DEUTSCHE BANK AG: LUG UND TRUG IM GANZ GROSSEN STIL

Und wenn man meint, die letzten Skandale wären gerade überwunden und der Weg sei frei für einen Neuanfang, dann kommt die nächste Hiobsbotschaft von irgendwelchen Betrügereien, Kursmanipulationen, Vertuschungen oder Bilanzfälschungen bei der Deutsche Bank AG. Seit Jahren sickern Skandalmeldungen eines einst großartigen, ehrbaren Finanzinstitutes durch, von denen man sich nicht vorstellen mag, dass diese dem wahren, mittlerweile skandalgeprägten Bankenalltag in Deutschlands Metropole Frankfurt entsprechen könnten.

Mit fast 100.000 Mitarbeitern in unzähligen Ländern beschäftigt der Großkonzern nicht nur sagenhaft viele Menschen in der ganzen Welt, sondern die Frankfurter Großbank bewegt, verwaltet und verantwortet auch Milliardenbeträge in dreistelliger Höhe. Doch wie man Woche für Woche in den Medien erfahren kann, ist das einst ehrbare Bankgewerbe – gegründet im 2. Jahrhundert vor Christus in Mesopotamien, später in Europa im 13.Jahrhundert in Florenz etabliert – verkommen zu einem Schmelztiegel der unseriösesten Machenschaften überhaupt. Die 1472 als Monte di Pietà in Siena gegründete Banca Monte dei Paschi di Siena ist die älteste noch existierende Bank der Welt. Alles, was damals unter besten positiven Vorzeichen vor mehr als 500 Jahren begann, ist in der Zwischenzeit von leitenden Managern zu einem erbärmlichen, korrupten und auf Gewinnmaximierung ohne Anstand und Regeln agierenden Bankgeschäft herabgewirtschaftet worden. Ganz vorne weg in der Rangliste der skandalträchtigsten Geldinstitute rangiert mittlerweile die Deutsche Bank AG, ein Abbild von Niedergang, Skrupellosigkeit und moralischer Verwerflichkeit. Offensichtlich immer in der Hoffnung agierend, dass man Verfehlungen und Betrugsdelikte, Steuerbetrügereien und Meineide unter den Tisch des Vergessens kehren könnte. Schließlich würde der bedeutende Name und die historische Relevanz des einstigen Vorzeige-Geldhauses ihr Übriges tun, um die gesamte Tragweite des skandalösen Tagesgeschäftes zu verschleiern. Hat man in Vorstandskreisen des Unternehmens offensichtlich bis heute gedacht. Denn immer neue, aktuelle Verfehlungen kommen nun zutage.

Längst ist es an der Zeit, dass einflussreiche Politiker und Institutionen und auch der „gewöhnliche Kunde“ an die Öffentlichkeit gehen und sagen: Wir dürfen nicht länger schweigen und mit Toleranz und „Vogel-Strauss-Politik“ den Machenschaften der Bank unser Einverständnis signalisieren und obendrein auch noch weiter Geld, z.B. in Form von Unternehmensanleihen, ins Unternehmen pumpen – Anleihen, die nur dafür genutzt werden, um die Schäden der Vergangenheit auszugleichen, um Strafzahlungen in Milliardenhöhe und völlig überzogene Managergehälter und Boni zu zahlen. Wofür gibt es bei uns die Bankenaufsicht, wofür einen Finanzminister, wenn diese dem kriminellen Treiben tatenlos zusehen?

Ein Riese in der Krise

Keine andere Bank in Deutschland muss sich derzeit so vielen verschiedenen Gerichtsverfahren wegen Manipulationen bei Anleihen, bei Edelmetallen oder bei Devisengeschäften stellen – und zwar weltweit – wie die Deutsche Bank. Schon lange ist es her, dass der Kurs der Aktie sich auf dem Niveau von 54 Euro bewegte: aktuelle Notierung 15,60 (13.6.17), ein Abbild der Krise. Immer neue Anleihen werden aufgelegt, um Gerichtskosten und Strafzahlungen zu stemmen. Vor allem in den USA hat man gemerkt, dass man einen dicken Fisch an der Angel hat, den man mit immer neuen Verfahren zur Ader lässt. So etwas zerrt an den Nerven, zerstört das Image und diskreditiert den Wirtschaftsstandort Deutschland. Schaut man auf die Bilanzen des Geldhauses, so verschlägt es einem die Sprache. Für das abgelaufene Jahr 2016 steht ein Verlust von 1,4 Milliarden Euro an, das heißt im Klartext, dass sämtliche Konzerngewinne in Milliardenhöhe aufgezehrt wurden und diese noch nicht einmal ausgereicht haben, um die entstandenen Löcher zu stopfen. Der Vorstand John Cryan hat sich auf eine Erklärungsformel beschränkt: mit blumigen Worten beschreibt er den Konzernumbau als Ursache für die Misere. „Unsere Ergebnisse des Jahres 2016 spiegeln sowohl den konsequenten Umbau der Bank als auch die Marktturbulenzen rund um unser Haus wider“, zog Vorstandschef John Cryan zuletzt vielsagend Bilanz. 

