DEUTSCHE BANK AG: LUG UND TRUG IM GANZ GROSSEN STIL

Und wenn man meint, die letzten Skandale wären gerade überwunden und der Weg sei frei für einen Neuanfang, dann kommt die nächste Hiobsbotschaft von irgendwelchen Betrügereien, Kursmanipulationen, Vertuschungen oder Bilanzfälschungen bei der Deutsche Bank AG. Seit Jahren sickern Skandalmeldungen eines einst großartigen, ehrbaren Finanzinstitutes durch, von denen man sich nicht vorstellen mag, dass diese dem wahren, mittlerweile skandalgeprägten Bankenalltag in Deutschlands Metropole Frankfurt entsprechen könnten.

Mit fast 100.000 Mitarbeitern in unzähligen Ländern beschäftigt der Großkonzern nicht nur sagenhaft viele Menschen in der ganzen Welt, sondern die Frankfurter Großbank bewegt, verwaltet und verantwortet auch Milliardenbeträge in dreistelliger Höhe. Doch wie man Woche für Woche in den Medien erfahren kann, ist das einst ehrbare Bankgewerbe – gegründet im 2. Jahrhundert vor Christus in Mesopotamien, später in Europa im 13.Jahrhundert in Florenz etabliert – verkommen zu einem Schmelztiegel der unseriösesten Machenschaften überhaupt. Die 1472 als Monte di Pietà in Siena gegründete Banca Monte dei Paschi di Siena ist die älteste noch existierende Bank der Welt. Alles, was damals unter besten positiven Vorzeichen vor mehr als 500 Jahren begann, ist in der Zwischenzeit von leitenden Managern zu einem erbärmlichen, korrupten und auf Gewinnmaximierung ohne Anstand und Regeln agierenden Bankgeschäft herabgewirtschaftet worden. Ganz vorne weg in der Rangliste der skandalträchtigsten Geldinstitute rangiert mittlerweile die Deutsche Bank AG, ein Abbild von Niedergang, Skrupellosigkeit und moralischer Verwerflichkeit. Offensichtlich immer in der Hoffnung agierend, dass man Verfehlungen und Betrugsdelikte, Steuerbetrügereien und Meineide unter den Tisch des Vergessens kehren könnte. Schließlich würde der bedeutende Name und die historische Relevanz des einstigen Vorzeige-Geldhauses ihr Übriges tun, um die gesamte Tragweite des skandalösen Tagesgeschäftes zu verschleiern. Hat man in Vorstandskreisen des Unternehmens offensichtlich bis heute gedacht. Denn immer neue, aktuelle Verfehlungen kommen nun zutage.

Längst ist es an der Zeit, dass einflussreiche Politiker und Institutionen und auch der „gewöhnliche Kunde“ an die Öffentlichkeit gehen und sagen: Wir dürfen nicht länger schweigen und mit Toleranz und „Vogel-Strauss-Politik“ den Machenschaften der Bank unser Einverständnis signalisieren und obendrein auch noch weiter Geld, z.B. in Form von Unternehmensanleihen, ins Unternehmen pumpen – Anleihen, die nur dafür genutzt werden, um die Schäden der Vergangenheit auszugleichen, um Strafzahlungen in Milliardenhöhe und völlig überzogene Managergehälter und Boni zu zahlen. Wofür gibt es bei uns die Bankenaufsicht, wofür einen Finanzminister, wenn diese dem kriminellen Treiben tatenlos zusehen?

Ein Riese in der Krise

Keine andere Bank in Deutschland muss sich derzeit so vielen verschiedenen Gerichtsverfahren wegen Manipulationen bei Anleihen, bei Edelmetallen oder bei Devisengeschäften stellen – und zwar weltweit – wie die Deutsche Bank. Schon lange ist es her, dass der Kurs der Aktie sich auf dem Niveau von 54 Euro bewegte: aktuelle Notierung 15,60 (13.6.17), ein Abbild der Krise. Immer neue Anleihen werden aufgelegt, um Gerichtskosten und Strafzahlungen zu stemmen. Vor allem in den USA hat man gemerkt, dass man einen dicken Fisch an der Angel hat, den man mit immer neuen Verfahren zur Ader lässt. So etwas zerrt an den Nerven, zerstört das Image und diskreditiert den Wirtschaftsstandort Deutschland. Schaut man auf die Bilanzen des Geldhauses, so verschlägt es einem die Sprache. Für das abgelaufene Jahr 2016 steht ein Verlust von 1,4 Milliarden Euro an, das heißt im Klartext, dass sämtliche Konzerngewinne in Milliardenhöhe aufgezehrt wurden und diese noch nicht einmal ausgereicht haben, um die entstandenen Löcher zu stopfen. Der Vorstand John Cryan hat sich auf eine Erklärungsformel beschränkt: mit blumigen Worten beschreibt er den Konzernumbau als Ursache für die Misere. „Unsere Ergebnisse des Jahres 2016 spiegeln sowohl den konsequenten Umbau der Bank als auch die Marktturbulenzen rund um unser Haus wider“, zog Vorstandschef John Cryan zuletzt vielsagend Bilanz. 

