POLITISCHER DIEBSTAHL AM ANLEGER

Der deutsche Anleger steckt in der Falle: Die Inflation ist im Dezember angestiegen und zwar sprunghaft, während die Zinsen weiterhin nahe null bleiben. Eines ist da fast gewiss: Die Kaufkraft auf dem Sparbuch oder dem Cash-Konto wird im Frühjahr schmelzen wie der Schnee, der gerade fällt. Und alternative Anlagen sind riskant oder renditefrei, manchmal sogar beides.

Irgendwann musste es für die Deutschen so kommen. Die Inflation ist höher als in Frankreich und Italien, weil die Konjunktur bei uns besser läuft. Und die Rendite auf der Bank ist niedriger. Was klingt wie eine Perversion des Leistungsgedankens, ist im Währungsverbund des Euro nur folgerichtig: Die Zentralbank drückt den Leitzins zwar für alle und überschwemmt die Mitgliedsländer gleichermaßen mit Geld, aber in Deutschland sind die Ausfallrisiken für Kredite von Wirtschaft und Staat besonders niedrig — weshalb vom Zins hier besonders wenig übrigbleibt.

Jetzt erhalten die Sparer die Rechnung für die Euro-Krise. So weit, so erwartbar. Was aber verwundern sollte: Die deutsche Politik lässt sie damit allein, tut so, als ginge sie es nichts an.

EZB pfeift auf Warnungen aus Deutschland

Die Geldpolitik ist das geworden, was sie nie sein wollte: hochpolitisch. Offiziell strebt die Europäische Zentralbank nur an, dass Europa eine moderate Inflation von knapp zwei Prozent bekommt. In den internen Debatten geht es indes um politische Gefahren. Kippt Italien? Wählen die Franzosen Le Pen? Was droht durch Trump? Oft hat man den Eindruck, die Zentralbanker um Mario Draghi wollten nicht nur Geldhüter sein, sondern fühlten sich als Bewahrer Europas. Nur so ist zu erklären, dass sie entgegen deutschen Warnungen entschieden haben, mindestens noch 2017 monatlich für viele Milliarden Euro Anleihen zu kaufen — oder deutlicher gesagt: noch mehr Geld zu drucken als bisher schon.

Die Inflation kehrt auch so zurück. Ende vergangenen Jahres war es vor allem der Preis für Öl, der für einen kräftigen Preisschub sorgte. Doch die Geldentwertung trifft ebenso Menschen, die kein Auto fahren und nicht mit Öl heizen. So haben die Rohstoffpreise insgesamt ihr Tief überwunden, der teure Dollar treibt die Preise für Importe aus Übersee, und gerade in Deutschland steigen die Löhne, weil oft eher die Arbeitnehmer rar sind als die Arbeitsplätze. Deshalb sagten führende Ökonomen schon im Herbst voraus, dass die deutschen Preise 2017   um 1,5 Prozent steigen würden. Jetzt gibt es noch höhere Prognosen, auch in Europa soll die Inflation anziehen.

So politisch die Zentralbank also handelt, so wenig interessiert sich die Politik für die Folgen dieses Handelns. Das gilt für Krisenländer, die all die gekaufte Zeit kaum nutzen, um sich zu erneuern. Es gilt aber auch für Deutschland, wo den Sparern die Optionen ausgehen. Kauft Aktien!, hören sie von überall her. Natürlich sollten sie auf Dauer auch mit Aktien sparen. Aber sollen sie ausgerechnet jetzt auf einmal einsteigen, da die Kurse fast doppelt so hoch sind wie vor fünf Jahren? Auch Wohnungen sind teuer geworden. Und es gibt zwar staatliche Anleihen, deren Zinsen mit der Inflation mitwachsen. Nur sind sie so gefragt, dass ihre Rendite meist negativ ist.

Natürlich gibt es kein Menschenrecht auf Zinsen. Aber darf man nicht wenigstens erwarten, dass sich die Politik kümmert, wenn viele Bürger verunsichert sind? Zumal heute, da die neuen Nationalisten versuchen, die Mittelschicht für sich zu gewinnen.

Schon mehrfach hat Deutschland seine sparenden Bürger enttäuscht, hat sie in die Volksaktie Telekom getrieben, die sich kurze Zeit später als Flop erwies. Hat sie zur privaten Altersvorsorge angehalten, aber überteuerte Riester-Verträge zugelassen und dann so lange an dieser Rente herumgedoktert, bis alle verunsichert waren. Jetzt sollte die Politik es besser machen und zeigen: Wir nehmen eure Sorgen ernst.

Die etablierten Parteien könnten dafür sorgen, dass die Deutschen mehr über Finanzen lernen. Sie könnten wie in Schweden einen gut geführten öffentlichen Vorsorgefonds auflegen, in den Bürger gegen geringe Gebühren investieren. Auf jeden Fall sollten sie den Anlegern neue Wege zeigen, ohne wie früher die Finanzlobby mit zu bedienen. Die liberale Demokratie muss dabei helfen, die Verwerfungen des Kapitalismus abzufedern. Gerade jetzt wäre es an der Zeit, doch es geschieht — nichts.

