SCHWERE ZEITEN WARTEN AUF DEUTSCHE AUTOMOBILINDUSTRIE

Feuerbach könnte zum Symbol werden, zum Symbol für den vielleicht einschneidendsten Strukturwandel, dem die deutsche Wirtschaft je ausgesetzt war. Seit 1909 ist der Stuttgarter Stadtteil Heimat der Robert Bosch GmbH, er beherbergt die größte Produktions- und Entwicklungsstätte des größten Automobilzulieferers der Welt. 13 000 Menschen arbeiten hier für Bosch, heute wie vor 25 Jahren. Während früher Motorenteile und Komponenten gefertigt wurden, wird heute Software für Motoren entwickelt.

Modernisierung ohne Jobverluste. „Feuerbach ist zum Muster geworden für industrielle Transformation“, sagt Frank Iwer, Autoexperte der IG Metall.

Doch kann das noch mal funktionieren, wenn die nächste Stufe der Disruption gezündet und der Verbrenner vom Elektroantrieb verdrängt wird? „Die Motorenentwickler in Feuerbach langweilen sich schon jetzt“, bemerkt ein Aufsichtsrat, so wenig gebe es zu tun. „Die beschäftigen sich mit ihren Smartphones, basteln an der Steuerung ihrer Heizungen und Kühlschränke.“

Nichts mehr zu tun bei Bosch? Der Konzern sucht doch ständig Ingenieure und Programmierer; gerade wieder 700, die am fahrerlosen Auto arbeiten sollen.

Stimmt, nur werden die woanders gebraucht. Die Motorexperten aus Feuerbach umschulen? Funktioniert nicht, das Know-how ist ein völlig anderes.

Der Traum von der reibungslosen Transformation scheint vorbei, in Feuerbach wie im automobilen Rest des Stuttgarter Technologiekonzerns. Seit der Dieselskandal das Image des Selbstzünders zerstört hat, sacken die Aufträge weg. Ein schnelles Umschichten auf Benziner ist nicht möglich, intern geht man davon aus, dass in der umsatzstärksten und profitabelsten Sparte des Konzern mittelfristig etwa die Hälfte der Erlöse verloren geht.

Bosch insgesamt mit seinen 390 000 Beschäftigten wird das nicht umwerfen, die vielen Tausend Dieselspezialisten jedoch schon. Denn aus dem geordneten Übergang zum Elektroantrieb, den sie bei Bosch eigentlich erst „zwischen 2040 und 2050″ erwartet haben, wird nun nichts.

Der schwäbische Konzern steht stellvertretend für eine Branche, die gerade die Nerven verliert. Bosch gilt seit Jahrzehnten als Symbol für erstklassige Produkte, gute Gewinne, fair behandelte Mitarbeiter. „Made in Germany“ at its best. Ähnlich tadellos war auch der Ruf der anderen großen Zulieferer Continental, ZF Friedrichshafen, Schaeffler und Mahle. Den drei Premiumherstellern Daimler, BMW und Volkswagen lag sowieso die halbe Welt zu Füßen – bis zur Dieselaffäre.

Seit auch noch Kartellvorwürfe hochkamen, werden deutsche Automanager behandelt wie Aussätzige. Selbst Musterschüler Bosch wird als Mittäter der Abgasmanipulation verdächtigt.

Das lässt Uber, Tesla, LG oder Samsung, die neuen Auto- und Mobilitätsrivalen aus dem Silicon Valley und Südkorea, noch gefährlicher wirken. Die Investoren scheinen das Vertrauen in die alten Kraftprotze verloren zu haben. „Wer deutsche Autowerte zum Kauf empfiehlt, macht sich fast schon zum Gespött“, sagt Analyst Arndt Ellinghorst von Evercore ISI. Langjährige Low-Performer wie PSA Peugeot Citroön werden im Verhältnis zum Gewinn inzwischen höher bewertet als Daimler. Und der Aufsteiger Tesla, in seiner 14-jährigen Historie noch nie profitabel, war an der Börse zwischenzeitlich mehr wert als BMW.

War es das jetzt für die deutsche Vorzeigeindustrie? Ubern auch die Deutschen in ein paar Jahren freihändig durch die Republik?

So weit ist es noch lange nicht. Zum einen ist weder Tesla mit seinen E-Modellen noch Google mit seiner Software für autonom gesteuerte Autos uneinholbar enteilt, und schon gar nicht der skandalgeschüttelte Taxidienst Uber. Zum anderen sind die großen Zulieferer an so ziemlich allen bedeutenden Zukunftsprojekten beteiligt. Gefährdet sind vor allem hoch spezialisierte Mittelständler und Maschinenbauer, die vom Verbrenner abhängen — Schätzungen zufolge etwa 15 Prozent der Branche.

