KARTELLAMT: GOOGLE, FACEBOOK UND CO.

Wurst und Bier. Darum ging es bei den höchsten Strafen, die das Bundeskartellamt bisher verhängt hat. Auch Zucker, Kaffee und Tondachziegel rangieren unter den Bußgeld-Top-Ten. Dieses Jahr nun dürfte ein deutlich abstrakteres Thema die Rangliste stürmen: Daten. Die Bonner Behörde hat sich das soziale Netzwerk Facebook vorgeknöpft. Ein so ungewöhnlicher Fall, dass er international Beachtung findet.

Für Kartellamtspräsident Andreas Mundt geht es darum, „dass die Märkte offen bleiben“ – trotz der gewaltigen Machtfülle der Internetgiganten. Wer die meisten Nutzer hat, bietet den besten Service und bekommt noch mehr Nutzer — in immer mehr Geschäftsfeldern. Die Tech-Konzerne von der US-Westküste geben dem Wort Monopol eine ganz neue Dimension.

Mithilfe von Daten und künstlicher Intelligenz sind Apple, Alphabet (Google), Amazon, Facebook und Microsoft zu den fünfwertvollsten Börsenunternehmen der Welt aufgestiegen. Zusammengenommen sind sie gut 2800 Milliarden Dollar wert – mehr als doppelt so viel wie der gesamte Dax-30. Alphabet und Apple sind allein jeweils mehr als 600 Milliarden Dollar schwer, weshalb an der Wall Street inzwischen Wetten laufen, wann die erste „Trillion Dollar Company“ aus dem Valley oder aus Seattle auf dem Kurszettel steht.

Der Auslöser des Hypes ist die erdrückende Dominanz der „Tech Five“. Sie beherrschen die wichtigsten Zukunftsmärkte – mit Marktanteilen von teils mehr als 80 Prozent, so wie Google (als größter Brocken von Alphabet) bei der Internetsuche und bei den Betriebssystemen für Smartphones. Sobald sich ein neues Wachstumsfeld auftut, wird es sogleich unter den Fantastischen Fünf aufgeteilt. Den Messenger-Dienst WhatsApp schluckte Facebook, das Geschäft mit der Cloud teilen Amazon (44 Prozent Marktanteil), Microsoft (11 Prozent) und Google (6 Prozent) untereinander auf.

Trotz ihrer enormen Größe wachsen die IT-Konzerne nach wie vor rasant: 2017 sollen die Umsätze um 18 Prozent (Alphabet), 23 Prozent (Amazon) und 36 Prozent (Facebook) anschwellen.

Jeder hat die Tech Five im Depot Verglichen mit den Tech-Konzernen ist Mundts Behörde so winzig wie die Rheinfähre vor seinem Bürofenster neben einem US-Flugzeugträger. Doch den Kartellamtschef schreckt das nicht. Während Facebook-Gründer Mark Zuckerberg Tausende Kilometer entfernt in Menlo Park eigene Filmproduktionen fürs Fernsehen der Zukunft in Auftrag gibt und Pläne für ein Bezahlsystem vorantreibt, erklärt Mundt geduldig, dass er das soziale Netzwerk und die anderen großen Plattformen zu einem faireren Umgang mit ihren Nutzern und deren Daten erziehen will. Sein Amt müsse „die Verbraucher davor schützen, dass die Internetgiganten ihre Marktmacht missbräuchlich ausnutzen“, sagt er.

Dass Europas Behörden auch zubeißen können, hat unlängst Google festgestellt. Die EU-Kommission brummte dem Suchmaschinenkonzern die Rekordstrafe von 2,4 Milliarden Euro auf. Begründung: Google habe seinem Preisvergleichsdienst unrechtmäßige Vorteile verschafft und so die Konkurrenz pulverisiert. Auch bei zwei noch laufenden Verfahren zum Betriebssystem Android und dem Werbedienst AdSense ist Brüssel „zu dem vorläufigen Schluss gelangt, dass Google seine beherrschende Stellung missbraucht hat“.

