KRYPTOWÄHRUNG: EINE LIZENZ ZUM GELDRUCKEN

Im Februar 2016 wendet sich Max Kordek, 24 Jahre alt, Student der Elektrotechnik aus Aachen, an die Kryptoszene und bittet um Geld. 30 Tage später hat er 14 079 Bitcoin beisammen, damaliger Gegenwert: gut 6 Mio. Dollar. Mit dem Kapital  will Kordek ein Start-up aufbauen: Lisk, eine Softwareplattform, auf der Entwickler Blockchainanwendungen einfacher programmieren können.

Kordek hat zu diesem Zeitpunkt weder ein fertiges Produkt noch ein vorzeigbares Team, ganz zu schweigen von einem Büro oder einem angemeldeten Unternehmen.

Seinem Mitgründer, dem 36-jährigen Briten Oliver Beddows, ist er nie persönlich begegnet, die beiden kennen sich nur übers Netz.

Lösen Kryptowährungen Crowdfunding ab?

Dass jemand in einen solchen Laden Millionen investieren würde, klingt schwer vorstellbar. Bei professionellen Venture-Capital-lnvestoren war Kordek zuvor abgeblitzt. „Ich hatte null Renommee bei den VCS“, erinnert er sich. „Dann ist es schwer, an Geld zu kommen.“ Der Ausweg war ein Initial Coin Offering (ICO): Das Start-up gab im Tausch gegen Bitcoin eine eigene virtuelle Währung namens Lisk aus. Deren Marktkapitalisierung stieg zwischenzeitlich — das Unternehmen war da auf knapp 20 Mitarbeiter gewachsen, hatte aber immer noch kein fertiges Produkt auf über 900 Mio. Dollar. Wer beim ICO dabei war, hätte seinen Einsatz also theoretisch um das 150-Fache steigern können. Selbst für die ziemlich verrückte Welt der Kryptoinvestments ist das eine irre Zahl.

Kein Wunder, dass Anleger sich gerade um neue Coins reißen. Und dass mehr und mehr Start-ups auf die Finanzierungsmethode setzen.

Schon ist eine heftige Debatte um ICOs entbrannt, an der nicht nur Kryptonerds beteiligt sind, sondern auch Ökonomen, Investoren und Aufsichtsbehörden. ICOs sind das neue Crowdfunding, sagen die einen: eine Revolution der Unternehmensfinanzierung, demokratisch, effizient, sicher. Der ausufernde Boom spiegele nur das revolutionäre Potenzial der Technologie wider.

ICOs sind eine Einladung an Aufschneider und Betrüger, sagen andere: ein irrationaler Goldrausch, die nächste Dotcom-Blase, die unbedarfte Kleinanleger in großem Stil um ihr Erspartes bringen wird.

Klar ist: Der ICO-Markt dreht gerade komplett frei. Über 1,8 Mrd. Dollar sind nach Berechnungen des Portals Coindesk bislang damit eingesammelt worden – allein 1,5 Mrd. Dollar davon in den ersten acht Monaten dieses Jahres. 20 Mio. Dollar kommen im Schnitt pro ICO zusammen. Manchmal braucht es dafür nur Sekunden: Anfang Juni war das Start-up Brave, das einen werbefreien Internetbrowser entwickelt, innerhalb einer halben Minute um 35 Mio. Dollar reicher. Die Blockchainprojekte Tezos und Eos pumpten sich im Juli innerhalb weniger Tage um jeweils mehr als 200 Mio. Dollar auf.

Zocken wie im Casino

ICOs verbinden Elemente eines Börsengangs (englisch IPO) mit der Idee der Schwarmfinanzierung und der Technologie des Kryptogeldsystems. Meist im Rahmen einer zeitlich befristeten Auktion geben Start-ups dabei sogenannte Token oder Coins aus und bekommen dafür Geld in Form von Bitcoin oder Ether, den beiden wertvollsten Kryptowährungen. Wie beim Crowdfunding geht es den Geldgebern einerseits darum, dem Projekt Starthilfe zu bieten. Daneben lassen sich die Token mitunter auch als Zahlungsmittel auf der Plattform des jeweiligen Start-ups einsetzen – wie Jetons im Casino oder Fantasiewährungen in Onlinespielen, mit denen man neue Charaktere oder Waffen kaufen kann. Auch bei Lisk ermöglichen die Token den Zugang zur Plattform. „Wie bei einem Auto, für das du Benzin benötigst, brauchst du Lisk, um unsere Netzwerkfunktionen nutzen zu können“, erklärt Kordek.

