WIRTSCHAFTSWUNDER: FRANKREICH’S NEUE TECH-SZENE

Knapp 200 graue Herren und ein paar Damen fluten am frühen Morgen die Halle Freyssinet am Gare d’Austerlitz, mittendrin der Premier und eine Handvoll Minister. Kurz treffen die angereisten Anzugträger auf die hier heimischen Vollbartträger, doch letztere schlurfen schnell wieder zurück in ihre Container. Das kennen sie nämlich schon: Seit Emmanuel Macron Präsident ist, können sich Frankreichs Startup-Gründer vor Umarmungen des Staatsapparats kaum retten. Ihr Arbeitsplatz, die Station F, ist zu einer Art Pilgerstätte geworden. Station F, so wird heute die riesige Halle Freyssinet genannt. Sie ist so lang wie der Eiffelturm hoch und in manchen Kreisen schon genauso berühmt. Einst hat hier die Staatsbahn SNCF Güterwagen entladen. Jetzt sitzt hier Europas größtes Start-up-Zentrum, das im Sommer eingeweiht wurde – natürlich von Macron persönlich. Zum Fraudanwalt-Bericht.

Seitdem geben sich hier Staatsdelegationen die Klinke in die Hand. Angereist sind heute Frankreichs internationale Diplomaten. In die Heimat zitiert haben sie der Präsident und sein Premier, um ihnen die neue Regierungslinie zu vermitteln. „Ich sehe wenige andere Orte in Frankreich, an denen sich die neue Realität so klar zeigt“, erklärt ihnen Regierungschef Édouard Philippe in seiner Grundsatzrede: „Wir müssen der Welt erklären, dass wir dabei sind, unser teures und altes Land zu verwandeln.“

Es gibt Ecken im Land, wo diese Verwandlung längst begonnen hat. Nicht nur in der Station F, quer durch Paris ist nicht erst mit Macron eine Gründerszene entstanden, die derzeit in Europa in mancher Hinsicht den Ton angibt. Ähnliches ist in Metropolen wie Lille, Nantes, Lyon im Gange. „Frankreich hat sich durch seine überdurchschnittlich technophile und internetaffine Bevölkerung einen Marktvorsprung verschafft“, sagt Charles-Édouard Bouee, der als Pariser die lokale Landschaft gut kennt, als globaler CEO der Unternehmensberatung Roland Berger aber auch den weltweiten Überblick hat.

Klischee-Ende

Sicherheitsfixiert, konzernverliebt, hierarchisch: Lange traf dieses Klischee der französischen Wirtschaft weitgehend zu. Noch vor zehn Jahren ermittelten Umfragen, dass über 70 Prozent der französischen Jugend von einem Job im Staatsdienst träumen. Heute liebäugelt ein Drittel bis die Hälfte damit, Unternehmer zu werden. „Kulturell bedeutet das einen radikalen Wandel“, sagt Bouée. Glaubt man einer Studie aus Lyon, gibt es derzeit nicht einmal in den USA so viel Gründergeist wie in Frankreich. Und das Kapital zieht mit: In Sachen Start-up-Finanzierung hat Paris im vergangenen Jahr erstmals Berlin abgehängt und lag zeitweise sogar vor London.

„Viele Fonds aus Kalifornien, England, Deutschland rufen an“, bestätigt Sébastien Caron. Der 36-jährige Gründer der Geo-App Mapstr streckt sich im hinteren Teil der Station F vor seinem Rechner, als übe er eine Yoga-Stellung. Mit seiner App können Nutzer ihre Lieblingsorte in einer digitalen Karte speichern und mit anderen teilen. Es läuft, sagt Caron, Mapstr hat 300 000 aktive Nutzer. Ein schöner Erfolg, aber für sein Geschäftsmodell müssen es Millionen werden, auf aller Welt, daran arbeiten sie jetzt hier oben, stellen Leute ein, basteln an einer neuen Finanzierungsrunde, die 3 bis 5 Mio. Euro in die Kassen spülen soll.

Nach acht Jahren als Unternehmensberater hatte Caron die Mühle satt und setzte den Gründertraum, der in ihm schlummerte, in die Tat um. Er hatte Glück: Der Facebook-Inkubator, der im Dachgeschoss der Station F sitzt, nahm ihn unter seine Fittiche. Caron wird nun gelegentlich von Sheryl Sandberg zum Plausch nach Menlo Park gebeten. Bei Facebook interessiere man sich erstaunlicherweise besonders für den sensiblen Umgang mit Nutzerdaten, sagt Caron. Er ist ein illusionsloser Typ, der für das Start-up- Abenteuer seinen Lebensstandard heruntergefahren hat und in seinem eng geschnittenen Knitterpulli kaum auffällt in der Station F, obwohl er mit 36 etwas älter ist als die meisten hier. „Frankreich steht erst am Anfang“, sagt er. Man habe noch viel aufzuholen, aber die Bewegung sei nicht mehr aufzuhalten.