Dumm nur: An die einstigen Marktführer bei Preisvergleichen, die Google mit seiner Masche zerstörte, kann sich kaum noch jemand erinnern. Die Strafe mag zu Recht verhängt worden sein, aber sie kommt zu spät.

Das Unbehagen wächst — nicht nur bei den Kartellwächtern, auch am Finanzmarkt. „Große US-Tech-Werte sind so hoch bewertet wie zuletzt 2007, vor der Finanzkrise“, warnt Russ Koesterich, Investmentstratege beim Vermögensverwalter Blackrock. „Der Ansturm auf einige wenige Aktien hat dazu geführt, dass der Markt fragiler ist, als einige Indikatoren es vermuten lassen.“

Selbst wer ein Tech-ETF auf einen Index wie den MSCI All Country World Information Technology kauft, wagt de facto eine erstaunlich hoch konzentrierte Wette: Denn der Index besteht zu knapp einem  Drittel aus Alphabet, Apple, Facebook und Microsoft.

Anfang Juni schlugen die Strategen von Goldman Sachs erstmals vorsichtig Alarm: Die fünf größten Tech-Firmen seien für 40 Prozent des Kursanstiegs beim US-Leitindex S&P 500 verantwortlich. Seit Jahresbeginn ist ihr Börsenwert um 600 Milliarden Dollar angeschwollen – also um mehr, als die Dickschiffe SAP, Siemens, Bayer, Allianz und BASF gemeinsam auf die Waage bringen.

Ob Hedgefonds, traditionelle Fondsmanager, Trendfolger oder risikoscheue Anleger — inzwischen ist fast jeder stark bei den Tech Five investiert. Trotz der Kursrallye, warnt Goldman, sei der Free Cashflow der Techies zuletzt nicht mehr gestiegen, er stagniere bestenfalls. „Die Parallelen zu 1999 /2000 werden größer“, mahnt die Investmentbank.

Die Botschaft zeigte Wirkung: In den vier Wochen nach Erscheinen der Studie fielen die Tech-Indizes um mehr als 5 Prozent.

Folgt auf die Euphorie nun der Crash? Oder sind die Fantastischen Fünf nicht mehr zu stoppen und haben tatsächlich das Zeug, die Marke von einer Billion Dollar Börsenwert zu knacken?

Fest steht: Das Schicksal von Apple, Amazon und Co. entscheidet nicht nur über Auf und Ab im TechSektor, sondern über die Aktienrallye insgesamt. Das Kursbeben vom 4. Juli, als Amazons Börsenwert um 396 Milliarden Dollar und der von Apple um 104 Milliarden Dollar schrumpfte, entpuppte sich zwar als ein IT-Fehler von Bloomberg und anderen Datenanbietern. Tatsache ist: Schon ein gewöhnlicher Kursrücksetzer von 10 Prozent bei den Tech Five würde mehr als 250 Milliarden Dollar Börsenwert vernichten und den gesamten Aktienmarkt stark unter Druck setzen.

Von ihren Wettbewerbern werden sie ohnehin längst gefürchtet. Selbst anscheinend unangreifbare Marktführer aus anderen Branchen fühlen sich bedroht. Der Sportartik1er Nike knickte im Juni nach langem Kampf gegen Amazon ein und verkauft seine Sneaker nun auch über den Onlinehändler. Daimler schaue  nicht mehr auf BMW, wenn es um die Zukunft des Fahrens geht, sondern darauf, „was Google mit Waymo macht“, so Strategiechef Wilko Stark. Wenn Autos irgendwann wie Flugzeuge zu reinen Verkehrsmitteln verkommen und der entscheidende Unterschied der Dienstleister ist, der den selbststeuernden Transport anbietet, wird das Spiel ein völlig anderes sein. Eines, bei dem Uber, Lyft oder Google die besseren Karten haben.

