HAMBURGER HANDELSKAMMER: DIE ODYSSEE NACH DEN WAHLVERSPRECHEN

Die Decke ist nicht einfach hoch, sie scheint zehn Meter weit weg. An der Wand Ölgemälde, wilde See und Schiffe, darunter schwarze Ledersessel, eine Couch, Stehlampen und am Fenster ein Schreibtisch. Ein Raum aus einer Zeit, als Männer im Frack ihre Geschäfte noch bei Whiskey und Zigarre besiegelten.

Tobias Bergmann schreitet durch die Pracht seines Arbeitszimmers in der Handelskammer Hamburg, deutet auf eine kleine Sitzgruppe und einen schwarzen Sessel. „Mein Platz ist hier“, sagt Bergmann: der Präsidentensessel. Links daneben sitze der Gast, der in der Hierarchie am nächsthöchsten rangiert, dann gehe es absteigend weiter, „den Kaffee serviert eine Sekretärin nach Rangordnung“.

So war das mehr als 350 Jahre lang – bis Tobias Bergmann im April den Raum bezogen hat. Bergmann ist der 234. Präses der Handelskammer, gewählt in diesem Frühjahr in einem Akt bürgerlicher Rebellion: Von den 58 Sitzen im Kammerparlament eroberte Bergmanns Initiative aus dem Stand 55 Mandate. Seither ist nichts mehr, wie es war in Hamburg, all die schönen Jahrhunderte. Kaffee gibt es heute Morgen keinen, die Sekretärin ist noch nicht da, und Bergmann hatte auch keine Zeit. Über dem Stuhl am Schreibtisch hängt seine Notkrawatte, er geht aber lieber ohne. Der Computer ist neu, demnächst kommt noch ein Flipboard. Aus der Kammer will er eine „coole Company“ machen.

Bergmann ist ein quirliger, kumpeliger, nicht allzu großer Mann mit Haaren, die sich schon ein wenig lichten, vorn frech nach oben stehen, und mit einer dicken schwarzen Hornbrille, die seine Augen ungewöhnlich groß aussehen lassen. 45 Jahre alt ist er, aus Niederbayern, Unternehmensberater. Ein Schnellsprecher, Lautlacher. Modell Business-Punk statt Pfeffersack.

Dass er hier sitzt, ist eine ziemlich verrückte Geschichte. Eine, die er selbst nicht für möglich gehalten hätte. Und die einige des alten Regimes für eine unglaubliche Frechheit halten, sagt Bergmann, „ein Bengel wie ich hier in diesen heiligen Hallen“. Denn die Hamburger Kammer ist ja kein kleines Kämmerlein, sie ist die älteste Industrie- und Handelskammer Deutschlands. Entstanden als Schutz gegen Piraten und Politiker, ein Bollwerk der Wirtschaft, ein imposanter Bau gleich neben dem Rathaus. Fast 400 Menschen arbeiten hier, den ehrbaren Kaufmann führen sie dabei ständig im Munde.

Und so ist sein Aufstieg auch mehr als eine kleine Rebellion — es ist die Geschichte einer Auflehnung gegen ein verkrustetes Stück Deutschland. Ein System, das auf Zwangsmitgliedschaft und Zwangsbeiträge setzt und sich für unfehlbar hält. Das in Hamburg an seiner Arroganz zugrunde gegangen sei, sagt Bergmann.

Im Wahlkampf versprachen er und seine Mitstreiter von der Initiative „Die Kammer sind WIR“, das alte System der IHKs auszumisten. Die Pflichtbeiträge wollten sie abschaffen, Geschäftsführergehälter und Altersbezüge kürzen, den Apparat verschlanken und die Klüngel- und Klientelwirtschaft beenden. Eine Art gläserne Kammer, für die ihre Mitglieder im Idealfall sogar freiwillig zahlen würden. So der Plan.

Die alten Geschichten

Ein milder Juniabend. Bergmann hat auf die Dachterrasse der Handelskammer geladen, rund drei Dutzend Männer und Frauen stehen an Biertischen. Ein IT-Unternehmer in Jeans und T-Shirt; die Kauffrau, die ein Online-Business mit handgemachten Wellnessprodukten aufzieht. Ein Mittvierziger im Anzug, sonnengebräunt, der mit dem Verkauf eines Onlineportals viel Geld verdient hat und nun Holzhochhäuser baut; und Torsten Teichert, Redenschreiber des einstigen Bürgermeisters Klaus von Dohnanyi und Literaturwissenschaftler, was ihn, wie er sagt, für jeden Job qualifiziere – heute macht er in Private Equity, ist Bergmanns rechte Hand und bei jeder Revolution in der Stadt dabei.

Die meisten von ihnen waren noch nie hier oben, es sind „Neu-Plenarier“, zum ersten Mal gewählt in das Parlament der Hamburger Handelskammer. Jetzt regieren sie, kleine und mittelständische Unternehmer. Bis auf die Hamburger Sparkasse sitzt kein großes Unternehmen mehr im Parlament der Kammer. Airbus, Siemens, Vattenfall, M.M.Warburg — alle raus.

Es gibt Würstchen, Koteletts, Kartoffelsalat, Bier, Wein. Bloß kein Prassen auf Kosten der Mitglieder mehr. Dass jeder Euro zählt, hat Bergmann in der Plenarversammlung klargemacht. Die Stimmkarten dürften künftig nicht mehr bemalt oder mitgenommen werden. „Die verwenden wir wieder.“ Er will auch den Getränkelieferanten wechseln, den Papierverbrauch eindämmen.

Was nach Pillepalle klingt, hat einen ernsten Hintergrund: Über Jahre hat die Kammer das Geld der Mitglieder nur so rausgehauen, trotz fast 50 Mio. Euro Budget (davon 40 Mio. Euro Zwangsbeiträge) standen am Ende des Jahres rote Zahlen. Viel zu hohe Sach- und Personalkosten, galoppierende Pensionslasten, nun ist die Kasse leer. Wie leer, das prüfen sie gerade. Auch, ob es dabei Selbstbedienung und Versäumnisse der Aufsicht gab. So waren bei vielen Mitarbeitern die Pensionen so großzügig, dass ihr Netto bei Renteneintritt um 20 Prozent stieg.

Ab sofort gilt eine neue Regel: Wer mehr Geld ausgeben will, muss an anderer Stelle sparen. Auch an die Gehälter will er ran. Der künftige Hauptgeschäftsführer wird sich mit 150 000 Euro, ohne Altersvorsorge, begnügen müssen, der Vorgänger hatte mehr als das Dreifache.

Bergmann geht von Tisch zu Tisch, schüttelt Hände, klopft Schultern. Das ist seine Mannschaft hier, mit einigen ist er befreundet. Die Stimmung ist aufgekratzt, die Sieger-Euphorie immer noch greifbar. Viele erzählen, wie sie Flyer entworfen, Youtube-Spots gedreht und Briefe an 84 000 Unternehmen verschickt haben, wie sie gebloggt, getwittert, gekämpft haben. Von den Rebellengeschichten müssen sie noch lange zehren, aber sie beflügeln auch für das, was jetzt kommt.

Bergmann sitzt inzwischen bei Teichert, seinem Vize und Schöngeist. Sie diskutieren, wie sie die drei Vertreter des alten Regimes besser einbinden können, sie wollen keine Dauerfehde. Die Verlierer hatten nach der Wahl angekündigt, in außerparlamentarische Opposition zu gehen. Bergmann amüsiert die Vorstellung, seine Eltern waren APO, er selbst früh in der SPD aktiv, seine Mitgliedschaft ruht gerade.

Vorhin im Plenum hatten die drei Herren beklagt, unter den Mitarbeitern gebe es eine „große Verunsicherung“. Sie warnten vor einem Aderlass und forderten „kurzfristig stabilisierende Maßnahmen“ für die Beschäftigten. Es klang wie ein Gewerkschaftspamphlet aus dem Munde eines Arbeitgebers. Bergmann schlug vor, den Antrag zu vertagen. Doch die Herren blieben stur, verloren die Abstimmung und waren düpiert. „Ich hätte mit ihnen sprechen müssen“, räsoniert er nun.

Die bittere Realität

Es ist eine neue Rolle für ihn. Statt Sturm zu laufen, muss er nun taktieren. Und seine großen Versprechen von Transparenz und geringeren Kosten umsetzen. Alltag nach der Revolution.

Drei Jahre haben Bergmann und seine Rebellen Zeit, ihre Wahlversprechen umzusetzen. Um ihr wichtigstes Vorhaben, die Abschaffung der Zwangsbeiträge, sieht es schon nicht gut aus: Wegen der drückenden Pensionslasten – in den Rückstellungen klafft eine Lücke von 62,4 Mio. Euro – könnten die Beiträge bald sogar steigen. Bergmanns wichtigstes Wahlversprechen wäre perdu. Was also tun?

Unternehmen können Insolvenz anmelden, eine Kammer nicht. Eine Bad Bank für die Altlasten wäre eine Option. Bergmann könnte auch die Politik um Hilfe bitten, die aber schon oft versagt hat.

BMW WAPPNET SICH GEGEN US-STRAFZÖLLE

Für den Fall von US-Strafzöllen gegen Importe aus Mexiko setzt der deutsche Autobauer BMW auf Produktionsverlagerungen innerhalb seines Netzwerks. „Die Antwort bei Volatilitäten wie Zöllen und Steuern ist Flexibilität“, sagte BMW-Chef-Harald Krüger am Rande eines Besuchs in Spartanburg im Bundesstaat South Carolina, wo das Unternehmen sein weltweit größtes Werk betreibt. „Wir haben immer wieder schnell reagiert und neue Autos notfalls an anderen Standorten gebaut.“ Krüger hielt sich anlässlich des 25-jährigen Jubiläums des Werks in South Carolina auf.

US-Präsident Donald Trump hatte BMW explizit mit hohen Abgaben gedroht, falls der Konzern versuche, Autos aus seinem neuen Werk in Mexiko auf dem US-Markt zu verkaufen. BMW — der größte US-Exporteur von Autos — fährt im Umgang mit dem Präsidenten nun eine Doppelstrategie: Zum einen versucht man, mit einer Ausbildungsinitiative und neuen Investitionen in den USA das Wohlwollen der Regierung zu gewinnen. Zum anderen wappnet sich BMW für den Fall, dass es tatsächlich zu Strafzöllen kommt. Die Produktion in Mexiko könnte dann zum Teil auf den südamerikanischen Markt gehen. Zugleich würde in Spartanburg dann noch stärker für die US-Abnehmer produziert.

Im Ernstfall würde das eine Umschichtung bei den Modellen bedeuten. Im mexikanischen Werk San Luis Potosi wird ab 2019 die 3er-Limousine gebaut. In Spartanburg werden nur Geländewagen produziert.

