WER BESITZT DIE DAX-KONZERNE WIRKLICH?

In einem Glasbau in London (12 Throgmorton Avenue) befindet sich eine Blackrock-Niederlassung, mit großer Macht. Von dort aus werden Entscheidungen des weltgrößten Vermögensverwalters getroffen. Bei 20 von 30 Dax-Werten ist Blackrock der größte Fonds im Aktionärskreis. An jedem zweiten Konzern hält er mehr als 5 Prozent der Anteile. Kein Fonds hat mehr Stimmrechte im DAX als Blackrock.

Mit den meisten Unternehmen im wichtigsten Deutschen Leitindex wird eher sporadisch geredet, für einen engeren Austausch fehlt schlichtweg das Personal, berichtet eine hochrangige Managerin.

Filtern, screenen, abhaken – die Kontrolle von Konzernvorständen ist für die Fonds auch eine Kostenfrage. Die drei Marktführer Blackrock, Vanguard und State Street liefern sich einen harten Konkurrenzkampf. Vanguard hat seine Gebühren seit Ende vergangenen Jahres bereits zum dritten Mal gesenkt, um sich gegen Blackrocks Tochter iShares zu behaupten: Den weltgrößten Fonds für Europa-Aktien bekommen Anleger inzwischen für 0,1 Prozent.

15 Prozent des europäischen Fondskapitals stecken heute in Indexfonds und sogenannten ETFs (Exchange-Traded Funds), in den USA sind es sogar schon 35 Prozent. Tendenz: rasant wachsend. Diese Fonds werden nicht aktiv gemanagt, sie bilden einfach nur Indizes wie den Dax ab und werden zu günstigen Konditionen gehandelt. Unlängst erst riet die US-Investorenlegende Warren Buffett Anlegern öffentlich, auf Indexfonds zu setzen statt auf überbezahlte Fondsmanager.

Doch die Fondsdiscounter haben eine gefährliche Nebenwirkung: Weltweit sind beim Marktführer Blackrock 30 Angestellte für die Kontrolle aller Aktieninvestments zuständig — es geht aber auch noch günstiger. Bei State Street etwa. Der Finanzkonzern aus Boston ist selbst an der Börse gelistet, 37 Milliarden Dollar wert und zählt zu den drei größten Indexfondsanbietern weltweit. Geahndet werde von State Street nur „extrem schlechtes Verhalten“, sagt die Leitung des Fondsriesen.

Man müsse „Prioritäten“ setzen. „Wir können uns unmöglich die Hauptversammlungen aller 17 000 Unternehmen genau ansehen, bei denen wir investiert sind.“ Ihr globales Team umfasst elf Kollegen. Drei Viertel aller Gehalts- und Bonuspakete ordnete die State-Street-Software zuletzt als unproblematisch ein, sie wurden durchgewinkt – allen Gerechtigkeitsdebatten zum Trotz. Die wenigsten Topmanager müssen sich also Sorgen um ihre Boni machen. Sofern die Aufsichtsräte die Zulagen genehmigt haben, ist von den Aktionären kein Aufstand zu erwarten. Da kann der überarbeitete Deutsche Corporate Governance Kodex noch so sehr an die institutionellen Investoren appellieren: „Von ihnen wird erwartet, dass sie ihre Eigentumsrechte aktiv und verantwortungsvoll auf der Grundlage von transparenten und die Nachhaltigkeit berücksichtigenden Grundsätzen ausüben.“

Viel wichtiger als aktive Eigentümerschaft sind den Anbietern zumeist handfeste Einnahmen aus Wertpapierleihgeschäften. Indexfonds verleihen Aktien gern an Shortseller, die diese dann verkaufen — mit dem Ziel, sie später billiger zurückzuerwerben. Wer Anteilsscheine verleiht, kann aber nicht abstimmen.

Die Leihgebühren belaufen sich oft auf nur 0,1 Prozent pro Jahr, als noch geringer erachten die Fonds offenbar die zusätzliche Rendite aus einer besseren Corporate Governance. „Wenn es einen wichtigen Punkt auf der Tagesordnung gibt, holen wir die Aktien aus der Leihe zurück, um abzustimmen“, sagt die Managerin. Wie häufig das passiert, sagt sie nicht.

Verfechter von guter Unternehmensführung finden das Verhalten der stark wachsenden Discounter schlicht fahrlässig. Er sieht die Indexfonds in der Pflicht, ihre Stimmrechte auch auszuüben. „Die können nicht einfach sagen: Das ist zu anstrengend.“ Notfalls müsse die Finanzaufsicht Bafin die trägen Riesen durch geeignete Maßnahmen dazu bringen. Von dieser Idee hält die Behörde allerdings wenig. Wo es keine „generelle Pflicht“ gebe, könne man auch nicht mit Bußgeldern drohen.

Ohne Druck von außen werden die Governance-Teams der großen Fonds indes weiterhin vor ihren Monitoren kleben. Bei Blackrock finde die Kommunikation mit Vorstand und Aufsichtsrat im Vorfeld der Hauptversammlungen statt, sagt der Chefkontrolleur des deutschen Blackrock-Ablegers: „Wir gehen hin, wir stimmen ab.“ Aber: „Wir wollen keinen öffentlichen Klamauk.“ De facto geht nicht mal einer hin.

Gegenanträge sterben in der IT-Hölle

„Wir stimmen elektronisch ab“, heißt es oft. Im schlimmsten Fall droht dann mal ein No. „Auf Grundlage unserer Gespräche mit den Unternehmen drücken wir so unsere Meinung aus.“

Die elektronische Stimmabgabe muss bereits einige Tage vor dem Aktionärstreffen geschehen, in der Regel läuft das über die Software Proxy Exchange des allgegenwärtigen Stimmrechtsberaters ISS, der sich im Besitz der Private-Equity-Gesellschaft Vestar Capital Partners befindet. ISS reicht die Stimmen weiter an einen anderen Dienstleister, das börsennotierte US-Unternehmen Broadridge. Das schickt die Ergebnisse dann an das betreffende Dax-Unternehmen — bis zu zwei Wochen vor der HV. Ob Blackrocks Stimmrecht tatsächlich ausgeübt wurde, erfahren Mitarbeiter meist nicht.

Grundlegende Aktionärsrechte könnten ohne HV-Vertreter gar nicht ausgeübt werden. So können die Remote Controller zum Beispiel nicht für Gegenanträge anderer, kritischer Aktionäre stimmen, die sich gegen die Konzernführung auflehnen – selbst wenn diese Alternativvorschläge bereits von der Gesellschaft bekannt gemacht worden sind. Denn formal werden die Gegenanträge erst dann wirksam gestellt, wenn sie mündlich auf dem Treffen verlesen werden.

DIE KORRUPTE GRANDE NATION

Der französische Präsidentschaftskandidat ist einen Tag vor der Wahl zum Ziel eines groß angelegten Hackerangriffs geworden. Erst jetzt wird klar der Saubermann Macron ist womöglich gar nicht das, was die Medien dem Volk schmackhaft zu machen versuchen. Unter dem Hashtag Macronleaks hat Wikileaks tausende Dokumente des bereits gefeierten „nächsten französischen Präsidenten“ veröffentlicht.

