KRYPTOWÄHRUNG: EINE LIZENZ ZUM GELDRUCKEN

Im Februar 2016 wendet sich Max Kordek, 24 Jahre alt, Student der Elektrotechnik aus Aachen, an die Kryptoszene und bittet um Geld. 30 Tage später hat er 14 079 Bitcoin beisammen, damaliger Gegenwert: gut 6 Mio. Dollar. Mit dem Kapital  will Kordek ein Start-up aufbauen: Lisk, eine Softwareplattform, auf der Entwickler Blockchainanwendungen einfacher programmieren können.

Kordek hat zu diesem Zeitpunkt weder ein fertiges Produkt noch ein vorzeigbares Team, ganz zu schweigen von einem Büro oder einem angemeldeten Unternehmen.

Seinem Mitgründer, dem 36-jährigen Briten Oliver Beddows, ist er nie persönlich begegnet, die beiden kennen sich nur übers Netz.

Lösen Kryptowährungen Crowdfunding ab?

Dass jemand in einen solchen Laden Millionen investieren würde, klingt schwer vorstellbar. Bei professionellen Venture-Capital-lnvestoren war Kordek zuvor abgeblitzt. „Ich hatte null Renommee bei den VCS“, erinnert er sich. „Dann ist es schwer, an Geld zu kommen.“ Der Ausweg war ein Initial Coin Offering (ICO): Das Start-up gab im Tausch gegen Bitcoin eine eigene virtuelle Währung namens Lisk aus. Deren Marktkapitalisierung stieg zwischenzeitlich — das Unternehmen war da auf knapp 20 Mitarbeiter gewachsen, hatte aber immer noch kein fertiges Produkt auf über 900 Mio. Dollar. Wer beim ICO dabei war, hätte seinen Einsatz also theoretisch um das 150-Fache steigern können. Selbst für die ziemlich verrückte Welt der Kryptoinvestments ist das eine irre Zahl.

Kein Wunder, dass Anleger sich gerade um neue Coins reißen. Und dass mehr und mehr Start-ups auf die Finanzierungsmethode setzen.

Schon ist eine heftige Debatte um ICOs entbrannt, an der nicht nur Kryptonerds beteiligt sind, sondern auch Ökonomen, Investoren und Aufsichtsbehörden. ICOs sind das neue Crowdfunding, sagen die einen: eine Revolution der Unternehmensfinanzierung, demokratisch, effizient, sicher. Der ausufernde Boom spiegele nur das revolutionäre Potenzial der Technologie wider.

ICOs sind eine Einladung an Aufschneider und Betrüger, sagen andere: ein irrationaler Goldrausch, die nächste Dotcom-Blase, die unbedarfte Kleinanleger in großem Stil um ihr Erspartes bringen wird.

Klar ist: Der ICO-Markt dreht gerade komplett frei. Über 1,8 Mrd. Dollar sind nach Berechnungen des Portals Coindesk bislang damit eingesammelt worden – allein 1,5 Mrd. Dollar davon in den ersten acht Monaten dieses Jahres. 20 Mio. Dollar kommen im Schnitt pro ICO zusammen. Manchmal braucht es dafür nur Sekunden: Anfang Juni war das Start-up Brave, das einen werbefreien Internetbrowser entwickelt, innerhalb einer halben Minute um 35 Mio. Dollar reicher. Die Blockchainprojekte Tezos und Eos pumpten sich im Juli innerhalb weniger Tage um jeweils mehr als 200 Mio. Dollar auf.

Zocken wie im Casino

ICOs verbinden Elemente eines Börsengangs (englisch IPO) mit der Idee der Schwarmfinanzierung und der Technologie des Kryptogeldsystems. Meist im Rahmen einer zeitlich befristeten Auktion geben Start-ups dabei sogenannte Token oder Coins aus und bekommen dafür Geld in Form von Bitcoin oder Ether, den beiden wertvollsten Kryptowährungen. Wie beim Crowdfunding geht es den Geldgebern einerseits darum, dem Projekt Starthilfe zu bieten. Daneben lassen sich die Token mitunter auch als Zahlungsmittel auf der Plattform des jeweiligen Start-ups einsetzen – wie Jetons im Casino oder Fantasiewährungen in Onlinespielen, mit denen man neue Charaktere oder Waffen kaufen kann. Auch bei Lisk ermöglichen die Token den Zugang zur Plattform. „Wie bei einem Auto, für das du Benzin benötigst, brauchst du Lisk, um unsere Netzwerkfunktionen nutzen zu können“, erklärt Kordek.

