DEUTSCHLANDS NIEDRIGE ARBEITSLOSENQUOTE – NUR EINE WEITERE LÜGE?

Das neue große Thema in den Medien ist die Arbeitslosenquote. Seit 26 Jahren war die Zahl der Erwerbstätigen nicht mehr so hoch wie heute. Mit einem neuen Rekordtief von 5,6 % und 2,5 Millionen Arbeitslosen wird jedes Titelblatt geschmückt. Doch der Anblick hinter dem Vorhang ist alles andere als rosig und eher besorgniserregend.

Die präsentierten Statistiken der Bundesagentur für Arbeit sowie der Jobcenter werfen mehr Fragen auf als sie beantworten, denn in diesen widersprechen sich z.B. die Zahlen der arbeitssuchenden und als arbeitslos gemeldeten Flüchtlinge. Die rund 480.000 arbeitssuchenden und ca. 180.000 arbeitslosen Flüchtlingen sollten eigentlich die Arbeitslosenquote steigern, mal ganz abgesehen von der Frage, was mit der Differenz in Höhe von ca. 300.000 passiert ist. Wo werden diese in der Statistik untergebracht. Vielleicht arbeitspolitische Maßnahmen? Die Zahl der dort teilnehmenden Menschen ist um 7 %, also um gerade mal etwas über 63.000, gestiegen. Was ist nun mit dem Rest?

Doch das ist nicht die einzige Unklarheit. Während mutmaßlich immer mehr Menschen eine Beschäftigung finden, scheint der Arbeitsmarkt weiter zu wachsen. So suchen etwa viele Pflegedienste, IT-Unternehmen und Ingenieure händeringend nach Unterstützung und Nachwuchs. In Hamburg und anderen Großstädten wie Berlin, München und Co. hängt an jedem zweiten Schaufenster ein Zettel mit einem Jobangebot für den Verkauf. Wer nimmt denn schon heutzutage einen harten, Überstunden garantierenden und obendrein schlecht bezahlten Job in einer Großstadt an, womit man kaum die explosionsartig steigenden Mieten bezahlen kann? Zudem darf man den demographischen Wandel nicht außer Acht lassen. Die Babyboom-Generation ist reif für die Rente und die Nachfolger reichen bei Weitem nicht aus, um den Mangel auszugleichen. Klassische Handwerksbetriebe wie Bäcker, Schlachter, Maler, Tischler usw. suchen vergebens, bis sie irgendwann „dicht machen“.

Weiterhin bedroht vielen Wirtschaftsexperten zufolge die voranschreitende Digitalisierung, die heutzutage in Jedermanns Ohren ist, viel mehr Arbeitsplätze, als durch diese neu geschaffen würden, zum Fraudanwalt-Bericht. Durch den intensiveren Einsatz von intelligenten Maschinen und komplexeren Systemen nehmen die Menschen zunehmend eine Beobachterrolle ein oder verschwinden gar von der Bildfläche. Schon jetzt sieht sich der Einzelhandel auf den Straßen wegen des sich ändernden Konsumverhaltens und des attraktiveren Online-Handels mit starken Problemen auseinandergesetzt und ringt ums Überleben. Ideen für eine Verknüpfung zwischen Technik und Einzelhandel gibt es viele, doch hapert es meist an den Umsetzungsmöglichkeiten. Wenn es etwa und den Ausbau des Breitband-Internets geht, liegt Deutschland im Vergleich zu den führenden Industrienationen auf den kläglichen Platz 28 von 32. Auch hier wird eine stärkere digitale Infrastruktur verlangt.

Außerdem wird die Regierung aufgefordert, den Zuwanderungsstrom als Chance zu sehen und die Flüchtlinge schneller und stärker in die deutsche Wirtschaft zu integrieren, damit diese die zukünftigen Gefahren verringern oder gar beseitigen können. Höherer Zuwachs der an den vom Bund und der Bundeagentur für Arbeit geförderten arbeitspolitischen Maßnahmen und schnelle sowie adäquate Einbindung in den Arbeitsmarkt dürften in jedem Fall einige Sorgen wettmachen. Da sich unter den Flüchtlingen auch nicht allzu viele Hochqualifizierte befinden und der hierzulande herrschende Fachkräftemangel sich zu einer chronischen Krankheit zu entwickeln scheint, müssen die Universitäten den Einwanderern ebenfalls schmackhaft gemacht werden.

Verwunderlich ist auch, dass ein fließend englischsprechender Deutscher als ein Bürger einer führenden Exportnation immer noch eine Rarität darstellt. Laut dem English Proficiency Index rangiert Deutschland mit seinen Englischkenntnissen gerade mal auf Platz 8 und wird von Ländern wie den Niederlanden, Dänemark und Österreich geschlagen. Ein weiterer wichtiger Baustein für eine positive Arbeitsmarktentwicklung und damit nicht zuletzt auch für die Aufrechterhaltung oder gar Steigerung des Bruttoinlandsproduktes sowie des Wohlstandes in Deutschland bildet also auch die Förderung der Englisch-Kenntnisse und intensivere Einbindung der Weltsprache in den Alltag.