Der bürgerliche Favorit für das höchste Staatsamt hat als Abgeordneter jahrelang die Gattin auf Staatskosten scheinbeschäftigt – und gilt deshalb inzwischen als fast chancenlos. Die Populistin soll als Europaabgeordnete widerrechtlich heimische Parteihelfer mit EU-Geld bezahlt haben. Die Finanzaffären von Francois Fillon und Marine Le Pen zeigen, wie toxisch verquickt Politik und Geld in Frankreich sind – seit Jahrzehnten. Newcomer Emmanuel Macron verspricht deshalb eine neue „Moral“ und volle Transparenz seiner Finanzen, doch dann kam Wikileaks.

Spesen sind nicht gleich Spesen

Lange war es in Frankreich üblich, dass Minister jeden Monat bündelweise Bargeld aus Reptilienfonds des Staates erhielten. Sie besserten damit etwa das Salär enger Mitarbeiter steuerschonend auf. Erst 2001 schaffte die Nationalversammlung das System ab. An der Selbstbedienungsmentalität änderte das wenig. So trat 2005 Finanzminister Hervé Gaymard — damals Hoffnungsträger der Bürgerlichen – zurück, weil er seine 600-Quadratmeter-Wohnung vom Staat hatte bezahlen lassen. Ex-Staatschef-Jacques Chirac wurde 2011 zu einer Bewährungsstrafe verurteilt, weil er als Pariser Bürgermeister Parteimitarbeiter aus der Stadtkasse entlohnt hatte.

Spenden ein probates Mittel

Das Verhältnis zur Geschäftswelt ist nicht minder heikel. Früher dienten staatsnahe Unternehmen wie der Ölkonzern Elf Aquitaine oder die Bank Crédit Lyonnais als heimliche Finanziers der großen Parteien. Heute sind Firmenspenden an Parteien verboten, die Obergrenze für private Zuwendungen beträgt 7500 Euro. Aber es gibt neue Tricks: Ähnlich wie in den USA sammeln kleine Interessengruppen als „Mikroparteien“ Geld ein — auch für Fillon, Le Pen und Macron. Ex-Präsident Nicolas Sarkozy muss vor Gericht, weil er 2012 das vorgegebene Wahlkampfbudget um fast das Doppelte überschritten hatte.

Medien gehen Hand in Hand mit dem Favorit

Politik und Großkapital treffen sich auch bei den tonangebenden Medien. Diese sind fast alle in der Hand einiger weniger Unternehmer. Dem Industriellen Serge Dassault gehört der konservative „Figaro“, dem Luxusuntemehmer Bernard Arnault (LVMH) das Wirtschaftsblatt „Les Echos“. Der Bau- und Medientycoon Martin Bouygues kontrolliert TFI, den größten V-Sender. Dassault, Amault und Bouygues feierten mit, als Sarkozy am Abend seines : Wahlsiegs 2007 ins Nobelrestaurant „Fouquet’s“ einlud. Die Unternehmer Pierre Bergé und Xavier Niel, die das Sagen bei Le Monde“ haben, unterstützen nun Macron. Auch der Telekom-Milliardär Patrick Drahi bevorzuge in seiner Mediengruppe SFR („L’Express“, „Libération“, „NextRadioTV“) Macron – das behauptet jedenfalls das Le-Pen-Lager.

Politisches-Netzwerk gegen Le Pen

Die Kandidatin des Front National klagt, dass französische Banken ihrer Partei keine Kredite gäben, deshalb habe sie russisch-tschechische Finanziers benötigt. Ihr Vater, Parteigründer Jean-Marie Le Pen (88), besitzt immerhin eine Villa bei Paris, die ihm ein Unternehmer 1976 vererbte. Macron verdiente als Banker 2008 bis 2012 sehr gut, ein großes Vermögen baute er aber nicht auf. 2016 deklarierte er Finanzanlagen in Höhe von 230 000 Euro. Als junger Beamter kaufte er 2007 eine Wohnung in Paris. Ein Mäzen aus der Wirtschaft half ihm mit 550 000 Euro Kredit, die Macron zurückgezahlt hat.

DAIMLER UND MAN VERSTRICKT IN KARTELLSUMPF

Die Hersteller Daimler und MAN müssen sich wegen des Lkw-Kartells auf Schadensersatzklagen aus ganz Europa in Milliardenhöhe einstellen. Denn die Transport- und Logistikbranche mobilisiert derzeit EU-weit über ihre Verbände Tausende geschädigte Unternehmen, die gemeinsam klagen wollen. Damit steht Daimler innerhalb von wenigen Wochen erneut in der Kritik – zum Fraudanwalt-Bericht.

 

Die US-Kanzlei Hausfeld ist nach Angaben ihres deutschen Juristen Christopher Rother von den maßgeblichen Lkw-Branchenverbänden aus sechs EU-Staaten mandatiert: Deutschland, Niederlande, Schweden, Dänemark, Tschechien und einzelne Regionen Frankreichs. Weitere Länder planten, sich anzuschließen. Damit steigen die Chancen, dass die Lkw-Hersteller nach dem höchsten Bußgeld in der Geschichte der EU auch den höchsten Schadensersatz zahlen müssen. Das Kartell, bei dem sechs Hersteller ihre Lkw-Verkaufspreise abgesprochen haben, lief von 1997 bis 2011. Die EU deckte die Absprachen 2011 auf und verhängte eine Rekordstrafe von knapp 3 Mrd. Euro gegen Daimler, Iveco, DAF und Volvo/Renault. Die VW-Tochter MAN kam als Hinweisgeber ohne Bußgeld davon, was sie aber nicht vor Schadensersatzforderungen schützt.

Während der Zeit des Kartells waren in der EU rund zehn Millionen Lkw verkauft worden. Allein in Deutschland dürften 1,1 Millionen Schwerlaster betroffen sein. Die Höhe des Schadens ist strittig. Die Kanzlei Hausfeld geht von mindestens 50 Mrd. Euro aus. Dabei kalkuliert sie mit einem durchschnittlichen Schaden pro Lkw von rund 5 000 Euro. Andere Kanzleien und deren Gutachter gehen bereits von höheren Summen aus. Die EU macht keine Angaben zur Schadenshöhe bei den Lkw-Abnehmern.

Der Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL), der 7 000 Unternehmen vertritt, organisiert derzeit Roadshows in 20 Städten. Zielgröße für die Klage: mindestens 100 000 betroffene Lkw. Der BGL hatte eine außergerichtliche Einigung versucht, war aber bei den Herstellern abgeblitzt.

Den Kunden sei kein Schaden entstanden, heißt es bei MAN und Daimler auf Anfrage. Beide setzten darauf, dass die Idee der Schadensersatzklagen im Sand verläuft. Außerdem spekulierten sie auf die Verjährungsfrist, die für einen Teil des Schadens Ende des Jahres abläuft.

