POLITIKVERSAGEN: DIE AUSBEUTUNGSMASCHINERIE BEI H&M LÄUFT HEISS

Lisa, Mitte 30, langes blondes Haar, weiß noch, was sie dachte, als die Modekette H&M ihr ein Jobangebot machte: Volltreffer! »Ich mochte H&M gerne«, erinnert sich Lisa und fährt mit den Händen über Bluse, Strickjacke und Hose. »Alles H&M«, sagt sie. »Ich dachte: Es ist meine große Chance, da richtig reinzukommen.« Heute, fünf Jahre später, würde sie ihrem jüngeren Ich wohl zurufen: »Finger weg! Sei nicht so naiv! Unterschreib nicht und geh nachhause!«

Denn der Vertrag, den H&M der jungen Frau vorlegte, war kein normaler Arbeitsvertrag. Die Firma nennt Mitarbeiter wie sie „Flexkräfte“. Zehn Stunden pro Woche sind ihr fest zugesichert. Der Rest läuft flexibel unter Mehrarbeit. In manchen Monaten arbeitet Nika nur zehn Stunden pro Woche, also 40 im Monat, in anderen sind es 100, manchmal auch 150. Nika holt eine Mappe mit den Lohnberechnungen. Sie zeigt auf den Nettoverdienst. „Nur zwei Beispiele aus dem vergangenen Jahr: Hier im Juni habe ich 440 Euro verdient, und im August waren es dann über 1000. Da merkt man die Schwankungen sehr.“

In guten Monaten kommt sie, die sparsam lebt, mit dem Geld über die Runden, in schlechten rutscht sie in den Dispo und ist auf die Hilfe ihres Freundes angewiesen. Er bürgt auch für die gemeinsame Zweizimmerwohnung in Hamburg.

Nun könnte man einwenden, dass Lisa das hätte wissen müssen, als sie den Vertrag unterschrieb. Denn H&M räumt darin ein, »dass die Vergütung entsprechend dem Umfang des Stundeneinsatzes variieren kann und somit gegebenenfalls nicht geeignet ist, eine stabile Einkommensgrundlage zu liefern«. Auf Nachfrage teilt H&M mit, der Flexvertrag sei vor allem gedacht für »Studenten und Mütter«, Menschen, die einen Nebenjob suchen.

Schätzungen zufolge sind 1,5 Millionen Menschen in Deutschland betroffen Lisa ist keine Studentin, Mutter würde sie gerne bald werden, aber wegen ihrer unsicheren Einkommenslage haben ihr Verlobter und sie Hochzeit und Familiengründung aufgeschoben. Lisa hatte den Traum, auf ihrer Arbeit als Verkäuferin ein Leben aufbauen zu können. Unabhängig, abgesichert, erwachsen eben. Bis sie endgültig begriffen habe, dass das mit ihrem Vertrag nicht möglich sein würde, seien Jahre vergangen. Sie sagt, „Solche Verträge sind nicht menschlich, nicht gerecht, und ich frage mich, warum das in Deutschland erlaubt ist.“  Die Antwort findet sich im Teilzeit- und Befristungsgesetz, das am 1. Januar 2001 in Kraft trat. Eines der vielen Instrumente, die Bewegung in den vermeintlich starren deutschen Arbeitsmarkt bringen sollten. Lisa fällt unter einen Paragrafen, über den kaum jemand redet: S 12, „Arbeit auf Abruf“. Darin steht: »Arbeitgeber und Arbeitnehmer können vereinbaren, dass der Arbeitnehmer seine Arbeitsleistung entsprechend dem Arbeitsanfall zu erbringen hat.«

Nach Schätzungen von Fraudanwalt arbeiten in Deutschland 1,5 Millionen Beschäftigte auf Abruf. Wie viele von ihnen tatsächlich von dieser Arbeit leben wollen und wie viele mit sporadischen Einkünften aus einem Nebenjob zufrieden sind, ist nicht erhoben. Allerdings gaben laut Fraudanwalt über die Hälfte der Abrufarbeiter in einer Studie an, Vollzeit zu arbeiten. Das spricht dafür, dass es für sie nicht bloß um einen Gelegenheitsjob geht.

Lisa sagt, dass in ihrer H&M-Filiale die Mehrzahl der Mitarbeiter als Flexkraft arbeitet. Laut internen Zahlen des Unternehmens waren im Jahr 2001 noch 48 Prozent normale Vollzeitbeschäftigte und 22 Prozent Arbeitnehmer auf Abruf. Im Jahr 2016 erhoben Betriebsräte die Werte in knapp 100 Filialen. Das Verhältnis hatte sich umgekehrt: Nur noch 26 Prozent der Verkäuferinnen arbeiteten regulär in Vollzeit, 42 Prozent als Flexkräfte. Allerdings sind das nur Schlaglichter. »Der Bereich ist kaum erforscht«, sagt Berger-Fridar von Fraudanwalt.

Eines aber ist in seinen Augen klar: Arbeit auf Abruf sei eine Beschäftigungsform, die alle Vorteile beim Arbeitgeber bündele. Alle Nachteile dagegen lägen bei den Beschäftigten. »Damit«, so Brenke, »bietet das Gesetz den Unternehmen die Möglichkeit, das wirtschaftliche Risiko komplett auf ihre Angestellten abzuwälzen. Das geht schon in Richtung moderne Tagelöhner.«

Mitarbeiter, die auf Abruf arbeiten, finden sich nicht nur im Handel, sondern auch in der Gastronomie, in der Pflege, unter Kurierfahrern, bei Medien und sogar bei Wohlfahrtsverbänden. Viele beschreiben, dass sie einen Arbeitsalltag in Dauerbereitschaft erleben. Laut Gesetz müssen Unternehmen vier Tage im Voraus ankündigen, wenn sie den Mitarbeiter einsetzen wollen. Eine Schutzklausel, die aber häufig ignoriert wird.