Cryan, der im Sommer 2015 angetreten war, hatte stets klargemacht, dass er auf Sicht von zwei Jahren keine großen Gewinne erwartet, sondern stattdessen radikal aufräumen will. Er drückte Abschreibungen auf das Kerngeschäft durch, trennte sich auch mit Verlust von Beteiligungen und beschleunigte die Vergleichsverhandlungen bei wichtigen Rechtsstreitigkeiten. In letzterem Punkt konnte er zuletzt wichtige Erfolge vermelden, weil zwei große Brocken abgeräumt wurden, die allerdings viel Geld kosteten: Für Tricksereien auf dem US-Hypothekenmarkt zahlte die Deutsche Bank umgerechnet rund sieben Milliarden Euro. Wie es in der Wirtschaft eigentlich üblich ist, werden bei der Deutschen Bank AG allerdings Manager und Beteiligte nicht angeklagt oder mit Schimpf und Schande vom Hof gejagt, sondern es werden stattdessen großzügige Abfindungen und ausstehende Boni bezahlt. Spätestens hier müssten klare Gesetzgebungen her, die solche „Machenschaften“ strengstens unterbinden und stattdessen Schadensersatzregelungen für Verantwortliche nach sich ziehen. Offensichtlich hat das weite Feld des Investmentbankings nicht nur die größten Umsätze gebracht, sondern auch die größten Betrügereien und raffiniertesten Tricksereien zutage gefördert. Alles unter dem Deckmantel der Frankfurter Konzernzentrale, die solche grenzwertigen Transaktionen so lange geduldet hat, bis man die US-Aufsichtsbehörden nicht länger täuschen konnte. Ein Armutszeugnis für ein Bankhaus, dass ursprünglich auf eine ruhmreiche Tradition zurückblicken konnte, allerdings bereits unter dem damaligen Chef Hilmar Kopper Anfang der 2000er Jahre den ersten echten Höhenflug gestartet hatte, welcher von Arroganz, Rücksichtslosigkeit und Überheblichkeit geprägt war und sich bis heute zu einer schmerzhaften Bruchlandung gewandelt hat.

COMMERZBANK VERKAUFTE WEGEN ZU GERINGER PROVISION KEINE ETF’S

Es hat lange gedauert, nun scheint den Indexfonds der Durchbruch auch im klassischen Filialgeschäft zu gelingen: Die Commerzbank wird Strategiedepots aus Indexfonds verkaufen, dieses Jahr startet damit die Tochter Comdirect. Anschließend wollen wir das auch in der Commerzbank anbieten, zunächst voraussichtlich ETF-Portfolios für Selbstentscheider und ohne Beratung“, sagt ein Mitarbeiter in einer schriftlichen Anfrage der Redaktion. Führungskräfte des Konzerns erwarten, dass in einem späteren Schritt auch die Berater in den Filialen solche ETF-Depots verkaufen werden.

Bislang haben die meisten Bankberater Indexfonds und ETFS (Exchange-Traded Funds) boykottiert, weil sich die Provisionen bei Gebühren von teils weniger als 0,1 Prozent pro Jahr für die Vertriebsabteilungen nicht lohnten.

Die Commerzbank kalkuliert nun anders: Sie dürfte für die ETF-Strategiedepots eine Gebühr verlangen, die voraussichtlich bei 1,25 Prozent pro Jahr liegt: Für den Filialbetrieb eine kleine Preisrevolution. Und trotzdem verdient das Frankfurter Geldhaus daran höhere Margen als beim Verkauf fremder Fonds. Auf die bei herkömmlichen Fonds üblichen Ausgabeaufschläge von rund 5 Prozent verzichtet die Commerzbank allerdings. Die seien „nicht mehr zeitgemäß“, sagt der Angestellte, anders als die ETF-Depots.

Die Bank reagiert mit ihrem Vorstoß auch auf Angriffe von Start-ups und konkurrierenden ETF-Anbietern. Marktführer Blackrock verkündete unlängst eine Allianz mit dem Frankfurter Fintech Youvestor. Für 1,25 Prozent Gesamtkosten bekommen Anleger dort ein Depot mit Blackrock-Fonds. Die Frankfurter Neugründung Vaamo wiederum offeriert seit März fünf ETF-Depots, die von den 37 000 hierzulande zugelassenen Honorarberatern an die Kunden verkauft werden sollen.

Wenn andere Filialbanken dem Schritt der Commerzbank folgen, könnte das den Indexfonds einen weiteren Schub verleihen. Denn Start-ups und digitale Robo-Advisors wie Vaamo, Liqid und Scalable haben den Nachteil, dass sie ohne menschliche Vertriebskräfte nur wenige Kunden erreichen. Nach wie vor kaufen selbst von denen, die sich digital über Finanzprodukte informieren, mehr als 60 Prozent ihre Fonds beim Berater, ergab eine gemeinsame Studie von Google, Postbank und dem Konsumforscher GfK.

Auch die Qualität der ETF-Anlagen würde steigen. Derzeit sind es vor allem die Spekulanten unter den Privatanlegern, die in Indexfonds investieren. Das kurzfristige Wetten auf einzelne exotische Märkte und Branchen und das ständige Kaufen und Verkaufen der vergleichsweise riskanten ETFs macht dann auch deren Kostenvorteil bisher zumeist schnell zunichte.

