VEGAS COSMETICS: FERNANDES VERPRASST 20.000 € FÜR LÖSCHUNG, MÜSSEN VERTRIEBSPARTNER WARTEN?

Die Vegas Cosmetics GmbH unter der Leitung des „Cosmetic-Papsts“ Carlos Fernandes mit Sitz in der Lise-Meitner-Str. 4-6, Groß-Umstadt ist in die Kritik des Verbraucherverbundes Fraudanwalt geraten – zum Fraudanwalt-Bericht. Grund dafür ist eine Mitteilung eines ehemaligen Vertriebspartners, der kein gutes Haar am Strukturvertrieb oder auch MLM-System (Multi-Level-Marketing) von Carlos Fernandes und seinem „Kosmetik-Konzern“ gelassen hat.

Er sagte gegenüber der Redaktion-Fraudanwalt, dass Vegas Cosmetics auf ihn einen Eindruck machte, als würden in den Schulungen „sektenartige“ Methoden vorherrschen und kritisierte, dass neue Vertriebspartner zum Einstand die Produkte von Vegas Cosmetics aus eigener Tasche kaufen müssten. Das bedeutet, dass Vegas Cosmetics an neuen Vertriebspartnern verdient und als Gegenleistung eine Verkaufsschulung anbietet, um später an dem Vertriebsmitarbeiter gleich vielfach zu verdienen. Das Provisionsmodell ist als Pyramide aufgebaut, weshalb die Spitze – Carlos Fernandes natürlich das größte Stück vom Kuchen abbekommt- immer! Wir empfanden diese Umstände als unseriös und folgten unserer Aufgabe, vor Betrug und Missmanagement zu warnen – ohne jedoch dabei Vegas Cosmetics zu verurteilen. Jedoch, wie es bei MLM Struktur-Vertrieben oder dubiosen Anbietern von Geldanlagen häufig der Fall ist, wenn sie ertappt wurden, beginnen sie scharfe Geschütze aufzufahren. Doch wir bleiben für unsere Leser standhaft und löschen die Berichte nicht.

Vegas Cosmetics zahlt Kölner Kanzlei 20.000 €

Der Verbraucherverbund Fraudanwalt erhielt ein Schreiben von einer Anwaltskanzlei aus Köln im Auftrag von Vegas Cosmetics und dem Drahtzieher des Kosmetik-Imperiums Carlos Fernandes. Darin heißt es, dass die Redaktion Fraudanwalt gegenüber Vegas Cosmetics und ihren Anwälten eine Unterlassungserklärung abgeben soll. „Denn die Berichterstattung würde ihnen missfallen“. Aus dem Schreiben geht hervor, dass Vegas Cosmetics an die Kanzlei 20.000 € für diesen Dienst zahlte und nunmehr von Fraudanwalt neben der Unterlassungserklärung auch noch eine „Aufwandentschädigung“ fordert. Weshalb versucht die Vegas Cosmetics GmbH aus Groß-Umstadt seine Kritiker mundtot zu machen und investiert eine fünfstellige Summe? Wäre dieses Geld nicht besser bei Vertriebspartnern oder Kosmetik-Produkten angelegt?

Schulden: Zahlt Vegas Cosmetics die Vertriebspartner aus?

Ein Blick in die letzte Bilanz (2015) von Vegas Cosmetics lässt mehrere Deutungsmöglichkeiten zu. Einerseits stellt sich die Frage, weshalb das Unternehmen um Carlos Fernandes keine Bilanz von 2016 vorlegt. Waren möglicherweise die Zahlen ungenügend und eine anwaltliche Löschung wie er es bei seinen Kritikern versucht, nicht möglich? Versucht er deshalb, den Veröffentlichungszeitpunkt hinauszuschieben?

Es ist aus der 2015er Bilanz erkennbar, dass sich die Verbindlichkeiten der Kosmetikverkäufer deutlich erhöht haben. Knapp 1 Mio. € müssen innerhalb eines Jahres zurückgezahlt werden, so steht es im Vermerk innerhalb der Bilanz. Werden möglicherweise die Provisionsgelder von Vertriebspartnern nicht rechtzeitig ausbezahlt? Oder welche Art von „Schulden“ türmen sich dort Jahr für Jahr auf. Die von Vegas Cosmetics beauftragte Kölner Anwaltskanzlei kostete allein 20.000 € und warf der Redaktion vor, fälschlicherweise die Vermutung eines Schneeballsystems aufzuwerfen. Die Anwältin so wörtlich: “Ein Schneeballsystem würde niemals so lange funktionieren…“. Das ist die Begründung dafür, dass Carlos Ferndandes kein Schneeballsystem betreibt – damit geben wir uns nicht zufrieden. Auf Werbeseiten von Vertriebspartnern des Unternehmens sind häufig Villen, Anzugträger und schnelle Autos zu sehen, trügt möglicherweise der Schein? Klar ist, dass das Unternehmen weitaus höhere „Schulden“ als „Einnahmen“ ausgleichen muss – und das innerhalb von 12 Monaten. Wer noch offene Provisionsforderungen hat, sollte sie nicht auf die lange Bank schieben. Denn, wie immer, beißen den Letzten die Hunde. Unsere Vermutung zu dem mutmaßlichen Schneeballsystem erhärtet sich die neue Situation, denn zu Beginn werden immer Gelder ausbezahlt um weitere Mitstreiter zu finden – irgendwann, wenn genug verdient ist, platzt die Blase.

Haben Sie Erfahrungen mit Vegas Cosmetics gemacht oder sind ehemaliger Vertriebsmitarbeiter? Dann schreiben Sie uns Ihren Bericht an [email protected]

DIE VERDECKTEN MONOPOLISTEN

Die Frühjahrsauktionen seltener Uhren in Genf dominierte in diesem Jahr eine Marke: Rolex. Starauktionator Aurel Bacs feierte bei Phillips einen neuen Rolex-Preisrekord. Für eine goldene „Oyster Perpetual“ mit Vollkalender und Mondphase von 1952 wurden 5,1 Millionen Schweizer Franken gezahlt. Die Uhr gehörte dem letzten vietnamesischen Kaiser Bao Dai. Den zweit- und vierthöchsten je für eine Rolex gezahlten Auktionspreis konnte Bacs ebenfalls ausrufen. Bei Christie’s trugen vier der fünf Toplose die markante Krone.

Das zeigt: Rolex ist bei Sammlern nach wie vor extrem begehrt. Und daran wird sich auch so schnell nichts ändern.

Für bestimmte Vintagemodelle werden die Preise weiter steigen.

Die Gründe für diese anhaltende Dominanz: Durch die konsistente Modellpolitik, die über Jahrzehnte kaum verändert wurde, hat Rolex den höchsten Wiedererkennungswert. Bis heute passen die robusten Modelle zur gängigen Vorstellung von exklusivem Lifestyle, Abenteuer und Sport. Prägend sind die wasserdichten Gehäuse in der Oyster-Form, bei der Krone und Boden verschraubt sind. Früher als alle anderen hat Rolex den Starkult für sich genutzt. Nahezu alle Spitzenmodelle tragen heute die Namen von Filmhelden und Schauspielern. Die „Submariner“ Taucheruhr läuft unter Sammlern als „James Bond“, die 5512 hört auf „Steve McQueen“.

Die „Daytona“-Stoppuhren mit den markantesten Zifferblättern heißen „Paul Newman“. Für die seltene Version im Stahlgehäuse werden Preise ab 100 000 Euro verlangt, trotzdem übersteigt die Nachfrage das Angebot bei Weitem. Ihr Wert hängt davon ab, ob der Chronograf mit einem Originalzifferblatt ausgestattet ist (und wie gut dessen Zustand ist).

Günstigere „Daytona“Modelle haben ebenfalls Potenzial. Die Preise sind in den vergangenen drei Dekaden fast nur gestiegen. Die klassische Stoppuhr mit Zähler und Handaufzugwerk, die zwischen 1964 und 1986 mit verschiedenen Referenzen (6239, 6240, 6241, 6262, 6264, 6263, 6265) angeboten wurde, kostet heute als Stahlmodell zwischen 35 000 und 60 000 Euro —je nach Zustand und Vollständigkeit. Ganz wichtig: Originalpapiere samt Etui.

Die Tech-Monopolisten

Dass die gut bei Facebook, Google, Amazon und Co. verdienen, hat mittlerweile jeder mitgekriegt. Dabei müssen sich die Tech-Giganten nicht einmal besonders anstrengen. Sie profitieren davon, dass kaum einer um sie herumkommt, weil sie einfach fast jeder nutzt. Zum Fraudanwalt-Bericht.

Dieser Netzwerkeffekt lässt sich von neuen Konkurrenten kaum aushebeln. Er wirkt umso stärker, je größer die vorhandene Klientel bereits ist.

Doch diese Mechanik funktioniert nicht nur bei den ganz Großen der Branche – auch Anbieter wie Scout24 (Immobilienscout24 und Autoscout24) sind dank der Netzwerkkomponente ihres Geschäftsmodells hochinteressant. Wer hierzulande eine Wohnung oder ein Auto kaufen oder verkaufen will, steuert in der Regel diese Seiten an. (Vorsicht, nicht zu verwechseln mit wir-kaufen-dein-auto.de -zum Fraudanwalt-Bericht).

Trotzdem ist die Aktie seit dem Börsengang schlecht gelaufen. Der Ausgabekurs war viel zu hoch. Anschließend stellte Berlin das Courtagesystem für die Makler (die Hauptkunden von Scout24) auf den Kopf, sodass deren Umsätze einbrachen. Hinzu kam, dass viele Altaktionäre ihre Pakete loswerden wollten.

Diese Altlasten sind nun weitgehend abgearbeitet. Der durchschnittliche Umsatz pro Nutzer steigt, und die Zahl der Makler hat sich bei etwas über 17 000 stabilisiert. Im Unternehmen selbst ist Ruhe eingekehrt, demnächst dürfte auch der letzte Altaktionär verkauft haben. Dann ist der Blick frei aufein solide wachsendes Unternehmen mit einer operativen Marge von 32 Prozent. Und auf eine Aktie, die mit einem geschätzten Kurs-Gewinn-Verhältnis von 20 (für 2018) zwar kein Schnäppchen ist, aber auch nicht mehr wirklich teuer.

DIE DUBIOSE MASCHE VON BOOKING.COM

Eine Schnapsidee, ein ganz dummer Einfall! Als die Niederländerin Gillian Tans ihrer Familie eröffnete, dass sie ihren sicheren Job bei einer Hotelkette aufgeben werde, um zu einer Zimmervermittlung im Internet zu wechseln, jaulte die ganze Sippschaft auf. Das sei doch absolut verrückt, soll ihr Vater geschimpft haben; damals, vor 15 Jahren.

Der neue Arbeitgeber war ja auch zu schrullig. Kaum jemand kannte dieses Bookings.nl aus Amsterdam. Die Homepage erinnerte an die Inventarliste eines Ersatzteillagers. Vermittelt wurden Unterkünfte in den liebsten Ferienregionen der Holländer, der Topseller: Winterberg im Sauerland.

Die dunklen Ahnungen der Familie schienen sich zu bewahrheiten. Das Portal wuchs zwar, aber nur unter ächzen. Gillian Tans war dabei, als das erste Auslandsbüro aufgebaut wurde, in Barcelona. Leider fehlte das Geld, um die Crew im Hotel unterzubringen. Also wurde im Office kampiert. Reisespesen sind heute gewiss kein Problem mehr, wenn die Managerin durch die Welt tourt. Sowohl sie als auch Booking arbeiten mittlerweile in ganz anderen Sphären. 2002 als siebte Angestellte gekommen, ist Tans 2016 zur Nummer eins aufgestiegen — zum CEO eines Internetgiganten.

