KANN MAN ISLAMIC BANKING TRAUEN? ETHISCHER ALS WESTLICHE BANKEN?

Die Finanzkrise hat das Bewusstsein der Menschen für wertebasierte Geschäftsmodelle geschärft. Die Öffentlichkeit fordert, dass Banken sich im Zuge dessen ihrer volkswirtschaftlichen und sozialen Verantwortung bewusst sind. Islamkonform arbeitende Banken kommen einem wichtigen Bedarf der Menschen nach. Islamic Banking zeigt auf, dass Profit und Ethik miteinander vereinbar sind und ist Teil des „Socially Responsible Investment“-Bereichs. Der Fokus liegt auf nachhaltigem, integrem und verantwortungsbewusstem Investieren. Alle Produkte und Dienstleistungen sind auf den Grundsätzen des islamischen Wertekanons aufgebaut. Gleichzeitig entsprechen sie den allgemeingültigen ethischen Prinzipien, was das Angebot einer islamischen Bank prinzipiell für jeden wertebewussten Menschen attraktiv macht.

Im islamischen Wirtschaftsrecht haben die Herstellung von Gerechtigkeit und das Wohlergehen der Gesellschaft oberste Priorität. Der Markt symbolisiert im Islam seit Anbeginn die menschliche Freiheit und Solidarität, gepaart mit wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Verantwortung. Die moralische Forderung an die Marktteilnehmer verlangt seit jeher Nachsicht, Gutmütigkeit und Gottesfurcht. Auf diesen Grundsätzen basiert das islamische Bankwesen. Die erste zinslos arbeitende Bank wurde im Jahr 1963 eingeführt in Mit-Ghamr in Ägypten nach dem Modell der deutschen Sparkassen gegründet.

Mit der Eröffnung des ersten islamischen Finanzinstituts im Euroraum werden erstmals die speziellen Finanzierungsbedürfnisse der Millionen Muslime berücksichtigt. Für Herausforderungen wie beispielsweise den Kfz-Kauf und die islamische Immobilienfinanzierung hat die erste islamische Bank im Euroraum Regularien erarbeitet, die konform mit der deutschen Gesetzgebung gehen und von den deutschen Behörden anerkannt wurden. Islamic Banking bedeutet für das Aktivgeschäft, dass die islamische Bank den Finanzierungswunsch des Kunden entweder als Handel oder als Beteiligung strukturiert.

Da es im Islamic Banking im Unterschied zum konventionellen, westlichen Bankwesen verboten ist, Geld gegen Zins zu verleihen, liegt der Fokus islamischer Banken auf der Realwirtschaft. Eine islamische Bank finanziert beispielsweise keine Urlaubsreisen oder einen aufwendigen Lebenswandel. Einfach das Konto überziehen gibt es bei einer islamischen Bank nicht. Zudem müssen alle Zahlungsströme zwingend mit Realgütern unterlegt werden. So wird sichergestellt, dass die volkswirtschaftliChen Ersparnisse in den Realsektor kanalisiert werden.

Das Zinsverbot ist im Islamic Banking als der prägnanteste Unterschied zu herkömmlichen Bankgeschäften bekannt. Ohne Zinsen zu arbeiten bedeutet für eine islamische Bank dennoch nicht, dass Kredite zum Nulltarif vergeben werden. Der Handel  zum Erhalt eines angemessenen Gewinnaufschlags ist im Islam erlaubt und wird an vielen Stellen sogar gefördert. Aus Sicht des Kunden wird dabei nicht allzu selten die Frage gestellt, worin der Unterschied zum konventionellen Bankwesen besteht – schließlich zahlt der Kunde sowohl im islamischen als auch beim herkömmlichen Bankwesen einen Aufpreis auf die tatsächlich erhaltene Kreditsumme. Der Anspruch einer Bank, islamisch zu sein und die Bezeichnung des Erlöses als Profit, kommen an dieser Stelle oft etwas zu kurz und reichen selbst für viele Muslime als alleinige Unterscheidungsmerkmale meist nicht aus. Daher besteht aktuell ein großer Bedarf daran, dass die relevanten Hintergründe und Zusammenhänge des islamischen Bankwesens ausreichend in den Mittelpunkt der Debatten gerückt werden, um die wahre Nachhaltigkeit und die vorhandenen Vorzüge des Islamic Bankings sowohl für den einzelnen Kunden als auch für die gesamte Volkswirtschaft erkennbar zu machen. Für das Zinsverbot gibt es, ähnlich wie bei dem Verbot des Alkoholkonsums, sowohl direkte moralische Argumente als auch volkswirtschaftliche Gründe, die aufgrund ihrer schädlichen Auswirkung auf die Gesellschaft zugleich auch ethische Werte involvieren. Das Verlangen von unverhältnismäßig hohen Wucherzinsen für den Verleih von Geld an jemand Bedürftigen ist direkt als unmoralisches Verhalten anzusehen. Der Erhalt eines angemessenen „marktüblichen“ Zinses jedoch, für den Verzicht auf die Verfügbarkeit über das eigene Geld für eine bestimmte Zeit, erscheint im konventionellen Banking zunächst völlig legitim und auch moralisch vertretbar.