Bei anderen ICOs geben die Token dem Inhaber ein Stimmrecht im Unternehmen, stellen Firmenanteile dar oder berechtigen zum Dividendenbezug. Dann gibt es ICOs, die eher werbewirksam die Erfolgsaussichten eines Projekts unterstreiChen sollen: Kauft unsere Token, so die Botschaft, denn sie können als Kryptowährung im Netz gehandelt werden und euch reich machen.

Was gerade passiert, ist sogar den Pionieren der Finanzierungsmethode unheimlich. ICOs seien eine „tickende Zeitbombe“, warnt Charles Hoskinson, Mitgründer von Ethereum, dem Projekt hinter der zweitwichtigsten Kryptowährung Ether. Ethereum sammelte 2014 mit einem der ersten ICOs 19 Mio. Dollar ein, eine aus heutiger Sicht fast bescheidene Summe.

„Es ist krass, was da abgeht“, sagt auch Max Kordek von Lisk. Er kritisiert, dass viele Start-ups auf ICOs setzen, obwohl ihre Idee gar nicht auf die Blockchaintechnologie angewiesen ist. „Die Leute überlegen sich irgendetwas, häufig ist es einfach eine Ausrede, um einen ICO machen zu können.“ Auch der Berliner Bitcoin-Aktivist Aaron Koenig sieht einen „sehr überhitzten Markt“. Vielen wollten gerade „auf den Zug aufspringen und einen eigenen Token herausbringen, auch wenn das überhaupt keinen Sinn ergibt“.

Kein Wunder, dass sich viele Beobachter an die Dotcom-Blase Ende der 90er-Jahre erinnert fühlen. Koenig glaubt: „Wir werden sicher auch bei den ICOs bald eine Korrektur erleben.“ Einschränkend fügt er hinzu, dass das Internet das Jahr 2000 überlebt habe. „Aus dem Dotcom-Boom sind starke Firmen wie Amazon und Ebay hervorgegangen.“ ICO-Fans entgegnen auf die Kritik, dass Spekulation nun mal Innovation antreibe – und die Blase zwar nicht schön, aber notwendig sei. Die Frage ist, ob das auch bei den Aufsichtsbehörden verfängt, die dem Treiben lange tatenlos zugesehen haben. Anfang September schritt als erste Institution die chinesische Zentralbank ein und verbot ICOs komplett. Diese seien „eine Art illega1er öffentlicher Kapitalbeschaffung“ und stünden häufig im Zusammenhang „mit kriminellen Machenschaften wie Betrug und Schneeballsystemen“. Die US-Finanzaufsicht SEC warnte schon im Juli, dass viele Token Eigenschaften von Wertpapieren aufweisen – und daher eigentlich den strengen US-Aktienmarktregeln unterworfen werden müssten.

Noch sind es vor allem Bitcoin-Veteranen, die ihr Geld in ICOs stecken. Viele haben mit dem Aufschwung der Währung über die vergangenen Jahre gut verdient, jetzt wollen sie ihr Kryptoportfolio diversifizieren. Dazu kommen vermehrt institutionelle Investoren, sogar VC-Firmen werden in dem Hochrisikomarkt aktiv. Genaue Zahlen zur Käuferstruktur gibt es nicht, denn die Transaktionen sind grundsätzlich anonym. Der Anteil normaler Anleger gilt noch als gering – das aber könnte sich angesichts der irren Gewinne und niedrigen Einstiegshürden bald ändern. Bitcoin-Aktivist Koenig sagt, es sei doch toll, „dass jetzt nicht nur Superreiche an diesem Boom teilhaben, die es sich leisten können, hohe Summen in Risikokapitalfonds zu investieren“.