Und so angekratzt das Image der Hersteller in der Heimat auch sein mag — ihre Karossen sind auf den Weltmärkten nach wie vor äußerst begehrt. Das gehobene Premiumsegment dominieren die Deutschen fast allein, zu etwa 70 Prozent. Mercedes, Porsche und BMWs Mini gehörten letzthin zu den zehn am stärksten im Wert gestiegenen globalen Topmarken.

Die Autobosse haben vieles falsch gemacht in den vergangenen Jahren, sie haben ihre Ingenieure manipulieren und betrügen lassen, sie haben die Politik und ihre Behörden unterjocht und zuletzt nicht einmal den Mumm besessen, ihre Fehler offen einzugestehen. Doch historisch betrachtet könnte es ausgerechnet der Dieselskandal sein, der die deutsche Autoindustrie zwingt, sich selbst zu retten. Weil sie radikaler umdenken muss, als sie sich eigentlich getraut hätte. Weil die Affäre und die drohenden Dieselfahrverbote beim Käufer mehr Wirkung erzielen als jede Elektroprämie. Und weil die Politik endlich die richtigen Rahmenbedingungen setzen muss, will sie sich nicht vollends lächerlich machen.

Sieben Thesen, die untermauern, warum Elon Musk lind all die anderen Superstars aus dem Valley weiter mit den Deutschen rechnen müssen.

DIE KASSEN SIND VOLL

Daimler hat 2016, Zinsen und Steuern nicht berücksichtigt, 12,9 Milliarden Euro verdient und hatte netto knapp 20 Milliarden Euro in der Kasse. BMW kommt aufknapp 10 Milliarden Euro Gewinn. Conti und selbst die malade Schaeffler AG weisen nach wie vor zweistellige Umsatzrenditen aus. Sogar Volkswagen schwimmt noch in fast 24 Milliarden Euro Liquidität, obwohl Dieselgate allein im ersten Halbjahr knapp 10 Milliarden Euro Cash gekostet hat.

Finanziell geht es der deutschen Autoindustrie so gut wie nie. Die vollen Geldspeicher helfen dabei, die gigantischen Kosten zu stemmen, die der Wandel hin zum E-Auto und zum autonomen Fahren verschlingt. Daimler-Chef Dieter Zetsche  hat die Ausgaben für Forschung und Entwicklung 2016 bereits um 15 Prozent auf 7,6 Milliarden erhöht und weitere Steigerungen angekündigt. Volkswagen investiert trotz Dieselstrafen mehr als jeder andere Industriekonzern der Welt, CEO Matthias Müller hat das Budget im ersten Halbjahr 2017 noch mal angehoben.

Angstgegner Tesla hingegen kriegt ohne neue Anleihe nicht mal sein Model 3 in ausreichender Stückzahl vom Hof.

Sowohl Volkswagen als auch BMW, Schaeffler und Conti werden im Eignerkreis dominiert von mächtigen Familien. ZF und Bosch gehören Stiftungen. Es wäre für die CEOs mithin kein Problem, in der Phase der Transformation auch mal ein paar Jahre auf Marge zu verzichten. So wie Bosch-ChefVolkmar Denner , der einmal gesagt hat: „Die nächsten 2 bis 3 Prozent Rendite interessieren mich nicht.“ Die Zukunft sei wichtiger.

„Die Umsatzrenditen werden sinken, 3 bis 5 Prozentpunkte weniger als heute dürften 2025 normal sein“, prognostiziert auch Roland Bergers Autochef Marcus Berret. Ob das die Börse mitmacht? Warum eigentlich nicht. Richtig kommuniziert, könnten die Aktionäre ein Bekenntnis zu mehr Investments statt Ausschüttung sogar honorieren. Tesla ist seit Jahren der unprofitable Beweis.

DER VERBRENNER LÄUFT NOCH

Es wäre ein Coup gewesen, der die Branche erschüttert hätte. Die Zulieferer Conti und Delphi wollten die Automobile Vergangenheit an den Kapitalmarkt bringen. Der Plan der Vorstände: Die Sparten für Motortechnik sollten abgespalten und fusioniert werden. Gemeinsam, so die Story für den angedachten Börsengang, würden Deutsche und Amerikaner dann den Marktführer Bosch herausfordern.

Die Zweifler merkten an, dass es sich bei dem Konstrukt doch eher um Erblasten handle als um eine Story. Hat nicht Volvo-Chef Häkan Samuelsson unlängst angekündigt, die Schweden böten neue Modelle ab 2019 nur noch mit Elektromotor an?