Krüger sagte mit Blick auf Strafzölle, er „glaube im Augenblick nicht, dass das kommt“. Allerdings betonte der BMW-Chef das Prinzip des Freihandels, das Trump infrage gestellt hatte. „Wenn man 70 Prozent exportiert, ist ein solches Modell natürlich auch angewiesen auf freien Welthandel“, sagte Krüger. Unterstützung bekam BMW vom republikanischen

Senator Lindsey Graham, der in Spartanburg eine Rede hielt. Er sei ein „amerikanischer Politiker, der deutsche Autos liebt“, so Graham.

DIE VERDECKTEN MONOPOLISTEN

Die Frühjahrsauktionen seltener Uhren in Genf dominierte in diesem Jahr eine Marke: Rolex. Starauktionator Aurel Bacs feierte bei Phillips einen neuen Rolex-Preisrekord. Für eine goldene „Oyster Perpetual“ mit Vollkalender und Mondphase von 1952 wurden 5,1 Millionen Schweizer Franken gezahlt. Die Uhr gehörte dem letzten vietnamesischen Kaiser Bao Dai. Den zweit- und vierthöchsten je für eine Rolex gezahlten Auktionspreis konnte Bacs ebenfalls ausrufen. Bei Christie’s trugen vier der fünf Toplose die markante Krone.

Das zeigt: Rolex ist bei Sammlern nach wie vor extrem begehrt. Und daran wird sich auch so schnell nichts ändern.

Für bestimmte Vintagemodelle werden die Preise weiter steigen.

Die Gründe für diese anhaltende Dominanz: Durch die konsistente Modellpolitik, die über Jahrzehnte kaum verändert wurde, hat Rolex den höchsten Wiedererkennungswert. Bis heute passen die robusten Modelle zur gängigen Vorstellung von exklusivem Lifestyle, Abenteuer und Sport. Prägend sind die wasserdichten Gehäuse in der Oyster-Form, bei der Krone und Boden verschraubt sind. Früher als alle anderen hat Rolex den Starkult für sich genutzt. Nahezu alle Spitzenmodelle tragen heute die Namen von Filmhelden und Schauspielern. Die „Submariner“ Taucheruhr läuft unter Sammlern als „James Bond“, die 5512 hört auf „Steve McQueen“.

Die „Daytona“-Stoppuhren mit den markantesten Zifferblättern heißen „Paul Newman“. Für die seltene Version im Stahlgehäuse werden Preise ab 100 000 Euro verlangt, trotzdem übersteigt die Nachfrage das Angebot bei Weitem. Ihr Wert hängt davon ab, ob der Chronograf mit einem Originalzifferblatt ausgestattet ist (und wie gut dessen Zustand ist).

Günstigere „Daytona“Modelle haben ebenfalls Potenzial. Die Preise sind in den vergangenen drei Dekaden fast nur gestiegen. Die klassische Stoppuhr mit Zähler und Handaufzugwerk, die zwischen 1964 und 1986 mit verschiedenen Referenzen (6239, 6240, 6241, 6262, 6264, 6263, 6265) angeboten wurde, kostet heute als Stahlmodell zwischen 35 000 und 60 000 Euro —je nach Zustand und Vollständigkeit. Ganz wichtig: Originalpapiere samt Etui.

Die Tech-Monopolisten

Dass die gut bei Facebook, Google, Amazon und Co. verdienen, hat mittlerweile jeder mitgekriegt. Dabei müssen sich die Tech-Giganten nicht einmal besonders anstrengen. Sie profitieren davon, dass kaum einer um sie herumkommt, weil sie einfach fast jeder nutzt. Zum Fraudanwalt-Bericht.

Dieser Netzwerkeffekt lässt sich von neuen Konkurrenten kaum aushebeln. Er wirkt umso stärker, je größer die vorhandene Klientel bereits ist.

Doch diese Mechanik funktioniert nicht nur bei den ganz Großen der Branche – auch Anbieter wie Scout24 (Immobilienscout24 und Autoscout24) sind dank der Netzwerkkomponente ihres Geschäftsmodells hochinteressant. Wer hierzulande eine Wohnung oder ein Auto kaufen oder verkaufen will, steuert in der Regel diese Seiten an. (Vorsicht, nicht zu verwechseln mit wir-kaufen-dein-auto.de -zum Fraudanwalt-Bericht).

Trotzdem ist die Aktie seit dem Börsengang schlecht gelaufen. Der Ausgabekurs war viel zu hoch. Anschließend stellte Berlin das Courtagesystem für die Makler (die Hauptkunden von Scout24) auf den Kopf, sodass deren Umsätze einbrachen. Hinzu kam, dass viele Altaktionäre ihre Pakete loswerden wollten.

Diese Altlasten sind nun weitgehend abgearbeitet. Der durchschnittliche Umsatz pro Nutzer steigt, und die Zahl der Makler hat sich bei etwas über 17 000 stabilisiert. Im Unternehmen selbst ist Ruhe eingekehrt, demnächst dürfte auch der letzte Altaktionär verkauft haben. Dann ist der Blick frei aufein solide wachsendes Unternehmen mit einer operativen Marge von 32 Prozent. Und auf eine Aktie, die mit einem geschätzten Kurs-Gewinn-Verhältnis von 20 (für 2018) zwar kein Schnäppchen ist, aber auch nicht mehr wirklich teuer.

KARTELLAMT: GOOGLE, FACEBOOK UND CO.

Wurst und Bier. Darum ging es bei den höchsten Strafen, die das Bundeskartellamt bisher verhängt hat. Auch Zucker, Kaffee und Tondachziegel rangieren unter den Bußgeld-Top-Ten. Dieses Jahr nun dürfte ein deutlich abstrakteres Thema die Rangliste stürmen: Daten. Die Bonner Behörde hat sich das soziale Netzwerk Facebook vorgeknöpft. Ein so ungewöhnlicher Fall, dass er international Beachtung findet.

Für Kartellamtspräsident Andreas Mundt geht es darum, „dass die Märkte offen bleiben“ – trotz der gewaltigen Machtfülle der Internetgiganten. Wer die meisten Nutzer hat, bietet den besten Service und bekommt noch mehr Nutzer — in immer mehr Geschäftsfeldern. Die Tech-Konzerne von der US-Westküste geben dem Wort Monopol eine ganz neue Dimension.

Mithilfe von Daten und künstlicher Intelligenz sind Apple, Alphabet (Google), Amazon, Facebook und Microsoft zu den fünfwertvollsten Börsenunternehmen der Welt aufgestiegen. Zusammengenommen sind sie gut 2800 Milliarden Dollar wert – mehr als doppelt so viel wie der gesamte Dax-30. Alphabet und Apple sind allein jeweils mehr als 600 Milliarden Dollar schwer, weshalb an der Wall Street inzwischen Wetten laufen, wann die erste „Trillion Dollar Company“ aus dem Valley oder aus Seattle auf dem Kurszettel steht.

Der Auslöser des Hypes ist die erdrückende Dominanz der „Tech Five“. Sie beherrschen die wichtigsten Zukunftsmärkte – mit Marktanteilen von teils mehr als 80 Prozent, so wie Google (als größter Brocken von Alphabet) bei der Internetsuche und bei den Betriebssystemen für Smartphones. Sobald sich ein neues Wachstumsfeld auftut, wird es sogleich unter den Fantastischen Fünf aufgeteilt. Den Messenger-Dienst WhatsApp schluckte Facebook, das Geschäft mit der Cloud teilen Amazon (44 Prozent Marktanteil), Microsoft (11 Prozent) und Google (6 Prozent) untereinander auf.

Trotz ihrer enormen Größe wachsen die IT-Konzerne nach wie vor rasant: 2017 sollen die Umsätze um 18 Prozent (Alphabet), 23 Prozent (Amazon) und 36 Prozent (Facebook) anschwellen.

Jeder hat die Tech Five im Depot Verglichen mit den Tech-Konzernen ist Mundts Behörde so winzig wie die Rheinfähre vor seinem Bürofenster neben einem US-Flugzeugträger. Doch den Kartellamtschef schreckt das nicht. Während Facebook-Gründer Mark Zuckerberg Tausende Kilometer entfernt in Menlo Park eigene Filmproduktionen fürs Fernsehen der Zukunft in Auftrag gibt und Pläne für ein Bezahlsystem vorantreibt, erklärt Mundt geduldig, dass er das soziale Netzwerk und die anderen großen Plattformen zu einem faireren Umgang mit ihren Nutzern und deren Daten erziehen will. Sein Amt müsse „die Verbraucher davor schützen, dass die Internetgiganten ihre Marktmacht missbräuchlich ausnutzen“, sagt er.

Dass Europas Behörden auch zubeißen können, hat unlängst Google festgestellt. Die EU-Kommission brummte dem Suchmaschinenkonzern die Rekordstrafe von 2,4 Milliarden Euro auf. Begründung: Google habe seinem Preisvergleichsdienst unrechtmäßige Vorteile verschafft und so die Konkurrenz pulverisiert. Auch bei zwei noch laufenden Verfahren zum Betriebssystem Android und dem Werbedienst AdSense ist Brüssel „zu dem vorläufigen Schluss gelangt, dass Google seine beherrschende Stellung missbraucht hat“.

Dumm nur: An die einstigen Marktführer bei Preisvergleichen, die Google mit seiner Masche zerstörte, kann sich kaum noch jemand erinnern. Die Strafe mag zu Recht verhängt worden sein, aber sie kommt zu spät.

Das Unbehagen wächst — nicht nur bei den Kartellwächtern, auch am Finanzmarkt. „Große US-Tech-Werte sind so hoch bewertet wie zuletzt 2007, vor der Finanzkrise“, warnt Russ Koesterich, Investmentstratege beim Vermögensverwalter Blackrock. „Der Ansturm auf einige wenige Aktien hat dazu geführt, dass der Markt fragiler ist, als einige Indikatoren es vermuten lassen.“

Selbst wer ein Tech-ETF auf einen Index wie den MSCI All Country World Information Technology kauft, wagt de facto eine erstaunlich hoch konzentrierte Wette: Denn der Index besteht zu knapp einem  Drittel aus Alphabet, Apple, Facebook und Microsoft.

Anfang Juni schlugen die Strategen von Goldman Sachs erstmals vorsichtig Alarm: Die fünf größten Tech-Firmen seien für 40 Prozent des Kursanstiegs beim US-Leitindex S&P 500 verantwortlich. Seit Jahresbeginn ist ihr Börsenwert um 600 Milliarden Dollar angeschwollen – also um mehr, als die Dickschiffe SAP, Siemens, Bayer, Allianz und BASF gemeinsam auf die Waage bringen.