Bei anderen ICOs geben die Token dem Inhaber ein Stimmrecht im Unternehmen, stellen Firmenanteile dar oder berechtigen zum Dividendenbezug. Dann gibt es ICOs, die eher werbewirksam die Erfolgsaussichten eines Projekts unterstreiChen sollen: Kauft unsere Token, so die Botschaft, denn sie können als Kryptowährung im Netz gehandelt werden und euch reich machen.

Was gerade passiert, ist sogar den Pionieren der Finanzierungsmethode unheimlich. ICOs seien eine „tickende Zeitbombe“, warnt Charles Hoskinson, Mitgründer von Ethereum, dem Projekt hinter der zweitwichtigsten Kryptowährung Ether. Ethereum sammelte 2014 mit einem der ersten ICOs 19 Mio. Dollar ein, eine aus heutiger Sicht fast bescheidene Summe.

„Es ist krass, was da abgeht“, sagt auch Max Kordek von Lisk. Er kritisiert, dass viele Start-ups auf ICOs setzen, obwohl ihre Idee gar nicht auf die Blockchaintechnologie angewiesen ist. „Die Leute überlegen sich irgendetwas, häufig ist es einfach eine Ausrede, um einen ICO machen zu können.“ Auch der Berliner Bitcoin-Aktivist Aaron Koenig sieht einen „sehr überhitzten Markt“. Vielen wollten gerade „auf den Zug aufspringen und einen eigenen Token herausbringen, auch wenn das überhaupt keinen Sinn ergibt“.

Kein Wunder, dass sich viele Beobachter an die Dotcom-Blase Ende der 90er-Jahre erinnert fühlen. Koenig glaubt: „Wir werden sicher auch bei den ICOs bald eine Korrektur erleben.“ Einschränkend fügt er hinzu, dass das Internet das Jahr 2000 überlebt habe. „Aus dem Dotcom-Boom sind starke Firmen wie Amazon und Ebay hervorgegangen.“ ICO-Fans entgegnen auf die Kritik, dass Spekulation nun mal Innovation antreibe – und die Blase zwar nicht schön, aber notwendig sei. Die Frage ist, ob das auch bei den Aufsichtsbehörden verfängt, die dem Treiben lange tatenlos zugesehen haben. Anfang September schritt als erste Institution die chinesische Zentralbank ein und verbot ICOs komplett. Diese seien „eine Art illega1er öffentlicher Kapitalbeschaffung“ und stünden häufig im Zusammenhang „mit kriminellen Machenschaften wie Betrug und Schneeballsystemen“. Die US-Finanzaufsicht SEC warnte schon im Juli, dass viele Token Eigenschaften von Wertpapieren aufweisen – und daher eigentlich den strengen US-Aktienmarktregeln unterworfen werden müssten.

Noch sind es vor allem Bitcoin-Veteranen, die ihr Geld in ICOs stecken. Viele haben mit dem Aufschwung der Währung über die vergangenen Jahre gut verdient, jetzt wollen sie ihr Kryptoportfolio diversifizieren. Dazu kommen vermehrt institutionelle Investoren, sogar VC-Firmen werden in dem Hochrisikomarkt aktiv. Genaue Zahlen zur Käuferstruktur gibt es nicht, denn die Transaktionen sind grundsätzlich anonym. Der Anteil normaler Anleger gilt noch als gering – das aber könnte sich angesichts der irren Gewinne und niedrigen Einstiegshürden bald ändern. Bitcoin-Aktivist Koenig sagt, es sei doch toll, „dass jetzt nicht nur Superreiche an diesem Boom teilhaben, die es sich leisten können, hohe Summen in Risikokapitalfonds zu investieren“.