Hat er. Aber dass es sich dabei vor allem um Hybride handelt, ging unter. Ebenso, dass Mildhybride von reinen Elektroautos in etwa so weit entfernt sind wie ein Einparkassistent vom vollautonomen Fahren. Insbesondere in Wolfsburg und München staunte man nicht schlecht über die schwedischen Ökopläne. Samuelssons Leute hatten bei Volkswagen und bei BMW gerade angefragt, ob sie dort Benzinmotoren kaufen könnten. Verbrenner made in Germany haben noch lange nicht ausgedient. BMW etwa könnte längst ein Zusatzgeschäft als Zulieferer aufbauen. Neben Volvo klopfte auch Ford schon wegen möglicher Motorenkäufe an. Ähnliche Bitten von Jaguar wiesen die Münchener mehrfach ab.

Daimler baut in Polen ein neues Motorenwerk, ZF plant eine zusätzliche Getriebefabrik in Osteuropa. Grund: Die Kapazitäten reichen nicht aus. Erst 2025 werde der Bedarf an Verbrennern seinen Zenit erreichen und noch bis 2030 über dem heutigen Niveau liegen, sagt ZF-Chef Stefan Sommer voraus.

20 Jahre mindestens hätte eine mit Delphi fusionierte Motorengruppe attraktive Margen erwirtschaftet, behaupten die Befürworter von Contis Abspaltplan. Bloß, weil Elektroantriebe in Kalifornien, Deutschland und China wichtiger würden, stürbe der Verbrenner ja nicht gleich aus.

Das Projekt ist trotzdem abgeblasen. Erstens erwies sich die Trennung der Powertrain-Sparte vom Rest des Konzerns als enorm kompliziert. Zweitens befürchteten die Entscheider um Vorstandschef Elmar Degenhart (58) eine ablehnende Reaktion ihrer Aktionäre.

Die Kollegen bei Delphi waren da mutiger. Sie spalten das Unternehmen auf. Die Börse war begeistert. Um 11 Prozent stieg die Aktie am Tag der Ankündigung.

ES GEHT AUCH OHNE DIESEL

In der Öffentlichkeit ist BMW-Chef Harald Krüger vorsichtig. Moderne Diesel seien sauber, wiederholt er gewissenhaft. Natürlich werde BMW die Autos weiter mit Dieselaggregaten ausstatten.

Intern redet Krüger anders, mutiger. Es lohne sich kaum noch, in neue Diesel zu investieren. Er könnte auch gleich sagen: In ein paar Jahren ist Schluss.

Porsche-Lenker Oliver Blume traut sich da schon weiter vor. Er hat seinen Leuten eine neue Linie vorgegeben: keine Diesel mehr in den USA, Lilid demnächst wohl auch nicht mehr im Rest der Welt.

Das Aus für den Selbstzünder wäre kein Opfer für eine säubere Umwelt. Es wäre einfach nur logisch, betriebswirtschaftlich. Schon heute verdienen die Autobauer mit Benzinern deutlich mehr als mit Dieselmodellen. Im Schnitt liege der Abstand bei mehr als 1000 Euro, heißt es im VW-Vorstand. Jetzt müssen die meisten Diesel – alt wie neu — obendrein noch teuer verbessert werden, damit sie weniger Stickoxid in die Luft blasen.

Die Technik ist am Ende, sie steht für Betrug, Umweltvergehen und Kartell. Das Image ist nicht mehr zu retten. Und das wissen die Autobosse auch.

Solange der Durchbruch bei den reinen Elektroantrieben auf sich warten lässt, weil die Kunden schwere, spritfressende SUVs präferieren, müssen die Hersteller auf  teure Hybridmodelle ausweichen. Denn allein mit Benzinern halten sie die ab 2021 geltenden EU-Grenzwerte für den Klimakiller Kohlendioxid nicht ein. Aktuelle Prognosen gehen davon aus, dass die Autobauer das C02-Ziel anfangs um rund zehn Gramm verfehlen werden. Dann müsste allein Volkswagen 1,8 Milliarden Euro Strafe pro Jahr bezahlen, Daimler und BMW gut eine halbe Milliarde Euro.

Doch so weit muss es nicht kommen. Knapp 1000 Euro pro Auto kostet es, BenZiner mit 48-Volt-Spannung und kleinem Elektromotor zu Mildhybriden aufzurüsten und damit annähernd so sparsam wie einen Diesel zu machen. Noch scheinen erst Daimler und mit Abstrichen auch Audi so weit, mit diesér Technik bis 2020 einen spürbaren C02-Effekt zu erzielen. Mittelfristig können das aber die anderen auch.

