also der „aktive“ Teil des Fondsvermögens. Liegt er bei null Prozent, ist der Fonds am Stichtag identisch mit dem Index; bei einem Active Share von 100 Prozent ist keine einzige Fondsaktie im Kursbarometer vertreten. Die Kennziffer legt schonungslos offen, ob Fonds realistische Chancen haben, den Index zu schlagen und ihre Gebühren wieder reinzuholen oder nicht.

Bei Active Shares unter 40 Prozent „wird das sehr schwierig“, sagt Fidelity-Experte Christian von Engelbrechten. Er ist einer der Jungstars der Branche, der selbstgefällige -labitus vieler erfolgreicher Finanzmanager geht ihm ab. Von Engelrechten tritt zurückhaltend auf, ist aber umso engagierter. Für seinen „Fidelity Germany“ strebt er einen Active Share von mindestens 50 Prozent an. Derzeit sind es sogar fast 52 Prozent, womit er zu den besten einer Kategorie gehört und im Ranking, das auch Performance und Risiken berücksichtigt, den ersten Platz unter den Deutschland-Fonds belegt.

Auch für Masarwah sind 50 Prozent die Untergrenze. Die Deka liegt weit darunter: Der fast fünf Milliarden Euro schwere DekaFonds von Manager Matthias Both kommt gemäß Morningstar auf 25,7 Prozent. Der Europa-Fonds „AriDeka“ schneidet ebenfalls schlecht ab und ist sogar Schlusslicht im Ranking dieser Kategorie.

Mit einem Active Share von 43,4 Prozent liegt er zwar näher an der Prozent-Marke, aber bei Europafonds können Manager aus einem Größeren Anlageuniversum wählen. Weiterhin werden die Überschneidung mit dem Index geringer.

Deka betont in einer Stellunglahme, dass sich der Active Share „alleine nicht als Qualitätsmaßstab eignet“. Die Kennzahl sage nichts darüber aus, ob ein Fonds „erfolgreicher oder weniger erfolgreich als die Benchmark ist oder sein wird“. Das stimmt; wer weit vom Index abweicht, kann damit auch gewaltig schiefliegen. Allerdings gibt die Kennziffer einen Hinweis darauf, ob Fondsmanager überhaupt Renditen über ETF-Niveau liefern und somit ihr Wirken rechtfertigen können. Denn selbst Durchschnittskräfte verdienen sechsstellig; die Stars kassieren Millionengehälter. Die Vergütung von Management und Vertrieb schlägt sich in hohen Fondskosten nieder, zumal zu jährlichen Gebühren von meist 1,5 bis 2 Prozent oft noch Transaktionskosten von 1 bis 2 Prozent hinzukommen. „Das müssen Fondsmanager erst mal erwirtschaften“, sagt  Andreas Zittlau, Geschäftsführer der Vermögensverwaltung Privacon in Köln. Die meisten scheitern daran: Aktuelle Zahlen des Indexanbieters S&P zeigen, dass 74 Prozent der Fonds mit europäischen Aktien innerhalb eines Fünfjahreszeitraums nach Kosten schlechter abschneiden als die Benchmark. Nach zehn Jahren steigt die Quote sogar auf 88 Prozent.

Viele Vertreter der Spezies scheinen sich damit abgefunden zu haben, dass sie keine Chance gegen den Index haben – und bleiben lieber bequem in dessen Nähe, um wenigstens nicht allzu hoch zu verlieren.

Controller, die neuen Fondsmanager

Diese Entwicklung hat auch damit zu tun, dass in weiten Teilen der Szene nach der Finanzkrise Controller und Compliance-Spezialisten die Führung übernommen haben – und deren oberste Prämisse lautet: Risikominimierung.

„Dadurch hat sich die ganze Investitionskultur verändert“, sagt Lorenzo Carcano, Co-Chef des Equities-Teams bei der Metzler Asset Management in Frankfurt. Seit der Finanzkrise seien die Active Shares vielerorts gesunken.

Carcano — ein agiler Typ mit Dreitagebart, der leidenschaftlich argumentiert – empfängt mit seinem Kollegen Marian Frisch in Räumlichkeiten der traditionsreichen Privatbank im Frankfurter Szeneviertel Sachsenhausen, fernab vom Finanzdistrikt. Größer könnte der Unterschied kaum sein: Während in der City Bürotürme dominieren, verströmt das liebevoll eingerichtete Metzler-Refugium den diskreten Charme des alten Geldes.

Auch sonst setzen die Metzler-Manager alles daran, sich zu unterscheiden. Sie haben den Active Share des Flaggschiffs „Metzler Aktien Deutschland“ in zwei Jahren von 35 auf 58 Prozent gesteigert „Wir haben uns entschieden, aktiver zu werden und uns noch stärker von ET F-Produkten zu unterscheiden“, sagt Carcano.

Das Portfolio besteht deshalb nicht nur aus den üblichen Verdächtigen, sondern aus vielen Titeln der zweiten Reihe; darunter auch mutige Wetten wie der Außenwerber Ströer und der Zahlungsdienstleister Wirecard. Deren Kurse brachen zwischenzeitlich um mehr als 20 Prozent ein, weil sie teils anonym unsauberer Bilanzierungspraktiken beschuldigt wurden, was beide Unternehmen zurückwiesen. Fondsmanager Marian Frisch machten die Einschläge im Depot nicht irre; er hielt an den Titeln fest und profitierte vom Wiederanstieg der Kurse.

Auch Fidelity-Manager von Engelbrechten sucht jenseits der Standardwerte nach Perlen; in seinen Fonds haben es zum Beispiel der Onlinedienstleister United Internet und der Ticketvertrieb CTS Eventim geschafft. Frisch und von Engelbrechten gehören zu den „Stock-Pickern“. Einer der erfolgreichsten dieser Szene ist der Brite Terry Smith mit seinem „Fundsmith Equity“, der weltweit investiert und trotzdem aus nur 28 Titeln besteht. Damit bringt es Smith, dessen Fonds erst seit dem vergangenen Jahr in Deutschland zugelassen ist, auf einen Active Share von stolzen 93,3 Prozent.

Aus Anlegersicht entscheidend: Der Brite hat in den vergangenen fünf Jahren eine durchschnittliche Performance von fast 20 Prozent pro Jahr abgeliefert. In der Rangliste der Welt-Aktienfonds, die fraudanwalt auf Basis der Morningstar-Daten erstellt hat, belegt sein Portfolio deshalb Platz eins.

In die Bewertung ist neben dem Active Share, in dem sich die Chance auf eine künftige Outperformance ausdrückt, die risikoadjustierte Rendite (Sharpe Ratio) eingeflossen. Diese Kennziffer berücksichtigt neben der Performance auch Wertschwankungen; wer hier vorn liegt, hat also unter Beweis gestellt, dass er Überdurchschnittliches leisten kann, ohne dafür überzogene Risiken einzugehen.

Schließlich mahnt die Deka zu Recht an: „Bei der Fokussierung auf den Active Share wird oft vernachlässigt, dass aktive Positionen auch mit einem aktiven Risikomanagement einhergehen müssen.“ Schlecht gewappnet Allerdings werden Rückschläge an den Börsen nach Jahren stetigen Aufwärtsdrangs immer wahrscheinlicher, und für einen Börsenabschwung sind die Indexschmuser besonders schlecht gewappnet. „Bei einem niedrigen Active Share , besteht ein hohes Risiko, dass der Fonds ungebremst nach unten rauscht“, warnt Jean-Frangois Clément, Aktien-Chef der Schweizer Fondsgesellschaft Unigestion. Angesichts der aktuell hohen Bewertungen sei Indexnähe deshalb besonders gefährlich.

Eine Analyse des letzten größeren Dax-Einbruchs zwischen Ende Juli und Mitte September 2011 stützt diese These. So stürzte der DekaFonds ungebremst mit in die Tiefe.

Mit der Kennziffer Active Share werden die Risiken indexverliebter Fondsfaulpelze nun erstmals sichtbar. Fidelity-Fondsmanager von Engelbrechten hofft deshalb, dass die Behäbigen „stärker unter Rechtfertigungsdruck geraten“ und dass sich bald „die Spreu vom Weizen“ trennt.