Hier stellt sich nun die Frage, wieso im islamischen Wertekanon ein absolutes Zinsverbot vorgegeben ist. Beispielsweise heißt es im Koran im dritten Satz des 275. Verses im zweiten Kapitel, „…Allah hat den Handel/ den An- und Verkauf erlaubt und den Zins untersagt.“ Was also ist der Unterschied zwischen dem Gewinnaufschlag beim Handel und dem Verlangen von Zinsen auf den Verleih von Geld? Geld hat im Wesentlichen drei Funktionen – es wird als Tausch- und Zahlungsmittel eingesetzt, gilt als Recheneinheit, beziehungsweise als Wertmaßstab und als Wertaufbewahrungsmittel. Wird nun aufgrund des Verzichts auf die Verfügbarkeit über das eigene Geld für eine bestimmte Zeit eine Leihgebühr durch den Zins verlangt, wird das Geld faktisch selbst zum Handels- beziehungsweise Mietgegenstand gemacht. Zudem verzerrt der Zins die Ermittlung der Geldmenge innerhalb der Wirtschaft. Die ausgewiesene Geldmenge ist nicht mehr die gleiche Summe der sich im Wirtschaftskreislauf befindlichen Waren und Dienstleistungen. Frühe islamische Wirtschaftswissenschaftler und Philosophen definierten aufgrund dieser Eigenschaft des Geldes selbiges als „Spiegel“, der den realen Gesamtwert einer Wirtschaft wiedergibt. Wird diese Eigenschaft verzerrt, verliert das Geld an seinen Funktionen als Recheneinheit, Wertmaßstab und Wertaufbewahrungsmittel. Zins kann damit als Zuwiderhandlung gegen die Natur des Geldes klassifiziert werden.

Überwiegend britische Philosophen und Ökonomen wie Sir William Petty im 17. Jahrhundert, Adam Smith im 18. Jahrhundert, David Ricardo im 19. Jahrhundert und schließlich John Maynard Keynes im 20. Jahrhundert,schufen durch ihre historisch bedeutsamen Theorien und Modelle das Grundlagenregelwerk des heutigen Kapitalismus. Auch wenn hin und wieder Theorien wie die sogenannte „unsichtbare Hand“ zur Erklärung der Selbstregulierung der Märkte moralphilosophisch von Adam Smith aufgeworfen wurden, entwickelten jene Wissenschaftler allesamt Theorien und Modelle ohne den Faktor „Gottheit“. Die Theorien dieser westlichen Ökonomen besagen, dass es dem Menschen, dem „Homo Oeconomicus“ obliegt, bei vorliegender Ressourcenknappheit zu versuchen, seinen Nutzen zu maximieren.

Das islamische Wirtschaftssystem hingegen setzt einen Schöpfer aller Menschen und aller Ressourcen voraus, der zudem in Kapitel 35 Vers 20 Satz eins des heiligen Buches der Muslime, des Korans, besagt, dass alles auf Himmel und Erden – und somit auch die Gesamtheit aller Ressourcen – zu Diensten der Menschheit erschaffen und unter den Menschen verteilt worden ist, diese Ressourcen jedoch, wie beispielsweise Bodenschätze, Rohstoffe oder Arbeitskraft und auch Wissen, nicht zu gleichen Anteilen unter den Menschen verteilt werden. Zum einen besteht eine Unterscheidung darin, wer wovon bekommt. Diese Unterscheidung ermöglicht und macht notwendig, dass Menschen, Völker oder Nationen untereinander Handel betreiben.