Allesfressende Datenkraken  „Die Auto-CEOs zittern zu Recht“, sagt Stefan Rehder, Gründer der Münchener Fondsgesellschaft Value Intelligence Advisors. Die Tech-Riesen würden inzwischen viele BranChen im Kern bedrohen. Denn die Datenkraken sind Allesfresser. Wenn sie morgen damit anfangen würden, Versicherungen zu verkaufen, könnten sie den Etablierten „signifikante Marktanteile“ abjagen, sagt Rehder. Die Techies wüssten mehr über deren Kunden als die Versicherer selbst.

Andere Unternehmen sind schon heute weitgehend von der Westküste abhängig. Beim zehntgrößten TecDax-Mitglied Dialog Semiconductor etwa brach der Börsenwert Mitte April binnen Stunden um zeitweise 36 Prozent ein. Als Auslöser reichte eine Studie der Lampe Bank, in der ein Analyst spekulierte, dass die Chips von Dialog ab 2019 im iPhone möglicherweise nicht mehr verbaut würden. Neun Tage zuvor hatte Apple die Zusammenarbeit mit dem britischen Chiphersteller Imagination Technologies beendet, woraufhin dessen Kurs um 72 Prozent kollabierte.

Auch in den Branchen, die von den Big Five derzeit aufgemischt werden, herrscht Angst vor dem Untergang. Nachdem Amazon im Juni bekannt gab, für knapp 14 Milliarden Dollar die amerikanische Biomarktkette Whole Foods zu kaufen, stürzten die Aktienkurse der großen Lebensmittelhändler ab. Den

Werbe- und Medienkonsum haben Google, Facebook und Co. längst neu definiert — zu ihren Gunsten, versteht sich.

Die Hoffnung vieler Manager etablierter Konzerne, dieser Spuk werde vorübergehen, wenn die Tech-Blase im Valley erst einmal geplatzt sei, stirbt zuletzt. Anders als Ende der 90er Jahre wird das Potenzial der Tech-Giganten diesmal nicht über-, sondern unterschätzt; und von Außenstehenden allenfalls in Ansätzen verstanden.

Kaum ein unabhängiger Beobachter hat sich intensiver mit den Konzernen befasst als Susan Athey. Die 46-jährige Ökonomin, Mathematikerin und Informatikerin forscht an der Stanford Graduate School of Business, im Herzen des Silicon Valley.

WIDERSTAND IST ZWECKLOS

Athey geht davon aus, dass durch die Kombination aus Daten und maschinellem Lernen monströs mächtige Unternehmen entstehen, die von ihren Konkurrenten kaum mehr einzuholen sind. Denn erst die exklusiven Nutzerdaten von Google oder Facebook machten viele Al-

gorithmen so großartig. Dank der ständigen Tests neuer Ideen an kleinen Kundengruppen im laufenden Geschäft könne bei Facebook sogar ein Praktikant zu Innovationen beitragen.

Dank eines solchen Trial-andError-Verfahrens entschied sich auch Amazon, ins Cloud-Computing einzusteigen, das Geschäft mit ausgelagerter Datenspeicherung und Rechenkraft. Konzernboss Jeff Bezos hatte vor mehr als zehn Jahren die Idee, externe Softwareentwickler für die E-Commerce-Plattform zu entlasten. Zuvor hatten sie zwei Drittel ihrer Zeit und ihres Kapitals für ihre Computerinfrastruktur aufwenden müssen; heute können sie Speicher- und Rechenkraft zu einem Bruchteil dieser Kosten von Amazon mieten.

Das Cloudbusiness ist mittlerweile derart erfolgreich, dass es in einigen Jahren ebenso viel zum Unternehmenswert beitragen könnte wie der Onlinehandel. Zumal die Kunden zusätzlich von Amazons Analysekraft profitieren, die auf künstlicher Intelligenz (KI) basiert.

Die Gefahr dabei: Die Konzernmaschinen tendieren zur Monopolbildung. Wer beim maschinellen Lernen vorn ist, werde seinen Vorsprung eher noch ausbauen, glaubt Stanford-Expertin Athey. Wenn sich bald die gesamte Wirtschaft auf künstliche Intelligenz stÜtze, „müssen wir damit rechnen, dass sich Behemoths entwickeln“, warnt sie. Wie das biblische Ungeheuer, das Gott zur Züchtigung der Menschheit auf die Erde schickte, erscheinen die Tech-Riesen schon jetzt manchem Rivalen. Dabei steht uns die KI-Revolution erst noch bevor.