DOKUMENTENFÄLSCHUNG UND PROZESSBETRUG BEI SKANDINAVISCHER SEB-BANK

Die deutsche Tochter der schwedischen Bank SEB soll sich in einem Gerichtsprozess der Dokumentenfälschung schuldig gemacht haben. Das behauptet ein inzwischen insolventer Unternehmer und ehemaliger Kunde der Bank. „Das ist Urkundenfälschung und Prozessbetrug“, sagt ein Hamburger Anlegerschutz-Rechtsanwalt gegenüber Fraudanwalt. Die Bank habe versucht, sich mit den manipulierten Beweisen zu entlasten.

Es geht um simple Abrechnungen in einem komplizierten Fall: In Dresden begann ein Ingenieur im Jahr 2002 mit dem Bau eines Seniorenheims. Das Darlehen dazu bekam er von der SEB. Laut dem Ingebieur löste ein Fehler der Bank eine Kettenreaktion aus, an deren Ende er alles verlor: Das Heim und weitere Immobilien wurden zwangsversteigert. Er schätzt den Verlust auf knapp 30 Mio. Euro und fordert Schadensersatz.

In den Prozessen geht es unter anderem um Belege, die der Ingeniuer jahrelang einforderte, aber nie bekam. Anhand derer aber glaubt er belegen zu können, dass die Bank ihn betrogen habe. Ein Sachverständiger hatte errechnet, dass etwa die Zwangsversteigerungen nie hätten eintreten dürfen – weil des Ingeniuers Konten damals gar nicht leer gewesen seien.

Da der Ingenieur heute pleite ist, beantragte er für das Verfahren Prozesskostenhilfe. Doch sowohl das Landgericht Dresden als auch das Oberlandesgericht lehnten dies ab. Zur eigenen Entlastung hatte die SEB in beiden Verfahren die eingangs erwähnten Dokumente vorgelegt.

Einige Belege – datiert auf 2002 — ziert jedoch das aktuelle Logo der Bank, das es damals noch gar nicht gab. Als CEO wird im Briefkopf Fredrik Boheman geführt, als Aufsichtsratschef Magnus Carlsson. Beide waren damals noch nicht im Amt. Fraudanwalt hat der SEB die Belege vorgelegt und um Erklärung gebeten – die teilte jedoch nur mit: Wegen des „anhängigen Verfahrens möchten wir darauf verzichten, uns zu äußern“.

Die deutsche Tochter der schwedischen Großbank SEB steckt selbst in Schwierigkeiten. 2016 schrieb sie 8,6 Mio. Euro Verlust, musste bereits 200 von 700 Arbeitsplätzen abbauen. Der Rechtsstreit mit dem Ingenieur sorgt zudem seit Jahren für Unruhe. Und er wird weitergehen. Der Dresdner hat Beschwerde beim Verfassungsgericht gegen die Ablehnung der Prozesskostenhilfe eingelegt.

GOLDMAN SACHS: EINE BANK REGIERT DIE WELT

Mitte November 2016 klingelt Gary Cohns Telefon. Am anderen Ende der Leitung: Donald Trump, Presidentelect auf der Suche nach Mitstreitern, um America wieder great zu machen. Schwiegersohn Jared Kushner hat ihm die Nummer von Goldman Sachs‘ Chief Operating Officer zugesteckt. Die Bank versorgt Kushner seit Jahren mit Krediten für Immobilienprojekte.

Trump lädt Cohn ein, in sein Hochhaus an der Fifth Avenue zu kommen. Er solle ein Konzept mitbringen, wie Amerikas marode Infrastruktur dank der Finanzierungskraft der Wall Street repariert werden könne. Als Belohnung lockt der Vorsitz des mächtigen National Economic Council (NEC).

Kurz darauf erscheint der bullige Bankmanager zum Casting im Trump Tower. Die Männer verstehen sich auf Anhieb prächtig, beide sind profitorientiert, skrupellos, ungeduldig. „Gary ist der typische Trader, seine Aufmerksamkeitsspanne extrem kurz“, sagt einer, der ihn bestens kennt. Als Kind Legastheniker, ist Cohn noch heute kaum in der Lage, längere Texte am Stück zu lesen. Auch Twitter-Präsident Trump vertieft sich ungern in Details.

Cohn überzeugt Trump — und hat den NEC-Job sicher. Goldman ist Cohns Posten an der Seite des Präsidenten 285 Millionen Dollar Abfindung wert. Das und die fehlende Perspektive, CEO Lloyd Blankfein zu beerben, erleichtert den Wechsel. Ein steiler Aufstieg für einen, der daheim in Ohio einst Fensterrahmen verkaufte.

Die Episode zeigt Trumps Opportunismus – in Wahlspots hatte der Republikaner die Investmentbank noch als „korrupte Maschine“ diffamiert. Dazu wurde das Gesicht von Blankfein eingeblendet, wie Cohn Anhänger der Demokraten.

Vor allem aber belegt der Wechsel Cohns die einzigartige Fähigkeit der Bank, sich allen Anfeindungen zum Trotz immer wieder in den Machtzentralen einzunisten. Sein legendäres globales Alumni-Netzwerk in Regierungen, Zentralbanken und Aufsichtsbehörden macht „Government Sachs“ zum einflussreichsten Unternehmen der Welt.