Ob Hedgefonds, traditionelle Fondsmanager, Trendfolger oder risikoscheue Anleger — inzwischen ist fast jeder stark bei den Tech Five investiert. Trotz der Kursrallye, warnt Goldman, sei der Free Cashflow der Techies zuletzt nicht mehr gestiegen, er stagniere bestenfalls. „Die Parallelen zu 1999 /2000 werden größer“, mahnt die Investmentbank.

Die Botschaft zeigte Wirkung: In den vier Wochen nach Erscheinen der Studie fielen die Tech-Indizes um mehr als 5 Prozent.

Folgt auf die Euphorie nun der Crash? Oder sind die Fantastischen Fünf nicht mehr zu stoppen und haben tatsächlich das Zeug, die Marke von einer Billion Dollar Börsenwert zu knacken?

Fest steht: Das Schicksal von Apple, Amazon und Co. entscheidet nicht nur über Auf und Ab im TechSektor, sondern über die Aktienrallye insgesamt. Das Kursbeben vom 4. Juli, als Amazons Börsenwert um 396 Milliarden Dollar und der von Apple um 104 Milliarden Dollar schrumpfte, entpuppte sich zwar als ein IT-Fehler von Bloomberg und anderen Datenanbietern. Tatsache ist: Schon ein gewöhnlicher Kursrücksetzer von 10 Prozent bei den Tech Five würde mehr als 250 Milliarden Dollar Börsenwert vernichten und den gesamten Aktienmarkt stark unter Druck setzen.

Von ihren Wettbewerbern werden sie ohnehin längst gefürchtet. Selbst anscheinend unangreifbare Marktführer aus anderen Branchen fühlen sich bedroht. Der Sportartik1er Nike knickte im Juni nach langem Kampf gegen Amazon ein und verkauft seine Sneaker nun auch über den Onlinehändler. Daimler schaue  nicht mehr auf BMW, wenn es um die Zukunft des Fahrens geht, sondern darauf, „was Google mit Waymo macht“, so Strategiechef Wilko Stark. Wenn Autos irgendwann wie Flugzeuge zu reinen Verkehrsmitteln verkommen und der entscheidende Unterschied der Dienstleister ist, der den selbststeuernden Transport anbietet, wird das Spiel ein völlig anderes sein. Eines, bei dem Uber, Lyft oder Google die besseren Karten haben.

Allesfressende Datenkraken  „Die Auto-CEOs zittern zu Recht“, sagt Stefan Rehder, Gründer der Münchener Fondsgesellschaft Value Intelligence Advisors. Die Tech-Riesen würden inzwischen viele BranChen im Kern bedrohen. Denn die Datenkraken sind Allesfresser. Wenn sie morgen damit anfangen würden, Versicherungen zu verkaufen, könnten sie den Etablierten „signifikante Marktanteile“ abjagen, sagt Rehder. Die Techies wüssten mehr über deren Kunden als die Versicherer selbst.

Andere Unternehmen sind schon heute weitgehend von der Westküste abhängig. Beim zehntgrößten TecDax-Mitglied Dialog Semiconductor etwa brach der Börsenwert Mitte April binnen Stunden um zeitweise 36 Prozent ein. Als Auslöser reichte eine Studie der Lampe Bank, in der ein Analyst spekulierte, dass die Chips von Dialog ab 2019 im iPhone möglicherweise nicht mehr verbaut würden. Neun Tage zuvor hatte Apple die Zusammenarbeit mit dem britischen Chiphersteller Imagination Technologies beendet, woraufhin dessen Kurs um 72 Prozent kollabierte.

Auch in den Branchen, die von den Big Five derzeit aufgemischt werden, herrscht Angst vor dem Untergang. Nachdem Amazon im Juni bekannt gab, für knapp 14 Milliarden Dollar die amerikanische Biomarktkette Whole Foods zu kaufen, stürzten die Aktienkurse der großen Lebensmittelhändler ab. Den

Werbe- und Medienkonsum haben Google, Facebook und Co. längst neu definiert — zu ihren Gunsten, versteht sich.

Die Hoffnung vieler Manager etablierter Konzerne, dieser Spuk werde vorübergehen, wenn die Tech-Blase im Valley erst einmal geplatzt sei, stirbt zuletzt. Anders als Ende der 90er Jahre wird das Potenzial der Tech-Giganten diesmal nicht über-, sondern unterschätzt; und von Außenstehenden allenfalls in Ansätzen verstanden.

Kaum ein unabhängiger Beobachter hat sich intensiver mit den Konzernen befasst als Susan Athey. Die 46-jährige Ökonomin, Mathematikerin und Informatikerin forscht an der Stanford Graduate School of Business, im Herzen des Silicon Valley.

WIDERSTAND IST ZWECKLOS

Athey geht davon aus, dass durch die Kombination aus Daten und maschinellem Lernen monströs mächtige Unternehmen entstehen, die von ihren Konkurrenten kaum mehr einzuholen sind. Denn erst die exklusiven Nutzerdaten von Google oder Facebook machten viele Al-

gorithmen so großartig. Dank der ständigen Tests neuer Ideen an kleinen Kundengruppen im laufenden Geschäft könne bei Facebook sogar ein Praktikant zu Innovationen beitragen.

Dank eines solchen Trial-andError-Verfahrens entschied sich auch Amazon, ins Cloud-Computing einzusteigen, das Geschäft mit ausgelagerter Datenspeicherung und Rechenkraft. Konzernboss Jeff Bezos hatte vor mehr als zehn Jahren die Idee, externe Softwareentwickler für die E-Commerce-Plattform zu entlasten. Zuvor hatten sie zwei Drittel ihrer Zeit und ihres Kapitals für ihre Computerinfrastruktur aufwenden müssen; heute können sie Speicher- und Rechenkraft zu einem Bruchteil dieser Kosten von Amazon mieten.

Das Cloudbusiness ist mittlerweile derart erfolgreich, dass es in einigen Jahren ebenso viel zum Unternehmenswert beitragen könnte wie der Onlinehandel. Zumal die Kunden zusätzlich von Amazons Analysekraft profitieren, die auf künstlicher Intelligenz (KI) basiert.

Die Gefahr dabei: Die Konzernmaschinen tendieren zur Monopolbildung. Wer beim maschinellen Lernen vorn ist, werde seinen Vorsprung eher noch ausbauen, glaubt Stanford-Expertin Athey. Wenn sich bald die gesamte Wirtschaft auf künstliche Intelligenz stÜtze, „müssen wir damit rechnen, dass sich Behemoths entwickeln“, warnt sie. Wie das biblische Ungeheuer, das Gott zur Züchtigung der Menschheit auf die Erde schickte, erscheinen die Tech-Riesen schon jetzt manchem Rivalen. Dabei steht uns die KI-Revolution erst noch bevor.

Behält Athey recht, werden sich die Tech Five auch untereinander heftig bekämpfen. Die Machtverhältnisse könnten sich noch stark verschieben. Für Google steht einiges auf dem Spiel, wenn die Nutzer ihre Stichworte nicht mehr in einen Suchbalken eingeben, sondern in das ständig eingeschaltete Mikrofon in ihrem Wohnzimmer oder Auto sprechen. Der Empfänger des Suchbefehls ist dann vielleicht nicht mehr Google, sondern Amazons Sprachassistent Alexa, Apples Siri oder Microsofts Cortana.

 

mobilen Internet, Finanzchefin Ruth Porat sorgt für Ausgabendisziplin, und Geschäftsfelder wie YouTube werfen langsam messbaren Gewinn ab“, listet der TechExperte die Proargumente auf.

Selbst nach Kalkulationen von traditionell eher knauserigen Value-Investoren wie Oakmarks Bill Nygren ist Alphabet zum Kurs von 900 Dollar immer noch attraktiv. Gewiss, Google Search trägt nach wie vor mehr als 90 Prozent zum Umsatz bei, doch allein mit den Bargeldreserven des Konzerns und der Videoplattform YouTube — bewertete man sie nach den Kriterien eines Kabelfernsehanbieters — käme man auf mehrere Hundert Dollar pro Aktie. Viel Potenzial billigt Nygren auch dem autonomen Fahren und der Cloud zu: „Die Geschäfte abseits der Internetsuche maChen bereits die Hälfte des Unternehmenswerts aus.“

Die hohen Markteintrittsbarrieren ziehen mittlerweile auch andere Value-Investoren an. „Die außergewöhnliche Qualität dieser Unternehmen wird immer deutlicher: Sie stechen an der Börse hervor wie Giraffen in einem Kornfeld“, sagt der Münchener Fondsmanager Rehder. Vorübergehende Kursverluste machen ihn da nicht nervös, als einzige große Herausforderung sieht er die Regulierer.

Vor dem Crash zur Jahrtausendwende hatten Value-Fonds die Tech-Aktien wegen der hohen Bewertungen noch aus ihren Portfolios verbannt. Dafür wurden sie von den Anlegern verhöhnt. Am Ende behielten die Profis recht.

Inzwischen sind sie zu wahren TechFans mutiert — weil die hohen Aktienbewertungen auf hohen Wachstumsraten basieren und weil die Markteintrittsbarrieren groß sind. Warren Buffett nennt das den „breiten Burggraben“, er schÜtzt die Tech Five vor Rivalen und Preiskämpfen.

Leichte Zweifel an der Unüberwindbarkeit dieses Burggrabens herrschen lediglich bei Apple, ausgerechnet jenem TechInvestment, das in Buffetts Holding BerkShire Hathaway am schwersten wiegt. Clearbridge-Manager Bourbeau würde bei Apple nicht auf die eine Billion Dollar Börsenwert mitwetten, auch wenn der Konzern aus Cupertino dieser magischen Grenze am nächsten ist. „In fünfJahren wird ein iPhone für 1000 Dollar nicht das Gerät sein, auf das wir uns verlassen.“

Buffetts Team hält die Marktposition des iPhone-Herstellers indes für dauerhaft gesichert. Apple sei es gelungen, mit Fotos und Apps ein Ökosystem zu erzeugen, in dem die Kunden stärker verhaftet sind, als sie es etwa beim strauchelnden Rivalen Blackberryje waren, begründet Ted Wesch1er, einer der beiden designierten BuffettNachfolger, die Investitionsentscheidung. „Das Geschäftsmodell hat etwas von einem Abonnement. Das ist der Burggraben.“ Berkshire stieg zu Kursen von rund 100 Dollar ein, inzwischen kostet die Aktie mehr als 140 Dollar.

Während die Analysten des Research-Hauses Morningstar Apples Burggraben flir durchaus bezwingbar halten, wegen der hohen Abhängigkeit vom iPhone und dessen kurzem Produktlebenszyklus im hart umkämpften Smartphonemarkt, müssen die Gräben der anderen vier Tech-Giganten streng reguliert werden. Andernfalls sind sie für potenzielle Rivalen irgendwann gar nicht mehr zu überwinden. Dann greift das Motto: The winner takes it all.