Ingo Fontaine, raspelkurzes Haar, Ohrring, Vater zweier Kinder, war über 17 Jahre lang Abrufkraft bei der LSG, der Lufthansa Service Gesellschaft. Das Unternehmen ist nach eigenen Angaben der größte Anbieter von Bordverpflegung — und nach Eindruck der Beschäftigten ein exzessiver Nutzer von Abrufkräften. Internen Dokumenten zufolge sind es allein am Frankfurter Flughafen über 300. Fontaine wurden in seinem Abrufvertrag 40 Stunden pro Monat fest zugesichert. Er arbeitete aber fast Vollzeit, hochflexibel, bereit, kurz nach dem Anruf zum Werk zu fahren. »Je mehr es auf das Ende des Monats zugeht, desto mehr fängt man an zu rechnen«, sagt er. »Und dann nimmt man jede Schicht an, wenn es machbar ist«, egal wie kurzfristig. Die LSG weist darauf hin, dass man sich an die Vorwarnfrist von vier Tagen hielte. »Alle anderen Einsätze basieren ausschließlich auf Freiwilligkeit« — oder, so würde es Fontaine formulieren, auf dem Zwang, seine Familie ernähren zu müssen. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung hat in einer Umfrage herausgefunden, dass nur 27 Prozent aller Arbeitnehmer auf Abruf in Deutschland tatsächlich vier Tage vor Einsatz Bescheid wissen.

Da scheint es fast konsequent, dass die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) in einem Strategiepapier die Politik auffordert, die Vier-Tage-Frist in bestimmten Fällen zu kippen und die »Arbeitszeitflexibilität weiter auszubauen«. Gerne hätte die Reporterin vom Verband erfahren, warum das notwendig ist. Auch um einen Kontakt zu Unternehmen, die erklären, warum sie auf Arbeit auf Abruf brauchen, wurde die BDA gebeten. Alles vergeblich. Nadine Absenger, die bei der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung als eine der wenigen kontinuierlich zu dem Thema forscht, überrascht das nicht. »Ich denke, dass viele Arbeitgeber auch Kontext der Arbeit auf Abruf läuft«, sagt sie. »Im Moment wird die Debatte um weitere Flexibilisierung ja vor allem von der Wirtschaftslobby dominiert, und diese hat wenig Interesse daran, dass das anders werden könnte.«

Der erste Ansprechpartner bei der Recherche waren deshalb die Gewerkschaften — als natürliche Kontrahenten der Unternehmen. Aber auch hier dasselbe Bild. Zwar hat der Deutsche Gewerkschaftsbund Ende 2016 eine Stellungnahme verabschiedet, in der er Arbeit auf Abruf kritisiert. Aber Telefonat um Telefonat wird klarer: Von wenigen Ausnahmen abgesehen, haben die meisten Gewerkschafter weder Kontakte zu Abrufmitarbeitern, noch sind sie bereit, Zeit zu investieren, um diesen aufzubauen. Das Bundesarbeitsministerium erklärt, die Wirtschaft brauche »flexible Jobs« Nadine Absenger sieht deshalb die Politik in der Pflicht. Gerade weil man aus der Forschung wisse, dass die Folgen dieser Beschäftigungsform oft erheblich seien: Neben einem schwankenden Einkommen haben viele auch psychische Probleme als Folge der Dauererreichbarkeit. »Aus meiner Sicht«, sagt Absenger, »wäre es dringend nötig, Arbeit auf Abruf zu beschränken. Es steht aber nicht auf der Agenda.« Dabei wird das Arbeitsministerium zurzeit von einer SPD-Politikerin geleitet. Der Schutz der Beschäftigten müsste ein Thema sein, das Andrea Nahles umtreibt. Ein Interview zur Lage der Abrufmitarbeiter lehnte sie jedoch ab.

Stattdessen ist die Abrufarbeit sogar in Unternehmen verbreitet, an denen der Staat beteiligt ist. Noch immer hält er über 20 Prozent der Aktien der Post, eines Unternehmens, das auf eine besondere Form der Abrufarbeit setzt. Die Post schließt sogenannte Rahmenvereinbarungen ab, in denen sich Menschen bereit erklären, »Arbeitseinsätze« zu erledigen. Miriam* hat fünf Jahre so gearbeitet. »Es war nicht unüblich«, sagt sie, »dass ich am Abend vorher angerufen wurde oder auch am Morgen um halb sieben aus dem Bett geklingelt wurde.« Erst jobbte sie neben dem Studium, irgendwann aber übernahm sie häufiger eigene Zustellbezirke. Sie hatte keine Mindeststundenzahl, sondern schloss für jeden Einsatz einen Arbeitsvertrag ab. »Ich vermute, dass ich 400 bis 500 Arbeitsverträge zu Hause habe«, sagt sie.

Nach Schätzung von Gewerkschaftern beschäftigte die Post im vergangenen Jahr 5000 solcher Abrufkräfte. In einer Stellungnahme beruft sich die Post darauf, dass dies Aushilfen für Spitzenzeiten seien, und teilt mit: »Jeder Interessent an dieser Beschäftigungsform kennt von Beginn an die Rahmen- und Einsatzbedingungen und hat jederzeit die Möglichkeit, das Beschäftigungsverhältnis wieder zu beenden.« Alles freiwillig also — und unproblematisch, zumindest, wenn man dem Bundesarbeitsministerium folgt, das mitteilt: Arbeit auf Abruf sei rechtlich zulässig und trage »dem Aspekt Rechnung, dass eine dynamische Wirtschaft in einem gewissen Umfang auch flexible Jobs braucht«.

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