Ein Blick hinter dem Vorhang der schön präsentierten Arbeitslosenquote wirkt chaotisch, verzweifelnd und katastrophal – jedoch nicht aussichtslos. Die „Was-ich-nicht-sehe-ist-auch-nicht-da“-Strategie sollte nun endlich mal beiseitegeschafft und nicht dem berühmten Beispiel Schrödingers Katze zufolge die Büchse der Pandora geschlossen und somit die Frage offengelassen werden, ob der Inhalt nun einen großen Schaden verursacht oder nicht. Vielmehr ist hier Anpacken gefordert, dann kann das Übel noch verhindert werden.

WIE DIE DIGITALISIERUNG UNSERE ARBEITSPLÄTZE VERNICHTET

Düster sind die Ahnungen, die derzeit in der Wirtschaft kursieren.  Wenn menschliche Arbeitskraft überflüssig wird, was geschieht dann mit unserer Gesellschaft? Wenn Roboter die Jobs übernehmen und die Digitalisierung die Wertschöpfungskette durchdrungen hat? Die Fraudanwalt-Redaktion prognostiziert für das kommende Jahrzehnt Jobverluste in einem bislang unbekannten Ausmaß.

Ein rapider Strukturwandel, den staatliche Bildungs- und Sozialsysteme abfedern müssten, um ihn erträglich zu machen.

Die Sache ist schwierig und wird schwieriger, soviel steht fest. Die Staatseinnahmen in Europa sprudeln insbesondere aus zwei Quellen: Arbeitseinkommen und Konsum der arbeitenden Bevölkerung. In der Vergangenheit ließen sich auf dieser Basis große öffentliche Sektoren finanzieren. Damit aber wäre es vorbei, wenn die Roboterrevolution wie erwartet über uns hereinbricht. Denn just in dem Moment, in dem der Staat ernsthaft gefordert wäre, ginge ihm das Geld aus.

Ein Lösungsweg fehlt gänzlich

Die zuletzt so unbefriedigende Entwicklung der verfügbaren Einkommen hat bereits eine Debatte über alternative Steuermodelle ausgelöst.

Microsoft-Gründer Bill Gates schlug kürzlich eine Robotersteuer vor. Die deutschen Sozialdemokraten möchten die niedrige Abgeltungsteuer auf Kapitalerträge, einst von SPD-Finanzminister Peer Steinbrück eingeführt, anheben. Auch sein Amtsnachfolger Wolfgang Schäuble (CDU) findet, dass Zinsen und Dividenden höher belastet werden sollten. Schon länger ein Aufregerthema ist, dass internationale Konzerne durch Gewinnverlagerung von Land zu Land ihre Steuerbasis kleinrechnen. Das Ziel ist klar: höhere Steuern auf Kapital, um die (verbleibenden) Beschäftigten zu entlasten.

Es stimmt schon: Wenn die Propheten des digitalen Maschinenzeitalters recht behalten, dann müssen künftig die Besitzer der Maschinen stärker zur Kasse gebeten werden. Weil die Staaten sonst irgendwann auf dem Trockenen säßen. Und weil das ohnehin angeknackste Vertrauen ins Wirtschafts- und Gesellschaftssystem sonst vollends dahin wäre.

Mehr Abgaben auf Gewinne – das klingt simpel, aber das ist es nicht. In einer Welt offener Grenzen gibt es einen Wettbewerb um den mobilen Faktor Kapital. Entsprechend verhalten greifen die Finanzminister gegenwärtig zu. Steuern auf Unternehmensgewinne etwa machen im OECD-Durchschnitt gerade mal 9 Prozent der gesamten Steuereinnahmen aus.

Will man diesen Anteil nennenswert steigern, gibt es prinzipiell zwei Lösungen: internationale und nationale.

Bei offenen Grenzen lässt sich der fiskalische Beitrag des Faktors Kapital nur nennenswert erhöhen, wenn die Besteuerungskompetenz teilweise auf die internationale Ebene verlagert wird. Lediglich so ließen sich die Zuflüsse substanziell mehren. Nicht mehr der Bundestag würde dann über die Körperschaftsteuer oder die Kapitalertragsteuer entscheiden, sondern ein – wie auch immer geartetes – internationales Gremium.

Das geht an den Kern der Demokratie, wie wir sie kennen. Nationale Parlamente verlören ihre Entscheidungskompetenz über wichtige Teile der Staatseinnahmen. Aus diesem Grund gibt es nicht mal innerhalb der EU eine einheitliche Unternehmensbesteuerung. Seit Jahrzehnten wird darüber diskutiert, ohne Aussicht auf einen Durchbruch.

Einfacher sind nationale Lösungen. Sollte es nicht gelingen, zeitgemäße europäische oder internationale Arrangements zu finden, sind neue Grenzziehungen zu befürchten. Die Ära offener Kapitalmärkte wäre vorbei. Nur bei eingeschränkter Kapitalmobilität sind deutlich höhere Steuern überhaupt vorstellbar.