JOBABBAU BLEIBT ÜBERSCHAUBAR

Der Kampf um die Arbeitsplätze hat ausgerechnet in Untertürkheim begonnen. Daimlers Stammwerk läuft unter Volllast. Die 19 000 Mitarbeiter können die Motoren, Getriebe und Achsen kaum so schnell fertigen, wie die neuen Aufträge hereinkommen. Daran haben die Ermittlungen amerikanischer und deutscher Behörden nichts geändert.

Trotzdem wurde vor zwei Monaten die Produktion lahmgelegt. Dabei ging es vor allem darum, wie viele Menschen 2030 noch in Untertürkheim arbeiten, wenn die schöne neue Elektrowelt erst mal Realität ist. Unter Gewerkschaftern macht sich Angst breit: „Geriete die deutsche Autoindustrie im Sog des Dieselskandals aus dem Tritt, wäre das fatal“, sagt IG-Metall-Bezirksleiter Roman Zitzelsberger. Für Elektromotoren und Batterien benötigt man deutlich weniger Personal in der Produktion als für Verbrenner mit Getriebe. Bei Volkswagen rechnen sie damit, dass 10 bis 15 Werke überflüssig werden könnten.

Doch es werden andere Jobs neu hinzukommen. Zuletzt hat der Strukturwandel eher mehr Stellen geschaffen als vernichtet. Bosch hat in den vergangenen vier Jahren 15 000 zusätzliche Arbeitsplätze in Deutschland geschaffen, BMW 11000, Volkswagen sogar 32 000.

Experten vermuten, dass es im anbrechenden E-Zeita1ter zunächst zu einem Verteilungskampf zwischen Autobauern und Zulieferern kommen könnte. Als das Daimler-Management einen Auftrag für die Mercedes-Elektromarke EQ an ZF Friedrichshafen vergab, statt die Achsen in Untertürkheim zu fertigen, geriet dies bereits zum Eklat. „Eure Kompetenz reicht nicht, ihr könnt euch ja für die nächste Generation neu bewerben“; das war den Belegschaftsvertretern zu viel. Betriebsratschef Michael Brecht und sein Untertürkheimer Kollege Wolfgang Nieke schwenkten auf Konfrontationskurs um.

ZF hatte einen Kampfpreis geboten. Auch Vorstandschef Sommer muss seine Werke füllen, auch er will seinen Beschäftigten eine Zukunft bieten. Sein Untertürkheim heißt Saarbrücken. Gut 8000 Beschäftigte bauen dort Getriebe, das Geschäft boomt, Überstunden sind zur Gewohnheit geworden.

Von Massenarbeitslosigkeit sind alle Beteiligten noch sehr weit entfernt.

DAS E-AUTO BLEIBT KEIN TESLA-MONOPOL

Die von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) geforderten eine Million Elektroautos auf deutschen Straßen bis 2020 werden erst mal eine Illusion bleiben. Ende Juli kurvten hierzulande gerade mal 100 000 Stück herum, die Plug-in-Hybride eingerechnet.

SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz hat daher im Wahlkampf die EU-weite Elektroquote als Thema entdeckt. „Millionenschwere Manager“ bei VW und Daimler hätten „die Zukunft verpennt“, tönt er.

Tatsächlich sind die bisherigen Elektrooffensiven der Deutschen gescheitert. Daimler schaltete sein Batteriezellen-Joint-Venture im sächsischen Kamenz mangels Erfolgs ab, BMW stufte sein „Project i“ zwischenzeitlich zurück auf Schwachstrom, während Rivale Tesla auf bestem Weg ist, die 100oooer-Marke in diesem Jahr zu knacken. 2019 will Musk sogar eine elektrische Lkw-Zugmaschine anbieten.

Musks Eifer hat die Deutschen wachgerüttelt. Dieter Zetsche gelobt, in den nächsten Jahren zehn Milliarden Euro in seine Elektromarke EQ und andere Batterieprojekte zu investieren. VW-Markenchef-Herbert Diess will 2025 eine Million Elektroautos verkaufen; zwei Drittel davon in China. Ab 2020 rollt er eine ganze E-Flotte aus. Der Golf-große I.D. soll — mutig, mutig – nicht mehr kosten als ein gut ausgestatteter Golf Diesel.

Dabei hilft, dass die Batteriezellen, die vor drei Jahren noch 330 Dollar je Kilowattstunde kosteten, nun für ein Drittel angeboten werden. Technisch werden die neuen E-Modelle überzeugen, da sind sich die neutralen Testfahrer einig.