Allerdings muss der Anleger die neuen Informationen nachdrücklich einfordern. Denn in den 14 000 Sparkassen- und fast 12 000 Volksbanken-Filialen der Republik preisen Berater unverdrossen Deka und Union-Investment-Fonds an. „Die brauchen gar keine Outperformance“, sagt ein Fondsmanager der Konkurrenz frustriert. Schließlich hätten sie eine enorme Marktmacht – und tolle Werbespots.

STEINHOFF INTERNATIONAL: IMMER NEUE BETRUGSVERDACHTE

Liegen die Aktien der Steinhoff International Holdings im Feuer? Bruno Steinhoff könnte zufrieden sein mit seinem Lebenswerk. 1964 gründete der Bauernsohn und Industriekaufmann eine Firma für den Import von Polsterbezügen. Die lief gut an. Heute beschäftigt die im MDax notierte Steinhoff International Holdings mehr als 130 000 Menschen auf fünf Kontinenten.

Der nach Ikea zweitgrößte Möbelkonzern Europas produziert und vertreibt Hausrat (hierzulande in 118 Filialen der Marke Poco), handelt aber auch mit Bekleidung und vermietet Autos. Mit einem Vermögen von etwa 1,4 Milliarden Euro sind die im niedersächsischen Westerstede ansässigen Steinhoffs zu einer der reichsten Familien der Republik aufgestiegen. Ihr Besitz umfasst rund 5 Prozent an der Holding sowie Pflegeheime, Biogasanlagen und Ländereien in Ostdeutschland.

Der hemdsärmelige und öffentlichkeitsscheue Bruno Steinhoff hat, so scheint es, eine Erfolgsgeschichte geschrieben, die nur der ewige Rivale Ingvar Kamprad toppt. Ein zweites Ikea zu schaffen war von jeher Traum des Selfmademilliardärs.

Dieser Traum könnte nun schon bald zum Albtraum werden, vor allem für die Investoren. Denn wie die Recherchen von Fraudanwalt offenbaren, ist das Steinhoff-Konstrukt so einsturzgefährdet wie manche aus billigem Pressspan gefertigten Schränke und Schubladen in seinen Discounthäusern. Der Konzern scheint auf Treibsand gebaut zu sein.

Für einen eventuellen Schadensfall wäre der Namensgeber nur noch am Rande verantwortlich. Der Gründer wechselte bereits 2008 von der Firmenspitze in den Board, in dem auch seine Tochter Angela Krüger-Steinhoff wacht. Das Unternehmen leiten heute Christo Wiese, seit 2015 Chairman, und CEO Markus Jooste. Der Pate und sein Exekutor bewegen sich nicht selten am Rande der Legalität.

Hasardeuren gleich blähen sie die Umsätze mit waghalsigen  Zukäufen und fragwürdigen Buchungen auf; die Erlöse sind allein 2016 um ein Drittel auf 13,4 Milliarden Euro in die Höhe geschnellt. Verluste werden mitunter zwischen verbundenen Firmen hin- und hergeschoben, sodass sie im Jahresabschluss nicht mehr auftauchen. In mindestens drei Fällen haben die Wirtschaftsprüfer ihr Testat nur mit Einschränkung erteilt.

Mehrere Kapitalerhöhungen haben die Aktie verwässert, ihr Kurs ist abgeschmiert. Die Ratingagentur Moody’s bewertet Steinhoff mit Baa3, eine Stufe über Ramschniveau; Goldman Sachs und die Commerzbank warnten ihre Kunden jüngst vor dem Kauf des Papiers.

In drei Ländern ermitteln Fahnder wegen Steuervermeidung. Die Staatsanwaltschaft 01denburg hegt den Verdacht der gesetzeswidrigen Bilanzierung. Auch eine Strafanzeige wegen Urkundenfälschung liegt vor.

„Die mächtige Stellenbosch-Mafia“, titelt MM

Das Management hat einigen Ehrgeiz in den Aufbau eines Schattenreichs gesteckt, eines sogenannten Off-Balance-Sheet. Zudem ist das Konglomerat absichtsvoll verschachtelt: Der rechtliche Firmensitz liegt in den Niederlanden, die Aktie notiert seit 2015 in Frankfurt und nebenher in Johannesburg, wo Steinhoff 1998 an die Börse ging.

Gesteuert wird das Imperium von Stellenbosch aus. In dem südafrikanischen Weinstädtchen haben sich viele einflussreiche Unternehmer angesiedelt. CEO Jooste bewohnt dort ebenso ein Anwesen wie Chairman Wiese.

Die Herren der „Stellenbosch Mafia“, wie sie in Südafrika heißt, machen ihre Geschäfte bei der Jagd und beim Besuch von Rugbyspielen. Auch Bruno Steinhoff und Wiese fanden so zusammen.

Wiese investiert sein Geld in Firmenbeteiligungen, er ist der drittreichste Südafrikaner, rund fünf Milliarden Euro schwer. 2014 verkaufte er seine Textil und-Schuhkette Pepkor für 4,6 Milliarden Euro an Steinhoff ein Deal aus Bargeld und Aktien.

BRISANTER FUND bei Steinhoff

Mittlerweile hält Wiese 23 Prozent an dem Möbelmulti. Seine Anteile sind zusammen mit jenen des Managements und der Familie Steinhoff in einem Pool gebündelt, der knapp 33 Prozent der Stimmrechte vereint.

Der mächtigste Steinhoff Aktionär beherrscht das Spiel mit der Intransparenz virtuos. Die letzte Kapitalerhöhung im September 2016 konstruierte Hauptaktionär Wiese so, dass er seinen Anteil zwar aufstocken, auf ein Prospekt mit detaillierten Informationen aber verzichten konnte. Dafür musste er zur Finanzierung des Aktienkaufs seine Papiere an Goldman Sachs, HSBC, Citigroup und Nomura verpfänden – die Banken gingen lieber auf Nummer sicher.

Mit seinen Machenschaften hat sich der Bure so manchen Ärger eingehandelt. Zollbeamte erwischten ihn beim Einchecken am Londoner City Airport mit dicken Bündeln von Banknoten insgesamt 750 000 Euro. Er habe das mit Diamantengeschäften verdiente Geld auf ein Konto in Luxemburg einzahlen wollen, rechtfertigte sich Wiese.

Der brisante Fund alarmierte die südafrikanischen Behörden. Die stellten fest, dass der Tycoon wesentliche Teile seines Vermögens in Offshorefirmen verlagert hatte — und forderten eine Steuernachzahlung von 200 Millionen Euro.

Wie sich Wiese mit den Beamten arrangiert hat, ist unbekannt. Das in Großbritannien beschlagnahmte Geld erhielt er jedenfalls zurück. Auch die südafrikanische Börsenaufsicht, die den Juristen — ebenso wie Jooste und Bruno Steinhoff— wegen Insiderhandels verfolgt hatte, stellte ihre Ermittlungen ein. Die Beschuldigten hatten die Vorwürfe zurückgewiesen.

Großes Talent zeigt das Steinhoff-Management darin, Steuern zu drücken oder ganz zu vermeiden. Zwischen 2010 und 2015 zahlte der Konzern im Schnitt 11,7 Prozent auf das Bruttoergebnis; die Branche liegt bei mehr als 20 Prozent. Fahnder in Österreich, Südafrika und Deutschland ermitteln, ob Gewinne widerrechtlich in steuergünstige Länder transferiert wurden.

So geschickt die Manager in Steuerfragen agieren, so problematisch ist ihr Geschäftsmodell. Während Ikea allein auf seine blau-gelbe Marke vertraut und damit beträchtliche Synergien hebt, macht Steinhoff in KleinKlein: Die Gruppe führt in Europa, Afrika, Australien, Neuseeland und Amerika 50 Labels und mehr als 12 000 Läden.

Dieses Sammelsurium soll nun auch noch um Lebensmittel erweitert werden. Die Südafrika-Tochter von Steinhoffplant, über einen Aktientausch im Wert von 2,2 Milliarden Euro die Kontrollmehrheit an Shoprite zu erwerben – der größten Supermarktkette Afrikas, bei der Wiese (wer sonst!) wichtigster Aktionär und Chairman ist.