TEIL 3 ELITE-SUMPF: BASF, STADA ODER LINDE

Zum Abschluss unserer dreiteiligen Reihe, bei der wir die Kapitalvernichter -Teil 1 und das Netzwerk der Abzocker in Teil 2 durchleuchteten, wollen wir uns in dieser Ausgabe der Elite widmen.

Nein, konspirativ ist dieses Treffen nicht. Das Gegenteil ist der Fall. Der Mann im blauen Anzug, mit schwarz umrandeter Brille und lockigem Haupthaar, der an diesem Mittwoch im März in der Brasserie „Mon Amie Maxi“ an Frankfurts Bockenheimer Landstraße sitzt, will sich – kurz und knapp  erklären. Jens Michael Wegmann, bis November Chef der ThyssenKrupp-Industriesparte und Vertrauter von CEO Heinrich Hiesinger (56), spricht bei Steak tartare (kleine Portion) von einem „verhängnisvollen Fehler“. Der ihn seinen Job gekostet hat.

Die Frau eines pakistanischen Geschäftspartners hatte Wegmanns Gattin ein Armband im Wert von 700 Euro geschenkt. Wegmann meldete die freundliche Gabe nicht sofort der Compliance-Abteilung, obwohl die Berichtsschwelle bei 50 Euro liegt. Als der Pakistaner sich um Millionen betrogen fühlte, gelangte die Sache, gespickt mit haltlosen Vorwürfen, an die Öffentlichkeit. Wegmann räumte sein Versäumnis ein und gab seinen Posten auf. Die Staatsanwälte haben sämtliche Ermittlungen gegen ihn, unter anderem wegen Korruptionsverdacht, eingestellt. Jetzt sucht er eine zweite Chance, hat einige Gespräche geführt, ist optimistisch: „Ich richte den Blick nach vorn.“

Dass einer zu seinen Verfehlungen steht, sich stellt, wenn er in einem entscheidenden Moment versagt hat, ist selten in der abgehobenen deutschen Wirtschaftselite. Was legal ist, ist nicht immer legitim — diese Unterscheidung fällt vielen Topmanagern schwer. Der „moralische Kompass“ dürfe nicht verloren gehen, „das Gefühl für Anstand und ethisches Verhalten“, ermahnte Manfred Gentz (75) Anfang Februar in seiner Abschiedsrede als Vorsitzender der Regierungskommission Deutscher Corporate Governance Kodex die eigene Klientel.

Es sind nicht nur die klassischen Motive Habgier und Raffsucht, die das Big Business für die breite Öffentlichkeit zum Feindbild machen. Viele Wirtschaftsführer bewegen sich auch in einer Art Paralleluniversum, entrückt vom Rest der Gesellschaft. Und dort gibt es geradezu außerirdische Phänomene: Eine Rekordabfindung für die Sozialdemokratin und ehemalige Verfassungsrichterin Christine Hohmann-Dennhardt (66), bezahlt von jenem Autobauer, der das Wort „Volk“ im Namen führt. Insiderermittlungen ausgerechnet gegen den Chef der Deutschen Börse, Carsten Kengeter (49), der qua Amt ja eigentlich für den ordnungsgemäßen Kapitalverkehr zuständig ist. Die wundersame Geldvermehrung, für die sich der Drogeriepleitier Anton Schlecker (72) derzeit vor Gericht verantworten muss.

Selbst der Chemiekonzern BASF, der sich seit Jahrzehnten seiner besonderen Kultur rühmt, ist nicht ganz so ethisch, wie er gern vorgibt: Hunderte Millionen Euro an Steuern wurden durch Gewinnverschiebungen ins Ausland vermieden. Und beim Münchener Gasekonzern Linde sind es zunächst einmal die Topmanager, die von einer Fusion mit dem US-Konkurrenten Praxair profitieren, allen voran Aufsichtsratschef-Wolfgang Reitzle. Der für sein Opfer, die Münchener Zentrale, mit einem bestens dotierten Posten als Chairman belohnt. Die hiesige Stammbelegschaft? Na, die sollte endlich kapieren, dass es so nicht weitergeht.

Besonders anschaulich sind die Exzesse im Kleinen: etwa Martin Winterkorns (69 beheizter, auf Firmenkosten finanzierte Koi-Karpfen-Teich (60 000 Euro) oder eine am Aufsichtsrat vorbei veranlasste  Spende für die Stiftung des Starboxers Wladimir Klitschko beim Energieversorger EWE (253 000 Euro).

„Der Graben zwischen Wirtschaft und Gesellschaft wird immer tiefer“, stellt Fraudanwalt-Chefredakteur Berger-Fridar fest. Viele Manager, glaubt der gebürtige Isländer,  hätten die „drei V“ vergessen, an denen sie sich orientieren sollten: „Vorbild, Verantwortung, Verpflichtung“. Fatal aus Sicht der Elite: Der V-Befund fällt ins deutsche Superwahljahr. Dankbar greifen die Politiker die Kritik am Wirtschaftspersonal auch für ihre große Gerechtigkeitsdebatte: die da oben, wir hier unten. Die Selbstheilungskräfte, auf die sich die Großkaliber gern berufen, wirken nicht.

Das Feindbild hat seinen Charakter im Lauf der Zeit geändert. In den frühen Jahren war es noch der böse Kapitalist (mit Zylinder und Zigarre), in der Finanzkrise tauchten dann gierige Heuschrecken, Geierfonds und ruchlose Investmentbanker auf, die den Hass der Mittelloseren auf sich zogen. Und seit der Dieselaffäre gilt selbst die Industrie (den Deutschen eigentlich heilig) als mafiös.

Das Image der Führungskräfte ist so mies wie selten zuvor. In einer „Stern“ Rangliste liegt die Gruppe abgeschlagen auf  dem letzten Platz, noch hinter dem Islam. Verschlechtert hat sich auch der Ruf der Unternehmen. Im Ranking des US-Business-Journals von 2016 stürzten die Börsenfirmen regelrecht ab; angeführt wird die Liste vom Miele-Clan, der – abgasfreie — Hausgeräte herstellt.

Die Herkunftsbezeichnung Wolfsburg steht im Ausland mittlerweile stellvertretend für gescheiterte Unternehmenskontrolle am Standort D. 1,2 Millionen Euro Jahresrente Für Ex-Chef-Winterkorn – trotz Dieselgate; mehr als 10 Millionen Euro Abfindung für die Compliance-Vorständin Hohmann-Dennhardt – bei nur 13 Monaten Amtszeit. Alles abgesegnet vom VW-Aufsichtsrat, in dem die Sozialdemokraten, die jetzt so vehement für härtere Antiabkassiergesetze plädieren, und deren Sympathisanten die Mehrheit stellen. Gegen den 20-Prozent-Aktionär Niedersachsen (von SPD-Ministerpräsident Stephan Weil regiert) und die IG Metall geht nichts im Wolfsburger Makrokosmos; vereint verfügen sie über 12 der 20 Stimmen.