Seit den 30ern geht das so. Damals ernannte Präsident Franklin D. Roosevelt CEO Sidney Weinberg zu seinem wichtigsten Berater, um den New Deal durchzudrücken. Chairman John Whitehead diente Ronald Reagan als Vizeaußenminister. Die Goldman-Spitzenkraft Robert Rubin  kassierte als Bill Clintons Finanzminister das Trennbankensystem — und entfesselte damit jene Kräfte, die Investmentbanker erst sagenhaft reich werden ließen und später die Finanzkrise auslösten.

Jetzt setzt Trump auf Goldman, neben Cohn hat er weitere Ex-Mitarbeiter angeheuert: Finanzminister Steven Mnuchin, Chefstratege Stephen Bannon, Wirtschaftsberaterin Dina Powell, zuletzt Leiterin der einflussreichen Goldman-Sachs-Stiftung. Die langjährige Führungskraft Jim Donovan ist Mnuchins Wunschkandidat als Unterstaatssekretär.

Seit Goldman mitregiert, schießen US-Bankaktien in Rekordhöhen, die Aussicht auf Deregulierung verspricht noch mehr Gewinn (schon 2016 verdiente Goldman netto 7,4 Milliarden Dollar). Währenddessen versinkt die europäische Konkurrenz in der Bedeutungslosigkeit – der zynische Schlussakt des großen Schlamassels, das in den USA mit irren Immobilienfinanzierungen begann.

Führend schon damals: Goldman, deren Trader Kunden Wertpapierschrott unterjubelten und sich selbst schadlos hielten.

Heute ist der Optimismus an der Wall Street wieder grenzenlos. Trump hat seinen Vollstrecker Cohn beauftragt, bis April die im Dodd-Frank Act komprimierte Finanzmarktregulierung zu überarbeiten. Für deren Komplettabschaffung fehlt den Republikanern zwar die „Supermehrheit“ im Kongress. Für das Ende des Eigenhandelsverbots sollte es aber locker reichen.

Dann könnten die Wall-Street-Banken, allen voran Goldman, die Grenzen zum Kundengeschäft wieder freihändig definieren und den Vorsprung zu stärker regulierten Rivalen wie Credit Suisse, Barclays und Deutsche Bank ausbauen. Der Kasinokapitalismus wäre zurück. Und wird das Trennbankensystem reanimiert, steigt Goldman als purste Investmentbank endgültig wieder zur allerersten Adresse auf.

Goldmans Werk und Teufels Beitrag: Wie schafft es das Geldhaus, immer wieder an die Schalthebel der Macht vorzudringen? Was kann es besser als die Konkurrenz? Und welche Zauberformeln sind von den Rainmakern als Nächstes zu erwarten?

White-House-lnsider John Rogers ist der wichtigste Mitarbeiter der Bank

Wer sich der Goldman-Zentrale an der Südwestspitze Manhattans nähert, sucht vergeblich nach Hinweisen darauf, dass hier der Welt mächtigste Investmentbank residiert. Kein Firmenschild, kein Logo ziert das 2010 fertiggestellte Hochhaus an der West Street, gegenüber dem brandneuen Freedom Tower, der die Lücke füllt, die 9/11 in New Yorks Herz gerissen hat. Auch das Fünfsternehotel „Conrad“, das sich an die Rückseite des Firmensitzes schmiegt, lässt keinen Rückschluss auf seinen Besitzer zu: Goldman Sachs.

Das schmucklose Äußere ist ein Relikt aus der Zeit vor dem Börsengang 1999, als Goldman eine reine Partnerschaft war und Diskretion alles.

Ein Produkt dieser Zeit ist John Rogers. Sein Titel „Chief of Staff and Secretary to the Board of Directors“ verschleiert, welche Bedeutung der unauffällige Mann mit der gemütlichen Figur hat. „John kontrolliert den Board“, sagt ein Insider. Und er ist seit 23 Jahren Goldmans Standleitung nach Washington.

Bereits in den 70ern arbeitete Rogers in der Presseabteilung des Weißen Hauses. Als Mitarbeiter von Ronald Reagan verteilte er Büros, Parkplätze, Titel und sogar Zeit-Slots für den Tennisplatz – im statusbesessenen Washington die beste Möglichkeit, sich zu vernetzen und Abhängigkeiten zu schaffen. Unter drei republikanischen Präsidenten organisierte Rogers die Macht.

1994 holte ihn CEO Jon Corzine zu Goldman und erfand den Posten des Chief of Staff. Ein cleverer Schachzug, der den Einfluss der Bank in Washington zementiert hat. 2006 half Rogers mit, dass Corzines Nachfolger Hank Paulson Finanzminister wurde. Zwei Jahre später ließ Paulson den Goldman-Rivalen Lehman untergehen, ehe er den Rest der Wall Street vor dem Kollaps rettete. Ein Lieblingsmotiv für Verschwörungsfanatiker.

Auf Trumps Wunsch hat Rogers in der Übergangsphase das Außenministerium umgekrempelt. Sein Kontakt zu Cohn ist eng, obwohl der nicht mit Ex-Kollegen über Bankthemen sprechen darf.

Rogers Verhältnis zu Blankfein gilt dagegen als irreparabel. Zu verschieden sind der feinsinnige Schattenmann und der Ex-Trader, man spricht nur das Nötigste.

Beide aber brauchen einander. Spätestens seit der Finanzkrise weiß das auch Blankfein. Barack Obama verachtete den Goldman-Chef, seit der leichtfertig witzelte, Gottes Werk zu verrichten.