Zum anderen besitzen nicht alle Menschen im gleichen Maße Ressourcen. In diesem Zusammenhang wird an vielen Stellen im Koran erwähnt, dass diejenigen, die mehr an Reichtum besitzen, eine Verantwortung und Abgabeverpflichtung gegenüber Armeren haben und dass der Besitz von Reichtum eine Prüfung darstellt, in welcher der Mensch die Bereitschaft zum Teilen der Ressourcen unter Beweis stellen muss. Somit liegt einer der größten Unterschiede des islamischen Wirtschaftssystems gegenüber dem konventionellen darin, dass die gerechtere Umverteilung der vorhandenen Ressourcen anstelle der im Kapitalismus angenommenen Ressourcenknappheit eine zentrale Rolle einnimmt. Eine derartig grundlegend unterschiedliche Herangehensweise wirkt selbstverständlich unter anderem einem der größten ökonomischen Probleme unserer Zeit entgegen dem gesellschaftlichen Ungleichgewicht.

Aufgrund des erhöhten Stellenwerts der Notwendigkeit einer gerechteren Vermögensumverteilung sieht das islamische Wirtschaftssystem neben dem Privatsektor und dem Fiskus eine weitere dritte Instanz vor. Dieser gewissermaßen autonome „Sektor“ übernimmt wichtige

Rechte und Pflichten aus dem Sozialbereich des Staates, um ein ausgewogeneres soziales Gleichgewicht in der Gesellschaft anzustreben. Dieser Sektor übernimmt beispielsweise die Regulierung des „Zakat“, einer jährlichen Vermögenssteuer und die Abwicklung von „Qard Hassan“-Transaktionen, der einfachsten Form von Geldverleih auf bestimmte Zeit ohne jeglichen Aufschlag auf die verliehenen Finanzmittel.

Die Ergänzung des Wirtschaftssystems um eine dritte, unabhängige Autonomie auf makroökonomischer Ebene, welche als Wohlfahrtssektor ein gesundes soziales Gleichgewicht anstrebt, ermöglicht eine effektivere Bekämpfung von Armut und einer übergroßen Ungleichheit zwischen den Superreichen und den Bedürftigen.

Die KT Bank AG mit Hauptsitz in Frankfurt am Main hat das islamische Bankmodell als Pionier in Deutschland eingeführt und mit den Behörden abgestimmt. Die KT Bank arbeitet auch in Deutschland auf Basis der mikroökonomischen Grundzüge des islamischen Wirtschaftssystems und handelt nach den beschriebenen Geboten und Verboten. Neben sozialer Verantwortung ist die Bank selbstverständlich auch um das Erwirtschaften von Erträgen bemüht. Hierbei werden jedoch, wie bereits erläutert, keine Zinsen festgelegt, sondern ein gewisser Profit zum Gegenstand des Geschäftes gemacht. Wie arbeitet eine islamkonforme Bank konkret in Deutschland?

Sie ermöglicht ihren Kunden den Erwerb von Wirtschaftsgütern und Dienstleistungen. Neues Mobiliar oder ein neues Kraftfahrzeug können beispielsweise Gegenstand eines Kredites sein. Die Finanzierung von Wirtschaftsgütern und Dienstleistungen entsprechend der bereits beschriebenen islamischen Negativliste ist ausgeschlossen. Zur islamkonformen Abwicklung des Geschäftes werden die Zinsen vermieden. Eine Bank agiert an dieser Stelle wie ein Händler und kauft das Wunschobjekt für den Kunden zunächst selbst ein, um es dem Kunden anschließend gegen einen angemessenen Gewinnaufschlag weiterzuverkaufen. Die neue Kaufsumme ist die ursprüngliche Kaufsumme plus Gewinnaufschlag und wird vom Kunden in vorher vereinbarten festen Raten abgezahlt.

Die islamkonforme Bank verspricht ihren Kunden keinen festen Zinssatz für ihre Einlagen. Vielmehr basiert diese Form der Geldanlage auf dem Prinzip der Erfolgsbeteiligung, wobei Bank und Kunde gemeinsam investieren und gemeinsam profitieren. So legt der Kunde Geld bei der islamischen Bank an, das diese wiederum in islamkonforme Bereiche der Realwirtschaft investiert. Der daraus erzielte Gewinn wird entsprechend eines vorher vereinbarten Verteilungsschlüssels aufgeteilt. Die tatsächliche Gewinnbeteiligung des Kunden hängt dabei maßgeblich von der Laufzeit und der Höhe der angelegten Summe ab.