Es wirkt, als würde gekauft, was zu haben ist. Hauptsache, die Gruppe wiegt Investoren und Geldgeber mit zweistelligen Wachstumsraten in Sicherheit.

Vergangenes Jahr übernahm Steinhoff den US-Bettwarenhändler Mattress. Die Erlöse der Firma schrumpfen auf vergleichbarer Fläche, was Jooste und Wiese nicht hinderte, satte 3,4 Milliarden Euro zu zahlen – ein Aufpreis auf den Aktienkurs von 115 Prozent. Berater Tushar Jain von Goldman Sachs alarmierte Anfang August seine Kunden, die US-Tochter könnte zu einem Mühlstein für Steinhoff werden.

Ähnlich kurios mutet der Kauf von Poundland im September 2016 an, eine britische Ladenkette, die ihr Sortiment für jeweils ein Pfund verkloppt und mit sinkenden Umsätzen und Gewinnen kämpft. Trotzdem bot Steinhoff ein Premium von 43 Prozent. Anfang Juni gab KPMG sein Mandat als Wirtschaftsprüfer von Poundland zurück.

AUFGEBLÄHTE BILANZ bei Steinhoff International

Die überzogenen Preise stehen als Goodwill in der Bilanz — und das nicht zu knapp: Allein für 2016 verzeichnet der Steinhoff-Konzernabschluss einen Goodwill von gut neun Milliarden Euro. Hinzu kommen immaterielle Werte wie Patente und Lizenzen im Wert von mehr als sieben Milliarden Euro.

Nur gut ein Fünftel des Anlagevermögens entfällt auf Güter wie Maschinen und Fabriken. Und selbst diese Sachwerte werden üppig angesetzt, die Gruppe belässt es bei marginalen Abschreibungen: für 2016 knapp 5 Prozent, bei Ikea waren es 2015 rund 37 Prozent.

Zweifelhafte Vermögenswerte beschäftigen inzwischen die Gerichte. Mehrere Verfahren sollen klären, ob die im Steinhoff-Zahlenwerk ausgewiesenen Anteile an der Poco-Kette und dem französischen Möbelanbieter Conforama zu hoch angesetzt sind.

DUBIOSER VERTRAG, dubioses Joint Venutre

Die Poco-Filialen gehören einem Joint Venture von Steinhoff und Andreas Seifert, dem Co-Geschäftsführer der XXXLutz Einrichtungshäuser. Beide sind jeweils zu 50 Prozent an der Gemeinschaftsfirma beteiligt. Nun behauptet Steinhoff, Seifert habe seine treuhänderischen Pflichten verletzt und damit seinen Anteil verloren.

Vom Conforama-Eigenkapital standen Seifert und Steinhoff ebenfalls je die Hälfte zu. Vonseiten Steinhoffs heißt es jetzt, Seifert habe Zusagen nicht erfüllt, daher habe er nur noch Anrecht auf ein knappes Viertel.

Sowohl Poco als auch Conforama, die aufaddierte Erlöse von rund fünf Milliarden Euro erzielen, stehen als 100-ProzentTöchter in der Steinhoff-Bilanz. Obsiegt Seifert vor Gericht, muss der Konzern die beiden Firmen möglicherweise aus den Büchern nehmen, zumindest zum Teil. Die Assets würden dann deutlich schrumpfen, Umsätze und Gewinne in sich zusammensacken.

Finanziell vorgesorgt hat die Holding kaum. Die Rückstellungen betragen lediglich 491 Millionen Euro – eine geringe Summe angesichts der Risiken.

Der zurückgezogen lebende Österreicher Seifert könnte den Südafrikanern noch weitere Schwierigkeiten bereiten. Der sonst ruhige Mann reagierte fassungslos, als er im Juli 2016 in den Räumen der Polizeiinspektion Osnabrück als Zeuge zu diversen Dokumenten befragt wurde, die er unterzeichnet haben soll. „Ich habe die Papiere nie zuvor gesehen und sie nicht unterschrieben“, beteuert Seifert. Er hat mittlerweile Strafanzeige wegen Urkundenfälschung gestellt.

Unter den Schriftstücken befindet sich ein Vertrag vom 15. Januar 2012, in dem Seifert angeblich der Offshoregesellschaft Winecott, die damals der Steinhoff-Gruppe nahestand, die exklusive Nutzung seiner Marke Möbelix in mehreren europäischen Ländern zusichert. Die Urkunde legt fest, dass „nach Beendigung des Vertrages“ eine Einmalgebühr von 3 Prozent fällig wird — gemessen am MöbelixNettoumsatz. Wie lange die Vereinbarung läuft, ist nicht definiert. Will heißen: Dem Lizenznehmer entstehen zunächst keine Kosten, und er darf den Wert der Markenrechte in seiner Bilanz verbuchen.

Aufgetaucht waren die Akten bei mehreren Razzien, die der Oldenburger Oberstaatsanwalt Frank Lohmann in der Steinhoff-Europa-Zentrale in Westerstede sowie in den Privathäusern von zwei Steinhoff-Vertrauten durchführte. Die Verfahren laufen seit Anfang 2015.

Die Fahnder ermitteln wegen „überhöhter Umsatzerlöse“. Hintergrund sind Verträge, die den Verkauf von immateriellen Gütern beziehungsweise Gesellschaftsanteilen belegen. Verkäufer und Käufer waren Firmen, die dem Umfeld von Steinhoff  entstammen sollen. Es gehe bei den diversen Transaktionen um „jeweils dreistellige Millionenbeträge“, so die Staatsanwaltschaft.

Steinhoff hätte also, wenn sich der Verdacht bestätigt, Vermögenswerte in die Bilanz aufgenommen, die zu hoch angesetzt sind oder nicht existieren. Das Steinhoff-Management ist der Auffassung, dass die konsolidierten Abschlüsse der Gruppe die Sachverhalte zutreffend reflektieren.

Beschuldigt werden zwei Männer, die seit Jahren zum Netzwerk von Steinhoff gehören – Siegmar Schmidt und George Alan Evans—, sowie Steinhoff-Manager Dirk Schreiber und CEO Jooste.

Seit ermittelt wird, zieht es Jooste offensichtlich seltener nach Deutschland. Selbst zur Erstnotiz von Steinhoff in Frankfurt erschien er nicht. Der Vorstandsvorsitzende entschuldigte sich mit Nackenschmerzen. Um den ersten Kurs zu läuten, musste noch mal der Gründer ran.

Bruno Steinhoff und Jooste kennen sich seit Langem. Der Wirtschaftsprüfer stieß 1988 zu Steinhoff, 2000 stieg er zum CEO auf. Nebenbei betätigt er sich als Pferdezüchter, was erklären könnte, warum ausgerechnet Steinhoff mit seiner Discounttochter Poco das piekfeine Galopprennen in Iffezheim bei Baden-Baden sponsert.

Der Südafrikaner sagt von sich selbst, er sei „erfolgshungrig“. Weggefährten beschreiben ihn als durchtriebenen Manager mit einem geschickten Händchen für Steuern und Bilanzen.

Welche Kreativität Jooste und seine Zuarbeiter bei der Buchführung entwickeln, zeigt sich am Wirken des Mitbeschuldigten Siegmar Schmidt.

Schmidt stand Steinhoff mehr als zehn Jahre lang unter anderem als Finanzchef des Europa-Geschäfts zu Diensten. Heute führt er aus seinem Einfamilienhaus im nordwestdeutschen Provinzstädtchen Bad Zwischenahn ein halbes Dutzend Firmen. Mit dem bunten Strauß schafft er ein dichtes Geflecht, das unter anderem dabei hilft, den beunruhigenden Zustand des Steinhoff-Imperiums zu verbergen.

VERSTECKTE VERLUSTE im Steinhoff Imperium

Aktiv wird Schmidt etwa beim Kauf des österreichischen Möbeldiscounters Kika-Leiner, für den FC-Bayern-Star David Alaba ebenso schlicht wie eingängig wirbt: „I bin a Kika.“

Im Juni 2013 gibt Steinhoff bekannt, die europaweit gut 70 Kika-Leiner-Einrichtungshäuser mit einem Umsatz von rund 1,2 Milliarden Euro zu übernehmen. Alsbald reift die Erkenntnis, dass eine Vollkonsolidierung des verlustreichen Billiganbieters wohl keine so gute Idee sei.