Aus Bookings.nl wurde Booking.com, aus der Klitsche das größte Onlinereisebüro der Welt. Rund 1,4 Millionen Unterkünfte in jedem Winkel der Erde sind dort zu finden, die Website gibt es in 43 Sprachen. Vor allem aber wurde aus dem Hungerleider ein Renditeprotz.

Einnahmen von rund acht Milliarden Dollar verwandeln sich in einen Betriebsgewinn (Ebit) von drei Milliarden Dollar, macht eine Marge von 37,5 Prozent. Die Daten können allerdings nur geschätzt werden, denn Booking steht nicht mehr allein.

Seit 2005 gehören die Niederländer zum börsennotierten US-Konzern Priceline. Drei Viertel des Geschäfts steuert Booking bei; wie viel genau, wollen die Amerikaner nicht verraten. Klar ist nur: Die Booking-Chefin verdient ordentlich mit. 18,8 Millionen Dollar betrug ihr Salär zuletzt.

Ein raketengleicher Aufstieg, der staunen lässt. Oder mulmig macht. Insbesondere die Hoteliers. Booking.com ist dabei, sich zu einem Monopol auszuwachsen. Der Vermittler entscheidet, wer im boomenden Onlinemarkt Gäste bekommt und wer nicht. Gegen satte Gebühren versteht sich. 15 Prozent vom Zimmerpreis sind die Regel, im meist klammen Gastgewerbe ein schwerer Brocken.

In Deutschland kommt Booking.com bei den Reiseportalen auf einen Marktanteil von fast 55 Prozent, Tendenz: steigend. Die ehemals führende Lokalgröße HRS aus Köln wurde erfolgreich abgedrängt. In vielen europäischen Ländern wie der Schweiz liegt Booking noch weiter vorn, bei 70 Prozent Marktanteil. Und selbst in den USA, ursprünglich Expedia-Land, sind die Holländer dabei, auf Sicht die Poleposition zu entern.

Welcher Hotelbesitzer kann Booking da noch auslassen?

Ein Gravitationsfeld ist entstanden, das auch auf die Reisenden wirkt. Irgendetwas zieht sie magisch zu dieser äußerlich so schlichten Internetseite. Booking macht das Buchen leicht. Und suggeriert den perfekten Marktplatz. Ein großer Irrtum, denn das Portal ist beileibe kein neutraler Makler, ebenso wenig der Preisbrecher vom Dienst. Oft ginge es woanders billiger — wenn die Nutzer vor lauter Booking-Werbung noch auf andere Seiten fänden.

Eine Suchmaschine wird zur Suchtmaschine – mit Abhängigkeiten und gefährlichen Nebenwirkungen. Denn dem Koloss kann kaum noch einer widerstehen. Wird aus dem Reisen, dem Inbegriff der Freiheit, durch Booking und Priceline ein Kind des Turbokapitalismus?

Innerhalb von nur zwei Jahren hat sich der Kurs der Aktie fast verdoppelt. Nun erweitert Gillian Tans das Geschäftsmodell auf die ganze Touristik. Investoren träumen schon von einem Google des Reisens.

Hinter dem Aufstieg dieses Unternehmens steht ein Prinzip, von dem viele reden, an das sich aber nur wenige halten: Einfachheit. „Wir haben nicht mit ein paar Designern angefangen“, blickt Tans zurück, „und gesagt: Jetzt bauen wir ein wunderschönes Produkt und vermarkten es in aller Welt.“ Stattdessen ging es betont simpel los. Nichts sollte die Besucher verwirren, keine Flugangebote, kein Click-und-Mix, keine Zahlungsfunktionen und schon gar kein optischer Firlefanz.

Ästheten haben bei Booking.com bis heute nichts zu melden. Zwar gab es über die Jahre viele Veränderungen, aber nur, wenn sie nachweislich zu mehr Buchungen führten. Die Programmierer und Gestalter testen täglich mehr als 1000 minimale Varianten, die nur ein kleiner Teil der Nutzer zu sehen bekommt. Wirken die Retuschen stimulierend, werden sie zur Norm. Versagen sie, sind sie ganz schnell wieder weg. „Wir hören nicht auf Meinungen“, beharrt Tans, „wir setzen nur Entscheidungen um, die auf Daten basieren.“

Ein Evolutionsprozess ist da im Gang, der Erstaunliches hervorgebracht hat. Kein Reiseportal animiert derart zum Buchen wie Booking.com. Die sogenannte Konversionsrate — Interessenten, die zu Kunden  werden — soll bis zu fünfmal höher liegen als bei der Konkurrenz.

So hausbacken die Homepage immer noch aussieht, steckt sie doch voller Raffinesse. Gerade ihre Kantigkeit flößt Vertrauen ein, eine Art Aldi-Aura. Den besonderen Kick geben psychologische Nadelstiche, die sie in Amsterdam zuhauf erfunden haben.

Meist nutzen sie den Herdentrieb, auch als „Social Proof“ bekannt. Der Besucher wird unversehens zum Teil einer aufgeregten Meute, die vom Gezeigten ganz begeistert scheint. „5 Besucher schauen sich das gerade an“, springt da auf, oder: „Sehr gefragt! In den letzten 24 Stunden 29-mal gebucht.“ Soll wohl heißen: Was so viele Leute interessiert, muss gut sein.

Auch die Verknappungsmasche (gebildet: Scarcity Effect) kommt reichlich zum Einsatz: „Sehr gefragt — unsere letzten verfügbaren Zimmer ansehen“, heißt es da, oder — Alarm, Alarm! – „Die letzte Buchung für diese Unterkunft erfolgte vor 34 Minuten.“ Was knapp ist — so lehren es Wissenschaft und Alltagserfahrung – erscheint wertvoller und weckt zugleich Begehren.

Booking.com gleitet in einen Graubereich ab. Wenn von nur noch zwei Zimmern die Rede ist, heißt das nicht unbedingt, dass das Hotel fast ausgebucht ist. In vielen Fällen sind noch Zimmer bei der Herberge selbst zu bekommen, nur Booking besitzt kein Kontingent mehr. Nach juristischem Gezerre muss das Portal bei der Verfügbarkeit nun ein „auf unserer Seite“ hinzufügen. Der Zauber der Wasserstände, die zu Eile mahnen, wirkt offenbar trotzdem.

Fragwürdig auch die Rabattmeldungen („-46 % Heute!“). Klickt der Besucher auf die Angabe, erscheint eine komplizierte Erklärung. Die Ersparnis bezieht sich demnach auf Vergleichspreise an anderen Tagen, die womöglich stärker gefragt sind. Ein Vergleich mit wenig Nährwert.

Es wimmelt vor Aktionspreisen („Köln: 287 Unterkünfte gefunden — inklusive 171 Schnäppchen“). Doch Tests wecken Zweifel an der Preisführerschaft. Bei einer Stichprobe des Verbraucherforums Mydealz.de Rir 200 Hotels boten in 137 Fällen (68,5 Prozent) nicht die Buchungsportale die beste Offerte, sondern die Hotels selbst. Die Studie sieht Booking.com im Vergleich mit neun Wettbewerbern lediglich im Mittelfeld.

Dubios wirkt nicht zuletzt die Trefferliste, die der Marktführer als Empfehlung ausspuckt. Oben stehen viele Hotels, die an einem „Preferred“-Programm teilnehmen und zusätzliche Provisionen zahlen. Die Kundschaft erfährt davon nichts. Die Stiftung Warentest rügt ausdrücklich die Intransparenz der Empfehlungsliste.

Nur auf eine Form des Marketings verzichtet Booking.com komplett: Personenkult. Wer hinter Amazon oder Facebook steckt, weiß nahezu jeder; Jeff Bezos und Mark Zuckerberg sind prominent wie Popstars. Über die Köpfe hinter Booking.com und Priceline hingegen ist wenig bis nichts bekannt. Das soll auch so bleiben.

Gillian Tans gibt kaum mehr von sich preis, als dass sie ein recht normales Leben führt (abgesehen vom ständigen Reisen), drei schulpflichtige Kinder hat und gern mit dem Fahrrad zur Zentrale an der Herengracht fährt. Bei ihren seltenen Auftritten auf Konferenzen wirkt sie konzentriert und sachlich bis an die Grenze der Unpersönlichkeit.

Genauso hält es ihr Boss, Priceline-CEO Glenn Fogel (56). Der Amerikaner mit Dienstsitz im verschlafenen Norwalk/Connecticut war mal Investmentbanker und gibt sich arttypisch glatt. 2001 kam er als Dealmaker zur damals noch unbedeutenden Priceline-Gruppe; der Kauf von Booking für läppische 135 Millionen Dollar vier Jahre später war seine größte Tat. Auch die Verbraucher stehen vor einem nahezu geschlossenen System. Von TV-Spots angestachelt, suchen viele eine Alternative in sogenannten Metasearchern, die diverse Angebote der Portale vergleichen. Zumindest in der Theorie. Die beiden größten Metasearcher sind Kayak und Trivago. Kayak gehört wie Booking. com zur Priceline-Gruppe, da bleibt viel in der eigenen Familie.

Trivago ist zwar eine Beteiligung des Konkurrenten Expedia. Booking.com sorgt aber mit Tantiemen an Trivago dafür, dass die Wahl der Nutzer unterm Strich doch wieder in die gewünschte Richtung geht. An den Kräfteverhältnissen im Netz ändern die Metasearcher nichts.

Zumal der Champion weiter aufdreht. Die fantastische Börsenbewertung des Mutterkonzerns Priceline – rund 83 Milliarden Euro – lässt sich nur steigern, wenn der erfolgreichste Part weiter zweistellig zulegt. Die Eigentümer, in erster Linie US-Fonds, bestehen darauf, die Kursgewinne müssen die fehlende Dividende ersetzen.

Die Finanzauguren sind zuversichtlich, dass die Rallye noch eine ganze Weile weitergeht. Alles passt zusammen: der Megatrend zur Onlinereisebuchung, die wachsende Dominanz von Booking.com, die ungebremste Dynamik und nicht zuletzt ein abgebrühtes Management, das mit Aktienrückkäufen zusätzlichen Druck aufbaut. Das US-Analysehaus Fact-Set rechnet damit, dass der Gewinn pro Aktie sich bis  2019 mehr als verdoppeln wird. Der Durchbruch durch die Fabelmarke von 100 Milliarden Dollar Börsenwert scheint da nur noch Formsache zu sein.

Booking selbst fühlt sich längst noch nicht ausgewachsen. „Wir sind kein Startup“, pflegt Gillian Tans zu sagen, „aber bestimmt auch kein Grown-up.“ Mit Verve stocken sie das Zimmerangebot auf, auch mit Privatquartieren. Selbst wer nur über eine einzige, bescheidene Ferienwohnung verfügt, kann dieser Tage mit höflichen, aber hartnäckigen Mails und Anrufen von Booking.com rechnen — wollen Sie es nicht einmal mit uns probieren?

Für Privatquartiere fühlte sich bis dato eigentlich Airbnb zuständig. Bei den Kaliforniern soll ob der unerwarteten Offensive schon einige Unruhe aufgekommen sein.