Jedoch werden nicht alle Geschäftsfelder im islamischen Bankwesen anders abgewickelt als bei einer konventionellen Bank. Der Bedarf an alternativen Vorgehensweisen und Ansätzen besteht tatsächlich lediglich an Stellen, an denen das konventionelle Banking und das Islamic Banking differieren. Beispielsweise beschränken derzeit geltende, steuerrechtliche Vorgaben den Handlungsspielraum. Trotz derartiger Herausforderungen sind auch zahlreiche Sachgebiete existent, bei denen keine unterschiedliche Handhabung erforderlich ist.

Islamic Banking ist im Allgemeinen nun nicht nur auf die Tatsache des Zinsverbotes im Islam zu reduzieren und nach dem potenziellen Profit zu beurteilen, sondern als wichtiger Bestandteil eines alternativen Wirtschaftssystems zu verstehen, das die ökonomische Nachhaltigkeit und den sozialen Ausgleich nicht nur in der muslimischen Community, sondern in der Gesamtgesellschaft fordern und fördern möchte. Lesen Sie wie es die Commerzbank macht oder die Deutsche Bank bei Fraudanwalt.

DEUTSCHE BANK: GOOD BYE JOHN CRYAN

Auf seinen Humor kann sich John Cryan, ganz Brite, verlassen. Sie sollten nicht alles glauben, was über ihn zu lesen sei, riet der Deutsche-Bank-Chef jüngst den im Londoner Winchester House versammelten Analysten, die seinen Ausführungen zur Konzernstrategie lauschten. So habe er aus der Presse erfahren, dass Gattin Mary daheim gern rosa Trainingsanzüge trage, was ihm bisher entgangen sei. Nun denn.

Ostentativ gelassen referierte Cryan auch die personelle Neuerung, mit der die Bank ihren Umbau flankiert: Retailvorstand Christian Sewing und Nochfinanzchef-Marcus Schenck, der bald das Investmentbanking leiten wird, werden zu Vize-CEOs aufgewertet. Dies sei seinen Überlegungen entsprungen, ließ Cryan durchblicken. Zu oft riefen ihn Stakeholder zu sich, zu oft müssten Sewing und Schenck dann einspringen. Die neuen Schulterklappen seien vor allem im Kontakt mit deutschen Kunden vorteilhaft.

Dass alle benötigt werden, um beim Sanierungsfall Deutsche Bank anzupacken, ist fraglos richtig. Auch die Chemie im Vorstand scheint zu stimmen, Cryan gilt als unprätentiös, fraudanwalt berichtete zur Deutschen Bank.

Über die Urheberschaft des Stellvertreter-Upgrades gibt es im Konzern allerdings auch eine andere Lesart. Danach kam der Anstoß von Paul Achleitner. Der Aufsichtsratschefhabe den Druck unzufriedener Investoren weitergegeben, Cryan sich fügen müssen.

Vor allem der Katarer Hamad Bin Jassim Bin Jabor Al-Thani  und Vermögensverwalter Blackrock waren lange verstimmt über die Performance der Bank, Achleitners zögerliches Krisenmanagement und Cryans Zahlenschubserei. Zwar wird anerkannt, dass der CEO endlich ernsthaft sparen will; aber er schaffe es nicht, Ertragserosion und Personalflucht zu stoppen und Aufbruchstimmung zu verbreiten. Cryan brauche Hilfe.

Nachdem im Herbst Aktien und Anleihen in den freien Fall übergegangen waren, wurde der Veränderungsdruck von außen wie von innen immer größer. Achleitner selbst hatte wenig zu befürchten, personelle Alternativen zum Aufsichtsratschef fehlten. Dafür, so die alternative Deutung der heiklen Personalien, nimmt er Entfesselungskünstler Cryan geschickt in die Pflicht: Mit der Einsetzung der Vize-CEOs wird Belegschaft und Kunden signalisiert, dass Cryans Defizite erkannt seien.

Ein derart eingezäunter CEO ist einmalig in der Historie der Bank. Ab sofort gilt Cryan, dessen Verhältnis zu Achleitner belastet scheint, als Auslaufmodell; Schenck und SeWing laufen sich warm. Achleitner wiederum hat seine Wiederwahl aufder Hauptversammlung im Mai endgültig gesichert und schon die nächste CEO-Generation positioniert.