Steinhoff findet einen Weg, die Übernahme zu verstecken: In der Bilanz von 2014 heißt es, man habe „den unabhängigen Kauf von Kika-Leiner ermöglicht, durch die Genesis Investment Holding“. Genesis indes ist alles andere als unabhängig. Ihre Muttergesellschaft Triton wird von Steinhoff mit 375 Millionen Euro finanziert, dem Kaufpreis von Kika-Leiner.

Mittendrin und zwischenzeitlich Hauptaktionär von Kika-Leiner: Der Steinhoff-Vertraute Schmidt. Er sorgt dafür, dass sich Kika-Leiner für rund zwei Jahre auf einer Geisterbahn außerhalb der Steinhoff-Bilanz verstecken konnte.

Als Schmidt über Zwischengesellschaften zu den Eignern von Kika-Leiner gehört, nimmt ihm Steinhoff die Immobilien der Möbelkette ab. Der Konzern zahlt dafür 452 Millionen Euro — 77 Millionen Euro mehr, als das gesamte Unternehmen gekostet hatte. Seitdem weist Steinhoff erkleckliche Mieteinnahmen aus, 2015 rund 70 Millionen Euro.

Das defizitäre Einzelhandelsgeschäft von Kika-Leiner gesundet zwischen 2013 und 2015 auf wundersame Weise. Ein Verlust von 11 Millionen Euro verwandelt sich in 38 Millionen Euro operativen Gewinn, obwohl der Umsatz um ein Fünftel einbricht.

Die Quelle des Profits mutet absurd an. 46 Millionen Euro verbucht Kika-Leiner-Besitzer Genesis für „Wissens-Dienstleistungen und Zuschüsse für die Förderung der Markennamen“. Das Geld kommt vermutlich erneut von Gesellschaften, die Steinhoff nahestehen.

Ende 2015, unmittelbar vor dem Börsengang in Frankfurt, werden die notdürftig aufgemöbelten Läden wieder in die offizielle Steinhoff-Bilanz eingefädelt. Immerhin geben die Wirtschaftsprüfer von Deloitte & Touche einen Warnhinweis: Im Börsenprospekt bekennen sie, dass sie nicht nachgeschaut hätten, ob alle Daten tatsächlich stimmten.

Ähnlich trickreich wie bei Kika-Leiner verfuhr Steinhoff mit anderen defizitären Töchtern, etwa JD Consumer Finance, eine Firma für Konsumentenkredite in Afrika. Sie wurden an Unternehmen weitergereicht, mit denen der Konzern zwar verbunden ist, die er aber nicht konsolidiert. Wie etwa Campion Capital, zu deren Gründern und Direktoren wiederum Schmidt gehört.

Was passiert nun, wenn die im Verborgenen schlummernden Einheiten zusätzliche Defizite anhäufen und die von Steinhoff ausgereichten Kredite in dreistelliger Millionenhöhe nicht zurückgezahlt werden können? Wer trägt dann den Schaden?

Fest steht: In den ersten sechs Monaten des laufenden Geschäftsjahres hat sich die Finanzlage zunehmend verschlechtert. Die operative Gewinnmarge fiel von 11,6 auf 8,8 Prozent. Vom Vorsteuerüberschuss in Höhe von 816 Millionen Euro kam in der Endabrechnung kaum Hartgeld an: Der Netto-Cashflow sackte auf 13 Millionen Euro was den Verdacht nährt, dass ein Großteil des Profits auf obskuren Buchungen fußt. Zugleich stieg die Nettoverschuldung von 2,9 auf 6,5 Milliarden Euro.

Steinhoff braucht vermutlich bald frisches Geld. Die Restrukturierung und Integration der milliardenteuren Zukäufe verursacht Kosten. Und die Behörden könnten Steuern nachfordern. In ihrer Not sind Jooste und Wiese auf einen neuen Kunstgriff verfallen. Das Duo hat alle afrikanischen Handelsaktivitäten, die für ein Viertel des Gesamtumsatzes verantwortlich sind, in eine Tochtergesellschaft eingebracht. Die soll bis Ende September an die Börse in Johannesburg gehen, der Emissionserlös die Kassen der Holding auffüllen.

Ganz so, als würde man eine auf Treibsand gebaute Bretterbude mit einem Hering absichern wollen. Die Steinhoff International Holdings setzt die Redaktion auf die Warnliste.

ANLEGERSCHÜTZER HALTEN HABONA INVEST FÜR RISIKOANLAGE

Die Habona Invest GmbH aus Frankfurt am Main steht mit Kapitalanlagen (Immobilienfonds) in der Kritik zweier Anlegerschutzkanzleien sowie bei Finanztest. Die Immobilienfonds sind überweigend Blindpools, das bedeutet, dass ein Anleger keine Transparenz erwarten darf, wenn er wissen will – worin sein Kapital investiert wird. „Stehen mehr als 10 Prozent der direkten oder indirekten Immobilien­investitionen des Fonds bei Zeichnung durch den Anleger noch nicht fest, spricht man von einem Blindpool“, schreibt Finanztest. Es handelt sich bei Immobilieninvestments  von Habona Invest um eine Vertrauens­investition in das Fondsmanagement Johannes Palla & Guido Küther.

Nur wenn die Fondsmanager die richtigen Immobilien kaufen, kann sich die Investition für Anleger lohnen. Das Risiko ist für den Anleger nur schwer kalkulierbar… Wollen Anleger dennoch in Immobilien investieren, dann stoßen sie zwangsläufig auf die Firma Habona Invest GmbH, die stolz berichtet, dass sie ihren Immobilienfonds EFH 05 vorzeitig voll platzieren konnte. Zusätzlich findet man dann bei weiterer Recherche noch einige wohlklingende Umschreibungen von anderen Fonds der Gesellschaft, die vorgeben, den Anleger restlos glücklich zu machen, weil sie über kurze Laufzeiten und gute Renditen verfügen.

Allerdings gibt es niemand, der das bestätigen kann. Kein Anleger, der seine guten Erfahrungen mitteilt, keine Ratingagentur, die den finanziellen Erfolg bestätigen kann. Da fragt man sich zu Recht, wer zum Teufel ist Habona Invest GmbH? Bislang eine Blackbox.

Nachdem das Unternehmen jahrelang am Markt aktiv ist und das Management stolz von sich berichtet, über 30 Jahre Erfahrung im Fondsgeschäft vorzuweisen, sind lediglich gekaufte Werbeanzeigen bei Handelsblatt und Fokus zu finden. Die redaktionellen Berichte sollen suggerieren, dass das Unternehmen über eine gewisse mediale Größe verfügt. Erst auf dem zweiten Blick ist zusehen, dass alle schönen Berichte über Habona Invest nur gekauft sind. Und das vom Anlegergeld, vermutlich.  Und überhaupt: Jeder kann von sich behaupten, der Beste zu sein – beweisen muss er es nur. Und das kann Habona Invest aus Sicht der Redaktion nicht.

Im Gegenteil: Es melden sich Anwälte zu Wort, die vor den Produkten des Unternehmens warnen. Deren Vorwurf: Totalverlust-Risiko!  Und woran liegt das? Natürlich – geschlossene Immobilienfonds sind nun mal hochspekulativ und riskant – zudem Intrasparent, urteilte Finanztest über Habona-Invest-Fonds. Auch wenn das Unternehmen für verschiedene Auszeichnungen (Awards) vorgeschlagen war, so hat es in den letzten 5 Jahren nie eine bekommen. Das muss seine Gründe haben.

Auf der Webseite von Habona Invest erwähnen die Frankfurter diese Auszeichnungen von 2012, wahrscheinlich verbunden mit dem stillen Wunsch, dass es eines Tages vielleicht wirklich mal zu einem echten 1.Platz-Award reichen wird. Aber in welcher Kategorie? Vielleicht in der von Einzelhandelsfonds, wo das Unternehmen sich vor langer Zeit im Jahr 2011 einmal hat zertifizieren lassen, dass es da über die besten Fonds dieser Kategorie verfügte. Lange ist’s her. „Das sieht alles so aus, als interessiere sich wirklich kaum jemand für die Fondsgesellschaft, die das schöne Wort „Nachhaltigkeit“ im Firmennamen trägt, aber keinen Beweis dafür erbringen kann“, kommentiert ein Anlegerschützer gegenüber Fraudanwalt.