Die Etablierten haben auch deshalb so lange mit ihrer Offensive gezögert, weil sich mit Batteriemobilen kein Geld verdienen lässt. So versteckt General Motors den 2016 stolz präsentierten Chevrolet Bolt (Reichweite 500 Kilometer) regelrecht vor den Kunden.

Noch fehlt es zudem an schnellen Stromtankstellen. Teslas Model S und X sind vor allem Spielzeuge für Reiche, die daheim in der Garage in Malibu aufgeladen werden können.

Weil die Porsche-Kundschaft ähnlich liquide ist wie die von Tesla, bietet Oliver Blume die nächste Generation des SUVs Macan nur noch elektrisch an. Der Elektrosportwagen Mission E steht bis dahin ebenfalls beim Händler. Schon in sechs Jahren könnte Porsche damit womöglich auf einen Elektroanteil von 40 bis 50 Prozent kommen.

Power on! Die Zukunft verpennen sieht anders aus.

KOOPERATIONEN WERDEN SALONFÄHIG

Die Scharmützel, die die Autobauer öffentlich austragen, sind bisweilen hauptsächlich Show. So war es.auch, als BMW dem Stuttgarter Rivalen Daimler vor einigen Wochen die Freundschaft aufkündigte.

Kurz zuvor war bekannt geworden, dass Daimler sich selbst (und damit auch BMW, Volkswagen, Audi und Porsche) in aller Heimlichkeit wegen Kartellverdachts angezeigt hatte – zum Fraudanwalt-Bericht. In unterschiedlichsten Kreisen hatten sich Techniker und Manager der „Fünfer-Runde“ über unterschiedlichste Themen ausgetauscht. In einigen Fällen könnten die Gespräche zu weit gegangen sein, fürchteten sie 2014 bei Daimler. Den Stuttgartern drohte bereits eine Milliardenstrafe der EU-Kommission für ein Truckkartell. So teuer würde es diesmal nicht werden, waren sich die Konzernjuristen sicher.

Doch noch einmal zahlen? Wollte Daim1er nicht. Und erstattete Anzeige. Denn der erste Melder kommt meistens ohne Geldbuße davon.

Volkswagen hatte später ebenfalls bei den Behörden den Finger gehoben. Nur BMW ahnte nichts.

Dabei hatten sich die Vorstände aus München zuletzt wiederholt mit ihren Kollegen aus Stuttgart getroffen. Krüger und Zetsche wollen ihre Carsharingdienste Car2Go und DriveNow zusammenlegen und zusammen großmachen.

Mobile Services, Motoren, Plattformen, eine Ausweitung des gemeinsamen Einkaufs – gesprochen vwrde noch über manChes mehr, was früher undenkbar erschien. Nur nicht über die Kartellproblematik.

Daimler ist nicht zu trauen; die Zweifler in München hatten es immer gewusst. Man erinnerte sich wieder, wie Daimlers früherer Entwicklungschef Thomas Weber seinen BMW-Kollegen Klaus Fröhlich überredet hatte, außer der Reihe die Führung der Fünfer-Runde zu übernehmen nach der Selbstanzeige.

Einstweilen würde man mit Daimler nicht mehr kooperieren, ließ BMW an die Medien durchsickern. Die internen Kritiker hörten es gern: Krüger griff durch.

Doch die Herren sind viel pragmatischer, als sie vorgeben. Den Kartendienst Nokia Here haben BMW, Audi und Daimler Ende 2015 zusammen gekauft. Nun starten die drei — es hat lange gedauert — ein im November mit Porsche und Ford angekündigtes Joint Venture, um schnelle Ladesäulen hochzuziehen. Nach anfänglichem Streit übernimmt der BMW-Stratege Michael Hajesch die Führung, Porsche-Mann Marcus Groll wird Chief Operating Officer. Daimler und Bosch basteln gemeinsam an einer Technologieplattform für autonomes Fahren. BMW, Intel und Mobileye haben mit Continental, Delphi und jetzt auch FiatChrysler eine ähnliche Allianz gebildet.

Ach ja, und die Fusion von Car2Go und DriveNow steht ebenfalls kurz bevor. Trotz der Selbstanzeige: Kartellrechtlich erwarten die künftigen Partner keine großen Probleme.

Bis zur Frankfurter Automesse IAA können die Verträge wohl noch nicht unterschrieben werden, aber für Ende September sind Aufsichtsratssitzungen angesetzt.