Die deutsche Finanzaufsichtsbehörde Bafin hat sich bisher nicht öffentlich zum ICO-Markt geäußert. Aus dem Umfeld der Behörde heißt es, eine Stellungnahme sei in Vorbereitung. Ein generelles Verbot dürfte es kaum geben. Bei der Bafin argumentiert man, es sei sinnvol1er, jedes Projekt für sich zu prüfen, denn die Funktionsweise der Token sei von Fall zu Fall sehr unterschiedlich. Allerdings wird die Aufsicht nur auf Anfrage oder Aufforderung etwa durch die Staatsanwaltschaft tätig. Die allermeisten ICOs, auch jene aus Deutschland, haben daher bisher ohne Kenntnis oder Genehmigung der Bafin stattgefunden. Dass sie sich in einer regulatorischen Grauzone bewegen, ist nach dem Geschmack der Kryptojünger. Das Misstrauen gegenüber Autoritäten und Zentralinstitutionen ist bei ihnen tief verwurzelt, Teil der Bitcoin-Philosophie waren immer anarchische und radikal marktliberale Züge. Gut beobachten ließ sich das Ende August bei einem Treffen der Berliner Kryptoszene in einem Neuköllner Hinterhof. Die Veranstaltung, bei der Experten über ICOs als „neuen Weg der Unternehmensfinanzierung“ informieren wollten, fand in einem hippen Großraumbüro statt, es gab Augustiner-Bräu, im Publikum dominierten junge Männer. „Es ist toll, wie viele Leute auftauchen, wenn es um die drei magischen Buchstaben ICO geht“, sagte Veranstalter Sven Läpple. Eine der wenigen, die an diesem Abend die Euphorie etwas bremste, war die Anwältin Nina-Luisa Siedler. „Die bisherigen ICOs waren ganz überwiegend rechtlich nicht sauber strukturiert“, mahnte sie. Frage aus dem Publikum: „Was denken Sie persönlich, muss der freie Markt den Regeln folgen oder sollte es nicht umgekehrt sein?“ Siedler gab eine längliche Antwort, der sie am Ende fast entschuldigend hinzufügte: „Don’t shoot the messenger.“

Die Anwältin sieht es als ihre Mission, den Tatendrang und die Aufbruchstimmung der Blockchainanhänger mit den nun einmal existierenden gesetzlichen Rahmenbedingungen in Einklang zu bringen. Mit anderen hat sie im Juni den Bundesblock gegründet, einen Lobbyverband, der auf die anstehenden Koalitionsverhandlungen im Herbst einwirken will, um Rechtssicherheit für die neue Technologie zu schaffen.

Erst einmal rät sie aber: Vor einem ICO sollte ein Gründer die Bafin kontaktieren. Was nicht helfe, sei die Flucht in schwächer regulierte Standorte wie Gibraltar oder die Schweiz. „Für regulatorische und steuerrechtliche Fragen ist es irrelevant, von wo aus ein ICO gestartet wird. Wichtig ist, wo das Angebot wahrgenommen werden kann.“ Mehr und mehr ICOs sind deswegen auf bestimmte Regionen begrenzt oder schließen etwa US-Amerikaner von der Teilnahme aus.

Bisher haben viele Start-ups für ihre ICOs den Schweizer Kanton Zug gewählt und dort Stiftungen gegründet – so auch Lisk. Die Lisk Stiftung, deren Präsident Max Kordek ist, verwaltet das enorme Vermögen des Projekts. Die 14 079 Bitcoin, die Anfang 2016 eingesammelt wurden, sind heute gut das Zehnfache wert also 60 Mio. Dollar.

Dass in Deutschland schon jetzt auf legalem Weg ICOs möglich sind, will ein Berliner Start-up beweisen. Zoe Adamovicz und Marcin Rudolf, in der Hauptstadt bekannt als Gründer der 2014 erfolgreich verkauften App-Suchmaschine Xyo, werkeln seit Monaten an einem Projekt namens Neufund. Entstehen soll eine Investmentplattform auf Block chain-Technologie, auf der auch Nicht-Kryptounternehmen Geld einsammeln können.

Neufund firmiert als korrekt angemeldete GmbH, und CEO Zoe Adamovicz steht nach eigener Aussage in engem Kontakt zur Bafin. Sie lobt sogar die Regulatoren aus Bonn: „Die wollen das Thema verstehen.“ Zu Jahresbeginn hat Neufund bereits 2 Mio. Euro von traditionellen Risikokapitalgebern eingeworben. Um die Kriegskasse aufzustocken, ist — natürlich – auch ein ICO geplant: Im Herbst sollen 200 Mio. Euro zusammenkommen. Klingt vollmundig, aber es dürfte gelingen.