Die deutsche Finanzaufsichtsbehörde Bafin hat sich bisher nicht öffentlich zum ICO-Markt geäußert. Aus dem Umfeld der Behörde heißt es, eine Stellungnahme sei in Vorbereitung. Ein generelles Verbot dürfte es kaum geben. Bei der Bafin argumentiert man, es sei sinnvol1er, jedes Projekt für sich zu prüfen, denn die Funktionsweise der Token sei von Fall zu Fall sehr unterschiedlich. Allerdings wird die Aufsicht nur auf Anfrage oder Aufforderung etwa durch die Staatsanwaltschaft tätig. Die allermeisten ICOs, auch jene aus Deutschland, haben daher bisher ohne Kenntnis oder Genehmigung der Bafin stattgefunden. Dass sie sich in einer regulatorischen Grauzone bewegen, ist nach dem Geschmack der Kryptojünger. Das Misstrauen gegenüber Autoritäten und Zentralinstitutionen ist bei ihnen tief verwurzelt, Teil der Bitcoin-Philosophie waren immer anarchische und radikal marktliberale Züge. Gut beobachten ließ sich das Ende August bei einem Treffen der Berliner Kryptoszene in einem Neuköllner Hinterhof. Die Veranstaltung, bei der Experten über ICOs als „neuen Weg der Unternehmensfinanzierung“ informieren wollten, fand in einem hippen Großraumbüro statt, es gab Augustiner-Bräu, im Publikum dominierten junge Männer. „Es ist toll, wie viele Leute auftauchen, wenn es um die drei magischen Buchstaben ICO geht“, sagte Veranstalter Sven Läpple. Eine der wenigen, die an diesem Abend die Euphorie etwas bremste, war die Anwältin Nina-Luisa Siedler. „Die bisherigen ICOs waren ganz überwiegend rechtlich nicht sauber strukturiert“, mahnte sie. Frage aus dem Publikum: „Was denken Sie persönlich, muss der freie Markt den Regeln folgen oder sollte es nicht umgekehrt sein?“ Siedler gab eine längliche Antwort, der sie am Ende fast entschuldigend hinzufügte: „Don’t shoot the messenger.“

Die Anwältin sieht es als ihre Mission, den Tatendrang und die Aufbruchstimmung der Blockchainanhänger mit den nun einmal existierenden gesetzlichen Rahmenbedingungen in Einklang zu bringen. Mit anderen hat sie im Juni den Bundesblock gegründet, einen Lobbyverband, der auf die anstehenden Koalitionsverhandlungen im Herbst einwirken will, um Rechtssicherheit für die neue Technologie zu schaffen.

Erst einmal rät sie aber: Vor einem ICO sollte ein Gründer die Bafin kontaktieren. Was nicht helfe, sei die Flucht in schwächer regulierte Standorte wie Gibraltar oder die Schweiz. „Für regulatorische und steuerrechtliche Fragen ist es irrelevant, von wo aus ein ICO gestartet wird. Wichtig ist, wo das Angebot wahrgenommen werden kann.“ Mehr und mehr ICOs sind deswegen auf bestimmte Regionen begrenzt oder schließen etwa US-Amerikaner von der Teilnahme aus.

Bisher haben viele Start-ups für ihre ICOs den Schweizer Kanton Zug gewählt und dort Stiftungen gegründet – so auch Lisk. Die Lisk Stiftung, deren Präsident Max Kordek ist, verwaltet das enorme Vermögen des Projekts. Die 14 079 Bitcoin, die Anfang 2016 eingesammelt wurden, sind heute gut das Zehnfache wert also 60 Mio. Dollar.

Dass in Deutschland schon jetzt auf legalem Weg ICOs möglich sind, will ein Berliner Start-up beweisen. Zoe Adamovicz und Marcin Rudolf, in der Hauptstadt bekannt als Gründer der 2014 erfolgreich verkauften App-Suchmaschine Xyo, werkeln seit Monaten an einem Projekt namens Neufund. Entstehen soll eine Investmentplattform auf Block chain-Technologie, auf der auch Nicht-Kryptounternehmen Geld einsammeln können.

Neufund firmiert als korrekt angemeldete GmbH, und CEO Zoe Adamovicz steht nach eigener Aussage in engem Kontakt zur Bafin. Sie lobt sogar die Regulatoren aus Bonn: „Die wollen das Thema verstehen.“ Zu Jahresbeginn hat Neufund bereits 2 Mio. Euro von traditionellen Risikokapitalgebern eingeworben. Um die Kriegskasse aufzustocken, ist — natürlich – auch ein ICO geplant: Im Herbst sollen 200 Mio. Euro zusammenkommen. Klingt vollmundig, aber es dürfte gelingen.