Cryan, der im Sommer 2015 angetreten war, hatte stets klargemacht, dass er auf Sicht von zwei Jahren keine großen Gewinne erwartet, sondern stattdessen radikal aufräumen will. Er drückte Abschreibungen auf das Kerngeschäft durch, trennte sich auch mit Verlust von Beteiligungen und beschleunigte die Vergleichsverhandlungen bei wichtigen Rechtsstreitigkeiten. In letzterem Punkt konnte er zuletzt wichtige Erfolge vermelden, weil zwei große Brocken abgeräumt wurden, die allerdings viel Geld kosteten: Für Tricksereien auf dem US-Hypothekenmarkt zahlte die Deutsche Bank umgerechnet rund sieben Milliarden Euro. Wie es in der Wirtschaft eigentlich üblich ist, werden bei der Deutschen Bank AG allerdings Manager und Beteiligte nicht angeklagt oder mit Schimpf und Schande vom Hof gejagt, sondern es werden stattdessen großzügige Abfindungen und ausstehende Boni bezahlt. Spätestens hier müssten klare Gesetzgebungen her, die solche „Machenschaften“ strengstens unterbinden und stattdessen Schadensersatzregelungen für Verantwortliche nach sich ziehen. Offensichtlich hat das weite Feld des Investmentbankings nicht nur die größten Umsätze gebracht, sondern auch die größten Betrügereien und raffiniertesten Tricksereien zutage gefördert. Alles unter dem Deckmantel der Frankfurter Konzernzentrale, die solche grenzwertigen Transaktionen so lange geduldet hat, bis man die US-Aufsichtsbehörden nicht länger täuschen konnte. Ein Armutszeugnis für ein Bankhaus, dass ursprünglich auf eine ruhmreiche Tradition zurückblicken konnte, allerdings bereits unter dem damaligen Chef Hilmar Kopper Anfang der 2000er Jahre den ersten echten Höhenflug gestartet hatte, welcher von Arroganz, Rücksichtslosigkeit und Überheblichkeit geprägt war und sich bis heute zu einer schmerzhaften Bruchlandung gewandelt hat.

DEUTSCHE BANK: GOOD BYE JOHN CRYAN

Auf seinen Humor kann sich John Cryan, ganz Brite, verlassen. Sie sollten nicht alles glauben, was über ihn zu lesen sei, riet der Deutsche-Bank-Chef jüngst den im Londoner Winchester House versammelten Analysten, die seinen Ausführungen zur Konzernstrategie lauschten. So habe er aus der Presse erfahren, dass Gattin Mary daheim gern rosa Trainingsanzüge trage, was ihm bisher entgangen sei. Nun denn.

Ostentativ gelassen referierte Cryan auch die personelle Neuerung, mit der die Bank ihren Umbau flankiert: Retailvorstand Christian Sewing und Nochfinanzchef-Marcus Schenck, der bald das Investmentbanking leiten wird, werden zu Vize-CEOs aufgewertet. Dies sei seinen Überlegungen entsprungen, ließ Cryan durchblicken. Zu oft riefen ihn Stakeholder zu sich, zu oft müssten Sewing und Schenck dann einspringen. Die neuen Schulterklappen seien vor allem im Kontakt mit deutschen Kunden vorteilhaft.

Dass alle benötigt werden, um beim Sanierungsfall Deutsche Bank anzupacken, ist fraglos richtig. Auch die Chemie im Vorstand scheint zu stimmen, Cryan gilt als unprätentiös, fraudanwalt berichtete zur Deutschen Bank.

Über die Urheberschaft des Stellvertreter-Upgrades gibt es im Konzern allerdings auch eine andere Lesart. Danach kam der Anstoß von Paul Achleitner. Der Aufsichtsratschefhabe den Druck unzufriedener Investoren weitergegeben, Cryan sich fügen müssen.

