SCHRUMPFT DIE MANAGEREBENE!

Die Welt der Wirtschaft hat ein neues Modekürzel: VUCA. Die Buchstaben stehen für Volatility, Uncertainty, Complexity und Ambiguity; übersetztdie Welt ändert sich schneller und überraschender als früher, sie ist komplexer geworden, und nichts ist mehr eindeutig interpretierbar. Denken Sie an die durch die Digitalisierung disruptiv ausgelösten Marktveränderungen, an extreme Devisen- und Rohstoffpreisschwankungen sowie politische Ereignisse wie den Brexit oder die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten. Diese Dimension ist neu.

Was bedeutet die Entwicklung für Vorstände? Das Aktiengesetz verpflichtet sie, ihre Unternehmen mit dem Ziel einer nachhaltigen Renditeentwicklung zu führen. Strategieberater empfehlen ihnen zum Beispiel, risikoträchtige Einheiten autonom zu führen, um mögliche Schäden leichter einzudämmen und Abhängigkeitsrisiken bei Lieferanten und Kunden zu vermeiden. Das reicht aber nicht. Denn ihre Organisationsform passt nicht mehr in die VUCA-Welt. Der Vorstand müsste eigentlich kleiner werden und, verkürzt gesagt, Macht abgeben. Zusätzlich müssten die Unternehmen ihre Corporate-Governance-Struktur so ändern, dass die Gremien schneller und flexibler entscheiden könnten. Vier Thesen dazu:

  1. Das Group Executive Committee (GEC) kommt zurück. Das GEC hat in Deutschland wegen des Deutsche-Bank-Modells unter dem Vorstandsvorsitzenden Josef Ackermann einen schlechten Ruf. Richtig eingesetzt, könnte es in VUCA-Zeiten neue Bedeutung erlangen: als Hauptgremium für eine unternehmensübergreifende Diskussion. Hier würde die Strategie ebenso vorbereitet wie Leitungsentscheidungen. Das in der VUCA-Welt zentrale Risikomanagement könnte hier unter Nutzung von Big-Data-Analysen und StakeholderIntelligence aufgesellschaftliche Veränderungen erweitert werden. Im GEC nicht nur Risiken, sondern auch Chancen identifiziert.

Vertreten sein müssten im GEC die wesentlichen Geschäftssparten, Regionen, Stabs- und Querschnittsfunktionen; zentral wären Diversität und eine Kultur, die co-kreative Entscheidungsprozesse zulässt. Je nach

Aufgabenstellung sich dieses Gremium in- und externer Experten bedienen (Antennenstruktur). Um die Prozesse tatsächlich zu entschlacken, sollten die nachgeordneten Hierarchiestufen reduziert werden.

 

  1. Das Aktiengesetz muss geändert werden. Bislang gilt: Der Vorstand hat alle Leitungsentscheidungen zu treffen, er muss wichtige Vorbereitungsmaßnahmen prüfen und darf diese Aufgaben nicht delegieren. Eine solche Allmachtsvorstellung zugunsten, vor allem aber zulasten der Vorstände passt nicht in die durch eine umgekehrte Wissenspyramide gekennzeichnete VUCA-Welt: Das technische Wissen liegt in den mittleren Führungsebenen, nicht beim Vorstand. Der sollte im Wesentlichen die zentralen Ziele setzen, daraus hervorgehend Langfriststrategie und Unternehmenskultur entwickeln und diese Vorgaben an die wichtigen Stakeholder kommunizieren. Das strenge Delegationsverbot ist zu ersetzen, GEC und nachgeordnete Führungsebenen sollten entscheidungsmächtig einbezogen werden.
  2. Der Vorstand kann kleiner werden. Dieses neue Funktionsverständnis für den Vorstand erlaubt kleinere Gremien, eher vier als acht Mitglieder. Der Vorstand erhielte mehr Handlungsfreiheit, er hätte mehr Zeit für flexibles Krisenmanagement und Stakeholder-Kommunikation. Bei der variablen Vergütung sollten nicht finanzielle Parameter größeres Gewicht bekommen.
  3. Der Aufsichtsrat gewinnt an Einfluss. Der Vorstand bleibt sein Hauptansprechpartner; er spricht aber auch mit bei Besetzung, Aufgabenschwerpunkten und Entscheidungen des größeren GEC. Es kann nicht bei dem traditionellen Funktionsverständnis eines allein verantwortlichen Vorstands bleiben. Die vermeintlichen Rechtszwänge gibt es nicht. Das Aktienrecht ist flexibel genug; es ermöglicht fokussiertere Vorstände, breit verankerte Group Executive Committees sowie die Kommunikation des Aufsichtsrats mit beiden Gremien. Ergänzt durch mehr Investorengespräche der Kontrolleure und eine Aufwertung der Hauptversammlung, würden deutsche Unternehmen so auch attraktiver für internationale Investorenkreise. Allen wäre gedient.