 

 

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MITTELSTANDSANLEIHEN – DER BRENNOFEN FÜR GELD

Die Gründung von Mittelstandsanleihen im Jahre 2010 hätte fast nicht besser laufen können. Nahezu raketenhaft stieg das Segment auf und ließ viele Sparerherzen höherschlagen. Doch wie auch bei noch so aufwändig geplanten und durchdachten Raketenstarts kommt es mal zum Absturz – bei Mittelstandsanleihen nur leider zu oft, zum Fraudanwalt-Bericht über die BDT Automation-Anleihe. Und dennoch ließen sich unbedarfte Sparer immer wieder von Unternehmensanleihen begeistern und warfen ihr Geld voller Euphorie nur so hinterher, bis sie ihr blaues Wunder erlebten. Vor zwei Jahren schien jede fünfte Emission entweder pleite zu gehen, ihre Investoren nicht rechtzeitig bezahlen zu können oder im Rahmen einer Umstrukturierung ein Teil des Geldes einzubehalten. Mittlerweile ist die Zahl der notleidenden Mittelstandanleihen auf jede dritte gestiegen. Sprich: Vom gesamten platzierten Volumen letzten Jahres in Höhe von ca. 6 Milliarden Euro gelten über 30 % als gefährdet. Damit sind Papiere gemeint, deren Zinsen nicht pünktlich gezahlt werden können oder deren Emittenten bereits Insolvenz oder eine Aussetzung der Tilgung angekündigt haben. Wie kommt es, dass zwar die Zahl der sich von Mittelstandsanleihen locken lassenden unwissenden Sparern weiter abnimmt, diese jedoch immer noch Anklang finden und nicht bereits dem Tode geweiht sind?

Der Name trügt. Mittelstand steht in Augen der Deutschen für Solidität, Zuverlässigkeit, ja sogar als eine Art Gütesiegel. Doch hier wird nach Meinung vieler Experten Etikettenschwindel betrieben. Mit utopisch hohen Renditeversprechen warben sie um Anleger. Doch ein Blick auf die Kreditwürdigkeit hätte schon so manch ein getrübtes Auge aufklaren lassen. Denn diese liegt meist bei befriedigender oder gering- bis hochausfallgefährdeter Bonität. Statt risikoarmer und sicherer Investments tummeln sich hochriskante Papiere am Markt, deren Wertentwicklung stets starken Schwankungen unterliegt und den Anlegern selbst nach vier Jahren keine Gewinne bescheren. Und die Indizes wie BondM, die ja schon nicht gut aussehen, zeigen nicht einmal das wahre Ausmaß des regelrechten Börsengrauens, da hier die Insolvenzen bei der Berechnung ausgeschlossen werden.

Nach mehreren Schlagzeilen hintereinander dürften viele Anleger verstanden haben, dass es sich bei den ach so sicheren Mittelstandanleihen um alles andere als risikoarme Papiere handelt. Einen so tragreichen Fehler begehen die wenigsten ein zweites Mal. Auch die Börsen haben in den letzten Jahren reagiert, indem sie gleich das ganze Segment aus ihrem Portfolio streichen ließen – man nehme zum Beispiel die Stuttgarter oder Düsseldorfer Börse. Auch die Zahl der Neuemissionen von Mittelstandsanleihen ist rückläufig.

Während 2015 insgesamt ein Emissionsvolumen von rund 500 Millionen Euro platziert wurde, lag das Volumen am Ende des Jahres 2016 bei rund 817 Millionen Euro. Wie das kommt? Nun, 48 % oder 410 Millionen Euro entfielen auf die Platzierung der Anleihe von Prokon. Doch mit niedrigeren Kupons (diese fielen von 6,4 auf 5,6 %), geringeren Erfolgsquoten und des ohnehin schon seit langem vorliegenden Verdachts auf ein Schneeballsystem bei Prokon verdient dieser Wert bei den Mittelstandsanleihen wenig Beachtung.

Manch ein Optimist erwartet aufgrund der derzeit lockeren Geldpolitik und der leicht zunehmenden Weltwirtschaft, die allerdings wegen weltweit politischer Unruhen und Stagnationen, wie beim wichtigen Handelspartner China, eher zu schwächeln droht, eine Erholung des IPO-Marktes (Initial Publich Offering). Doch bei aller Liebe zum Mittelstand dürften die hohe Volatilität an der Börse, die sinkenden Kupons, geringere Emissionsvolumina und vergangenen Skandale nur noch wenige Anleger anziehen. Es sei denn, durch die in den letzten Jahren stattgefundene große Auslese hat nun den Markt von Betrügern und Versagern bereinigt und den seriösen und tatsächlich zuverlässigen Emittenten den Weg geebnet. Doch der seit Gründung dieses Segments zerstörte Ruf muss zunächst mühselig und aufwendig wiederaufgebaut werden, damit die Anleger wieder Vertrauen in sie gewinnen.