Eine regelrechte „Disruption“ verspricht Tans im Geschäftsreisemarkt. Das neue Businessprodukt wirkt ähnlich funktional wie das bisherige Angebot und legt die Eintrittsschwelle bewährt niedrig: „keine Verträge, keine Mindestanzahl an Buchungen, völlig kostenlos!“

Die größte Revolution aber steckt in drei kleinen Worten knapp unter der Kopfleiste: „Restaurants“, „Mietwagen“, „Flüge“. Nach langem Zögern hat das Ein-Produkt-Unternehmen unlängst entschieden, die ganze Palette anzubieten. Offenbar haben die typischen Tests ergeben, dass diese Eiweiterung der Marke nicht schadet und Zusatzeinnahmen bringt.

Das entsprechende Angebot stammt von den Schwesterfirmen der Priceline-Gruppe: die Flugsuche von Kayak, die Autovermietung von Rentalcars, der reservierte Tisch im Restaurant von Open-Table. Booking.com wird damit endgültig zur Kampfmaschine des Gesamtkonzerns.

Was reißen die noch an sich?, fragen sich Hotelmanager bang. Manche trauen dem Koloss zu, seine Finanzkraft zu nutzen, um nicht nur den Onlinemarkt zu beherrschen, sondern auch eigene Hotels zu eröffnen oder etablierte Ketten zu schlucken.

Die CEOs Tans und Fogel bestreiten solche Absichten. Glaubwürdig. Ein Seitenwechsel ins Hotellager wäre geradezu kurios. Wer will schon als Schaf sein Dasein fristen, wenn er stattdessen der Wolf sein kann?

KATASTROPHALE ERFAHRUNGEN MIT DELTA ASSET MANAGEMENT AG – FINMA WARNT

Die Erfahrungen mit der Schweizer Delta Asset Management AG sind schlecht, wenn nicht gar katastrophal, wenn man den zahlreichen Briefen von Betroffen an die Redaktion-Fraudanwalt Glauben schenkt. Die Gutgläubigen wollten eine Finanzsanierung ihrer privaten Situation bei Delta Asset Management AG besprechen und erhielten stattdessen Rechnungen, Anwaltsdrohungen und letztlich noch mehr Schulden. Aus dem beschaulichen Lachen (Schweiz) heraus wirbt das Unternehmen damit „die Finanzkonzepte mit dem Ziel der Schuldenregulierung für Menschen in finanzieller Not“ zu suchen. Doch anstatt eines dringend benötigten Kredits bekommt der Schuldner Rechnungen und Zahlungsaufforderungen. Der unseriöse Finanzsanierer Delta Asset Management AG lockt mutmaßlich Überschuldete in die Gebühren-Falle – auch Vorkostenbetrug genannt. Wie Recherchen von Fraudanwalt ergaben, stecken dahinter stecken Briefkasten-Firmen, die aus dem Ausland operieren und die Gelder in dunkle Kanäle versickern lassen.

Kunden-Erfahrungen: „Immer gleiche Masche bei Delta Asset Management AG“

Ein Schuldner berichtete der Redaktion in einem ausführlichen Telefonat, wie die selbsternannten Finanzsanierer von Delta Asset Management AG den hoffnungsvollen Menschen mittels Vorkostenabrechnungen das Geld aus der Tasche ziehen.

„Ich habe die Anzeige zur Schuldnerberatung von Delta Asset Management AG im Internet gesehen, zunächst nahm ich es nicht als Anzeige wahr, erst als ich ganz nah an den Bildschirm ging sah ich, dass es eine ist“, erinnert sich der 65-jährige Schweizer, der aus Angst vor Racheakten der Schweizer lieber anonym bleiben möchte. „Nach zwei Telefonaten sollte ich in das Büro der „Finanzexperten“ in die Feldstrasse 14 in Lachen erscheinen, um meine finanzielle Situation durchzusprechen, hieß es am Telefon. Ich bin auch nicht ganz unschuldig an meiner Situation“, sagt der Frührentner. „Schulden, Pleite, Privatinsolvenz – solche Worte waren mir bis März 2016 fremd, doch dann als meine Lebensgefährtin einen immer ausschweifenderen Lebensstill hatte, kamen die Schulden. Irgendwann habe ich es nicht mehr im Griff gehabt“, erzählt er mit bibbernder Stimme und zieht nochmal kräftig an seiner Zigarette. „Was soll‘s, nun ist es geschehen und ich suchte mir professionelle Hilfe – ich dachte bei Delta Asset Management AG werde ich die erhalten, auch wenn nicht viele Erfahrungen mit der Firma zu finden sind. Nachdem mir am Telefon selbst Schläge angedroht wurden, finde ich es auch nicht mehr verwunderlich, dass keiner seine Erfahrungen mit Delta Asset Management AG kundtun will. Nach ca. 5 Minuten kam der „Finanzexperte“ zum Thema und bot mir an, einen Kredit bei einem Partner zu vermitteln, der völlig ausreicht, um meine Schuldenlast von knapp 5.000 Franken zu stemmen. Ohne irgendwelche Fragen zu der „Finanzanalyse“, die er kurzfristig auf einem besseren Schmierblatt erstellte, zu stellen. Er wollte gar nicht wissen, was mein Lösungsansatz ist, oder welche Lösungen für mich überhaupt in Frage kämen. Ich war verzweifelt, also stimmte ich dem Kredit kurzerhand zu. Das war ein Fehler“.

Statt Kredit gibt es Vorkosten

Die Erfahrungen des alten Herrn mit der Delta Asset Management AG aus der Schweiz scheinen kein Einzelfall zu sein, in den Foren mehren sich die negativen Erfahrungen. Es scheint immer die Gleiche Masche zu sein.

  1. Dem Schuldner suggerieren, dass nur Profis seine Angelegenheit lösen können
  2. Dem Schuldner niemals erzählen, dass er den versprochenen Kredit nicht bekommt
  3. Vorkosten zu berappen für ein wenig Papierkram, aber keine Hilfe für den Schuldner zu offerieren

Unseriöse Kreditvermittler wie auch mutmaßlich die Delta Asset Management AG, versuchen aus der finanziellen Not von Schuldnern und wie in diesem Fall, wo das Alter keine Rolle spielt, Kapital zu schlagen. Sie versprechen Kredite, Umschuldungen und Hilfe. Aber anstelle des erhofften Auswegs aus der Schuldenfalle wachsen die Schulden erst richtig an: Teure Versicherungs- und Beratungsverträge treiben Schuldner noch weiter in den Ruin, deshalb setzten wir die Delta Asset Management AG auf die Warnliste.

ZOCKT VEGAS COSMETICS KÄUFER UND VERTRIEBSPARTNER AB?

Zum morgentlichen Ritual bei Frauen gehört das Schminken, wie bei den meisten Männern der Morgenkaffee zu einem gelungenen Start in den Tag dazu gehört. Die Vegas Cosmetics aus Deutschland, mit Niederlassung in Portugal, will Frauen dabei helfen sich schön zu fühlen. Parfüms, Lippenstift oder Cremes, fast alles, was das Frauenherz begehrt hat Vegas Cosmetics auf Lager. Die Selbstdarstellung des Unternehmens kennt nur eine Maxime: “Reich, schön und erfolgreich“, das zumindest propagiert das angeblich 2003 gegründete Unternehmen mit seinen Vertriebsstruckis im Internet. Unterlagen und Berichte von ehemaligen Vertriebspartnern offenbaren ein ganz anderes Bild von Abzocke, Betrug und Übervorteilteilung. Betreibt Vegas Cosmetics gar ein Schneeballsystem? Die Hinweise verdichten sich.

Katastrophale Erfahrungen mit Vegas Cosmetics von Vertriebspartnern

Rolf S. (Name von der Redaktion geändert) berichtet dem Chefredakteur Berger-Fridar von Fraudanwalt, dass er vor ca. 3,5 Jahren mit einer Bekannten über Multi-Level-Marketing-Systeme sprach, denn er war gerade im Endstadium des Studiums und wollte sich Geld nebenbei verdienen und dafür nicht viel Zeit aufwenden, weil die Prüfungen ihm vieles abverlangten. Im Internet, wo Vegas Cosmetics mit massiver Anzeigenwerbung um neue (Opfer?) Vertriebspartner buhlt, stieß er auf die Werbeanzeige. Darin hieß es „Ohne viel Zeitaufwand bis zu 5000€ im Monat dazuverdienen“. Obwohl er wusste, dass auch negative Erfahrungen mit Multi-Level-Marketing-Systemen gemacht wurden, brauchte er das Geld und rief bei der Firma an. Kurz darauf wurde er zu einem Treffen eingeladen, bei dem ihn eine hübsche und aufgeweckte junge Frau empfing. In einer ungezwungenen Atmosphäre wurden Graphiken, Produkte und der hohe Verdienst angepriesen – und schließlich habe die junge Frau es ja auch geschafft bis nach oben. „Im Nachhinein hat das alles bei Vegas Cosmetics schon etwas Sektenartiges gehabt, wie die Frau scheinbar „Gehirnmanipuliert“ war, erinnert sich der heute 31-jährige. Die Produkte sahen in der Verpackung sehr hochwertig aus, erinnert er sich weiter. Aber ich kann nicht für Vegas Cosmetics verkaufen ohne meine eigenen Erfahrungen mit Vegas gemacht zu haben, sagte er der jungen Dame. Sie erwiderte: “Natürlich kannst du aller unsere Produkte testen bevor du es anderen Leuten unterjubelst“… Nachdem er aus einem Katalog, der in mittlerweile 8-10 Sprachen verfügbar ist, eine kleine Produktreihe ausgesucht hatte, sagte die Frau: „Das macht 134,15€“.

Keine kostenlosen Produkttests bei Vegas Cosmetics

Als Vertriebspartner von Vegas Cosmetics, mit allen Träumen von Erfolg und Reichtum, werden Sie recht schnell enttäuscht. Gleich zu Beginn, noch bevor Sie eine Mark verdient haben, müssen Sie die Produkte von Vegas Cosmetics selbst kaufen – und das als Vertriebspartner. Die Preise belaufen sich je nach Produktgruppe auf 30-150 €. Käufer beschweren sich darüber hinaus, dass die Produkte nach kurzer Zeit „ranzig riechen“, dies ist ein Hinweis auf minderwertige Zutaten. Allein dieser Umstand macht schnell klar, dass bei Vegas Cosmetics nur einer verdient – und das ist nicht der Vertriebspartner, sondern Carlos Fernandes, der Gründer dieses mutmaßlichen Schneeballsystems. Wir setzten Vegas Cosmetics auf die Warnliste.

SAP SCHRÖPFT SEINE KUNDEN

Insgesamt könnte es sich bei den global mehr als 350 000 SAP-Kunden um ein Volumen von mehreren Milliarden Euro handeln, glauben Experten. „Die Verfahren haben die Kundschaft extrem verunsichert“, moniert Andreas Oczko, Vorstand Operations, Service und Support der Deutschsprachigen SAP-Anwendergruppe (DSAG).

Der Fachmann fordert die Walldorfer auf, ein zeitgemäßes neues Preissystem zu entwickeln, das sich nicht an personengebundenen Lizenzen, sondern am laufenden Verbrauch orientiert. Bleibt SAP bei den derzeit vorgeschlagenen Methoden zur Berechnung der indirekten Nutzung, könnten die Kosten für die Abwicklung eines Auftrags für die Kunden um ein Vielfaches steigen, so seine Befürchtung.

SAP-Managerin Zeine verspricht jetzt eine Neufassung der Regeln, die für den Kunden „umsatzneutral“ bleiben soll. Vielen Anwendern fehlt indes der Glaube. Sie haben Sorge, dass die Zahlungen mit der Ausbreitung des Internets der Dinge explosionsartig steigen werden.