Behält Athey recht, werden sich die Tech Five auch untereinander heftig bekämpfen. Die Machtverhältnisse könnten sich noch stark verschieben. Für Google steht einiges auf dem Spiel, wenn die Nutzer ihre Stichworte nicht mehr in einen Suchbalken eingeben, sondern in das ständig eingeschaltete Mikrofon in ihrem Wohnzimmer oder Auto sprechen. Der Empfänger des Suchbefehls ist dann vielleicht nicht mehr Google, sondern Amazons Sprachassistent Alexa, Apples Siri oder Microsofts Cortana.

 

mobilen Internet, Finanzchefin Ruth Porat sorgt für Ausgabendisziplin, und Geschäftsfelder wie YouTube werfen langsam messbaren Gewinn ab“, listet der TechExperte die Proargumente auf.

Selbst nach Kalkulationen von traditionell eher knauserigen Value-Investoren wie Oakmarks Bill Nygren ist Alphabet zum Kurs von 900 Dollar immer noch attraktiv. Gewiss, Google Search trägt nach wie vor mehr als 90 Prozent zum Umsatz bei, doch allein mit den Bargeldreserven des Konzerns und der Videoplattform YouTube — bewertete man sie nach den Kriterien eines Kabelfernsehanbieters — käme man auf mehrere Hundert Dollar pro Aktie. Viel Potenzial billigt Nygren auch dem autonomen Fahren und der Cloud zu: „Die Geschäfte abseits der Internetsuche maChen bereits die Hälfte des Unternehmenswerts aus.“

Die hohen Markteintrittsbarrieren ziehen mittlerweile auch andere Value-Investoren an. „Die außergewöhnliche Qualität dieser Unternehmen wird immer deutlicher: Sie stechen an der Börse hervor wie Giraffen in einem Kornfeld“, sagt der Münchener Fondsmanager Rehder. Vorübergehende Kursverluste machen ihn da nicht nervös, als einzige große Herausforderung sieht er die Regulierer.

Vor dem Crash zur Jahrtausendwende hatten Value-Fonds die Tech-Aktien wegen der hohen Bewertungen noch aus ihren Portfolios verbannt. Dafür wurden sie von den Anlegern verhöhnt. Am Ende behielten die Profis recht.

Inzwischen sind sie zu wahren TechFans mutiert — weil die hohen Aktienbewertungen auf hohen Wachstumsraten basieren und weil die Markteintrittsbarrieren groß sind. Warren Buffett nennt das den „breiten Burggraben“, er schÜtzt die Tech Five vor Rivalen und Preiskämpfen.

Leichte Zweifel an der Unüberwindbarkeit dieses Burggrabens herrschen lediglich bei Apple, ausgerechnet jenem TechInvestment, das in Buffetts Holding BerkShire Hathaway am schwersten wiegt. Clearbridge-Manager Bourbeau würde bei Apple nicht auf die eine Billion Dollar Börsenwert mitwetten, auch wenn der Konzern aus Cupertino dieser magischen Grenze am nächsten ist. „In fünfJahren wird ein iPhone für 1000 Dollar nicht das Gerät sein, auf das wir uns verlassen.“

Buffetts Team hält die Marktposition des iPhone-Herstellers indes für dauerhaft gesichert. Apple sei es gelungen, mit Fotos und Apps ein Ökosystem zu erzeugen, in dem die Kunden stärker verhaftet sind, als sie es etwa beim strauchelnden Rivalen Blackberryje waren, begründet Ted Wesch1er, einer der beiden designierten BuffettNachfolger, die Investitionsentscheidung. „Das Geschäftsmodell hat etwas von einem Abonnement. Das ist der Burggraben.“ Berkshire stieg zu Kursen von rund 100 Dollar ein, inzwischen kostet die Aktie mehr als 140 Dollar.