Für ihn zählt vor allem das Jahr 2020. Dann wird die Bank 150 Jahre alt, und Cryans Vertrag läuft ab. Bleiben bis dahin weitere Horrornachrichten aus, kann Achleitner einen neuen CEO küren und sich für weitsichtige Erbfolgeregelung feiern lassen.

Dafür muss die neue Strategie zünden. Die wird als Befreiungsschlag gepriesen, ist aber allzu bekannt: Die Postbank soll nun doch reintegriert, das gerade erst gesplittete Finanzierungs- und Handelsgeschäft wieder vereint und das Kapital erhöht werden. Neu ist nur der Börsengang des Asset Managements.

Unter Beobachtung steht weiter das im Projekt „Jade“ verfolgte Modell mit den selbstständigen, eigens kapitalisierten Sparten Investmentbanking, Retail und Asset Management unterhalb eines Holdingvorstands. Das allerdings ist intern umstritten, rechtlich komplex und langwierig.

Und damit nichts, womit sich Cryan noch allzu intensiv beschäftigen muss.

DROHT POSTBANK-AKTIONÄREN DAS GRAUEN?

Josef Ackermann platzte fast vor Stolz, als er am 12. September 2008 den Einstieg der Deutschen Bank bei der Postbank verkündete. Man sichere sich so „für alle Zeiten“ eine „dominante Position“ das sei doch „ein sehr smarter Move“. Dafür wollte der Schweizer der Deutschen Post insgesamt 29,75 Prozent ihrer Postbank-Aktien abnehmen, um die Bank mit den vielen Privatanlegern bald darauf ganz zu übernehmen.

Mittlerweile hat sich der smarte Move in eine nicht enden wollendende Katastrophe verwandelt. Seit Jahren gibt es ein absurdes Hin und Her um einen möglichen Wiederverkauf der gelben Tochter. Jetzt trommeln auch noch Anlegeranwälte aus Deutschland und den USA Investoren aus aller Welt für eine Musterklage zusammen. Es geht um Schadensersatzansprüche von bis zu 1,6 Milliarden Euro wegen der Übernahme.

Drei Tage nach Ackermanns Auftritt im Post-Tower ging die US-Bank Lehman Brothers pleite, die Finanzkrise eskalierte — und Ackermanns Pläne wurden Makulatur. Ein Übernahmeangebot an die übrigen Postbank-Aktionäre in diesen Zeiten? Das wollte Ackermann vermeiden. Er spielte in der Causa Oppenheim ebenfalls eine besondere Rolle.

So achtete die Deutsche Bank darauf, dass ihr Anteil an der Postbank jahrelang nicht über die magische Grenze von 30 Prozent erhöht, ab der man zu einem solchen Angebot gesetzlich verpflichtet ist. Erst 2010 machten die Frankfurter ein Übernahmeangebot an alle Aktionäre — für 25 Euro pro Aktie. Vor der Lehman-Pleite hätte der Kaufpreis bei über 57 Euro gelegen.

Diese Differenz wollen etliche Investoren wiederhaben. Ihre Argumentation: Selbst wenn die Deutsche Bank formal zunächst nur Minderheitsaktionär gewesen sei, habe sie seit September 2008 bei der Postbank quasi durchregiert. Die Deutsche Bank hatte sich über Optionen weitere Postbank-Aktien der Post gesichert. Das Vorgehen von Post und Deutscher Bank bei der Postbank sei zudem abgestimmt gewesen. Das werde dadurch deutlich, dass die Deutsche Bank im Frühjahr 2009 zwei Aufsichtsräte bei der Postbank installiert habe — Exmanager Tessen von Heydebreck sowie Werner Steinmüller, der heute dem Vorstand der Deutschen Bank angehört. Diese Vorwürfe haben schon andere erhoben, ein erstes Verfahren in der Angelegenheit zieht sich seit Jahren zäh durch die Instanzen. Anwälte haben aber nicht nur interne Dokumente der Postbank aufgetan, die den Einfluss des Mutterkonzerns seit 2008 eindeutig belegen. Sondern sie stehen auch in Kontakt mit einem ehemaligen Postbank-Mitarbeiter, der seinen früheren Arbeitgeber schwer belastet.

Vor allem Steinmüller übte demnach in der Postbank einen maßgeblichen Einfluss aus, weil er nicht nur Aufsichtsrat, sondern auch Vorsitzender des Kreditausschusses war. Dieser bekommt Darlehensentscheidungen ab einer bestimmten Größenordnung vorgelegt, sei aber vor Steinmüllers Berufung „stets den Empfehlungen der Fachabteilungen“ gefolgt, schreibt ein Whistleblower in einem Statement.