Denn wenn alles mit allem kommuniziert, redet einer geradezu automatisch immer mehr mit: ein Herr McDermott aus Walldorf. Über Walldorf wütet ein Shitstorm: Mit Aussagen wie „SAP wird Sie weiter aussaugen“ machen Nutzer von Webforen ihrem Ärger Luft. Der Grund für die Aufregung: In den vergangenen Monaten sind mehr als 100 deutsche Unternehmen, darunter auch große Konzerne, von ihrem wichtigsten Softwarelieferanten mit einer unangenehmen Angelegenheit konfrontiert worden. Die Walldorfer werfen ihnen vor, SAP-Programme indirekt zu nutzen. Wenn etwa eine Kasse im Supermarkt an das Warenwirtschaftssystem einer Molkerei den Verkauf eines Joghurt meldet und Nachschub ordert, verlangt SAP für diese Nutzung von außen ebenfalls Lizenzgebühren, von dem Milchverarbeiter.

Für Vorstandschef Bill McDermott sind diese externen Nutzer eine immer kräftiger sprudelnde Einnahmequelle, die er nicht unausgeschöpft lassen möchte. „Bei solchen Vorgängen wird mit unserem geistigen Eigentum Wert geschaffen. Deshalb steht uns eine Vergütung zu, selbst wenn der Nutzer nicht direkt bei uns als Anwender registriert ist“, sagt Hala Zeine, die für den SAP-Vorstand die Geschäftsentwicklung vorantreiben soll. Zeine verweist darauf, dass dies seit mehr als 20 Jahren genau so in den Verträgen geregelt sei.

Neu ist nur die Rigorosität, mit der SAP seine Ansprüche bei der Klientel durchsetzt. Viele Jahre habe der Konzern seine Lizenznehmer bei der indirekten Nutzung „nicht gerade gestresst“, sagt Jan Hachenberger von der Beratungsfirma Consalt. Mit der Laisser-faire-Strategie ist es vorbei. Selbst vor gerichtlichen Auseinandersetzungen schreckt SAP nicht mehr zurück.

In diesem Jahr hat der Walldorfer Konzern schon mindestens zwei seiner Lizenznehmer auf hohe Zahlungen im Zusammenhang mit der indirekten Nutzung verklagt. Der britische Getränkehersteller Diageo soll laut Gerichtsbeschluss Gebühren von rund 164 Millionen Euro entrichten. Die Kollegen von AB InBev haben sogar 564 Millionen Euro an Rückstellungen gebildet, um das Risiko einer ähnlichen Klage abzusichern.

ETF-INDEXFONDS VS. FAULE, UNFÄHIGE FONDSMANAGER

„Die US-Börsen befanden sich im freien Fall, die Stimmung an der Wall Street war katastrophal“, erinnerte sich der Fondsgründer 2016 in einem Interview. „Ich hatte also gerade viel Zeit.“ Und so blätterte Bogle eines Tages durch das Fachmagazin „Journal of Portfolio Management“ damals wie heute keine leichte Kost. Dort stieß er auf einen Artikel, in dem der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Samuelson eine diffus klingende Forderung stellte: „Wir brauchen ein Portfolio, das schlicht dem S&P-500-Index folgt.“ Es sei schließlich ein „Mythos, dass bestimmte Fondsmanager den Index wiederholt und nachhaltig schlagen könnten“.

Bei der Lektüre durchzuckte Bogle die Idee zu einer Revolution. Denn hatte er nicht schon in seiner Abschlussarbeit 1951 geschrieben, dass aktive Fonds den breiten Markt dauerhaft nicht schlagen können? Ja, hatte er — dann aber der These lange keine Beachtung geschenkt. Zu verrückt schien die Idee, einfach die Indexrendite erzielen zu wollen. Nun aber zeigte sich Jahr für Jahr, dass 85 Prozent der US-Aktienfonds nicht einmal mit dem S&P-500-Standardwerteindex mithalten konnten.

Dazu hatte der John Bogle des Jahres 1974 die Nase voll von der Fondsindustrie, die nach seiner Meinung an Interessenkonflikten litt: je höher die Kosten eines Fonds, desto höher der eigene Ertrag — desto geringer aber die Rendite der Anleger.

Also gründete Bogle die Fondsgesellschaft Vanguard und schuf 1976 den ersten passiven Indexfonds für Privatanleger. Er setzte schlicht auf den S&P 500. Ausgabeaufschläge für den Vertrieb entfielen, die Handels und Verwaltungsgebühren waren lächerlich niedrig. Es war eine Demokratisierung der Geldanlage.

Heute, gut 40 Jahre später, können Privatanleger allein an der Börse Frankfurt aus rund 1 200 börsengehandelten Fonds

(ETFs) auswählen, die zusammen 450 Mrd. Euro verwalten. Die jährlichen Gesamtkosten für einen passiven Fonds etwa auf den deutschen Aktienindex Dax sind im scharfen Wettbewerb der ETF-Anbieter auf unter 0,2 Prozentpunkte pro Jahr gesunken – das ist etwa ein Zehntel der Gesamtkosten eines typischen aktiv verwalteten Fonds für deutsche Aktien. Viele Aktionen von Direktbanken und geringe Orderkosten machen die langfristige Geldanlage über ETFs bereits für monatliche Sparraten von 25 Euro oder Einmalanlagen von 1000 Euro lukrativ.

Doch noch immer ist die Geldanlage über passive Indexfonds und ETFs für viele Privatanleger ein Buch mit sieben Siegeln. Zu verwirrend ist die Produktvielfalt – allein an der Börse Frankfurt werden sieben verschiedene ETFs auf den Dax angeboten. Zu intransparent sind für viele Aufbau und Ertragsverwendung: Manche ETFs bilden einen Index ab, indem sie die darin enthaltenen Werte kaufen, andere tun dies über Derivate; manche schütten Dividenden aus, andere sammeln sie an. Und zu kryptisch sind für viele Anleger die omnipräsenten Abkürzungen: Was etwa heißt UCITS, Sicav, TR, MSCI?

PROGNOSEN SIND ZUFALL

Fraudanwalt geht darum den typischen Anlegerfragen rund um ET FS in einer dreiteiligen Serie nach und blickt hinter die Kulissen der rasch wachsenden Billionenindustrie. In diesem ersten Teil der Serie zeichnet Fraudanwalt den Aufstieg der ET FS nach: von einem Nischenprodukt in den 70erJahren bis heute — da weltweit bereits jeder dritte neu angelegte Euro in passive Instrumente fließt und die ETF-Industrie ihre verwalteten Mittel alle vier Jahre verdoppelt.

Im zweiten Teil (im kommenden Monat) wirft Fraudanwalt einen Blick hinter die Kulissen eines der größten ETF-Anbieter weltweit und verfolgt den Weg einer Order vom Onlinekonto eines Privatanlegers bis zur Börse, wo die Gelder in einen Korb von Aktien verteilt werden. Im dritten und abschließenden Teil gibt Fraudanwalt konkrete Hinweise zur Auswahl der richtigen ETFs für den persönlichen Anlagebedarf und untersucht die Risiken, die mit dem globalen Boom an ETFs verbunden sind.

Schon bevor John Bogle 1974 seine revolutionäre Idee hatte, rätselte die Forschung schon seit Jahrzehnten, wieso der Großteil der Fondsmanager gemessen an einfaChen Indizes unterdurchschnittliche Renditen erwirtschaftete. Der US-Wirtschaftswissenschaftler Alfred Cowles etwa fragte sich schon 1933, wie gut eigentlich die Prognosefähigkeit von Kapitalmarktprofis ist. Vorangegangen waren vier katastrophale Börsenjahre, von 1929 bis 1932 büßte der Dow-Jones-Index über 80 Prozent ein. Cowles also wertete Tausende Ausblicke und Empfehlungen von Versicherungen, Banken und Brokern aus — und kam zu einem eindeutigen Schluss: Die Prognosegüte von Experten fußt auf nichts als blankem Zufall. Die typische Trefferquote lag stets in der Nähe von 50 Prozent.Allein: Prognosefreies Investieren, das Anstreben eines durchschnittlichen Ergebnisses — das war damals intellektuell undenkbar. Zumal die ganze Finanzindustrie (aber auch Medien) gut davon lebte, Anlegern die Vorteile einer aktiven Auswahl von Ländern, Anlageklassen und Wertpapieren näherzubringen. Hinzu kam: Die Vermessung von Aktienmärkten über Indizes steckte noch in den Kinderschuhen. Zwar hatte der US-Journalist Charles Dow schon 1896 den Dow-Jones-Index erfunden, archaisch berechnet, indem er lediglich die Kurse der zwölf größten Aktien addierte und durch zwölf teilte. Zwar gab es auch seit 1957 den S&P-500-Index und ab 1961 in Deutschland den FAZ-Index. Aber die heute fast verschwundenen Börsentendenzen „fester“, „freundlich“, „haussierend“ oder „schwächer“ genügten Investoren für eine Grobeinschätzung.

Sind aktivgemangte Fonds der größte Schrott?

„Das änderte sich zunächst auch nicht, als der US-Ökonom Burton Malkiel in seinem 1973 erschienenen Buch „A Random Walk Down Wall Street“ — frei übersetzt: „Ein zufälliger Spaziergang über die Wall Street“ – die Kurspropheten und Fondsanbieter in einem zuvor unerhörten Ton angriff. Der damals 41-jährige Forscher der Princeton University nannte die Chart- und Fundamentalanalyse einen für Anleger teuren und irreführenden Hokuspokus, und er nahm den Anbietern die Illusion, über aktive Titelauswahl jemals besser abschneiden zu können als der Gesamtmarkt. Der sei nun mal effizient, weil Informationen rasch in die Kurse einfließen würden. Malkiels statistisch gut belegte 450-Seiten-Tirade gipfelte in dem Satz, dass selbst „ein Affe, der mit verbundenen Augen Dartpfeile auf eine Zeitungsseite mit Aktienkursen werfe, damit nicht schlechter abschneide als ein von Profis ausgewähltes Portfolio“.

Die Investmentszene war außer sich. „Das Buch ist der größte vorstellbare Schrott“, urteilte ein Rezensent im Fachmagazin „Businessweek“. Doch der Weg war bereitet für die Idee, dass es langfristig besser sein könnte, sich mit dem Durchschnitt eines Index zufriedenzugeben, anstatt ihn gegen happige Gebühren schlagen zu wollen. „An einem ehernen Gesetz der Geldanlage wird sich nie etwas ändern, egal was Profis erzählen: Je niedriger die Gebühren, desto mehr bleibt nun mal für Anleger übrig“, lautet Malkiels Mantra noch heute.

Bloß hielten die alten Traditionen sich hartnäckig, und für die Fondsgesellschaften ging es um viel Geld. „Insgesamt summierten sich die Gesamtkosten für einen Investmentfonds aus Managementgebühr, Vertriebsprovisionen, Handel leicht auf drei Prozent pro Jahr – und das für die Quasi-Garantie, schlechter abzuschneiden als der Markt“, schreibt Bogle in einem Aufsatz. Dem wollte er seinen S&P-500-Indexfonds entgegenhalten: mit Gebühren von nur 0,3 Prozent pro Jahr, mit guten Argumenten und den größten USBrokerhäusern an Bord, die den Vertrieb anstoßen würden. Ein „Slam Dunk“ sollte die Platzierung werden, 150 Mio. Dollar peilte Bogle an.