Anleger-Schutzanwälte und Produkttester wie die renommierte „Finanztest“, die die Angebote der Habona Invest GmbH kritisieren, warnend den Zeigefinger heben und ihre Dienste anbieten, damit Anleger ihr Kapital zurückbekommen. Was hat das bitte schön mit Nachhaltigkeit zu tun?

Die Suchergebnisse in Google zum Firmennamen ergeben dann noch einige „gekaufte“ Anzeigenplätze, die mit sogenannten redaktionellen Texten aufgefüllt sind und den Anschein erwecken sollen, hier hätten renommierte Journale wie Börse Online oder Focus Online oder auch das Handelsblatt journalistisch sauber recherchierte Empfehlungen veröffentlicht – verantwortlich zeichnet dafür einzig und allein der unternehmenseigene Mitarbeiter aus der PR-Abteilung, der seine „journalistischen Ergüsse“ ins „Netz“ gestreut und als echte Berichterstattung getarnt hat. Etwa 5.000 Kunden, die angeblich die Fondsprodukte gezeichnet haben, aber kein lobendes Wort darüber verlieren, das erscheint uns recht unglaubwürdig. Oder sind die Herrschaften einfach nicht bereit, etwas Positives zu äußern, weil die gesamte Performance einfach nicht gut genug ist? Aus unserer Sicht ist Habona Invest ein Fall für die Warnliste.

 

AURELIUS SANIERUNGSHOLDING UND CALLISTA PRIVATE EQUITY IM FADENKREUZ DER STAATSANWALTSCHAFT

Knapp drei Jahre nach ihrer Pleite schippert die MS „Deutschland“ längst wieder über die Weltmeere. Neulich ging es entlang der grönländischen Küste Richtung Polarkreis. Es war regnerisch und kalt. Frösteln könnten in diesen Tagen auch ein paar ehemalige Verantwortliche des einstigen TV-„Traumschiffs“, das 2010 von der umstrittenen Sanierungsholding Aurelius aus der ersten Insolvenz herausgekauft und Anfang 2014 für einen Euro an Callista Private Equity weitergereicht wurde. Denn Pleite Nummer zwei (Oktober 2014) und deren Vorgeschichte hat ein juristisches Nachspiel: Die Staatsanwaltschaft Lübeck führt, so Oberstaatsanwältin Ulla Hingst, „ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der vorsätzlichen Insolvenzverschleppung, des Kapitalanlagebetrugs, des Betrugs, der Untreue und der Urkundenfälschung gegen verschiedene Personen“.

Fünf schwere Vorwürfe und umfangreiche Nachforschungen, über die Hingst „zum Schutze der Ermittlungen“ keine weiteren Auskünfte erteilen will.

Die MS „Deutschland“ ist ein weiterer Fall in der Geschichte misslungener Sanierungen von Aurelius, die Dirk Markus vor elf Jahren gründete. Seit gut anderthalb Jahren klagen Gläubiger einer Anleihe auf Schadensersatz, sie monieren Fehler im Prospekt. Von den strafrechtlichen Ermittlungen soll unter anderem Callista-Chef Olaf Meier betroffen sein, der zum Insolvenzzeitpunkt die Geschäfte führte. Aurelius und Meier teilen mit, sie hätten keine Kenntnis von dem Ermittlungsverfahren. Meier betont, bislang seien keine Vorwürfe gegen ihn erhoben worden.

Er sollte sich trotzdem auf schwere See einstellen. Ob die nächsten Presseerklärungen des der MS Deutschland weiterhin so optimistisch klingen werden?

Auszug:

„Die MS Deutschland, das ehemalige ZDF-Traumschiff, beendet morgen früh in Bremerhaven die diesjährige Phoenix-Kreuzfahrtsaison nach elf erfolgreichen Kreuzfahrten bzw. 139 Tagen in Nord- und Ostsee und wird in den Wintermonaten erneut für die schwimmende Universität, Semester at Sea, unter dem Namen World Odyssey unterwegs sein. Der Bonner Reiseveranstalter übernimmt im nächsten Frühjahr wieder planmäßig das Schiff und läuft mit der MS Deutschland am 21.04.2018 von Bremerhaven in Richtung Azoren und Kanaren aus“.

INFLUENCER: DER GROSSE BETRUG AM VERBRAUCHER

Während seines Maschinenbaustudiums fing Fuchs an, Fotos von seinen Outfits im sozialen Netzwerk Instagram zu veröffentlichen („posten“) inzwischen sollen Modemarken ihm bis zu 6000 Euro pro Post zahlen, damit er darauf ihre Shirts, Sneaker oder Uhren anhat. Fuchs ist Deutschlands mächtigster männlicher Fashion-Influencer, zu seinen Kunden gehören Levi’s, Puma und Calvin Klein.

Nicht jeder Beitrag ist bezahlt, die Quote liege bei 20 bis 30 Prozent, schätzt Fuchs. Doch zufällig landet schon lange nichts  mehr in seinem Account. Und was dort aufpoppt, ist anschließend regelmäßig in Onlineshops ausverkauft.

Bei Instagram und in anderen sozialen Netzwerken ist eine neue Werbemacht entstanden: Marketing per Influencer. Eine chinesische Fashion-Göre verkaufte gerade 100 Mini Cooper einer türkisfarbenen Sonderedition zum Stückpreis von 36 000 Euro – in nur fünf Minuten.

Die mächtigsten Einflüsterer stammen aus den USA, Selena Gomez (125 Millionen Abonnenten) oder Kim Kardashian (102 Millionen) sollen Preise von bis zu 550 000 Dollar pro Post abrufen können, in Deutschland werden aber auch schon mal über 100 000 Euro für eine Produktplatzierung auf YouTube gezahlt.

Auf der Videoplattform hat alles angefangen. Doch nirgendwo boomt der Influencer-Markt gerade so gewaltig wie bei Instagram, dem Fotonetzwerk, das zu Facebook gehört und allein in Deutschland inzwischen 15 Millionen Nutzer zählt (weltweit sind es über 700 Millionen).

Es ist ein gigantisches Geschäft entstanden, das auf keinen Fall als Geschäft enttarnt werden soll. Wenn Produktplatzierungen gekennzeichnet werden, und das wurden sie lange Zeit so gut wie nie, dann bevorzugt mit einem Hashtag wie #ad, möglichst versteckt zwischen anderen.

Die neue Milliardenindustrie ist eine Parallelwelt, in der Schleichwerbung die Regel, nicht die Ausnahme ist. Agenturchefs nennen sie gern den Wilden Westens des Werbens. Eine sehr romantisierende Sichtweise. Tatsächlich zieht Influencer-Marketing ähnlich dubiose Typen an wie die Automatenhölle am Bahnhof. Es wird betrogen und gefälscht.

Post erst nach Freigabe Öffentlich betonen Markenmanager und Agenturen gern die kreative Freiheit, die sie ihren Influencern gewähren. „Die wirklich Erfolgreichen sind nicht käuflich, denn sie wissen: Wenn sie nicht mehr authentisch sind, verlieren sie ihre Glaubwürdigkeit“, sagt Christoph Werner, Sohn des dm-Gründers und bei der Drogeriekette für das Marketing zuständig.

Schön wär’s. De facto sind die hübschen Bild-Posts oft bis ins Detail vorgegeben. Es gibt Anweisungen, wie etwa der Rucksack auf dem Influencer-Foto platziert werden soll und in welchem Winkel der Sneaker auf keinen Fall abgelichtet werden darf.

In vielen Fällen zeigen die Influencer nur, was die Auftraggeber vorher freigegeben haben. Und wenn etwa die Uhr am Gelenk von Fitness-Influencerin Pamela Reif (drei Millionen Follower) nicht genug auffällt, muss sie eben ein neues Foto einreichen.