Dann aber habe es intern Weisung gegeben, dass es für jegliche Entscheidung des Kreditausschusses „auf die Stimme von Herrn Steinmüller ankomme“, schreibt der Mann dazu. „Wir müssen Herrn Steinmüller an Bord haben“, habe es geheißen.

Steinmüller zeigte Engagement in seiner neuen Rolle. Er ließ sich Kreditanträge in sein Deutsche-Bank-Büro faxen und sandte von dort auch seine Entscheidung zurück, teils versehen mit etlichen „Empfehlungen“ für sein Plazet. Eine Kreditlinie für VW über 100 Millionen Euro etwa wurde im Sommer 2009 „aufgrund von erheblichen Konzentrationsrisiken“ auf 50 Millionen Euro beschränkt — Konzentrationsrisiken beider Kreditinstitute, der Deutschen Bank und der Postbank, so zumindest der Whistleblower.

Insgesamt will Anwältin Radtke-Rieger bei 32 Kreditentscheidungen den Einfluss der Deutschen Bank nachweisen können. Sie und ihre Kollegen sind sich ihrer Sache so sicher, dass sie zum Großangriff blasen und einen Prozess nach dem sogenannten Kapitalanleger-Musterverfahrensgesetz (KapMuG) planen. Der Entscheid wäre anwendbar für alle klagenden Investoren.

Fünf von zehn nötigen Anträgen für ein solches Prozedere hat die Kanzlei schon eingereicht, und dass der zuständige Richter in Köln nicht abgeneigt ist, hielt er in einem schriftlichen Hinweis fest: „Es ist damit zu rechnen, dass noch weitere Personen gleichgelagerte Ansprüche anhängig machen werden“, deshalb sei es „erwägenswert, ein Musterverfahren einzuleiten“. Um auch internationale Investoren für eine solche Klage zu begeistern, haben sich Radtke-Rieger und ihre Kollegen mit der US-Kanzlei Hausfeld zusammengetan, die gerade schon 20 000 Kläger gegen VW aktiviert hat.

Die Deutsche Bank gibt sich gelassen. Man habe sich „im Rahmen der Übernahme der Postbank stets korrekt verhalten. Entsprechende Klagen sind unserer Überzeugung nach unbegründet“, erklärt sie.

Allerdings hat das Institut schon rund zwei Milliarden Euro für die Integration und die neuerliche Abtrennung der Postbank verpulvert.

Denn die war jahrelang Schlachtfeld für den Machtkampf zwischen Ackermann-Nachfolger Anshu Jain und Privatkundenchef Rainer Neske um die strategische Ausrichtung des Konzerns. 2015 stellte Jain die Postbank erneut zum Verkauf. Jain und Neske sind mittlerweile weg — die Postbank nicht.

Und schon wird am nächsten Kapitel des Dramas geschrieben: Nach Informationen von Fraudanwalt hat der neue Vorstand um John Cryan die Verkaufspläne ad acta gelegt. Die Vollintegration der Postbank in die Deutsche Bank gilt intern als sicher. Gerungen wird nur noch um die Modalitäten — und um die Frage, wie man die neuerliche Kehrtwende den eigenen Aktionären erklären will.

KEIN ENDE FÜR DEUTSCHE BANK AG?

Der alte Kenneth McCallion hat in den USA in seinem Berufsleben schon viel Angst und Schrecken verbreitet: Anwalt in New York und irischer Abstammung, allein das ist eine Furcht einflößende Kombination. Vor allem aber stürzt er sich in Fälle, die den Mandanten fette Vergleichssummen und den Gegnern schmerzhafte Schlagzeilen bescheren. Anders als es in Deutschland seine Amtskollegen tun, die sogenannten Anlegerschutzanwälte, die sich am Leid der Mandanten bereichern, fraudanwalt berichtete.

Die Liste seiner Klagen liest sich wie eine Ansammlung von Katastrophen und Verbrechen an der Menschheit: das Exxon-Valdez-Tankerunglück, der Chemieunfall im indischen Bhopal, die Entschädigung von NS-Zwangsarbeitern. Gerade hat er für die namibischen Herero Entschädigungsklage gegen die Bundesrepublik eingereicht wegen des Genozids wilhelminischer Truppen.