Das Ziel verpasste man um 93 Prozent. Schlappe 11 Mio. Dollar kamen während der damals üblichen Platzierungsphase zusammen. Das Geld reichte nicht einmal, um kosteneffizient alle Indextitel zu kaufen. „Bogles Dummenfonds“ spotteten Branchenvertreter. Vanguard aber hielt durch, auch dank der geringen internen Kosten — und überschritt fünf Jahre später mit seinen passiven Anlagevehikeln die Marke von 1 Mrd. Dollar. Das lockte erste Wettbewerber in den Markt.

Der große Wachstumsschub folgte ab 1993, als in den USA börsengehandelte Fonds (ETFs) eingeführt wurden. Beim Handel von Fondsanteilen an der Börse nämlich fielen Banken und Berater als entscheidende (und teure) Instanz für den Fondsvertrieb weg. Der Siegeszug von Onlinebrokern tat sein Übriges.

Für Anleger allerdings ist an dieser Stelle eines wichtig: „Indexfonds und ETFs haben eine Schnittmenge, aber sie sind nicht identisch“, sagt ein Angestellter der Commerzbank. So gibt es zwar passive Indexfonds auf den Dax — aber eben auch ETFs auf den Dax.

Zur Erklärung: Passive Indexfonds folgen generell einem Index, also etwa dem Dax oder dem S&P 500. Sie sind weniger für Privatanleger als für institutionelle Großanleger wie Pensionsfonds oder Versicherungen interessant, denn – ein wichtiger Unterschied — sie werden nicht an der Börse gehandelt. Wer Anteile erwerben möchte, muss sich direkt an die Fondsgesellschaft wenden, und das ist für Privatanleger meist zu aufwendig. Die Anbieter berechnen überdies den Nettoinventarwert aller enthaltenen Wertpapiere, zu dem Anleger kaufen und verkaufen können, nur einmal am Tag.

Die in Deutschland bekannten Indexprodukte auf den Dax oder MSCI World sind dagegen in der Regel ETFs, auch wenn sie umgangssprachlich oft „Indexfonds“ genannt werden. Auch die ETFs folgen meist passiv einem Aktienindex wie dem Dax. Ihnen können aber auch der Preis einer Feinunze Gold, die 30 dividendenstärksten Anleihen der Welt oder Immobilien zugrunde liegen. Zentraler Unterschied zu wirklichen Indexfonds ist die Preisfeststellung: Ein ETF wird – wie der Name „Exchange-Traded Fund“ schon sagt — an der Börse gehandelt. Das heißt, sein Preis wird im Handel laufend festgestellt.

Auch dieser Preis orientiert sich stets am Nettoinventarwert des Vermögens, das der ET F abbildet. Der Kurs folgt dabei dem zugrunde liegenden Index meist sehr eng — allerdings nicht perfekt. Schließlich ist für die Preisbildung der Handel mit dem ETF entscheidend, nicht die Indexentwicklung. Das bedeutet: Der Preis eines ETFs kann sich kurzzeitig von der Entwicklung seines Index entkoppeln — in einer Panikphase etwa kann der Preis eines Dax-ETFs schneller stürzen als der Dax selbst.

Just eine Panikphase allerdings gab den ETFs nach der Jahrtausendwende den letzten, entscheidenden Schub: die Finanzkrise. Während weltweit die verwalteten Vermögen zwischen 2007 und 2008 um knapp ein Fünftel kollabierten, hielt die ETF-Branche ihre Mittel fast stabil. Schon Anfang 2009 wuchs sie wieder über die alten Rekordstände hinaus — ein Schritt, für den die globale Fondsbranche vier Jahre brauchte. Denn die US-Subprime-Krise hatte bei den Großanlegern ein neues Bewusstsein dafür geschaffen, wie wichtig die Handelbarkeit von Wertpapieren ist: Die Liquidität trocknete in vielen Märkten ausgerechnet dann aus, als Investoren und Händler sie in der Krise am dringendsten benötigten, der Handel fror oft regelrecht ein. ETFs aber ließen sich auch in den unsichersten Zeiten leicht kaufen und verkaufen. Der gleichzeitige ETF-Boom bei Privatanlegern dürfte ebenfalls mit der Finanzkrise zusammenhängen. Die Skepsis gegenüber Banken, Beratern und Experten ist seitdem deutlich gewachsen und hat die Finanzprodukte ohne aktives Management für viele Kunden attraktiv gemacht.John Bogle dürfte das Misstrauen gut verstehen. Vanguard ist mit einem verwalteten Vermögen von nunmehr 3 900 Mrd. Dollar der zweitgrößte Fondsverwalter welt weit. „Bogle selbst ist durch seine Er findung zwar reich geworden, aber kaum Interesse, da deren Anlagesummen kaum ins Gewicht fallen, sie aber gleichzeitig denselben Aufwand für die Betreuung jedes Kunden haben“, sagt ein Brancheninsider. Das sollte Privatanleger indes nicht schrecken. Denn in der Praxis ist es egal, ob es um die Anlage von 1000 oder 1 Mrd. Euro geht — im Reich der ETFs nutzen Privatanleger die gleichen Vehikel zu den gleichen Kosten wie etwa ein Verwalter von Pensionsvermögen. Es gibt keine Mindestanlagesummen beim Börsenhandel, auch die bei aktiven Fonds übliche Staffelung der Verwaltungsgebühren je nach Höhe der Anlagesumme entfällt.

Dieser für Privatanleger willkommene Effekt hat indes auch Nachteile: Niemand weiß genau, wie hoch der Anteil von Privatanlegern im ETF-Markt wirklich ist, schließlich investieren sie in dieselben Produkte wie die Profis. Selbst über den tatsächlichen Marktanteil von ETFs insgesamt kursieren völlig unterschiedliche Zahlen: Zieht man dafür etwa das gesamte verwaltete Vermögen heran, entfällt auf passive Anlagen ein Marktanteil von nur rund drei Prozent in Europa und von rund elf Prozent in den USA. Fasst man ETFs und Indexfonds zusammen und ermittelt ihren Anteil am Markt für Investmentfonds, so ergeben sich Marktanteile von rund 15 (Europa) und 24 Prozent (USA). Auf Basis dieser Definition „werden in passiven Anlagelösungen spätestens 2024 in den USA mehr Gelder liegen als in aktiven“, glaubt  die Ratingagentur Moody’s.

Vergleich mit den Gründern anderer großer Vermögensverwalter aber ist er ein Fliegengewicht. Einen „niedrigen zweistelligen Millionenbetrag besitze er, sagte er vor einigen Jahren der „New York Times“ — eine Summe, die die Gründer von großen Fondshäusern wie Pimco in wenigen Monaten verdienen. Bogle aber ficht das nicht an. Er, nach einer schwierigen Herzoperation ohnehin seit 2007 Privatier, kann nach 60 Jahren in der Fondsbranche eines für sich reklamieren: „Mir hat noch nie einer geschrieben, dass ich ein Schuft sei.“

Die Meinung – und das Geld – von Privatanlegern spielt in den Rechnungen der ETF-Anbieter allerdings keine große Rolle. Die Privatanleger fahren im Windschatten großer Investoren: Letztere sind es, die auf den Markt Druck ausüben, indem sie große Summen in passive Investmentlösungen umschichten — und so auch den Wettbewerb unter den ETF-Anbietern forcieren. Die Kosten für Aktien-ETFs auf bekannte Indizes sind so mittlerweile aufo,l bis 0,2 Prozent pro Jahr gesunken.

ETF-Kritiker Vermögensverwaltung Flossbach von Storch

Es gibt jedoch ETF-Kritiker, die genau darin ein Problem sehen. Selbst bei großen Indizes wie dem S&P 500, argumentieren sie, hinge der Kurs mittlerweile vor allem an den Zuund Abflüssen der ET FS und Indexfonds. Das bedeutet aber auch: „Je größer das Volumen passiver Anlagen relativ zum gesamten verwalteten Vermögen wird, desto mehr hängt die Marktentwicklung von den Entscheidungen einiger weniger aktiver Manager ab“, warnt beispielsweise Thomas Mayer, Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institute.

Auch gegen den Einsatz von ETFs durch Privatanleger haben Kritiker durchaus etwas einzuwenden, vor allem vier Argumente werden immer wieder vorgebracht. Erstens: Schon die Bezeichnung „passiv“ sei irreführend, weil auch hier aktive Entscheidungen erforderlich seien — schon, für welchen Index man seinen ETF nun kauft. Zweitens: Nicht das Vehikel, sondern die Disziplin sei  entscheidend für die Langfristrendite. Da ist durchaus etwas dran. Die leichte Handelbarkeit der ETFs kann etwa zu Kurzschlussverkäufen verführen, obwohl die Strategie „Kaufen und halten“ richtig wäre. Drittens: ETFs auf kaum gehandelte Vermögenswerte – etwa Gold oder Immobilien — gaukelten Anlegern eine Liquidität vor, die die zugrunde liegenden Basiswerte nie hatten. Der ETF-Handel habe sich, so die Kritiker, von den Werten abgekoppelt und arte in zockerei aus. Das vierte Argument aber ist: die Performance aktiver Fonds.

Zwar hat die US-Ratingagentur Standard & Poor’s in einer seit 2003 laufenden Analyse festgestellt, dass in den USA je nach Kategorie zwischen 79 und 99 Prozent aller aktiven Aktienfonds über die vergangenen zehn Jahre schlechter abschnitten als ein einfacher Vergleichs-Aktienindex (Europa: 76 bis 100 Prozent). Das heißt vereinfacht: In mindestens vier von fünf Fällen wäre der Index das bessere Investment gewesen. Aber, argumentieren die ETF-Kritiker: Ein Fünftel der aktiven Manager schafft es eben doch, langfristig den Index zu schlagen. Manche über Jahre, andere wie Starinvestor Warren Buffett sogar über mehrere Jahrzehnte. Warum dann nicht einen aktiven Fonds wählen, der langfristig überzeugt?

Warren Buffett selbst jedoch scheint daran nicht zu glauben. In seinem Testament habe er verfügt, schrieb er 2014 in seinem Geschäftsbericht, dass seine Frau zehn Prozent des Vermögens in kurzlaufende Staatsanleihen investieren solle und 90 Prozent in einen Indexfonds auf den S&P 500 – nicht aber in Aktien seiner Beteiligungsgesellschaft BerkShire Hathaway. Die Indexfonds erwirtschafteten „langfristig wohl eine höhere Rendite als Investmentprodukte, die aktiv von teuren Fondsmanagern gelenkt werden“.

KRYPTOWÄHRUNG: BANKEN GEGEN BITCOIN, ETHERUM UND CO.

Banken sind wie Dinosaurier, die nur noch nicht bemerkt haben, dass der Meteorit bereits eingeschlagen ist.“ Dieser Vergleich ist einer von vielen, der im Kryptowährungs-Okosystem herangezogen wird, wenn es darum geht, ein möglichst drastisches Bild von der Wucht zu zeichnen, mit der sich das Finanzsystem durch das Aufkommen von Bitcoin, Ethereum und Co. verändern wird. Alle Banken werden untergehen und aus der Asche wird sich ein neues, gerechteres und anpassungsfähigeres System erheben. (One-Coin-Betrug, zum Fraudanwalt-Bericht.)