Dass Facebook und Co. über eigene Feh1er stolpern, so wie Uber, wo Gründer Travis Kalanick wegen zu viel Großspurigkeit und zu wenig Führungskompetenz gerade aus dem Amt gejagt wurde, ist unwahrscheinlich. Im Gegenteil: Jeff Bezos etwa trauen Investoren noch viel mehr zu als die vier Milliarden Dollar Gewinn aus dem vergangenen Jahr. Hedgefondsmanager Ed Schneider, dessen Quan Technology Fund zu den erfolgreichsten der Branche zählt, sagt: „Das ist gar nichts. Die fangen gerade erst an, Geld zu verdienen.“

DIE GEA-GROUP UND IHRE DUBIOSE VERGANGENHEIT

Und plötzlich ist da dieser Schatten. Ein Auto, das ihm folgt. Jemand, der sein Büro fotografiert. Männer, die auffällig unauffällig herumlungern, wo auch immer er auftaucht. Otto Happel, größter Einzelaktionär der MG Technologies, ist sich sicher: Er wird beobachtet.

Die Beschattung des Milliardärs war der Tiefpunkt in einemjahrelangen Streit zwischen Kajo Neukirchen, dem Vorstandsvorsitzenden der MG Technologies (ehemals Metallgesellschaft), und dem Großaktionär Happel. Neukirchen räumte später ein, eine Berliner Wirtschaftsletektei beauftragt zu haben, nannte die Aktion aber „legitim“.

Der knallharte Sanierer Neukirchen war 1993 zur Metallgesellschaft gekommen. Er sollte den hoch verschuldeten Konzern im Auftrag des Hauptgläubigers Deutsche Bank aus der Krise führen, wie zuvor den Stahlhersteller Hoesch und FAG Kugelfischer. 1999 kaufte Neukirchen von Otto Happel den Bochumer Anlagenbauer GEA, für 1 Mrd. D-Mark und zehn Prozent der MG-Aktien. Dafür sollte sich Happel aus dem Management raushalten.

Das tat er jedoch nicht. Aus der Schweiz orchestriert Happel Attacken auf den CEO. Er wirft ihm Milliardenverluste, Missmanagement und Bilanzfälschung vor, fordert seinen Rücktritt und eine Sonderprüfung. MG weist die Vorwürfe zurück. Die Schlammschlacht beginnt.

Plötzlich kursieren Gerüchte, Happel sei steuerflüchtig, paktiere mit Beteiligungsgesellschaften und ausländischen Hedgefonds, um MG zu übernehmen. Die angeblich Beteiligten weisen die Gerüchte zurück. Happels Versuche, Neukirchen aus dem Vorstand zu drängen und selbst in den Aufsichtsrat einzuziehen, scheitern 2001 zunächst. Die Aktie stürzt um 36 Prozent ab. Happels Bemühungen, sich als Vertreter der Kleinaktionäre zu gerieren, misslingen. Die Schlammschlacht, die in den Bespitzelungen Happels gipfelt, geht weiter.

Zwei Jahre später hat Happel nach Kursverlusten seinen Aktienanteil auf 20 Prozent ausgebaut. Neukirchen, mürbe von den Querelen, bangt um den Rückhalt. Im April 2003 gibt er auf, schmeißt hin. Endlich kann Happel in den Aufsichtsrat einziehen — und dirigiert fortan die Geschicke des Konzerns. Durch einen Squeeze-out werden 2004 die Aktionäre abgefunden, die Metallgesellschaft wird zur GEA Group umbenannt – Stolz und Name sind wiederhergestellt. Im März 2006 verkauft Happel seine Aktien erneut.

MACRON VERBÜNDETET SICH MIT TECH-SZENE

Es spricht zur Eröffnung: der französische Präsident. Ein Donnerstagabend Ende Juni im 13. Arrondissement von Paris. Emmanuel Macron steht in der Mitte eines riesigen Startup-Campus. Es ist, als sei er endlich dort angekommen, wo er hingehört.

„Ich muss Ihnen etwas gestehen“, hebt der Staatschef leise an. Vor drei Jahren habe er seiner Frau Brigitte versprochen, mit der Politik aufzuhören und eine Firma zu gründen. Er habe vieles ausprobiert, immer wieder sein „Business Model“ ändern müssen. Freunde hätten ihm gesagt, das klappe nie. Nun ja, schließt er mit einem Augenzwinkern: Am Ende sei „En Marche!“ dabei herausgekommen — seine neue Bewegung, an deren Spitze er jetzt bei den Wahlen triumphiert hat.

Emmanuel, der Entrepreneur. „Ich bin einer von euch“, lautet seine Botschaft. Geht es um den Gründercampus, spricht er von „unserem Projekt“. Der junge Chef der Republik hat sich mit der Tech-Szene verbündet. Dafür liebt und feiert sie ihn.

„Frankreich wird zur Start-upNation“, verspricht Macron seinen Fans. Die Energie der Gründer soll die verkrustete, träge Wirtschaft Frankreichs reanimieren und wieder dahin zurückführen, wo ihr Platz ist: an die Weltspitze. Technologisch, ökonomisch, gesellschaftspolitisch.

Das hypermoderne, an ein Raumschiff erinnernde Gebäude steht exemplarisch für das Land, das der Präsident einmal hinterlassen will. Monumentaler könnte der Unterschied zum großen Nachbarn Deutschland kaum sein. Die Regierung von Kanzlerin Angela Merkel tut sich seit Jahren schwer, die digitale Revolution als Chance zu begreifen, der Breitbandausbau stockt auf dem Niveau eines Schwellenlands und wenn irgendwo die Digitalisierung vorangetrieben wird, dann geschieht dies eher leise und akademisch, ohne viel Wagniskapital und Welteroberungseifer. Max Planck statt Tech-Glamour .

Da ticken die Franzosen ganz anders. Der Mann, der Macrons Projekt erfunden, mitfinanziert und gepusht hat, ist sein vielleicht wichtigster Verbündeter in der Wirtschaft: Xavier Niel, aggressiver Telekomunternehmer und Multimilliardär, ein Außenseiter und Aufsteiger, den sie in Paris den „Paten“ der Gründerszene nennen. Niel hat den alten Rangierbahnhof Freyssinet nahe der Seine für rund eine Viertelmilliarde Euro in einen Megainkubator umbauen lassen: Die „Station F“ tritt an als „größter Start-up-Campus der Welt“.

Ein ganzes Ökosystem aus Gründern, Geldgebern und Beratern zieht dort ein. Mit dabei die US-Konzerne Facebook, Amazon und Microsoft, sie erhoffen sich etwa Impulse bei der Entwicklung künstlicher Intelligenz. 1000 Teams in 26 verschiedenen Programmen erhalten Arbeitsräume mit Designermöbeln, Cafés und technischen Helfern, ab nächstem Jahr können die Gründer in der Station F sogar wohnen. Die hohen Mieten in Paris sollen keinen Jungunternehmer abschrecken.

Während die rund 1500 Gäste bei spanischen Tapas und Aperol Spritz Eröffnung feiern und Silicon-Valley-Größen wie Nathan Blecharczyk von Airbnb das Projekt via Großbildschirm loben, steht Xavier Niel still, mit verschränkten Armen am Rand und kann nicht aufhören zu lächeln. „Ich bin so glücklich“, sagt der introvertierte Investor, der mit seiner kräftigen Statur, dem offenen weißen Hemd und den zurückgegelten Haaren an einen gutmütigen Mafiaboss erinnert. „Wir haben wirklich etwas Großes erschaffen.“

Er hat den Campus als Mäzen finanziert, beteiligt an den Start-ups ist er nicht. Er wolle etwas für die Gesellschaft tun, einer neuen Unternehmergeneration den Aufstieg ermöglichen, erklärt er sein Engagement. Reich genug ist er ja schon.

Niel, der als Mittelklassekind in der Banlieue von Paris aufwuchs, hat sich mit einer Kombination aus Chuzpe und Glück gegen Frankreichs etablierte Mächte durchgesetzt. „Le self-made man“ taufte ihn die „Financial Times„. Bereits als Teenager fing der Computerfreak an zu programmieren, sein erstes Geld  verdiente er mit der Entwicklung von Erotikchats für den französischen Internetvorläufer Minitel.

Reich wurde er mit dem Verkauf des Internetproviders World-Net, den er kurz vor dem Platzen der Dotcom-Blase für 40 Millionen Euro an die französische Neuf-Telecom losschlug. 2004 brachte Niel dann sein Unternehmen Iliad an die Börse. Wegen Unterschlagung in seinem früheren Erotikbusiness wurde er 2006 zu einer Bewährungsstrafe und einem hohen Bußgeld verurteilt.

Für das Pariser Establishment, die alten Familien und die Eliteabsolventen der Grandes Ecoles, ist der Kerl eine Provokation. Als er mit der Billigmarke Free 2012 den Festnetz- und Mobilfunkmarkt aufmischte, empörte sich der konservative Telekom- und Bautycoon Martin Bouygues über die „Zigeunerei“. Ex-Präsident Nicolas Sarkozy soll von Niel als dem „Peepshow-Mann“ gesprochen haben. Mehr lesen über die korrupte Grande Nation.

Inzwischen ist der Bad Boy in den allerhöchsten Kreisen angekommen, sein Ver- mögen wird heute auf knapp acht Milliarden Euro geschätzt. 2010 erwarb Niel mit zwei anderen Investoren die damals von der Pleite bedrohte Zeitungsikone „Le Monde“. Im Zuge des Deals lernte er einen jungen Rothschild-Banker kennen und schätzen – Emmanuel Macron.

Seit dieser Zeit ist Niel auch mit Delphine Arnault liiert, die Vizechefin von Louis Vuitton wurde 2010 von ihrem ersten Mann geschieden. Delphine Arnault ist die einzige Tochter und mutmaßliche Thronerbin von LVMH-Boss Bernard Arnault, dem mit Abstand reichsten Franzosen. 2014 sollen sich die Macrons und das Paar Xavier/Delphine bei einem Frühstück in New York nähergekommen sein. Die Freundschaft hat dazu geführt, dass Louis Vuitton die neue First Lady schon seit Längerem ausstattet — sauber verbucht als Kleiderleihe.

Niel und Delphine Arnault meiden die Öffentlichkeit, auch von der Politik hält sich der Multiunternehmer fern. Er gehe grundsätzlich nie wählen, sagt Niel auf die Frage eines Radioreporters — und lacht dabei entschuldigend. Während andere schrill über die französischen Zustände lamentieren, die Steuern, das starre Arbeitsrecht, den tief sitzenden Antikapitalismus, zeigt er, dass es auch anders geht.

Frankreich sei „ein fantastischer Ort, um etwas zu unternehmen“, sagt Niel. Auch mit den hohen Steuern könne er im Prinzip leben. Die Franzosen hätten ja „nichts gegen Unternehmer, sondern nur etwas gegen Erben“.