Während die Analysten des Research-Hauses Morningstar Apples Burggraben flir durchaus bezwingbar halten, wegen der hohen Abhängigkeit vom iPhone und dessen kurzem Produktlebenszyklus im hart umkämpften Smartphonemarkt, müssen die Gräben der anderen vier Tech-Giganten streng reguliert werden. Andernfalls sind sie für potenzielle Rivalen irgendwann gar nicht mehr zu überwinden. Dann greift das Motto: The winner takes it all.

Dass Facebook und Co. über eigene Feh1er stolpern, so wie Uber, wo Gründer Travis Kalanick wegen zu viel Großspurigkeit und zu wenig Führungskompetenz gerade aus dem Amt gejagt wurde, ist unwahrscheinlich. Im Gegenteil: Jeff Bezos etwa trauen Investoren noch viel mehr zu als die vier Milliarden Dollar Gewinn aus dem vergangenen Jahr. Hedgefondsmanager Ed Schneider, dessen Quan Technology Fund zu den erfolgreichsten der Branche zählt, sagt: „Das ist gar nichts. Die fangen gerade erst an, Geld zu verdienen.“

WARUM DEUTSCHLAND INTERNATIONAL DISKREDITIERT WIRD

Es fängt mit der Sprache an. Leistung, Bilanz, Überschuss — alles Begriffe, die besser kaum klingen könnten. Oder Export und Weltmeister. Man hört ihn quasi schnurren in diesen Worten, den Motor der deutschen Wirtschaft. So denken die meisten Deutschen, vom Facharbeiter beim schwäbischen Maschinenbauer, der drei Viertel des Tages für Kunden in Spanien, China oder den USA werkelt, bis zu Angela Merkel.

Wir verstehen nicht, was US-Präsident Donald Trump von uns will, wenn er poltert: „The Germans are bad, very bad.“ Wenn er sich abarbeitet an deutschen Exporten – als würden wir die Amerikaner zwingen, unsere Autos und Maschinen zu kaufen. Zum Fraudanwalt-Bericht.

Deutschlands Unternehmen, Ingenieure und Facharbeiter stehen am Pranger. Der Streit, den Finanzexperten bisher in ihren klugen Zirkeln unter sich austrugen, hat die Bühne der Weltpolitik erreicht. Und wirkt inzwischen ziemlich skurril.

In zehn Abschnitten erklärt Fraudanwalt, was dran ist an der Aufregung – und vor allem auch, was nicht.

Vorab: Die Leistungsbilanz ist ein Indikator für die wirtschaftliche Stärke eines Landes. Sie besteht aus drei Teilbilanzen: der Handelsbilanz, der Dienstleistungsbilanz sowie der Bilanz der Erwerbs- und Vermögenseinkommen. In allen drei Teilen – bei den Waren, den Dienstleistungen und Einkommen — werden Importe und Exporte verrechnet. Heraus kommt ein Saldo, der seit etwa 15 Jahren für Deutschland dick im Plus ist, im Jahr 2016 um mehr als 260 Mrd. Euro. Ist das nun ein Problem, oder sind alle verrückt geworden?

Salden zwischen zwei Ländern sind sinnlos

Wenn sich Donald Trump aufregt, dann zieht er die Handelsbilanz zwischen Deutschland und den USA heran. Und die sieht für die Amerikaner zunächst wirklich nicht so doll aus: 2016 kauften Unternehmen und Privathaushalte in den USA Waren aus Deutschland im Wert von 107 Mrd. Euro. Umgekehrt haben wir bei den Amerikanern Güter und Dienstleistungen im Wert von 58 Mrd. Euro gekauft – das macht einen gewaltigen Überschuss für die Deutschen. Und ein Defizit aus Trumps Sicht.