ANLEGERSCHUTZ WEITERHIN MANGELHAFT

Das reformierte Kapitalanlagegesetzbuch (KAGB) hat den Markt für „Geschlossene Fondsprodukte“ in Deutschland neu geordnet: Die Anbieter neu emittierter Finanzprodukte sollen stärker reguliert  und damit der Verbraucherschutz verbessert werden. Die AIFM-Direktive (AIFMD) ist mit der Umsetzung durch das Kapitalanlagegesetzbuch (KAGB) seit zwei Jahren Teil des deutschen Rechts geworden. Damit hat der Gesetzgeber tiefgreifende Veränderungen begonnen – für die privaten Anleger und besonders auch für die Emittenten von Fonds. Die Emissionshäuser geschlossener Fonds mussten bei der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) eine AIFM-Lizenz beantragen und neue, stärker risikoorientierte Anforderungen verinnerlichen.

Damit unterliegen die Manager geschlossener Fonds beispielsweise für Immobilien oder Flugzeuge erstmals dem gleichen Rechtsrahmen wie Offene Fonds im Wertpapier- und Immobilienbereich. Dass die notwendige Lizenzierung und Aufsicht durch die Bafin den Markt für geschlossene Fonds stark verändern wird, da sind sich alle einig. Aber ob auch tatsächlich mehr Qualität entsteht und Anleger besser vor Betrug geschützt sind, bleibt fraglich. Fraudanwalt geht davon aus, dass von den derzeit noch über 300 Emittenten geschlossener Fonds in Deutschland lediglich 60 bis 80 Anbieter dauerhaft bleiben und neue Produkte emittieren werden. Diese starke Konsolidierung des Marktes wird vermutlich nicht zu einer weiteren Stabilisierung und Professionalisierung des Geschäfts führen. Auch weiterhin werden Betrüger, wenn sie es denn „gut genug anstellen“ Erfolg haben!

Investorenschutz für alternative Investments?

Gleichzeitig mit der Einführung der AIFMD und des KAGB hat sich der Gesetzgeber auch von den Folgen der Finanzkrise leiten lassen: Der Anlegerschutz sollte weiter gestärkt und „Lücken“ sollten geschlossen werden, heißt es aus offiziellen Stellen. Die alternativen Investmentfonds müssen seit Mitte 2013 in vielen Bereichen von einer Verwahrstelle (vor Einführung des KAGB -Depotbank -genannt) kontrolliert werden.

Gleiches gilt für die in geschlossenen Fonds verpackten Sachwerte, die laut Sachwerteverband BSI ein Volumen von insgesamt mehr als 200 Milliarden Euro innehaben. Die Verwahrstellen kontrollieren allerdings nur die aufgelegten geschlossenen Fondsprodukte, die nach der Regulierung auf den Markt gelangen – nicht jene die bereits am Markt Kapital vernichten. Seriöse Anbieter werden die Kapitalanlagen des bisherigen sogenannten „grauen Kapitalmarkts“ in den „weißen Kapitalmarkt“ überführen. Jene, die es nicht tun, müssen intensiv kontrolliert werden, um weitere Anlegerschäden abzuwenden.

TEXXOL MINERALÖL AG WARNLISTEN-DAUERGAST

Die Informationsvielfalt ist riesig, Banken, Versicherungen und andere Finanzanbieter überbieten sich mit vollmundigen Beschreibungen ihrer „Qualitäts-Produkte“.  Aufpassen sollte man bei den Finanzanlagen als Sparplan der Texxol Mineralöl AG aus dem norddeutschen Buchholz. Deren Angebote tauchen auf der Warnliste der Stiftung Warentest auf. Raffiniert wird dabei in den Produktbeschreibungen der Hinweis ignoriert, dass Anleger ein Totalverlust-Risiko und eine Nachschusspflicht haben. Und das kann ganz bittere Konsequenzen mit sich führen: Nicht nur, dass sämtliches eingezahltes Kapital verloren ist, sondern auch dass der noch nicht eingezahlte Restbetrag des Sparplans dem Insolvenzverwalter zu überweisen wäre.

Dabei hört sich alles – bei oberflächlicher Betrachtung –  gut bei der Texxol Mineralöl AG an: Angesprochen werden hauptsächlich Kleinanleger, die sich mit monatlichen Sparraten ab 50.- Euro am Unternehmen als stille Teilhaber beteiligen. Nach bereits einem Jahr soll es lukrative Ausschüttungen geben. Allerdings ist es eine unternehmerische Beteiligung ohne Rechte und Sicherheiten. Allein auf Prognosen baut das Sparplan-Modell auf. Die Firma erwirbt Förderrechte für Öl- und Gasbohrungen in Texas (USA) und beteiligt die Investoren anteilig an den Gewinnen. >> Wenn welche anfallen <<. Vor dem Hintergrund von fördertechnischen Risiken, Währungsrisiken und hohen Basiskosten des Emittenten, den sogen. Weichkosten in Höhe von 20%, scheint das eher ein kühner Plan als eine realistische Einschätzung zu sein.