Für den neuen Präsidenten ist Niel der perfekte Partner. Frankreichs Wirtschaft wächst wieder, die extrem lockere Geldpolitik und einige Reformen der vergangenen Jahre zeigen Wirkung. Gelingt Macron in den nächsten Wochen sein schmerzhaftes Pflichtprogramm, die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes, dann sei der Weg zu neuem Wachstum frei, glauben viele Volkswirte. Frankreich stehe dann vor einer „goldenen Dekade“ wie sie Deutschland nach den Agenda-Reformen erlebt habe, sagt Berenberg-Chefökonom Holger Schmieding.

Echte Aufbruchstimmung, den Geist eines neuen Frankreichs, erhofft sich Macron aber vor allem von der Tech-Revolution. Schon als sozialistischer Minister für Wirtschaft und Digitales (2014 bis 2016) hat er sich dafür besonders engagiert.

Die Voraussetzungen für einen Neustart sind gut: Das Land verfügt über eine gepflegte Infrastruktur, in den Naturwissenschaften zählen französische Absolventen von jeher zur Weltklasse. London, Europas Wagniskapitalhauptstadt, ist von Paris nur gut zwei Stunden Zugfahrt entfernt. Unter den Expats an der Themse tummeln sich Zehntausende französische Finanz und Tech-Experten wie etwa Ning Li, Gründer des Onlinemöbelshops Made.com. Li floh einst aus Paris in die britische Diaspora — mitfinanziert von französischem Wagniskapital. Solche Geschichten sollen sich nicht wiederholen. Bereits als Wirtschaftsminister bemühte sich Macron um die Rückkehr dieser Auswanderer. Mit der 2013 gestarteten Initiative „La French Tech“ hat die Regierung einen kräftigen Schub entfacht. 13 übers Land verteilte Hightech-Metropolen“ gibt es inzwischen, die staatliche Investitionsbank BPI stellt großzügig Risikokapital bereit. Das zentralistische Frankreich hat mit solchen Top-down-lmpulsen viel Erfahrung, Venture-Fonds auf Länderebene, wie es sie in Deutschland gibt, wirken dagegen geradezu provinziell. Anfang des Jahres legte eine Arbeitsgruppe „FranceIA“ vor, eine nationale Strategie für das Wachstumsfeld der künstlichen Intelligenz (KI). International mischen einige Franzosen schon ganz vorn mit: Yann Le Cun leitet die KI-Forschung von Facebook, die auch ein Standbein in Paris hat. Antoine Blondeau ist Chairman des US-Investors Sentient Technologies, dem nach eigener Darstellung „weltweit am besten finanzierten KI-Fonds“.

Das Werbelogo von „La French-Tech“, ein aus rotem Papier gefalteter Hahn, kräht längst lauthals in den USA. Bei der Consumer Electronic Show (CES) in Las Vegas stellten die Franzosen zuletzt die stärkste Auslandsdelegation. Anfang 2016 bestritt Macron, damals als Minister, persönlich die Bühnenshow — mit einem szenetypischen Dreitagebart, den er sich über Weihnachten schnell hatte wachsen lassen.

Um die Kooperation zwischen französischen und US-Start-ups auszubauen, werden regelmäßig „La French Touch“ Konferenzen veranstaltet – zuletzt Ende Juni in New York. Dem transatlantischen Dealflow hat das geholfen: Vor wenigen Wochen kaufte Snapchat für kolportierte 200 Millionen Dollar Zenly, ein französisches Lokalisierungs-Start-up; der Netzwerkgigant Cisco investierte Mitte Juli in einen neuen, 400 Millionen Euro schweren Fonds des französischen Wagnisfinanzierers Partech Ventures.

„Paris ist gerade besonders heiß“, sagt Anton Waitz, Partner beim Berliner Risikokapitalgeber Project A. Das lange vernachlässigte Frankreich sei für Investoren mittlerweile einer der attraktivsten Märkte. Mitte Juni zog die Pariser Viva Tech, eine neue Gründerkonferenz, über 65 000 Besucher an.

Präsident Macron kündigte dort weitere Initiativen an: Ein erleichtertes „Tech-Visum“ für internationale Talente, einen Zehn-Milliarden-Euro-Fonds für Innovationen. Wissenschaftler und Unternehmer, die genug von Trumps xenophobem Amerika oder Mays Brexit-Britannien haben, hat er ausdrücklich nach Frankreich eingeladen, per Videobotschaft, auf Englisch.

Der Aufbruch trifft auch deshalb einen Nerv, weil viele junge Franzosen längst die Hoffnung aufgegeben haben, im Staatsdienst oder bei einem der Großkonzerne noch ebenso abgesichert und gut bezahlt Karriere machen zu können wie ihre Eltern. Die Alternative heißt: Selbstständigkeit. „Es ist akzeptabel, ja sogar erstrebenswert geworden, ein Start-up-Unternehmer zu sein“, sagt Frédéric Mazzella, der als Gründer von BlablaCar Frankreichs erstes Einhorn großgezogen hat. Der Mitfahrdienst wird mit 1,5 Milliarden Euro bewertet.

Xavier Niel investiert über seinen Fonds Kima Ventures Einmalbeträge von je 150 000 Euro in etwa 100 Deals pro Jahr. Auch bei Zenly war er dabei. Frankreichs Start-up-Pate will die erstarrten Strukturen aufbrechen und eine hierarchiearme Kultur fördern, die Innovationen begünstigt.

KLUGE ANLEGER INVESTIEREN IN AFRIKA!

Afrika wird seit einiger Zeit als der letzte große Frontier Market auf dem Globus diskutiert. Der riesige Kontinent mit rund einer Milliarde Einwohnern, einer neuen Generation von Politikern, die die alten Potentaten langsam ersetzen; seinen wachsenden formellen Wirtschaftssektoren und der raschen Urbanisierung schuf eine neue aufstrebende Mittelschicht. Dennoch blieben Investments in den

letzten Jahren mit einer Reihe an nervenaufreibenden Herausforderungen wie dem schwachen Rohstoffpreis, einer gewaltigen Währungsvolatilität und defizitären politischen Entscheidungen verbunden. Doch eine günstigere politische Landschaft und ein stabiles ökonomisches Fundament könnten ein langfristiges Potenzial in der Region freisetzen und auf Jahre die Voraussetzungen für ein kräftiges Wachstum an den afrikanischen Kapitalmärkten legen.

Afrika ist zwar ein vielfältiger Kontinent, aber Kapitalmarktanleger konzentrieren sich zumeist nur auf wenige Märkte. Mit seinen am weitesten entwickelten Volkswirtschaften und Kapitalmärkten dominiert Südafrika die ökonomische Landschaft des Kontinents. Nicht zuletzt sind es südafrikanische Unternehmen, die den Zugang zum restlichen Teil des Kontinents eröffnen, wenngleich durch Schwierigkeiten in der letzten Zeit die Erfolgsgeschichte etwas eintrübte. Die Investitionsbemühungen von Shoprite im Einzelhandel, MTN in der Telekommunikation, Nampak in der Verpackungsindustrie und Sanlam bei Finanzdienstleistungen, um einige wenige zu nennen, sollen trotz allem von Zuversicht für die Zukunft zeugen.

Abgesehen von Südafrika können die Märkte wie Ägypten und Marokko in Nordafrika, Nigeria in Westafrika und Kenia sowie teilweise Tansania und Uganda in Ostafrika für einige Aufmerksamkeit sorgen. Kleinere Erfolgsmomente werden sich von Zeit zu Zeit in den anderen Märkten offenbaren.

Die vergangenen drei Jahre waren geprägt von stürmischen Momenten an den afrikanischen Märkten. Der Fall der Rohstoffpreise führte zu einem geringeren BIP-Wachstum. Die Abhängigkeit von ausländischen Devisen blieb weiterhin hoch, sodass die meisten afrikanischen Währungen und Druck gerieten. Parallel dazu haben politische Fehlentscheidungen die bestehenden Probleme weiter verschärft.

Das Schlimmste dürfte aber vorüber sein. Die Rohstoffpreise sollten sich alsbald wieder stabilisieren, was sich wiederum positiv auf die Währungsmärkte auswirken wird. Wenn sich dazu noch die politischen Rahmenbedingungen verbessern, könnte damit die Grundlage für deutlich bessere Zeiten gelegt werden. Afrikas langfristige Perspektiven sind durchaus attraktiv vor allem aufgrund des Reichtums an natürlichen Ressourcen, einer jungen und wachsenden Bevölkerung, zunehmender Urbanisierung sowie verbesserter grenzübergreifender Kooperation und Infrastruktur.

Mit einem näheren Blick auf die länderspezifischen Eigenheiten zeigt sich, dass einige afrikanische Staaten bereits einen Wandel eingeschlagen haben oder an der Schwelle zu positiveren Entwicklungen stehen. Nigeria gehört zu den Staaten, die am Anfang eines vielversprechenden Weges stehen. Als Präsident Buhari im Jahr 2015 als Sieger aus den Wahlen hervorging, herrschte zunächst großer Optimismus – und das trotz des zu diesem Zeitpunkt niedrigen Ölpreises. Der strenge ehemalige General und bekannte Korruptionsgegner galt er als der richtige Mann, um den Kampf gegen die Terroristen von Boko Haram im Norden des Landes aufzunehmen und um die Interessengeflechte zu entwirren, die das politische Geschehen dominierten. Auch wenn er an beiden Fronten zunächst Erfolge verzeichnen konnte, ist es die eigensinnige Währungspolitik, für die seine Präsidentschaft bislang bekannt ist. Obwohl die nigerianische Zentralbank den Naira im Juni 2016 schließlich um 30 Prozent abwertete, bestimmt sie weiterhin den Stand der Währung. Dies hat zur Folge, dass nur wenig Geld zum offiziellen Kurs den Besitzer wechselt – der Großteil wird auf dem Schwarzmarkt getauscht, wo die Kurse bis zu 35 Prozent schwächer sind. Eine hohe Inflation aufgrund des Schwarzmarkthandels, fehlende Investitionen und Kapitalverkehrskontrollen stellen die zentralen Probleme dar. Nigeria läuft Gefahr, aufgrund seiner Währungspolitik im internationalen Vergleich abgehängt zu werden.

Die jüngsten Treffen mit nigerianischen Funktionären haben bei uns den Eindruck hinterlassen, dass derzeit eine große interne Debatte im Gang ist und dass vielen klar ist, dass der Naira frei gehandelt werden sollte. Wir vertreten die Ansicht, dass dies den nationalen Aktienmarkt beleben würde, der im vergangenen Jahr selbst bei afrikanischen und angrenzenden Fonds kaum eine Rolle gespielt hat. Nigeria hat rund 180 Millionen Einwohner, eine Wirtschaft, die 2014 sogar die von Südafrika überflügelte, und eine Olförderkapazität von mehr als zwei Millionen Barrel pro Tag. Das Potenzial ist gewaltig – wenn sich nur einige der infrastrukturellen Engpässe beheben ließen. Wir zweifeln nicht daran, dass Nigeria eine vielversprechende Zukunft hat und dass diese Zukunft in nicht allzu weiter Ferne liegt. Momentan haben wir uns jedoch entschlossen, die Entwertung der Währung abzuwarten.