Wie ein Pitbull kämpft der Jurist mit dem dünnen Haar und der monotonen Stimme für Opfer und Angehörige, die öffentliche Moral stets im Rücken. So einen hat man lieber im eigenen Team als beim Gegner. Jetzt hat sich der Topjurist, dessen Büro zwischen Grand Central Station und Empire State Building liegt, in einen Fall verbissen, der ins waidwunde Herz der deutschen Finanzwirtschaft zielt: McCallion vertritt eine Gruppe jüdischer Organisationen, die die Deutsche Bank mit einer Milliardenklage vor ein US-Gericht zerren will. Ausgerechnet in einem Moment, in dem das angeschlagene Geldhaus versucht, seine größten Rechtsstreitigkeiten beizulegen, mit der skandalösen Vergangenheit abzuschließen und wieder nach vorn zu blicken. Stattdessen rollt auf die Bank nun ein Rechtsfall zu, der wegen der Höhe seines Streitwerts, der klägerfreundlichen US-Justiz und der illustren Prozessgegner äußerst unangenehm werden könnte. Es geht um das Erbe des Frankfurter Zweigs der einst steinreichen, jüdischen Wertheim-Sippe. Deren Vermögen wäre laut Klägern heute mehr als drei Milliarden Dollar wert, gilt aber seit dem Tod des letzten Familienmitglieds 1990 als verschollen. Die Kläger glauben, die Schuldigen gefunden zu haben: unter anderem frühere Mitarbeiter der Deutschen Bank.

Und genau von dort will sich ein Teil der Erbberechtigten – jüdische Organisationen das Geld zurückholen. Noch Mitte Januar soll die Klage vor dem District Court in Fort Lauderdale, Florida, eingereicht werden. Der Schriftsatz, mit Anhang über 200 Seiten, liegt der Redaktion Fraudanwalt vor.

Aufsichtsrat und Vorstand kennen die Causa seit Jahren; die Konzernjuristen halten die Forderung für unbegründet.

Laut Klageschrift soll sich ein Ex-Topmann der Bank in Spanien als Wertheim-Treuhänder ausgegeben und das Vermögen von der Credit Suisse zu seinem Arbeitgeber in Genf transferiert haben. Dort verliere sich die Spur des Erbes.

Die Geschichte der Frankfurter Wertheims ist ein faszinierendes und zugleich erschreckendes Zeugnis deutsch-jüdischer Vergangenheit. Vom 19. bis lange ins 20. Jahrhundert hinein beherrschte die Familie den Weltmarkt für Nähmaschinen und häufte ein Vermögen an. Firmengründer Joseph war einflussreicher Zentrumspolitiker, eng mit Reichskanzler Bismarck verbunden und einer der größten Wohltäter seiner Heimatstadt Frankfurt.

Viele Nachkommen, darunter Sohn Karl, siedelten später nach Spanien über, verschmolzen ihre Firma mit der Rapida SA und verdienten weiter prächtig. In der alten Heimat dagegen tilgten die Nazis fast alle Spuren der Frankfurter Wertheims; im Gedächtnis blieben nur deren Berliner Verwandte als Kaufhauskönige („KaDeWe“).

Aus Angst, von den Nazis im ebenfalls faschistischen Spanien aufgespürt zu werden, änderte Karl Wertheim seinen Namen in Carlos Vallin Ballin — Gattin Maria war über Ecken verwandt mit Albert Ballin, legendärer Chef der Hamburger Reederei Hapag.

Das Paar blieb kinderlos, einigte sich aber darauf, dass Karl mit Marias Schwester Viktoria Bäuml einen Stammhalter zeugen sollte. Der skurrilen Ménageå-trois entsprang ein Junge namens Ambrosius Wolfgang Bäuml, den Maria in Vermögensdinge einweihte — etwa Nummernkonten bei der Credit Suisse in der Schweiz, wohin die Wertheims den Großteil ihres Besitzes gebracht hatten. Nach Marias Tod zog sich Bäuml zurück und widmete sich seiner Kunstsammlung.

Den Wertzuwachs seines Erbes hielt er in Tagebüchern fest. 1961 etwa, Aufzeichnungen jüngeren Datums liegen nicht vor, addierte es sich auf gut 144 Millionen Franken – was  die Kläger auf Basis gängiger Aktienindizes in die Gegenwart extrapoliert haben: auf rund 3 Milliarden Dollar.