Hashtags, Zeitraum sowie der Abstand zum nächsten Post – das alles wird gern minutiös vertraglich festgehalten, die Kommentare werden mitunter gleich mitgeliefert.

Echt sind manchmal nicht mal die Likes unter den Bildern. Es ist eine ganze Branche entstanden, die sich darauf spezialisiert hat, Reichweite und Engagement vorzutäuschen. Wer nicht genau hinschaut, bezahlt dafür, dass Fake-Follower Zombie-Likes vergeben. Realer Effekt gleich null.

Mehrere Zehntausend Dollar pro Monat, also weit mehr als ein Mittelklasse-Influencer, könnten gewiefte Anbieter damit verdienen, sagt ein Mann aus Indien, der solche Dienste anbietet. Follower, Likes, Kommentare — alles ist käuflich; zahlbar über PayPal wie bei einem seriösen Onlineshop, mit „Geld-zurück-Garantie“ und „24-Stunden-Support“. Natürlich gibt es die Influencer, die mit ihren Posts den Abverkauf bestimmter Produkte stark beeinflussen. Wenn Deutschlands bekannteste YouTuberin Bibi, alias Bianca Heinicke, ihren eigenen Duschschaum promotet, werden am Tag darauf bei dm die Regale leer gekauft. Und L.-A.-Friseur und Instagram-Star Guy Tang hat Henkels Haarfärbemarke Kenra mit seinen Beiträgen ordentlich Schub verliehen.

Fake-Follower-Epidemie

Doch die Betrügereien mit den Fake-Followern seien mittlerweile zu einem echten Branchenproblem geworden, sagt Sachar Klein, der die Berliner Agentur Hypr führt. Von deutschen Modebloggern hätten sicherlich 60 Prozent bei den Zahlen nachgeholfen, sagt die Berlinerin Vreni Frost. Und gibt zu: sie selbst auch.

Sie sitzt im grauen Shirt aus der eigenen Kollektion (Aufdruck „Lovers Gonna Love“) in einem Café in Berlin-Friedrichshain und erzählt, wie sie für 700 Dollar eine Agentur beauftragte, um auf 100 000 Follower zu kommen. Sie hatte Sorge, Kunden zu verlieren, da plötzlich „die 21-jährigen Modemädchen“ an ihr vorbeirauschten. „Ich dachte, ich verpasse den Anschluss.“ Zunächst liefes super, sagt Frost. Dann folgten ihr immer mehr „ekelhafte Accounts“, teils „krass gewaltverherrlichend“. Frost war verzweifelt, sie entschied sich auszusteigen. Öffentlich. Auf ihrem Blog rief sie dazu auf, es ihr gleichzutun — und es passierte: nichts.

Andere Insta-Girls wollten ihre Fake-Follower nicht hergeben. Stattdessen bekam Frost ein Paket Fake-Likes „spendiert“. Eine Horde russischer Accounts begann wie verrückt ihre Posts zu liken. Ein kleiner Gruß aus dem Insta-Untergrund.

Brancheninsider erzählen, dass auch Agenturen „ihren Influencern“ zusätzliche Follower und Likes einkaufen, die dann mit den Auftraggebern abgerechnet werden. Mit Fake-Likes lasse sich der Algorithmus austricksen, um mehr echte Reichweite zu generieren, sagt ein Influencer-Manager, der das selbst macht.

Ein Konzernmanager: „Der Markt zieht Typen mit der Seriosität eines Zuhälter an“, ätzt die Führungskraft eines Konzerns, der ein lukrativen Auftraggeber für diese Art des Marketings ist. „Die Dubiosesten im Klub sind die Chefs der Influencer-Agenturen. Mir haben schon vier verschiedene Typen erzählt, sie seien der Manager von Pamela Reif.“

48 Prozent Wachstum pro Jahr

Alle setzen darauf, dass der Markt weiter wächst. US-Marken wollen ihre Budgets in diesem Jahr um 48 Prozent erhöhen, auch in Deutschland wird immer mehr Geld ins Influencer-Marketing gepumpt. Einer, der davon möglichst viel abhaben möchte, ist Christoph Kastenholz, ein umtriebiger Studienabbrecher mit zurückgegelten Haaren.

In seinem Büro am Stephansplatz in Hamburg erzählt Kastenholz, dass er eigentlich mit seiner Freundin ein Fashionlabel aufbauen wollte. Dann entdeckten sie, wie gut der Abverkauf funktionierte, wenn einige Personen die Produkte auf Instagram priesen. Also schwenkten sie um aufs Influencer-Business.

Inzwischen arbeiten 60 Leute für seine Agentur Pulse Advertising, Kastenholz hat bereits Büros in New York und Mailand eröffnet. Die Logos der Auftraggeber stehen eingerahmt wie Trophäen auf drei Regalbrettern in der Lobby: LVMH, Cartier, aber auch Lidl und Uber. 20 bis 50 Prozent kassieren die Agenturen für die Vermittlung der Influencer und Umsetzung der Kampagnen.

Hinter den professionellen Accounts steht nicht selten ein kleines Heer an Personal, schließlich müssen Kooperationen ausgehandelt und Shootings organisiert  werden. Top-Influencer Fuchs sagt, sein Leben sei „über Wochen strikt durchgeplant“. Selbst Instagramerin Frost beschäftigt eine Projektmanagerin, einen Fotografen und – natürlich – eine Praktikantin.

„Erfolgreiche Influencer begreifen sich als Unternehmen, sie agieren wie GmbHs“, sagt Tarek Müller, Mitgründer und Geschäftsführer von About You, einem Onlineshop der Otto-Gruppe, der wie kein zweiter auf Influencer setzt, um Kleidung zu verkaufen. Knapp 60 Influencer hat Müller unter Vertrag — auch Daniel Fuchs. 4000 bis 5000 Euro soll er Insidern zufolge pro Produktionstag bekommen, um für About You Modeoutfits zu schießen.

Im Mai hat Müller Deutschlands größte Influencer-Awards veranstaltet – mehr als drei Millionen haben über Livestreams bei Instagram, Facebook und YouTube zugeschaut. „Mehr als beim Echo“, sagt Müller stolz. 2018 soll alles noch größer werden.

Manche Marken befinden sich bereits in einer brutalen Abhängigkeit von den neuen Stars. Als Kendall Jenner (83 Millionen FolIower) mal eine Instagram-Pause einlegte, versank der US-Kosmetikkonzern Estée Lauder (11,3 Milliarden Dollar Umsatz) in der digitalen Irrelevanz. Er verlor auf einen Schlag fast zwei Drittel des Engagements auf der Plattform.

Die einflussreichsten Influencer wollen längst nicht mehr nur für andere werben. Sie schicken sich an, den Etablierten Konkurrenz zu machen — mit eigenen Marken.

Niemand ist in Deutschland damit so weit vorangekommen wie die dauerstrahlende Bibi mit den langen blonden Haaren. Berühmt geworden ist sie über ihren YouTube-Kanal Bibis Beauty Palace, inzwischen hat die 24Jährige auch bei Instagram 5,3 Millionen Abonnenten und kann hohe fünfstellige Summen abrufen, wenn sie bei Konferenzen auftritt. Diese Macht nutzt sie nun.

Bibi ist längst ihre eigene Marke Bereits im November 2015 hat Heinicke ihre eigene Duschmarke herausgebracht, Bilou. Ein Schaum, der nach Donuts oder Schokotorte riecht. Das Unternehmen gehört Heinicke und ihrem Freund (43 Prozent) sowie ihrem Manager (15 Prozent) und der Agentur Philosophy Brands (42 Prozent), die das Produkt für sie entwickelt hat. Mit Bilou gelang Bibi ein Markteintritt, wie ihn sich L’Oréal und Co. nur erträumen können.

Bilou war in vielen dm-Filialen schon wenige Stunden nach Marktöffnung ausverkauft, die gesamte Jahresproduktion von über einer halben Million Packungen war nach kürzester Zeit komplett weg. Seither kommen immer neue Line-Extensions (Schaumlotionen, Bodysprays), Sorten (Zuckerwatte) und Sondereditionen (Kirschblüte) hinzu. Bibis Marktanteil im Duschbadsegment liegt in deutschen Drogerien bei stolzen 4 bis 5 Prozent.