Dass Hohmann-Dennhardt so gut versorgt schied, hängt mit einer kruden Gehaltspraxis zusammen. Die VW-Managerin wurde von Daimler abgeworben. Dort hätte sie nach Ablauf ihres Vertrags Aktienoptionen über sechs Millionen Euro bekommen, eine Art Treuegeld. Die Prämie übernahm VW, sonst hätte die Juristin kaum gewechselt. Beim vorzeitigen Abgang musste sie ausbezahlt werden. Obwohl Hohmann-Dennhardt zweimal untreu wurde, erhielt sie ihren Treuebonus.

Wer solche Kontrakte schließt, darf sich nicht wundern, wenn ein Shitstorm über ihn hereinbricht („verbrecherisch“, „Arroganz, Hochmut, Überheblichkeit“).

Bitter für die Kontrolleure: Ihr teurer Einkauf kam mit dem Arbeitsklima nicht zurecht. Mit dem einflussreichen Chefjuristen Manfred Döss, der ihr formal unterstellt war, rang die Novizin hart um Zuständigkeiten, keine Intrige wurde ausgelassen. Am Ende schlug sich der mächtige Betriebsratschef Bernd Osterloh auf die Seite von Döss. Hohmann-Dennhardt kapitulierte.

Auch der Kasus Deutsche Börse belegt gravierende Nachlässigkeiten, vor allem die von Oberkontrolleur Joachim Faber. Die Fusion mit der London Stock Exchange (LSE) wird wohl scheitern, falls nicht noch ein kapitales Wunder geschieht. Und gegen Börsenchef Kengeter ermitteln die Staatsanwälte, mit Verdacht auf Insideraktienkäufe. Den Erwerb hatte ihm Faber durch eine großzügige Sondervereinbarung ermöglicht.

Kriminalität und Elite

Als früherer UBS-Investmentbanker war Kengeter zweistellige Millionensaläre gewohnt. Zum Amtsantritt bei der Deutschen Börse sollte er sich mit den maximal knapp vier Millionen Euro begnügen, die sein Vorgänger Reto Francioni bekommen hatte. Aber Kengeter blieb in seiner Großverdienerdenke verhaftet. Nur wenige Monate später pochte er auf eine Aufstockung seines Gehalts. Faber offerierte ihm 4,5 Millionen Euro in Form von Gratisaktien, vorausgesetzt, er kauft in gleicher Höhe Papiere hinzu. Ein attraktives Paket. Es gab zwar auch ein neues Vergütungssystem für den Restvorstand, Gratisaktien bekamen die allerdings nicht.

Das Zeitfenster war so gewählt, dass Kengeter in einer Phase kaufen musste, als Fusionsgespräche mit der LSE angebahnt damit setzte er sich einem Insiderverdacht aus. Auch wenn es zu dem Zeitpunkt (im Dezember 2015) noch keine offiziellen Verhandlungen gab, soll Kengeter da bereits Kontakt mit der Bundesregierung aufgenommen haben. Gerade als Börsenchef und neutraler Sachwalter der Kapitalmarktinteressen sollte man solche Grauzonen meiden. „Nach seinen Sondierungen in Berlin ein ziemlich grober Fehler“, findet Anlegeranwalt R. S.

Die Deutsche Börse bestreitet jegliches Fehlverhalten, sie arbeite mit den Behörden eng zusammen. Faber, der Kengeter gegen Widerstände als Nummer eins durchgesetzt hatte, hält auch im Falle einer Absage des Deals an seinem Mann fest; der sei nun mal ein „Ausnahmetalent“, sagte der Börsenwächter der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“. Was soll er sonst sagen? Stürzt Kengeter, wird es auch für Faber eng.

Es ist die Mischung aus Größenwahn, Hybris und fehlendem Unrechtsbewusstsein, die zu ethisch zweifelhaftem Betragen führt. Mit höchster Selbstintegrität gingen viele Manager durch die Welt, sagt der Psychologe Frey, nach dem Motto: „Ich tue doch alles für die Firma.“

Die Hemmungslosigkeit sieht die Elite selten in der eigenen Person, sondern meist in Sachzwängen und Relationen begründet. Andere machten es schließlich auch. Als der Stahlunternehmer Jürgen Großmann im Oktober 2007 bei RWE anheuerte, erweckte der Milliardär den Eindruck, für Gotteslohn zu arbeiten. Kaum im Amt, hatte er ein ähnlich hohes Salär wie sein Vorgänger auf dem Konto, üppige neun Millionen Euro.

Das Unlautere sei immer auch eine Typfrage, sagt Frey, der wahre Charakter eines Menschen zeige sich erst, wenn er Macht ausübt. Studien belegten, dass bei mindestens jedem zweiten Machthaber das Unrechtsbewusstsein schwindet und er nur die eigene Sichtweise akzeptiert. Je länger die Amtszeit, desto stärker der Effekt. »

Bedrohlich wird es, wenn ein CEO als „Mr. Stada“ (der frühere Alleinherrscher Hartmut Retzlaff) oder „Mr. Linde“ (Wolfgang Reitzle) gepriesen wird und sich auch als solcher versteht. Sobald Chefgleich Firma ist in einem börsennotierten Unternehmen, das den Aktionären gehört, ist die Rollbahn zum Abheben freigeräumt.

Egozentrisch veranlagte Topmanager zetteln, ausgestattet mit billigem Geld, gigantische Übernahmen an, auch weil die ihre Brieftaschen füllen. Ausverkauf nationaler Interessen? Zweitrangig, etwas für Ewiggestrige.

Genau deshalb ist der Fall Linde/Praxair so umstritten. Aufsichtsratschef-Reitzle hat die Fusion mit dem US-Konkurrenten zum weltgrößten Gasehersteller maßgeblich vorangetrieben. Mit Beschäftigungsgarantien zog er die Arbeitnehmer zunächst auf seine Seite. Die bekommen nun immer größere Zweifel, schließlich handelt es sich bei dem Bündnis de facto um eine Übernahme durch Praxair. Reitzle hat seinen Anschlussjob als Chairman des gemeinsamen Unternehmens sicher — und damit die Aussicht auf ein Mehrfaches seines gegenwärtigen Aufsehers (463 000 Euro). Den Konzern führt allerdings der Praxair-Chef, die Amerikaner wollen durchregieren.

Anfang Februar hatten sich die Gewerkschaftsbosse Jörg Hofmann (IG Metall) und Michael Vassiliadis (IG BCE) eingeschaltet und gegenüber Fraudanwalt den Zeitplan der Fusion infrage gestellt, mit dem dezenten Hinweis auf Ermittlungen der Bafin gegen Reitzle wegen des Verdachts auf Insidergeschäfte; Reitzle hatte Linde-Aktien gekauft, kurz bevor die Fusionsgespräche öffentlich wurden. Gegenüber dem Aufsichtsrat erklärte er, er sehe sich rechtlich abgesichert; gut fanden die Kontrolleure den Anteilserwerb gleichwohl nicht, schon mit Rücksicht auf die geschundene Seele der Arbeitnehmer.