GOLDMAN SACHS: EINE BANK REGIERT DIE WELT

Mitte November 2016 klingelt Gary Cohns Telefon. Am anderen Ende der Leitung: Donald Trump, Presidentelect auf der Suche nach Mitstreitern, um America wieder great zu machen. Schwiegersohn Jared Kushner hat ihm die Nummer von Goldman Sachs‘ Chief Operating Officer zugesteckt. Die Bank versorgt Kushner seit Jahren mit Krediten für Immobilienprojekte.

Trump lädt Cohn ein, in sein Hochhaus an der Fifth Avenue zu kommen. Er solle ein Konzept mitbringen, wie Amerikas marode Infrastruktur dank der Finanzierungskraft der Wall Street repariert werden könne. Als Belohnung lockt der Vorsitz des mächtigen National Economic Council (NEC).

Kurz darauf erscheint der bullige Bankmanager zum Casting im Trump Tower. Die Männer verstehen sich auf Anhieb prächtig, beide sind profitorientiert, skrupellos, ungeduldig. „Gary ist der typische Trader, seine Aufmerksamkeitsspanne extrem kurz“, sagt einer, der ihn bestens kennt. Als Kind Legastheniker, ist Cohn noch heute kaum in der Lage, längere Texte am Stück zu lesen. Auch Twitter-Präsident Trump vertieft sich ungern in Details.

Cohn überzeugt Trump — und hat den NEC-Job sicher. Goldman ist Cohns Posten an der Seite des Präsidenten 285 Millionen Dollar Abfindung wert. Das und die fehlende Perspektive, CEO Lloyd Blankfein zu beerben, erleichtert den Wechsel. Ein steiler Aufstieg für einen, der daheim in Ohio einst Fensterrahmen verkaufte.

Die Episode zeigt Trumps Opportunismus – in Wahlspots hatte der Republikaner die Investmentbank noch als „korrupte Maschine“ diffamiert. Dazu wurde das Gesicht von Blankfein eingeblendet, wie Cohn Anhänger der Demokraten.

Vor allem aber belegt der Wechsel Cohns die einzigartige Fähigkeit der Bank, sich allen Anfeindungen zum Trotz immer wieder in den Machtzentralen einzunisten. Sein legendäres globales Alumni-Netzwerk in Regierungen, Zentralbanken und Aufsichtsbehörden macht „Government Sachs“ zum einflussreichsten Unternehmen der Welt.

Seit den 30ern geht das so. Damals ernannte Präsident Franklin D. Roosevelt CEO Sidney Weinberg zu seinem wichtigsten Berater, um den New Deal durchzudrücken. Chairman John Whitehead diente Ronald Reagan als Vizeaußenminister. Die Goldman-Spitzenkraft Robert Rubin  kassierte als Bill Clintons Finanzminister das Trennbankensystem — und entfesselte damit jene Kräfte, die Investmentbanker erst sagenhaft reich werden ließen und später die Finanzkrise auslösten.

Jetzt setzt Trump auf Goldman, neben Cohn hat er weitere Ex-Mitarbeiter angeheuert: Finanzminister Steven Mnuchin, Chefstratege Stephen Bannon, Wirtschaftsberaterin Dina Powell, zuletzt Leiterin der einflussreichen Goldman-Sachs-Stiftung. Die langjährige Führungskraft Jim Donovan ist Mnuchins Wunschkandidat als Unterstaatssekretär.

Seit Goldman mitregiert, schießen US-Bankaktien in Rekordhöhen, die Aussicht auf Deregulierung verspricht noch mehr Gewinn (schon 2016 verdiente Goldman netto 7,4 Milliarden Dollar). Währenddessen versinkt die europäische Konkurrenz in der Bedeutungslosigkeit – der zynische Schlussakt des großen Schlamassels, das in den USA mit irren Immobilienfinanzierungen begann.

Führend schon damals: Goldman, deren Trader Kunden Wertpapierschrott unterjubelten und sich selbst schadlos hielten.