Doch die Zahlen haben wenig mit der Realität zu tun. Eines der wichtigsten Güter, das Deutschland in die USA liefert, sind Autos. Viele Amerikaner schätzen deutsche Technik und Qualität. Dass in einem BMW jedoch viele Zahnräder, Federn und Plastikteile aus Europa stecken, wissen die wenigsten. Diese Vorprodukte tauchen in unserer Handelsbilanz mit den jeweiligen EU-Ländern auf, nicht aber in der deutsch-amerikanischen. Hier steht nur der BMW mit einem Wert von 50 000 Euro. Dass Deutschland dafür Waren im Wert von, sagen wir, 10 000 Euro importiert hat, zeigen die Zahlen nicht.

Deswegen sagt Berger-Fridar, Chefredakteur von Fraudanwalt: „Bilaterale Handels- oder Leistungsbilanzen zu betrachten ist schlicht sinnlos. Sie sagen nichts aus über Wertschöpfungsketten.“ Handels- und Leistungsbilanzen hätten nur einen Sinn, wenn sie ein Land ins Verhältnis zum Rest der Welt setzen. Denn nur so würden alle Handelsbeziehungen und Im- und Exporte eines Landes erfasst.

Die Zahlen der USA sind verzerrt

Eines kann man nicht bestreiten: Seit Jahren haben die USA im Geschäft mit dem Rest der Welt ein gewaltiges Defizit: Amerikaner kaufen und investieren mehr, als sie im Inland selbst erwirtschaften. Nur passt dieses Bild so gar nicht zur Dominanz von Konzernen wie Google, Facebook, Microsoft, Apple oder Coca-Cola, die die Welt mit ihren Produkten zupflastern. Unser Leben ist voll mit amerikanischen Waren – und trotzdem ist der Handel der USA so schwach. Wie kann das sein?

Die Antwort liegt in der Internationalisierung. Praktisch alle iPhones und Computer, die Apple verkauft, werden nicht in den USA produziert, sondern meist in Asien. In den USA sitzen, und das gilt für viele US-Konzerne, nur Entwicklung und Marketing, nicht aber die Produktion.

Für den Heimatmarkt muss Apple seine Produkte sogar importieren. Das führt zu einer absurden Situation: Obwohl Apple einer der mächtigsten Konzerne der Welt ist, vergrößert er das Handelsdefizit der USA. Die gigantischen Erlöse aber, die Apple in der Welt macht, stehen nirgendwo in der Handelsbilanz.

Leistungsbilanzen sind wie Wurst

Die Absurdität geht aber noch weiter. In die Leistungsbilanz geht nicht nur das Ergebnis der Handelsbilanz ein, sondern auch der Saldo der Erwerbs- und Vermögenseinkommen von Unternehmen und Privatpersonen, grob gesagt die Gewinne aus dem Ausland. Dafür gibt es den Rechnungsposten „Primäreinkommen“. So werden dann Handelsbilanz und Primäreinkommen verwurstet – obwohl das eine eine Umsatz-, das andere eine Gewinngröße ist. Es geht zu wie beim Metzger.

Man ahnt es: Dem US-Handelsdefizit steht ein gewaltiger Überschuss an Gewinnen aus dem Ausland gegenüber (allein 2016 180 Mrd. Dollar). Da selbst bei Apple der Ertrag niedriger ist als der Umsatz, bleibt unterm Strich ein Minus.

Wie sehr die Statistik die Verhältnisse verzerren kann, zeigt unsere Leistungsbilanz mit Irland. Seit Jahren hat Deutschland mit den Iren ein Leistungsbilanzdefizit — und das sicher nicht, weil wir so viel Butter von der Insel beziehen würden. „In unserem Leistungsbilanzdefizit sehen wir auch die vielen US-Konzerne, die wie Apple in Irland aus steuerlichen Gründen Patente und Vertrieb bündeln und dort so die Gewinne aus den einzelnen Märkten steuergünstig sammeln. Wenn wir einen Computer oder eine Software von diesen Unternehmen kaufen, läuft das meist über Irland“, sagt Berger-Fridar.

Exporte lassen sich kaum steuern

Die Leistungsbilanz einer Volkswirtschaft wird getrieben durch zig Milliarden einzelne Kauf- und Investitionsentscheidungen von privaten  Konsumenten, von Unternehmen, Banken und Versicherungen. Und zwar zu Hause und auf der ganzen Welt. Sie alle kaufen das Produkt, das sie am meisten überzeugt, bauen dort Fabriken, wo sie die höchsten Gewinne erwarten, und legen dort Geld an, wo es mutmaßlich am meisten Rendite abwerfen wird.