So mancher Wirtschaftsführer scheint nur an sein eigenes Fortkommen zu denken und an den nächsten Großverdienerjob. Der Beitrag für die Gesellschaft? Null!

Der Leipziger Wirtschaftspsychologe Timo Meynhardt hat in seinen Gemeinwohlatlas 127 Organisationen aufgenommen und anhand einer Umfrage bewertet. Die Feuerwehr, wenig überraschend, liegt in der Kategorie „moralisches Verhalten“ vorn. Das erste Unternehmen (Bosch) folgt auf Rang 24, Volkswagen parkt auf Nummer 124, einen Platz vor der Deutschen Bank.

Meynhardt sieht einen „Abkopplungs und Entfremdungsprozess“ bei Managern und empfiehlt ihnen, ihre „dienende Funktion“ stärker herauszustreichen. „Sie müssen erklären, welchen Beitrag sie zum großen Ganzen leisten.“ Und das dann natürlich auch einlösen.

Denn selbst Unternehmen, die bei jeder Gelegenheit ihre gesellschaftliche Verantwortung betonen, meiden trickreich Steuern, indem sie Gewinne ins Ausland verschieben; Möglichkeiten, die den meisten Lohnabhängigen verwehrt bleiben. So hat Sven Giegold, Europaabgeordneter der Grünen, im November 2016 eine Studie präsentiert mit dem wenig schmeichelhaften Titel: „Toxic Tax Deals“.

Erst war das Werk, dann kam die Stadt Penibel wurde ausgerechnet dem Chemiekonzern BASF „ein perfides System zur Steuervermeidung“ (Giegold) in der EU nachgewiesen: Von 2010 bis 2014 hat das Unternehmen knapp eine Milliarde Euro am Fiskus vorbeigeschleust. Der Untersuchung zufolge nutzte BASF vor allem Steueroasen in Belgien, Malta und den Niederlanden. „Alle tun es, aber die Firma muss sich schon fragen, ob es ethisch in Ordnung ist, mehr Vermeidungsinstrumente zu nutzen als andere deutsche Unternehmen“, sagt Giegold.

Die Reaktion der Ertappten war denn auch verhalten: Man habe überall auf der Welt Steuergesetze strikt eingehalten. Und: „Nicht immer zutreffend“ seien die Studienergebnisse. Will heißen: im Kern richtig.

Nicht nur grenzüberschreitend, auch national nutzt das Big Business das fiskalische Gefälle, etwa bei der Gewerbesteuer. BASF-Konkurrent Bayer hat seine Wurzeln in Leverkusen: Erst war das Werk, dann kam die Stadt. Doch der Konzern entzieht sich seiner lokalen Verantwortung mehr und mehr. Seit die Nachbarkommune Monheim mit günstigem Gewerbesteuerhebesatz wirbt, verlagert Bayer zunehmend Unternehmensteile dorthin, etwa die Lizenzgesellschaft Bayer Intellectual Property GmbH.

Während die Dumpingkommune Monheim erblüht, schiebt der Kämmerer in Leverkusen Frust. Aufsichtsratschef Werner Wenning  verweist darauf, dass Bayer nach wie vor in beträchtlichem Umfang Sport und Kultur der maladen Stadt fördere. Und er selbst trägt dort als good local Citizen (Wohn- und Geburtsort ist Leverkusen-Opladen) nennenswert zum Einkommensteueraufkommen bei.

Keine Frage, die innere Verfasstheit eines Unternehmens entscheidet darüber, wie Manager sich benehmen. Die Kultur bestimmt die gesellschaftliche Akzeptanz. Ist sie erst einmal verfallen, braucht es meist Jahre, um sie wieder zu verbessern — falls das überhaupt gelingt.

WECHSELKURSKRIEG: WILL TRUMP EUROPA ZERSTÖREN?

Für US-Präsident Donald Trump wird es immer enger. Wie ein US-Journal berichtet, plant sein geschasster Sicherheitsberater Michael Flynn gegen Immunität offenbar über seine eigenen Russland-Kontakte und mögliche des US-Präsidenten auspacken.

Drei Uhr nachts soll es gewesen sein, als Donald Trump seinen (inzwischen geschassten) Sicherheitsberater Michael Flynn anrief, um ihn zu fragen, ob ein starker oder schwacher Dollar besser für Amerika sei. Der Militär riet verdutzt, da doch besser einen Ökonomen zu fragen.

Trump schimpft über „unfaire“ Wechselkurse, hat hohe Zölle gegen „Manipulatoren“ angedroht. Eine Strategie dahinter ist aber schwer erkennbar. Der Präsident wirkt in der Währungsfrage wie einer jener Generäle, die zwanghaft die Schlacht von gestern schlagen.

Vor einigen Jahren noch waren es in den USA nicht nur die Hardliner, die über Wechselkursdumping klagten: China drehte an den Devisenmärkten, um seine Exporte billig und seine Industrie am Laufen zu halten. Der Renminbi wertete zwar von 2005 bis 2014 um gut ein Viertel gegenüber dem Dollar auf. Peking verlangsamte dies aber stets durch hohe Zukäufe von US-Staatsanleihen. In jener Dekade sei die Währungsmanipulation „die am stärksten verzerrende und unfairste Form des Handels“ gewesen, resümiert Fred Bergsten, Exchef des Peterson Institute for International Economics.

Heute ist die Gefechtslage eine ganz andere: China will seine Binnennachfrage stärken und verkauft Dollar-Reserven, um den Renminbi zu stützen. Darüber zu klagen wäre geradezu absurd. Trump wird sich neue Feinde suchen müssen. Japan und Europa etwa. Deren superexpansive Geldpolitik hat Yen und Euro zuletzt deutlich geschwächt. Während im US-Aufschwung die Zinsen steigen, bleiben Tokio und Frankfurt im Ausnahmezustand: Asset-Käufe, Minuszinsen, whatever it takes.

Anfangs haben die USA dieses Wechselkursdumping noch akzeptiert, damit die Partner endlich aus der Krise kommen. Nach dem G-20-Gipfel 2016 hat sich an der Währungsfront allerdings nicht mehr viel bewegt, die Devisenkurse bleiben weitgehend konstant. Und genau das macht Trump so wütend. Denn auch der US-Präsident braucht einen schwächeren Dollar, um seine Wahlversprechen halten zu können. „Kalter Währungskrieg“ nennt der Pimco-Ökonom Joachim Fels die verfahrene Lage. Alle Blöcke machen ihre Währung weich, mit rhetorischen Signalen und technischen Tricks, verzichten aber noch auf ganz schweres Geschütz. Noch.