Heute ist der Optimismus an der Wall Street wieder grenzenlos. Trump hat seinen Vollstrecker Cohn beauftragt, bis April die im Dodd-Frank Act komprimierte Finanzmarktregulierung zu überarbeiten. Für deren Komplettabschaffung fehlt den Republikanern zwar die „Supermehrheit“ im Kongress. Für das Ende des Eigenhandelsverbots sollte es aber locker reichen.

Dann könnten die Wall-Street-Banken, allen voran Goldman, die Grenzen zum Kundengeschäft wieder freihändig definieren und den Vorsprung zu stärker regulierten Rivalen wie Credit Suisse, Barclays und Deutsche Bank ausbauen. Der Kasinokapitalismus wäre zurück. Und wird das Trennbankensystem reanimiert, steigt Goldman als purste Investmentbank endgültig wieder zur allerersten Adresse auf.

Goldmans Werk und Teufels Beitrag: Wie schafft es das Geldhaus, immer wieder an die Schalthebel der Macht vorzudringen? Was kann es besser als die Konkurrenz? Und welche Zauberformeln sind von den Rainmakern als Nächstes zu erwarten?

White-House-lnsider John Rogers ist der wichtigste Mitarbeiter der Bank

Wer sich der Goldman-Zentrale an der Südwestspitze Manhattans nähert, sucht vergeblich nach Hinweisen darauf, dass hier der Welt mächtigste Investmentbank residiert. Kein Firmenschild, kein Logo ziert das 2010 fertiggestellte Hochhaus an der West Street, gegenüber dem brandneuen Freedom Tower, der die Lücke füllt, die 9/11 in New Yorks Herz gerissen hat. Auch das Fünfsternehotel „Conrad“, das sich an die Rückseite des Firmensitzes schmiegt, lässt keinen Rückschluss auf seinen Besitzer zu: Goldman Sachs.

Das schmucklose Äußere ist ein Relikt aus der Zeit vor dem Börsengang 1999, als Goldman eine reine Partnerschaft war und Diskretion alles.

Ein Produkt dieser Zeit ist John Rogers. Sein Titel „Chief of Staff and Secretary to the Board of Directors“ verschleiert, welche Bedeutung der unauffällige Mann mit der gemütlichen Figur hat. „John kontrolliert den Board“, sagt ein Insider. Und er ist seit 23 Jahren Goldmans Standleitung nach Washington.

Bereits in den 70ern arbeitete Rogers in der Presseabteilung des Weißen Hauses. Als Mitarbeiter von Ronald Reagan verteilte er Büros, Parkplätze, Titel und sogar Zeit-Slots für den Tennisplatz – im statusbesessenen Washington die beste Möglichkeit, sich zu vernetzen und Abhängigkeiten zu schaffen. Unter drei republikanischen Präsidenten organisierte Rogers die Macht.

1994 holte ihn CEO Jon Corzine zu Goldman und erfand den Posten des Chief of Staff. Ein cleverer Schachzug, der den Einfluss der Bank in Washington zementiert hat. 2006 half Rogers mit, dass Corzines Nachfolger Hank Paulson Finanzminister wurde. Zwei Jahre später ließ Paulson den Goldman-Rivalen Lehman untergehen, ehe er den Rest der Wall Street vor dem Kollaps rettete. Ein Lieblingsmotiv für Verschwörungsfanatiker.

Auf Trumps Wunsch hat Rogers in der Übergangsphase das Außenministerium umgekrempelt. Sein Kontakt zu Cohn ist eng, obwohl der nicht mit Ex-Kollegen über Bankthemen sprechen darf.

Rogers Verhältnis zu Blankfein gilt dagegen als irreparabel. Zu verschieden sind der feinsinnige Schattenmann und der Ex-Trader, man spricht nur das Nötigste.

Beide aber brauchen einander. Spätestens seit der Finanzkrise weiß das auch Blankfein. Barack Obama verachtete den Goldman-Chef, seit der leichtfertig witzelte, Gottes Werk zu verrichten.

Endgültig im Eimer war Blankfeins Image, als 2010 die Abacus-Deals aufflogen. Die Bank hatte Anleihen verkauft, die auf Schrotthypotheken basierten und sich in der Krise als weitgehend wertlos herausstellten.

