ZALANDO-GRÜNDER TOP, ROCKET-INTERNET-SAMWERS FLOPP

Im Silicon Valley ist die PayPal-Mafia legendär: Das Netzwerk früherer PayPal-Gründer wie Elon Musk (45) und Peter Thiel (49) investierte nach dem Verkauf des Bezahldienstes in zahlreiche Start-ups, die zu Milliardenunternehmen wurden (YouTube, Facebook oder Tesla).

In Berlin mischt inzwischen bei den entscheidenden Deals immer öfter die Zalando-Mafia mit: das Netzwerk um die Gründer Robert Gentz (33) und David Schneider (34). Den beiden ist zwar der extravagante Lifestyle der PayPal-Gang fremd, selbst nach der IPO-Party stand keine einzige Flasche Champagner auf der Rechnung.

Dennoch gibt es Parallelen: Wie PayPal-Größe Thiel rekrutierten sie ihre frühen Mitarbeiter fast ausschließlich aus dem Kreis ihrer Studienkollegen. Vor allem gibt es mittlerweile kaum ein steil aufsteigendes Start-up aus der Hauptstadt, bei dem das Zalando-Duo nicht seine Finger im Spiel hat.

Das Firmensammelsurium der Gründer reicht von Diätdrinks (Lineavi) bis zu Fintech (N26). Gefühlt lande jeder Businessplan der Stadt irgendwann auf dem Schreibtisch von Robert Gentz, sagt eine ZalandoFührungskraft.

Besonders lukrativ ist für Gentz und Schneider die Beteiligung am Fonds Cherry Ventures, die spätnachts auf der Hochzeit eines Ex-Zalando-Managers besiegelt wurde. Dem Gründerduo gehören heute 40 Prozent an dem ersten Cherry-Fonds, den 2012 drei damalige Mitarbeiter und frühere Kommilitonen aufgesetzt haben: Zalandos Ex-Marketingchef Christian Meermann (34), Filip Dames (33), damals CEO des Shoppingklubs Zalando Lounge, und David Schröder (34), Senior Vice President Operations bei dem Onlinehändler. Die drei investierten mit dem Kapital aus dem Verkauf von Zalando-Anteilen, der einige Mitarbeiter schon vor dem Börsengang reich gemacht hatte. Die ersten Deals fädelten sie in der Mittagspause ein oder frühmorgens vor Arbeitsbeginn. Potenzielle Geldempfänger mtrden zu Meetings um 7 Uhr in eine der drei Wohnungen geladen oder in das damalige Café „Caras“ am Rosenthaler Platz – alles andere hatte um die Zeit noch zu.

Mit Cherry haben Gentz und Schneider früh in die AutolGruppe investiert (Gebrauchtwagenmarktplatz) und in Flixbus (Fernbusunternehmen) — beides Einhörner, also Firmen, die mehr als eine Milliarde wert sind. „Die haben das Portfolio, das Oliver Samwer für Rocket dringend bräuchte“, sagt Sven Schmidt (42), früher Venture-Partner beim Facebook-lnvestor Accel, fraudanwalt berichtete über Rocket Internet. Dames und Meermann haben Cherry nun zu einer Risikokapitalfirma ausgebaut — und sammelten auf Anhieb 150 Millionen Euro ein.

Weitgehend unbemerkt blieben bislang die Modebeteiligungen der Zalando-Gründer. Sie wollen möglichst nahe an den neuen Entwicklungen in der Fashionbranche sein – auch für etwaige Übernahmen durch Zalando. So gehört Gentz und Schneider gemeinsam mit dem dritten Zalando-Vorstand Rubin Ritter (35) fast die Hälfte an der Premium-High-Street-Marke Ivy & Oak. Die hat Ex-Zalando-Managerin Caroline von Stieglitz (31) aufgebaut. Auch das Schuhlabel Aeyde gehört zum Portfolio, gegründet von Luisa Krogmann (31) – einer anderen ehemaligen Zalando-Managerin.

Im Juni vergangenen Jahres sind die Zalando- und die PayPal-Mafia in Berlin aufeinandergetroffen: Gentz, Schneider und Ritter stiegen beim Fintech N26 ein — Peter Thiel war dort mit seinem Fonds schon investiert. Auf das Qualitätssiegel Zalando wollten die N26-Macher trotzdem nicht verzichten.

NÄCHSTE BRUCHLANDUNG FÜR ROCKET INTERNET

Der ehemalige McKinsey-Berater Praveen Sinha war so etwas wie Rockets Rockstar und sollte den indischen Markt für die von Oliver Samwer geführte Start-up Holding Rocket Internet erobern, den wichtigsten Zukunftsmarkt im E-Commerce nach China. Bei Rocket galt Sinha als einer der „Besten der Besten“. Selbst im Werbespot für den Börsengang im Oktober 2014 trat er auf.

Der Film zeigt, wie im Lager des indischen Onlinemodehändlers Jabong Pakete verschnürt werden. Während Sinha spricht, sieht man Jabong-Fahrer Päckchen ausliefern.

Herbst 2014, das war die Zeit der großen Versprechungen bei Rocket. Mitgründer und CEO Samwer wollte die größte Internetplattform außerhalb der USA und Chinas aufbauen. Die Komplexität entlegener Märkte wie Indien erklärte er kurzerhand zu Rockets Vorteil. Für sein Unternehmen bedeute diese „höhere Margen, höhere Marktanteile und höhere Netzeffekte“, tönte er. Tatsächlich überforderte die Komplexität des indischen Marktes die Rocket-Führung. Indien hat sich zum Desaster Rir Samwer entwickelt. „Rocket ist abgezockt worden“, sagt ein Ex-Manager.