 

 

Mehr über den großen OneCoin-Betrug lesen?

KRYPTOWÄHRUNG: BANKEN GEGEN BITCOIN, ETHERUM UND CO.

Banken sind wie Dinosaurier, die nur noch nicht bemerkt haben, dass der Meteorit bereits eingeschlagen ist.“ Dieser Vergleich ist einer von vielen, der im Kryptowährungs-Okosystem herangezogen wird, wenn es darum geht, ein möglichst drastisches Bild von der Wucht zu zeichnen, mit der sich das Finanzsystem durch das Aufkommen von Bitcoin, Ethereum und Co. verändern wird. Alle Banken werden untergehen und aus der Asche wird sich ein neues, gerechteres und anpassungsfähigeres System erheben. (One-Coin-Betrug, zum Fraudanwalt-Bericht.)

Doch so schön diese Vision auch in den Ohren derjenigen klingen mag, die Banken hassen oder ihnen zumindest skeptisch  gegenüberstehen und den Wunsch nach einem Wandel verspüren – Gründe dafür gibt es zweifelsohne genug – so vorsichtig muss man mit derlei Vergleichen sein. Sie können zwar durchaus hilfreich sein, um komplexe und abstrakte Vorgänge auf einverständliches Niveau herunter zu brechen. Nur leider passen sie nicht immer so richtig.

Wenn Kryptowährungen tatsächlich der Meteorit sein sollen, der mit apokalyptischer Konsequenz das etablierte Finanzsystem auslöschen und in verbesserter Form wiederaufbauen soll, dann lässt er sich ganz schön viel Zeit. Immerhin gibt es Bitcoin nun schon seit mehr als acht Jahren und bislang ist noch keine einzige Bank durch das Aufkommen von Kryptowährungen ausgestorben.

Trotzdem sollte man den Dinosaurier-Vergleich nicht leichtfertig abtun. Ein Körnchen Wahrheit verbirgt sich auch hierin.  Wer würde bestreiten, dass Banken allgemein eher große, behäbige Institutionen sind, die sich schwertun, sich an schnell erneuernde Umweltbedingungen anzupassen? Die bewährte Strategie des etablierten Systems besteht bislang vor allem darin, Veränderungen möglichst zu vermeiden. Stabilität durch Kontinuität. Selbst wenn das bedeutet, dass Leute aus dem Ruhestand geholt werden müssen, weil sie die Letzten sind, die bestimmte Teile des eigenen, ebenfalls in die Jahre gekommenen IT-Systems überhaupt noch verstehen und instand halten können.

Wobei jedoch auch in die vermeintlich starre Bankenstruktur seit einiger Zeit Bewegung kommt. Fintechs nutzen die Digitalisierung, um einfache, flexible und zeitgemäße Angebote zu schaffen und das Geschäft von Banken aufzumischen. Robo-Adviser, einfacher Kontowechsel, Smartphone-Banking, Peer-toPeer-Zahlungen – die Nischen sind vielfältig, die kleine, agile Player besetzen. Interessant ist dabei, auf die werbetauglichen Selbstbeschreibungen dieser Fintechs zu achten. Vielfach geht es darum, etwas zu „revolutionieren“: den Einsatz von Kreditkarten, die Kreditvergabe, den Umgang mit dem Girokonto etc.

Dass revolutionieren aber seinen Ursprung im Lateinischen revolvere hat, was so viel bedeutet wie „zurückrollen“ beziehungsweise „zurückwälzen“, ist dabei durchaus relevant. Denn so wie sich auch die Trommel des Revolvers so lange im Kreis dreht, bis sie am Ende wieder genau dort ist, wo sie einst angefangen hat, so ist auch das Ziel einer Revolution per definitionem eigentlich „nur“ das Zurückrollen zu einem früheren Zustand. Insofern muss man skeptisch fragen, was eigentlich gemeint ist, wenn jemand das Finanzsystem oder zumindest Teile davon „revolutionieren“ will. Zu welchem Zustand soll denn zurückgekehrt werden?