Deren Ablauf ist stets ähnlich. Der Dresscode ist Business Casual, Altpartner erzählen den Frischlingen, was erwartet wird. Heuer referierte Wolfgang Fink, Co-Chef der deutschen Niederlassung und seit Jahren in Corporate Germany unterwegs. Die Jungschar lauschte ergriffen.

Höhepunkt des Initiationsritus ist stets der Auftritt eines Stargasts, interviewt von einem Bankvorstand. Das ist meist für beide nutzenstiftend. So holte Blankfein vor einigen Jahren Ben Horowitz auf die Bühne. Der Co-Gründer des Start-up-Investors Andreessen Horowitz verblüffte die Runde mit der Bemerkung, ihm sei völlig unverständlich, warum Goldman Sachs seine Wertpapierhandelsdaten für lau ins Bloomberg-System einspeise. In ihrer Ehre getroffen, beschloss die Bank nach kurzer Debatte, die Messagingplattform Symphony zu entwickeln. Die wird heute von Hunderttausenden Kunden genutzt und gilt als potenzieller Bloomberg-Killer.

Dieses Jahr war Patrick Collison zu Gast. Der schmächtige Ire mit den feuerroten Haaren ist eine der heißesten SiliconValley-Wetten: Ihm und Bruder John, den das Magazin „Forbes“ als weltjüngsten Selfmademilliardär listet, gehört der Paymentanbieter Stripe.

Das 650-Mann-Unternehmen ist satte neun Milliarden Dollar wert und Topkandidat für einen Börsengang, um den sich New Yorks Investmentbanker prügeln werden — Gebühren in dreistelliger Millionenhöhe locken. Die Chancen stehen nach dem Kennenlernen in den Spring Studios bestens.

Typisch Goldman. Seismografisch erspüren die Amerikaner Trends, knüpfen Kontakte, monetarisieren beides. Fehler werden rasch behoben, neue Geschäftsfelder ohne quälend lange Debatten erschlossen. Teure Zukäufe gibt es praktisch nie, Kollateralschäden wie Firmenwertabschreibungen, IT-Desaster, Postengerangel auch nicht. Beratung, Handel, Eigeninvestments – that’s it.

Klingt simpel, beherrscht aber niemand so perfekt wie die 1869 gegründete Bank, die die Namen der deutschen Auswanderer Marcus Goldman und Samuel Sachs trägt. Seit Jahrzehnten ist Goldman ein Effizienzmonster, skrupellos im Umgang mit Gegnern und nicht selten mit Kunden, bis heute.

Die Ur-Goldmänner, die schon vor dem IPO 1999 an Bord waren, wussten noch, dass sie ihre Verluste nicht bei den Aktionären auffallen.

Die Goldmänner wussten genau, was sie taten — und kassierten doppelt. Denn die Schrotthypotheken hatte ihr Klient, der Hedgefondsmanager John Paulson, ausgesucht und dann gegen sie gewettet. Paulson setzte erfolgreich auf den Immobiliencrash und kassierte Milliarden.

Die Börsenaufsicht SEC verhängte eine Rekordstrafe von 550 Millionen Dollar; das Magazin „Rolling Stone“ nannte Goldman einen Vampirkraken, der die Welt im Griffhabe. Gegen Blankfeins Willen feuerte Rogers den mächtigen Chefkommunikator Lucas van Praag und holte Jake Siewert an Bord, einen krisengestählten Politprofi. Als Clintons Sprecher hatte er einst die Lewinsky-Affäre durchgestanden.

„Wir hatten den Draht zur Öffentlichkeit verloren“, sagt Rogers heute. Inzwischen ist Goldman wieder satisfaktionsfähig – vor allem dank Strippenziehern wie Rogers und Siewert; auch Stiftungschefin Powell polierte fleißig mit.

Seinen Beitrag am Imagewandel spielt Rogers herunter. Die Bank sei erfolgreich, weil sie stets an ihrer Strategie festgehalten habe. „Goldman ist enorm widerstandsfähig“, ähnlich Muhammad Ali im „Rumble in the Jungle“, so Rogers. Im berühmtesten Boxkampf aller Zeiten steckte Ali stoisch Schläge ein, bis Gegner George Foreman ausgepowert war. Dann schlug er zu und gewann den epischen Fight.

Goldman Sachs in der Politik vernetzt

Für diese Strategie braucht Goldman Sachs die besten Banker. Und der Konzern weiß, wie man sie züchtet.