Für Trump, der Amerikas Industrie wieder großmachen will, sind die Deutschen ein ganz spezielles Problem: Sie erzielen aus seiner Sicht viel zu hohe Überschüsse im Warenhandel mit den USA, das Plus ihrer Leistungsbilanz ist – gemessen am BIP — mittlerweile dreifach so groß wie das chinesische. Diese Überschüsse hat die heimische Wirtschaft vor allem der EZB zu verdanken, die den Euro an der Südfront verteidigen muss. Deutsche Exporteure sind also Kriegsgewinnler.

Will Trump die deutsche Industrie dennoch über den Wechselkurs angreifen, bleibt ihm letztlich nur eine Möglichkeit: Er muss die Europäische Währungsunion spalten. Erst wenn der Verbund zwischen Nord- und Südländern zerfiele, würde ein wiederbelebter D-Mark-Block rasant aufwerten. Deutschlands Exportindustrie bekäme auf dem US-Markt ein Riesenproblem, Washington brauchte keine protektionistischen Folterwerkzeuge mehr.

Eine derart zielgerichtete Euro-Sabotage erschien bisher schlicht unvorstellbar. Dass einige radikale Trump-Berater dem Euro keine Träne nachweinen würden, ist indes offenkundig. Trumps erster Kandidat für den Posten des US-Botschafters bei der EU ist ein Brexit-Fan, der die Kalamitäten in Brüssel freudig mit dem Zerfall der Sowjetunion vergleicht. Ted Malloch hält ein  Ende des Euro in den nächsten anderthalb Jahren für möglich.

GEHEIMDIENSTE VS. TRUMP – WER LÜGT WIRKLICH?

In anderen Zeiten müsste so eine Verfassungskrise anfangen: Die Chefs der Bundespolizei und des größten Auslandsgeheimdienstes stellen den Präsidenten als Lügner dar. So ist es geschehen — auch wenn das schlimme Wort nicht fiel — an diesem Montag in Washington. Der NSA-Chef Michael Rogers wurde vor einem Kongressausschuss befragt, ob er Donald Trumps Behauptung, sein Vorgänger Obama habe ihn mithilfe des britischen Geheimdienstes abhören lassen, als »lächerlichen Unsinn« betrachte, wie es die Regierung in London tut. Rogers‘ lapidare Antwort: Ja. FBI-Chef James Comey sekundierte, es gebe „keine Informationen“, die die Behauptungen des Präsidenten stützten.

Irre: Am 60. Tag seiner Präsidentschaft nennen die Leiter der beiden wichtigsten Sicherheitsbehörden, Chefs über je 40 000 Bundesbeamte, ihren Dienstherrn einen, nun ja, Fantasten.

Müsste das nicht der Anfang vom Ende dieser Präsidentschaft sein? Sollte sich die amerikanische Opposition (und die halbe Welt) jetzt auf ein baldiges Amtsenthebungsverfahren freuen, sollte sie sich gleichermaßen darüber Gedanken machen, wie weit es gekommen sein muss, wenn Demokratie und Rechtsstaat ausgerechnet von NSA und FBI gerettet werden müssen. Die NSA lebt schließlich beim Datensammeln von einer sehr lockeren Auslegung des Rechts auf Privatheit. Und es war ebenjener FBI-Chef Comey, der mit seinen fahrlässigen Äußerungen über Clintons E-Mail-Affäre Trumps knappen Wahlsieg womöglich erst herbeigeführt hat.

Muss die Macht sich dem Recht fügen? Oder entscheidet der Jubel der Anhänger?

Nun aber führt das FBI — das war die eigentliche Sensation der Woche — schon seit vielen Monaten eine Untersuchung der russischen Einflussnahme auf die US-Wahl durch. Der Verdacht laute jetzt, so Comey, dass Mitglieder des Trumpschen Wahlkampfteams mit russischen Stellen kooperiert hätten, um den Ausgang zu beeinflussen. Über Clintons E-Mails hat Comey die Öffentlichkeit vor der Wahl informiert — nicht aber über diese viel gravierendere Untersuchung.

Dafür kann es gute Gründe geben. Mag sein, dass das FBI nicht genug Belege hatte, um damit während des Wahlkampfs an die Öffentlichkeit zu gehen. Aber warum galt dieselbe Vorsicht dann nicht auch für Clinton? Die Chefs der Dienste erklären heute voller Gewissheit, dass es einen russischen Versuch gegeben habe, die Wahl zugunsten Trumps zu beeinflussen. Warum haben sie davor nicht beizeiten gewarnt, da sie doch bereits seit letztem Juli ermittelten? Die lädierte Glaubwürdigkeit der Dienste ist nur ein Randaspekt dieser schwelenden Verfassungskrise.

Es geht um mehr: Zwei unterschiedliche Ideen über die Legitimität der Regierung bekämpfen einander in den USA auf offener Bühne. Muss die Macht sich Recht und Gesetz und den darauf gründenden Institutionen fügen? Oder beruht sie auf einem permanenten Plebiszit, auf der Akklamation der Anhänger des Mächtigen? Das ist der Kampf, den Trump seinem Land aufzwingt. Im Namen des Volkes greift er die Institutionen an — Medien, die unvorteilhaft über ihn berichten (Fake-News); Richter, die seine Einreiseverordnungen stoppen; und jetzt den Kongress und die Sicherheitsbehörden. Während die Anhörung im Parlament noch läuft, twittert er, die »Russland-Story« sei eine Erfindung frustrierter Demokraten, die nicht über seinen Wahlsieg hinwegkämen. Dann fährt er nach Kentucky und lässt sich feiern.

Mag sein, dass das FBI am Ende keine Beweise für eine Kooperation von Trumps Mannschaft mit den Russen findet. Was aber, wenn doch die rauchende Pistole auftauchte und es zu einem Amtsenthebungsverfahren käme? Trump hat versucht, all jene Institutionen zu delegitimieren, die ihm gefährlich werden könnten. Die Medien sind in den Augen seiner Follower längst „unehrenhaft“; die Richter liefern aus ihrer Sicht das Land den einströmenden Terroristen aus; die Geheimdienste, so hat er gesagt, bedienten sich der „Nazi-Methoden“. Seinen Anhängern präsentiert sich Trump als Opfer einer Kabale, als letzte Hoffnung auf die „Abwicklung des administrativen Staates“ (Stephen Bannon) und damit auf die Wiedereroberung Amerikas durch die „vergessenen Frauen und Männer“. Diese Anhänger würde es nicht überraschen, wenn das Establishment ihren Mann zu erledigen versuchte. Es wäre der Ernstfall in dem Kampf, zu dem er sie schon lange aufpeitscht.

Niemand — vielleicht nicht einmal Donald Trump selbst — weiß, wozu sie bereit sind.