Man könnte das nun als pedantisch abtun. Sprache ist schließlich kein statisches Konstrukt und entwickelt sich immer weiter. Wer so argumentiert, liefert jedoch selbst das beste Argument, warum man den Begriff „Revolution“ mit Bedacht einsetzen sollte: Ein ganz ähnlich klingendes Wort passt, wenn es um Fortschritt geht, bedeutend besser: Evolution. So wie sich Sprache nicht im Kreis dreht oder statisch verharrt, sondern sich immer weiterentwickelt, so sollte sich auch das Finanzwesen beständig entwickeln und nicht nach hinten orientieren.

Nun gibt es jedoch ein kleines Problem, das es nicht ganz leicht macht, die „Revolution“ abzublasen und auf „Evolution“ umzusteigen: Revolutionen lassen sich in gewissem Maße steuern. Sie sind zentralisierte Prozesse, die von charismatischen Führern profitieren, durch zentrale Ereignisse ausgelöst oder befeuert werden und ein vorhandenes, aber bislang noch ruhendes Potenzial zum spontanen Hochkochen bringen können. Vor allem aber sind sie zeitlich begrenzt.

Evolution funktioniert hingegen nach ganz anderen Regeln. Sie endet nicht, sondern ist ein permanenter Prozess. Außerdem ist es unmöglich, sie zu kontrollieren. Evolution lässt sich zwar beeinflussen, aber eben nur in einem sehr begrenzten Maße. Nicht immer kommen dabei die Ergebnisse heraus, die man sich anfangs wünschte. Evolution ist daher unter vielen Gesichtspunkten nicht perfekt. Dennoch ist sie mächtig. Sie ist anpassungsfähig, resistent, resilient und nach vorne, orientiert.

Bitcoin ist das erste evolutionäre Finanzsystem überhaupt. Und genau hierin liegt sein Potenzial. Es entwickelt sich rasant, ist außerordentlich widerstandsfähig und wächst exponenziell. Bitcoin an dieser Stelle mit einem Virus zu vergleichen, ist nicht ganz falsch, zumal „viral“ durch die Evolution der Sprache positiv besetzt ist.

2008 erwähnte Satoshi Nakamoto zum ersten Mal sein Konzept eines Electronic Peerto-Peer Cash-Systems. Anfang 2009 veröffentlichte er dann den Code und stellte ihn frei zugänglich ins Netz. Von diesem Zeitpunkt an begannen die selbstorganisierenden Kräfte seiner Idee ihre Wirkung zu entfalten. Es stießen immer mehr Leute zu dem Projekt. Sie begannen mitzuarbeiten, eigene Ideen einzubringen und die Idee zu verbreiten. Im April 2011 wandelte jemand den frei zugänglichen Code von Bitcoin leicht ab, um die erste alternative Kryptowährung zu erschaffen: Namecoin, den ersten Altcoin. Über die Jahre wuchs das Interesse und immer mehr Menschen begannen, das digitale Geld zu transferieren, Güter damit zu handeln oder den originalen Code abzuwandeln und zu experimentierten. Sie erschufen neue Altcoins, wandelten auch diese ab oder entwickelten gänzlich neue Blockchain-ldeen. Die Evolution eines dezentralen Finanzsystems beschleunigte sich.

Heute ist Bitcoin und alles, was aus der initialen Idee von Satoshi Nakamoto entstanden ist, ein globales Phänomen. Zwischen drei und sechs Millionen Menschen nutzen laut einer aktuellen Studie der Judge Business School der University of Cambridge weltweit Kryptowährungen und die Anzahl der Blockchainund Kryptowährungsprojekte, die das Ökosystem hervorgebracht hat, ist vierstellig. Überall auf der Welt experimentieren Menschen mit den Möglichkeiten von Bitcoin, Ethereum und Co. und tragen so zu einer permanenten, dezentralisierten Weiterentwicklung des Phänomens bei.

Doch zeigt das Prinzip Evolution auch seine Nachteile. Seit Jahren versucht die Bitcoin-Community einen Konsens zu finden, wie die Kapazität der Bitcoin-Blockchain erhöht werden soll. Mittlerweile gibt es tiefe Gräben und alle Optionen liegen auf dem Tisch: Vom Wechsel des Mining-Algorithmus – einer de facto Entmachtung der chinesischen Miner-Hoheit – bis hin zur absichtliChen Spaltung der Blockchain mit all seinen unvorhersehbaren Risiken.