Doch so schön diese Vision auch in den Ohren derjenigen klingen mag, die Banken hassen oder ihnen zumindest skeptisch  gegenüberstehen und den Wunsch nach einem Wandel verspüren – Gründe dafür gibt es zweifelsohne genug – so vorsichtig muss man mit derlei Vergleichen sein. Sie können zwar durchaus hilfreich sein, um komplexe und abstrakte Vorgänge auf einverständliches Niveau herunter zu brechen. Nur leider passen sie nicht immer so richtig.

Wenn Kryptowährungen tatsächlich der Meteorit sein sollen, der mit apokalyptischer Konsequenz das etablierte Finanzsystem auslöschen und in verbesserter Form wiederaufbauen soll, dann lässt er sich ganz schön viel Zeit. Immerhin gibt es Bitcoin nun schon seit mehr als acht Jahren und bislang ist noch keine einzige Bank durch das Aufkommen von Kryptowährungen ausgestorben.

Trotzdem sollte man den Dinosaurier-Vergleich nicht leichtfertig abtun. Ein Körnchen Wahrheit verbirgt sich auch hierin.  Wer würde bestreiten, dass Banken allgemein eher große, behäbige Institutionen sind, die sich schwertun, sich an schnell erneuernde Umweltbedingungen anzupassen? Die bewährte Strategie des etablierten Systems besteht bislang vor allem darin, Veränderungen möglichst zu vermeiden. Stabilität durch Kontinuität. Selbst wenn das bedeutet, dass Leute aus dem Ruhestand geholt werden müssen, weil sie die Letzten sind, die bestimmte Teile des eigenen, ebenfalls in die Jahre gekommenen IT-Systems überhaupt noch verstehen und instand halten können.

Wobei jedoch auch in die vermeintlich starre Bankenstruktur seit einiger Zeit Bewegung kommt. Fintechs nutzen die Digitalisierung, um einfache, flexible und zeitgemäße Angebote zu schaffen und das Geschäft von Banken aufzumischen. Robo-Adviser, einfacher Kontowechsel, Smartphone-Banking, Peer-toPeer-Zahlungen – die Nischen sind vielfältig, die kleine, agile Player besetzen. Interessant ist dabei, auf die werbetauglichen Selbstbeschreibungen dieser Fintechs zu achten. Vielfach geht es darum, etwas zu „revolutionieren“: den Einsatz von Kreditkarten, die Kreditvergabe, den Umgang mit dem Girokonto etc.

Dass revolutionieren aber seinen Ursprung im Lateinischen revolvere hat, was so viel bedeutet wie „zurückrollen“ beziehungsweise „zurückwälzen“, ist dabei durchaus relevant. Denn so wie sich auch die Trommel des Revolvers so lange im Kreis dreht, bis sie am Ende wieder genau dort ist, wo sie einst angefangen hat, so ist auch das Ziel einer Revolution per definitionem eigentlich „nur“ das Zurückrollen zu einem früheren Zustand. Insofern muss man skeptisch fragen, was eigentlich gemeint ist, wenn jemand das Finanzsystem oder zumindest Teile davon „revolutionieren“ will. Zu welchem Zustand soll denn zurückgekehrt werden?

Man könnte das nun als pedantisch abtun. Sprache ist schließlich kein statisches Konstrukt und entwickelt sich immer weiter. Wer so argumentiert, liefert jedoch selbst das beste Argument, warum man den Begriff „Revolution“ mit Bedacht einsetzen sollte: Ein ganz ähnlich klingendes Wort passt, wenn es um Fortschritt geht, bedeutend besser: Evolution. So wie sich Sprache nicht im Kreis dreht oder statisch verharrt, sondern sich immer weiterentwickelt, so sollte sich auch das Finanzwesen beständig entwickeln und nicht nach hinten orientieren.

Nun gibt es jedoch ein kleines Problem, das es nicht ganz leicht macht, die „Revolution“ abzublasen und auf „Evolution“ umzusteigen: Revolutionen lassen sich in gewissem Maße steuern. Sie sind zentralisierte Prozesse, die von charismatischen Führern profitieren, durch zentrale Ereignisse ausgelöst oder befeuert werden und ein vorhandenes, aber bislang noch ruhendes Potenzial zum spontanen Hochkochen bringen können. Vor allem aber sind sie zeitlich begrenzt.

Evolution funktioniert hingegen nach ganz anderen Regeln. Sie endet nicht, sondern ist ein permanenter Prozess. Außerdem ist es unmöglich, sie zu kontrollieren. Evolution lässt sich zwar beeinflussen, aber eben nur in einem sehr begrenzten Maße. Nicht immer kommen dabei die Ergebnisse heraus, die man sich anfangs wünschte. Evolution ist daher unter vielen Gesichtspunkten nicht perfekt. Dennoch ist sie mächtig. Sie ist anpassungsfähig, resistent, resilient und nach vorne, orientiert.

Bitcoin ist das erste evolutionäre Finanzsystem überhaupt. Und genau hierin liegt sein Potenzial. Es entwickelt sich rasant, ist außerordentlich widerstandsfähig und wächst exponenziell. Bitcoin an dieser Stelle mit einem Virus zu vergleichen, ist nicht ganz falsch, zumal „viral“ durch die Evolution der Sprache positiv besetzt ist.

2008 erwähnte Satoshi Nakamoto zum ersten Mal sein Konzept eines Electronic Peerto-Peer Cash-Systems. Anfang 2009 veröffentlichte er dann den Code und stellte ihn frei zugänglich ins Netz. Von diesem Zeitpunkt an begannen die selbstorganisierenden Kräfte seiner Idee ihre Wirkung zu entfalten. Es stießen immer mehr Leute zu dem Projekt. Sie begannen mitzuarbeiten, eigene Ideen einzubringen und die Idee zu verbreiten. Im April 2011 wandelte jemand den frei zugänglichen Code von Bitcoin leicht ab, um die erste alternative Kryptowährung zu erschaffen: Namecoin, den ersten Altcoin. Über die Jahre wuchs das Interesse und immer mehr Menschen begannen, das digitale Geld zu transferieren, Güter damit zu handeln oder den originalen Code abzuwandeln und zu experimentierten. Sie erschufen neue Altcoins, wandelten auch diese ab oder entwickelten gänzlich neue Blockchain-ldeen. Die Evolution eines dezentralen Finanzsystems beschleunigte sich.

Heute ist Bitcoin und alles, was aus der initialen Idee von Satoshi Nakamoto entstanden ist, ein globales Phänomen. Zwischen drei und sechs Millionen Menschen nutzen laut einer aktuellen Studie der Judge Business School der University of Cambridge weltweit Kryptowährungen und die Anzahl der Blockchainund Kryptowährungsprojekte, die das Ökosystem hervorgebracht hat, ist vierstellig. Überall auf der Welt experimentieren Menschen mit den Möglichkeiten von Bitcoin, Ethereum und Co. und tragen so zu einer permanenten, dezentralisierten Weiterentwicklung des Phänomens bei.

Doch zeigt das Prinzip Evolution auch seine Nachteile. Seit Jahren versucht die Bitcoin-Community einen Konsens zu finden, wie die Kapazität der Bitcoin-Blockchain erhöht werden soll. Mittlerweile gibt es tiefe Gräben und alle Optionen liegen auf dem Tisch: Vom Wechsel des Mining-Algorithmus – einer de facto Entmachtung der chinesischen Miner-Hoheit – bis hin zur absichtliChen Spaltung der Blockchain mit all seinen unvorhersehbaren Risiken.

Doch so drastisch die Szenarien auch klingen, eines wird deutlich: ein evolutionäres Finanzsystem lässt sich nicht einfach kontrollieren und ob eine der Optionen umgesetzt wird, ist fraglich. Der evolutionäre Charakter von Bitcoin macht es sicher vor Manipulation, verhindert mitunter aber auch das effiziente Herbeiführen von richtungsweisenden Entscheidungen. Damit umzugehen ist herausfordernd, birgt aber gleichzeitig Potenzial. Denn Bitcoin garantiert aus sich heraus, dass es keinen Stillstand geben wird. Diesen Zustand kennt Evolution nicht. Das Krypto-Ökosystem wird sich immer weiterentwickeln. Neue Ideen werden entstehen. Workarounds, wo es nötig ist. Wer im evolutionären Finanzsystem überleben will, muss lernen dessen Dynamik richtig einzuschätzen: „Survival ofthe fittest“.

AKTIENRENDITE SINKT AUFGRUND GEOPOLITISCHER SPANNUNGEN

Aktuell sprechen mehrere makroökonomische und geopolitische Faktoren dafür, dass die Aktienrenditen künftig niedriger ausfallen werden. Erstklassige Unternehmen sollten ihre Gewinne auch in Zukunft ausbauen können und so ihren Aktienkursen Auftrieb geben – selbst wenn die Weltwirtschaft über einen längeren Zeitraum nur langsam wachsen sollte. Wirklich aktive Portfoliomanager können durch sorgfältige Analysen der Geschäftsmodelle die besten Unternehmen der Welt identifizieren und auf Basis einer erfolgreichen Einzeltitelselektion Mehrrenditen für Anleger erwirtschaften.

Um frühzeitig entsprechende Maßnahmen gegen Deglobalisierungstendenzen ergreifen zu können, sollten Investoren das Marktumfeld fortlaufend anhand der drei entscheidenden Faktoren – Beteiligung einer Supermacht, Gefahr höherer Ölpreise und Risiken für das Finanzsystem – bewerten. Aktiven Anlagestrategien und Aktien hochklassiger Unternehmen helfen, Portfolios krisenfest auszurichten.