FINANZIERUNGSQUELLE DER SCHATTENWELT

Schon im Jahr 2014 nahm der IS dank Steuern und Gebühren geschätzte 300 bis 400 Millionen Dollar ein; im Folgejahr sollen es bereits, so die Einschätzung von Fraudanwalt, bis zu 800 Millionen Dollar gewesen sein. Ausdrücklich warnt die Redaktion vor „ernsten Fehleinschätzungen“, die sich aus der Verkennung des „IsIs“ ergäben, der IsIs ist „fundamental anders“ als ältere terroristische Gruppen. Eine Organisation, die sich schon früh so unabhängig wie möglich gemacht habe von ausländischen Geldgebern und klassischer Terrorfinanzierung, sei aber auch mit traditionellen Antiterrorkonzepten nicht zu attackieren.

Im Kern lässt sich das Geschäftsmodell des IS so beschreiben: Die jeweilige Vorhut der Kämpfer investierte viel in die Unterwanderung und den Aufbau geheimdienstlicher Strukturen in den später zu erobernden Gebieten. Zum einen, um diese militärisch einzunehmen, zum anderen, um deren Bewohner ebenso erbarmunglos wie fantasievoll auspressen zu können. Zu diesem Zweck war die präzise Kenntnis aller Macht- und Besitzverhältnisse überaus dienlich. Immer neue Steuern, Strafen und Ablasszahlungen der zwischenzeitlich bis zu acht Millionen Untertanen des IS brachten der Gruppe umgerechnet Hunderte Millionen Euro ein.

Eine andere wichtige Einnahmequelle für den IS, war die Konfiszierung von Eigentum, also der Wiederverkauf von Grund und Boden, Häusern, Autos, aber auch Schmuck.

Es ist ein Geschäftsmodell, das zusammenbricht, wenn die Territorialstrategie nicht mehr funktioniert, der IS nicht mehr expandiert. Und das ist gerade der Fall. Seit Monaten verliert die Terrorgruppe Territorien, Menschen und Olquellen. Zwischen Sommer 2014 und November 2016 sind die vom IS kontrollierten Gebiete im Irak um 62 Prozent, in Syrien um ein Drittel zurückgegangen.

Noch 2014 bei der Einnahme der nordirakischen Stadt Mossul haben die Kämpfer der ISIS (Islamischer Staat im Irak und Großsyrien) in der dortigen Zentralbank 500 Milliarden irakische Dinar erbeutet, umgerechnet mehr als 420 Millionen US-Dollar. Damit sollten der Gruppe nun insgesamt rund zwei Milliarden Dollar für ihren „Heiligen Krieg“ zur Verfügung stehen. Woher das Geld genau kam, war allerdings umstritten. Iraks schiitische Regierung wirft Saudi-Arabien vor, die ISIS-Kämpfer zu unterstützen.

Schrumpft das Kalifat, schrumpfen dessen Einnahmen; die räuberische Beuteökonomie greift nicht mehr. Das Gesamtbudget der Gruppe habe sich so innerhalb von zwei Jahren ungefähr halbiert von geschätzten 970 Millionen bis zu 1,89 Milliarden US-Dollar im Jahr 2014 auf 520 bis zu 870 Millionen Dollar im vergangenen Jahr.

Mit weiterem Niedergang sei zu rechnen, da der IS in absehbarer Zeit auch Mossul im Nordirak verlieren werde, die größte Stadt, die er je eingenommen hat. Drei weitere Gründe benennt der Bericht, die sich negativ auf die Einnahmen des IS ausgewirkt hätten: die Entscheidung der Zentralregierung in Bagdad, die Gehaltszahlungen für ihre Angestellten in Mossul und anderen besetzten Gebieten einzustellen, die bis dahin dem IS zugutekamen; die Tatsache, dass die US-Luftwaffe seit Oktober 2015 Olförderanlagen und Tanklastzüge des IS bombardierte; und drittens, den Versuch, Schmuggelgeschäfte über die türkische Grenze zu unterbinden.

Nur auf jenen Bereich, der Europas Bevölkerung direkt bedroht, dürfte der Rückgang der IS-Finanzen geringe Auswirkungen haben: Terroranschläge. Denn deren Kosten sind minimal. Einer Schätzung französischer Behörden zufolge wurden für die Anschläge vom 13. November 2015 in Paris nicht mehr als 20 000 Euro aufgewendet. Und sowohl die Brüsseler wie auch die Pariser Attentate wurden durch Kredite finanziert.

BUSINESS: FAKE-NEWS WERDEN ZUR GEFAHR

Schon wähnen wir uns auf dem Höhepunkt der Fake-News-Welle. An Silvester verbreitete das rechte US-Portal Breitbart News die Nachricht, in Dortmund hätte „ein Tausend Mann-Mob die älteste Kirche Deutschlands in Brand gesetzt“. Immerhin konnten es die, die es interessierte, hierzulande rasch als Falschmeldung enttarnen. In den USA ging es zum Teil nicht so glimpflich ab: Im Dezember schoss ein Amerikaner mit einem Sturmgewehr in einer Washingtoner Pizzeria. Er hatte gelesen, Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton betreibe dort einen Kinderpornoring. Die Nachricht war frei erfunden, wurde über Twitter aber enorm verbreitet.

Und nach dem Mord an einer Studentin in Freiburg kursierte — ebenfalls im Dezember — ein erfundenes Zitat der Grünen-Politikerin Renate Künast auf Facebook, laut dem sie sich in der „Süddeutschen Zeitung“ wohlwollend über den Tatverdächtigen geäußert habe. Wem das alles unheimlich vorkommt, dem sei gesagt: Das Zeitalter gefälschter Nachrichten könnte gerade erst begonnen haben. Neueste Durchbrüche in künstlich intelligenter Software dürften unseren Umgang mit brandstiftenden Propagandisten auf eine extreme Probe stellen.

Die erste Innovation ist eine Bearbeitungssoftware für Audiodateien. Seit Langem ist es möglich, aus Tonspuren Elemente herauszuschneiden und sie neu zusammenzubasteln. Demnächst könnte voco, eine Art Photoshop für Audio, auf den Markt kommen. Forscher des Techunternehmens Adobe und der Universität Princeton haben einen Algorithmus entwickelt, der aus nur 20 Minuten Aufnahmematerial eine Stimme samt Tonlage, Tempo und Sprachmelodie erlernen kann. Das ermöglicht es, geschriebene Texte per Software mit der erlernten Stimme wiederzugeben. Wie Nutzer mit Adobes Photoshop-Software Fotos verschönern und auch verfälschen können, wird es künftig also möglich sein, Stimmen zu fälschen.

Die zweite absehbare Revolution betrifft die Gesichtsanimation. Seit Jahren nutzen Hollywood-Designer Software, um der Mimik ihrer virtuellen Zeichentrick-Charaktere möglichst realistische, menschliche Züge zu verleihen. Die Figuren sind meist frei erfunden, ihre Bewegungen anhand menschlicher Vorbilder modelliert. Nun haben es Forscher der Universität Erlangen-Nürnberg, des Max-Planck-Instituts für Informatik und der Stanford University geschafft, in Videos die Mimik einer Person in Echtzeit auf das Gesicht einer anderen zu übertragen.