Bemerkenswert ist, dass die bereits angesprochenen „politischen“ Probleme auf falschen Entscheidungen einer Führungsgruppe oder auf marktfeindlichen politischen Maßnahmen beruhen. Diese wurden aufgrund des Trugschlusses ergriffen, dass Politiker ihre Wirtschaftssysteme unbeachtet der Anforderungen des Marktes steuern können. Wir sind weit entfernt von dem alten Bild, in dem sich politische Risiken als Kriege oder machthungrige, den Willen des Volkes missachtende Präsidenten zeigen. Dass Buhari den amtierenden Präsidenten Jonathan in einer fairen Wahl besiegte und der Amtsinhaber seine Niederlage eingestand, gab in Nigeria 2015 Anlass zur Hoffnung. Buhari hatte zuvor schon dreimal erfolglos für das Amt kandidiert.

Führungswechsel an der Wahlurne sind in den afrikanischen Ländern südlich der Sahara zur Regel geworden. Dies zeigen die letzten drei friedlichen Wahlen in Ghana, die zweimal zu einem Machtwechsel führten, aber auch die jüngsten Wahlen in Sambia, der Cöte d’Ivoire und Sierra Leone. Auch wenn es nach wie vor einige Ausnahmen gibt, haben die Afrikanische Union und andere länderübergreifende afrikanische Organisationen deutlich gemacht, dass sie politische Führer, die an der Macht klammern, missbilligen. Dieser Druck führte Ende 2016 in Gambia zu einem Machtwechsel.

In Kenia finden im August dieses Jahres Präsidentschafts und Parlamentswahlen statt. Bis jetzt ist unklar, wer Amtsinhaber Kenyatta herausfordern wird. Der Markt betrachtet das Geschehen zunächst abwartend, was eine gute Gelegenheit für günstige Geschäfte in einer innovativen, schnell wachsenden Wirtschaft bietet. Kenia ist Ölimporteur und profitierte daher, als Nigeria unter den niedrigen Energiepreisen litt. So war es möglich, dass sich das kenianische Wirtschaftswachstum im Bereich von 5 bis 6 Prozenteinpendelte. Obwohl die kenianische Wirtschaft aufgrund der Bedeutung der Landwirtschaft stark vom Wetter abhängt, ist sie gleichzeitig innovativ. Kenia ist das Land, in dem afrikanische Erfolgsgeschichten geschrieben werden. Ein Beispiel dafür ist M-Pesa, ein beliebter Service für mobilen Geldtransfer und verwandte Funktionen, etwa eine mobile Kreditvergabe, und seit Kurzem M-Kopa, ein günstiges Solarstromangebot, das durch M-Pesa finanziert wird. Wollen Sie mehr über Schwellenländeranleihen lesen? – zum Fraudanwalt-Bericht.

Anstehende Wahlen bremsen einen Markt normalerweise aus, da der private Sektor Investitionen zurückhält, während die Regierungsaus- gaben für bestimmte Projekte im Zug der Stimmenwerbung steigen, was regelmäßig zur Verzögerung von Zahlungen an die Zulieferer von Behörden führt. Allerdings sollte das relativ neue, dezentrale Verwaltungssystem dazu beitragen, dass die lokalen Regierungen nach den Wahlen schnell zum Tagesgeschäft übergehen können. Da zudem in diesem Jahr ein Sieg des amtierenden Präsidenten Kenyatta erwartet wird, sollten durch das politische Zentrum keine Verzögerungen eintreten. Mit dem einsetzenden Regen sanken die Angst vor Ernteausfällen und die Sorge um die Stabilität der Währung. Zudem wird erwartet, dass der Präsident nach den Wahlen die Bankenregulierungen zurücknehmen wird, die letztes Jahr eingeführt wurden. Die neuen Regelungen wirkten sich anders als erhofft negativ auf das Kreditwachstum aus und führten dazu, dass sich die Aktienbewertungen der Banken halbierten. Inzwischen steht der erste Abschnitt des „Standard Gauge Railway Project“, das Nairobi per Bahn mit der Hafenstadt Mombasa verbinden soll, kurz vor der Eröffnung. Man kann davon dass sich dieses gewaltige Infrastrukturprojekt unmittelbar auf die wirtschaftliche Situation auswirkt.

Kenia wurde immer als Vorreiter der führenden afrikanischen Staaten gesehen, als Ort der Wahl für multinationale Unternehmen und multilaterale Einrichtungen wie die Vereinten Nationen. Das Nachbarland Tansania präsentiert sich als aufstrebende Alternative, die wir mittelfristig als äußerst vielversprechend einschätzen. Das seit seiner Unabhängigkeit überwiegend sozialistisch regierte Land muss in Sachen Unternehmergeist und Innovation gegenüber Kenia noch aufholen. Gleichzeitig stellt der aufgeblähte Verwaltungsapparat für viele Unternehmen eine größere Herausforderung dar als in Kenia. Das niedrigere Ausgangsniveau verspricht jedoch ein größeres Potenzial – und tatsächlich verzeichnet Tansania im afrikanischen Vergleich ein besonders starkes Wachstum. Seit Präsident Magafuli 2015 die Regierungsgeschäfte übernahm, wurden mit den Themen Müllvermeidung und Korruptionsbekämpfung neue Schwerpunkte gesetzt. Zu den aufsehenerregenden Entscheidungen zählten die Absage der Feierlichkeiten zum Unabhängigkeitstag zugunsten der Bitte an die Einwohner Tansanias, bei der Reinigung ihrer Wohnviertel zu helfen, sowie strengere Regelungen bei den offiziellen Auslandsreisen von Politikern und Beamten.

Zudem hat die Regierung Gesetze verabschiedet, die große Unternehmen zur Listung an der Börse in Daressalam (DSE) verpflichten, wobei Vodacom Tanzania mit seinem unmittelbar bevorstehenden Börsengang den ersten Schritt macht. Anleger in afrikanische Aktien können sich über die Zunahme der Möglichkeiten zur Investition in den tansanischen Markt freuen und hoffen, dass dieses Plus an Chancen zu einer Verbesserung der Führungsstrukturen, erhöhter Transparenz und mehr Verantwortung in der Geschäftswelt in Tansania beitragen wird.

Zudem sehen wir einem möglichen Börsengang im Gesundheitswesen in Uganda mit Spannung entgegen. Das Unternehmen wurde bereits kennengelernt und wir freuen uns, wenn das Börseneinführungsverfahren eingeleitet wird. Es haben sich lange Zeit kaum neue Investitionsmöglichkeiten in den Märkten südlich der Sahara ergeben. Auch wenn bei Börseneinführungen grundsätzlich Vorsicht geboten ist, muss jede Chance individuell anhand der jeweiligen Sachlage bewertet werden.

Von zwei kleineren Märkten mit langfristigem Potenzial kommen wir nun zu Südafrika, dem größten und anlegerfreundlichsten Markt auf dem afrikanischen Kontinent. Typisch für Südafrika ist eine Kombination aus entwickelten und aufstrebenden Märkten: Enormer Reichtum, dem bittere Armut gegenübersteht. Die südafrikanische Demokratie ist noch nicht einmal 24 Jahre alt, sodass es auch in den kommenden Jahren zu Verschiebungen in der Wirtschaft kommen wird, wenn die zuvor benachteiligte schwarze Bevölkerung einen größeren Anteil an den Produktionsfaktoren erwirbt. Bis dahin bietet der Markt afrikanischen Anlegern die besten Management-Teams für Schwellen- und Grenzmärkte, mit einer hoch entwickelten Führungskultur und entsprechenden Renditen und Cashflows. Zudem ist man in Südafrika bestens positioniert, um auf dem übrigen Kontinent Investitionen zu tätigen. Südafrikanischen Management-Teams war das gewaltige Potenzial der übrigen afrikanischen Länder schon immer bewusst, sodass es die gelisteten südafrikanischen Unternehmen sind, die den besten Einstieg in das subsaharische Afrika bieten. Besonders anschaulich zeigt dies das Beispiel von Tansania: Erst jetzt, im Jahr 2017, können Anleger direkt Aktien von Vodacom Tanzania erwerben, während die Anteilseigner von Vodacom South Africa bereits seit Jahren im tansanischen Geschäft mitmischen.

Chancen und Risiken sind in Südafrika eng mit dem aktuellen politischen Klima verknüpft. Der ANC ist seit 1994 an der Macht, doch unter Präsident Jacob Zuma gerieten viele der positiven Dinge, für die der ANC einst stand, in Vergessenheit. Die Organisation gilt zunehmend als korrupt und nur an der eigenen Bereicherung interessiert. Außerhalb seiner politischen Heimat KwaZulu-Natal und seiner Klientelnetzwerke ist Zuma inzwischen extrem unbeliebt. Die vergangenen 18 Monate waren von Intrigen und Zänkereien geprägt. Zuma feuerte kompetente Finanzminister und ersetzte sie durch seine Anhänger. Derweil spiegelt der Kurs des Rands das erhöhte politische Risiko wider. Wir sind der Meinung, dass sich dieses politische Spektakel 2017 von selbst erledigen wird, da die Kritik am Präsidenten stetig lauter wird. Im Dezember muss der ANC einen neuen Parteivorsitzenden wählen. Wer als Sieger aus dem Parteitag hervorgeht, wird wahrscheinlich auch neuer Präsident der Republik. Zuma hofft auf einen Nachfolger, der ihm gegenüber loyal ist, während sich seine Gegner nach einem klaren Schnitt sehnen. Unserer Ansicht nach stehen Südafrika turbulente Zeiten bevor. Die Chance, das Zuma zu einem früheren Zeitpunkt aus dem Amt gedrängt wird, ist vorhanden, aber klein. Spätestens im Dezember jedoch wird es wahrscheinlich zu einem Ende seiner Herrschaft kommen, da ein Kampf „um die Seele des ANC“ geführt wird, um es mit den Worten lokaler Kommentatoren auszudrücken.