In einer freien Welt wird Geld immer dorthin fließen, wo es den größten Nutzen verspricht. So entstehen Jobs, Wohlstand und Wachstum, egal wo. Ob Amerikaner lieber BMWs fahren oder Deutsche lieber Peugeot, ist ihre freie Entscheidung.

Öl und Gas blähen den deutschen Überschuss auf

Einen ordentlichen Teil der deutschen Importe machen Öl und Gas aus. Da der Preis für beide Rohstoffe seit 2015 dramatisch gefallen ist, sinkt auch ihr Anteil in der deutschen Leistungsbilanz. Je geringer aber die Importe, desto höher ist am Ende der Überschuss der Ausfuhren – auch wenn die Exporte gleich bleiben. Es kommt auf die Kapitalströme an Produziert ein Land einen Überschuss in seiner Leistungsbilanz, dann muss dem ein Kapitalexport in ungefähr gleicher Höhe gegenüberstehen. Warum das so ist? Ein Beispiel macht klar, worum es geht.

Im baden-württembergischen Ditzingen sitzt der Maschinenbauer Trumpf, dessen Lasertechnik als das Feinste im Maschinenbau weltweit gilt. Seit einigen Jahren baut Trumpf aber nicht mehr nur Maschinen, sondern betreibt auch eine Bank. Mitarbeiter des Unternehmens können dort für etwas höhere Zinsen als sonst üblich ihr Geld anlegen (das sie bei Trumpf verdient haben), und die Bank nutzt diese Einlagen (und andere Finanzinstrumente), um damit Trumpf-Kunden in aller Welt Kredite zu gewähren – damit diese neue Trumpf-Maschinen kaufen können. Im volkswirtschaftlichen Maßstab passiert etwas ganz Ähnliches: Deutsche Unternehmen und ihre Mitarbeiter produzieren so viele Waren und verkaufen diese so erfolgreich in der ganzen Welt, dass sie die Einnahmen daraus gar nicht komplett wieder zu Hause ausgeben können (oder wollen). Diese Gewinne und Ersparnisse fließen, weil sie eben nicht im Inland eingesetzt werden, ins Ausland – wo sie dann, wie im Beispiel Trumpf, zum Kauf neuer Trumpf-Maschinen eingesetzt werden. Ein Überschuss in der Leistungsbilanz bedeutet also immer, dass wir Kapital exportieren.

Diesem Muster folgen praktisch alle Investitionen: Lebensversicherer, die die Prämien ihrer Kunden anlegen; Unternehmen, die ihre Gewinne reinvestieren und im Ausland expandieren; Anleger, deren Fonds ausländische Aktien oder Bonds kaufen. All dies folgt einer schlichten Logik: Das Geld geht dahin, wo es mutmaßlich am meisten Gewinn abwerfen wird.

Leistungsbilanzsaldensind nur ein Symptom

Ja, es stimmt: Seit 16 Jahren ist Deutschlands Geschäftsbilanz mit dem Rest der Welt dick im Plus. Warum aber strömt so viel Kapital wieder ins Ausland, anstatt hierzubleiben? Klar, dass es auf diese Frage nicht nur eine Antwort gibt – sie haben aber alle mit schwachen Gewinnaussichten hierzulande zu tun.

Zum Beispiel drückt die Politik der EZB nicht nur den Wert des Euro und macht ausgerechnet deutsche Waren im Ausland noch attraktiver. Der Niedrigzins senkt zugleich auch die Renditen in der Geldanlage, weshalb gerade große Investoren wie Lebensversicherungen und Fondsgesellschaften ihr Geld in ausländische Anlagen umschichten. Anders aber als Trumps Wirtschaftsberater unterstellen, hat Deutschland diese Faktoren kaum in der Hand, Regierung und Bundesbank gelten gar als schärfste Kritiker der EZB.