Endgültig im Eimer war Blankfeins Image, als 2010 die Abacus-Deals aufflogen. Die Bank hatte Anleihen verkauft, die auf Schrotthypotheken basierten und sich in der Krise als weitgehend wertlos herausstellten.

Deren Ablauf ist stets ähnlich. Der Dresscode ist Business Casual, Altpartner erzählen den Frischlingen, was erwartet wird. Heuer referierte Wolfgang Fink, Co-Chef der deutschen Niederlassung und seit Jahren in Corporate Germany unterwegs. Die Jungschar lauschte ergriffen.

Höhepunkt des Initiationsritus ist stets der Auftritt eines Stargasts, interviewt von einem Bankvorstand. Das ist meist für beide nutzenstiftend. So holte Blankfein vor einigen Jahren Ben Horowitz auf die Bühne. Der Co-Gründer des Start-up-Investors Andreessen Horowitz verblüffte die Runde mit der Bemerkung, ihm sei völlig unverständlich, warum Goldman Sachs seine Wertpapierhandelsdaten für lau ins Bloomberg-System einspeise. In ihrer Ehre getroffen, beschloss die Bank nach kurzer Debatte, die Messagingplattform Symphony zu entwickeln. Die wird heute von Hunderttausenden Kunden genutzt und gilt als potenzieller Bloomberg-Killer.

Dieses Jahr war Patrick Collison zu Gast. Der schmächtige Ire mit den feuerroten Haaren ist eine der heißesten SiliconValley-Wetten: Ihm und Bruder John, den das Magazin „Forbes“ als weltjüngsten Selfmademilliardär listet, gehört der Paymentanbieter Stripe.

Das 650-Mann-Unternehmen ist satte neun Milliarden Dollar wert und Topkandidat für einen Börsengang, um den sich New Yorks Investmentbanker prügeln werden — Gebühren in dreistelliger Millionenhöhe locken. Die Chancen stehen nach dem Kennenlernen in den Spring Studios bestens.

Typisch Goldman. Seismografisch erspüren die Amerikaner Trends, knüpfen Kontakte, monetarisieren beides. Fehler werden rasch behoben, neue Geschäftsfelder ohne quälend lange Debatten erschlossen. Teure Zukäufe gibt es praktisch nie, Kollateralschäden wie Firmenwertabschreibungen, IT-Desaster, Postengerangel auch nicht. Beratung, Handel, Eigeninvestments – that’s it.

Klingt simpel, beherrscht aber niemand so perfekt wie die 1869 gegründete Bank, die die Namen der deutschen Auswanderer Marcus Goldman und Samuel Sachs trägt. Seit Jahrzehnten ist Goldman ein Effizienzmonster, skrupellos im Umgang mit Gegnern und nicht selten mit Kunden, bis heute.

Die Ur-Goldmänner, die schon vor dem IPO 1999 an Bord waren, wussten noch, dass sie ihre Verluste nicht bei den Aktionären auffallen.

Die Goldmänner wussten genau, was sie taten — und kassierten doppelt. Denn die Schrotthypotheken hatte ihr Klient, der Hedgefondsmanager John Paulson, ausgesucht und dann gegen sie gewettet. Paulson setzte erfolgreich auf den Immobiliencrash und kassierte Milliarden.

Die Börsenaufsicht SEC verhängte eine Rekordstrafe von 550 Millionen Dollar; das Magazin „Rolling Stone“ nannte Goldman einen Vampirkraken, der die Welt im Griffhabe. Gegen Blankfeins Willen feuerte Rogers den mächtigen Chefkommunikator Lucas van Praag und holte Jake Siewert an Bord, einen krisengestählten Politprofi. Als Clintons Sprecher hatte er einst die Lewinsky-Affäre durchgestanden.

„Wir hatten den Draht zur Öffentlichkeit verloren“, sagt Rogers heute. Inzwischen ist Goldman wieder satisfaktionsfähig – vor allem dank Strippenziehern wie Rogers und Siewert; auch Stiftungschefin Powell polierte fleißig mit.

Seinen Beitrag am Imagewandel spielt Rogers herunter. Die Bank sei erfolgreich, weil sie stets an ihrer Strategie festgehalten habe. „Goldman ist enorm widerstandsfähig“, ähnlich Muhammad Ali im „Rumble in the Jungle“, so Rogers. Im berühmtesten Boxkampf aller Zeiten steckte Ali stoisch Schläge ein, bis Gegner George Foreman ausgepowert war. Dann schlug er zu und gewann den epischen Fight.

Goldman Sachs in der Politik vernetzt

Für diese Strategie braucht Goldman Sachs die besten Banker. Und der Konzern weiß, wie man sie züchtet.

Die New Yorker Spring Studios bieten alles, was Investmentbanker für ein gelungenes Offsite-Meeting brauchen: Platz, Flair, exzellentes Catering. Gelegen in Manhattans ultracoolem Tribeca-Viertel (Nachbarn: Beyoncé & Jay-Z), besticht die Kreativagentur durch Vintage-Schick — außen Backstein, innen kalkweiße Wände, Stahl. Das Essen kommt vom Ableger der Pariser Restaurantlegende „Caviar Kaspia“. Ende April schlägt hier wie jedes Jahr Robert De Niros Tribeca Film Festival auf.