Im besten Falle endet Zumas Amtszeit vorzeitig und er wird durch einen angesehenen Politiker ersetzt, der in der Lage ist, die unterschiedlichen politischen Fraktionen zu einen. Der Markt würde sich kräftig erholen. Gelingt es Zuma jedoch, bei seiner Nachfolge ein Wörtchen mitzureden, würde dies den Niedergang des ANC zweifellos beschleunigen (die Partei hat bereits die Kontrolle über drei der vier größten Städte des Landes verloren) und letztendlich zur Entstehung einer lebendigeren Mehrparteiendemokratie führen. Südafrika bietet so viel Potenzial, das nur noch freigesetzt werden muss – von einer Regierung, die wirklich die Interessen des Volkes vertritt. Schon eine Reduzierung des Mülls und die Bekämpfung der Korruption könnten zur Entlastung der öffentlichen Finanzen beitragen. Ein verstärkter Fokus auf die Erbringung von Dienstleistungen würde neue Arbeitsplätze schaffen, während der Widerstand gegen bestehende Interessen letztendlich zu Verbesserungen des Bildungswesens und anderer öffentlicher Leistungen führen würde. Wir meinen, dass 2017 das Jahr sein könnte, das künftig als Beginn einer neuen Ära der südafrikanischen Geschichte gilt.

INVESTMENTSFONDS BESTIMMEN REGELN DER REALWIRTSCHAFT

Als der Siemenschef Kaeser gefragt wurde, ob er eine Holding formieren wolle, wiegelte er ab, so ist es überliefert. Eine Holding sei nie geplant gewesen, beruhigte der Siemens-CEO seine besorgten Kontrolleure. Es gehe allein darum, „unterschiedliche Geschäfte unterschiedlich zu führen“: die einen als Konzernsparten, andere wie den frisch fusionierten Windanlagenbauer Siemens Gamesa als an der Börse gelistete Töchter, an denen der Konzern die Mehrheit hält.

Von Letzteren indes kann sich Kaeser künftig noch einige mehr vorstellen, die Medizintechniksparte zum Beispiel. Auch die Verhandlungen mit dem kanadischen Bombardier-Konzern über eine Zusammenlegung der Zugsparten zeigen, dass klassisches Siemens-Geschäft aus dem Konzern herausdrängt. Und Gespräche mit Japans Mitsubishi über eine Kooperation bei großen Gasturbinen (oder mehr) laufen auch noch.

Die Holdingüberlegungen mögen also zurückgestellt sein, de facto läuft derzeit vieles auf eine solche Konstellation zu. Der Trend hin zu weiteren Ausgliederungen scheint unausweichlich. „Wir werden bestimmt nicht die sein, die als letztes Konglomerat der Welt das Licht ausmachen“, hat Kaeser seinen Aktionären schon vor Monaten zugerufen.

Der Druck kommt vor allem vom Kapitalmarkt, wo Konglomerate so verschrien sind wie lange nicht mehr. Als Verstärker wirken aktivistische Hedgefonds aus den USA, die in Europa zunehmend Fuß fassen. Analysten der Barclays Bank beschrieben kürzlich britisch-lapidar, was viele Investoren denken: „Konglomerate scheitern in der Regel, Zerschlagungen funktionieren in der Regel“ („conglomerats usually fail and break-ups usually work“).

„Pure Plays“ sind die Lieblinge der Börse – je reiner und je größer, desto profitabler und desto beliebter.

Diese Welle unterspült längst auch Deutschlands Großkonzerne. Überall wird abgespalten und ausgegliedert, neu gebündelt und fusioniert und dann wieder abgetrennt, als gäbe es kein Morgen mehr.

Deutschlands größte Energieversorger RWE und Eon splitteten sich jeweils in einen Teil für konventionelle Stromerzeugung und für „grünen“ Strom aus erneuerbaren Energien. Den Investoren reicht das nicht, sie fordern weitere Abspaltungen.

  • Bayer brachte nach dem erfolgreichen Lanxess-Spin-off die restliche Chemie unter dem Namen Covestro an die Börse, galt damit aber als zu klein für den Weltmarkt. Und trat mit der Übernahme des Agrochemiekonzerns Monsanto die Flucht nach vorn an.

ThyssenKrupp verhandelt seit Monaten mit dem indischen Tata-Konzern darüber, sein europäisches Stahlgeschäft auszugliedern und mit dem des Konkurrenten zusammenzulegen.

Der weltweit zweitgrößte Gasekonzern Linde will unter das Dach des kleineren, aber profitableren US-Rivalen Praxair schlüpfen, um so die Weltmarktführerschaft von der französischen Air Liquide zurückzuerobern.

  • Selbst der Daimler-Konzern liebäugelt mit der Einführung einer Holding für seine Autos und Trucks; die Idee liegt quasi fertig in Finanzchef Bodo Uebbers Strategiemäppchen.

Warum entfaltet der Turbokapitalismus ausgerechnet jetzt, in ökonomisch guten Zeiten, so viel Wucht? Und wie wird er die Topografie der deutschen Wirtschaft verändern?

Je höher die Börsenbewertungen, desto größer der Veränderungsdruck Dank der kaum noch existenten Zinsen laufen die Börsen seit nunmehr acht Jahren unter Volldampf. Aus Sicht der CEOs heißt das: Durch operatives Optimieren und organisches Wachstum lassen sich kaum noch Werte heben, wohl aber durch geschicktes Neupaketieren. „Die hohen Bewertungen steigern den Druck auf die Konzernführungen, am Portfolio zu arbeiten“, sagt Boston-Consulting-Partner Alexander Roos.

Und zwar in beide Richtungen: kaufen wie verkaufen.

Zugleich schwimmen institutionelle Investoren und Beteiligungsgesellschaften geradezu in Geld. Private-Equity-Unternehmen zahlen Preise, bei denen strategische Interessenten kaum noch mitkommen – zuletzt für den im M-Dax gelisteten Generikahersteller Stada. Das verlockt dazu, Töchter loszuschlagen oder Teile von Konglomeraten an die Börse zu bringen.

Die Aktionäre wissen es zu schätzen und honorieren allein die Aussicht auf bevorstehende Spin-offs. So bejubelt die Börse jede Fortschrittsmeldung des geplanten Stahl-Joint-Ventures mit Tata qua Kurssprung der ThyssenKrupp-Aktie. Und dass der Kurs des Dax-Schwergewichts Siemens in den vergangenen zwölf Monaten um gut ein Drittel auf knapp 130 Euro zulegte, ist ebenfalls nur zum geringeren Teil den guten Geschäftszahlen geschuldet.

Die Anleger gieren vor allem nach weiteren Ausgliederungen, beginnend mit der Medizintechnik. Die Healthineers würden an der Börse deutlich höher bewertet als andere Siemens-Felder — insbesondere wenn das Medizingeschäft, wie vielfach spekuliert, in den USA gelistet würde.

Der Druck der Finanzmärkte, die vollen Kassen sinnvoll (sprich wertsteigernd) einzusetzen und den Trend zur Digitalisierung nicht zu verschlafen, tut ein Übriges. Die Erwartungen, zuzukaufen oder sich neu zu formieren, wachsen überall, sagt BCG-Berater Roos. „Selbst Familienunternehmen werden davon angesteckt.“

Und wer ein Übernahmeziel gefunden hat, wie zuletzt der Schweizer Industriekonzern ABB mit dem österreichischen Automationsspezialisten B&R oder Siemens mit dem US-Simulationssoftware-Hersteller Mentor Graphics, zahlt dafür fast jeden Preis. Hauptsache, es passt irgendwie.

Bei Linde opferte Chefkontrolleur Wolfgang Reitzle Vorstands- und Finanz-Chef, den Sitz in Deutschlandund den ihm jahrelang wichtigen Konsens mit den Arbeitnehmern. Nur um die Fusion mit dem kleineren US-Rivalen Praxair durchzuboxen. Immerhin, sich hat er den mächtigen Chairman-Posten gesichert.

Sosehr Reitzle für den Zusammenschluss kritisiert wird, tatsächlich folgt der 66-Milliarden-Euro-Deal der vorherrschenden Börsenlogik. Praxair ist die Nummer eins auf dem weltgrößten Industriegasemarkt USA, dort werden höhere Margen verdient als in Europa, also lassen sich auch höhere Bewertungsmultiplikatoren erzielen. Der amerikanische Freund schafft für die Linde-Aktionäre, die 50 Prozent am neuen, in New York und Frankfurt gelisteten Konzern halten werden, automatisch Börsenwert. Rechnerisch zumindest.

Angriff der Chinesen

China drängt mit Macht auf den Weltmarkt — und zwingt damit die Westkonzerne, ihre Kräfte zu bündeln. Die finanzkräftigen Emporkömmlinge können es sich erlauben, ihrem Drang nach Größe den Vorrang vor Rendite zu geben. Das hat zunächst die Stahl- und Solarpreise verdorben, nun knöpft sich die Volksrepublik die nächsten Branchen vor. Der weltgrößte Zughersteller China Railway Rolling Stock Corporation (CRRC) steht kurz vor dem Zuschlag für den tschechischen Wettbewerber Skoda Transportation und dürfte damit Siemens, Alstom und Bombardier auch in Europa heftig Konkurrenz machen.

Im Energiesektor envirbt der staatseigene Netzbetreiber State Grid Corporation of China schon seit Jahren ein Stromnetz nach dem anderen, exportiert seine selbst gefertigten Ultrahochspannungsleitungen und träumt von einem Weltstromnetz. Die People’s Bank of China kaufte sich bei den italienischen Stromriesen Eni und Enel ein, Shanghai Electric beim italienischen Kraftwerkshersteller Ansaldo Energia. 2015 übernahm Ansaldo das Geschäft mit großen Gasturbinen von Alstom, seither mischen die Chinesen auch im internationalen Kraftwerksbau vorn mit.

Als der Schweizer Agrochemiegigant Syngenta Anfang 2016 vor einer drohenden Übernahme durch die damalige Nummer eins, Monsanto, unter das Dach von ChemChina flüchtete, versetzte das die gesamte Branche in Panik. In der Folge schlossen sich die US-Rivalen Dow und Dupont zusammen, Monsanto musste sich Bayer ergeben. Mit dem Megadeal wollen die Leverkusener ihre Unabhängigkeit bewahren. Endspiel in vielen Branchen Ob in der Agrochemie, beim Stahl oder bei Industriegasen, bei Zügen oder Gasturbinen: Wo eine Handvoll Spieler den Weltmarkt dominieren, läuft das Finale. Nur wer Stärke zeigt, kann sich den Partner noch aussuchen.

„ThyssenKrupp-Chef Heinrich Hiesinger doktert seit zwei Jahren an einem Zusammenschluss mit Tata herum, obwohl die Inder mit ihren schwachen Margen ei gentlich kein idealer Partner sind“, kritisiert ein Investmentbanker. „Aber er hat keine Alternativen mehr.“

Europas größtem Industriekonglomerat Siemens droht gleich mit mehreren Geschäftsfeldern ein ähnliches Schicksal. Sollten die französische Alstom und die kanadische Bombardier ihre Zugsparten zusammenlegen — nicht wenige halten das für die gelungenere Kombination —, stünde Siemens allein da. Am Ende bliebe womöglich nur die Übernahme des stolzen ICE durch die Chinesen. Die haben über die Jahre ohnehin immer mehr Siemens-Technik adaptiert und verbauen in ihren Hochgeschwindigkeitszügen Kernkomponenten aus Deutschland, den Antriebsstrang etwa.