Die zunehmende Vernetzung der Volkswirtschaften hat die Produktivität jahrzehntelang erhöht und damit die Inflation gedämpft. Sie hat die Entwicklung  der Schwellenländer beflügelt, damit der Weltwirtschaft Auftrieb gegeben und die Entwicklung an den Börsen begünstigt. Doch in der jüngsten Vergangenheit finden sich neben Bestrebungen, den Welthandel einzudämmen, weltweit weitere Beispiele für nationalistische Tendenzen, die der Globalisierung entgegen wirken: Brexit, der Ukraine-Konflikt und die abnehmende Bereitschaft Saudi-Arabiens, zum Abbau von Überangeboten die eigene Erdölproduktion anzupassen – um nur einige zu nennen. Und in Europa finden national ausgerichtete Parteien wachsenden Zuspruch. Eine solche Entwicklung könnte längerfristige Folgen für Investoren haben. Denn gerät die Globalisierung ins Stocken, entfällt ein wichtiger Antriebsmotor der Weltkonjunktur. Und das dürfte sich auch an den Kapitalmärkten niederschlagen.Wie umfassend nationale Initiativen auf die Weltwirtschaft wirken können, verdeutlicht das Beispiel USA. Die Maßnahmen, die Donald Trump vorgeschlagenen hat, beträfen nicht nur  die USA, sondern hätten weltweite Auswirkungen. Die Folgen für Drittstaaten dürften sogar heftiger ausfallen als für die Vereinigten Staaten selbst. Für die USA lassen sich unter dem Strich eher geringe Auswirkungen erwarten, da dort auch positive Effekte zum Tragen kommen könnten – etwa durch Steuerreformen oder staatliche Investitionsprogramme. Für 2017 erwarten wir in den USA ein Wachstum des Bruttoinlandsproduktes von zwei Prozent im Vergleich zu 1,5 Prozent 2016. Wir rechnen mit einem anziehenden BIP-Wachstum, da Trump während seiner Wahlkampagne nennenswerte fiskalpolitische Anreize angekündigt hat. Daher haben sich Aktien aus dem Infrastruktur- und Konsumgüterbereich sowie Grundstoff- und Industrietitel nach der Wahl bereits überdurchschnittlich gut entwickelt. Ein starker Dollar infolge steigender Zinsen in den USA könnte aufgrund der sinkenden Importpreise auch den US-amerikanischen Verbrauchern nützen. In Verbindung mit einer Senkung der Einkommensteuer würde dies die Verbrauchernachfrage über alle Einkommensklassen hinweg weiter stärken. Derartige Entwicklungen würden sich positiv auf inländische Firmen auswirken, die ihre Güter am lokalen Markt anbieten. Trumps Versprechen, die Körperschaftssteuer für US-Unternehmen zu senken, dürfte vor allem kleineren Unternehmen helfen, da der effektive Steuersatz bei diesen in der Regel höher ist als bei multinationalen Konzernen.Abseits der USA hätte jede Verschärfung des Protektionismus dagegen vermutlich gravierende Folgen für Unternehmen mit globalen Lieferketten. Vor allem für die Schwellenländer könnte der Kurs der Trump-Regierung beträchtliche Auswirkungen haben. Mexiko und China geben besonderen Anlass zur Besorgnis, da sich Trumps negative Außerungen auf diese Länder konzentrierten. Zudem gehen mehr als 80 Prozent der mexikanischen Exporte in die USA. Wie die Präsidentschaft von Donald Trump und die Androhung von Strafzöllen sich auf die Exportentwicklung in China auswirken werden, ist ungewiss – USA vor Zuhlungsunfähigkeit?. Die USA sind derzeit wieder Chinas wichtigster Handelspartner: 18 Prozent der Gesamtexporte gehen dorthin. Allerdings gilt zu beachten, dass sich die Exportlastigkeit der chinesischen Wirtschaft in den vergangenen Jahren deutlich verringert hat. So ist der Anteil der Nettoexporte am Bruttoinlandsprodukt von 8,6 Prozent vor der globalen Finanzkrise auf 3,4 Prozent gesunken. Sollten die USA als Handelspartner für das Land an Attraktivität verlieren, wird sich China voraussichtlich noch stärker in den Schwellenländern engagieren und somit seine Exportmärkte diversifizieren. Weitere Unsicherheit besteht in Bezug auf die Frage, ob Trump China als Währungsmanipulator brandmarken wird, und was dies für den Yuan angesichts eines stärkeren US-Dollars bedeuten würde. Für 2017 erwarten wir ein chinesisches BIP-Wachstum von 5,0 Prozent nach 5,5 Prozent im Vorjahr. Andere Staaten dürfte es weitaus härter treffen: Unter dem Strich sind Mexiko, Kolumbien, Malaysia, Korea und Thailand die Schwellenländer, die von einer protektionistischeren US-Politik wohl am stärksten betroffen wären. Mehr über Schwellenländeranleihen lesen?

Die Beispiele verdeutlichen, dass die Tendenz zur Deglobalisierung vielfältige und weitreichende geopolitische Risiken birgt. Dennoch war die Stimmung an den Kapitalmärkten im ersten Quartal 2017 positiv. Wie passt das zusammen? Könnten protektionistische Strömungen und offener zutage tretende Konflikte die internationalen Finanzmärkte auf absehbare Zeit vielleicht doch belasten? Grundsätzlich beurteilen Investoren die Auswirkungen geopolitischer Risiken auf ihre Portfolios amoralisch. Das heißt, sie bewerten nur die Auswirkungen auf die Erträge und Gewinne der Unternehmen, in die sie investiert sind. Die entscheidende  Frage aus Sicht der Investoren lautet also nicht, ob der Welthandel sich verändert, Konflikte häufiger geworden sind oder verbreiteter auftreten. Zentral ist vielmehr die Frage: Verändert die Art der geopolitischen Risiken sich so, dass diese Entwicklung zu Störungen an den Finanzmärkten führen kann? Historisch betrachtet, belasten bei geopolitischen Risiken in der Regel vor allem drei Faktoren die Kapitalmärkte, sodass die Risikoprämien dort steigen und die Ereignisse für Investoren relevant werden.

Der erste dieser Faktoren ist, dass eine Supermacht involviert ist. Denn in einem solchen Fall besteht das Risiko eines größeren Konfliktes, zudem könnte das Verbrauchervertrauen erheblich zurückgehen. Dabei gilt als Supermacht ein Land oder ein Staatenbund, der mindestens etwa 20 Prozent des globalen Bruttoinlandsproduktes kontrolliert oder beeinflusst, der über beträchtliche militärische Stärke verfügt und in der Lage ist, diese militärische Macht weltweit zu projizieren. Gemäß dieser Definition sind die USA aktuell das einzige Land, das alle Kriterien einer Supermacht erfüllt. Der zweite Faktor bei geopolitischen Risiken, der die Kapitalmärkte erfahrungsgemäß belastet, ist die Gefahr höherer Ölpreise. Denn dadurch steigen die Input- und Transportkosten der Industrie, gleichzeitig verlieren die Verbraucher an Kaufkraft. Bewaffnete Konflikte, die weitab von den Zentren der Weltwirtschaft stattfinden und die Ölversorgung nicht bedrohen, wirken sich in der Regel nicht auf die Märkte aus. Aus diesem Grund findet es so viel Beachtung, wenn etwa die Bereitschaft Saudi-Arabiens, zum Abbau von Überangeboten die eigene Erdölproduktion anzupassen, nachlässt. Als dritter Faktor spielt eine Rolle, ob Risiken für das globale Finanzsystem bestehen. Denn der daraus resultierende Rückgang der Kreditvergabe würde dazu führen, dass die gesamtwirtschaftliche Aktivität zurückgeht.

Angesichts der drei genannten Faktoren könnte die Tendenz zur Deglobalisierung mit all ihren Symptomen früher oder später also sehr wohl Auswirkungen auf die Kapitalmärkte haben. Erstens in der Kursentwicklung: Fällt das Wirtschaftswachstum geringer aus – infolge eines abnehmenden Welthandels, höherer Ölpreise, rückläufiger Kreditvergabe oder ähnlichem – könnten sich auch die Börsenkurse weniger dynamisch entwickeln. Für Investoren hätte dies vermutlich niedrigere Renditen zur Folge.

Zweitens wäre ein Umdenken bei der Bewertung von Aktien angesagt, falls die Triebkräfte der Wirtschaft sich grundlegend umgestalten sollten. Denn im Falle geringerer durchschnittlicher Wachstumsraten der Unternehmen sowie vermehrter Risiken durch geopolitische Unwägbarkeiten dürften Investoren höhere Risikoprämien am Aktienmarkt fordern. Dies könnte zweierlei bedeuten: Zum einen führen geringere Gewinnaussichten bei konstanten Kursen zu höheren Kurs-Gewinn-Verhältnissen, sprich zu höheren Bewertungen. Um diese auszugleichen, müssten die Kurse nachgeben. Zum anderen könnten Bewertungskennziffern wie das Kurs-Gewinn-Verhältnis oder Kurs-Buchwert-Verhältnis neu zu interpretieren sein, sprich: Wo ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von 15 heute als durchschnittlich gilt – zum Beispiel bei europäischen Aktien – könnte es angesichts veränderter geopolitischer Rahmenbedingungen künftig eine zu geringe Risikoprämie widerspiegeln und daher zu hoch erscheinen. Drittens dürften Tendenzen zur Deglobalisierung immer wieder zu Phasen erhöhter Nervosität an den Kapitalmärkten führen – und zwar dann, wenn Investoren die herrschenden Situationen anhand der drei beschriebenen Faktoren – Beteiligung einer Supermacht, Gefahr höherer Ölpreise und Risiken für das Finanzsys tem – bewerten.

Für Investoren bedeutet dies, aktive Anlagestrategien zu wählen, die flexibel auf Veränderungen des geopolitischen und makroökonomischen Umfeldes reagieren können. Denn aktiven Portfoliomanagern bietet erhöhte Volatilität besonders gute Chancen, um Mehrwert gegenüber dem Markt zu erzielen.

Doch wie lässt sich dies umsetzen, ohne allzu starke Kursausschläge mitmachen zu müssen? Die Lösung bieten hochklassige Unternehmen wie Google, Colgate und Visa. Diese haben in den vergangenen Jahren tendenziell hohe Kapitalrenditen erwirtschaftet, ein überdurchschnittliches Ertragswachstum verzeichnet und ihre Aktionäre mit hohen Anlageerträgen erfreut – während andere Unternehmen enttäuschende Ergebnisse vorgelegt haben und die Aktienmärkte starke Kursschwankungen zu verkraften hatten. Diese globalen Champions haben eines gemeinsam: strukturelle Wettbewerbsvorteile, durch die sie über lange Zeiträume hinweg nachhaltig hohe Erträge erwirtschaften können. Zu diesen Wettbewerbsvorteilen gehören erstens immaterielle Vermögenswerte wie Marken oder Patente, die verhindern, dass neue Wettbewerber in den Markt eintreten – siehe den Konsumgüterhersteller Colgate-Palmolive. Zweitens spielen wie beim US-Großhändler Costco Kostenvorteile eine Rolle, denn der kostengünstigste Produzent kann seine Konkurrenten aus dem Markt drängen. Günstig wirkt drittens der Netzwerkeffekt, indem der Wert einer Dienstleistung steigt, je mehr Menschen diese nutzen – etwa beim chinesischen Internetunternehmen Tencent. Das US-Technologieunternehmen Thermo Fisher verdeutlicht viertens den Vorteil der optimalen Betriebsgröße. Und fünftens wirken Kosten, die mit dem Wechsel des Anbieters verbunden sind, günstig – siehe den britischen Medienkonzern RELX Group. Ohne diese fünf Vorteile würde der Wettbewerbsdruck die Unternehmensgewinne vermutlich schnell aufzehren.

Neben den individuellen Wettbewerbsvorteilen sollten Anleger auch ein Verständnis für die jeweiligen Branchen haben, um zu erkennen, welche Unternehmen erstklassig positioniert sind. Dafür bietet sich das Fünf-Kräfte-Modell von Harvard-Professor Michael Porter an. Es umfasst die Rivalität eines Unternehmens zu seinen Wettbewerbern, Eintrittsbarrieren für den entspre chenden Markt, die Austauschbarkeit der Produkte des Unternehmens, die Anbieterstärke und die Nachfragestärke, sprich die Macht der Kunden. Auf diese Weise ergeben sich attraktive Anlageideen beispielsweise in Konsumbereichen mit einer hohen Markentreue oder in der Pharmabranche, wo Patente eine wirksame Markteintrittsbarriere darstellen. Weniger attraktiv sind dagegen Branchen mit einem austauschbaren Produktangebot wie der Energiesektor, wo die Kapitalkosten die Renditen fast komplett aufzehren. Das Gleiche gilt für stark regulierte Branchen wie die Versorgungsindustrie. Generell interessant sind Oligopole – sprich Branchen, die sich durch eine kleine Anzahl dominanter Akteure mit hoher Preissetzungsmacht auszeichnen. Noch besser sind nicht regulierte Monopole.

AUCH KLEINANLEGER KÖNNEN IN SCHWELLENLÄNDERANLEIHEN INVESTIEREN

Um in Schwellenländeranleihen zu investieren, brauchen Anleger einen flexiblen und opportunistischen Ansatz und den Willen, sich gegen Markttrends zu positionieren. Sie müssen selektiv vorgehen, spezifische Risiken eingehen und langfristig orientiert sein, um Chancen bei Anleihen zu nutzen, welche von Schwellenländern wie Venezuela begeben werden.