Wenn sie jetzt keine gravierenden Feh1er mehr macht, könnte die deutsche Autoindustrie womöglich noch so manchen gehypten Angreifer überleben. Die Entwürfe für die Grabreden dürfen jedenfalls erst mal abgeheftet werden.

VW-ABGASSKANDAL: US-AUFPASSER KOMMT NACH WOLFSBURG

Sein Flug von Atlanta nach Frankfurt dauert neun Stunden. Danach muss der 71-Jährige irgendwie noch umständlich nach Wolfsburg kommen, mit dem Auto, mit einem Flug über Hannover – oder aber er bucht direkt einen VW-Firmenjet, der 20 Kilometer vom Werk entfernt landet. Die Reiseroute ist eine Grundsatzfrage. Schadensersatzansprüche gegen VW?

Denn Topjurist Thompson wird spätestens Ende Juni seine Arbeit als sogenannter Monitor bei Volkswagen aufnehmen. Er soll sicherstellen, dass im Konzern nach dem dramatischen Dieselskandal wirklich gründlich aufgeräumt wird. Der ehemalige Vize im US-Justizministerium wird prüfen, nach welchen Regeln im VW-Konzern gearbeitet wird, welche befolgt werden und welche nicht; welche Wertmaßstäbe an- und wie sie ausgelegt werden. Eine konzerneigene Flugzeugflotte aber, die im Steuerparadies Cayman Islands registriert ist, könnte da einen faden Beigeschmack haben – als unabhängige Kontrollinstanz sollte man wohl zweimal über ihre Nutzung nachdenken.

Die Anwesenheit des US-Anwalts ist neben einer Milliardenstrafe der elementare Teil einer Vereinbarung mit dem US-Justizministerium, der VW im Januar zugestimmt hat. Dadurch ist das strafrechtliche Verfahren wegen des Dieselskandals zunächst ausgesetzt. VW muss nun sämtliche Regeln und Kontrollsysteme im Konzern so verbessern, dass Ähnliches nicht wieder vorkommt. Thompson soll im Auftrag des Ministeriums in den kommenden drei Jahren überwachen, ob diese Aufräumarbeiten vorankommen. Sollte er das am Ende nicht bescheinigen, würde das Verfahren vor einem US-Gericht fortgesetzt.

Der Experte für Wirtschaftskriminalität wird mit einem Ermittlerteam durch die VW-Standorte in Wolfsburg, Neckarsulm und Herndon bei Washington ziehen. Sie werden Dokumente sichten, E-Mails flöhen, Interviews führen und an Sitzungen teilnehmen. Thompson wird sich nicht auf die Abteilungen für Motorentwicklung und Abgasmessung beschränken, die den Dieselskandal zu verantworten haben. Sein Spielraum ist sehr viel größer.

Bis heute hat VW selbst nicht die versprochene Aufklärung im Abgasskandal geliefert. Und so warten nun die 600 000 VW-Mitarbeiter weltweit unruhig auf Thompsons Einsatz. Auf das, was er sucht. Und auf das, was er finden wird.

Alten Schmutz beseitigen

Vom Werkstor Sandkamp in Wolfsburg sind es noch ein paar Hundert Meter bis zum VW-Vorstandsbau BT10. In der fünften Etage geht es über schmale Flure vorbei an Vitrinen mit weißen Automodellen. Kein Laut, alle Türen verschlossen. Bis eine aufgestoßen wird und Hiltrud Werner lachend heraustritt. Mit festem Händedruck zieht sie in ihr neues Vorstandsbüro. Bunte Blumenbilder, das Mittagessen steht auf dem Tisch, Familienfotos. Stolz ist sie.

Anfang Februar ist die 51-Jährige in die oberste Führungsetage befördert worden. Erst ein Jahr zuvor war sie als Leiterin der Revision nach Wolfsburg gekommen. Nun kümmert sich die Mecklenburgerin im Vorstand um das Ressort Recht und Integrität – und soll dem US-Monitor zeigen, wie der Dreck des Dieselskandals weggeräumt wird. Ihre Vorgängerin, die ehemalige Verfassungsrichterin Christine Hohmann-Dennhardt, hatte das Amt nach 13 Monaten aufgegeben. Mit 13 Mio. Euro Abfindung, die für mehr Furore sorgten als alles, was sie in dem Chaos zusammengekehrt hatte.

Werner geht ungezwungen an die Arbeit: „Wir müssen die Hosen runterlassen und dürfen nichts beschönigen“, sagt sie im Capital-Gespräch, dem ersten Interview, das sie nach nicht einmal 100 Tagen im Amt gibt. Es ist ein Zeichen der Öffnung.