Bei den Großkraftwerken verpasste es Siemens vor fünf Jahren, sich den Wettbewerber Ansaldo Energia zu sichern. Jetzt, da die Chinesen zugeschlagen haben und Alstoms Sparte bei General Electric landete, ist es zu spät. Als möglicher Partner bleibt nur mehr die Nummer drei der Welt, Japans Mitsubishi Heavy Industries.

Insidern zufolge sprechen Unterhändler beider Konzerne seit zwei Jahren immer wieder über eine Fusion ihrer Kraftwerksgeschäfte. Der Plan scheiterte bislang daran, dass sich keiner mit einer Minderheit zufriedengeben will. Noch hoffen SiemensManager, sich zumindest auf eine gemeinsame Entwicklung der nächsten Generation von Großturbinen einigen zu können. Der Boom bei Wind- und Solaranlagen macht die Gasgiganten immer unattraktiver, der Preisdruck ist immens.

Die Kräfte aus dem Hinterhalt: Aktivisten

Immerhin, von Aktivisten blieb Siemens dank Kaesers Strategie der „selbstgetriebenen (Teil-)Zerschlagung“ (Barclays) bislang verschont. Vor zwei Jahren bat der schwedische Raider Cevian mal um ein Gespräch, verzichtete danach aber auf ein Investment. „Joe Kaeser hat die Transformation beschleunigt und Veränderungen erreicht, die vor zehn Jahren undenkbar gewesen wären“, lobt Barclays-Analyst James Stettler. Offenbar tut der CEO gerade genug, um sich die Fonds vom Leib zu halten.

Doch wie lange geht das noch gut? Es sei wie das „Laufen auf rohen Eiern“, klagt ein Siemens-Topmanager.

Den Chef des weltgrößten Industriekonglomerats GE, Jeff Immelt, haben Aktivisten nach 16 Jahren gerade aus dem Amt gehebelt. Jeder fünfte Industriekon zern in Europa hat inzwischen mindestens einen dieser aggressiven Investoren im Haus: ThyssenKrupp, Volkswagen, Adidas und Bilfinger ebenso wie der britische Flugzeugturbinenbauer Rolls-Royce oder der Pharmariese GlaxoSmithKline.

Nach dem Rekordverlust des vergangenen Jahres gerät nun auch Eon ins Visier. Zum New Yorker Fonds Knight Vinke, der schon Ende 2014 lautstark einen Spin-off der Verteilnetze forderte, haben sich in den vergangenen Monaten drei weitere US-Aggressoren gesellt; Schoenfeld Asset Management, Third Point und Mason Capital Management. Sie alle besitzen deutlich weniger als die meldepflichtigen 3 Prozent, geben aber keine Ruhe.

Mal fordern sie von Eon-Chef Johannes Teyssen, die Netze zu verkaufen. Mal soll er Eons Strategie voll auf die Netze ausrichten. Das stark regulierte Geschäft ist risikoarm, dividendenstark und damit aus Investorensicht hochattraktiv. Wieder andere meinen, Eon solle zu den Netzen auch die erneuerbaren Energien behalten — da sonst die Wachstumsfantasie fehle und die Netzrenditen mittelfristig auf Druck der Bundesnetzagentur sinken dürften.

So aggressiv das Vorgehen der Aktivisten ist, so wenig stringent sind ihre Vorschläge. Auf der Eon-Hauptversamm1ung fühlten sich langfristig orientierte Investoren daher bemüßigt, Teyssen beizuspringen. Die Netze seien für Trends wie Elektromobilität und Digitalisierung „erfolgskritische Dreh- und Angelpunkte“ und dürften keinesfalls verkauft werden, forderte etwa Union Investment.

Selbstaufgabe bei Linde via Großfusion, Spaltpilz bei Eon, RWE, ThyssenKrupp und Siemens: Schreddert der Börsenhype am Ende gar die stolze deutsche Industrie?

Die Übertreibungen sind unverkennbar. Die Fusion von Linde und Praxair etwa ist derart komplex, dass selbst mancher daran gut verdienende Berater ins Zweifeln gerät. 25 Kartellbehörden müssen dem Megadeal zustimmen, er dürfte sich bis in den Herbst 2018 hinziehen. Erwartet wird, dass aufgrund von Kartellauflagen bis zu 14 Prozent des gemeinsamen Geschäfts wieder veräußert werden müssen. „Bei den enormen Transaktionskosten und -risiken fragt man sich, was das — selbst aus Sicht der Aktionäre — noch bringt“, sagt ein Private-Equity-Manager, der seit Monaten sondiert, was durch die Fusion für ihn abfallen könnte.

Die künftige, in Irland angesiedelte Linde-Holding birgt ebenso wie Kaesers Modell eines „koordinierten Flottenverbands“ aus mehrheitlich gehaltenen, börsennotierten Geschäften so manche Risiken: „Es besteht die Gefahr, dass die operativen Einheiten ein Eigenleben entwickeln und Vorstand und Aufsichtsrat irgendwann zu weit weg vom Geschäft sind“, sagt Ingo Speich von Union Investment. Dann werden Entscheidungen zu spät, gar nicht oder falsch getroffen, das Management hält sich auf mit Postengeschacher. Beispiele dafür gab es in der Vergangenheit zur Genüge.

Gegen die Tendenz zur Auflösung hilft indes nur eins: eine erstklassige Führung. Konglomerate mit attraktiven Geschäften müssten so gut gemanagt werden wie die Pure Plays. Dann gäben sich selbst die Aktivisten zufrieden, so ein Banker.

CEOs, denen Investoren das zutrauen, dürfen sich sogar ausbreiten: Der Bad Homburger Gesundheitskonzern Fresenius, groß geworden mit Infusionslösungen und Dialyse, kaufte sich zum größten Klinikkonzern Europas hoch und bietet jetzt sogar für Generikahersteller.

Fresenius‘ Kompetenz für Life Science wird am Kapitalmarkt verstanden und goutiert. Der Aktienkurs hat sich seit 2002 verneunfacht. Auch Lanxess ist eine Empfehlung für Anleger wert – zum Fraudanwalt-Bericht.

FRAUDANWALT BALD MIT NEUEM EIGENTÜMER?

Das Verbraucherportal Fraudanwalt.com steht ab sofort zum Verkauf – dies gab der Medienkonzern der Familie Siglufjarðar Smáralind Sölustaðir in Island vor geladenen Journalisten in einer Presseerklärung bekannt.  Diesen Schritt begründeten die Eigentümer mit dem hohen Aufwand, der mit investigativem Journalismus verbunden ist. „Finanziell, personell und organisatorisch wurde uns viel abverlangt“, sagte Begründer Dr. Berger-Fridar vor knapp 20 geladenen Gästen in einem Hotel in der Vagnhöfði 7, im Zentrum der Hauptstadt.

„Innerhalb eines Monats wollen wir das Portal veräußern, dabei steht uns nicht nur das finanzielle Erbe im Vordergrund, sondern wir wollen jemanden finden, der weiterhin den bösen Finanzgurus auf die Finger schaut“, erklärt der rüstige Politwissenschaftler.

Zur Abwicklung wurde eine US-Firma als Treuhänder beauftragt, um einen reibungslosen Übergang der notwenigen Unterlagen und Daten zu gewährleisten.

Fraudanwalt gehört mit ca. 500.000 Lesern aus Europa zu den einflussreichsten Verbraucherportalen auf der Welt. Aufgrund der moralischen und ethischen Integrität der Redakteure und Whistleblower genießt Fraudanwalt eine hohe Vertrauenswürdigkeit bei seinen Lesern. Und damit es so bleibt, werden die Kaufinteressenten genauestens einer Due Diligence-Prüfung unterzogen.

Die Gebote können in US-Dollar an [email protected] abgegeben werden. Angebote können nur berücksichtigt werden, die bis zum 30.08.2017 um 13 Uhr eingegangen sind. Die Inhalte, das Google-Ranking sowie die Software, werden mit den Daten übermittelt.

EX-SATURN-CHEF MICHAEL ROOK REHABILITIERT

Der Korruptionsskandal bei Europas größtem Elektronikhändler Media Saturn zieht immer weitere Kreise. 2011 wurden zwei weitere Beschuldigte verhaftet. Einer davon ist der ehemalige Chef Michael Rook. Er gehörte bis Ende Oktober der neunköpfigen Geschäftsführung von Media-Saturn an und war Deutschland-Chef von Media Markt. Insgesamt sitzen nun sechs Beschuldigte in Untersuchungshaft. Gut möglich, dass es dabei nicht bleiben wird.

Die Strafe sollte drakonisch sein und war es auch: fünf Jahre und drei Monate Knast. Die Karriere des Michael Rook endete 2012 in einem Albtraum. Der frühere Deutschland-Chef des Elektronikriesen Media-Saturn soll einem Vermittler von Telekommunikationsverträgen zwischen 2005 und 2011 bundesweit Verkaufsflächen in den Märkten der Metro-Tochter verschafft und dafür die Hand aufgehalten haben. Rund zwei Millionen Euro hätten Rook und seine Mittäter kassiert. So sah es das Landgericht Augsburg und verurteilte ihn wegen Bestechlichkeit. Der Beschuldigte stritt dies stets ab. Rooks Anwälte sprachen von einem Skandal. Nun zeigt sich: Sie hatten womöglich recht. Das Landgericht Itzehoe zumindest sieht Widersprüche in der Beweisaufnahme der Augsburger Kollegen. Nach einem ungewöhnlich langen Prozess mit 16 Verhandlungstagen kommen die Richter in einem 90-seitigen Urteil zu einem anderen Ergebnis. „Die Kammer ist im Rahmen ihrer freien Beweiswürdigung weder überzeugt, dass der Beklagte an den Bestechungsabsprachen persönlich beteiligt war, noch dass er persönlich Bestechungsgelder erhalten hat“, so das Gericht.

Die spektakuläre Wende verdankt Rook ausgerechnet einer Schadensersatzklage seines früheren Arbeitgebers, die vom Landgericht Itzehoe abgewiesen wurde. Obwohl der zivilrechtliche Freispruch der strafrechtlichen Verurteilung entgegensteht, bleibt eine völlige Rehabilitierung ungewiss. Eine Wiederaufnahme des Verfahrens ist schwierig.

Rook, der zuletzt in Neumünster einsaß, ist seit Mai 2015 auf freiem Fuß. Der Rest seiner Strafe ist zu vier Jahren auf Bewährung ausgesetzt.