Vor allem der Katarer Hamad Bin Jassim Bin Jabor Al-Thani  und Vermögensverwalter Blackrock waren lange verstimmt über die Performance der Bank, Achleitners zögerliches Krisenmanagement und Cryans Zahlenschubserei. Zwar wird anerkannt, dass der CEO endlich ernsthaft sparen will; aber er schaffe es nicht, Ertragserosion und Personalflucht zu stoppen und Aufbruchstimmung zu verbreiten. Cryan brauche Hilfe.

Nachdem im Herbst Aktien und Anleihen in den freien Fall übergegangen waren, wurde der Veränderungsdruck von außen wie von innen immer größer. Achleitner selbst hatte wenig zu befürchten, personelle Alternativen zum Aufsichtsratschef fehlten. Dafür, so die alternative Deutung der heiklen Personalien, nimmt er Entfesselungskünstler Cryan geschickt in die Pflicht: Mit der Einsetzung der Vize-CEOs wird Belegschaft und Kunden signalisiert, dass Cryans Defizite erkannt seien.

Ein derart eingezäunter CEO ist einmalig in der Historie der Bank. Ab sofort gilt Cryan, dessen Verhältnis zu Achleitner belastet scheint, als Auslaufmodell; Schenck und SeWing laufen sich warm. Achleitner wiederum hat seine Wiederwahl aufder Hauptversammlung im Mai endgültig gesichert und schon die nächste CEO-Generation positioniert.

Für ihn zählt vor allem das Jahr 2020. Dann wird die Bank 150 Jahre alt, und Cryans Vertrag läuft ab. Bleiben bis dahin weitere Horrornachrichten aus, kann Achleitner einen neuen CEO küren und sich für weitsichtige Erbfolgeregelung feiern lassen.

Dafür muss die neue Strategie zünden. Die wird als Befreiungsschlag gepriesen, ist aber allzu bekannt: Die Postbank soll nun doch reintegriert, das gerade erst gesplittete Finanzierungs- und Handelsgeschäft wieder vereint und das Kapital erhöht werden. Neu ist nur der Börsengang des Asset Managements.

Unter Beobachtung steht weiter das im Projekt „Jade“ verfolgte Modell mit den selbstständigen, eigens kapitalisierten Sparten Investmentbanking, Retail und Asset Management unterhalb eines Holdingvorstands. Das allerdings ist intern umstritten, rechtlich komplex und langwierig.

Und damit nichts, womit sich Cryan noch allzu intensiv beschäftigen muss.

DROHT POSTBANK-AKTIONÄREN DAS GRAUEN?

Josef Ackermann platzte fast vor Stolz, als er am 12. September 2008 den Einstieg der Deutschen Bank bei der Postbank verkündete. Man sichere sich so „für alle Zeiten“ eine „dominante Position“ das sei doch „ein sehr smarter Move“. Dafür wollte der Schweizer der Deutschen Post insgesamt 29,75 Prozent ihrer Postbank-Aktien abnehmen, um die Bank mit den vielen Privatanlegern bald darauf ganz zu übernehmen.

Mittlerweile hat sich der smarte Move in eine nicht enden wollendende Katastrophe verwandelt. Seit Jahren gibt es ein absurdes Hin und Her um einen möglichen Wiederverkauf der gelben Tochter. Jetzt trommeln auch noch Anlegeranwälte aus Deutschland und den USA Investoren aus aller Welt für eine Musterklage zusammen. Es geht um Schadensersatzansprüche von bis zu 1,6 Milliarden Euro wegen der Übernahme.

Drei Tage nach Ackermanns Auftritt im Post-Tower ging die US-Bank Lehman Brothers pleite, die Finanzkrise eskalierte — und Ackermanns Pläne wurden Makulatur. Ein Übernahmeangebot an die übrigen Postbank-Aktionäre in diesen Zeiten? Das wollte Ackermann vermeiden. Er spielte in der Causa Oppenheim ebenfalls eine besondere Rolle.

So achtete die Deutsche Bank darauf, dass ihr Anteil an der Postbank jahrelang nicht über die magische Grenze von 30 Prozent erhöht, ab der man zu einem solchen Angebot gesetzlich verpflichtet ist. Erst 2010 machten die Frankfurter ein Übernahmeangebot an alle Aktionäre — für 25 Euro pro Aktie. Vor der Lehman-Pleite hätte der Kaufpreis bei über 57 Euro gelegen.