„Wir müssen die alte VW-Überheblichkeit zurücknehmen“, sagt sie. Das Management müsse auch Ratschläge von außen annehmen. „Das ist für VW neu und ungeübt.“ Sie verspricht: „Wir meinen es absolut ernst mit dem Veränderungsprozess. Wir werden ein Vorbild für Integrität, ein Vorbild für Umweltschutz.“

Ein neuer Start ist auch bitter nötig, denn das alte System Volkswagen erodiert. Vom finanziellen Kollaps ist zwar keine Rede mehr. Aus der letzten Quartalsbilanz strotzen starke Erträge; die bislang angefallenen Kosten für den Dieselskandal in Höhe von gut 20 Mrd. Euro kann der Konzern stemmen; ein Sparprogramm samt Stellenstreichungen ist aufgelegt. Aber der Imageschaden, die Ermittlungen und Existenzängste haben den VW-Mitarbeitern zugesetzt. „Viele sind dünnhäutig und verunsichert“, bestätigen Topmanager in der Zentrale. den Schatten stellen, da ist Hiltrud Werner sicher. Bei solchen Korruptions- und Betrugsfällen seien die Probleme meist schnell gefunden: im Finanzbereich und Vertrieb. „Bei uns geht es dagegen quer durch viele Prozesse hindurch“, sagt sie. „Das ist wohl selbst für die Amerikaner der größte Monitorprozess aller Zeiten.“ Beruhigend klingt das weder für Tausende VW- und Audi-Mitarbeiter, die durch den Dieselskandal direkt betroffen sind, noch für die restlichen Konzernmitarbeiter, die den radikalen Umbau auch spüren werden. Manche bei VW glauben noch, dass die Mitarbeiter lediglich mit ein paar E-Learning-Programmen auf den neuen Kurs eingeschworen werden müssten. Diese Illusion zerstört Werner: „Wir werden sehr zentral geführt, vieles wurde am Hauptsitz in Wolfsburg entschieden“, sagte Müller im März einer Schweizer Zeitung. „Heute funktioniert das so nicht mehr. Jetzt sehen alle, dass etwas schiefgelaufen ist, der Druck ist groß.“

Auslöser des großen Umbruchs sind nun ausgerechnet die US-Behörden. Die hatten im September 2015 aufgedeckt, dass die Dieselmotoren bei VW- und Audi-Modellen mit einer illegalen Software systematisch manipuliert wurden, um zu hohe Schadstoffemissionen zu vertuschen. In den USA waren davon 600 000 Fahrzeuge betroffen, weltweit elf Millionen. In vielen Ländern klagen Kunden und Aktionäre, strafrechtliche Ermittlungen laufen auch in Deutschland noch (siehe auch Seite 132). Für Bußgelder, Schadensersatzforderungen, Rückruf- und Reparaturkosten wurden anfangs bis zu dreistellige Milliardenbeträge prognostiziert. Daran hätte VW zugrunde gehen können.

In der Vereinbarung mit dem US-Justizministerium bekannte sich VW in drei Punkten schuldig: Teilnahme an einer Verschwörung zum Betrug an den Vereinigten Staaten und amerikanischen Kunden, Verstoß gegen ein Umweltgesetz sowie Behinderung der Justiz durch die Zerstörung von Dokumenten. Der zuständige Bundesrichter Sean Cox attestierte VW „vorsätzlichen und massiven Betrug“. VW zahlt 2,8 Mrd. Dollar Strafe – muss aber eben für drei Jahre unter die Kuratel des Monitors. Die Überwachung ist eine tief greifende Regulierung durch die US-Regierung. Eine bittere Pille, die ausländische Unternehmen aber schlucken, um im Gegenzug Klagen in den USA zu entkommen — die mit drakonischen Geld- und Haftstrafen, Einreiseverboten und Handelsembargos enden können.

Nun steht der Konzern also unter Bewährung. Sie endet erst, wenn Thompson bescheinigt, dass VW die Auflagen erfüllt hat und ein besseres Unternehmen geworden ist.

Es sind nicht viele deutsche Firmen bekannt, in die die US-Justiz Aufpasser geschickt hat: Siemens, Daimler, Bilfinger und die Deutsche Bank, in anderen Fällen wurde Stillschweigen vereinbart. Über erste Erfahrungen lässt sich trotzdem berichten. „Das Entscheidende ist die Unterstützung von ganz oben“, sagt Olaf Schneider von Bilfinger. „Die Führung muss dahinterstehen, klare Werte für das Unternehmen formulieren und vorleben. Ohne Kompromisse.“ Der Jurist ist Chief Compliance Officer beim Industriedienstleister, der nach einem Korruptionsfall in Nigeria im Monitorprozess steckt. Schlimmer noch: Bilfinger muss nach der abgelaufenen Bewährungszeit von drei Jahren sogar nachsitzen, weil der Monitor mit den Fortschritten nicht zufrieden war.