Die New Yorker Spring Studios bieten alles, was Investmentbanker für ein gelungenes Offsite-Meeting brauchen: Platz, Flair, exzellentes Catering. Gelegen in Manhattans ultracoolem Tribeca-Viertel (Nachbarn: Beyoncé & Jay-Z), besticht die Kreativagentur durch Vintage-Schick — außen Backstein, innen kalkweiße Wände, Stahl. Das Essen kommt vom Ableger der Pariser Restaurantlegende „Caviar Kaspia“. Ende April schlägt hier wie jedes Jahr Robert De Niros Tribeca Film Festival auf.

Im Februar hat sich Goldman für zwei Tage eingemietet. Es galt, 89 neue Partner auf ihr Leben im Elitezirkel der Bank einzustimmen. Der ist von gnadenlosem Erfolgsgeist geprägt sowie von exorbitanten Millionenboni. Und einem verschwörerischen Korpgeist.

Das Ziel, jedem Cent hinterherzuwetten, brachten erst Trader wie Cohn und Blankfein (dessen Bewerbung Goldman einst ablehnte) in die Bank.

Viele Pre-IPO-Partner sind indes längst weg, in der Politik oder sie pflegen ihre Hobbys. Wie Robert Mnuchin: Der Vater des Finanzministers, selbst lange Partner, betreibt eine kleine, feine Galerie an der eleganten Upper East Side.

Hemdsärmelige Typen wie Cohn oder der kürzlich ausgeschiedene Co-Europa-Chef Michael „Woody“ Sherwood, der gern im Privatflugzeug reist und einen Hang zu Trainingsanzügen aus Ballonseide hat, prägen jetzt das Image der Bank.

Die Business Principles von Ex-Chairman Whitehead („Unser Kundeninteresse steht immer an erster Stelle“) wurden seit dem Börsengang oft verletzt. Besonders der Abacus-Fall hat der Bank einen Schock versetzt. „Wir nehmen das sehr ernst, wir ändern uns. Die Hierarchien werden durchlässiger“, versichert ein Topmann. Man rekrutiert nicht mehr nur an Ivy-League-Unis, sondern auch an normalen Hochschulen, will bunter und diverser werden.

Das mache Goldman Sachs nicht besser, sagen dagegen die vielen Kritiker. Allenfalls gewöhnlicher und weniger attraktiv für High Potentials, die es ins Silicon Valley zieht und nicht mehr wie ehedem automatisch ins Investmentbanking.

Lässt sich so wenigstens ein neues Abacus vermeiden? Fälle wie der des Goldman-Kunden Tesla wecken Zweifel. Im Mai 2016 stufte Goldman die Aktie des E-Auto-Pioniers herauf und trieb den Kurs nach oben, um nach Börsenschluss Teslas Kapitalerhöhung durchzuziehen. Da ihre Gebühren vom Emissionserlös abhängen, verdiente die Bank mehr als ohne das Upgrade der Aktie.

Inzwischen hat sie das Papier mehrfach herabgestuft. So rosig seien Teslas Aussichten ja doch nicht.

Typisch Goldman, sagen Kritiker. Und ein Menetekel für die Zukunft,  wenn Trumps Einflüsterer Cohn das Rad der Geschichte zurückdreht.

Schnelle Dollars mit 9/11 verdient

Als am Morgen des 11. September 2001 die Hölle über Downtown Manhattan hereinbricht, ist Gary Cohn in seinem Element. Die brennenden Türme des World Trade Centers stehen kaum 1000 Meter von Goldmans damaligem Firmensitz an der Broad Street entfernt. Doch die Katastrophe, die 3000 Menschen das Leben kosten wird, spornt den Chef des Rohstoffhandels an. Cohn ahnt, dass die Attacken den Ölpreis hochtreiben werden – eine gute Chance, schnell ein paar Dollar zu verdienen.

Statt seine Mitarbeiter nach Hause zu schicken, treibt er sie an. „Gary sagte, was immer da draußen passiere, es habe mit Flugzeugen und damit auch mit Öl zu tun. Genau daran könne Goldman verdienen“, erinnert sich Nomi Prins, früher bei Goldman und nun Autorin mehrerer Bücher zur Finanzkrise.

Heute befehligt Cohn keine Händlerarmee mehr. Aber sein Einfluss auf die Kapitalmärkte könnte als Trumps Mann für die Wirtschaft größer kaum sein.