Schwellenländeranleihen galten lange Zeit als eine den „Spezialisten“ vorbehaltene Anlageklasse, aber in den letzten Jahren ist das verwaltete Vermögen stark gewachsen. Dennoch gewichten die meisten Anleger diese Anlageklasse in ihren Portfolios unter. Seit einigen Monaten müssen sich Investoren mit niedrigen und sogar negativen Renditen auf europäische Staatsanleihen zufriedengeben. Doch das Rentenmarktsegment der Schwellenländeranleihen hat sich erfreulich entwickelt.

Schwellenländeranleihen sind heute eine eigene Anlageklasse. Sie bieten potenziell attraktive Renditen, sowohl relativ aus auch absolut betrachtet, und gute Möglichkeiten, ein Portfolio zu diversifizieren. Das Segment macht aktuell nur zwölf Prozent des globalen Rentenmarkts aus. Dieser Anteil dürfte aber größer werden, da Schwellenländer inzwischen rund die Hälfte zum weltweiten Bruttoinlandsproduktes (BIP) beisteuern.

Schwellenländeranleihen können auf Hart- oder Lokalwährung lauten und werden als Staatsanleihen, Quasi-Staatsanleihen und Unternehmensanleihen angeboten. Dank der steigenden Zahl von Emittenten und Anlegern hat sich der Markt in den letzten Jahren diversifiziert. Doch auch wenn sich die Mittelzuflüsse 2016 erholt haben, sind Schwellenländer in den Anleiheportfolios großer internationaler Investoren noch untergewichtet.

Die Anlageklasse wird durch langfristige Trends unterstützt. Die Fundamentaldaten von Schwellenländern sind mittlerweile wesentlich solider als in der Vergangenheit: So haben sie ihre Schuldenquoten im Allgemeinen unter Kontrolle und auch ihre Devisenreserven nehmen stetig zu. Das Bevölkerungswachstum und der Aufstieg einer Mittelschicht sind weitere wichtige unterstützende Faktoren. Natürlich gibt es Unterschiede zwischen einzelnen Wirtschaftsräumen und Ländern, und es bestehen Risikofaktoren, die gesteuert werden müssen. Eine selektives Vorgehen ist deshalb unerlässlich.

Seit 2014 achtet Edmond de Rothschild insbesondere auf das China-Risiko, welches vom Markt unterschätzt wird, und das Portfolio ist seitdem zum Teil gegen dieses systemische Risiko abgesichert. Von China geht nach wie vor die größte makroökonomische Gefahr aus. Trotz vereinzelter ermutigender Meldungen zur Wirtschaft hat das Land mit vielen Ungleichgewichten zu kämpfen. Die Schuldenquote beläuft sich auf circa 250 Prozent. Der von offizieller Seite genannte Anteil Notleidender Kredite am gesamten Kreditvolumen ist weit von der Realität entfernt und der Immobilienmarkt zeigt Überhitzungserscheinungen. Angesichts dieser Risiken hat Edmond de Rothschild seine Absicherungsmaßnahmen aufrechterhalten. Um die Chancen wahrzunehmen, muss man Themen, Länder und Unternehmen mit einem asymmetrischen Chance-Risiko-Verhältnis untersuchen, statt regional zu selektieren. In Lateinamerika hat es auf Länder und Unternehmensebene in den letzten Jahren etliche Beispiele für eine Trendwende gegeben.

Edmond de Rothschild sucht nach Anleihen, welche die eingegangenen Risiken durch Renditen kompensieren. Die Bepreisung von Risiken ist im Falle einiger Emittenten mit Investment-Grade-Rating unattraktiv. Dazu gehören osteuropäische Länder, Peru, Chile oder Thailand. Zudem sind diese Länder anfälliger für einen weiteren Zinsanstieg in den USA. Die größte Position im Edmond de Rothschild Fund Emerging Bonds ist Venezuela. Ertragsrenditen von knapp 20 Prozent und die Tatsache, dass die Kurse der meisten Anleihen unter ihren potenziellen langfristigen Rückholwerten im Fall eines Zahlungsausfalls liegen, sind Argumente, in diese Papiere zu investieren.

Venezolanische Anleihen besitzen nach wie vor Kurspotenzial und weisen eine Asymmetrie zwischen ihrem langfristigen Wert und den kurzfristigen Verlustrisiken angesichts aktueller Marktbewertungen auf. In der Politik des Landes hat nach über 15 Jahren Chavismus der Wandel begonnen. Die Opposition hat die letzten Parlamentswahlen gewonnen und kontrolliert jetzt den Kongress. Der Machtkampf zwischen Regierung und Opposition geht weiter, denn die Kosten einer Machtaufgabe sind für das amtierende Regime hoch. Das Militär besitzt aufgrund seiner politischen und wirtschaftlichen Macht eine Schlüsselstellung und nimmt anscheinend eine pragmatischere Haltung ein, indem es den Willen des Volkes beachtet. Zudem steigt der äußere Druck auf die Regierung, den Volkswillen zu respektieren. In vielen verbündeten lateinamerikanischen Ländern wie Argentinien und Brasilien gibt es neue Regierungen, die den Machtmissbrauch des Regimes von Präsident Nicolas Maduro wesentlich kritischer sehen als ihre Vorgänger.

Der venezolanischen Regierung war es stets wichtig, ihre Schuldendienstzahlungen aufrechtzuerhalten und Konflikte mit ihren internationalen Kreditgebern zu vermeiden, um die Ölwirtschaft des Landes vor Schaden zu bewahren, Venezuela nimmt durch den Ölexport mehr als 95 Prozent seiner US-Dollar-Devisen ein. Die Verschuldung des Landes ist moderat, und  es verfügt über die Mittel, langfristig seine Schulden zu begleichen, da es die weltweit größten Erdölvorkommen besitzt. Die Zahlungsbereitschaft ist hoch, auch wenn es wegen einer verfehlten Wirtschaftspolitik kurzfristig Liquiditätsprobleme gibt. Daher sieht Edmond de Rothschild selbst bei Betrachtung des ungünstigsten Szenarios mit einem möglichen Zahlungsausfall und einer Umschuldung Wertpotenzial.

Mexiko könnte ein eindrucksvolles Comeback erleben. Das Land ist gegenwärtig eines der attraktivsten Länder im Edmond de Rothschild Anlageuniversum – insbesondere auf der Lokalwährungsseite. Nach den US-Wahlen sind mexikanische Vermögenswerte massiv unter Druck geraten. Der mexikanische Peso ist weltweit eine der billigsten Währungen, und wenn man der Überzeugung ist, dass die Regierung Trump wegen der engen Verflechtung beider Länder eine vorsichtige Politik verfolgen muss, gibt es gute Argumente zu investieren.

Der mexikanische Peso ist durch zwei Entwicklungen ab 2013 beeinflusst wurden. Zunächst wurden die Währungen der Schwellenländer durch das „Taper Tantrum“ aufgeschreckt, die Besorgnis über die erwartete Ankündigung der US-Notenbank Fed, ihre Anleihekäufe allmählich zu drosseln. Trotz der Fundamentaldaten haben Anleger den mexikanischen Peso als Stellvertreter benutzt, um den Markt leer zu verkaufen, denn der Peso ist die liquideste Schwellenländerwährung und weist ein geringes Carry auf, sodass Leerverkäufe nicht zu teuer sind. Die Folge war eine erste, nicht gerechtfertigte Abwertung des Pesos.

Nach Trumps Wahlsieg verlor die Währung erneut an Wert. Aber wie sich inzwischen zeigt, ist die Trump-Regierung anscheinend pragmatischer und bereit, eine für beide Seiten vorteilhafte Vereinbarung mit Mexiko anzustreben. Diese beiden Episoden haben zu einer Unterbewertung des mexikanischen Pesosgeführt. Deshalb ist Edmond de Rothschildt in Anbetracht der Fundamentaldaten und der technischen Faktoren von einer Long-Positionierung in der mexikanischen Währung überzeugt. Brasilien, das ebenfalls einen tiefgreifenden politischen Wandel erlebt, gehört zu den südamerikanischen Ländern, von denen Edmond de Rothschild unter Anlagegesichtspunkten am meisten überzeugt ist. Eine Zäsur in der Politik brachte die erwartete Amtsenthebung von Präsidentin Dilma Roussef. Das stellte einen Wendepunkt dar, nachdem viele brasilianische Vermögenswerte Anfang letzten Jahres aufgrund des zu dieser Zeit herrschenden Bewertungsniveaus und der Markpositionierung attraktiv waren. Seitdem sind die Chancen wieder gesunken.

Auch Argentinien hat einen interessanten Wandel erlebt und gehörte zwischen 2013 und 2016 zu den drei überzeugendsten Anlageideen. Das Wachstumspotenzial ist noch positiv, allerdings sind das Bewertungsniveau und die Marktpositionierung nicht mehr so attraktiv, wie sie einmal waren. Edmond de Rothschild befasst sich zurzeit auch mit einem viel kleineren Land, nämlich Belize, das mit seinen Kreditgebern über eine Umschuldung verhandelt. Zum zweiten Mal in weniger als fünf Jahren.

Vor einer Investition betrachtet Edmond de Rothschild neben den wirtschaftlichen Fundamentaldaten und möglichen wirtschaftlichen und politischen Wendepunkten immer auch alle technischen Elemente. Es ist wichtig, diese technischen Aspekte wie Mittelflüsse, Marktpositionierung und Bewertungsniveau zu berücksichtigen, vor allem wegen der im Vergleich zu vor zehn Jahren geringeren Liquidität am Markt. Ausschließlich auf die wirtschaftlichen Fundamentaldaten abzustellen, ist nicht effizient. In diesem Sinne müssen Reisen opportunistisch sein – vor allem dort, wo wenig Analysen verfügbar sind. Man sollte vorsichtig sein, um nicht von den Eindrücken vor Ort getäuscht zu werden und diese ohne Beachtung aller übrigen Faktoren überzugewichten. Das Risiko liegt darin, allein auf dieser Grundlage falsche Anlageentscheidungen zu treffen.

Der Edmond de Rothschild Fund Emerging Bonds verfolgt einen flexiblen, opportunistischen Ansatz. Das Anlageuniversum ist breit, und der Fonds kann seine Renditequellen diversifizieren, indem er in Hart- und Lokalwährungsanleihen, in Devisen, Staats-, Quasi-Staats- und Unternehmensanleihen investiert. Allerdings tendiert er dazu, hauptsächlich in auf Hartwährung lautende Staats- und Quasi-Staatsanleihen zu investieren, da dieses Segment eine deutlich größere Auswahl an Anlageinstrumenten bietet. Auf Hartwährung lautende Staatsanleihen, die weltweit von circa 80 Ländern emittiert werden, bilden das größte Anlageuniversum. Dagegen sind die Märkte für Lokalwährungsanleihen hauptsächlich auf 15 Länder konzentriert.

Der Edmond de Rothschild Fund Emerging Bonds kann sich deutlich von großen Indizes für Schwellenländeranleihen entfernen und hohe Wetten abschließen, die manchmal auf Argumenten basieren, die vorherrschenden Anlageüberzeugungen widersprechen. Benchmark orientierte Anlagestrategien eignen sich wegen der einseitigen Ausrichtung von Indizes nicht für Schwellenländeranleihen. Es ist wichtig, auf starke langfristige Überzeugungen zu setzen. Jahr für Jahr hängt die Performance in diesen Märkten davon ab, dass man eine begrenzte Zahl spezifischer Investments identifiziert.