VW-Funktionär in Haft

„Der Monitor hält uns den Spiegel vor, und das ist nicht immer das, was man sehen möchte“, sagt Schneider. Es war für einige Manager ein Schlag ins Gesicht. „Die haben immer mit den besten Absichten für Bilfinger gearbeitet und bekommen nun aufgezeigt, dass bestimmte Prozesse besser werden müssen.“

Nach der weltweiten Schmiergeldaffåre bei Daimler hat vor sieben Jahren der frühere FBI-Chef Louis Freeh dort aufgeräumt. „Was der Monitor tut, kann für ein Unternehmen mitunter disruptiv sein“, bestätigt er. „Das schafft Unruhe bei der Arbeit.“ Als Lehrstück für Monitore gilt der Bilanzbetrug des Energieriesen Enron. Einer der ermittelnden Staatsanwälte damals war: Larry Thompson. Öffentlich bekannt werden am Ende meist nur die drastischsten Resultate: Bei Enron mussten viele Manager gehen, Bußgelder und Schadensersatz zahlen, sogar in Haft. Ex-Enron-Chef Jeffrey Skilling wurde 2006 zu 24 Jahren verurteilt.

Was den Aufwand betrifft, wird VW selbst diese Beispiele in den Schatten stellen, da ist Hiltrud Werner sicher. Bei solchen Korruptions- und Betrugsfällen seien die Probleme meist schnell gefunden: im Finanzbereich und Vertrieb. „Bei uns geht es dagegen quer durch viele Prozesse hindurch“, sagt sie. „Das ist wohl selbst für die Amerikaner der größte Monitorprozess aller Zeiten.“ Beruhigend klingt das weder für Tausende VW- und Audi-Mitarbeiter, die durch den Dieselskandal direkt betroffen sind, noch für die restlichen Konzernmitarbeiter, die den radikalen Umbau auch spüren werden. Manche bei VW glauben noch, dass die Mitarbeiter lediglich mit ein paar E-Learning-Programmen auf den neuen Kurs eingeschworen werden müssten. Diese Illusion zerstört Werner: „Wir werden verkrustete Strukturen aufbrechen. Es wird hart, und es wird wehtun.“

Seit Monaten betreiben die Rechts- und Compliance-Experten bei VW gewaltigen Aufwand, um für den Einzug des Monitorteams gewappnet zu sein. Nach eigenen Angaben wollen sie nicht abwarten, was Thompson ihnen etwa an neuen Whistleblower- und Kontrollsystemen vorgibt oder welche Führungsstrukturen er moniert — sondern möglichst viele Projekte selbst anschieben. Dafür hat Werner 46 Leute in ihr Team geholt: ein Drittel von außen (darunter den Daimler-Monitor-Experten Kurt Michels), zwei Drittel aus dem Konzern, möglichst mit US-Erfahrung. Vor allem aber mit gutem Netzwerk, starker Reputation und hoher Akzeptanz in sämtliehen Fachabteilungen. Das Team leitet der Jurist Thomas Meiers, bislang Chefstratege bei der konzerneigenen Autoschmiede Italdesign. Die Teamgröße passt angesichts des allgemeinen Spardrucks nicht jedem im Vorstand. Doch Werner hat darauf gedrungen, dass sie für das „wichtigste Projekt des Konzerns in den nächsten drei Jahren“ die besten Leute bekommt.

Parallel dazu stellt Thompson seine Monitormannschaft zusammen und arbeitet seinen Schlachtplan aus. 60 Tage hat er dafür Zeit. Alle Beteiligten gehen davon aus, dass er schon vor Ende Mai mit seiner Arbeit loslegt. Einige Vertraute aus seiner Kanzlei Finch McCranie in Atlanta wird er mitbringen, außerdem einen Stellvertreter, der die operative Arbeit koordiniert. Für den Job ist Jonny Frank nominiert, der schon Erfahrungen im Aufräumkommando der Deutschen Bank gesammelt hat.

Wie viele scharfe Sheriffs letztlich VW filzen werden, ist noch offen. Bei Daimler pflügte Ex-FBI-Chef Louis Freeh permanent mit 20 bis 90 Leuten die Abteilungen durch. Zahlen müssen das die Konzerne. Dafür werden locker zweistellige Millionenbeträge pro Jahr fällig.