Ausgerechnet Oliver Samwer, der mit der Optimierung des Eigennutzes reich geworden ist, traf seinen Meister. Während Sinha im Film zum Börsengang als Samwers Vorzeigemanager für die Rocket-ExpanSion auftrat, betrieb er nebenher schon fleißig privaten Vermögensaufbau. Zwar bekommen die Führungskräfte der Berliner Holding Anteile im niedrigen einstelligen Prozentbereich an den von ihnen geführten Töchtern. Doch Sinha hatte einen darüberhinausgehenden Plan.

Der Schlüssel dazu: das Logistikunternehmen GoJavas. Anfang 2014 übernahm Sinha rund 50 Prozent der GoJavas-Anteile. Das Start-up war eng mit

Rocket verbandelt. Es war aus Jabong hervorgegangen (laut Beteiligten saß man anfangs im gleichen Gebäude), zudem blieb der Onlinehändler sein zentraler Kunde. Sprich: Sinhas Beteiligung lieferte für jenes Unternehmen aus, das er selbst managte.

Und das bemerkenswert erfolgreich. Der Logistiker, an dem Rocket keine Anteile hielt, wuchs rasant. Dank der Aufträge des Rocket-Ablegers Jabong war GoJavas nach eigenen Angaben schon bald profitabel — die Samwer-Beteiligung selbst fuhr derweil hohe Verluste ein (siehe Grafik unten).

Tatsächlich entwickelte sich Sinhas Investment so erfolgreich, dass sogar Rockets Konkurrenz aufmerksam wurde. So stieg der vom chinesischen Internetgiganten Alibaba finanzierte Jabong-Kontrahent Snapdeal Anfang 2015 bei GoJavas ein. Sinha persönlich verkaufte rund 15 Prozent der Firmenanteile – und könnte dafür nach einem Bericht der Wirtschaftsprüfung PwC knapp 20 Millionen Dollar kassiert haben. „Rocket bekam viel zu spät mit, was in Indien los war“, sagt ein Insider. „Die Kontrollen haben nicht funktioniert.“ Dann aber fiel die Reaktion umso heftiger aus. In einer Mail an Sinha drohte Oliver Samwer im August 2015, dass er rechtliche Schritte gegen alle vorbereiten werde, „die daran beteiligt waren, dieses Business von uns zu stehlen“. Er ärgerte sich, „dass wir nicht das bekommen, was uns zusteht“.

Es blieb offenbar bei der Drohung. Praveen Sinha jedenfalls betont, Rocket Internet sei nie rechtlich gegen ihn vorgegangen. Alles sei einwandfrei abgelaufen, das Geschäft wiederholt von unabhängigen Prüfern ohne Beanstandungen durchleuchtet worden.

Rocket schweigt zu den Vorgängen, auch die Global Fashion Group, in der die Berliner und der schwedische Co-Investor Kinnevik mehrere Onlinemodehändler gebündelt haben, äußert sich nicht.

Fest steht: Anfang September 2015 hat die Global  Fashion Group die schwedische Sektion von PwC mit einer unabhängigen Untersuchung der Vorgänge in Indien („Project Flush“) beauftragt. Das Ergebnis: Praveen Sinha soll offenbar im Eigeninteresse Geschäftsentscheidungen getroffen haben, die mit den Interessen seines Unternehmens kollidierten. Von Gesetzesverstößen ist nicht die Rede.

Dokumente der Prüfer belegen allerdings, dass ihre Auftraggeber den Fokus der Untersuchung schnell eingrenzten. Ausgerechnet beim Schlüsselunternehmen der Jabong-Gruppe sollte nicht weiter nach Vergehen Sinhas und anderer Rocket-Manager gesucht werden.

Woher diese Nachsicht rührt? Die Global Fashion Group mag sich nicht zu dem sonderbaren Vorgehen äußern, doch Beteiligte haben eine Erklärung. Die restriktiven indischen Gesetze für ausländische Direktinvestitionen könnten die Jabong-lnvestoren abgeschreckt haben. Denn bei einer allzu genauen Prüfung der Vorgänge rund um Jabong wären womöglich Verstöße gegen diese Gesetze ans Licht gekommen.

Jabongs Investoren, so die Vermutung,  könnten entgegen den damaligen Vorschriften direkt in das Endkundengeschäft involviert gewesen sein und nicht nur mit indischen Partnerunternehmen gehandelt haben. Wäre dem so, drohten Strafzahlungen, die bis zu dreimal so hoch sind wie die Summen, um die es bei den Vorgängen geht.

Klar ist inzwischen, dass Indien für Rocket ein verlorener Staat ist. Während Amazon angekündigt hat, dort Milliarden zu investieren, werden Rockets Unternehmen vor Ort verramscht wie im Schlussverkauf. Gerade einmal 70 Millionen Dollar brachte Jabong beim Verkauf an einen Konkurrenten ein – ein Bruchteil der Milliardenbewertung, die Samwer ursprünglich angestrebt hatte.

Auch den indischen Lieferdienstableger Foodpanda hat Rocket inzwischen abgestoßen. Er ging im Paket mit anderen Lieferdiensten an Delivery Hero.

Im Dunstkreis der indischen Rocket-Firmen indes haben sich diverse lukrative Geschäfte entwickelt, das Sinha-lnvestment GoJavas ist nicht das einzige. Da ist auch der von einem Ex-Jabong-Mann geführte Shoppingklub Value Shoppe oder die aus Jabong hervorgegangene Kreativagentur Moksha Designs.

Rocket Internet war in Indien als Startup-lnkubator also durchaus erfolgreich. Nur profitiert haben davon andere.