„Erst verdienen Influencer an den Marken, dann machen sie ihnen Konkurrenz“, sagt Elijah Whaley von der chinesischen Agentur ParkLu, die auch von westlichen Unternehmen wie Esprit oder Macy’s gebucht wird, um sich in China Gehör zu verschaffen. „Wenn die Labels auf die Influencer keine Antwort finden, werden sie durch sie ersetzt.“

Eine steile These. Aber tatsächlich ist es Influencern in der Volksrepublik gelungen, binnen kürzester Zeit zu einer Macht im Onlinehandel zu werden. Einige der erfolgreichsten E-Commerce-Shops werden von ihnen betrieben, hohe zweistellige Millionenumsätze sind keine Seltenheit. Das Datenhaus CBN-Data taxierte die chinesische Influencer-Ökonomie 2016 auf 8,83 Milliarden Dollar.

Es gibt sogar schon Inkubatoren. Der Tech-Konzern Alibaba hat vergangenes Jahr 46 Millionen Dollar in die Einheit Ruhan investiert. Sie kümmert sich um Produktdesign und Kontakt zu Fabriken, um neue Influencer-Produkte schnell auf den Markt zu bringen.

Der Abverkauf aus den sozialen Netzwerken wird zunehmen. Was in China üblich ist, testet inzwischen auch Instagram. Die Facebook-Tochter will nicht länger nur zuschauen, wie andere auf ihrer Plattform abkassieren.

Agenturchefs befürchten, dass Instagram bald die Reichweite der Posts herunterfährt — und wie bei Facebook dafür gezahlt werden muss, die eigenen Abonnenten zu erreichen.

Zudem experimentiert Instagram damit, bezahlte Posts gesondert anzuzeigen. Über Daniel Fuchs‘ Bildern steht nun manchmal „Bezahlte Partnerschaft mit Puma“.

Eine Reaktion auf die Kritik an der grassierenden Schleichwerbung? Vielleicht, viele vermuten indes, dass es dem Netzwerk noch um etwas ganz anderes geht: ein eindeutiges Label für die bezahlten Posts zu etablieren — um irgendwann auch daran zu partizipieren.

Die Abmahnwelle rollt. Der Wind dreht sich jedenfalls. In den USA rollt eine Abmahnwelle der Wettbewerbsbehörde FTC wegen Schleichwerbung, in Deutschland geht der Verband sozialer Wettbewerb gegen rund zwei Dutzend Instagram-lnfluencer vor. Auch Caro Daur ist betroffen. Die hierzulande beliebte Mode-Influencerin (1,1 Millionen Follower) markiert bezahlte Fotos, seit eine Wirtschaftsredaktion vor sieben Wochen ein Interview mit ihr veröffentlicht hat, in dem sie die Fragen zur Kennzeichnungspflicht ihrer Werbung nicht beantworten wollte.

Das Interview hatte in der Szene ein kleines Beben ausgelöst. Zuvor hielt sich bei manchen Influencern und Markenartiklern tatsächlich der Glaube: „Im Internet gibt es keine Gesetze.“

Neben Daur haben auch einige andere Influencer eingelenkt (bei erneuter Falschkennzeichnung droht ein Strafgeld von 5100 Euro), gegen den Rest wird nun prozessiert. Eine Beauty-Influencerin (1,3 Millionen Follower), die für die Drogeriekette Rossmann Schleichwerbung gemacht hatte, unterlag im Juni vor Gericht. Kennzeichnung der bezahlten Posts mit dem Hashtag #ad, versteckt zwischen anderen Hashtags, reiche nicht aus, befand das Oberlandesgericht Celle. Seitdem steht immer öfter das hässliche Wort Anzeige am Anfang ihrer Posts.

Willkommen im echten Leben ihr Influencer.

LUFTHANSA UND ETHIDAD BESTENS MITEINANDER VERNETZT

Für einen Schlussstrich braucht man wenig Tinte. Eine dürre Mitteilung Anfang August reichte der Fluggesellschaft Etihad, um sich von ihrer deutschen Beteiligung Air Berlin (29,2 Prozent) zu trennen. Die vereinbarten Finanzspritzen von zweimal 50 Millionen Euro werde es nicht geben, übermittelten die Araber. Damit war die mehr als fünf Jahre währende Fürsorge beendet, Air Berlin pleite.

Doch so abrupt der Rückzug wirkt — er war keine Kurzschlusshandlung, sondern Endpunkt eines Pokers, in dem die Lufthansa die weitaus besseren Karten hatte.

Wie harmonisch ging es dagegen noch im Juni vergangenen Jahres zu, als Lufthansa-Chef Carsten Spohr und der damalige Etihad-Boss James Hogan sich heimlich in Abu Dhabi trafen. Sie fanden gemeinsame Interessen: Hogan wollte die Verlustflieger loswerden, Spohr war an einer Verstärkung durch AirBerlin-Maschinen interessiert.

Es war der erste Schritt eines unausgesprochenen Deals: Die Lufthansa würde die begehrten Flieger und Strecken irgendwann bekommen, Etihad im Gegenzug eine enge Partnerschaft mit der europäischen Nummer eins. Sogar über eine Kapitalverflechtung wurde sinniert.

Es folgten weitere Treffen, etwa Anfang November in München, und ein paar verheißungsvolle Momente. Die Lufthansa durfte 38 Maschinen von Air Berlin leasen; Etihad bekam Gemeinschaftsflüge mit dem Kranich und Anfang Februar Kooperationen bei Catering und Technik.

Was nach dem Auftakt einer engen Freundschaft aussah, war allerdings schon der Endpunkt. Über einen Pakt wollte Spohr fortan nicht mehr reden. Warum auch? Viele Sorgen, die ihn im Sommer 2016 noch umgetrieben hatten — Pilotenzoff, Kursrutsch, düstere Prognosen — lösten sich zuletzt in Luft-auf.

Für den finalen Air-Berlin-Deal stellte er knallharte Bedingungen. Etihad sollte die Berliner noch bis zum Closing irgendwann Ende des Jahres alimentieren. Das hätte Extrakosten von mehreren Hundert Millionen Euro bedeutet. Zudem verlangte Spohr, dass die Araber die Schuldenlast von Air Berlin (1,2 Milliarden Euro) deutlich reduzieren — und das alles, ohne dass dabei etwas für Etihad herausgesprungen wäre. „Die Mathematik hat nicht gestimmt“, sagt ein Etihad-Mann. Zumal Thomas Winkelmann, seit Februar Air-Berlin-Chef und zuvor fast 20 Jahre in Diensten der Lufthansa, Anfang August plötzlich niederschmetternde Prognosen präsentierte. Etihad befürchtete, mit weiteren Hilfen zu positive Signale zu senden und damit für neue Geschäftspartner von Air Berlin und deren Investitionen haftbar zu werden.

Spohr ließ den Arabern keine andere Wahl, als den Rückzug anzutreten. Nun kann er sich bei einer schuldenbefreiten Air Berlin bedienen.

Dass bei Etihad neue Nüchternheit eingekehrt ist, zeigt auch die Weigerung der Airline, auf bizarre Avancen ihres Ex-Chefs Hogan einzugehen. Der hat unlängst in Zürich die Knighthood Capital Partners AG aufgemacht. „Knighthood“ bedeutet „Ritterschaft“, wobei Hogan eher als Glücksritter gilt.

Der Schweizer Firma ist eine Tochter auf Malta unterstellt, die sich mit Vermietung und Management von Flugzeugen beschäftigen will. An Bord sind alte Bekannte: James Rigney, ehemals Hogans rechte Hand und Finanzchef von Etihad, sowie Ulf Hüttmeyer, lange Finanzvorstand von Air Berlin und damit einer der Hauptverantwortlichen für deren Niedergang. Die Neu-Malteser spekulieren darauf, überschüssige Flugzeuge zu vermarkten — etwa von Etihad.

Am Golf ist derzeit keine Neigung zu erkennen, das tollkühne Angebot der Ex-Angestellten anzunehmen. der Führung auch frische Impulse verleihen. Das täte allen gut. Zuletzt hat sich so etwas wie eine Erfolgsdepression über die Mannschaft gelegt.