Im Februar hat sich Goldman für zwei Tage eingemietet. Es galt, 89 neue Partner auf ihr Leben im Elitezirkel der Bank einzustimmen. Der ist von gnadenlosem Erfolgsgeist geprägt sowie von exorbitanten Millionenboni. Und einem verschwörerischen Korpgeist.

Das Ziel, jedem Cent hinterherzuwetten, brachten erst Trader wie Cohn und Blankfein (dessen Bewerbung Goldman einst ablehnte) in die Bank.

Viele Pre-IPO-Partner sind indes längst weg, in der Politik oder sie pflegen ihre Hobbys. Wie Robert Mnuchin: Der Vater des Finanzministers, selbst lange Partner, betreibt eine kleine, feine Galerie an der eleganten Upper East Side.

Hemdsärmelige Typen wie Cohn oder der kürzlich ausgeschiedene Co-Europa-Chef Michael „Woody“ Sherwood, der gern im Privatflugzeug reist und einen Hang zu Trainingsanzügen aus Ballonseide hat, prägen jetzt das Image der Bank.

Die Business Principles von Ex-Chairman Whitehead („Unser Kundeninteresse steht immer an erster Stelle“) wurden seit dem Börsengang oft verletzt. Besonders der Abacus-Fall hat der Bank einen Schock versetzt. „Wir nehmen das sehr ernst, wir ändern uns. Die Hierarchien werden durchlässiger“, versichert ein Topmann. Man rekrutiert nicht mehr nur an Ivy-League-Unis, sondern auch an normalen Hochschulen, will bunter und diverser werden.

Das mache Goldman Sachs nicht besser, sagen dagegen die vielen Kritiker. Allenfalls gewöhnlicher und weniger attraktiv für High Potentials, die es ins Silicon Valley zieht und nicht mehr wie ehedem automatisch ins Investmentbanking.

Lässt sich so wenigstens ein neues Abacus vermeiden? Fälle wie der des Goldman-Kunden Tesla wecken Zweifel. Im Mai 2016 stufte Goldman die Aktie des E-Auto-Pioniers herauf und trieb den Kurs nach oben, um nach Börsenschluss Teslas Kapitalerhöhung durchzuziehen. Da ihre Gebühren vom Emissionserlös abhängen, verdiente die Bank mehr als ohne das Upgrade der Aktie.

Inzwischen hat sie das Papier mehrfach herabgestuft. So rosig seien Teslas Aussichten ja doch nicht.

Typisch Goldman, sagen Kritiker. Und ein Menetekel für die Zukunft,  wenn Trumps Einflüsterer Cohn das Rad der Geschichte zurückdreht.

Schnelle Dollars mit 9/11 verdient

Als am Morgen des 11. September 2001 die Hölle über Downtown Manhattan hereinbricht, ist Gary Cohn in seinem Element. Die brennenden Türme des World Trade Centers stehen kaum 1000 Meter von Goldmans damaligem Firmensitz an der Broad Street entfernt. Doch die Katastrophe, die 3000 Menschen das Leben kosten wird, spornt den Chef des Rohstoffhandels an. Cohn ahnt, dass die Attacken den Ölpreis hochtreiben werden – eine gute Chance, schnell ein paar Dollar zu verdienen.

Statt seine Mitarbeiter nach Hause zu schicken, treibt er sie an. „Gary sagte, was immer da draußen passiere, es habe mit Flugzeugen und damit auch mit Öl zu tun. Genau daran könne Goldman verdienen“, erinnert sich Nomi Prins, früher bei Goldman und nun Autorin mehrerer Bücher zur Finanzkrise.

Heute befehligt Cohn keine Händlerarmee mehr. Aber sein Einfluss auf die Kapitalmärkte könnte als Trumps Mann für die Wirtschaft größer kaum sein.

WAS BEDEUTET MACRON‘S SIEG FÜR DIE EZB-ZINSPOLITIK?

Seit knapp einem Jahrzehnt schon wird versucht mit der Einführung der Niedrigzinspolitik durch die Europäische Zentralbank (EZB), die Wirtschaft in Schwung zu halten und einer gefährlichen Deflationsspirale zu entgehen – so heißt es zumindest in der Erklärung der Währungshüter.

Doch die Deutschen erkennen mehr und mehr die Auswirkungen dieser expansiven Geldpolitik, in der mehr und mehr Geld gepumpt, der Markt künstlich aufgeblasen und der Zins immer weiter nach unten bis in den Minusbereich gedrückt wird. Nach dem Wahlsieg Emmauel Macron’s als nächster Präsident Frankreichs und der von ihm suggerierten Aufbruchstimmung der Franzosen in eine „neue Ära“ zusammen mit der Europäischen Union werden die Stimmen der Deutschen in Bezug auf die Geldpolitik der EZB immer lauter, in der Hoffnung, dass mit dem neuen Präsidenten und der Zeit des Wandels sowie der geplanten Umstrukturierung auch die Zeit des Nullzinses ein Ende nimmt. Über die Macron-Leaks lesen.