Doch so drastisch die Szenarien auch klingen, eines wird deutlich: ein evolutionäres Finanzsystem lässt sich nicht einfach kontrollieren und ob eine der Optionen umgesetzt wird, ist fraglich. Der evolutionäre Charakter von Bitcoin macht es sicher vor Manipulation, verhindert mitunter aber auch das effiziente Herbeiführen von richtungsweisenden Entscheidungen. Damit umzugehen ist herausfordernd, birgt aber gleichzeitig Potenzial. Denn Bitcoin garantiert aus sich heraus, dass es keinen Stillstand geben wird. Diesen Zustand kennt Evolution nicht. Das Krypto-Ökosystem wird sich immer weiterentwickeln. Neue Ideen werden entstehen. Workarounds, wo es nötig ist. Wer im evolutionären Finanzsystem überleben will, muss lernen dessen Dynamik richtig einzuschätzen: „Survival ofthe fittest“.

ONECOIN-BETRUG IN DREISTELLIGER MILLIONENHÖHE

Der jüngste Betrug mit der Kryptowährung OneCoin hat alle Zutaten für einen Anlegerskandal. Gierige Investoren, ausgebuffte Anwälte und eine Gruppe Marketingafiner Menschen mit hoher krimineller Energie. Die IMS International Marketing Services GmbH mit der vermeintlichen Firmengruppe rund um die Onecoin Ltd aus Dubai, hat neuesten Medienberichten zur Folge über 100 Mio. € veruntreut. Die Bafin hat die Konten sperren lassen und die Abwicklung angeordnet, für die Anleger nur ein schwacher Trost, auch weil die Reaktion der Bafin lange auf sich warten ließ.

Betroffene sollten sich schnellstens anwaltlichen Rat holen, um ein Stück vom Insolvenzkuchen abzubekommen, denn es gilt „wer zuletzt kommt, den bestraft das Leben“. Aber Vorsicht! Auf unserer Warnliste finden Sie Anlegeranwälte, denen möglicherweise das Mandat wichtiger ist als Ihnen Ihr Geld wieder zu beschaffen.

Die Rechtfertigung der Bafin

Gegenüber der IMS hatte die BaFin gemäß § 4 Absatz 1 Satz 1 Zahlungsdiensteaufsichtsgesetz (ZAG) verfügt, das unerlaubt für Onecoin Ltd, Dubai, betriebene Finanztransfergeschäft mit „OneCoin“-Anlegern sofort einzustellen, und die Abwicklung dieser Geschäfte angeordnet. Über die bekannten noch aktiven Konten der IMS in Deutschland hatte die Behörde bereits am 17. und 20. Februar 2017 nach § 4 Absatz 1 Satz 4 ZAG eine Kontensperre verhängt, die von Gesetzes wegen sofort vollziehbar ist.

Die Onecoin Ltd, Dubai, steht in einem Verbund von Unternehmen, die unter dem Begriff „OneCoin“ über ein mehrstufiges Vertriebssystem weltweit und auch in der Bundesrepublik Deutschland virtuelle Einheiten vertreiben, die sie als Kryptowährung deklarieren. Im Auftrag von Onecoin Ltd ließ sich die IMS von Anlegern, die in den Besitz von „Onecoins“ kommen wollten, die dafür zu leistenden Entgelte auf wechselnde Bankkonten bei verschiedenen Kreditinstituten in Deutschland überweisen und leitete die Gelder im Auftrag von OneCoin Ltd an Dritte insbesondere auch außerhalb Deutschlands weiter. Die Dienstleistung der IMS ist als Finanztransfergeschäft nach § 1 Absatz 2 Nr. 6 ZAG zu qualifizieren, das als Zahlungsdienst nach § 8 Absatz 1 Satz 1 ZAG unter Erlaubnisvorbehalt steht. Die erforderliche Erlaubnis, die durch die BaFin zu erteilen gewesen wäre, hatte und hat die IMS nicht. Insgesamt hat die IMS aufgrund der mit der Onecoin Ltd geschlossenen Vereinbarung zwischen Dezember 2015 und Dezember 2016 rund 360 Millionen Euro angenommen. Davon liegen noch rund 29 Millionen Euro auf den derzeit gesperrten Konten.