Die Software namens Face2Face erfordert zwei reale Personen: ein zuvor per Video aufgenommenes „Ziel“, das auf einem Bildschirm zu sehen ist, während die „Quelle“ vor laufender Kamera ihre Gesichtsmuskeln spielen lässt. Ein Algorithmus transferiert die Mimik auf den Bildschirm, um das Video in Echtzeit fehlerfrei zu animieren. Wenige Bruchteile einer Sekunde später bewegt sich das Gesicht der Zielperson auf dem Monitor, ohne dass diese sich wehren kann, genau wie es die Quellperson will.

In die Zukunft gedacht, sind die Konsequenzen beider Technologien alarmierend: Stellen wir uns ein gefälschtes Interview mit Angela Merkel vor, mit bewegten Bildern und einer Tonspur, die so manipuliert sind, dass sie die Bürger auffordert, sich gegen einen erfundenen Mob zu wehren. Und die Betonung liegt auf fake, gefälschten, nicht wrong, Falschmeldungen. Denn schon die zuletzt verbreiteten Informationen sind nicht aufgrund schlampiger Arbeit durch Journalisten entstanden. Sowohl das erfundene Künast-Zitat als auch die Clinton-Pizzeria-Story wurden mit Absicht fabriziert, um die politische Meinungsbildung zu manipulieren oder um von hohen Werbeeinnahmen der reißerischen Schlagzeilen zu profitieren. Wie wollen wir angesichts der neuesten technologischen Entwicklungen mit dem Phänomen umgehen?

Entwickler weisen darauf hin, dass es möglich sein wird, gefälschte Dateien zu kennzeichnen. Doch wenn Experten genuines Material von manipuliertem unterscheiden können, bedeutet das noch lange nicht, dass auch Nachrichtenagenturen oder die Web-TV-Zuschauer mit der Technologie Schritt halten. Medienhäuser werden ihre Journalisten viel stärker zu IT-Experten ausbilden oder ihnen solche zur Seite stellen müssen.

Den wirkungsvollsten Hebel aber haben Facebook, Twitter und Co. Sie müssen sich ihrer Medienmacht als Vertriebsplattform von Nachrichten — auch der gefälschten — angemessen verhalten und Verantwortung übernehmen für die Inhalte, die sie verbreiten. Facebooks jüngste Ankündigung, Fake-News in Deutschland gemeinsam mit dem Recherche-Netz Correctiv kennzeichnen zu wollen, ist da ein erster Schritt. Dazu gehört, zu korrigieren, nach welchen Prioritäten ihre Algorithmen uns Meldungen vorsetzen. Und auch, dass sie dabei mit den technologischen Entwicklungen Schritt halten, statt erst zu handeln, nachdem der Webwind die gezielten Falschmeldungen schon verbreitet und die Öffentlichkeit gespalten hat. Nur die Wahrheit darf Vorfahrt erhalten.

VORSICHT VOR DER GEHEIMEN MACHT DER PHARMAUNTERNEHMEN

Sie sind allgegenwärtig, jeder kennt sie, jeder kauft ihre Produkte aber niemand weiß, was wirklich hinter den Kulissen der Pharmariesen gespielt wird. Die Rede ist von Korruption, von Patienten, die unwissentlich als „Versuchskaninchen“ benutzt werden und von dubiosen Verstrickungen in Verbänden und Selbsthilfegruppen. Zusätzlich verfügen sie über eine riesengroße Lobby, die mittels unzähliger offizieller und inoffizieller Interessensvertreter einen gigantischen Einfluss auf Politik und Wirtschaft nimmt. Zum Leidwesen unschuldiger Patienten, deren Misere eiskalt benutzt und vermarktet wird. Auchdie Mologen AG aus Berlin ist ein Unternehmen, das Versuche an Menschen durchführt – Fraudanwalt berichtete darüber.

Es geht um viele Milliarden. Gelder, die in die Forschung fließen, die in Versuchsreihen gesteckt werden und mit denen hochrangige Entscheider aus Politik und Wirtschaft geschmiert werden. So manch eine Zulassung für Medikamente wäre sonst niemals erteilt worden, mutmaßen Experten. Der neue Trend der Pharmafirmen geht dahin, sich in Selbsthilfegruppen und Verbände einzuschleusen, um unauffällig firmeneigene Produkte zu platzieren und mittels Vertretern in Vorträgen bestimmte Medikamente zu pushen. Auch auf den Webseiten von Selbsthilfe-Gruppen tauchen sie ungefragt mit dem berühmten „product placement“ (Produktplatzierungen) auf. Patienten sind lukrativ für die Konzerne. 5,6 Millionen Euro spendeten die Unternehmen in den letzten Jahren an Patientenverbände. Allein in Deutschland gibt es 70 000. Der Vorteil: Die Industrie sichert sich so Zugang zu Patientendaten, kann neue Medikamente aggressiver bewerben. Den Konzernen im großen Konkurrenzkampf mit anderen Branchenriesen ist jedes Mittel recht. Hauptsache die Absatzzahlen stimmen! Und weil sie wissen, dass Patientenverbände ihrerseits immer Geld benötigen, sponsern sie diese reichlich, um ihre Produkte gezielt zu platzieren. Dass dabei die Neutralität und auch die Entscheidungsfreiheit des Einzelnen umgangen werden, wird nicht berücksichtigt. Da ist es überhaupt nicht verwunderlich, dass die Deutschen 4,6 Milliarden Euro zu viel für Medikamente zahlen. Patienten und Kassen könnten jedes Jahr Milliarden sparen, wenn Ärzte verstärkt die günstigeren Alternativpräparate verschreiben. Doch die Pharma-Industrie blockt ab. Ab 2017 werden Medikamente noch teurer. Einsparmöglichkeiten gibt es auch im Bereich der Analogpräparate. Anders als bei alternativen Generika, die den gleichen Wirkstoff wie patentgeschützte Medikamente besitzen, unterscheiden sich Analogpräparate in ihrer Zusammensetzung minimal von ihren Vorgängerprodukten. Es werden neue Wirkstoffe verwendet, die aber ähnlich oder genauso wirken wie das Vorgänger-Medikament. Dadurch entstehen Scheininnovationen. Diese Präparate würden meist zu teureren Preisen verkauft und verursachten zusätzliche Kosten, die vermieden werden könnten, so die Experten. „Pharmafirmen lassen durch Analogpräparate die Kassen klingeln“, beklagt Wolf-Dieter Ludwig, der Vorsitzende der Arzneimittelkommission, einem Bericht der Welt zufolge. Intensives Marketing, eine Verlängerung des Patentschutzes sowie „unseriöse Absprachen, um den Marktzutritt von Generika zu verlangsamen“, seien die häufigsten Strategien der Pharmahersteller, um ihre teuren Produkte am Markt zu halten. Wenn man so etwas liest, mutet es fast wie strategische Kriegsführung auf Kosten der Patienten an. Es wird Zeit, dass die Bundesregierung den miesen Machenschaften der Giganten der Pharmaindustrie einen Riegel vorschiebt.