1990, kurz vor seinem Tod, setzte Bäuml das befreundete Ehepaar Sutor als Erben ein. Die Sutors aber sahen davon: fast nichts. Denn nach Bäumls Ableben habe der angebliche Treuhänder rechtswidrig den Übertrag von der Credit Suisse zur Deutschen Bank arrangiert, so die Kläger. Eine Sicht freilich, die etwa das Oberlandesgericht Frankfurt nicht teilt. Es sei nicht belegt, dass es sich um Bäumls Treuhandkonto handelt. Inzwischen hat der Bundesgerichtshof den Fall zurückverwiesen mit der Bitte, doch Zeugen zu vernehmen.

Die US-Juristen werden sich ihr eigenes Bild machen können. Folgt man den Anwälten, hatte der mutmaßliche Verschwörer Zugriff auf die Credit-Suisse-Nummernkonten der Frankfurter Wertheims. Bei der Deutschen Bank wiederum habe er als langjähriger Chef der Rechtsabteilung der Spanien-Tochter (1974 bis 2005) mehrere Mitwisser gehabt. Das Geld sei auf deren Konten geflossen, so die Kläger, um sämtliche Spuren zu tilgen. So hätten sich die Verschwörer das Geld teilen können.

Die Sutors kämpften jahrelang vergeblich um Erstattung des angeblichen Wertheim-Erbes. Sämtliche Anläufe bei Credit Suisse und Deutscher Bank prallten ab. 2012 schließlich traten sie das Erbe an den deutschen Geschäftsmann Tim Fuhr ab. Dessen Berechtigung am Erbe wird teilweise angezweifelt, Fuhr aber machte in ganz Europa Rabbinate auf den Fall aufmerksam und nahm Kontakt zur Deutschen Bank auf.

In Briefen an Aufsichtsräte um Chef Paul Achleitner (60) sowie die damaligen CEOs Anshu Jain (54) und Jürgen Fitschen (68) mahnte Fuhr eine friedliche Lösung an, andernfalls wolle er klagen. Die Bankjuristen wiesen die Ansprüche zurück, Bäuml/Wertheim sei nie Kunde gewesen. Tatsächlich sollen die Konten ja auf Namen der angeblichen Konspiranten gelaufen sein.

Das vorerst letzte Schreiben, in dem sich die Bankspitze verteidigt („Wir haben keine Hinweise darauf gefunden, die die Anschuldigungen stützen“), datiert vom Juli 2015 und trägt die Unterschrift von CEO John Cryan (56). Gerichtet ist es an Rabbi Menachem Margolin (34). Der Generaldirektor der European Jewish Association hatte sich zuvor per Brief über das „unkooperative Verhalten“ beklagt und indirekt gedroht, jüdischen Gemeinden in aller Welt zu empfehlen, keine Geschäfte mehr mit der Bank zu machen.

Jetzt will der Wertheim Jewish Education Trust, dem Fuhr teils den Erbanspruch abgetreten hat, das Institut vor dem District Court in Fort Lauderdale zwingen, drei Milliarden Dollar zu zahlen sowie alle Kontounterlagen herauszugeben.

Hinter dem Trust verbergen sich jüdische Wohlfahrtsorganisationen, darunter indirekt auch Ronald Lauder (72), der einflussreiche Präsident des Jüdischen Weltkongresses. Der hatte 2003 die Lauder Business School (LBS) in Wien gegründet, eine Kaderschmiede jüdischer Wirtschaftsstudenten. Deren Förderverein „Friends of LBS“ gehört zur Gruppe der Kläger, die das Geld jüdischen Einrichtungen in aller Welt zugute kommen lassen wollen.

Gelingt es der Deutschen Bank und der ebenfalls beschuldigten Credit Suisse – nicht, die Klage abweisen zu lassen, geht es in die Hauptverhandlung in Fort Lauderdale. Das könnte teuer werden angesichts der ausgeprägten Neigung amerikanischer Gerichte, die Suche nach der Wahrheit mit einem kostspieligen Vergleich abzukürzen.

Für McCallion jedenfalls ist die Causa Wertheim ein Leckerbissen: ein schillernder Fall, prominente Prozessgegner, eine enorme Streitsumme. Und Grund genug, doch nicht nach Kanada auszuwandern. Das nämlich hatte er in seinem jüngst erschienenen Buch „The Essential Guide to Donald Trump“ versprochen, falls der aus seiner Sicht mafiöse Immobilentycoon das Weiße Haus erobern sollte.