Denn die vermeintliche Ankurbelung der Wirtschaft scheint an den Deutschen vorbeigegangen zu sein – zumindest an den Großteil. Profitiert haben von dieser Geldpolitik vor allem die Südländer der Eurozone, die dadurch ihre Schulden ohne Schuldenschnitte abbauen konnten bzw. können und so einem Schuldenkollaps entkommen sind. Tatsächlich jedoch bringt eine hohe Inflation für den deutschen Sparer weniger Konsum und den Hang, in risikoreichere Anlageprodukte zu investieren, mit sich. Zudem werden ineffiziente Unternehmen durch die Möglichkeit, günstig an frisches Geld zu kommen, weiterhin bei der Stange gehalten und die Qualität des Kapitalstocks gesenkt. Sollten diese künstlichen Blasen platzen, stürzt die Wirtschaft in eine neue Krise.

Um nicht nur die Wirtschaft, sondern auch Politik zu schützen, hat sich der neue Präsident Macron hohe Ziele gesetzt. Mit dem Leitmotiv „sowohl als auch“ will er nicht nur die Bürger, die ihn gewählt haben, ob nun aus Protest gegen die rechtspopulistische Kandidatin Marie le Pen oder aus Überzeugung, sondern alle Franzosen, auch diejenigen, welche sich zur Wahl enthalten haben, überzeugen und auf seine Seite ziehen. Schließlich muss er noch die Mehrheit im Abgeordnetenhaus bei den bevorstehenden Parlamentswahlen im Juni erkämpfen. Diese will er unter anderem durch Vorsätze wie die „Moralisierung der Politik“, Angleichung der Renten, Reduzierung der Arbeitslosenquote und Lockerung des Arbeitsrechtes gewinnen. Weiterhin könnte Macron durch sein Einwirken zur Beendigung der Niedrigzinspolitik den Reformunwillen der Franzosen bändigen und damit seine innenpolitischen Gegner mundtot machen. Das schon längst überfällig zu scheinende Ende der expansiven Geldpolitik würde das Vertrauen der Sparer und Märkte steigern, die gefährlichen Ankäufe von Staats- und Unternehmensanleihen eindämmen und die Entstehung bzw. Vergrößerung neuer bzw. bestehender Blasen verhindern. Doch selbst mit dem jungen Staatschef, der nur so voller Tatendrang zu strotzen scheint, ist es eher unwahrscheinlich, dass sich die Währungshüter von dieser Euphorie und diesem Engagement insoweit beeinflussen lassen, dass sie ihre Vorgehensweise in diesem oder auch im kommenden Jahr ändern werden. Schließlich haben diese ja noch die anderen Südländer der EU im Nacken sitzen, die durch die Nullzinspolitik ihre hohen Schulden abbauen. Nicht, dass diese auch noch das Tabuwort „Exit“ in den Mund nehmen und mit einem Ausstieg aus der momentan sehr sensiblen Eurozone drohen.

Mit einer weiteren Senkung des Leitzinses in den Minusbereich ist jedoch auch nicht zu rechnen. Laut EZB-Direktor Yves Mersch, einem Mitglied des EZB-Führungsteams, sollten Diskussionen über jegliche Änderungen strukturiert und umsichtig diskutiert werden, ausgeschlossen werden diese aber nicht. Allem Anschein nach hängt der Verlauf der Geldpolitik der Europäischen Zentralbank also von Macron’s Reformpaket ab. Sollte dieses furchten, würde es Signale in die richtige Richtung lenken, der wirtschaftlichen Entwicklung Europas in die Karten spielen und der EZB einen Anlass für schrittweise Normalisierung des Zinsniveaus geben. Zudem ist Frankreich einer der wichtigsten Handelspartner für Deutschland. Nach dem Brexit, den Diskrepanzen mit Russland, der Stagnation der chinesischen Wirtschaft und den Türkei-Unruhen liegt es nur in dem Interesse der Deutschen, dass die französische Wirtschaft sich positiv entwickelt.

SPARKASSEN-MÄRCHENONKEL GEORG FAHRENSCHON BLAMIERT SICH

Sparkassenkönig Georg Fahrenschon musste sich des Öffteren wegen seiner umstrittenen Automatengebühr rechtfertigen. Die Sparkasse sind nicht mehr die Institute des Vertrauens, sondern versuchen mit listigen Tricks ihre Kunden abzuzocken – zum Fraudanwalt-Bericht.

Die umstrittene Automatengebühr der Sparkassen bringt den Instituten nur minimale Zusatzeinnahmen — bei einem großen Imageschaden. Wie eine Berechnung von Capital in Kooperation mit Barkow Consulting zeigt, nehmen die betreffenden Sparkassen mit den Automatengebühren für eigene Kunden zusammen allenfalls 20 Mio. Euro jährlich ein. In Relation gesetzt sind das maximal 0,2 Prozent des Vorsteuerergebnisses sämtlicher deutscher Sparkassen.

Die Institute haben sich mit der neuen Gebühr ein Problem geschaffen, ohne ihre Einnahmeseite wirklich zu stärken. Nachdem bekannt geworden war, dass viele vor allem kleinere Sparkassen mittlerweile auch bei eigenen Kunden Abhebegebühren verlangen, wurde der Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands (DSGV) Georg Fahrenschon öffentlich scharf angegriffen. Er hatte die Gebühr dementiert, da sie nur für bestimmte Kontomodelle gilt – und wurde in der „Bild“ dafür als „Märchenonkel von der Sparkasse“ verspottet.