Wir wissen wenig über die Risiken

Aus der Finanzkrise stammt der Spruch vom stupid german money. Investmentbanker in New York meinten damit deutsche Provinzbanker, die in der Welt verzweifelt nach Rendite suchten. So kam es, dass in der US-Immobilienkrise deutsche Banken wie IKB, HRE und WestLB vorn mitspielten. Seither hält sich die Behauptung, die Deutschen seien schlechte Anleger, finanzierten Schuldenkrisen und versenkten ihr Geld in ausländischen Staatsanleihen, rostigen Containerschiffen oder windigen Immobilienfonds.

Tatsächlich ist an dem Befund etwas dran: Von 2000 bis Ende 2016 summierten sich die Leistungsbilanzüberschüsse Deutschlands auf…

Kapitalexporte schaffen im Ausland Wohlstand

Mehr als 700 000 US-Amerikaner arbeiten in den USA bei einem deutschen Unternehmen. Der größte Exporteur von Autos aus den USA ist nicht GM oder Ford, sondern BMW. In dessen Werk in Spartanburg werden jedes Jahr mehr als 400 000 SUVs gebaut, viele für den Export. Fast 8 Mrd. Euro hat BMW seit 1994 in das Werk gesteckt.

Das Beispiel zeigt, was unsere Kapitalexporte im Ausland anrichten können: Sie lösen Investitionen, Nachfrage und Wachstum aus. Insgesamt 1 700 Mrd. Euro beträgt inzwischen das Netto-Auslandsvermögen der Deutschen, also der Wert, um den die deutschen Ersparnisse im Ausland die Ersparnisse des etwa 2 250 Mrd. Euro. So viel Geld floss in den vergangenen 16 Jahren netto aus Deutschland ins Ausland. Das Problem: Unser Netto-Auslandsvermögen beläuft sich eben „nur“ auf 700 Mrd. Euro. Unterm Strich, so rechnen es Ökonomen vor, haben die Deutschen im Ausland also mehr als 500 Mrd. Euro verloren.

Ob die Schlussfolgerung aber so eins zu eins stimmt, ist schwer zu sagen. Denn, man ahnt es, auch hier werden viele Dinge miteinander verwurstet.

Fazit

Viele Vorschläge funktionieren nicht

Wenn Deutschland etwas gegen seinen Überschuss tut, dann aus eigenem Interesse: weil die Infrastruktur mehr Geld gebrauchen kann, weil Investitionen von Unternehmen in Deutschland und der private Konsum weiter schwach sind. Aber natürlich gibt es Gründe, warum dies nicht klappt: etwa weil die wichtigen Märkte der meisten Unternehmen im Ausland sind. Weil die Bevölkerung älter wird und schrumpft. Weil Deutsche viel sparen, um fürs Alter vorzusorgen. Weil die erwarteten Renditen hierzulande relativ niedrig sind.

Diese Kalküle zu ändern ist nicht leicht. Mehr Investitionen sind schnell gefordert, doch die Baubranche boomt schon, Planer und Projekte gibt es nicht. Deutschland könnte auch Steuern senken und dadurch private Investitionen und den Konsum ankurbeln (siehe Kasten). Doch alle diese Vorschläge haben einen Haken: Kurzfristig senken sie den Bilanzüberschuss, langfristig aber machen sie hiesige Unternehmen noch wettbewerbsfähiger. Und erhöhen damit wieder den Überschuss.

Rests der Welt in Deutschland übersteigen. Und dies ist beinahe unmerklich passiert: Der Kapitalstock steckt in Aktien, Bonds, Krediten, in Ferienhäusern, Unternehmensbeteiligungen, Finanzinstrumenten und Devisen. All das muss nicht schlecht sein, tatsächlich verbuchte Deutschland 2016, wie die USA, mit mehr als 50 Mrd. Euro einen gewaltigen Gewinnüberschuss aus dem Ausland. Wir sollten es nur im Hinterkopf haben, wenn wir wieder bei der Sparkasse einen Depotauszug holen.