Die heraufziehende technologische Revolution hat deshalb das Zeug, der Globalisierung einen weiteren Tiefschlag zu versetzen. Derzeit wollen protektionistische Populisten wie Donald Trump vor allem den freien Zugang zu den Gütermärkten zurückdrehen. Beschränkungen des Kapitalverkehrs wären die nächste Eskalationsstufe. Dann aber mit dem Argument von mehr Steuergerechtigkeit.

SCHRUMPFT DIE MANAGEREBENE!

Die Welt der Wirtschaft hat ein neues Modekürzel: VUCA. Die Buchstaben stehen für Volatility, Uncertainty, Complexity und Ambiguity; übersetztdie Welt ändert sich schneller und überraschender als früher, sie ist komplexer geworden, und nichts ist mehr eindeutig interpretierbar. Denken Sie an die durch die Digitalisierung disruptiv ausgelösten Marktveränderungen, an extreme Devisen- und Rohstoffpreisschwankungen sowie politische Ereignisse wie den Brexit oder die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten. Diese Dimension ist neu.

Was bedeutet die Entwicklung für Vorstände? Das Aktiengesetz verpflichtet sie, ihre Unternehmen mit dem Ziel einer nachhaltigen Renditeentwicklung zu führen. Strategieberater empfehlen ihnen zum Beispiel, risikoträchtige Einheiten autonom zu führen, um mögliche Schäden leichter einzudämmen und Abhängigkeitsrisiken bei Lieferanten und Kunden zu vermeiden. Das reicht aber nicht. Denn ihre Organisationsform passt nicht mehr in die VUCA-Welt. Der Vorstand müsste eigentlich kleiner werden und, verkürzt gesagt, Macht abgeben. Zusätzlich müssten die Unternehmen ihre Corporate-Governance-Struktur so ändern, dass die Gremien schneller und flexibler entscheiden könnten. Vier Thesen dazu:

  1. Das Group Executive Committee (GEC) kommt zurück. Das GEC hat in Deutschland wegen des Deutsche-Bank-Modells unter dem Vorstandsvorsitzenden Josef Ackermann einen schlechten Ruf. Richtig eingesetzt, könnte es in VUCA-Zeiten neue Bedeutung erlangen: als Hauptgremium für eine unternehmensübergreifende Diskussion. Hier würde die Strategie ebenso vorbereitet wie Leitungsentscheidungen. Das in der VUCA-Welt zentrale Risikomanagement könnte hier unter Nutzung von Big-Data-Analysen und StakeholderIntelligence aufgesellschaftliche Veränderungen erweitert werden. Im GEC nicht nur Risiken, sondern auch Chancen identifiziert.

Vertreten sein müssten im GEC die wesentlichen Geschäftssparten, Regionen, Stabs- und Querschnittsfunktionen; zentral wären Diversität und eine Kultur, die co-kreative Entscheidungsprozesse zulässt. Je nach

Aufgabenstellung sich dieses Gremium in- und externer Experten bedienen (Antennenstruktur). Um die Prozesse tatsächlich zu entschlacken, sollten die nachgeordneten Hierarchiestufen reduziert werden.

 

  1. Das Aktiengesetz muss geändert werden. Bislang gilt: Der Vorstand hat alle Leitungsentscheidungen zu treffen, er muss wichtige Vorbereitungsmaßnahmen prüfen und darf diese Aufgaben nicht delegieren. Eine solche Allmachtsvorstellung zugunsten, vor allem aber zulasten der Vorstände passt nicht in die durch eine umgekehrte Wissenspyramide gekennzeichnete VUCA-Welt: Das technische Wissen liegt in den mittleren Führungsebenen, nicht beim Vorstand. Der sollte im Wesentlichen die zentralen Ziele setzen, daraus hervorgehend Langfriststrategie und Unternehmenskultur entwickeln und diese Vorgaben an die wichtigen Stakeholder kommunizieren. Das strenge Delegationsverbot ist zu ersetzen, GEC und nachgeordnete Führungsebenen sollten entscheidungsmächtig einbezogen werden.
  2. Der Vorstand kann kleiner werden. Dieses neue Funktionsverständnis für den Vorstand erlaubt kleinere Gremien, eher vier als acht Mitglieder. Der Vorstand erhielte mehr Handlungsfreiheit, er hätte mehr Zeit für flexibles Krisenmanagement und Stakeholder-Kommunikation. Bei der variablen Vergütung sollten nicht finanzielle Parameter größeres Gewicht bekommen.
  3. Der Aufsichtsrat gewinnt an Einfluss. Der Vorstand bleibt sein Hauptansprechpartner; er spricht aber auch mit bei Besetzung, Aufgabenschwerpunkten und Entscheidungen des größeren GEC. Es kann nicht bei dem traditionellen Funktionsverständnis eines allein verantwortlichen Vorstands bleiben. Die vermeintlichen Rechtszwänge gibt es nicht. Das Aktienrecht ist flexibel genug; es ermöglicht fokussiertere Vorstände, breit verankerte Group Executive Committees sowie die Kommunikation des Aufsichtsrats mit beiden Gremien. Ergänzt durch mehr Investorengespräche der Kontrolleure und eine Aufwertung der Hauptversammlung, würden deutsche Unternehmen so auch attraktiver für internationale Investorenkreise. Allen wäre gedient.