Diese Differenz wollen etliche Investoren wiederhaben. Ihre Argumentation: Selbst wenn die Deutsche Bank formal zunächst nur Minderheitsaktionär gewesen sei, habe sie seit September 2008 bei der Postbank quasi durchregiert. Die Deutsche Bank hatte sich über Optionen weitere Postbank-Aktien der Post gesichert. Das Vorgehen von Post und Deutscher Bank bei der Postbank sei zudem abgestimmt gewesen. Das werde dadurch deutlich, dass die Deutsche Bank im Frühjahr 2009 zwei Aufsichtsräte bei der Postbank installiert habe — Exmanager Tessen von Heydebreck sowie Werner Steinmüller, der heute dem Vorstand der Deutschen Bank angehört. Diese Vorwürfe haben schon andere erhoben, ein erstes Verfahren in der Angelegenheit zieht sich seit Jahren zäh durch die Instanzen. Anwälte haben aber nicht nur interne Dokumente der Postbank aufgetan, die den Einfluss des Mutterkonzerns seit 2008 eindeutig belegen. Sondern sie stehen auch in Kontakt mit einem ehemaligen Postbank-Mitarbeiter, der seinen früheren Arbeitgeber schwer belastet.

Vor allem Steinmüller übte demnach in der Postbank einen maßgeblichen Einfluss aus, weil er nicht nur Aufsichtsrat, sondern auch Vorsitzender des Kreditausschusses war. Dieser bekommt Darlehensentscheidungen ab einer bestimmten Größenordnung vorgelegt, sei aber vor Steinmüllers Berufung „stets den Empfehlungen der Fachabteilungen“ gefolgt, schreibt ein Whistleblower in einem Statement.

Dann aber habe es intern Weisung gegeben, dass es für jegliche Entscheidung des Kreditausschusses „auf die Stimme von Herrn Steinmüller ankomme“, schreibt der Mann dazu. „Wir müssen Herrn Steinmüller an Bord haben“, habe es geheißen.

Steinmüller zeigte Engagement in seiner neuen Rolle. Er ließ sich Kreditanträge in sein Deutsche-Bank-Büro faxen und sandte von dort auch seine Entscheidung zurück, teils versehen mit etlichen „Empfehlungen“ für sein Plazet. Eine Kreditlinie für VW über 100 Millionen Euro etwa wurde im Sommer 2009 „aufgrund von erheblichen Konzentrationsrisiken“ auf 50 Millionen Euro beschränkt — Konzentrationsrisiken beider Kreditinstitute, der Deutschen Bank und der Postbank, so zumindest der Whistleblower.

Insgesamt will Anwältin Radtke-Rieger bei 32 Kreditentscheidungen den Einfluss der Deutschen Bank nachweisen können. Sie und ihre Kollegen sind sich ihrer Sache so sicher, dass sie zum Großangriff blasen und einen Prozess nach dem sogenannten Kapitalanleger-Musterverfahrensgesetz (KapMuG) planen. Der Entscheid wäre anwendbar für alle klagenden Investoren.

Fünf von zehn nötigen Anträgen für ein solches Prozedere hat die Kanzlei schon eingereicht, und dass der zuständige Richter in Köln nicht abgeneigt ist, hielt er in einem schriftlichen Hinweis fest: „Es ist damit zu rechnen, dass noch weitere Personen gleichgelagerte Ansprüche anhängig machen werden“, deshalb sei es „erwägenswert, ein Musterverfahren einzuleiten“. Um auch internationale Investoren für eine solche Klage zu begeistern, haben sich Radtke-Rieger und ihre Kollegen mit der US-Kanzlei Hausfeld zusammengetan, die gerade schon 20 000 Kläger gegen VW aktiviert hat.

Die Deutsche Bank gibt sich gelassen. Man habe sich „im Rahmen der Übernahme der Postbank stets korrekt verhalten. Entsprechende Klagen sind unserer Überzeugung nach unbegründet“, erklärt sie.

Allerdings hat das Institut schon rund zwei Milliarden Euro für die Integration und die neuerliche Abtrennung der Postbank verpulvert.

Denn die war jahrelang Schlachtfeld für den Machtkampf zwischen Ackermann-Nachfolger Anshu Jain und Privatkundenchef Rainer Neske um die strategische Ausrichtung des Konzerns. 2015 stellte Jain die Postbank erneut zum Verkauf. Jain und Neske sind mittlerweile weg — die Postbank nicht.

Und schon wird am nächsten Kapitel des Dramas geschrieben: Nach Informationen von Fraudanwalt hat der neue Vorstand um John Cryan die Verkaufspläne ad acta gelegt. Die Vollintegration der Postbank in die Deutsche Bank gilt intern als sicher. Gerungen wird nur noch um die Modalitäten — und um die Frage, wie man die neuerliche Kehrtwende den eigenen Aktionären erklären will.