Facebook ist nicht der einzige Internetgigant, der in Paris seine Fühler ausstreckt. Mehrere Inkubatoren bieten in der Station F Arbeitsplätze zu attraktiven Bedingungen, den größten betreibt die Wirtschaftsuni HEC. Dazwischen drängeln sich Finanzierer, Berater und staatliche Stellen. Noch ist nicht alles perfekt hier, vieles wirkt improvisiert, doch Unternehmer wie Caron fühlen sich in diesem enthusiastischen Gründerumfeld bestens aufgehoben. „Die Wahl Macrons hat einen enormen Effekt gehabt“, sagt der Mapstr-Chef.

Der neue Präsident spricht gerne von der „Gründernation“ Frankreich – und hat sich im Wahlkampf selbst als eine Art Gründer bezeichnet, als er für seine Bewegung systematisch Mitstreiter bei Start-ups rekrutierte. Nach dem Wahlsieg gab die Regierung das Ziel aus, Frankreich zum Digitalstandort Nummer eins in Europa zu machen. Dazu soll ein Teil der üppigen staatlichen Firmenbeteiligungen abgestoßen werden, um aus den Erlösen einen 10-Mrd.-Euro Fonds zu formen, der zu wesentlichen Teilen in Gründerunternehmen fließen soll.

Mounir Mahjoubi, 33, ist in Macrons Regierung als Staatssekretär für Digitales zuständig. Er residiert in einem glanzvollen Stadtpalast, aber Besucher werden hier erst einmal geduzt. Mahjoubi brütete schon als Jugendlicher über Geschäftsideen, gründete später eine Website für den Direktverkauf in der Landwirtschaft und leitete dann Macrons Digitalwahlkampf. „Wir haben den klaren Willen, europäische Champions zu formen“, sagt er über die Start-up-Politik. „Natürlich muss die Regierung eine Rolle spielen, wenn es darum geht, das zu beschleunigen.“ Es klingt wie die Fortsetzung der klassischen französischen Industriepolitik mit digitalen Mitteln.

Begonnen hat der Aufschwung schon vor Macron. Seit etwa fünf Jahren nehme die Bewegung Tempo auf, sagen Beteiligte. Es begann mit der Entwicklung, die Frankreich nach der Finanzkrise nahm, als für den Nachwuchs des Landes die klassischen Karrieren in Staatsdienst, Banken, Beratungen und Großkonzernen immer weniger Perspektiven boten. Wer gut vernetzt war, suchte sich alternative Betätigungsfelder — und landete in den Start-ups von Kalifornien und Berlin, wo es heute nur so wimmelt von Franzosen. Dass diese Welle irgendwann nach Frankreich zurückschwappen würde, war nur eine Frage der Zeit. Manche sagen, dass auch die Facebook-Verfilmung „The Social Network“, die hier überaus erfolgreich lief, ihren Teil zum Gründerboom beitrug.

Was als Graswurzelbewegung begann, traf auf günstige politische Bedingungen. Schon unter Macrons Vorgängern Sarkozy und Hollande wurde ein großzügiges staatliches Finanzierungsprogramm in die Wege geleitet. Die Förderbank Bpifrance vergibt großflächig Grün-

derdarlehen und steckt Geld in Startup-Fonds. Hinzu kommt, dass der Fiskus die Techfirmen schont. Viele Start-ups profitieren von einer Steuergutschrift für Forschungsausgaben. Wer den Status „Jeune entreprise innovante“ erhalten will, muss zwar viele Formulare ausfüllen, wird dann aber acht Jahre lang weitgehend von Steuern und Abgaben befreit. Auch spielt der generöse Sozialstaat vielen Gründern in die Hände, die sich vor Beginn der Entwicklungsphase oft für ein Jahr irgendwo anstellen lassen und dann das auskömmliche Arbeitslosengeld nutzen, um an ihren Plänen zu basteln.

„Wenn wir uns in Deutschland etwas abgucken können, dann sicher die konsequente staatliche Unterstützung für die Szene“, sagt Andreas Wiele, der als Vorstand bei Axel Springer schon eine Reihe von Großinvestitionen in französische Digitalfirmen getätigt hat und sich immer wieder wundert, wie wenig die dortige Entwicklung in Deutschland wahrgenommen wird.

Dabei kann die französische Szene inzwischen auf eine ganze Reihe von Erfolgsgeschichten verweisen. Und auf starke Vorbildgründer wie Xavier Niel, der die Station F mit rund 250 Mio. Euro komplett selbst finanziert hat. Niel ist mit dem Minitel groß geworden, einer französischen Vorläufertechnik des Internets, mit der viele Franzosen schon in den 80er-Jahren ihr Digitalverständnis schulten. Später verkaufte er Internetanschlüsse und baute den Mobilfunkanbieter Free auf, wodurch er auf Platz sieben in der Liste der reichsten Franzosen kletterte — die nebenbei angeführt wird von Bernard Arnault, dem Vorstandsvorsitzenden des französischen Luxusartikelherstellers LVMH, mit dessen Tochter liiert ist.

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