Die Zahlen sind glänzend: Ein Rekord jagt den nächsten, Daimler wies für 2016 fast 13 Milliarden Euro operativen Gewinn aus. Mercedes hat BMW überholt und ist wieder die Nummer eins der automobilen Premiumwelt. Auch das Truckbusiness zieht nach zwei schwächeren Jahren an.

Die Investoren freilich vermissen neue Anstöße. Die Daimler-Aktie verlor in diesem Jahr 15 Prozent an Wert — so viel wie keine andere im Dax. Im Dieselskandal wird inzwischen auch gegen Daimler ermittelt; nach den Kartellvorwürfen sprach die Kanzlerin sämtlichen Autochefs der Republik die Glaubwürdigkeit ab. Neue Modelle sind da zur Nebensache geworden.

Schon wagen sich intern wieder erste Zetsche-Kritiker vor. Nachdem er in den letzten Jahren völlig unangefochten regiert hat, heißt es nun, es bleibe zu viel liegen.

Die Holding könnte da zum Befreiungsschlag werden. Zumal sie auch personell neue Möglichkeiten schafft.

Der Vertrag von CEO Zetsche läuft noch bis Ende 2019; besonders die Arbeitnehmervertreter monieren seit Längerem seine Rolle als Doppelche fvon Konzern und Mercedes-Benz. Sie würden Ola Källenius gern möglichst bald an die Mercedes-Spitze befördern, als Zwischenstation. Der Schwede gilt als Daimlers Kronprinz.

Für Zetsche böte die Holding eine ideale Gelegenheit abzutreten. Entweder er macht die Mercedes-Spitze frei und bleibt noch ein Weilchen Holdingboss – oder er verlässt den Vorstand ganz, um dann nach einer Abkühlphase als Aufsichtsratschef wieder einzusteigen.

Den Vorstandsvorsitz übernähme dann wahrscheinlich übergangsweise ein dritter: Bodo Uebber. Der CFO als Holdingchef — das passt. Er kommt gut mit Källenius aus und würde ihn operativ machen lassen. In der Trucksparte kann Uebber auf Martin Daum  bauen.

Laut Aktiengesetz müsste Zetsche eigentlich zwei Jahre aussetzen, bevor er in den Aufsichtsrat darf. Es sei denn, mehr als 25 Prozent der Anteilseigner schlagen ihn für einen früheren Wechsel vor. Mit Uebber als Puffer zwischen Aufsichtsratsspitze und den operativen Spartenchefs Källenius und Daum könnte das einfacher werden.

Vorausgesetzt natürlich, die Ermittlungen der Stuttgarter Staatsanwälte gehen für Daimler gut aus. Denen ist die Holding reichlich egal.

AVG EG UND KARRIERE AG: GEMEINSAM ZOCKT’S SICH BESSER

Die AVG eG aus Potsdam wird vom Finanzgelehrten Andreas Lechtenfeld geleitet. Die Redaktion-Fraudanwalt kritisierte bereits einmal das Geschäftsmodell der AVG eG, weil es zu undurchsichtig ist. Andreas Lechtenfeld legt keinen Wert auf Transparenz und dabei haben Betrugsfälle wie die Genogen und Co. gezeigt – wie einfach Genossen um ihre Einlagen gebracht werden können. Weder im Prospekt noch auf der Homepage ist zu erfahren, wie die AVG eG eine Traumrendite oberhalb von 6% erwirtschaften will – zum Fraudanwalt-Bericht. Dadurch stellt sich zwangsläufig die Frage, weshalb daraus ein Geheimnis gemacht wird. Liegt es daran, dass das eigentliche Geschäftsmodell ein Schneeballsystem ist, wobei Altanleger durch frische Gelder der Neumitglieder ausgezahlt werden? Oder liegt es daran, dass die angeblichen Renditen mit einem enorm risikoreichen Handelssystem erzielt werden? In der Satzung der Genossenschaft aus Potsdam wird ebenfalls nicht näher erläutert, wie die Traumrenditen erwirtschaftet werden – es gibt lediglich einen Verweis auf einen sogenannten Profipartner. Wer jetzt an J.P Morgan oder einen Hedgefonds denkt, der irrt – der „Profipartner“ ist die Karriere AG mit Sitz unter der gleichen Adresse wie die AVG eG.

Karriere AG Vorstand auch gleichzeitig Aufsichtsrat bei AVG eG

Noch zu Beginn dieses Jahres war beim Videostreamdienst Youtube ein Video von Andreas Lechtenfeld zu sehen, wie er die Strategie erklärt, um die Traumrenditen zu erwirtschaften. Mittlerweile ist dieses Video gelöscht, möglicherweise weil zu viele Interessenten feststellen mussten, dass die AVG eG keinen sicheren Sparplan anbietet, sondern mithilfe der Karriere AG mit dem Genossenschaftsgeld wettet. Die Karriere AG betreibt ein hochriskantes Handelssystem mit Future-Kontrakten (Derivate). Diese Chart-technisch-basierten Handelssysteme sind ausschließlich eine Spekulation auf eine eventuelle Entwicklung eines Index-Basiskurses. Der Handel mit Future-Kontrakten ist ein Hoch-Risiko-Geschäft, bei dem es immer möglich ist, dass es zu einem Total-Verlust kommen kann, verbunden mit dem zusätzlichen Risiko einer Nachschusspflicht. Nun wirbt erstaunlicherweise die AVG eG ständig mit positiven Dividenden, die sie angeblich mit diesem Future-Handelssystem seit 2008 erwirtschaftet haben will. Einen seriösen Rendite-Beweis kann die AVG eG merkwürdigerweise auf Nachfrage nicht erbringen. Auch ein seriöses Testat oder einen überprüfbaren Track-Record als Renditen- und Erfolgs-Nachweis des Future-Handelssystems kann oder will die Genossenschaft nicht leisten. „Fragt man gezielt nach der genauen Arbeitsweise des Future-Handelssystems erhält man keinerlei Antworten“, berichtete ein Genosse gegenüber Fraudanwalt. Scheinbar wird auch den Genossen und nicht nur der Öffentlichkeit gegenüber das gesamte Geschäftsmodell versucht zu verschleiern. Unwissendheit und Intransparenz sind für die Seriosität der AVG-Genossen kein gutes Signal.

Karriere AG-Vorstand ehemaliges Vorstandsmitglied von Betrugsgenossenschaft?

Zum nebulösen Geschäftsgebaren der AVG eG und unserer negativen Einschätzung zur Seriosität der Genossenschaft folgen weitere unerfreuliche Fakten. Der Karriere AG-Vorstandsvorsitzende James Henry Klein ist nicht nur Aufsichtsrat der AVG eG, nein er ist mitverantwortlich für einen Anlegerskandal mit 80.000 Geschädigten. James Henry Klein war vor 16 Jahren im Vorstand der Atlantis Genossenschaft tätig. Laut Tagessiegel.de und test.de hat diese Atlantis Genossenschaft 80.000 Anleger geschädigt.

 

Tagesspiegel

Test

Test Atlantis Genossenschaft

 

Die fragwürdige Person James Henry Klein, zudem das intransparente unseriöse und hoch riskante Geschäftsmodell der Genossenschaft und ihrer fragwürdigen Partnerfirma Karriere AG, lässt vermuten, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis hier die Genossenschaftsanteile verzockt werden oder für andere Zwecke missbraucht werden. Denn eine Verwendungskontrolle von Genossenschaftsanteilen existiert in der Satzung bei der AVG eG nicht.

Dieser unglaubliche Derivate-Handel wird im Exposé der AVG eG in keinster Weise erwähnt. Es ist lediglich von einem Börsenhandelssystem die Rede, das aus gutem Grunde nicht näher beschrieben wird. Auf dieser Basis wird im Exposé eine harmlose Altersvorsorge („Express-Rente“) angeboten. Für Anleger ab € 200.000,- bekommt man ein Angebot direkt von der Karriere AG, die allerdings in ihrer Beschreibung „Das Geschäftsmodell der Karriere AG“ ihre 8 halbautomatisierten Handelssysteme in Dax- und Dow-Jones-Futures erwähnt.

Die AVG eG und Karriere AG setzen wir auf die Warnliste.