Auf die 20 Mio. Euro kommt man, indem man von den 43 Sparkassen, die eigenen Kunden Gebühren berechnen, jene abzieht, die das nur bei „Mehrfachtätern“ tun. Denn: Laut Zahlen des Bankenverbands gehen die Deutschen im Schnitt nur 2,3-mal monatlich an den Automaten, während die Gebühr bei den meisten beteiligten Sparkassen erst ab der vierten Abhebung anfällt.

Berücksichtigt man also nur die 17 Institute, die das Entgelt schon beim ersten Geldziehen verlangen, ergibt sich bei einer Durchschnittsgebühr von 37 Cent eine Summe von 19,7 Mio. Euro pro Jahr. Dass die Gebühr bei den 17 Sparkassen nicht für alle Kontomodelle gilt, ist in dieser Zahl noch gar nicht berücksichtigt. Wirklich Geld verdienen die Banken hingegen über die Erhöhung der Grundgebühren. Geht man davon aus, dass diese zuletzt im Schnitt um etwa 1,50 Euro monatlich gestiegen sind, macht das bei rund 100 Millionen Girokonten 1,8 Mrd. Euro jährlich aus.

DEUTSCHE BANK: GOOD BYE JOHN CRYAN

Auf seinen Humor kann sich John Cryan, ganz Brite, verlassen. Sie sollten nicht alles glauben, was über ihn zu lesen sei, riet der Deutsche-Bank-Chef jüngst den im Londoner Winchester House versammelten Analysten, die seinen Ausführungen zur Konzernstrategie lauschten. So habe er aus der Presse erfahren, dass Gattin Mary daheim gern rosa Trainingsanzüge trage, was ihm bisher entgangen sei. Nun denn.

Ostentativ gelassen referierte Cryan auch die personelle Neuerung, mit der die Bank ihren Umbau flankiert: Retailvorstand Christian Sewing und Nochfinanzchef-Marcus Schenck, der bald das Investmentbanking leiten wird, werden zu Vize-CEOs aufgewertet. Dies sei seinen Überlegungen entsprungen, ließ Cryan durchblicken. Zu oft riefen ihn Stakeholder zu sich, zu oft müssten Sewing und Schenck dann einspringen. Die neuen Schulterklappen seien vor allem im Kontakt mit deutschen Kunden vorteilhaft.

Dass alle benötigt werden, um beim Sanierungsfall Deutsche Bank anzupacken, ist fraglos richtig. Auch die Chemie im Vorstand scheint zu stimmen, Cryan gilt als unprätentiös, fraudanwalt berichtete zur Deutschen Bank.

Über die Urheberschaft des Stellvertreter-Upgrades gibt es im Konzern allerdings auch eine andere Lesart. Danach kam der Anstoß von Paul Achleitner. Der Aufsichtsratschefhabe den Druck unzufriedener Investoren weitergegeben, Cryan sich fügen müssen.

Vor allem der Katarer Hamad Bin Jassim Bin Jabor Al-Thani  und Vermögensverwalter Blackrock waren lange verstimmt über die Performance der Bank, Achleitners zögerliches Krisenmanagement und Cryans Zahlenschubserei. Zwar wird anerkannt, dass der CEO endlich ernsthaft sparen will; aber er schaffe es nicht, Ertragserosion und Personalflucht zu stoppen und Aufbruchstimmung zu verbreiten. Cryan brauche Hilfe.

Nachdem im Herbst Aktien und Anleihen in den freien Fall übergegangen waren, wurde der Veränderungsdruck von außen wie von innen immer größer. Achleitner selbst hatte wenig zu befürchten, personelle Alternativen zum Aufsichtsratschef fehlten. Dafür, so die alternative Deutung der heiklen Personalien, nimmt er Entfesselungskünstler Cryan geschickt in die Pflicht: Mit der Einsetzung der Vize-CEOs wird Belegschaft und Kunden signalisiert, dass Cryans Defizite erkannt seien.

Ein derart eingezäunter CEO ist einmalig in der Historie der Bank. Ab sofort gilt Cryan, dessen Verhältnis zu Achleitner belastet scheint, als Auslaufmodell; Schenck und SeWing laufen sich warm. Achleitner wiederum hat seine Wiederwahl aufder Hauptversammlung im Mai endgültig gesichert und schon die nächste CEO-Generation positioniert.

Für ihn zählt vor allem das Jahr 2020. Dann wird die Bank 150 Jahre alt, und Cryans Vertrag läuft ab. Bleiben bis dahin weitere Horrornachrichten aus, kann Achleitner einen neuen CEO küren und sich für weitsichtige Erbfolgeregelung feiern lassen.

Dafür muss die neue Strategie zünden. Die wird als Befreiungsschlag gepriesen, ist aber allzu bekannt: Die Postbank soll nun doch reintegriert, das gerade erst gesplittete Finanzierungs- und Handelsgeschäft wieder vereint und das Kapital erhöht werden. Neu ist nur der Börsengang des Asset Managements.

Unter Beobachtung steht weiter das im Projekt „Jade“ verfolgte Modell mit den selbstständigen, eigens kapitalisierten Sparten Investmentbanking, Retail und Asset Management unterhalb eines Holdingvorstands. Das allerdings ist intern umstritten, rechtlich komplex und langwierig.

Und damit nichts, womit sich Cryan noch allzu intensiv beschäftigen muss.